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Howard Axelrod

ALLEIN
IN DEN WÄLDERN

Auf der Suche nach dem wahren Leben

Aus dem Amerikanischen
von Bettina Spangler

Kösel

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Deutsche Erstausgabe
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
The Point of Vanishing. A Memoir of Two Years in Solitude bei Beacon Press, Boston.
Beacon Press Books stehen unter der Schirmherrschaft der
Unitarian Universalist Association of Congregations.

Einige Namen und Charakteristiken beteiligter Personen wurden geändert,
um ihre Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Zitat Seite 6: Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte
(Ü: Hanns Grössel), München (Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG) 1997
Zitat Seite 194: Anton Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen. Erzählungen 18961903 (Ü: Ulrike Lange), Ostfildern (Artemis & Winkler/Patmos Verlag) 2004, S. 262.
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Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017 Kösel-Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © 2015 Howard Axelrod
Umschlag: Weiss Werkstatt, München
Umschlagmotiv und Kapitelaufmacher: shutterstock / Honza Krej
E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-20174-6
V001
www.koesel.de

Für meine Eltern

Zwei Wahrheiten nähern sich einander.
Eine kommt von innen, eine kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance,
sich selbst zu sehen.

Tomas Tranströmer, Präludien

INHALT

PROLOG

TEIL I

WEG INS DUNKEL

TEIL II

SEHEN LERNEN

TEIL III

VERSCHWINDEN

DANKSAGUNG

PROLOG

An dem Haus kam man nicht einfach vorbei. Man fuhr nicht zufällig daran vorüber, wenn man auf dem Weg woandershin war. Nein, um dorthin zu gelangen, musste man Glover / Vermont – ein Gemischtwarenladen, keine Ampel, ein Busy Bee Diner – hinter sich lassen, über Serpentinen eine Anhöhe inmitten von Ahornbäumen, immergrünem Unterholz und Birken erklimmen und schließlich links auf eine breite Schotterpiste abbiegen. Man kam am Stall und dem blauen Siloturm der Mooreland Dairy Farm vorbei, schlängelte sich zwischen einzelnen Gehöften und Wohnwagen hindurch und tauchte dann immer tiefer in die Wälder ein, in denen die Ahornbäume dicht an dicht in Reih und Glied standen; es war März, Erntesaison, die Bäume standen angezapft und über Schläuche miteinander verbunden wie aneinandergekettete Sträflinge. Ein paar Meilen weiter, an einem Briefkasten, den niemand mehr benutzte, nahm man die Abzweigung von der breiten Schotterstraße und fuhr auf einem schmalen, schlecht erhaltenen Weg weiter, hinein in den immer tiefer werdenden Schnee, in dem das Fahrzeug schwamm, als gälten hier andere Gesetze als die Schwerkraft. Man fuhr durch einen Tunnel aus tief hängenden Ästen, erreichte dann wieder freies Feld, umsäumt von hoch aufragenden Kiefern, kam vorüber an einem leer stehenden Gebäude, dessen Bretterverkleidung nie fertiggestellt worden war, folgte anschließend weiter der Straße, die immer mehr zu einem Schatten ihrer selbst wurde – man sah nichts als die eigene Fahrspur, jene Zwillingsfährte im Schnee hinter einem, die nur entfernt an die beiden Schneisen erinnerte, zwischen denen im Sommer das Gras über die Höhe der Motorhaube hinauswuchs. Dann öffnete sich zur Linken der Blick auf eine kleine Wiese, auf der im Sonnenlicht drei knorrige Apfelbäume wie Kronleuchter schimmerten, und dahinter erneut Waldrand ohne auch nur die Andeutung einer menschlichen Behausung. Von hier an musste man laufen, vorbei an tief vergrabenen Zaunpfählen. Und dann, am Fuße einer steilen Böschung, stand das zweigeschossige Wohnhaus. Die himmelblaue Farbe war stellenweise von ihm abgeblättert, und es wirkte wie ein versunkenes Schiff.

Nicht viel drang hier von der Welt da draußen zu mir. In den anderthalb Jahren, seit ich hier eingezogen war, war nie jemand an meine Tür gekommen. Ich besaß keinen Fernseher, keinen Computer, kein Handy. Es gab einen Festnetzanschluss, und das Telefon klingelte etwa zweimal im Monat; die Tatsache, dass sich jemand verwählt hatte, wurde so zu einem echten Ereignis. Ansonsten musste ich mit den vergilbten Exemplaren des Newport Chronicle vorliebnehmen, die sich hinter dem Ofen stapelten. In ihnen ging es vorrangig um Biberplagen, Gemeindeabende, Verurteilungen wegen Alkohol am Steuer sowie vermisste Hunde; alles Nachrichten aus vergangenen Zeiten. Manchmal, wenn ich bei Tagesanbruch die Glut aufs Neue entfachte, ertappte ich mich dabei, wie ich über einen wunderschönen gefleckten Vorstehhund nachsann, Rasse Deutsch Kurzhaar, oder über den niedlichsten schwarzen Mischling, den die Welt je gesehen hat. Dann aber stach mir jedes Mal das Datum der Zeitung ins Auge, und mir wurde klar, dass diese Hunde bereits vor zwei Sommern, lange vor dem Schnee, ihren Träumen nachgejagt waren.

Die einzigen Neuigkeiten, die mich nicht erst als eine Art Geistererscheinung ihrer selbst erreichten, kamen durch die Fenster des Hauses oder auf meinen täglichen Streifzügen durch die Wälder zu mir. Wolken, die sich an einem stürmischen Nachmittag ein Kräftemessen boten, Sonnenlicht, das zwischen den Birkenkronen hindurchsickerte wie durch einen Vorhang. Sachte Böen, die sich gegen Abend mit der Dämmerung herabsenkten. Und etwa einmal in der Woche, wenn die Straßen frei waren, machte ich mich auf den Weg hinunter in die kleine Stadt Baron, wo ich im örtlichen C&C-Supermarkt meine Einkäufe erledigte, um dann über die sich bergaufwärts schlängelnde Straße hinauf zum Lake Parker General Store zu fahren. Das winzige Postamt von West Glover lag im hinteren Teil des Ladens verborgen, in einem Raum nicht viel größer als eine Fahrstuhlkabine mit Gittern und einem Fenster. Die junge Frau an der Kasse war gewiss nicht viel älter als achtzehn, und ihre gemächlichen Bewegungen hatten etwas Schwerfälliges, aber auch Reizvolles. Bedächtig schritt sie über die schmutzverkrusteten Dielenbretter, vorbei an dem Kühlschrank voller Milch, den Sixpacks Bier, den Lebensmitteldosen, trat dann hinein in das Postamt und sah in der Kiste für Postlagersendungen nach. Weil ich sie nicht einschüchtern wollte und ich auch keine Lust hatte, mir bewusst zu machen, wie es wäre, allein mit einer Frau zu sein, wartete ich an der Kasse. Wenn sie wieder zurückkam, errötete sie jedes Mal und erinnerte mich dabei an etwas, das wie in einem Naturfilm in Zeitlupe erblüht. Die Röte kroch an ihrem Hals aufwärts über ihre Wangen, die Farbe umso intensiver, wenn keine Post auf mich wartete. Vielleicht lag es ja daran, dass ich ein bisschen wie ein wildes Tier aussah – der wuchernde Bart, der viel zu intensive Blick meiner Augen. Oder daran, dass ich seit meinem letzten Besuch im Laden meine Stimme nicht mehr benutzt hatte und sie, wenn ich dann dankte, womöglich viel zu viele angestaute Gefühle transportierte. Selbst für meine Ohren klangen meine Worte, als kämen sie von weit her, als dauerte es eine gewisse Weile, bis sie zu mir gelangten, wie Licht von einem weit entfernten Stern.

Was ich fühlte, als es in dieser mondlosen Märznacht dreimal kurz an der Tür zum Vorbau klopfte, lässt sich mit Überraschung also nur unzureichend beschreiben. Jedes einzelne Klopfen hallte bedrohlich im Inneren des Hauses wider, als würden selbst die Stützstreben und Deckenbalken dadurch erstarren. Ein Schauder rieselte durch meinen Körper – eine erschütternde, physisch spürbare elektrische Ladung. Die blaue Kerze auf dem Tisch flackerte leicht. Ich hatte das Gefühl, mich unter Wasser zu befinden, und irgendwo weit über mir schien etwas an der Oberfläche zu treiben. In den Fenstern, hinter denen die Dunkelheit des Waldes lag, wurde mein Abendbrottisch schattengleich und schwach flimmernd reflektiert, vielmehr die Vorstellung eines Mahls als etwas Handfestes. Auch mein eigenes Abbild war nicht mehr als ein Flackern.

Bei meinen allwöchentlichen Fahrten zum C&C war ich gewappnet, da wusste ich, dass man mich ansehen würde. Blicke, so flüchtig sie auch sein mochten, warfen ein Bild auf mich zurück: Hippie von dem Mädchen an der Kasse, das ständig Blasen mit dem Kaugummi machte, Gammler von den üppigen Matronen, die gemächlich ihre Einkaufswagen vor sich herschoben – doch waren alle diese Blicke für mich erträglich, weil sie nicht die Wahrheit widerspiegelten. Der Gedanke aber, dass da draußen jemand stand, direkt vor der Tür zum Vorbau, das war, als hielte man mir einen Spiegel unmittelbar vors Gesicht. Ein Mann, der allein lebt, ein spärlich möblierter Raum, eine Kerze auf einem Tisch. Die Szene erinnerte an ein altertümliches Verhör, aber ohne dass der Vernehmende anwesend gewesen wäre. Im unteren Badezimmer gab es einen Spiegel, doch in den schaute ich nie, nicht während des Zähneputzens, nicht, wenn ich mir das Gesicht wusch, nicht, wenn ich aus der Dusche stieg. Und das nicht etwa deshalb, weil es mir etwas ausgemacht hätte, mein eigenes Gesicht zu sehen, nicht einmal an meinem blinden rechten Auge, das sich seit dem Unfall zu einem perlmuttartigen Grün getrübt hatte, lag es. Nein, es lag an dem hageren Fünfundzwanzigjährigen, der mir daraus entgegenblickte, denn ich kannte ihn nicht. Es gab da eine Präsenz, aber nur in einem gewissen Abstand. Selbst dass ich Tagebuch schrieb, fühlte sich plötzlich seltsam an – als würde ich meine eigenen Umrisse skizzieren, ein bisschen, als wollte man den Wind, den Schnee und die Sterne in die Gestalt eines Menschen zwängen. Dass ich hierher in die Wälder gekommen war, hatte nichts mit einer Herausforderung oder mit einem Rückzug zu tun – es war nichts, wozu ich mir Notizen machen wollte, um es für später zu konservieren, wie Beeren, die man im Sommer für später sammelt. Ich wollte einfach leben, ohne mich für irgendjemanden verstellen zu müssen, mich selbst eingeschlossen. Ich wollte ein Niemand sein in der Hoffnung, dass sich dieser Niemand für mich früher oder später vertraut anfühlen würde, dass er sich als jemand entpuppte, den ich die ganze Zeit schon gekannt hatte – der Kern dessen, was ich als Junge gewesen war, der Kern dessen, was ich als erwachsener Mann sein würde. Hinter all den Masken, die ich die ganzen Jahre über getragen hatte, selbst hinter jenen, die Masken verachteten, musste es doch etwas geben, etwas Essenzielles, der Ansatz eines realen Ich, der unveränderlich war.

Wieder war das Klopfen zu vernehmen, wieder die gleichen drei knappen Schläge. Wie erstarrt stand ich beim Holzofen und malte mir die Nacht dort draußen aus. Der letzte Wegabschnitt bis zum Haus war extrem schmal und der Schnee sieben Fuß tief, die Strecke so glatt wie eine Bobbahn. Die Finsternis wurde lediglich von den Sternen am Himmel durchbrochen. Die einzigen Menschen, denen ich je auf den umliegenden Hängen begegnet war, abgesehen von Nat und seinem Sohn, die gelegentlich vorbeikamen, um die Zufahrt vom Schnee freizuräumen, waren Jäger. Doch die Jagdsaison war seit Monaten vorbei. Die Wintersonne war längst untergegangen. Wer immer da vor der Tür stand, musste mehr Angst haben als ich. Denn wenn es einen Verrückten hier im Wald gab, einen verwilderten, bärtigen Einzelgänger, der zu allem fähig war, dann war ich das. Ich bin hier der Verrückte! Ich bin der durchgeknallte Irre! Genau das hatte ich mir immer vor Augen geführt, wenn ich mitten im Wald einen Zweig knacken hörte oder wenn mitten in der Nacht eine Treppenstufe knarzte. Ich bin der Verrückte! Ich bin der durchgeknallte Irre! Normalerweise verwandelte dieser Gedanke meine Furcht in so etwas wie Entschlossenheit. Doch jetzt konnte ich nicht anders, ich malte mir einen Mann mittleren Alters aus, in karierter Wolljacke, der vor der Tür lauerte. Eine brennende Zigarette in der einen, ein Gewehr in der anderen Hand. Und meilenweit kein Reh.

Wieder ertönten die drei Schläge, diesmal nachdrücklicher. Vielleicht handelte es sich um einen Notfall, möglicherweise war es jemand, der Hilfe benötigte. Aus meinem Kamin stieg Rauch empor. Das Kerzenlicht fiel nach draußen und erhellte den Schnee. Ich hatte im Grunde keine Wahl. Also stieg ich in meine Mokassins, lief über den Sperrholzboden im Vorbau und öffnete die Tür.

TEIL I: Weg ins Dunkel

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1. KAPITEL

Es war wie eine Heimkehr. Dabei spielte es keine Rolle, dass ein heftiges Gewitter tobte, der Regen auf die Dachpappe prasselte, vereinzelte grelle Blitze das dichte, tropfende Blattwerk hinter dem Haus erhellten. Es spielte keine Rolle, dass ich mich noch nicht mit Vorräten eingedeckt hatte, weshalb es nichts als Käsetoast zum Abendbrot gab. Und es spielte keine Rolle, dass Boston Hunderte von Meilen entfernt lag – und mir schon seit Jahren keine Heimat mehr war. Meine einzige Bratpfanne stand auf dem Herd. Meine zwei Gabeln, zwei Messer und zwei Löffel waren in der Schublade neben der Spüle verstaut. Meine Pullover, Wollsocken und Schneehosen lagen bereits ausgepackt auf den Sperrholzregalen im Obergeschoss. Und draußen, ganz oben auf dem steilen, schmutzigen Hang, stand mein kleiner weißer Honda. Er kam mir vor wie ein Packesel, den man endlich seiner Last entledigt hatte, aufgekratzt und ruhig zugleich vor Erleichterung. Seit meinem Collegeabschluss vor drei Jahren hatte ich ihn in einige wunderschöne Gefilde geführt: den Grand-Tetons-Nationalpark, in dem Elche durch den stiebenden Schnee stampften; den Tafelberg über dem Rio Grande, der sich im Licht des späten Nachmittags ockerfarben und violett verfärbte. Doch jetzt würde er zum ersten Mal länger als vier Monate am Stück an einem Ort verweilen. Es gab keinerlei Veranlassung wegzufahren, keinerlei Anlass, erneut die Koffer zu packen, keinen Bedarf, dass ich meine Suche anderswo fortsetzte. Lev, der Eigentümer des Hauses, sollte nicht vor Juni zurück sein. Endlich brauchte ich nicht länger der Außenseiter sein, endlich gab es für mich einen Ort, an den ich gehörte.

Auf das Haus war ich gestoßen, nachdem ich im gesamten nördlichen Teil von Vermont handgeschriebene Zettel aufgehängt hatte, auf dem Patchwork der Anschlagstafeln in Supermärkten und Kaufhäusern, an den schimmeligen Wänden von Waschsalons, in Peacham, Johnson, Jay, in Barton, Newport, Morrisville und selbst in einer Stadt namens Eden. Mein kläglicher Versuch einer einigermaßen leserlichen Nachricht hing dort gleich neben Angeboten für Brennholz, Suchanzeigen nach über alles geliebten Katzen, Einladungen für Spaghetti-Abende, die schon Wochen zurücklagen. Gesucht: Hütte oder Haus im Wald, mit guter Beleuchtung, einsam gelegen. Am besten in der Nähe eines Flusses oder Baches. Bevorzugt mit fließend Wasser und Strom. Nur ein einziger Mensch meldete sich darauf. Lev war Philosophieprofessor und wollte im September fortgehen, um in seiner Heimatstadt Tel Aviv zu unterrichten. Er hatte das Haus im vorangegangenen Sommer gekauft und war gerade dabei, es auf Vordermann zu bringen. Im August nahm ich die sechsstündige Fahrt von Boston auf mich, und Lev zeigte mir alles, mit besonderem Augenmerk auf seinen spärlichen Renovierungsversuchen. Er war überraschend kurz geraten, mit einem rötlichen Bart und rastlosen Händen, die ständig in Bewegung waren. Es fiel mir schwer, das Haus überhaupt richtig wahrzunehmen, weil er pausenlos redete. Er hatte vorgehabt, sich dort zusammen mit seiner Frau eine Auszeit zu nehmen, doch schon nach einem einzigen einsamen Winter zu zweit reichten sie die Scheidung ein. Er hatte nie allein in dem Haus gelebt. Er behauptete, sich auf einen solchen Winter zu freuen – Gott kommt nur zu denen, die allein sind, meinte er –, doch verriet mir die Mischung aus nervösem Gerede und Warnhinweisen, dass er mich als sein Versuchskaninchen betrachtete. Was mich nicht weiter störte, immerhin war das Angebot gut. Ich musste lediglich für sechs Klafter Brennholz, Strom und ein wenig Gas für den Heißwasserboiler bezahlen, alles in allem weniger als tausend Dollar.

Von außen erinnerte das Haus an ein auf Grund gelaufenes, ziemlich ramponiertes Piratenschiff. Ein gläserner Aussichtsturm, einige schmale, windschiefe Terrassen mit durchhängendem Geländer, ein Laufsteg am Obergeschoss entlang, dessen zwei Planken sich merklich durchbogen. Als Lagerraum diente eine notdürftig zusammengezimmerte Garage, bestehend aus einem schräg über einem gestampften Lehmboden hängenden Wellblechdach. Sie bot zwar nicht genügend Platz für ein Fahrzeug, dafür eignete sie sich bestens, um Feuerholz zu lagern. Trat man durch den Vorraum ins Innere des Hauses, wirkte der Wohnbereich nicht weniger notdürftig – über dem Tisch hing eine nackte Glühbirne, die Hälfte des Bodens war mit Sperrholzplatten ausgelegt, die andere Hälfte bestand aus Laminat in Holzoptik –, aber trotzdem saß man nicht in einem finsteren und feuchten Loch. Es gab drei bodentiefe Fenster, die eine Art Triptychon des dahinterliegenden Waldes bildeten. Es gab einen Kühlschrank, einen elektrischen Herd und einen Backofen. Außerdem stand da ein Holzofen zum Einheizen. Stieg man eine steile, hölzerne Treppe nach oben, stand man im Schlafbereich – mit breiten Dielenbrettern aus Echtholz, einer Dachschräge und einer Matratze in der Ecke. Gegenüber befand sich Levs ganzer Stolz: ein kleiner, etwas erhöht liegender Arbeitsbereich mit Schreibtisch und einem eindrucksvollen Blick über die Green Mountains. Die Fenster befanden sich oberhalb eines der verwitterten Balkone. Die grünen Hügel rollten wie brechende Wellen zum Horizont.

»Neun Monate«, hatte Lev gesagt, während wir hinausblickten. »Sie ziehen am ersten Oktober ein. Dann erleben Sie den geballten Winter hier in Vermont. Sind Sie sicher, dass Sie das schaffen?«

Ich nickte.

»In diesen Wäldern kann die Zeit einen trügen.«

»Ich verstehe.«

Er wünschte sich, dass ich verstand, doch er wollte, dass ich es nicht einfach so tat, er musste das näher erläutern: »Der Zeitsinn verändert sich.«

»Sicher«, sagte ich. Ich stellte mir einen verrutschten Stapel Zeitschriften vor, das kam am ehesten heran an Zeitung, und der war für mich das Nächstliegende, wenn ich mir Zeitsinn bildlich vorstellen wollte. Seit meinem Unfall mit dem Auge neigte ich dazu, das zu sehen, was ich hörte, selbst wenn das Bild eigentlich gar nicht passte.

»Lesen Sie sich auf jeden Fall die Anleitung durch, die ich Ihnen hierlasse. Und denken Sie daran, was ich Ihnen über die Rußablagerungen im Kamin gesagt habe. Und darüber, dass man das Dach freischaufeln muss. Und dass die Toilette einfriert. Ja, einfriert, das kann passieren.«

Zu guter Letzt, als wir wieder nach unten gingen, bekannte er, dass das Haus etwas abgefahren sei. Es war in den Siebzigerjahren erbaut worden, von einem Hippie aus New York, einem Mann, der eine fast schon krankhafte Furcht vor dem Krieg hatte. Der Mann hatte im Keller einen Luftschutzbunker eingerichtet, eine Art Krypta aus Betonziegeln, die man über eine unter einer Bodenplatte verborgene Treppe erreichte.

Jetzt, da er auf der anderen Seite des Ozeans war und das Haus ganz mir gehörte, war ich endlich bereit, Lev seinen Willen zu lassen. Also schob ich meinen Toast beiseite und öffnete das von ihm geschriebene Handbuch. Während ich las, zuckten draußen Blitze, und die gelben Blätter der Birken leuchteten auf wie Tausende von winzigen Glühbirnen. Die Kiefern erstrahlten in einem tiefen Blau. Unter den Dielenbrettern war ein Donnergrollen zu spüren. Dann setzte der Regen ein und fing an, mir das Haus zu beschreiben, er stellte mir das Dach und die Fenster vor. Es war tröstlich, meine Zuflucht zu hören, die Umrisse des Hauses um mich herum zu spüren. Das schien mir die einzig wahre Anleitung zu sein, die ich in den kommenden Monaten würde verinnerlichen müssen.

Das getippte Handbuch war achtzehn Seiten lang. Es gab Listen, Geschichten, Warnhinweise. Es gab die schmerzhaft offensichtlichen Infos: Bitte Toilette nicht benutzen, wenn das Wasser darin gefroren ist. Es gab die absolut unwichtigen Infos: Der Holzofen ist von der sehr angesehenen Marke Jotul aus Schweden. Einiges war krass überbetont: Die Temperatur des Holzofens darf 370 Grad nicht überschreiten, Kamin könnte sich entzünden und explodieren. Bitte Anzeige am roten Kontrollgerät links am Ofen regelmäßig überprüfen! Die Gefahren lauerten überall. Ich könnte vom Dach fallen. Ich könnte ohne Vorräte über Wochen eingeschneit werden. Ich könnte direkt vor dem Haus einem Bären begegnen. Ich hatte das Gefühl, als würde ich auf dem Weg hinauf auf den Mount Everest über die gefrorenen Leichen von Männern stolpern, der eine von seiner Besessenheit zur Strecke gebracht, der andere erledigt von der Einsamkeit, der Dritte Opfer seiner Angst. Ich hatte keineswegs eine Anleitung für die Benutzung des Hauses in Händen, sondern eine unbeabsichtigt verfasste Einstimmung in die Gefahren des Alleinseins. Zur Unterhaltung konnte man sich mit möglichen Bedrohungen umgeben, damit man nicht die weitaus größere Gefahr erkannte, die im Alleinsein lag. Die Bedrohung durch die Stille. Die Bedrohung durch Langeweile. Die Anleitung ärgerte mich. Ich wollte mir Lev nicht zum Vorbild nehmen. Ich wollte keine furchtsamen Stimmen in meinem Kopf. Und außerdem war ich gerade deshalb hierhergekommen, wegen der Stille: einer Stille, die es mir vielleicht ermöglichte, mich mehr auf das Hören zu konzentrieren, auf dass ich besser sehen könne. Ich brauchte die Weiträumigkeit des Hauses, und ich brauchte die Wälder um mich herum – selbst wenn das alles große Einsamkeit mit sich brachte.

Während ich so durch die Seiten blätterte und meine Befürchtung, ich könnte doch etwas Wichtiges übersehen, immer mehr wuchs, tat sich in meinem Inneren eine Art Spalt auf, ein Riss zwischen den Rippen, durch den eine Schwäche entwich. Ich wusste genau, wie es war, sein Leben in zu großer Einsamkeit zu verbringen, wusste, wie diese tief verwurzelte Isolation den Geist vernebeln konnte. Ich wusste genau, wie es war, wenn man die Orientierung verlor, wenn man nicht nur vergaß, wo Norden, Süden, Osten und Westen lag, sondern etwas viel Grundlegenderes, etwas, das mit der eigenen Verankerung in der Welt zu tun hatte. Das Empfinden, was real ist und was nicht.

In diesen Wäldern kann die Zeit einen trügen. Wieder zuckte ein Blitz auf, die Millionen winziger Glühbirnen in den Laubkronen schon weniger spektakulär als zuvor, mit einiger Verzögerung gefolgt vom Donner. Die grünen Kerzen auf dem Tisch gerieten wieder ins Flackern, ihre Schatten fixierten sie auf der Tischdecke. Immer noch entwich dieses hauchfeine Etwas zwischen meinen Rippen.

Ich stand vom Tisch auf, verstaute das Heft in einem niedrigen Schränkchen unterhalb der Spüle. Ich wollte sie nicht in meiner Nähe wissen, all die Großbuchstaben und fett geschriebenen Worte, dieses ganze Wedeln mit den Armen. Ich wollte nicht daran erinnert werden, auf wie viele unterschiedliche Arten und Weisen die Sache mit der Einsamkeit schiefgehen konnte. Und ich wollte nicht darüber nachdenken, was wohl geschehen würde, wenn ich hier keinen festen Boden unter den Füßen fand, wenn ich nichts ausfindig machte, in das ich mein Vertrauen setzen konnte – oder darüber, dass ich bereits zweimal quer durchs ganze Land gefahren war auf der Suche nach Antworten oder dass mir allmählich das Geld knapp wurde, dass ich keine Alternativen mehr sah, dass ich nicht mehr wusste, wohin ich mich noch wenden sollte. Nach einem kurzen Moment holte ich die Anleitung wieder aus dem Schrank, riss die hintere Seite mit den wichtigen Telefonnummern heraus und überließ den Rest den Flammen im Holzofen. Die zerfledderten Seiten fingen sofort Feuer und zerfielen zu Asche. Ich brauchte das hier. Levs Ängste, versprach ich mir selbst, würde ich nicht zu meinen eigenen machen.

Das Leben kann sich von einer Sekunde zur nächsten völlig verändern. Und wenn das passiert, zerfällt es augenblicklich in zwei Hälften, zwei verschiedene Leben in zwei unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen, und die Brücke zwischen dem Davor und dem Danach wird noch in dem Augenblick, da sie errichtet wird, wieder eingerissen, und die Wucht der Explosion schleudert einen unwiderruflich auf die andere Seite. Dort tun sich neue Fragen auf – Fragen danach, was eigentlich Realität ist, Fragen dazu, was wichtig ist und was nicht und wofür es sich zu leben lohnt. Die muss man beantworten. Es bleibt einem keine Wahl. Denn es gibt keinen Weg zurück in das Davor. Um hinter dem zerrissenen Kulissenhimmel den wahren Himmel sehen zu können, muss man Antworten finden.

Der Himmel an diesem Nachmittag Anfang Mai erstrahlte in einem herrlichen Blau. Ich lief die Stufen des Adams House hinab, die muffige Luft im Treppenhaus stellenweise erhellt von hereinströmendem Sonnenlicht. Ich wurde nirgends erwartet, hatte nichts Bestimmtes vor. Ich war zwanzig Jahre alt. Die Abschlussprüfungen meines Junior-Jahres in Harvard waren erst in drei Wochen. In der Ferne lockte der Sommer: Vormittage ohne Unterricht, Bücher, die ich rein zu meinem persönlichen Vergnügen lesen würde, eine Stelle als Redakteur bei Let’s Go, die auf mich wartete. Nicht dass ich unbedingt Redakteur für Reiseführer werden wollte, aber es schien etwas zu sein, was sich auszuprobieren lohnte, fast schon ein richtiger Job.

Die Turnhalle war so gut wie menschenleer – das Aufprallen einiger Bälle hallte von den Wänden wider, ein paar Jungs machten Wurfübungen auf den drei Plätzen. Hier fühlte ich mich stets wie zu Hause, wenn mich auch ein paar Schuldgefühle plagten, weil ich so viel Zeit zur Verfügung hatte. Meine Freunde Ray und Alexis verbrachten ihre Nachmittage unten im Chemielabor, auf dem besten Weg, ihren Doktor zu machen; mein Zimmergenosse, Andrew, war entweder auf dem Tennisplatz zu finden, wo er für eine Profikarriere trainierte, oder er saß in der Lamont Library und büffelte für seine Kurse, im Ausgleich für die viele Zeit, die er auf dem Tennisplatz verlor. Meine Nachmittage dagegen glichen einer Art Wartezimmer: Ich schrieb gelegentlich Musikkritiken für The Crimson, erledigte die eine oder andere ehrenamtliche Arbeit und ging in die Turnhalle. Das war mein Privileg als Student mit Hauptfach Englisch. Außerdem näherte ich mich dem Ende meines ersten Jahres am College, ich bekam fast durchweg Bestnoten und hatte es überdies nicht eilig. Die Berufsoptionen, die mir meine Familie im Laufe der Jahre vorgeschlagen hatte, waren natürlich stets Anwalt, Arzt oder Geschäftsmann gewesen – so, wie Kinder meist Feuerwehr oder Polizei spielen, nur in der konservativeren Version. Dad, mein Onkel und mein Cousin waren alle Anwälte, und mein älterer Bruder Matt war auf dem besten Weg dorthin.

Ich hatte in meiner Zeit an der Highschool derart viele Stunden mit Basketballspielen verbracht und auch zu Hause mit Matt stundenlang auf dem Sofa gesessen, um die Spiele der Celtics mitzuverfolgen, dass das spontane Spielen zwischendurch mehr für mich bedeutete als nur eine Erholung von der Leistung, die ich nicht erbrachte, von der beruflichen Laufbahn, die ich noch immer nicht gefunden hatte. Von der Grundlinie hochzuspringen, in die Drei-Sekunden-Zone vorzudringen, das war für mich, als würde ich in einem Album meiner Vergangenheit blättern – meine Muskeln erinnerten sich nach wie vor an die vielen Spätnachmittage an der Highschool, an die Spiele mit Matt im Garten, von denen uns nicht einmal das heftigste Schneegestöber abhalten konnte, an Finger, die allmählich taub wurden. So, wie jeder Urlaub Erinnerungen an die vorangegangenen Urlaube weckt, verhielt es sich für mich mit dem Basketball. Jedes Mal, wenn ich den Ball zur Hand nahm, versetzte das Leder unter meinen Fingerspitzen mich zurück zu zahllosen Stunden mit anderen Bällen, auf anderen Plätzen, mit anderen Leuten, und es war jedes Mal eine wortlose Erinnerung daran, wer ich wirklich war.

Wir losten die Teams übers Korbwerfen aus und spielten ein schnelles Spiel bis elf Punkte, doch dann mussten die anderen wieder an den Schreibtisch, um zu lernen. Während sie nach und nach die Turnhalle verließen, rief ein rothaariger Typ mir etwas zu. Er hielt den Basketball zwischen Hüfte und Arm, fast wie ein Klemmbrett. »Nur noch eins«, sagte er. »Dauert bloß eine Viertelstunde. Bist du dabei?«

Während ich zögernd mit dem Schlüssel in der Hand an der Tür stand, spürte ich nichts als eine gewisse Ziellosigkeit in mir. Es machte keinen Unterschied, ob ich noch auf ein Spiel blieb oder ob ich ging. Das Einzige, was mich in meinem Zimmer im Adams House erwartete, waren stundenlange Tagträume – und sollte man damit ab einem gewissen Alter nicht aufhören? Vielleicht war Tagträumen aber auch gar nicht das richtige Wort. Es war eben erst wieder passiert, auf meinem Bett, kurz nach dem Mittagessen. Ich war gerade dabei, für den Kurs ein Gedicht zu lesen, geschrieben im elften Jahrhundert von einer Japanerin namens Izumi Shikibu.

Wenn er, auf den ich warte,

Jetzt käme, was würde ich tun?

Heute Morgen ist der schneebedeckte Garten

so wunderschön ohne irgendwelche Fußspuren.

Ich blickte auf, sah mich im Zimmer um, als wollte ich mich vergewissern, dass niemand mich beobachtete, was lächerlich war, da mein Gesicht vermutlich nichts preisgab; abgesehen davon war ich allein. Doch genau aus diesem Grund lernte ich nie in der Bibliothek. Um mich herum spürte ich die vom Schnee gedämpften Hügel in der Ferne, die fedrig leichte Stille des Morgens. Ich konnte die plötzliche Leere tief im Inneren dieser Frau nachempfinden – wie sehr sie sich nach dem Geliebten verzehrte, natürlich wollte sie, dass er kam, nur dass der frisch gefallene Schnee so völlig makellos war, weshalb er an den Teil ihres Wesens rührte, in den sie am meisten vertraute. Wir sollten uns überlegen, was dieses Gedicht von einem Haiku unterschied, sollten die beiden Formen gegenüberstellen. Und daran würde ich mich gleich machen, reine Routine, doch vorerst wollte ich einfach nur bei ihr verweilen: der Wind in ihrem Haar, ihre zittrig glatte Haut unter dem kühlen Stoff des Kimonos, eine Ahnung von Sex, die sie umgab, die Tatsache, dass sie sehr wahrscheinlich wusste, dass ihre Ängste zugleich sehr kindlich und sehr reif waren. Dann hörte ich schwere Schritte die Treppe hochkommen, eine Tür, die zugeschlagen wurde, und schon machte ich mich peinlich berührt an meine eigentliche Aufgabe, griff nach dem Stift, der einen Fleck auf der Bettdecke hinterlassen hatte.

»Und wie sehen die Teams aus?«, fragte ich, als ich zurück auf den Platz trat.

Peter, der aussah wie Abraham Lincoln ohne den Bart, tat sich mit mir zusammen – hochgewachsen, schlaksig, nichts als Ellbogen und Knie. Wir hatten bereits zusammen gespielt und uns recht wacker geschlagen. Er musste in Bewegung bleiben, sonst wirkte er schnell ungelenk, aber er hatte den einhändigen Wurf aus dem Sprung perfekt drauf, war schnell und beherrschte das Spiel. Der Partner des Rothaarigen hatte einen recht kräftigen Oberkörper und spindeldürre Beinchen, ein bisschen wie die Fahrerkabine eines Sattelschleppers ohne Anhänger.

Die anderen Plätze waren unbesetzt, und schon begann das Spiel – ruhig, zielorientiert, das zufriedenstellende Echo des Dribbelns, das leise Klatschen des Leders, das von Händen aufgefangen und wieder abgegeben wird. Peter und ich lagen vorne, weil der Rothaarige und sein Teamkollege Peter mit seinen flinken Backdoor-Pässen nicht das Wasser reichen konnten. Doch etwa nach der Hälfte des Spiels nahm Peter Anlauf für einen Jumpshot vom rechten Flügel. Der Wurf traf den Korb direkt am vorderen Ring, prallte ab und segelte zurück zur Freiwurflinie. Jeder Einzelne von uns schoss auf den Ball zu. Ich lag vor dem Rothaarigen, doch Peter und der kleine Truck steuerten ebenfalls zielstrebig darauf zu. Für einen kurzen Moment schien der Ball zu schweben und in der Luft zu hängen. Ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, zu dicht dran zu sein, als wäre der Raum zwischen den einzelnen Körpern in Auflösung begriffen. Und dann war da der Schmerz.

In der Turnhalle wurde es totenstill. Ich kauerte am Boden und rührte mich nicht. Das, was ich fühlte, war mit nichts zu vergleichen. Es saß so tief in meinem Inneren, dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Hätte ich mir den Knöchel verstaucht, hätte man mir ein Knie in die Eier gerammt, hätte ich gewusst, wie das weitere Vorgehen war: Schaden begutachten und dann entweder vom Spielfeld humpeln oder weitermachen. Doch jetzt troff etwas Feuchtes, Flüssiges, es war Blut, auf mein Gesicht, tränkte mein T-Shirt. Und es gelang mir nicht, den Schmerz zu lokalisieren. Er saß zu tief in mir drin, als stimmte etwas nicht im Inneren meines Schädels. Als wäre mir Säure oder Ähnliches hinters Auge geraten.

Ganz langsam half Peter mir auf und führte mich vom Platz weg die Stufen hinunter.

Das Tageslicht draußen vor der Turnhalle war nicht zu ertragen. Mein rechtes Auge war bereits zugeschwollen, und das linke nahm die Wirklichkeit nur noch als eine provisorische Version ihrer selbst wahr. Der Gehsteig aus Ziegeln, das Lowell House auf der anderen Straßenseite, nichts von alldem nahm seinen angestammten Platz ein, das Sonnenlicht, das zwischen den Baumkronen durchsickerte, schien mehr als nur einer Quelle zu entstammen, alles wirkte viel zu grell. Die breiten Steinstufen der Turnhalle glitzerten wie Wasser, und erst als mein Fuß sie berührte, wurden sie fest, erst ein Schritt, dann der nächste. Der Raum an sich wirkte viel weiter als sonst, weniger beengt, und trotzdem hatte ich das Gefühl, weniger Platz zur Verfügung zu haben, alles wirkte so beklemmend auf mich. Als würde ich auf einer niedrigeren Frequenz senden als alle anderen und auf einer anderen Bandbreite existieren, die das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann.

Peter wich nicht von meiner Seite und begleitete mich zum ärztlichen Dienst der Universität, doch ich vermied es, ihn anzusehen. Es war sein Finger gewesen, der sich in mein Auge gebohrt hatte. Ich ließ meine Hand instinktiv über die Backsteinmauer streifen, die den schmalen Gehsteig begrenzte. Das Tageslicht war unerträglich grell. Ich wusste nicht, wo ich hinsehen sollte. Ein unaufhörliches Brennen wie von einem Bienenstich war hinter meinem Augapfel zu spüren, begleitet von einem heftigen Pochen. Mein T-Shirt war voller Blut, Wut pulsierte durch meine Adern. Mich überkam der überwältigende Drang, zurückzuschlagen, die geparkten Fahrzeuge aus dem Weg zu räumen. Warum nur war das passiert? Warum war das ausgerechnet mir passiert? Ich redete mir ein, es handle sich nur um Musik aus einem der angrenzenden Räume, etwas, das man getrost ignorieren konnte. Doch ich spürte, dass alles ins Schwimmen geraten war, derart viele Emotionen, die mich hektisch durchströmten, als hätte sich die Grenze zwischen mir und dem tiefsten Ozean mit einem Mal aufgelöst. Ganz vage gestand ich mir ein, dass Zeit eine entscheidende Rolle spielen könnte, doch hätte ich nicht sagen können, wofür. Während Peter und ich die Mount Auburn Street überquerten, deren zwei Fahrstreifen auf mich plötzlich einen schrecklich gleißenden Eindruck machten, versuchte ich darüber hinaus, die wütenden Widerworte auszublenden, die mir durch den Kopf schossen: Ich werde alles besser machen, wenn man mir nur die Chance lässt.

Beim Gesundheitsdienst tupfte mir ein Arzt das Blut vom Auge und drückte mit dem Daumen auf meinem Lid herum. Er war wahrscheinlich um die sechzig. Er stellte sich uns als Dr. Hardenbergh vor und erweckte den Anschein, als sähe er all das nicht zum ersten Mal. Vielleicht waren meine Sinne wacher als sonst, jedenfalls roch sein weißer Kittel nach Mottenkugeln. Sein Büro erinnerte an eine Szene aus einem Gemälde von Norman Rockwell. Er erklärte, er wolle etwas durchschneiden, es würde nicht wehtun, und mit dem linken Auge konnte ich knapp über dem Nasenrücken beobachten, wie er etwas Weißes durchtrennte, das ein wenig an ein gekochtes Ei erinnerte. Es tat wirklich nicht weh – in dem Punkt hatte er recht. Vielleicht war es nur so etwas wie abgestorbene Haut am Auge. Aber dass man etwas vom Auge abschneiden konnte, und das ganz ohne lange Erklärung, beunruhigte mich.

Nachdem er beide Augen rasch mit der Stiftlampe untersucht hatte, stellte Dr. Hardenbergh das Oberlicht wieder an. »Sehr gut«, sagte er.

Ich rührte mich nicht.

»Sie können jetzt zurück auf Ihr Zimmer. Da können Sie sich auf ein ganz schönes Veilchen gefasst machen.« Damit streifte er die Gummihandschuhe ab.

»Ich kann mit dem rechten Auge nichts sehen.«

»Ist nur eine saftige Schwellung. Kein Grund zur Beunruhigung. In weniger als einer Woche sollte sich das Auge wieder öffnen.«

Ich hatte das seltsame Gefühl, verzweifelt an etwas glauben zu wollen, von dem ich wusste, dass es nicht wahr war. »Als Sie mir mit der Stiftlampe ins Auge geleuchtet haben, habe ich rein gar nichts gesehen.«

Dr. Hardenbergh legte die Stableuchte beiseite und zwang mein verletztes Lid mit bloßen Fingern auf. »Sie sehen wirklich gar nichts?«

»Nein. Wirklich nicht.«

»Seltsam. Dann gehen Sie besser in die Augen- und Ohrenklinik. Wissen Sie, wo die ist? Sie können die U-Bahn dorthin nehmen. Die rote Linie.«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

Dr. Hardenbergh trat ans Waschbecken und begann sich die Hände zu waschen: »Wieso sollte ich Sie auf den Arm nehmen?«

»Zeit spielt keine Rolle? Können Sie mir versichern, dass sie keine Rolle spielt?«

»Ein Krankenwagen ist nicht nötig. Wenn es das ist, worauf Sie anspielen.«

Ein physisch spürbarer Zorn jagte durch meinen Körper. Am liebsten hätte ich den Arzt an seinem weißen Kragen gepackt und ihn gegen die Wand gerammt. Doch hinter der Wut lauerte die nackte Angst: Ich hatte nichts aus meinem Leben gemacht, und jetzt sollte mich ein Umstand, auf den ich keinen Einfluss hatte, daran hindern, das wiedergutzumachen. Denn welchem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Wusste dieser Arzt denn nicht, mit wem er es hier zu tun hatte? Wusste er denn nicht, was ich alles noch vor mir hatte?

»Kein Krankenwagen nötig. Nicht nötig. Warum?«

»Ich kann Ihnen keinen rufen. So schreibt es das Protokoll nun einmal vor.«

Ich traute dem Mann nicht. »Dann rufen Sie mir ein Taxi.«

Dr. Hardenbergh starrte mich an.

»Sofort«, sagte ich.

Ich genoss es, nach draußen zu gehen und in der Stille dazusitzen. Es war fast so, als würde ich in einen Ozean hineinwaten, in der Art, wie er die Beine umspült und umschlingt, einen schwerer und leichter zugleich macht. Die ersten paar Tage hielt ich es nur eine begrenzte Zeit drinnen aus.

Es muss am dritten oder vierten Vormittag gewesen sein. Die Haustür, die mit den schweren schwarzen Eisenbeschlägen und dem Glasfenster einen sonderbar mittelalterlichen Eindruck erweckte, öffnete sich auf einen unbepflanzten Hang, der mit unregelmäßigem Gefälle zu den Bäumen abfiel. Ein paar morsche Rundhölzer, die eine Art Treppe bilden sollten, waren zu sehen, inmitten von kniehohem Gras, weißem Berufkraut und Sonnenhut. Die riesige einsame Eiche hatte sich bereits zu einem leuchtenden Kupferrot verfärbt, eine dünne Blätterschicht hatte sich rund um den Stamm gelegt. Ich kletterte an seinen massiven Wurzeln vorbei bis zum höchsten Punkt, kurz bevor der Birkenwald begann. Hinter dem mit Dachpappe gedeckten Hausdach und den Fichtenkronen, die an Turmspitzen erinnerten, schillerten die Hänge in allen Farben des Herbstes, als würden in einer Stadt Jung und Alt einen Umzug veranstalten: das jugendliche, leuchtende Gelb; das beständige, stattliche Grün; die kreischend knalligen Orange- und Rotfärbungen; alle verblassten in der Ferne zu einem bunten Durcheinander von Brauntönen, das in das Blau der Berge überging. Nichts von alledem war mir wirklich neu. Ich hatte aufgehört, jeden Tag aufs Neue die Aussicht zu bewundern. Doch aus irgendeinem Grund umgab mich nun die Stille. Sie war gewaltig in ihrer Absolutheit. Ich hatte es schon einmal gespürt, als ich das erste Mal bei der Wiese abbog, und wenn ich vom C&C zurückkehrte, wo ich meine Vorräte aufgestockt hatte. Doch vielleicht hatten meine Sinne mit der Geschwindigkeit des Wagens nicht mithalten können, und jetzt, nachdem ich mehrere Tage lang nur zu Fuß unterwegs gewesen war, schienen endlich auch sie anzukommen. Sie wurden langsamer und zogen bei mir ein. Wann immer ich in der Vergangenheit allein gewesen war, war da stets die Möglichkeit der Anwesenheit einer anderen Person gewesen – eine Art Tür, die in der Stille offen stand, damit jederzeit ein anderer Mensch eintreten konnte. Doch jetzt trennten mich vier bis fünf Meilen von der Mooreland Farm, und es waren sechs oder sieben Meilen bis zur nächsten Hauptstraße. Niemand würde sich auf mehrere Meilen meinem Haus nähern, nicht an diesem Nachmittag, nicht an diesem Abend, nicht am folgenden Tag. Mein Gehör würde keine menschlichen Geräusche wahrnehmen, abgesehen von meinen eigenen Atemzügen.

Es fiel mir schwer, mir selbst einzugestehen, wie verzweifelt wichtig es für mich war, hier zu sein. Mein einziger Plan, wohl eher eine Art Überlebensinstinkt, war es gewesen, an einen Ort zurückzukehren, an dem meine Sinne sich zu Hause fühlten. Als Junge hatte ich in New Hampshire an einem Camp teilgenommen, direkt auf der anderen Seite des Connecticut River, gegenüber von Vermont. Tagsüber trieben wir dort Sport, abends sangen wir Lieder am Lagerfeuer, und einmal in der Woche machten wir eine Wanderung in den White Mountains. Es war ein Ort, an den ich mich nicht erinnern konnte, ohne ihn körperlich zu spüren. Jeder Marsch zum Fußballfeld trug für mich den Duft nach sonnenerwärmten Blaubeeren in sich; auf dem Softball-Spielfeld roch man schon den Regen, noch bevor er sich über die Bergkuppe herabsenkte, ein stetig zunehmendes Tröpfeln, bis er auf die Blätter über dir niederprasselte. Ich stand gern früh auf, vor allen anderen, die die Hütte mit mir teilten, und saß dann auf der Veranda. Tagsüber war ich nicht anders als die anderen Jungs – ich sparte mir mein bestes Poloshirt für den Square Dance auf, versuchte am Süßkram-Abend ein paar Extra-Snickers zu gewinnen, debattierte gerne über das heißeste Mädchen, das in Koje 19 schlief, und ob mit »Garden« der Madison Square Garden gemeint war, wo die Knicks spielten, oder der Boston Garden, wo die Celtics aufliefen. Doch woran ich mich noch lebhaft erinnere, sind diese frühen Morgenstunden. Aus den mit Fliegengitter verkleideten Fenstern hinter mir hörte ich die Schlafgeräusche meiner Freunde. Der See lag ruhig und still da, als bestünde er aus Glas, lediglich ein paar vereinzelte Nebelschwaden zogen darüber hinweg, und das morgendliche Licht erstrahlte in sattem Grün und Gold. So stellte ich mir den Geruch eines Sees am frühen Morgen vor, so sollten die ersten Tagesstunden aussehen und sich anfühlen. Da war diese erste Ahnung meinerseits, Teil von etwas viel Größerem zu sein als nur eines Freundeskreises, in die Welt um mich herum zu gehören. Es war im Grunde das erste Mal, dass mir ein kurzer Blick auf mich selbst gewährt wurde – nicht, während ich in den Spiegel starrte oder wenn ich versuchte, mich wie meine Freunde zu geben, sondern ein erster Blick auf mich, wenn das, was ich für mein eigentliches Selbst hielt, sich ausnahmsweise absolut ruhig verhielt. Schließlich schlich ich zurück in die Hütte, weil ich nicht als andersartig auffallen wollte. Doch wenn meine Freunde dann allmählich aufwachten, versuchte ich dieses Gefühl stets in das gemeinsame Frühstück hineinzutransportieren, es in alle unsere Aktivitäten auszudehnen. An manchen Tagen funktionierte es, und mein Blickwinkel schien so weit wie der See und die Berge, an anderen Tagen wiederum nicht. Doch diese paar Minuten auf der Veranda brachten mich so gut wie immer zurück zu dem Gefühl in mir, zu der Stille des Dazugehörens – zurück an einen Ort, von dem ausgehend ich fähig war, mit anderen in Kontakt zu treten.

Hier und jetzt, als die Stille sich mit Inhalt zu füllen begann, war sie nicht länger vollkommen. Hoch oben in der Eiche regte sich eine leichte Brise. Etwas weiter unten fegte dieselbe Brise hinter mir durch die Ahornbäume und Birken, sodass es sich wie das Rauschen eines Wasserlaufs anhörte. Die Landschaft fühlte sich zunehmend an wie ein Raum, nur dass es ein Raum ohne Wände und Decke war. Flink kam ein Eichhörnchen durch das Laub am Boden angelaufen, jeder Sprung erzeugte ein vernehmliches Rascheln, als würde es von dem Geräusch selbst angetrieben, als würde es ihm Schwung für seinen nächsten Sprung geben. Ein paar Meter von mir entfernt hielt es inne und schlug in einer raschen, flüssigen Bewegung mit seinem buschigen Schwanz. Es wedelte und wedelte damit. Dann hüpfte es wieder davon, sprang mit einer einzigen geschmeidigen Sinusbewegung davon in die Bäume. Während ich ihm mit den Ohren folgte, wurde mir bewusst, dass ich die räumlichen Abstände ebenso wahrgenommen hatte wie die Geräusche – die Mehrdimensionalität des Geästs der Eiche, des Waldrandes hinter mir, des vertrockneten Laubs im Gras, all das war um so vieles subtiler, als ich es mit dem Auge wahrnahm. Tagsüber wimmelte es von solchen Wegweisern, allesamt Möglichkeiten, mich im Raumgefüge zu orientieren. Die weite Wildnis um mich herum war eine Einladung. Eine Gelegenheit, zu erfahren, was solide war und was nicht – in der Welt und in mir selbst.

Doch später an diesem Nachmittag, als der Regen wieder fiel, drang die ganze Weite auf mich ein. Ich war oben und schleifte gerade eine Futonmatratze vom Gästezimmer in mein Schlafzimmer. Ich wollte nicht länger auf der Unterlage liegen, auf der Lev geschlafen hatte, wollte nicht länger die Abdrücke seines Körpers spüren, sobald ich mich hinlegte, wollte nicht seine nicht zu Ende geträumten Träume in mir aufnehmen. Schweiß sammelte sich in meinen Achselhöhlen. Ich hatte mir die Wange an einer Stelle an der Matratze wund gescheuert. Es wäre so einfach gewesen, den Futon mithilfe einer anderen Person hinüberzutragen, doch da war niemand. Kein Nachbar, kein Freund, der ein Stück den Flur hinunter wohnte. Keine Chance auf die geringste grundlegende Hilfe. Also mühte ich mich weiter ab. Am Türstock verfing sich die Matratze, sodass ich gegen den Türrahmen donnerte. Ich hatte übersehen, dass der Boden nicht ganz eben war. Jetzt hatte ich eine blutige Schramme oberhalb des Ellbogens.

»Scheiße.«

Meine Stimme wirkte fremd auf mich, irgendwie körperlos. Doch da war etwas, das in meinem Blut rauschte. Seit dem Unfall versetzte selbst das leichteste Rempeln auf dem Gehsteig meinen Körper in sofortige Alarmbereitschaft. Etwa einen Monat zuvor hatte ich den Gurt von einem Rucksack an die Wange bekommen, als ein Mann eilig aus der U-Bahn ausgestiegen war. Sofort hatte ich das Bedürfnis verspürt, ihm den Bahnsteig entlang hinterherzujagen und ihn mit voller Wucht zu Boden zu werfen. Ich hatte keine Ahnung, was ich ihm hätte sagen sollen, wenn ich ihn niedergerungen hätte. Und genau das sorgte dafür, dass ich mich ziemlich mies fühlte, als ich mir das Ganze später vergegenwärtigte. Als wäre ich ein tollwütiger Hund, der seine Krankheit unbedingt weiterverbreiten wollte. Seit mir bewusst geworden war, wie leicht mein Körper neuerdings in Panik geriet, ermahnte ich ihn regelmäßig: Du machst dir ernsthaft Sorgen über einen leichten Rempler, eine verstauchte Zehe, einen eingeklemmten Finger? Hast du Angst, du heilst nicht wieder? Du glaubst ernsthaft, das bleibt? Doch das bedeutete nicht, dass die Wut nicht wieder zurückkehrte. So ein Körper ist in dieser Hinsicht ziemlich stur.

Jetzt spürte ich die erste Woge, ein Aufkeimen der Kampfbereitschaft, und unterschwellig das schattenhafte Gefühl, dass man mir Gewalt angetan hatte. Dämlicher Lev, bescheuerter Idiot, warum hast du mich nicht wegen des maroden Fußbodens gewarnt?Du bist für alles selbst verantwortlich.