Cover

DIE AUTORIN

© Eveline C Photography

Anna Banks ist in einer Kleinstadt namens Niceville aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Crestview in Florida.

Von Anna Banks ist außerdem bei cbt erschienen:

Blue Secrets – Der Kuss des Meeres

Anna Banks

Blue Secrets

Das Flüstern der Wellen

Aus dem Englischen
von Michaela Link

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© 2013 by Anna Banks

Published by arrangement with Feiwel & Friends.

All rights reserved.

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel »Of Triton« bei Feiwel & Friends,

an imprint of Macmillan, New York

© 2014 cbt Verlag, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Julia Przeplaska

Dieses Werk wurde im Auftrag von

St. Martin’s Press LLC durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Covergestaltung: buxdesign | Lisa Höfner, unter Verwendung der Motive von Shutterstock.com (Juta, Kiselev Andrey Valerevich)

kg ∙ Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-12876-0
V003


www.cbt-jugendbuch.de

Für Tami

1

Meine Augen wollen sich nicht öffnen. Als wäre da Blei auf meinen Wimpern anstatt Mascara, drücken sie meine Lider so schwer nach unten, dass ich nicht dagegen ankomme. So schwer, dass es sich anfühlt, als hätte ich irgendein Medikament bekommen.

Ich bin verwirrt. Einerseits fühle ich mich so wach, als würde ich vom Meeresgrund an die Oberfläche schwimmen, andererseits ist es, als würde ich bereits an der Oberfläche treiben – auf und ab im beruhigenden Rhythmus der Wellen.

Benommen teste ich meine anderen Sinne.

Hören. Das gedämpfte Geräusch von Reifen auf einer schlechten Straße. Die Wiederholung eines kitschigen Refrains, der aus einem Achtziger-Jahre-Radiosender dudelt. Das Sirren einer Klimaanlage, um die sich schon längst mal jemand hätte kümmern müssen.

Riechen. Der feine Duft von Moms Parfum. Das Kiefer-Duftbäumchen, das schon ewig vom Rückspiegel baumelt. Die behandelte Lederausstattung von Moms Auto.

Fühlen. Der Sicherheitsgurt schneidet mir so stark in den Hals, dass ich sicher später noch was davon haben werde. Der Schweiß unter meinen Schenkeln lässt meine Beine am Leder festkleben.

Road Trip.

Früher habe ich das an meinen Eltern geliebt. Ich kam von der Schule nach Hause und der Wagen war bereits gepackt. Ohne ein bestimmtes Ziel fuhren wir los, ich und Mom und Dad und manchmal noch meine beste Freundin Chloe. Wir sind einfach gefahren, haben uns die Gegend angeguckt und angehalten, wenn wir mehr sehen wollten. Museen und Nationalparks und kuriose Souvenirläden, die Gipsfußabdrücke von Bigfoot verkauften oder ähnliches Zeug. Wir fielen Dads Fotoapparat – seinem großen Hobby – zum Opfer und posierten um der Erinnerung willen touristenmäßig vor der Kamera. Bis heute sind praktisch alle Wände in unserem Haus mit Bildern von diesen Road Trips tapeziert – wie wir einander Hasenohren machen oder schielen oder wie frisch aus der Irrenanstalt die Zunge rausstrecken.

Der Wagen holpert und meine Gedanken überschlagen sich. Erinnerungen wirbeln verschwommen durcheinander, wie von einem mentalen Tornado aufgewühlt. Ein paar Bilder verharren für einen Moment, werden klarer und vergrößern sich zu Stillleben eines normalen Tages. Mom, die den Abwasch macht. Chloe, die mich anlächelt. Dad, der am Küchentisch sitzt. Galen, der durch die Hintertür verschwindet.

Moment mal. Galen

Die Bilder reihen sich nacheinander auf, ordnen und beschleunigen sich, und aus den Stillleben wird ein Film, der mein Leben zeigt. Ein Film, der wiedergibt, wie es dazu gekommen ist, dass ich jetzt angeschnallt, benommen und verwirrt in Moms Auto sitze. Und da begreife ich, dass ich nicht auf einem Road Trip der Familie McIntosh bin. Dass es völlig ausgeschlossen ist.

Vor zweieinhalb Jahren ist mein Dad an Krebs gestorben.

Vor drei Monaten hat ein Hai an der Küste von Destin Chloe getötet. Was wiederum bedeutet, dass es drei Monate her ist, dass ich Galen an jenem Strand kennengelernt habe.

Und ich bin mir nicht sicher, wie lange es her ist, dass Galen und sein bester Freund Toraf mein Haus verlassen haben, um Grom zu holen. Grom, den König von Triton, Galens älteren Bruder. Grom, der sich mit meiner Mutter verbinden sollte. Grom, ein Syrena, ein Fischmann. Der Fischmann, der sich mit meiner Mutter verbinden sollte. Meiner Mutter, die eigentlich Nalia ist, die längst verloren und tot geglaubte Prinzessin von Poseidon, die all die Jahre über an Land gelebt hat, weil

Da wir gerade von Ihrer geschätzten Majestät Mom sprechen … Sie muss verdammt noch mal den Verstand verloren haben.

Und ich bin gekidnappt worden.

2

Galen mustert Grom verstohlen, als sie sich der Küste von Jersey nähern. Er sucht nach irgendeiner Gefühlsregung in Groms Gesicht, einem Schimmer von Glück vielleicht oder von Dankbarkeit oder Erregung. Irgendeinem beruhigenden Hinweis darauf, dass es die richtige Entscheidung war, seinen Bruder hierherzubringen. Irgendeinem ermutigenden Zeichen, dass er den Faden, an dem Groms Leben hängt, nicht vollkommen ausgefranst hat, als er seinem Bruder erzählt hat, wo er war. Und mit wem. Und warum.

Aber wie gewöhnlich benimmt sich Grom wie eine verbissene Auster, nach außen fest verschlossen und versiegelt, um das zu beschützen, was innen ist. Und wie gewöhnlich hat Galen keine Ahnung, wie er die Schale knacken kann. Selbst jetzt, als sie das seichte Wasser erreichen, driftet Grom so emotionslos wie ein Stück Treibholz auf seiner unausweichlichen Reise in Richtung Ufer.

Galen holt die Badehose hervor, die er unter einen vertrauten Stein gestopft hat – eines der vielen Verstecke, die er in der Nähe von Emmas Haus hat –, und reicht sie Grom. Während sein Bruder den mit Hawaii-Mustern bedruckten Stoff anstarrt, schnappen er und Toraf sich ihre eigenen Shorts und schlüpfen hinein. Bevor Galen sich in seine menschliche Gestalt verwandelt, dehnt er erst einmal ausgiebig seine Flosse und massiert sie der Länge nach mit den Fäusten. Seit sie das Hoheitsgebiet von Triton verlassen haben, hat seine Flosse unaufhörlich geschmerzt vor lauter Anspannung vor diesem Ereignis, der Wiedervereinigung von Grom und Nalia.

Und den Antworten, auf die sie alle warten.

Schließlich nimmt Grom Menschengestalt an und schlüpft in die Badehose, als wären die Beinlöcher mit Haizähnen gesäumt. Am liebsten würde Galen ihm sagen, dass es der leichte Teil ist, sich Shorts anzuziehen. Stattdessen sagt er: »Zum Haus ist es nur ein kurzes Stück den Strand hinauf.«

Grom nickt schmallippig und pflückt sich ein Stück Seegras von der Nase, als sein Kopf aus dem Wasser auftaucht. Toraf ist bereits am Ufer und schüttelt sich wie ein Eisbär das überschüssige Wasser ab. Galen wäre nicht überrascht, wenn Toraf losrennen würde, um als Erster das Haus zu erreichen. Sie haben Rayna dort zurückgelassen, darauf hatte Galen bestanden. Da sie beide zu diesem Zeitpunkt als Verstoßene beider Königreiche galten, war anzunehmen, dass Grom eher Toraf Glauben schenken würde als seinen eigenen Geschwistern. Glücklicherweise war Yudor ihnen zuvorgekommen und hatte den König von Triton schon längst davon in Kenntnis gesetzt, dass er selbst Nalias Puls gespürt hatte. Yudor ist der Ausbilder aller Fährtensucher und Torafs Mentor. Mit Yudor streitet niemand.

Trotzdem wäre es erheblich einfacher gewesen, wenn Nalia Galen und Toraf zum Hoheitsgebiet von Triton begleitet hätte. Grom davon zu überzeugen, dass sie noch lebte, war beinahe ebenso schwierig, wie ihn dazu zu überreden, mit an Land zu kommen. Aber genau wie Grom hatte sich Nalia verschlossen wie eine Auster gezeigt und war nicht bereit gewesen, auch nur die geringste Erklärung abzugeben, was vor all den Jahren geschehen war. Die einzigen Worte, die sie schließlich aus ihr herauspressten, waren: »Na, dann bringt Grom eben zu mir.«

Statt sie kurzerhand tretend und schreiend ins Wasser zu zerren – und Emmas Vertrauen in ihn zu zerstören –, traf Galen die spontane Entscheidung, Mutter und Tochter in Raynas Obhut zu lassen. In dieser Hinsicht ist auf Rayna Verlass – wenn sie sich um jemanden kümmert, dann richtig. Und zwar auf ihre ganz persönliche Art und Weise.

Aber jetzt dürfen sie keine Zeit mehr verlieren, denn wegen Yudors Vorsprung ist vielleicht schon ein Suchtrupp unterwegs, und selbst wenn nicht, würde es nicht mehr lange dauern, bis einer kommt. Und er kann – und will – nicht riskieren, dass Emma gefunden wird. Das schöne, eigensinnige Halbblut Emma.

Doch er geht davon aus, dass Nalia es riskieren würde, und das beunruhigt ihn ein wenig.

Während die drei auf dem Weg zu Emmas Veranda Spuren im Sand hinterlassen, bemerkt Galen daneben noch eine andere frische Fußspur, die vom Strand wegführt – wahrscheinlich stammt sie von Emma. Galen weiß, dass dieser Moment sich für immer in sein Gedächtnis einbrennen wird. Der Moment, in dem sein Bruder, der König von Triton, in menschliche Kleider schlüpft, um zu einem von Menschen errichteten Haus zu marschieren, und in das helle Tageslicht blinzelt, weil seine Augen nicht an die Sonne gewöhnt sind.

Was wird er zu Nalia sagen? Was wird er tun?

Die Stufen knarren unter ihren nackten Füßen. Toraf schiebt die Glastür auf und führt Galen und Grom hinein. Und in diesem Moment rutscht Galen das Herz in die Hose.

Wer auch immer Rayna an den Barhocker gefesselt hat – denselben Barhocker, auf dem Nalia bei ihrer letzten Begegnung gesessen hatte –, hat dafür gesorgt, dass es ein schmerzhafter Sturz werden würde, wenn sie sich zu heftig bewegt. Die Hände sind mit einem Stromkabel auf ihren Rücken gefesselt, die Knöchel jeweils mit einem Gürtel an den Hocker gebunden. Ein breites Stück silbernen Klebebands macht sie mundtot und sorgt dafür, dass ihre Augen vor Zorn beinahe bersten.

Toraf rennt zu seiner Gefährtin. »Meine arme Prinzessin, wer hat dir das angetan?«, fragt er und zieht sanft an einer Ecke des Klebebandes. Mit einer schnellen Bewegung wendet sie das Gesicht von ihm ab und gibt einen gedämpften Laut der Entrüstung von sich.

Entschlossen stürzt Galen auf sie zu und reißt das Klebeband mit einem Ruck von Raynas Mund. Sie heult laut auf und funkelt ihn mit einem tödlichen Blick an. »Das hast du absichtlich getan!«

Galen knüllt das Band zu einem klebrigen Ball zusammen und lässt ihn auf den Boden fallen. »Was ist passiert?«

Rayna strafft die Schultern. »Diesmal werde ich Nalia endgültig töten.«

»Okay. Aber was ist passiert

»Sie hat mich vergiftet. Oder irgendetwas in der Art.«

»Bei Tritons Dreizack, Rayna, erzähl mir einfach, was pass…«

»Nalia hat immer wieder gesagt, dass sie zur Toilette muss. Und ich habe ihr erlaubt, das Badezimmer hier unten zu benutzen. Ich dachte, es wäre okay, weil sie sich scheinbar beruhigt hatte, nachdem ihr weg wart. Also habe ich sie losgebunden. Wie auch immer, sie hat sich Zeit gelassen da drin.« Rayna zeigt auf das Badezimmer direkt unter der Treppe. »Irgendwann habe ich nach ihr gesehen. Ich habe geklopft und geklopft, aber sie hat nicht geantwortet. Dann habe ich die Tür geöffnet – ich hätte gleich wissen müssen, dass etwas nicht stimmt, wenn die Tür nicht abgeschlossen ist –, und das Badezimmer war dunkel. Da packt sie mich von hinten und drückt mir etwas aufs Gesicht. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist Emma, die in der Tür steht und Nalia anschreit. Und dann wache ich auf diesem Stuhl hier auf, gefesselt wie ein gewöhnlicher Mensch.«

Als Toraf sie endlich losgebunden hat, untersucht sie die roten Striemen, die sich um ihre Handgelenke gebildet haben. Sie reibt darüber und zuckt zusammen. »Ich werde ihr etwas Schlimmes antun. Bei solchen Sachen kann ich sehr kreativ sein, wie ihr wisst.« Plötzlich krümmt sich Rayna zusammen. »Uh-oh. Ich glaube … ich glaube, ich muss mich …«

Man muss ihr zugutehalten, dass sie wenigstens versucht, sich von Toraf abzuwenden, der jetzt auf den Fersen hockt, um ihre Füße loszubinden. Aber man könnte meinen, er wäre von Anfang an das Ziel gewesen, gerade so als fühle sich Raynas Erbrochenes irgendwie zu ihm hingezogen. »Oh!«, sagte sie, während ihr ein Rest vom Kinn tropft. »Das tut mir leid.« Dann stößt sie ein Knurren aus und bleckt die Zähne wie ein Piranha. »Ich hasse sie.«

Toraf wischt sich die nassen Brocken von der Schulter und hebt Rayna sanft hoch. »Komm, Prinzessin«, murmelt er. »Sehen wir zu, dass wir dich wieder sauber kriegen.« Während er sie in seinen Armen wiegt, wendet er sich mit fragendem Blick zu Galen um.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragt Galen ungläubig. »Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Hast du nicht gehört, was sie gerade gesagt hat? Emma und Nalia sind weg.«

Toraf runzelt finster die Stirn. »Ich weiß.« Dann sieht er Grom an. »Nur damit Ihr Bescheid wisst, Hoheit. Ich bin sauer auf Prinzessin Nalia, weil sie Rayna gefesselt hat.«

Galen fährt sich mit der Hand durchs Haar. Er weiß, wie das jetzt weitergeht. Toraf wird zu nichts zu gebrauchen sein, bis Rayna hinreichend beruhigt und wieder glücklich ist. Der Versuch, seinen besten Freund von etwas anderem zu überzeugen, wäre reine Zeitverschwendung. Zeit, die sie nicht haben. Unglaublich. »Im zweiten Stock ist eine Dusche«, sagt Galen und deutet mit dem Kopf zur Treppe. »In Emmas Zimmer.«

Galen und Grom sehen Toraf nach, während er mit ihrer Schwester die Treppe hinauf verschwindet. »Keine Sorge, Prinzessin«, hören sie ihn gurren. »Emma hat all diese köstlich duftenden Seifen, erinnerst du dich? Und diese schönen Kleider, die du so gerne trägst …«

Grom legt den Kopf schräg und schaut Galen an.

Galen weiß, dass die ganze Sache alles andere als gut aussieht. Da bringt er seinen Bruder an Land, um ihn mit seiner verloren geglaubten Liebe wieder zu vereinen, und die verloren geglaubte Liebe hat seine Schwester gefesselt und sich aus dem Staub gemacht.

Ganz davon zu schweigen, wie die Sache sonst noch aussieht: nämlich illegal. Rayna trägt menschliche Kleider, duscht mit menschlicher Seife und erbricht menschliche Speisen. Allesamt Beweise dafür, dass Rayna mit der menschlichen Lebensart viel vertrauter ist, als sie es sein sollte.

Aber Galen kann sich jetzt keine Sorgen darüber machen, wie irgendetwas aussieht. Emma ist verschwunden. Es fühlt sich an, als würde sich jeder Nerv in seinem Körper um sein Herz flechten und es zusammendrücken, bis es unablässig schmerzt. Er marschiert in die Küche und reißt die Tür zur Garage auf. Nalias Wagen ist fort. Er schnappt sich den Hörer des Haustelefons an der Wand und wählt Emmas Handynummer. Es vibriert auf der Küchentheke – direkt neben dem Handy ihrer Mutter. Angst ballt sich in seinem Magen zu einem Knoten zusammen, als er die Nummer von Rachel wählt, seiner menschlichen Assistentin. Die treu ergebene Rachel mit den genialen Einfällen. Nach dem Piepton sagt er: »Emma und ihre Mutter sind weg und du musst sie finden.« Er legt auf, lehnt sich gegen den Kühlschrank und wartet ungefähr so geduldig wie ein Tsunami. Als das Telefon klingelt, schnappt er so hastig danach, dass er es beinahe fallen lässt. »Hallo?«

»Hey, mein Äffchen. Wenn du sagst, Emma und ihre Mutter seien ›weg‹, meinst du …«

»Ich meine, dass wir Rayna gefesselt in ihrem Haus gefunden haben und der Wagen ihrer Mutter weg ist.«

Rachel seufzt. »Du hättest mir erlauben sollen, ein GPS-System anzubringen, als ich es wollte.«

»Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Kannst du sie finden?«

»Ich bin in zehn Minuten da. Mach keine Dummheiten.«

»Wie zum Beispiel …?«, fragt er, aber da hat sie bereits aufgelegt.

Er dreht sich zu Grom um, der einen Bilderrahmen in der Hand hält. Mit dem Finger zeichnet er die Umrisse von Nalias Gesicht nach. »Wie ist das möglich?«, fragt er leise.

»Das nennt sich Fotografie«, antwortet Galen. »Menschen können jeden Augenblick mit einem Ding festhalten, das sie …«

Grom schüttelt den Kopf. »Nein. Das meine ich nicht.«

»Oh. Was meinst du dann?«

Grom hält das Bild hoch. Ein Schwarz-Weiß-Porträt von Nalia, wahrscheinlich von einem professionellen Fotografen. »Das ist Nalia.« Er fährt sich mit der Hand durchs Haar, eine Angewohnheit, die er und Galen von ihrem Vater geerbt haben. »Wie ist es möglich, dass sie noch lebt und ich jetzt erst davon erfahre?«

Galen stößt den Atem aus. Darauf weiß er keine Antwort. Und selbst wenn er eine hätte, wäre es nicht seine Aufgabe, sie seinem Bruder zu geben. Es ist Nalias Aufgabe. Nalias Verantwortung. Na, dann viel Glück dabei, etwas aus ihr herauszubekommen. »Es tut mir leid, Grom. Aber sie wollte mir nichts erzählen.«

3

Je länger ich sie anstarre, desto mehr wirkt die Rauputzdecke über mir wie ein exquisites Mosaik. Die gelben Flecken, die wohl von dem lecken Dach herrühren, verleihen den ungleichmäßigen weißen Hügelchen das gewisse Etwas. Der Widerschein der Lichter eines Autos, das vor dem Motelzimmer parkt, betont dieses Design wirklich brillant mit einem abstrakten Muster. Ich versuche, einen Namen für dieses provokante Kunstwerk zu finden, und entscheide mich für »Hüttenkäse, glorifiziert«.

Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich mich damit nur selbst von der Kehrtwende ablenke, die mein Leben gerade gemacht hat. Ich frage mich, ob Galen schon zurück ist. Ich frage mich, was er denkt. Ich frage mich, ob es Rayna gut geht, ob sie ebenso mörderische Kopfschmerzen hat wie ich und ob Chloroform auf eine reinblütige Syrena genauso wirkt wie auf einen Menschen. Ich wette, dass sie jetzt wirklich versuchen wird, meine Mom mit ihrer Harpune zu erledigen, was mich einmal mehr an die letzten vierundzwanzig Stunden des Wahnsinns erinnert.

Ich sehe die Szenen der vergangenen Nacht erneut vor mir, eine Sammlung von Schnappschüssen, die mein Gedächtnis zwischen meinen Herzschlägen aufgenommen hat:

Herzschlag.

Galen, wie er seine Hände ins Spülwasser taucht. »Du hast eine Menge zu erklären, Nalia.«

Herzschlag.

Ein Aufblitzen von Galen, der Moms schaumiges Handgelenk packt.

Herzschlag.

Ein Bild von Mom, die knurrt, als Galen sie in seinen Armen umdreht.

Herzschlag.

Ein Standbild von Mom, die den Kopf in den Nacken wirft und dabei Galens Stirn trifft.

Herzschlag.

Eine Aufnahme von Galen, der in den Kühlschrank kracht und dabei eine kunterbunte Kollektion von Magneten – ein ganzes Leben lang gesammelt – auf dem Boden verstreut.

Herzschlag.

Schlag, schlag, schlag.

Die Standbilder verwandeln sich in bewegte Bilder.

Mom ragt vor ihm auf, das Messer schwebt zwischen ihnen in der Luft, und sie ist bereit, ihn wie einen Kabeljau zu filetieren. Ich schreie. Hinter mir zersplittert irgendetwas Großes. Das Geräusch von herabregnendem Glas übertönt mich.

Genau diese eine Sekunde ist alles, was Galen braucht. Abgelenkt hebt Mom den Kopf, gerade so weit, dass Galen Spielraum hat, um der Klinge auszuweichen. Statt seines Fleisches trifft sie mit der Klinge den Kühlschrank. Das Messer entgleitet ihren vom Spülwasser glitschigen Händen und fällt klirrend zu Boden.

Herzschlag … Herzschlag.

Wir alle beobachten, wie sich das Messer dreht, als hinge das, was als Nächstes geschieht, davon ab, in welche Richtung es zeigt. Als würde die Klinge entscheiden, wer den nächsten Schritt tun wird. Es fühlt sich an wie eine Unterbrechung des Fieberwahns, wie eine Chance für den gesunden Menschenverstand, sich anzuschleichen und die Kontrolle zu übernehmen. Ha.

Verschwommen sehe ich Toraf an mir vorbeigehen; in seinem Haar funkeln ein paar Splitter von dem, was einmal unser Erkerfenster war, wie Ziermünzen. Und der gesunde Menschenverstand zieht sich zurück wie ein ängstlicher Vogel. Toraf stürzt sich auf meine Mutter, und sie wälzen sich auf dem Linoleum, begleitet von einer schaurigen Melodie aus nassem Glucksen und leisem Stöhnen. Galen kickt das Messer in den Flur und dann wirft er sich bäuchlings auf die beiden. Das Wirrwarr von Armen und Beinen, Füßen und Händen rollt immer weiter in die Küche hinein, bis nur noch ab und zu ein paar zuckende Gliedmaßen vom Wohnzimmer aus zu sehen sind. Vom Wohnzimmer aus, wo ich – ich kann es kaum fassen – immer noch stehe.

Wie ein unbeteiligter Zuschauer beobachte ich mein eigenes Leben, wie meine beiden Welten in einer Supernova aufeinanderprallen. Mom und Galen. Mensch und Syrena. Poseidon und Triton. Aber was kann ich tun? Wem soll ich helfen? Mom, die mich achtzehn Jahre lang belogen und dann versucht hat, meinen Freund abzustechen? Galen, der es ein klein wenig an Fingerspitzengefühl hat mangeln lassen, als er meine Mom beschuldigte, eine durchgebrannte Fischprinzessin zu sein? Toraf, der … Was zur Hölle treibt Toraf da eigentlich? Hat er meine Mom wirklich gerade wie ein Quarterback im Football gesackt?

Eine schnelle Entscheidung muss her und der Dringlichkeitslevel erhöht sich auf Verdammt-noch-mal-sofort. Ich komme zu dem Schluss, dass Schreien immer noch das Beste für uns alle ist – es ist nicht gewalttätig, lenkt ab und gehört zu den Dingen, in denen ich sehr, sehr gut bin.

Ich öffne den Mund, aber Rayna kommt mir zuvor – nur dass ihr Schrei noch viel mehr wert ist, als meiner es gewesen wäre, denn ihrer umfasst Worte. »Hört sofort auf oder ich werde euch alle umbringen!« Mit einer klapprigen, rostigen Harpune aus Weiß-Gott-welchem-Jahrhundert drängt sie sich an mir vorbei; wahrscheinlich hat sie das Ding bei einer ihrer Schiffswrack-Exkursionen mitgehen lassen. Sie wedelt damit in Richtung der drei wie ein durchgedrehter Fischer in einem Weißer-Hai-Film. Ich hoffe, sie bemerken nicht, dass sie mit dem hinteren Ende auf sie zielt. Wenn sie die Harpune abfeuert, wird sie unsere Couch aufspießen und mit ihr Grannys ersten Versuch einer Quilt-Decke.

Aber es funktioniert. Die nackten Füße und Tennisschuhe hören auf zu strampeln – vor Angst oder Schock, da bin ich mir nicht sicher –, und Torafs Kopf taucht über der Küchentheke auf. »Prinzessin«, keucht er atemlos. »Ich hab dir doch gesagt, dass du dich da raushalten sollst.«

»Emma, lauf!«, brüllt Mom.

Torafs Kopf verschwindet wieder, gefolgt von einer Symphonie aus Kratzen und Klopfen und Pochen und Fluchen.

Rayna sieht mich an, verdreht die Augen und stampft, vor sich hin brummend, in die Küche. Sie bringt die Harpune in eine tödlichere Position, sodass sie die Rauputzdecke streift und Rost, Rigips und anderes Zeug, das prädestiniert für eine Tetanusinfektion ist, abblättern und wie schmutziger Schnee auf den Boden rieseln. Während sie auf das Knäuel aus zappelnden Gliedmaßen zielt, sagt sie: »Einer von euch wird gleich sterben, und im Moment ist es mir ziemlich egal, wer es sein wird.«

Gott sei gedankt, dass es Rayna gibt. Leute wie Rayna tun etwas. Leute wie ich beobachten Leute wie Rayna, wenn sie etwas tun. Dann umrunden Leute wie ich die Ecke der Küchentheke, als hätten sie geholfen, als hätten sie nicht nur dagestanden, während alle, die sie lieben, sich gegenseitig windelweich prügeln.

Ich sehe mir die drei an, die völlig ineinander verheddert sind. Dann verschränke ich die Arme vor der Brust und versuche, Raynas beeindruckenden Zornesausbruch nachzuahmen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Gesicht gerade mal einen Scheiße-was-war-das-denn-Ausdruck hinbekommt.

Mom blickt zu mir auf und ihre Nasenflügel zittern wie die Schwingen einer Motte. »Emma, ich hab dir doch gesagt, dass du weglaufen sollst«, stößt sie zähneknirschend hervor, bevor sie Toraf den Ellbogen so hart gegen den Mund rammt, dass ich fürchte, er könnte einen Zahn verschlucken. Dann tritt sie Galen in die Rippen.

Er stöhnt, aber es gelingt ihm, ihren Fuß abzufangen, bevor sie das Ganze wiederholen kann. Toraf spuckt Blut auf das Linoleum und packt Moms Arm. Sie windet sich und zappelt, sträubt sich wie ein gefangener Dachs und flucht wie ein Seemann auf Crack.

Mom war noch nie mädchenhaft.

Endlich gibt sie auf und lässt ihre Arme und Beine zum Zeichen ihrer Niederlage zu Boden sacken. Tränen sammeln sich in ihren Augen. »Lasst sie gehen«, schluchzt sie. »Sie hat nichts mit dem hier zu tun. Sie weiß nicht mal von uns. Nehmt mich und haltet sie da raus. Ich werde alles tun.«

Was hier und jetzt bestätigt, dass meine Mom Nalia ist. Nalia ist meine Mom. Heilige Scheiße.

»Emma, du kannst mich nicht ewig ignorieren. Sieh mich an.«

Das schreckt mich auf. Ich reiße meinen Blick von der baufälligen Decke los und richte ihn auf meine verrückte Mutter. »Ich ignoriere dich nicht«, erwidere ich, und es ist sogar die Wahrheit. Ich bin mir jeder noch so winzigen Bewegung bewusst, die sie macht. Seit ich aufgewacht bin, sitzt sie an dem Minitisch neben der Tür und hat sechs Mal die Beine übereinandergeschlagen und das Manöver wieder rückgängig gemacht. Acht Mal hat sie ihren Pferdeschwanz zurechtgezogen. Und zwölf Mal aus dem Fenster gesehen. Ich schätze, es ist meine Pflicht als Gefangene, meine Entführerin im Auge zu behalten.

Mom schlägt die Beine erneut übereinander und beugt sich auf den Unterarmen vor, dann stützt sie das Kinn auf die Hand. Sie sieht müde aus, als sie sagt: »Wir müssen über all das reden.«

Zuerst schnaube ich verächtlich. Dann begreife ich erst, wie absurd diese Feststellung – diese Untertreibung – eigentlich ist, und beginne zu lachen. Tatsächlich lache ich so heftig, dass das Kopfende des Bettes bei jedem atemlosen Kichern gegen die Wand schlägt. Mom lässt mich einfach so weiterlachen, während ich mir den Bauch halte, nach Luft schnappe und pruste, bis ich von selbst innehalte. Ich wische mir die Pseudo-Freudentränen vom Gesicht, bevor sie die grässliche gestärkte Bettdecke beflecken.

Mom beginnt, ihr Bein zu schütteln, was sie immer tut, um im Sitzen mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen. »Bist du fertig?«

Ich richte mich auf und die Bettdecke kräuselt sich um mich herum wie ein unter Blitzeis gefrorener See. Der Raum dreht sich, was zu meinen Top Ten unangenehmer Szenarien zählt. »Womit genau?«

»Ich möchte, dass du jetzt wieder ernst wirst.«

»Dann hättest du mich wahrscheinlich nicht unter Drogen setzen sollen.«

Sie verdreht die Augen und macht eine wegwerfende Handbewegung. »Das war nur Chloroform. Du wirst schon wieder.«

»Und Rayna?«

Sie weiß, was ich meine, und nickt. »Sie müsste ungefähr jetzt aufwachen.« Mom lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. »Dieses Mädchen hat das Wesen eines Makohais.«

»Sagt die Irre, die ihre eigene Tochter mit Chloroform betäubt hat.«

Sie seufzt. »Eines Tages wirst du verstehen, warum ich es getan habe. Aber dieser Tag ist ganz offensichtlich nicht heute.«

»Nein, nein, nein«, sage ich und fuchtele mit der Handfläche in der universellen Komm-mir-bloß-nicht-damit-Geste durch die Luft. »Du wirst jetzt nicht die Verantwortungsvolle-Mutter-Karte ausspielen. Lass uns bitte nicht eine Kleinigkeit wie die letzten achtzehn verdammten Jahre vergessen, Nalia.« So, jetzt habe ich es gesagt. Jetzt wird es endlich zu diesem Gespräch kommen. Ich kann es an dem Ausdruck auf ihrem Gesicht erkennen und wie sie schuldbewusst den Mund verzieht.

Nalia, die Prinzessin von Poseidon, faltet mit aufreizender Gelassenheit die Hände auf dem Schoß. »Wie es scheint, hast du selbst einige Geheimnisse für dich behalten. Ich bin bereit, die Karten auf den Tisch zu legen, wenn du es auch bist.«

Ich lehne mich auf den Ellbogen zurück. »Meine Geheimnisse sind deine Geheimnisse, erinnerst du dich?«

»Nein.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich spreche nicht davon, was du bist. Ich spreche davon, mit wem du zusammen warst. Und was sie dir erzählt haben.«

»Galen hat dir alles gesagt, bevor er gegangen ist, um Grom zu holen. Du weißt genauso viel wie ich.«

»Oh, Emma«, sagt sie, und ihr Ton trieft vor Mitleid. »Sie lügen. Grom ist tot.«

Das kommt unerwartet. »Was treibt dich dazu, das zu denken?«

»Weil ich ihn getötet habe.«

Meine Augen weiten sich. »Äh. Was?«

»Es war ein Unfall und es ist lange her. Aber ich bin mir sicher, dass deine neuen Freunde nicht an einen Unfall glauben. Galen und Toraf sind nicht weggegangen, um Grom zu holen, Emma. Ich bin überzeugt davon, dass sie einen Syrena-Trupp mitbringen werden, um mich zu verhaften. Warum sonst sollten sie Rayna zu meiner Bewachung zurücklassen?«

»Vielleicht weil du dich aufgeführt hast wie eine Wahnsinnige?«

»Wenn es doch nur so wäre.«

Es dauert einige Minuten, das zu verdauen, und da Mom an dieser Stelle im Gespräch innehält, habe ich Zeit, genau das zu tun. Immer und immer wieder sage ich mir selbst, dass Mom Grom für tot hält. Dass sie es wirklich und wahrhaftig glaubt. Was mich dazu zwingt, einige Dinge neu zu überdenken.

Ich habe Grom nie wirklich gesehen. Alles, was ich über ihn weiß, hat Galen mir erzählt. Und die Sache ist die, dass Galen mich schon früher belogen hat. Mein Magen schlägt einen Purzelbaum bei der Erkenntnis, dass er immer noch lügen könnte. Aber warum sollte er? Um sicherzugehen, dass ich Mom nicht bei der Flucht helfe?

Könnten Galen und Toraf wirklich so grausam sein, dass sie mich erneut überlisten, um meine Mutter verhaften zu können?

Andererseits kann ich auch die Tatsache, dass meine eigene Mutter mich genauso belogen hat, nicht einfach vergessen. Achtzehn verdammte Jahre lang. Dann hat sie mich betäubt, mich gekidnappt und in ein schmuddeliges Motel verfrachtet, das nach 1977 riecht. Allerdings ist es mitten in der Woche, und das bedeutet, dass ich die Schule versäume und sie die Arbeit. Sie würde uns nicht einfach aus unserem Leben reißen, wenn sie nicht felsenfest davon überzeugt wäre, dass die Situation ernst ist.

Und mehr noch, ihr Geständnis scheint sie altern zu lassen; ihr Mund und ihre Augenlider hängen herab, ihr ganzer Körper ist auf dem Stuhl zusammengesackt. Sie glaubt wirklich, dass Grom tot ist.

Als sie nichts mehr sagt, zucke ich die Achseln. »Könntest du mir bitte einfach alles erzählen? Diese ganze Salamitaktik bringt mich noch um.« Wirklich.

»Richtig. Tut mir leid.« Sie zieht zum neunten Mal ihren Pferdeschwanz zurecht. »Okay. Da du über Grom Bescheid weißt, nehme ich an, du weißt auch, dass wir uns miteinander verbinden sollten.«

»Ja. Und ich weiß über euren Streit und die Explosion der Mine Bescheid.«

Die Unterlippe meiner Mutter beginnt zu zittern. Dabei ist Mom keine Heulsuse. Es ist kaum zu glauben, dass etwas, das vor so langer Zeit passiert ist, sie immer noch so mitnimmt. Und irgendwie nehme ich ihr das übel, wegen meinem Dad. Schließlich trauert sie da um einen anderen Mann. Okay, einen Meer-Mann. Aber wenn sie über meinen Dad redet, reagiert sie nicht so, und er ist immerhin erst seit gut zwei Jahren tot. Grom dagegen seit Jahrzehnten, zumindest für sie.

»Lass mich raten. Sie haben dir erzählt, Grom habe die Explosion überlebt, richtig?« Jetzt zittert sie beinahe vor Wut. »Nun, ich kann dir sagen, dass das nicht möglich ist. Als ich zu mir kam, war er fort. Ich konnte ihn nicht mehr spüren.«

»Genau das hat Galen auch von dir gesagt. Dass du nirgends mehr zu spüren warst.«

Sie grübelt einen Moment darüber nach, bevor sie mir antwortet: »Emma, wenn ein Syrena stirbt, kann man ihn nicht mehr spüren. Grom und ich konnten einander um die halbe Welt spüren, wenn wir getrennt waren, Schätzchen. Wir waren einfach … auf diese Weise miteinander verbunden.«

Das verletzt mich. Galen hat gesagt, dass Grom und Nalia scheinbar von Anfang an füreinander bestimmt waren. Ich fand das furchtbar romantisch, aber das war, bevor ich erfahren habe, dass Nalia und meine Mutter ein und dieselbe Person sind. Hat ihr mein Dad denn gar nichts bedeutet?

»Also hast du nicht einmal nach ihm gesucht? Du hast einfach das Schlimmste angenommen und bist an Land gegangen?« Irgendwie fühle ich mich ein wenig besser, als ich das ausspreche.

»Emma, ich habe ihn nicht mehr gespürt …«

»Hast du denn nie darüber nachgedacht, dass die Explosion deine Spürfähigkeiten beeinträchtigt haben könnte?«, platze ich heraus. »Galen hat gesagt, Groms Fähigkeiten seien nach der Explosion für eine Weile ziemlich eingeschränkt gewesen. Aber selbst die Fährtensucher konnten dich nicht mehr spüren.«

Sie blinzelt mich an. Öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Dann wird ihr Gesicht ganz rot, und ich kann buchstäblich sehen, wie sie wieder innerlich dichtmacht. So viel also zu Karten-auf-den-Tisch-legen. »Grom ist tot, Emma. Galen hat dich benutzt, um an mich heranzukommen.«

Ich schwinge die Beine über die Bettkante. »Was meinst du damit?«

»Ich meine, Emma, dass Galen diese kleine Romanze mit dir nur angefangen hat, um sich dein Vertrauen zu erschleichen und dich gegen mich auszuspielen. Galen stammt aus der Königsfamilie Tritons, Schätzchen. Auf keinen Fall würde er eine Beziehung eingehen zu …«

»Einem Halbblut«, sage ich und spüre, wie Zorn und Schmerz in meinem Bauch brodeln. Nach Maßstäben der Syrena sind Halbblüter Gräuel. Ich denke an all die Küsse, die Berührungen, das Kribbeln zwischen mir und Galen. Das totale Feuer, das ich spüre, wenn er mich auch nur versehentlich streift. Könnte er wirklich in der Lage sein, sich so gegenüber jemandem zu benehmen, den er in Wirklichkeit verabscheut? Er hat mich schon früher belogen. Könnte das eine weitere Lüge sein? Hat er die ganze Story einfach ein bisschen frisiert, um mich bei der Stange zu halten?

Ich weiß nur eines: Jemand, den ich liebe, belügt mich. Und es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, wer es ist: Ich muss die beiden miteinander konfrontieren.

Wenn Galen sich tatsächlich all die Mühe, mich rumzukriegen, nur gemacht hat, um an meine Mutter heranzukommen, wird er bestimmt seinen Bluthund Rachel ausschicken, um uns aufzuspüren. Galen wird nach uns suchen, da bin ich sicher. Und wenn er uns findet, wird er entweder Grom mitbringen, wie er behauptet hat, oder einen Syrena-Trupp, um meine Mom zu verhaften.

Wenn ich Mom gegenüber durchblicken lasse, dass er uns nachjagen wird, wird sie weiter flüchten. Sie glaubt, dass sie in Gefahr ist, und sie glaubt, dass ich in Gefahr bin. Sie wird niemals aufgeben. Also muss ich irgendeinen Weg finden, die beiden zusammenzubringen und uns gleichzeitig zu beschützen.

Mein Leben ist gerade ziemlich ätzend.

Mir kommen die Tränen, echte Tränen, aber nicht die Art, die sich Mom erhofft. Sie nickt mitfühlend. »Es tut mir leid, Schätzchen. Ich weiß, dass er dir wirklich etwas bedeutet hat.«

Ich nicke ebenfalls, doch es kostet mich echte Überwindung, die folgenden Worte auszusprechen. Worte, die vielleicht wahr sind, vielleicht aber auch nicht. »Ich bin so dumm gewesen, Mom. Ich habe alles geglaubt, was er gesagt hat. Es tut mir leid, dass ich dir nichts davon erzählt habe.«

Mom steht von ihrem Stuhl auf, setzt sich neben mich aufs Bett, legt einen Arm um mich und zieht mich an sich. »Schätzchen, du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Es ist ein erster Vorgeschmack auf die Liebe und Galen hat dich ausgenutzt. Ich würde dir gerne sagen, dass das nur typisch für Syrena ist, aber das Gleiche hätte dir auch mit einem menschlichen Jungen passieren können. Ich bin für dich da. Wir müssen zusammenhalten, du und ich.«

Angesichts der Aufrichtigkeit in ihrer Stimme fühle ich mich so klein wie ein Fingerhut. Jetzt leidet sie nicht nur selbst, weil sie Groms Verlust noch einmal durchlebt, sondern auch mit mir, da sie annimmt, dass ich Galen verloren habe. Ob ich Galen wirklich verloren habe, bleibt abzuwarten, aber ich lasse mich trotzdem von ihr im Arm halten, weil ich nicht mutig genug bin, um ihr in die Augen zu sehen. Schließlich sagt sie: »Ich werde eine Dusche nehmen, um die ganze Reise abzuwaschen. Dann werden wir uns ums Abendessen kümmern und zusammen einen Plan schmieden. Klingt das gut?«

Ich nicke und sie drückt meine Schulter. Sie lächelt ihr »Mutterlächeln«, bevor sie ins Badezimmer geht. Als ich höre, wie sich der Duschvorhang schließt, schnappe ich mir das Telefon.

»Hallo?«, höre ich Galens vorsichtige Stimme.

»Hi«, erwidere ich genauso zurückhaltend. Ich höre ein gedämpftes Summen im Hintergrund und frage mich, wo er gerade ist.

Er seufzt ins Telefon. »Emma.« Die Art, wie er meinen Namen sagt, schmerzt und erregt mich zugleich. Es tut weh, weil – was ist, wenn Mom recht hat und er mich nur benutzt? Es erregt mich, weil – was, wenn sie sich irrt und ich ihm wirklich so viel bedeute, dass er klingt, als hätte mein Anruf sein Leben vervollständigt? »Was ist passiert?«, fragt er.

Bevor ich antworten kann, höre ich Rayna im Hintergrund. »Ich habe dir bereits erzählt, was passiert ist. Ihre Mutter ist so verrückt wie ein Fisch im Netz.«

Ich kichere, doch schon im nächsten Moment spähe ich mit schlechtem Gewissen zum Badezimmer hinüber. Mit gesenkter Stimme sage ich: »Rayna trifft es so ziemlich. Wir sind in einem Motel in …«

Ich fummele so leise ich kann in der Nachttischschublade herum, auf der Suche nach dem üblichen Motelkram. Als ich den obligatorischen Notizblock in der Hand halte, berichte ich Galen: »Ich bin in Uptown. Im Budget-Motel.«

»Ich weiß«, antwortet er. »Rachel hat euch über die Kreditkarte deiner Mom aufgespürt. Wir sind bereits unterwegs.« Natürlich hat Rachel uns gefunden. Als Ex-Mafia-Braut hat sie mindestens so viele verborgene Fähigkeiten wie ein Schweizer Armeemesser. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es ihr so schnell gelingen würde, uns zu finden. Ich werde sie nicht noch einmal unterschätzen.

Es klingt, als würde Galen das Telefon mit der Hand abdecken. Ich höre etwas im Badezimmer klirren und stopfe den Notizblock hastig in die Schublade zurück. »Ich hab nicht viel Zeit«, flüstere ich ins Telefon. »Mom ist unter der Dusche, aber sie wird bald fertig sein.« Ich weiß genau, dass Mom immer nur kurz duscht, nicht weil sie Krankenschwester in der Notaufnahme und deshalb ständig auf Abruf ist, sondern weil sie den Luxus von heißem Wasser nicht genießen kann. Ihre Syrenahaut ist zu dick, um Wärme zu fühlen. Für sie – und mittlerweile auch für mich – ist duschen einfach eine Frage der Hygiene. Ohne genussvolles Herumtrödeln.

»Galen«, platze ich heraus. »Mom glaubt, Grom sei tot. Und sie denkt, dass du sie wegen Mordes verhaften wirst.« Eigentlich wollte ich das vor ihm geheim halten, bis ich seine Reaktion mit eigenen Augen würde sehen können. Aber ein Teil von mir, der eindeutig stärkere Teil, konnte es einfach nicht verschweigen. Jetzt hat er die Chance, sich eine gute Geschichte auszudenken und sie glaubwürdig klingen zu lassen. Also, falls er nicht von Haus aus die Wahrheit sagt.

Schweigen. Dann: »Emma, Grom sitzt neben mir. Er ist nicht tot. Warum sollte sie das denken?« Aber irgendetwas an seiner Stimme klingt merkwürdig. Irgendetwas fühlt sich falsch an. Oder vielleicht doch nicht? Werde ich langsam hyperparanoid?

»Jetzt ist keine Zeit für Erklärungen. Ich glaube, sie hat gerade die Dusche abgeschaltet.«

»Meinst du, sie würde uns glauben, wenn sie seine Stimme am Telefon hört?«

Ich denke eine Sekunde darüber nach. Es wäre möglich, diesem Wahnsinn hier und jetzt ein Ende zu bereiten. Grom das Telefon zu geben und ihn mit ihr plaudern zu lassen, bis sie glaubt, dass es wirklich er ist. Aber Mom ist so felsenfest davon überzeugt, dass man Galen nicht trauen kann, dass sie das Ganze wahrscheinlich einfach als Trick abtun würde. Und dann würde sie wissen, dass ich Galen angerufen habe, und würde auch mir nicht länger vertrauen. Außerdem würde sie wissen, dass Galen eine Möglichkeit hat, uns aufzuspüren. Also ist es das Beste, ihr Grom, wie er leibt und lebt, gegenüberzustellen falls Grom noch leibt und lebt.

Es tut weh, diesen Zusammenhang herzustellen. Dass Galen lügen und mich ebenfalls überlisten könnte. Und das wiederum ist der Grund dafür, warum handfeste Beweise – ein wandelnder Klecks Grom-DNA – notwendig sind. »Sie wird nicht glauben, dass er es ist. Du musst ihn zu uns bringen.«

Er stößt hörbar den Atem aus. »Emma, hör mir zu«, sagt er, und tatsächlich presse ich das Telefon dämlicherweise fester ans Ohr. »Du musst deine Mom für mich hinhalten. Wir sind ungefähr zwei Stunden von euch entfernt. Lass sie nicht noch einmal entkommen.«

Ich verdrehe die Augen. »Oh ja, es war wirklich dumm von mir, dass ich letztes Mal zugelassen habe, dass sie mich unter Drogen setzt. Ich hätte das wirklich kommen sehen müssen.«

Ich kann Galens Grinsen beinahe hören. »Sei schön brav, Engelfisch. Wir werden bald da sein.«

Ich lege auf und starre das Telefon einige Sekunden lang an, den um jede Ziffer herum verkrusteten Dreck. Dieses Telefon und dieses heruntergekommene Motelzimmer haben in all den Jahren wahrscheinlich schon eine Menge zu hören und sehen bekommen. Aber ich bezweifle, dass so ein Gespräch darunter war. Ein Gespräch, in dem ein Fischprinz versucht, eine tote Fischprinzessin und ihre halbmenschliche Tochter aufzuspüren und sich dabei die Tricks einer Ex-Mafia-Tussi zunutze macht.

»Ich hatte gehofft, wir könnten einander vertrauen, Schätzchen.«

Ich fahre erschrocken zu Mom herum, die mit verschränkten Armen an der Badezimmertür steht. Vollkommen bekleidet. Vollkommen trocken. Und die Dusche läuft immer noch auf vollen Touren. Sie muss alles mitangehört haben. »Du weißt nicht mit Bestimmtheit, ob er lügt«, erwidere ich und versuche, nicht sichtbar zu schlucken.

»Pack alles zusammen. Wir brechen auf.«

»Grom sitzt mit Galen im Auto.« Ich greife wieder nach dem Telefon und deute auf die Hörmuschel. »Du könntest mit ihm reden, wenn du mir nicht glaubst.«

Sie kommt zu mir herüber und nimmt mir das Telefon ab. Sie starrt es so lange an, bis der Hörer ein ungeduldiges Außer-Betrieb-Summen von sich gibt. Krachend legt sie auf. »Es ist nur ein Trick, Emma. Pack deine Sachen.«

»Ich komme nicht mit.«

»Oh doch, das wirst du.«

Zum ersten Mal begreife ich, dass meine Mom mich im Falle eines Kampfes wahrscheinlich überwältigen könnte. Sie ist eine Vollblut-Syrena. Ihre Knochen sind härter, ihre Haut dicker, ihr Körperbau muskulöser. Sie war Galen und Toraf eine ebenbürtige Gegnerin. Und dann ist da jetzt dieser Ausdruck in ihren Augen. Eine Art Überlebensinstinkt. Ein Blick, der sagt: Triff bloß die richtige Entscheidung. Und sie hat bereits bewiesen, wie weit sie gehen wird, um mich »zu beschützen«.

Ein eigenartiges Gefühl, seine Mutter so zu taxieren. So eigenartig und so unnatürlich, dass ich beschließe, nicht länger darüber nachzudenken. Ich kann meine Mom also nicht hinhalten. Aber eine solche Gelegenheit wird sich wieder ergeben. Da bin ich mir sicher. Irgendwie werde ich sie dazu bringen, Galen gegenüberzutreten. Und ich werde die Wahrheit herausfinden. Ich stehe auf. »Früher oder später werden sie uns finden.«

»Das werden wir ja sehen.«