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Über dieses Buch

Ich bin so frei

»Wenn sich das, was wir in der ersten Karriere aufgebaut haben, anfühlt, als seien wir rausgewachsen, wird es Zeit, sich an die alten Träume zu erinnern, neuen Träumen Raum zu geben und neuen Sinn zu entdecken.«

Cornelia Coenen-Marx, evangelische Theologin, geboren 1952, war Gründungs-Mitherausgeberin des Magazins »Chrismon«. Sie war im Beirat des Deutschen Freiwilligensurveys sowie in der Jury des Deutschen Engagementpreises und arbeitet u.a. zur Zeit mit dem Institut für Gerontologie in Heidelberg an einem Projekt zum Thema »Hochaltrige und ihre Kirche«. Sie ist Buchautorin und gefragte Vortragsrednerin.

www.seele-und-sorge.de

Gesunde 70-Jährige sind heute kaum weniger leistungsfähig als gesunde 55-Jährige. Das hat Konsequenzen. Wenn wir heute in den Ruhestand gehen, ist das ein wahrer Neuanfang. Von vielem befreit und viel wissend entdecken wir neu, wer wir sein und wie wir leben möchten. Es ist tatsächlich noch einmal alles offen.

Dieses Buch ist ein mitreißender Begleiter auf dem Weg in diese neue Offenheit: ermutigend, lustvoll, aufklärend, augenzwinkernd, sanft poetisch und spirituell anregend.

Cornelia Coenen-Marx

NOCH
EINMAL
IST ALLES
OFFEN

Das Geschenk des Älterwerdens

Kösel

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Aufrichtigkeit ist, wenn man von sich selbst
überrascht ist.

Nadine Gordimer

Copyright © 2017 Kösel-Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlag: Weiss Werkstatt München

Umschlagmotiv: © plainpicture/Rudi Sebastien

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20757-1
V001

www.koesel.de

Ich wünsche diesem sehr schönen Buch eine breite Leserschaft. Es wird vielen Leserinnen und Lesern wertvolle spirituelle und psychologische Impulse geben. Doch nicht nur das. Nein, es wird auch unserer Gesellschaft Anstöße geben, Alter neu zu denken.

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse

Für Michael, der mein Leben teilt –
seit vier Jahrzehnten und hoffentlich noch lange.

Cornelia Coenen-Marx

Inhalt

Wesentlich werden – Einleitung

Das Leben neu entdecken

Arbeit neu gestalten – auf dem Weg zur Tätigkeitsgesellschaft

Freiheit neu entdecken – vergessenen Träumen nachgehen

Rollen neu erfinden – Gender- und Generationenfragen

Selbstständigkeit neu definieren – Selbstsorge und Fürsorge im Alter

Netzwerke knüpfen, flicken und pflegen

Begegnungen im Grenzgebiet

Die Freiheit nehm ich mir. Zeit zum Abschiednehmen

An der Schwelle: Krankheit als Initiation

Noch bist du da

Zugehörigkeit gestalten – wo immer wir leben

Netzwerk der Generationen – Großmütter, Familien und Gemeinden

Sorgende Gemeinschaft: Engagement macht stark

Pflege neu denken – Institutionen politisch verändern

Was wir sein können und zu geben haben

»Die Ältesten« in der Rolle des Libero

Dankbarkeit üben: Abschied nehmen und das Glück entdecken

Sichten, teilen, spenden – vom Umgang mit dem Erbe

Dem Göttlichen auf der Spur – Praxis der Spiritualität

Zwischen Ruhestand und Rentnerstress: Dem Leben nachgehen

Was jetzt dran ist und wofür ich mich engagiere

Dank

Nachwort

Literatur und Quellen

Textnachweis

Wesentlich werden – Einleitung

Ist 60 die neue 40? So abwegig ist die Frage nicht, die 2016 auf einer Tagung zum Deutschen Alterssurvey diskutiert wurde. Immerhin 73 Prozent der Befragten ab 60 fühlen sich jünger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind – nicht 20 Jahre, aber doch 5,5. Mehr als ein Drittel der 55- bis 69-Jährigen hat keine oder höchstens eine Erkrankung und noch die Hälfte der 70- bis 85-Jährigen fühlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Das geht mir ähnlich, zudem habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich noch nie auf den Gedanken gekommen bin, meine Krankheiten zu zählen. Schon ist mit Blick auf die 68er-Generation, die jetzt in Rente geht, von Power Agern die Rede. Mir gefällt der paradoxe Ausdruck »dritte Lebenshälfte« besser. Er macht deutlich, dass es – auch historisch – um etwas ganz Neues, bisher Unbekanntes geht.

»Jetzt ist die Zeit, wesentlich zu werden«, sagt meine Freundin. Sie hat gerade ihren 63. Geburtstag gefeiert. Als Geburtstagsgeschenk hat sie ein Zeitschriftenabo bekommen. Eine Frauenzeitschrift für die Frau ab 60. Das Magazin macht die Lust auf die sogenannte dritte Lebenshälfte, diese geschenkte Zeit, in der wir uns gesund genug fühlen, um noch einmal aufzubrechen. Alter und Gebrechlichkeit scheinen noch weit entfernt. Die Sixties sind interessant geworden, nicht nur für Reiseunternehmen, Architekten und Stadtplaner oder für die Mode- und Kosmetikindustrie. Sondern auch für die Gesellschaft.

Power Ager wie die Rolling-Stones, die mit ihrer Musik noch im Frühjahr 2016 bei ihrem Konzert in Havanna eine halbe Million junger Leute begeisterten, sind selbstbewusst, beweglich und voller Energie. Sie tragen soziale Initiativen und Start-up-Unternehmen. Sie machen sich auf die Reise, arbeiten im Ausland als Au pair oder Seniorenberater. Oder entdecken neue Welten im eigenen Land. Sie engagieren sich in der Flüchtlingsarbeit, lernen Menschen aus anderen Ländern und Milieus kennen oder knüpfen neue Netze in der Nachbarschaft – als »Leih-Omas«, Stadtteilmütter oder Mentoren für Schüler, in Familienzentren und Generationenhäusern. Und beinahe zufällig entstehen neue Freundschaften. »Im Alter neu werden« ist kein frommer Wunsch. Das geht wirklich.

Eine Art Geburt

Im Alter neu werden können – so hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine Denkschrift zum Thema Altern genannt, die sie vor einigen Jahren herausgegeben hat (EKD 2010). Es geht darum, wie das Altern gelingen kann. Was ich selbst tun kann, um das Alter aktiv zu gestalten. Wer noch ein Drittel des Lebens vor sich hat, der will nicht nur über Seniorenwohnen und Pflegedienste nachdenken und sich mit Testament und Patientenverfügung auseinandersetzen, der will Energie schöpfen für eine neue, spannende und herausfordernde Lebensphase. Und diese Energie schöpfen manche aus ihrer Spiritualität. Viele denken, Religion habe vor allem mit Tod und Sterben zu tun, und schieben das Thema erst einmal weit weg. Nach dem Motto: Kirche, das ist was für alte Leute, und älter werden wir später. Mag sein, dass die Kirche selbst zu dieser Vorstellung beigetragen hat. Jetzt aber lernt sie von den jungen Alten: Das Alter ist auch eine Art Geburt.

»Kann man denn im Alter noch einmal neu geboren werden?« Diese Frage treibt Nikodemus um (Joh 3,1 dd). Er ist ein hoher jüdischer Würdenträger. Heimlich besucht er Jesus in der Nacht, weil die Frage ihm peinlich ist – und doch nicht loslässt. Und Jesus antwortet: »Ja, man kann im Alter noch einmal neu geboren werden.« Er spricht vom Neuanfang aus dem Geist Gottes. Und tatsächlich ist die Bibel voll von solchen Neuanfängen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Abraham und Sara (Gen 11,29–31,19) die in hohem Alter aufbrechen in das Gelobte Land und spät noch den ersehnten Sohn zur Welt bringen, so spät, dass Sara schon allein den Gedanken an eine Schwangerschaft lächerlich findet. 127 Jahre soll sie alt geworden sein, ein legendäres Alter. Aber längst nicht mehr so unerreichbar, wie es noch vor wenigen Jahrzehnten schien. Die Zahl der über 100-Jährigen wächst rasant.

Die Geschichte von Sara ist also gar nicht so verrückt. Es gibt sie, die alternden Frauen, die im Aufbruch noch einmal jung werden. Einem Traum geht Sara nach mit ihrem Abraham. Nachts unter dem Sternenhimmel hat Gott ihm versprochen, dass sie eine neue, eine bessere Zukunft finden würden und dass ihre Nachkommen so zahlreich sein würden wie die Sterne am Himmel. Dieses Glitzern und Leuchten und Aufblitzen eines neuen Lebens – das hat Sara nie vergessen. Selbstverständlich ist es nicht, dass einer seinen Träumen folgt. Sich auf den Weg macht Schritt für Schritt. Man muss davon ausgehen, dass es Ansprüche ans eigene Leben gibt, die über den eigenen Horizont hinausgehen. Dass es ein Letztes oder Erstes, etwas Absolutes gibt, dem zu folgen sich lohnt, auch wenn es ein schwerer Weg wird wie damals Abrahams und Saras Weg durch die Wüste. Denn auf ihre bisherige Lebenserfahrung, die Kenntnis der vertrauten Landschaften und Stimmen, konnten sie sich nicht verlassen. Fremdheitserfahrungen prägten den Weg, Misstrauen und die Angst, allein gelassen zu werden, zu versagen und sich lächerlich zu machen. Sara und Abraham sind trotzdem immer weitergegangen. Sie haben dem Unwahrscheinlichen eine Chance gegeben. Sie haben Gott eine Chance gegeben.

Raum geben – Spiritualität hilft

Es ist kein Zufall, dass viele beim Start in die dritte Lebensphase eine Reise unternehmen. Auch vorher schon nutzen ja manche ein Sabbatical für eine lange Segeltour oder die Entdeckung einer unbekannten Kultur. Ein Buchhändlerpaar überlässt die Buchhandlung ihrem Mitarbeiterteam, andere vermieten ihr Haus oder stellen sogar die Möbel unter. Die Mails werden nur alle ein oder zwei Wochen gecheckt. »Wenn man sich mehr vom Leben wünscht, reicht es nicht, davon zu träumen, man muss seine Wünsche immer wieder laut aussprechen und den Mut haben, sich von ein paar Verpflichtungen zu trennen«, sagt die Buchhändlerin Renate Klaus (Donna 12/25, S. 63).

Das gilt auch für die, die ein Buch schreiben. Die sich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich auf die Reise begeben und sich die Freiheit nehmen. In der ersten Lebenshälfte geht es noch darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament für das Leben. Jetzt muss ich nicht mehr effizient sein wie im Beruf oder funktionieren wie in der Familie. Jetzt besteht die Herausforderung darin, das alles loszulassen und noch einmal frei zu werden. Wer jetzt noch einmal neu startet, will eine andere Produktivität entdecken. Ein neues Lebenstempo, eine andere Kultur, eine Kunst vielleicht, die er bisher nicht beherrscht hat. Vielleicht auch sich einsetzen, damit es anderen gut geht. Wesentlich werden – aber nicht einfach auf den bekannten Kern schrumpfen, sondern einem neuen Samen Raum zum Leben geben. Und dabei kann die Religion, kann Spiritualität helfen. Lars Tornstam, der in Schweden Untersuchungen zur Spiritualität älterer Menschen durchgeführt hat, spricht von Ego-Transzendenz oder auch von Gero-, also Alters-Transzendenz (Tornstam 2005). Er meint: Das Alter bietet die Chance, sich selbst zu überschreiten. Transzendenz hat nicht nur mit dem Jenseits zu tun; vielmehr geht es darum, sich grundsätzlich offen zu halten für ganz neue Möglichkeiten.

Dazu gehört natürlich auch die bewusste Auseinandersetzung mit meiner eigenen Begrenztheit und Endlichkeit, und zwar nicht erst am Ende des Lebens: Denn wenn ich Angst habe, mich zu verlieren, kann ich weder lieben noch Kinder in die Welt setzen noch überhaupt etwas Neues beginnen. Und am Ende auch nicht sterben. Das Thema Sterblichkeit geht also immer mit. Wer die Frage nach dem Ende einfach in die sogenannte vierte Lebensphase verschiebt, tut sich selbst nichts Gutes. Zu erkennen: Mein Leben ist endlich und sinnvoll. Mein Leben ist begrenzt und erfüllt, das lässt uns wesentlich werden. Das ist der wirkliche Gewinn des Alterns. Und das gilt am Ende auch für die vierte Lebensphase, die so genannte Hochaltrigkeit. Eine Studie der Universität Heidelberg (Kruse 2014) zeigt: Bei mehr als Dreiviertel der Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesnähe nicht im Vordergrund. Die meisten freuen sich, wenn sie sich noch für andere Menschen engagieren können, und sie beschäftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation, der Enkel und Urenkel zum Beispiel. Unser Zukunftssinn hängt aber nicht davon ab, ob wir eigene Kinder in die Welt gebracht haben so wie Sara, die spät noch Mutter wurde. Es können auch Freunde und Wahlverwandte sein, mit denen wir uns verbunden wissen.

Abrahams und Saras Kraft zum Aufbruch war so stark, dass sie nicht zurück wollten in die alte Heimat. Als Sara starb, kaufte Abraham ihr ein Grab im neuen Land. Es war das erste eigene Stück Boden, auf das die Kinder und Enkel ihre Füße setzten. Manche Juden verstehen das Grab in Hebron noch immer als Eingang zum Paradies. Tatsächlich wurde Saras und Abrahams Traum von einem neuen Anfang Realität für viele, die nach ihnen kamen. Sarah hatte ihr Ziel erreicht. Es ist gar nicht mehr so selbstverständlich, von einem Lebensziel zu sprechen, auch wenn wir beruflich pausenlos Etappenziele formulieren. Aber als Reise verstehen viele das Leben noch immer.

Gutes erwartet uns. Auf dem Weg ins Unbekannte ist es gut, sich darauf zu verlassen und sich einfach aus der Erfahrung der Gottesnähe führen zu lassen. Wie Abraham und Sara, die sich im Alter noch einmal aufmachten, um ihrer Hoffnung zu folgen. Ohne zu wissen, wo das Gelobte Land lag. Auf ihrem Weg durch die Wüste haben sie reichlich Angst und Zweifel erlebt. Ob Sara in solchen Situationen zu den Sternen gesehen hat? Oder lieber in das Gesicht ihres Sohnes? Manches, was jetzt noch unglaublich scheint, hat vielleicht morgen schon Hand und Fuß. Wie das möglich ist, darum geht es in diesem Buch.