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Sami und der Wunsch nach Freiheit

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus, siedelte 1971 in die Bundesrepublik Deutschland über. Er promovierte in Chemie. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller und lebt in Marnheim/Pfalz. Für sein literarisches Werk erhielt er viele wichtige Auszeichnungen, u.a. den Adalbert-von-Chamisso-Preis, den Hermann-Hesse-Preis und den Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Sein umfangreiches Werk, darunter die Romane Eine Hand voller Sterne, Erzähler der Nacht und Der ehrliche Lügner, wurden vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Für die tapferen Kinder von Daraa,
die im Frühjahr 2011 rebellierten,
um den Erwachsenen zu helfen,
aufrecht zu gehen.

1.

Scharif

oder Wie man durch Zufall zu Geschichten kommt

Scharif habe ich zufällig kennengelernt. Ich war mit meiner Frau bei einem befreundeten Ehepaar zum Essen eingeladen. Sie wohnen in einer kleinen Stadt in unserer Nähe. Wir sind mit ihnen seit über zwanzig Jahren befreundet. Sie sind gastfreundliche Menschen.

Die Vorstellung, um ihren offenen Kamin zu sitzen und das knisternde Holz zu betrachten, war mir an diesem Tag Grund genug, mich darauf zu freuen. Dienstag, der 11. Dezember 2012, war hier ein eiskalter Tag, die Wettervorhersage versprach Schlimmeres, es werde in der Nacht noch frostiger und das Wochenende werde regnerisch sein.

Das Ehepaar, beide Mitte sechzig, war kinderlos. Klaus war nach dreißig Jahren Arbeit als Chemiker bei einem großen Konzern seit drei Jahren Rentner. Franziska war bis zu ihrer Pensionierung vor einem Jahr eine leidenschaftliche Lehrerin. Beide langweilten sich nie. Wir scherzten oft, dass sie, seitdem sie Rentner waren, kaum noch Zeit hatten.

Und an diesem Abend saß auf einmal der blasse junge Mann im Wohnzimmer. »Scharif Surur«, stellte ihn Franziska vor, »ein Syrer. Er will Musiker werden und kann gut Englisch, aber er lernt auch schon fleißig Deutsch und bringt uns ein paar arabische Höflichkeitsfloskeln bei.«

Klaus lachte. »Und er hat seit heute keine Angst mehr vor unserem Hund!«, fügte er ironisch hinzu, um auf meine ewige unbegründete Angst vor Hunden anzuspielen. Die Hunde sind ja in Deutschland alle lieb und wollen nur spielen. Nur ich glaube das nicht, weil ich als Kind zweimal von Hunden gebissen wurde. »Ich habe zu viel Respekt, um mit eurem Argos zu spielen«, war meine etwas unglaubwürdige Standardantwort.

Ich grüßte den jungen Mann auf Arabisch und wir unterhielten uns eine Weile. Scharif hatte bis zu seiner Flucht im christlichen Viertel von Damaskus gelebt. Seine Gasse war nicht einmal fünfhundert Meter von unserem Haus entfernt. Er kannte meine Familie nicht, dafür aber unsere Bäckerei.

Im Jahre 2012 waren noch nicht viele Flüchtlinge nach Europa gelangt. Scharif musste schon damals die Flucht ergreifen, denn er wurde gesucht wegen seiner Aktivitäten in einem Komitee, das Demonstrationen über soziale Medien wie Facebook und Twitter koordinierte und einen Online-Blog herausgab, der den Aufstand begleitete. Sie waren immer schneller als der Geheimdienst gewesen, sodass die Gegenangriffe von Polizei und Armee ins Leere liefen. »Aber dann bekam der Geheimdienst modernste Geräte und Programme, die innerhalb von Minuten reagierten und das Zentrum der Datenverbreitung erkannten, und umzingelte kurz darauf das Haus«, erzählte er leise. Er entkam mehrmals in letzter Sekunde.

Sein Weg nach Deutschland war ein lebensgefährliches Abenteuer. Im Oktober 2011 flüchtete er aus Damaskus über Umwege in die Türkei und von dort über mehrere Länder bis nach Deutschland. Weite Strecken musste er zu Fuß zurücklegen, in Wäldern schlafen, fast verhungert um Essen betteln und immer weiter Richtung Norden gehen. Er hatte nur einen kleinen billigen Kompass, und der sei, wie er sagte, sein Navigator gewesen. Unterwegs wurde er mehrmals ausgeraubt und geschlagen, auch davon erzählte er, und lachte sogar dabei, als er von einem Albaner berichtete, der ihn in Österreich überfiel und nichts fand, was er rauben konnte. Er verfluchte den auf dem Boden liegenden Syrer und ging. Den billigen Kompass warf der Mann weg. Scharif stand auf und steckte den kleinen Kompass in seine Tasche, nachdem er ihn geküsst hatte, als wäre er eine Ikone, die man um Verzeihung für die grobe Behandlung bittet. Der Albaner kehrte aber nach einer Weile mit Eiern und Kartoffeln zurück. Sie machten ein Feuer und genossen gemeinsam die gekochten Eier und Kartoffeln.

Im Mai kam Scharif in Deutschland an. Nach drei Monaten Wartezeit bekam er Asyl in der Pfalz. Da hatte er bereits den ersten Deutschkurs erfolgreich abgeschlossen. Durch Zufall lernte er Klaus und Franziska kennen. Beide sind gläubige Protestanten, und Scharif, der, wie ich, der katholischen Minderheit in Syrien angehört, war zum ersten Mal in seinem Leben in einer evangelischen Kirche und wunderte sich, dass die Kirche ohne Bilder und Figuren so karg und »nackt« sei, wie er sich ausdrückte. Weit und breit sah er keinen Beichtstuhl und der Gottesdienst kam ihm ziemlich nüchtern vor. Und kein Weihrauch! Klaus und Franziska mussten lachen, als er sie auf Englisch fragte, ob die Bilder gerade restauriert würden und die Kirche so arm sei, dass sie nicht einmal Weihrauch kaufen konnte. In Syrien gehört die Mehrheit der Christen entweder der katholischen oder der orthodoxen Kirche an.

In einem nahe gelegenen Café unterhielten sie sich lange mit ihm, und weil sie ihn sehr sympathisch fanden, trafen sie sich mit ihm bald täglich. Bis dahin hatte er in einem kleinen Zimmer in einem heruntergekommenen Hochhaus im sogenannten »sozialen Brennpunkt« der kleinen pfälzischen Stadt gelebt. Nach einem Monat stand ihr Entschluss fest: Scharif sollte in ihrem weitläufigen Landhaus die Einliegerwohnung beziehen. Und Franziska begleitete ihn bei seinem Deutschkurs.

Damit entkam Scharif seiner Einsamkeit und Tatenlosigkeit, unter der er am Anfang sehr gelitten hatte. Er half im Garten und im Haushalt und freute sich, Franziska zur Hand zu gehen und bei ihr das Kochen zu lernen. Von Klaus lernte er als unerfahrener Städter die Kunst, einen Garten schön zu halten. Scharif war eher schüchtern und äußerst höflich. Er hörte genau zu und war sehr neugierig auf das Leben in Deutschland.

Merkwürdigerweise war er sehr interessiert an meiner Arbeit als Schriftsteller und stellte viele Fragen nach dem Leben eines Künstlers im Exil. Er wünschte sich meine Bücher auf Arabisch. Ein paar Tage darauf schenkte ich sie ihm. Franziska sagte mir später, er lese fieberhaft, jeden Tag bis spät in die Nacht und manchmal sogar, bis der Morgen dämmerte.

Da ich auf einer großen Lesetour war, sah ich ihn nicht mehr, und fast hätte ich ihn vergessen. Eines Tages tauchte eine arabische E-Mail auf. Absender: Scharif Surur.

Ich habe gerade die arabische Übersetzung von Eine Hand voller Sterne zu Ende gelesen. Vielleicht interessiert Dich die Geschichte meines Freundes Sami. Und vor allem die Geschichte seiner Narben. Was dieser Junge durchgemacht hat, ist unglaublich. Aber wenn du keine Zeit hast, macht das nichts. Ich kann warten. Der Deutschkurs läuft klasse. Franziska und Klaus sind meine Schutzengel.

Herzliche Grüße, Scharif

Selbstverständlich habe ich nichts Besonderes erwartet. Viel zu oft, vor allem am Anfang meines Weges als Schriftsteller, ließ ich mich verführen, und ich hörte oder las nächtelang Schicksale von Menschen, die privat vielleicht tragisch oder glücklich, traurig oder witzig und für die betreffende Person womöglich abenteuerlich waren, aber sie hatten alle keine Spur von dem – wie ich es nenne – »universellen Kern« einer Geschichte, die etwas Einmaliges hat, dass man sie einem anderen unbedingt erzählen müsste. Irgendwann habe ich es aufgegeben, und ich bedauere es bis heute nicht, denn ich habe nicht einmal genug Zeit, um all meine eigenen Geschichten zu erzählen.

Aber Narben? Was für Geschichten von Narben? Ich schrieb ihm. Ich würde mir den Anfang anhören und ihm, wenn die Geschichte in Ordnung sein sollte, Tipps geben, wie er das glaubwürdig erzählen könne. Er solle alles auf Arabisch schreiben und dann würden wir für eine gute Übersetzung sorgen.

Wir trafen uns in einem ruhigen Stadtpark. Er eröffnete seine Rede damit, dass er einigermaßen gut erzählen könne, aber Texte und Aufsätze seien nie sein Ding gewesen. Er besitze jedoch ein Gedächtnis, dem nichts entginge, auch nach zehn Jahren nicht. »Die Kamele würden blass werden, wenn sie von meinem Gedächtnis wüssten«, fügte er hinzu und lächelte. Er würde mir alles von seinem Freund Sami und dessen Narben erzählen und mir die Geschichte schenken, aber es wäre schön, wenn ich ihm dafür eine einfache arabische Laute schenken würde. Er habe kein Geld und wolle niemandem zur Last fallen, schon gar nicht Klaus und Franziska. Seine Finger brannten nach einer Laute.

Die Damaszener waren schon immer charmante Händler, aber mich rührte seine Offenheit zutiefst. Irgendwie hatte der Aufstand seine Generation mutiger gemacht. Es waren Kinder in der südlichen Stadt Daraa gewesen, die den Aufstand auslösten, und es waren Jugendliche, die ihn austrugen.

Man merkte ihm seine Verzweiflung an, die ihn mutig werden ließ, so direkt zu werden.

»Du kannst Laute spielen?«

»Ja, der Postbote Elias, ein Nachbar, hat mir ihre Geheimnisse verraten, und ich lernte bei ihm, seit ich zehn war. Er war der beste Lautenspieler, damit konnte er bei Hochzeiten manchmal etwas Geld verdienen und sein dürftiges Gehalt und später seine Rente aufbessern.«

Das war seltsam. Viele junge Araber wollen Mediziner, Ingenieur oder Autohändler werden, und dieser arme Kerl, der gerade dem Tod entkommen war, wollte statt Informatik, wo er bereits ein Ass war, nur Musik machen. Irgendwie fühlte ich eine Nähe zu ihm. Auch ich hatte nur Schriftsteller werden wollen, und meine arabischen Bekannten hatten meine Entscheidung belächelt, eine sichere Stelle als Chemiker bei einem Weltkonzern aufzugeben und den unsicheren Beruf eines Erzählers zu ergreifen. Schriftstellerei und Musik gelten in den arabischen Ländern als Hungerberufe.

»Einverstanden, wenn die Geschichte etwas taugt«, sagte ich lächelnd. Wir saßen auf einer Steinbank vor einem Tisch aus verwittertem Eichenholz. Ich schaltete mein Diktiergerät ein und er begann zu erzählen. Nach einer Stunde war ich Gefangener seiner Erzählung.

Von nun an trafen wir uns abwechselnd in der Wohnung von Franziska und Klaus oder bei mir im Büro. Er erzählte so gut, dass ich bereits nach zwei Treffen die spannende Geschichte von Sami, seinen Narben und vor allem die vielen Erzählungen, die Scharif vor meinen Ohren entfaltete und raffiniert in Samis Geschichte einflocht, zu Ende hören wollte. Ich bestellte für ihn eine sehr gute, handgemachte arabische Laute, eine Ud, bei einem bekannten Berliner Lautenbauer.

Nicht nur meine Frau und ich, auch Franziska und Klaus waren überrascht, wie gut Scharif spielen konnte und welche Freude er dabei empfand und ausstrahlte. Seine Finger glitten über die Saiten, und in seinem Gesicht spiegelten sich die Noten, die er spielte, wider. Seine Musik fegte die letzte Spur seiner Schüchternheit hinweg. Er war mit der Laute wie verschmolzen, und seine Melodien waren eine Sprache, die wir alle verstehen und genießen konnten.

»Das ist die beste Laute, die ich je in die Hände bekam. Sie muss sehr teuer gewesen sein. Wieviel hat sie gekostet?«

»Geschenke sind immer ihren Preis wert, wenn sie gefallen«, sagte ich. »Vergiss das Geld und schenk uns Musik.«

»Jederzeit, gerne«, sagte er, »aber nun muss ich Wort halten und dir die unglaubliche Geschichte von Sami weitererzählen.«

Nichts anderes wünschte ich mir. Doch welche Geschichten dieser junge Mann mit dem schönen, blassen Gesicht zu erzählen hatte, hätte ich nie im Leben erwartet …

2.

Zwillinge von zwei Müttern

oder Wie Freundschaften entstehen

Ich weiß nicht mehr, wann ich Sami kennengelernt habe. Ich war, seit ich denken kann, immer sein Freund. Wir wohnten in derselben Gasse. Unsere Wohnungen waren nicht einmal hundert Meter voneinander entfernt.

Unsere Väter sind beide einfache Polizisten, Samis Vater ist Gefängniswärter, meiner Verkehrspolizist, aber sie konnten einander nicht ausstehen. Sami sagte mir, sein Vater hielte meinen für einen Schwächling und fand, er solle besser ein Mädcheninternat oder einen Kindergarten beaufsichtigen. Meiner wiederum sagte, Samis Vater sei der korrupteste und brutalste Mann im Dienst. Er gehöre nicht vor, sondern hinter Gitter.

Aber erstaunlicherweise sind unsere Mütter beste Freundinnen, und das duldeten die Väter nicht nur, sondern empfanden Sympathie für die Frau des jeweils anderen und bemitleideten sie bisweilen sogar. »Was für ein Unglück, dass so eine wunderbar gütige Frau gezwungen ist, mit einem solchen Trottel zu leben. Sie hätte besser ein Reibeisen geheiratet«, pflegte mein Vater zu sagen und klang dabei wie ein Echo von Samis Vater, der meinen verächtlich »Knetgummi« nannte.

Die Anschuldigungen mögen übertrieben klingen, aber sie haben einen wahren Kern. Samis Mutter litt unter der Härte seines Vaters und meine unter der Weichheit meines Erzeugers.

Wunderbar waren unsere Mütter bestimmt und manchmal sicher auch gütig, doch sie konnten auch verletzend sein, vielleicht, weil sie wegen ihrer Männer viel zu schlucken hatten. Wenn sie nicht daran ersticken wollten, mussten sie es ausspucken, deshalb hatten sie nur wenige Freundinnen. Aber einander haben sie sich immer Halt gegeben und das war mehr als gut.

Jedenfalls witzelte man über uns, wir seien die einzigen Zwillinge der Welt, die zur gleichen Stunde, aber von zwei verschiedenen Müttern zur Welt gebracht worden waren.

Na ja, das mit der Stunde stimmt nicht ganz. Sami kam nämlich knapp zwei Stunden vor mir auf die Welt. Als Sofia, die Hebamme, nach der Entbindung seiner Mutter wieder nach Hause zurückgekehrt war, fühlte sie sich glücklich, weil die Geburt schnell und gut gelaufen war. Sie wollte gerade einen Mokka trinken, da klopfte mein Vater an ihre Tür und bettelte mit Tränen in den Augen, sie möge so schnell wie möglich kommen. Er habe große Angst um meine Mutter.

»Ich komme ja gleich, mach dir keine Sorgen! Das Baby wartet auf mich«, sagte sie, trank ihren Kaffee in Ruhe und erschien bald darauf bestens gelaunt bei meiner Mutter.

Überhaupt war Sofia eine ungewöhnliche Hebamme. Sie kannte die Geheimnisse, Wünsche und Ängste der Frauen im ganzen Viertel. Unser Nachbar, der pensionierte Postbote Elias, von dem ich dir noch eine Menge erzählen werde, hat mir einmal geschildert, wie sie mit den Babys im Bauch ihrer Mütter zu verhandeln pflegte.

»Sofia hatte es einmal eilig«, erzählte Onkel Elias. »Ich trank einen Tee mit dem Ehemann im Nebenzimmer und deshalb konnte ich alles mithören. Die Hebamme sprach mit zwei Stimmen. Mit der einen, der tiefen, versuchte sie dem Kind im Bauch seiner Mutter den Eintritt in die Welt zu erleichtern. Mit der anderen, piepsenden Stimme gab sie die Meinung des Kindes wieder. Sie war eine Meisterin in dieser Kunst. Sie ahmte das Kind mit ihrer hohen Stimme derart herzerfrischend nach und reimte dazu auch noch alles, was sie sagte, sodass die gebärende Frau bald Tränen lachte und Schmerz und Angst vergaß. Die Hebamme schwärmte dem Noch-nicht-Geborenen von Blumengärten und Häusern vor, die es bekommen sollte, wenn es so freundlich wäre, herauszukommen. Das Kind war damit aber nicht zufrieden, sondern verlangte Unmengen Eis und Schokolade und Bonbons. Da versprach ihm die Hebamme, dass es im Verlauf seines Lebens sein ganzes Gewicht in Schokolade, zweimal so viel in Bonbons und dreimal so viel in Eis genießen würde. Und sie fragte die beiden Nachbarinnen, die zur Unterstützung gekommen waren, ob der Vater das denn alles bezahlen könne, und die Frauen versicherten der Hebamme, dass er das gewiss tun würde. Der Vater verdrehte im Nebenzimmer die Augen, aber er lachte auch, als die Hebamme dem Baby gegenüber seine Großzügigkeit lobte.«

Nach einer Weile jedoch, so erzählte Onkel Elias weiter, habe sie das Baby im Bauch der Mutter angeknurrt: Mehr könne sie ihm nun nicht anbieten, es solle kein Theater machen, endlich herauskommen und seine Mama schonen. Das Baby hatte aber zurückgepiepst, sie solle es nicht so anschreien, das möge es überhaupt nicht, sondern seiner Mutter das Gesicht liebevoll streicheln, dann werde es kommen. Da war der Vater aufgestanden, hatte die Tür einen Spalt weit geöffnet und gesehen, dass die Hebamme genau das tat, was das Baby verlangte. »Meine Frau lächelt so schön trotz der Schmerzen«, flüsterte er gerührt, und gleich darauf hörte Elias das Baby auch schon schreien. Im selben Moment ertönte Sofias begeisterter Schrei: »Endlich!«

Nun bin ich abgeschweift. Über Sofia könnte man ein ganzes Buch schreiben, doch ich kehre lieber zu Sami zurück.

Wir, Sami und ich, sahen uns merkwürdigerweise sehr ähnlich, und auch vom Charakter her waren wir wie eineiige Zwillinge. Daher waren wir unzertrennlich. Und sehr schnell begriffen wir, in der dritten oder vierten Klasse muss das gewesen sein, dass wir einander absolut vertrauen und uns aufeinander verlassen können. Es gab Versuche, uns auseinanderzubringen. Ob von Lehrern, Verwandten oder blöden Jungen, bald waren wir geübt darin, solche Angriffe ins Leere laufen zu lassen.

In einer kleinen Gasse wie der unseren kannte jeder jeden und deshalb waren die Leute vertrauter, manchmal auch lästiger. Wenn ich durch die Gasse ging, fragte mich manch eine Nachbarin oder ein Nachbar: »Wo ist denn dein Schatten?«, und nicht selten sah ich, wie sich gut getarnter Neid zwischen die Wörter schlich.

Die schmale Gasse im alten christlichen Viertel von Damaskus war eine Sackgasse, die am Ende auf die Stadtmauer stieß. Viele Häuser waren aus Lehm und Holz, nur die Reichen wohnten in schönen Steinhäusern. Unsere Gasse wurde von der UNESCO sogar als Weltkulturerbe eingestuft und war damit geschützt. Die alten Häuser durften nur mit Lehm, Stein und Holz restauriert werden.

Wahrscheinlich war die Gasse ein so besonderer Ort, weil sich der heilige Paulus einmal hier versteckt hatte, bevor er über die Mauer hinweg geflohen und danach überall umhergezogen war, um das Christentum zu verkünden. Dort, wo er in einem Korb über der Mauer heruntergelassen wurde, steht heute eine kleine Kapelle.

Ich lebte mit meiner Familie etwa in der Mitte der Gasse in einem großen Haus, das einem reichen Mann gehörte. Im ersten Stock wohnten zwei Familien jeweils in zwei Zimmern und sie hatten eine gemeinsame Toilette und eine Küche. Unten wohnten meine Eltern und ich in zwei Zimmern und Junis, ein armer, langweiliger Grundschullehrer, die Witwe Saide und der alte Postbote Elias, die jeweils ein Zimmer hatten. Auch unten hatten wir nur eine Toilette und eine Küche für alle.

Nicht nur Sami, auch ich hatte aus dem einen oder anderen Grund schon mal die Wohnungen der Reichen von innen gesehen, und sei es für ein paar Minuten. Was für ein Luxus, der sich dort bis zur Geschmacklosigkeit türmte! Mir schienen sie wie die Bewohner einer anderen Welt, die zufällig unsere Sprachen sprechen. Deren Wohnungen sind im Sommer kühl und im Winter warm, genau umgekehrt wie unsere.

Unser Hausbesitzer, ein Großhändler für Trockenfrüchte, wohnte im neuen Stadtviertel. Er kam nur einmal im Monat, um die Mieten zu kassieren. An keinem anderen Tag wurde so viel gejammert wie an diesem Tag. Nicht nur die Mieter beklagten ihr Elend und die Herzlosigkeit des Besitzers, auch der Hausbesitzer selbst lamentierte immer wieder so viel, dass die Witwe Saide ihm einmal entgegenrief: »Soll ich für dich den Klingelbeutel herumreichen?«

Elias, der alte Postbote, nannte das Haus eine schäbige Mietskaserne und sagte, in seinem Zimmer sei es so feucht, dass er überlege, Touristen zu seiner Tropfsteinhöhle einzuladen und Eintritt zu kassieren. Er konnte den Hausbesitzer nicht ausstehen. Der besaß nämlich fünf Häuser und trotzdem jammerte er mehr als der Bettler vor der katholischen Kirche. Elias, der Postbote, war richtig arm. Er durfte nur eine Mahlzeit einnehmen und drei Zigaretten am Tag rauchen, weil er sich mehr nicht leisten konnte und so stolz war, dass er von niemandem eine Zigarette annahm. Dagegen freute er sich über alle essbaren Geschenke, ob Fleisch, Gemüse, Olivenöl oder Brot. Er kochte für sich selbst auf einem winzigen Gaskocher.

Onkel Elias spielte Laute. Er konnte herrliche Melodien aus seiner Laute hervorzaubern. Das edle Instrument hatte er von seinem Vater geerbt. Wie ich dir bereits erzählte, war er später mein Meister.

Doch so arm er als Rentner lebte, so reich waren seine Geschichten und Abenteuer, die er als Postbote erlebte. »Man klopft oder klingelt an eine Tür und schon öffnet sich eine Theaterbühne oder das Tor zur Hölle oder das Fenster zum Paradies. Es ist wie ein spannender Fortsetzungsroman, der nie zu Ende geht«, erzählte er und fügte dann lachend hinzu: »Und das wird manchmal, wenn auch selten, nur getrübt durch einen fliegenden Schuh oder einen bissigen Hund, der sich von meiner Wade eine üppige Mahlzeit verspricht.«

Wie oft musste er die Briefe vorlesen, die die Empfänger nicht entziffern konnten! Sie waren Analphabeten. »Häufig musste ich Geschichten erfinden und ganze Briefe neu erlügen, um die Leute nicht zu enttäuschen, die gute Nachrichten von ihren ausgewanderten Söhnen erwarteten. Wie oft sah ich auf den Fotos, dass die Söhne, die in Arztkitteln und mit umgehängtem Stethoskop an eine teure Limousine oder teuren Sportwagen gelehnt grinsten, weder Ärzte waren, noch Besitzer dieser teuren Karossen. Aber die Augen der Eltern glänzten vor Stolz, zumal ein Scheck mit hundert Dollar beigelegt war, was in den Ländern der Emigranten nicht so viel, aber für die Eltern ein Vermögen war.

Onkel Elias war Junggeselle und ein scharfzüngiger alter Mann. Doch wenn er Laute spielte, wirkte er auf einmal viel jünger, und ich sah, wie viele Frauen ihn verliebt anschauten, was er aber nicht bemerkte. Er war in einer anderen Welt, lächelte, weinte und sprach manchmal mit seiner Laute und nahm uns, ja seine ganze Umgebung nicht wahr. Erst wenn er zu Ende gespielt hatte, kam er wieder auf unsere Welt zurück.

Wir, die Kinder und Jugendlichen, liebten ihn alle. Er war unser Beschützer, vor Fremden und manchmal sogar vor den eigenen Eltern, deshalb nannten wir ihn liebevoll »Onkel«. Allein über ihn könnte ich dir drei Nächte erzählen, aber ich will lieber zu Sami zurück.

Ich war Samis Vertrauter und hielt immer zu ihm, auch wenn manchmal, im Streit, alle Jungen der Gasse gegen ihn waren. Das machte ihn sehr stolz, und er sagte, mit mir und Onkel Elias als Freunden fürchte er nicht einmal den Tod.

Es fiel mir nicht schwer, immer zu ihm zu halten, denn er war ein wirklich außergewöhnlicher Mensch. Meine Mutter verstand das gut, sie mochte Sami sehr und war ja auch mit seiner Mutter befreundet. Mein Vater dagegen lag mir ständig in den Ohren, ich solle mich von diesem Jungen fernhalten, der seiner Meinung nach nur Probleme machte.

Vielleicht hatte das bei meinem Vater berufliche Gründe. Er war ein einfacher Polizist, und Polizisten haben nun mal keinen Sinn für Abenteuer. Sie sehen sofort die Paragrafen, die so was verbieten. Wenn ich aber Sami mit einem Wort zusammenfassen sollte, dann ist es das Wort Abenteuer, das alles beinhaltet und aussagt, was Sami ausmacht.

Mein Vater war ein bemitleidenswerter Polizist. Das ist der schlimmste Job in einem Land wie Syrien. Es war immer ein großes Chaos in der Zentrale. Mal sollte mein Vater den Verkehr regeln, mal dafür sorgen, dass die Händler nicht die Bürgersteige belagerten und die Menschen auf die Fahrbahn drängten. Nicht selten musste er auch die Kriminalpolizei unterstützen und zum Beispiel die Gegend absperren, wo ein Mord oder Überfall passiert war. Er war das »Mädchen für alles«, wie man sieht. Weil er nicht in die Partei eintreten wollte und auch mit keinem »hohen Tier« verwandt oder befreundet war, kam er nicht weiter. Solche Polizisten wurden nie befördert und mussten immer die Drecksarbeit erledigen. Vater pflegte sogar zu sagen, er sei eine Art Müllmann für den gesellschaftlichen Dreck.

Ich weiß nicht, warum, aber mein Vater war zugleich beliebt und verachtet, wurde gefürchtet und belächelt, und das hat ihm immer schwer zu schaffen gemacht. Er war ein friedlicher Mensch, der am liebsten für meine Mutter kochte. Er konnte viel besser kochen als sie und hatte den doppelten Umfang von ihr.

Manchmal kam er voll beladen mit Lebensmitteln nach Hause – das war die Bestechung der Händler, die ihre Waren auf den Bürgersteig stellten, obwohl sie das nicht durften. An solchen Tagen gab es feines Essen. Meine Mutter betrachtete ihn verliebt, wie er so glücklich kochte und dabei sang. Sie lobte, auch vor den Nachbarn, seine Kochkunst, aber niemals seinen Gesang. Die Männer lachten über meinen Vater, wenn er mit der Kochschürze herumlief. Nur Onkel Elias nicht.

Immer wieder konnte ich beobachten, wie mein Vater Onkel Elias oder der Witwe Saide unauffällig pralle Tüten mit Lebensmitteln übergab. Aber an manchen Tagen hatte ich Mitleid mit ihm, wenn er nach Hause kam und sich ins Schlafzimmer zurückzog und weinte. Meine Mutter eilte zu ihm, tröstete ihn und verfluchte die Söhne der Mächtigen, die mit ihren Sportwagen die Stadt terrorisierten. Es machte ihnen Spaß, die armen Verkehrspolizisten zu demütigen und manchmal sogar zusammenzuschlagen. An solchen Tagen wünschte ich mir, ein mächtiger Kung-Fu-Kämpfer zu sein. Wenn ich dann zufällig in der Nähe gewesen wäre, hätte ich diesen Arschlöchern aufgelauert, bis sie mit ihrem Sportwagen und ihrer blondierten Tussi auftauchten, wäre auf sie draufgesprungen und hätte sie zusammengeschlagen. Die Blondine hätte ich aussteigen lassen, und dann hätte ich mir die Edelkarosse geschnappt und so lange gegen die Betonmauer gefahren, bis sie ein Schrotthaufen wäre. Na ja, wenn ich von meinem Vater anfange, erinnere ich mich an tausend Geschichten, aber nun kehre ich lieber zu Sami zurück.

Onkel Elias kannte Sami seit seiner Geburt. An diesem Tag, erzählte er, habe er einen Brief für Samis Eltern gehabt. Er klopfte also an die Tür der Wohnung in dem großen elenden Hof, wo sie wohnten, und hörte die Stimme der Hebamme Sofia, die er sehr gut kannte. Als Samis Vater die Tür aufmachte, übergab ihm Elias den Brief. Sofia erkannte die Stimme des Postboten und rief ihm zu, er solle hereinkommen und diesen Gorilla beruhigen, denn der mache sie und die gebärende Mutter ganz nervös. Samis Vater war betrunken und er bot auch Elias einen Schnaps an. An seiner zitternden Hand erkannte Onkel Elias gleich, dass der Koloss schlichtweg Angst um seine Frau hatte.

Bald beruhigte sich der Vater im Gespräch mit Elias und kurz darauf lag er auf dem alten Sofa im Nebenzimmer und schnarchte seinen Rausch aus. Trotzdem wollte die Hebamme nicht, dass Elias ging, weil sie seine Hilfe brauchte. »Die Briefe kannst du auch morgen noch austragen«, sagte Sofia, »hier im Viertel wohnt kein einziger Mensch von Rang.«

Und da lag Samis Mutter schön wie ein Gemälde. Als die Hebamme Sami entbunden hatte, bat sie um warmes Wasser. Elias beeilte sich und holte ihr das Wasser von einem großen Kessel, den die Hebamme zuvor auf dem Gaskocher aufgestellt hatte.

»Wasch es«, befahl Sofia und legte das winzige Baby in seine großen Hände.

Der Junge weinte nicht. Er schaute ihn mit klugen Augen an, und Elias wusch ihn im warmen Wasser, das nach Jasminblüten und Basilikum duftete. Und als Elias sich beim Waschen bückte, streckte das Baby seine Händchen aus und streichelte das Gesicht des Postboten. In diesem Augenblick eroberte das Baby Elias’ Herz.

»Er ist mutig und helle wie seine Mutter und er mag dich«, sagte Sofia zu Elias und legte dann der Mutter das kleine Baby in die Arme.

Von diesem Tag an waren Sami und Onkel Elias befreundet. Die fünfzig Jahre Unterschied spielten überhaupt keine Rolle. Die beiden waren einander ebenbürtig. »Ich lerne von ihm mehr, als ich ihm je beibringen konnte«, sagte der alte Postbote.

Später begleitete Sami seinen Freund oft bei dessen täglicher Tour und brachte die Briefe in den dritten oder vierten Stock, damit Elias nicht so viele Treppen rauf- und runterlaufen musste. Oft gaben die Leute Sami auch noch großzügig Früchte, Kekse oder etwas Geld als Belohnung.

Ich habe nicht vergessen, dass ich eigentlich von Samis Narben erzählen wollte, das mache ich bestimmt bei unserem nächsten Treffen …

3.

Samis Katze

oder Wie ein kleiner Junge einen Koloss besiegte

Niemand trug im Laufe der Jahre so viele Narben an seinem Körper wie Sami. Die Jungen in meiner Gasse nannten ihn deshalb auch Narben-Sami. Sicher sahen sie ihn oft mit Pflastern und Verband, und wer das versäumt hatte, konnte spätestens im Sommer beim Schwimmen die Narben nachzählen.

Wenn ich mit der auffälligsten Eigenschaft anfangen darf, so war das sein unstillbarer Hunger. Sami war seit seiner Geburt hungrig. Seine Mutter erzählte, er wollte nicht nur ihre Milch, sondern ihren Busen und sie selbst verschlingen; sie musste immer aufpassen, sich rechtzeitig aus seinem Mündchen zu befreien. Trotzdem blieb er sehnig, ja fast dünn. Ich habe mich oft gefragt, wohin das Essen bei ihm wanderte. Ich hatte selten Hunger, trotzdem gab mir meine Mutter immer sehr viel Essen mit. Ob für die Schule oder einen Ausflug, immer packte sie doppelt so viel ein, wie ich essen konnte. Darüber hatte ich mich oft gewundert, doch schließlich begriff ich, dass sie damit auch Sami bedachte. Und so freute ich mich, ihm eine Freude zu machen.

»Gott segne deine Mutter. Sie hat eine gütige Hand«, sagte er manchmal, nachdem er das gefüllte Fladenbrot verschlungen hatte. An manchen Tagen aber flüsterte er mir leise zu: »Du kannst deiner Mutter sagen, dass sie beim nächsten Brot ruhig mehr Butter nehmen kann. Butter schmiert die Rutsche zum Magen.« Ich gab meiner Mutter Bescheid, tat dabei aber so, als käme der Wunsch von mir, und sie tat so, als glaubte sie mir, und lachte.

Sami wohnte, wie ich schon erzählt habe, nicht weit von mir. Er und seine Eltern und Geschwister lebten mit mehr als zehn anderen Familien im »Gnadenhof«, einer Ansammlung von miserablen Behausungen der ärmsten Christen. Sie wohnten dort kostenlos, weil der Hof der katholischen Kirche gehörte. Die wackligen einstöckigen Häuser standen um einen großen Innenhof voller Unrat, rostiger Fahrräder und verwahrloster Blumentöpfe.

Samis Vater war sehr groß und hatte viele Muskeln und wenig Verstand. Er trank abends über den Durst und war immer laut. Seine Mutter dagegen war eine zierliche Frau mit schönen Augen und einem blassen Gesicht. Meine Mutter sagte, Samis Mutter hätte eigentlich allen Grund, das traurigste Gesicht der Welt zu tragen, aber ihr Lachen zeige, was für eine große Frau sie sei. Tapfer nehme sie das bittere Schicksal auf sich, mit solch einem Grobian leben zu müssen.

Samis Mutter lächelte mich immer an, wenn ich Sami besuchte, und als ich noch ein Kind war, streichelte sie mir oft den Kopf. Ohne die Worte meiner Mutter hätte ich sie für die glücklichste Frau der Welt gehalten. Sie war ein lieber und lustiger Mensch. Und ihre ärmliche Behausung war voller Gäste, wenn ihr Mann nicht da war. Auch meine Mutter saß oft bei ihr.

Das Wissen der Frauen bleibt ihr Geheimnis und der Austausch untereinander ist ihre Macht. So kommen sie mit vielem zurecht. Doch wenn der Kontakt zu anderen Frauen fehlt, geht es ihnen schlecht. Deshalb litt meine Tante Mariam sehr in Saudi-Arabien. Weil die Ehe nach zehn Jahren immer noch kinderlos geblieben war, hatte sie ihren Mann begleitet, als er dort Arbeit bekam. Er fand auf der Baustelle bald Freunde, sie aber blieb gefangen in einer winzigen Wohnung. Die Nachbarinnen waren von den Philippinen, aus Pakistan, Indien und Korea, und sie verstanden kein Wort, deshalb litt sie sehr und hatte Sehnsucht nach anderen Frauen. Zwei Jahre später weigerte sie sich nach einem Besuch in Damaskus, wieder mit nach Saudi-Arabien zu fahren, und so kehrte der Onkel alleine zurück, und sie lebte zufrieden in Damaskus.

Ich bin leider abgeschweift, nun aber zurück zu meinem Freund. Ich nannte ihn nie Narben-Sami, und weil wir Freunde waren, erzählte er mir die Geschichte von jeder Narbe. Es waren oft witzige kleine oder große Abenteuer, und mochte auch die Hälfte gelogen sein, ich liebte seine Geschichten. Er merkte es und schmückte sie aus. Und als hätte jede Narbe eine Nummer, brachte er die Geschichten nie durcheinander. Die meisten Kinder glaubten ihm kein Wort, aber das störte ihn wenig. Er erzählte. Nur wenn sich Georg, der Sohn des Geheimdienstlers Chalil, dazugesellte, verstummte Sami. »Er lacht an den falschen Stellen«, erklärte er. Auch mich nervte Georgs Wiehern in den Momenten, in denen ich am liebsten weinen wollte.

Doch alle Geschichten waren nichts gegen die, die ich höchstpersönlich miterlebt hatte, wie jene, als der kleine Sami seine Mutter gegen seinen Vater verteidigte, davon erzähle ich dir gleich, oder wie er sich bei der Rettung einer Katze eine Narbe eingehandelt hatte. Wir waren beide neun oder zehn Jahre alt.

An jenem Frühlingstag sah ich Sami in die Gasse kommen. Er war vollkommen durchnässt und an seinem rechten Knie klaffte eine große Wunde. Und er trug eine kleine Katze auf dem Arm. Sie zitterte erbärmlich. Jemand habe die Katze ertränken wollen und sie in den Fluss geworfen, erzählte er. Er sei ins Wasser gesprungen und habe sie gerettet. Als er aus dem Wasser kletterte, sei er ausgerutscht und habe sein Knie an einer Glasscherbe verletzt, erklärte er mir, als ich auf die Wunde zeigte, die ihn nicht zu interessieren schien. Ich dachte, Sami würde, wann immer ihn später jemand nach dieser Narbe fragte, die Rettung der Katze schildern. Aber das hat er nie getan. Es war auch gar nicht nötig, denn die Nachbarn erzählten auch so von Samis Katze – genau wie ich heute, fast zwölf Jahre später.

Sami pflegte das kleine Geschöpf wie eine Mutter ihren Säugling. Er verbrachte viele Stunden mit ihr. Ich setzte mich oft zu ihm, doch ich muss gestehen, sein endloses Gerede über die Katze langweilte mich manchmal. Die Katze habe dies, die Katze habe jenes gemacht oder nicht gemacht, gedacht, gemeint oder auch nicht. Aber Samis Katze sah nach einer Weile wirklich prächtig aus, sie war das einzige Wesen in seinem Haus, das Gesundheit und Wohlstand ausstrahlte. So weit also Samis Geschichte mit der Katze.

Irgendwann sah man Sami immer seltener in der Gasse. Er hatte sich dazu entschlossen, Karate zu lernen, und trainierte hart. Wenn er wiederauftauchte, hatte er oft blaue Flecken, aber er verriet nur mir, weshalb er sich so quälte. »In drei Jahren werde ich meinen Vater daran hindern, meine Mutter zu schlagen.«

Ich schaute diesen ausgemergelten kleinen Burschen ungläubig an. Er bemerkte meine Zweifel sofort. »Komm her«, sagte er, als er schon etwa ein Jahr trainiert hatte, »und versuch, mit diesem Stock auf das Holzfass hinter mir einzuschlagen. Das ist meine ängstliche Mutter, die sich in der Ecke zusammenkauert, und du bist mein Vater.«

Ich nahm den großen Stock und holte zu einem kräftigen Schlag aus, doch ehe ich michs versah, lag ich auf dem Boden und meine rechte Hand war mir auf den Rücken gedreht. Es schmerzte und ich wurde wütend.

»Das gelingt dir vielleicht mit mir, weil wir gleich groß sind, aber deinen Vater, diesen Koloss, kannst du nie im Leben umwerfen. Er macht dich zum Zahnstocher und fuhrwerkt damit in seinen faulen Zähnen herum«, sagte ich trotzig und noch etwas benommen.

»Kann er nicht. Ich richte seine Kraft gegen ihn. Das ist das Geheimnis der Japaner und Chinesen. Weil sie so klein sind, mussten sie etwas erfinden, um ihre übergroßen Gegner zu besiegen. Sie kehren deren Kraft einfach um, das ist der ganze Kniff.«

Ich nickte, aber ich glaubte ihm nicht.

Doch das Schicksal ließ Sami nicht die Zeit, die er brauchte, um unbesiegbar zu werden. Er war nicht einmal zehn oder elf, als er handeln musste. Wir spielten bei ihm zu Hause mit Murmeln, als wir Geschrei im Hof hörten.

Sami stürzte hinaus, die Katze und ich folgten ihm. Die Nachbarn standen im Kreis, ohne sich zu rühren, und sahen zu, wie der betrunkene Vater mit einem Stock auf die Mutter einschlug. Sami stürzte sich auf seinen Vater und versetzte ihm einen solchen Tritt in den Schritt, dass dieser von der Mutter abließ. Erstaunt, ja fast erschrocken, sah er seinen Sohn an, der sich zwischen ihn und seine Frau gestellt hatte.

»Geh mir aus dem Weg, du Wurm«, forderte der Vater, als er sich wieder gefasst hatte.

Sami breitete die Arme aus und schrie so laut und schrill, dass alle Gläser in der Umgebung zerbarsten und die Uhrwerke stillstanden. Doch schlimmer als das war der Knall von über dreißig Glühbirnen. Die Kette von ohrenbetäubenden Explosionen hörte sich an wie ein Maschinengewehr. Die Nachbarn und der Vater hielten sich die Ohren zu und verfluchten Sami.

Und als hätten sie alle den Verstand verloren, versteckten sich die Nachbarn Schutz suchend hinter dem Vater. Nur ich stellte mich zu Sami, der wie ein Tiger vor seiner Mutter stand. Und ich sah, wie die Mutter sich aufrichtete und stolz lächelte. In diesem Moment kam die Katze und schmiegte sich an Samis Bein.

»Er ist wahnsinnig geworden«, sagte der Vater mit trockener Kehle.

»Niemand rührt meine Mama an!«, schrie Sami.

Und wirklich tat sein Vater seiner Frau nie wieder etwas zuleide. Es wird erzählt, die Nachbarn hätten ihn später gezwungen, alle Gläser und Glühbirnen zu bezahlen, denn letzten Endes sei es seine Schuld gewesen, dass sie kaputtgegangen waren. Samis Mutter strahlte noch tagelang über das ganze Gesicht und fühlte sich von da an beschützt. Und die Katze?

Von diesem Tag an lief sie Sami immer nach, wenn er in der Gasse unterwegs war, in die Stadt ging oder einfach nur in den Eissalon schlenderte. Immer sah man hinter Sami die Katze. Sie war die einzige Katze in Damaskus, die einem Menschen hinterherging. »Sie folgt mir nicht, sondern sie begleitet mich. Seit jenem Tag bin ich für sie kein Mensch mehr, sondern ein Tiger, der sich vor zwanzig Nachbarn nicht fürchtet.«

Die Nachbarn aber erzählten, dass sie durch den gewaltigen Schrei noch lange schlechte Ohren hatten und die Katze dadurch den Verstand verloren hätte. Und wenn Katzen debil würden, verwandelten sie sich – nach Aussage der Nachbarn – in Hunde, und Hunde folgen nun einmal immer den Menschen.

Und noch etwas ist an diesem Tag passiert. Ich habe es fast vergessen. Onkel Elias, der Postbote, war damals noch im Dienst. Er trug gerade die Briefe aus und wunderte sich über eine große Reisegruppe in bunten Kleidern, die den Eingang des Gnadenhofs versperrte. Neugierig beeilte er sich. Da er fließend Französisch sprach, erkannte er, dass es französische Touristen waren. Einer aber sah wie ein Chinese aus, mit schweren Augenlidern, schwarzen glatten Haaren und großem Schnurbart, der ihm an den Mundwinkeln herunterhing. Typisch chinesisches Gesicht, dachte Onkel Elias und fragte den Mann höflich und vorsichtig, ob er ein Asiate sei. Nein, erwiderte der Mann und zündete sich eine selbst gedrehte Zigarette an, er sei ein Deutscher, lebe aber als Bildhauer in Paris.

Als Sami seinen schrillen Schrei ausstieß, legten die Touristen entsetzt ihre Hände auf die Ohren, bis auf den Bildhauer, der begeistert rief: »Quelle voix fabuleuse!«

Aber Onkel Elias war hundert Prozent sicher, der Mann war, wenn überhaupt ein Deutscher, dann chinesischer Abstammung.

4.

Dort, wo die Zeit wohnt

oder Die Vertreibung aus dem Paradies

Ich weiß nicht, ob du jemals in einem öffentlichen Bad, dem Hammam, gewesen bist. Aber für uns, für Sami und mich, war das, als wir noch Kinder waren, ein Vorgeschmack auf das Paradies.

Du musst wissen, weder in Samis Behausung noch in unserem alten Haus mit den kleinen Mietwohnungen gab es ein Bad. Wir wuschen uns in der Küche. Dieses Waschen war nur die Pflicht. Aber jeden Mittwoch durften wir, als wir noch klein waren, unsere Mütter zum Hammam begleiten. Ich weiß nicht, ob du es jemals genossen hast, als Junge am Frauentag im Hammam zu sein. Es war wirklich wie ein schöner Traum.