Manfred Söhner (Hrsg.)

Faszination Baden-Baden

Text- und Bildband, 112 Seiten, über 150 teilweise großformatige Fotos, durchgehend vierfarbig, Hardcover gebunden, Format 22 x 30 cm, ISBN 978-3-937978-02-4, 24,80 Euro.

Im Buchhandel

Baden-Baden ist ein Mythos, eine Oase für Körper, Geist und Seele – ein Ort, an dem Leichtigkeit und Lebensfreude den Rhythmus bestimmen. Fotografen und Autoren, die die Stadt seit vielen Jahren kennen und lieben, haben in diesem Bildband den einzigartigen Charakter und den unverwechselbaren Charme Baden-Badens in Wort und Bild eingefangen – für alle, die die lebendigen Eindrücke der „Faszination Baden-Baden“ mit in ihren Alltag nehmen möchten.

Baden-Baden und mehr im Internet: www.baden-baden-shop.de

Impressum

Loni Skulima: Nächstes Jahr in Baden-Baden oder Die Vorkosterin

Copyright by AQUENSIS Verlag Baden-Baden 2011

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, photomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

Auf Wunsch der Autorin wurde die Rechtschreibung in der Fassung der ersten Auflage (1998) belassen.

Umschlagfoto: Bernd Weigel
Satz: Schauplatz Verlag & Werbeagentur, Baden-Baden
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783954570034

www.aquensis-verlag.de
www.baden-baden-shop.de

Loni Skulima

Nächstes Jahr
in Baden-Baden

oder Die Vorkosterin

AQUENSIS
R o m a n

Loni Skulima,

geboren in der Pfalz, hat in Heidelberg und München Germanistik, Kunstgeschichte und Anglistik studiert. Sie veröffentlichte Gedichte, Landschaftsbücher und Essays. Mit Mann und Sohn lebte sie in Heidelberg, wenn sie sich nicht gerade beruflich in der Welt umsah. Nach einem Unfall ging sie zur Regeneration nach Baden-Baden und blieb.

Augenschein

Die roten Knöpfe

Beim Betreten des Speisesaals versuchte ich mein Humpeln zu verbergen. Die schon an den kleinen Tischen saßen, meist Damen in hellen Kleidern und mit frisch geplusterten Frisuren, folgten mir in diskreter Neugier mit ihren Augen. Ich spürte, daß sie mir nachsahen, auch wenn sich ihre Haltung nicht änderte, während ich mit verbindlich geneigtem Kopf dem mir zugewiesenen Platz zustrebte.

Ich kannte noch keinen, keiner kannte mich. Ich war eine Neue, eine kleine Sensation unter den obwaltenden Umständen. Ein neues Gesicht tauchte wohl selten hier auf. Nur einem Verschwinden, das meist ein Ableben war, konnte ein Zugang folgen. Denn jeder Tisch wie auch jedes Bett unter diesem Dach waren besetzt. Ich würde von Glück sagen können, wenn mich das Haus zwischen zwei Lebenslänglichen aufnahm nach dem Unfall, der mich niedergestreckt hatte. Nach ein paar Monaten Krankenhaus suchte ich eine Stätte, an der ich in Ruhe und möglichst kurzer Zeit vollends genesen und den Rückweg ins tätige Dasein finden könnte.

Mein Einzug in den Speisesaal war mir auf eine unerklärliche Weise bedeutsam. Dies war schließlich kein Hotel, da hätte ich mich ausgekannt. Wer mochten die Nachbarn sein, und würde man auch mal bei diesem täglichen Mittagessen ein Wort miteinander wechseln? Es herrschte Schweigen. Der Oberkellner eilte mir entgegen, komplimentierte mich an meinen Tisch, rückte den Stuhl, goß den Saft ein, für den ich mich statt der Suppe entschieden hatte, wies auf das Salatbüfett. Die Kellnerin, die das Revier hatte, brachte mir das Menü, das ich angekreuzt hatte.

Während ich die Bissen zum Mund führte, beobachtete ich meinerseits unbewegt die Eintretenden. Einige mühten sich an allerlei Gehhilfen, an Krücken oder Stöcken oder gar an einem Rollwägelchen aus blitzendem Chrom, das sie dann am Tisch möglichst unauffällig parkten. Meinem in der Rehabilitation geschärften Blick entging nicht das gewisse Täppeln bei denen, die von Krankheit oder Alter gezeichnet waren.

Zwischen den Tischen flatterte da und dort ein Wort der Begrüßung auf oder eine Bemerkung über das Essen, das man gerade einnahm, das Wetter oder irgendeine Veranstaltung, leicht, zwitschernd. Als ich nach dem Dessert aufstand, fingerte ich erst einmal nach meinem Handtäschchen, nestelte ein bißchen daran herum, bis ich in der Hoffnung, daß mir meine Gehwerkzeuge nach dem Sitzen wieder gehorchen würden, den Abgang wagte.

Mein Unfall lag schon Monate zurück. Die Krücken hatte ich zu Hause in die Ecke gestellt. Die Ärzte hatten mir versichert, daß das betroffene Bein, jetzt noch nicht ganz belastbar, mit der Zeit durch fleißiges Üben wieder stark würde und ich gehen könnte wie zuvor. Ich durfte mich glücklich preisen, eine so angenehme Unterkunft für die restliche Dauer meiner Wiederherstellung gefunden zu haben, und genoß mein Gastspiel heiter und unverbindlich. Natürlich bemerkte ich, daß auch ich von den ständigen Bewohnern begutachtet wurde. Sie konnten ja nicht wissen, wie bald ich wieder das Weite suchen würde.

Zu diesem Zeitpunkt meines auf ein paar Wochen der Rekreation berechneten Aufenthaltes wandte ich viel Sorgfalt darauf, den Anschein eines unbeschädigten Körpers und eines leichten Schrittes zu erwecken. Wie schon in den Wochen davor in der Klinik, als ich in Gips von Fußsohle bis Hüfte die ersten mühsamen Gehversuche unternommen hatte, war es mir eine gewisse Erleichterung zu bemerken, daß ich mich in meinem durch einen Schlag von außen verursachten und nun doch in der Erwartung von Heilung überschaubar gewordenen Elend ein wenig abhob von jenen anderen Leidenden, die ihre unsicheren, kleinen Schritte wahrscheinlich einem Schlag im Inneren zuzuschreiben hatten. Daß ich meinem Kopf noch trauen konnte, suchte ich mir mit ängstlicher Beflissenheit zu beweisen.

Bei meinem Gastbesuch im Speisesaal konnte ich noch nicht wissen, wie wichtig der Anschein der Beweglichkeit tatsächlich in diesem Haus war; daß ich nur wegen meiner Gehfähigkeit schon in den nächsten Tagen von der einen und anderen Bewohnerin als mögliche Gefährtin ausgeguckt werden würde, als eine, die man zum Spaziergang einlud oder auch zu einer Unternehmung der freien Abendgestaltung, einer Theateraufführung oder einem Restaurantbesuch.

Die sogenannte Residenz, in die ich einziehen wollte – auf kurze Zeit, wie es mir die Betreiber ausnahmsweise gestattet hatten –, war ein Euphemismus, wenn er auch ein recht ansehnliches Ensemble umschrieb. Sie unterschied sich von den Hotels in aller Welt, in denen ich, da reiselustig, schon gelebt hatte, auch von den Krankenhäusern, die ich kennengelernt hatte, von den Sanatorien, in denen ich recherchiert oder regeneriert hatte, und von der Rehaklinik, aus der ich geradenwegs hierher kam: Sie war der Ort einer schicksalhaften Endgültigkeit. Die hier Wohnung genommen hatten, dachten nicht mehr daran, noch einmal fortzuziehen. Sie blieben in aller Regel auf Lebenszeit, so sagte es auch der vorgedruckte Mietvertrag. Ich genoß meine Auffangstation insgeheim voll pfiffiger Freude. In der Ruhe der Genesungszeit konnte ich ganz nebenbei eine Vorleistung auf ein späteres Thema erbringen. Wenn ich einmal eine Bleibe für den eigenen Lebensabend würde suchen müssen, so hatte ich hier schon einmal Gelegenheit, den Rahmen des Altenlebens zu studieren. Zu gegebener Zeit würde ich mich daran erinnern. Das hatte noch Zeit, ein Jahr oder zehn. Noch war ich keine Greisin.

Das Haus hatte bessere Tage gesehen. Es war einmal eines der renommierten Grandhotels des weltberühmten Kurorts Baden-Baden gewesen, damals, zu beider Zeit. Im immer noch wundervollen alten Kurpark am kleinen Fluß Oos, dem auch die immer noch weltberühmte Lichtenthaler Allee folgte, döste es nun behäbig vor sich hin, ein richtiges riesenhaftes Bijou aus der Belle Epoque. Seine exquisite Lage in seinem eigenen großen Park mit ehrwürdigen und seltenen alten Bäumen umgab den doch etwas verbleichenden Glanz des mächtigen Baukörpers aus der Jahrhundertwende mit der Noblesse eines Ambiente von kunstvoller Natürlichkeit.

Noch prangte an einem kleinen Turm über dem Dach der Name des ehemaligen Hotels. BELLERIVE stand in großen Buchstaben über alle Seiten des viereckigen Sockels hinweg zu lesen, abends neonerleuchtet, man hatte von allen Himmelsrichtungen leicht herfinden können. Die Leuchtschrift da oben war auch jetzt hilfreich, wenn man als Neuling mit dem Wagen heranstrebte. Trotz des nahe mündenden Umgehungstunnels war das Straßengefüge der alten Stadt noch immer verwirrend.

Nun also Bellerive. Es klang verheißungsvoll wie eine Botschaft, ein Signal; als lockte endlich ein schönes Ufer nach ungewisser Fahrt. Den Fremden, der diesen Fluchtpunkt erreichte, mochte es wohl umgetrieben haben auf den Meeren des Schicksals und der Zeit, des Kriegs und des Friedens. Hier schließlich steuerte er Rettung und Wohnsitz an.

An einer der Säulen der Parkeinfahrt war ein dezentes Schild angebracht, das von der Umwidmung des Hauses Kenntnis gab. Wer von den Vorübergehenden hätte nicht spornstreichs eintreten wollen, sich hier einer Bleibe für den Bedarfsfall zu versichern. Die Unterweisung setzte sich im Inneren fort beim Anblick des Foyers und der weitläufigen Gesellschaftsräume, von denen ich schon einige kennengelernt hatte. Man hatte mir auch schon berichtet, daß der einstige Besitzer des Hotels, alt geworden, aus Unlust, die notwendigen Modernisierungen ausführen zu lassen, sein Haus an eine Immobiliengesellschaft verkauft hatte, die es für etliche Millionen nach dem Bauherrenmodell in kleine Eigentumswohnungen umwandelte. Davon konnte man sich eine kaufen oder mieten, um darin ein auf kleinen Raum reduziertes, aber von Hilfskräften betreutes Leben zu führen.

Nach meinem kurzen Hineinschnuppern glaubte ich schon feststellen zu dürfen, daß aus dem veralteten Hotel ein modernes Servicehaus geworden war, und das im noblen Gewand eines Baudenkmals. Das Wohnen in den eigenen vier Wänden war schmackhaft gemacht durch ein stets abrufbereites, normalerweise unsichtbares Heer dienstbarer Geister. Die hielten sich bereit auf der Etage, arbeiteten in der Küche und in der Wäscherei, erschienen zum Putzen in der Wohnung, warteten auf im Speisesaal und im Café, das an den Nachmittagen für die Allgemeinheit geöffnet war. Das menschliche Instrumentarium wird wohl ein reibungsloses Zusammenleben so vieler vorwiegend alter Menschen garantieren.

Der halbrund in den Park vorspringende Speisesaal, der mir bei meinem ersten Besuch so großen Eindruck gemacht hatte, übte seinen Zauber aus, sooft ich ihn betrat. Es lag auch an den kleinen quadratischen Einzeltischen, an denen stets nur ein Speisender saß. Man durfte auch bei Tisch mit sich allein bleiben, konnte seinen Gedanken und Beobachtungen nachhängen, die Speisen ohne Geplapper genießen. Kein Zwangskontakt zu fremden Menschen, die man sich nicht ausgesucht hatte. Die miteinander befreundet schienen, hatten doch ihre getrennten Tische beibehalten. Auch wer schrullig daherkam, wurde respektiert. Das gefiel mir. Konversation konnte man nach Tisch bei einer Tasse Kaffee in dem nebenanliegenden Kaminzimmer machen, wenn man es wollte.

Die Rezeption war besetzt wie bei einem richtigen Hotel. Die Angestellten spritzten auf, sobald die Türe ging, um den Eintretenden mit einem Lächeln und mit seinem Namen zu begrüßen, sie sprangen hilfsbereit herzu, wenn es eine Tasche abzunehmen gab, holten den Fahrstuhl herab. Wenn Post einging, so wurde sie hier in die Fächer verteilt. Man konnte sich um Auskünfte hierher wenden und man durfte hoffen, sobald man nach dem Einzug den Rezeptionisten bekannt sein würde, auf Wunsch wohl auch einmal abgeschirmt zu werden. In der eigenen Wohnung würde man die Vorzüge eines Hotels genießen.

Der Fahrstuhl übrigens war eine kleine Köstlichkeit, die mir sogleich gefiel. Seine warme Nußbaumtäfelung war mit weich geschnitzten Girlanden geschmückt, unter dem lebensgroßen Spiegel stand eine samtbezogene Sitzbank, alles in allem eine schatullenhaft ausgezierte Kabine aus der Entstehungszeit des Hauses, die gemächlich die Stockwerke überwand. Ohne den Fahrstuhl hätte ich mit meinem beschädigten Bein nicht hierher gekonnt. Mittlerweile hatte man mir ein freigewordenes Gästezimmer im vierten Stock angeboten, wie es zur sogenannten Kurzzeitpflege zur Verfügung stand.

Ein Haus aus der guten alten Zeit. Das Klischee stieg auf, als ob die Zeit, die alte, gut nur deshalb gewesen wäre, weil sie vergangen ist. Ist sie nur in unserer Erinnerung, die sie verklärt, gut? Auch dies denkmalwürdige Haus, das wie ein Sinnbild der Vergangenheit dasteht, hat zwei Kriege erlebt und eine schmachvolle Zeit der Diktatur, die wir nur zu gern vergessen möchten. Auch für braune Bonzen ist hier einmal der rote Teppich ausgerollt worden. Jetzt ist unsere Zeit. Wir haben eine gute neue Zeit, schon lange Frieden in Europa. Wenn wir es nicht zu einem Krieg kommen lassen, werden unsere Nachfahren diese unsere Zeit vielleicht einmal als eine gute alte preisen. Behagen steigt aus dem alten Bauwerk auf. Ich danke dem Zufall, der mich hierhergeführt hat.

Mit dem Stolz des Entdeckers hat mir Martin die Annehmlichkeiten des Altenheims gezeigt, das sich ein wenig großspurig Residenz nennt.

„Das schönste Haus, das weit und breit zu finden ist“, hat er gesagt, „ganz Dein Stil.“

Er hatte Erkundigungen eingezogen, hatte Freunde befragt, die ebenfalls Mütter hatten unterbringen müssen. Der Lebensraum der Familien ist heute so knapp zugeschnitten, so rationell durchgeplant, daß eine zusätzliche Einquartierung auf längere Zeit nicht zumutbar wäre. Nicht in einer Stadtwohnung und schon gar nicht bei Weltstädtern und Globetrottern, die ihr Beruf umtreibt über Land und Meer in andere Mittelpunkte des Geschehens und der Branchen, wo sie Zweitwohnsitze haben.

Auf Wochen und Monate war der Sohn fern, nur durch einen Anruf gelegentlich herzklopfentreibend mit seiner Stimme bei mir. Wollte da eine Mutter Unterschlupf finden bei Kindern, die meist abwesend waren? Wollte sich einund unterordnen in fremden Gewohnheiten gerade dann, wenn sie, verwitwet und jetzt durch einen Unfall aus der Berufsbahn geworfen, zum ersten Mal Zeit vor sich sah, die ihr selbst gehören würde? Zwar war es eine unfreiwillig freie Zeit, durch einen Schicksalsschlag aufgenötigt und mit der Auflage belastet, das Weiterleben zu erlernen. Aber sie hatte die Chance einer neuen Selbständigkeit in ihrem Schoß. Die Genesende hatte sogar wieder an Reisen gedacht. Ja, wenn die Kinder Kinder gehabt hätten. Dann hätten die Haushalte größeren Zuschnitt, dann wäre vielleicht alles anders gekommen.

„Rana ...“ Martin hob bedeutsam die Stimme. Ich hob die Augen.

„...sub mensa?“ Die Mutter antwortete sofort, ohne Überlegung; Martin wollte sich ausschütten vor Lachen, daß sie nach Jahrzehnten die Worte eines Spiels aus seiner Kindheit parat hatte. Er hatte ein Päckchen unterm Tisch deponiert, das aufzuspüren einem Ritus von damals folgte.

Als der kindliche Lateiner ein paar Tage nicht zur Schule hatte gehen können, hatte ihm seine Mutter einmal auf den Zahn fühlen wollen. Sein Wortschatz war noch beschränkt gewesen. Aus den schon durchgenommenen Vokabeln hatte sie einen Satz gebastelt: „Rana sub mensa habitat“, was halt heißt: „Der Frosch wohnt unter dem Tisch.“

„Aber, Mama, das tut doch kein Frosch.“ Mein Wunderkind war schon beizeiten ein selbständiger Denker gewesen und gewohnt, Zweifel, so er sie hatte, freimütig zu äußern.

„Sieh nach!“

Ein kleiner Marzipanfrosch hatte als Übungstier unter dem Tisch Platz genommen. Der Zehnjährige hatte ihn staunend hochgehoben, berochen und verspeist. Verwöhnt war er ja nicht gewesen, ein Nachkriegskind. Das Haus in Heidelberg war für amerikanische Offiziere von der Besatzungsmacht beschlagnahmt gewesen wie alle Häuser, die über Zentralheizungen und Bäder verfügten. Wir waren kläglich untergekommen in „bewirtschaftetem Wohnraum“ bei Leuten, die unseretwegen noch enger hatten zusammenrücken müssen. Der Konditor hatte eben erst begonnen, aus Surrogaten friedensmäßig aussehende Süßigkeiten herzustellen. Bunte Frösche aus Ersatzmasse, reihenweise. Der Rana-Spaß war gelegentlich wiederholt worden.

Leider gab es mit Enkeln solche Spiele nicht. Es gab keine Enkel. Die Mutter durfte ein Präsent aus derselben Heidelberger Konditorei unter dem Tisch hervorziehen, die damals die Frösche gemacht hatte.

Martin machte mir ein Kompliment zu meinem Gedächtnis. Wenn die Umgebung über ihre Erinnerungsfähigkeit staunt, merkt eine alte Mutter, daß man nicht mehr viel von ihr erwartet.

Der Sohn hat seinen Weg gemacht. Nun wollte er seiner Mutter, die verunglückt war, die angenehmste Wiederherstellung ermöglichen, die er für Geld kaufen konnte. Einen Vater gab es nicht mehr.

„Philemon und Baucis“ hatten seinen Vater und mich unsere Freunde genannt, und wir hatten uns nicht vorstellen können, ohne einander zu leben. Auf beinahe fünfzig Jahre Ehe hatten wir es gebracht, die beiden Jahre davor nicht gerechnet. Ovids Metamorphose in Bäume hatte uns gefallen. Ineinander rauschen dereinst, wenn es mit der menschlichen Gestalt vorbei war, ist eine akzeptable Vorstellung gewesen. Mit der Gleichzeitigkeit des Todes, wie sie sich Ovids Alte als Göttergeschenk erbeten hatten, war es ja nun nichts. Philemon war vorausgegangen. Die Statistik gab mir noch ein paar Jahre. Wir hatten keinen Adressaten mit Wünschen für den letzten Dienst belästigt. Die Bestattung zur Erde fanden wir in Ordnung. Ein Boden für Bäume, nichts natürlicher als das.

Sollte ich mich nun gekränkt fühlen wegen der vorübergehenden Umsetzung in ein Heim, da ich für ein paar Wochen auf ein wenig Entlastung angewiesen war? Sollte ich womöglich abgeschoben werden auf meine alten Jahre? Ein Anflug von Abenteuerlust überkam mich. Aus Residenzen kann man fliehen. Der Entscheidung zum Bleiben gaben dann die roten Knöpfe den letzten Stups. Wo ich mich umsah, im Zimmer, im Bad, am Bett: Unter den Lichtschaltern waren unauffällige rote Klingelknöpfe angebracht.

„Wenn Sie drücken, kommt eine Krankenschwester, um nach Ihnen zu sehen“, sagte die rothaarige Schönheit, die mich führte. Sie entpuppte sich später als die allmächtige Geschäftsführerin, die an der Seite eines auf seine Weise ebenso allmächtigen männlichen Amtswalters das Etablissement so vortrefflich am Laufen hielt, daß es von Angehörigen, die sich vorher gründlich umgeschaut hatten, zum Genesungsort, wenn nicht zum letzten Aufenthalt ihrer Lieben erkoren wurde.

Man hat Geschichten gehört von alleinlebenden Menschen, die gestürzt oder von irgendeinem Anfall heimgesucht worden waren und deshalb in ihrer Wohnung elendiglich verkamen, weil ja keiner draußen wissen konnte, daß hier Hilfe gebraucht worden wäre. Die roten Knöpfe gaben den Ausschlag. Sie sollten mir helfen, ohne eine neue Katastrophe den Weg in die Beweglichkeit zurückzufinden. Diese Schwelle mußte nicht die letzte sein.

Hineingeschleudert

Auf meinen Erkundungsgängen kam ich eines Nachmittags an der Bar vorbei. Sie liegt am Hauptgang gegenüber dem Speisesaal. Ich hatte bisher nur gelegentlich einen Espresso darin genommen. Jetzt wollte ich hineinschauen, prallte aber zurück, als ich sah, daß eine einzige, sichtlich zusammengehörende und angeregt plaudernde Gesellschaft eine Seite der Bar besetzt hatte. Einer der Herren sprang auf, nahm mir die Peinlichkeit des Starrens.

„Sind Sie eine Neue?“ „Ach, nur eine Besichtigerin“, sagte ich. „Dann werden Sie sicher bald bei uns sein“, riefen einige durcheinander. Klang es schadenfroh? So als sprächen sie von einem Verhängnis, und ich wüßte es nur noch nicht? Ich war jedenfalls präsentiert. Ein Stuhl wurde mir untergeschoben, schon saß ich in der Runde, als gehörte ich dazu.

„Wer hier neu bleibt, ist selber schuld“, meinte einer der Herren übermütig, als wolle er meine Zugehörigkeit bekräftigen. Die Damen saßen entlang der Wand auf den schmalen, hohen Sofas, die so günstig für die Haltung sind, ihnen gegenüber zwei oder drei Herren in viel mehr Luft auf leichten Sesseln, alle zusammen etwa ein Dutzend Personen. Es war deutlich, daß die Herren schon kraft ihrer Seltenheit etwas Besonderes waren. Ich hatte en passant eine stehende Einrichtung kennengelernt, die mir als Umschlagplatz jeweils neuester Nachrichten und Gerüchte noch vertraut werden sollte. „Wir sind die Geselligen,“ rief der Herr, der den Ton angab, und ich hörte sehr wohl die Gänsefüßchen. Von einer Geselligen Runde hatte ich an der Pinwand gelesen. Das war sie also. „Jede Woche einmal, und zwar am Donnerstagnachmittag“, schärfte man mir ein. „In der Bar sind wir unter uns.“

Eine Neue ist man längere oder kürzere Zeit. Sobald wieder ein Zugang kommt, meist weiblichen Geschlechts, ist dieser die Neue. Dann gehört die vorhergehende Neue zu den Eingesessenen, mit oder ohne Initiation. Ich vermerke mit Dankbarkeit, daß die Eingesessenen die Neue, die ich war, aufmerksam an die Hand nahmen.

Eine der Damen, Bekanntschaft meiner ersten Stunden, kümmerte sich besonders um mich. Sie wurde nicht müde, mir Örtlichkeiten zu zeigen und Einrichtungen zu erklären: Frau Rosenrot, eine Erscheinung von schwerfälliger Imposanz, um die Achtzig, aber jugendlich getrimmt. Sie war Mitglied des fünfköpfigen Bewohnerbeirats, der sich um Mißstände kümmern sollte, aber so etwas gab es ja offenbar nicht. Es war schwer, von ihr loszukommen, nachdem sie einmal ihre wohltätige Hand auf mich gelegt hatte.

Vorerst widmete ich mich der Aufgabe, das neue Ambiente zu erforschen. Über einen offensichtlich durch Umbauten entstandenen, mehrfach geknickten Korridor im Erdgeschoß geriet ich ins Schwimmbad, eine rechteckige, aber dennoch hübsche Anlage von stattlichen Ausmaßen.

Voller Entzücken schaute ich durch die tadellos geputzte, in Türen gegliederte Glaswand auf den hinteren Teil des Parks. Ein alter, ein wenig bemooster Brunnen mit einer Knabengestalt auf der Säule begeisterte mich. Ich konnte von drinnen nicht sehen, ob der Kleine nach der Mythologie gebildet war, ein Apoll oder Amor vielleicht. Der von grünen Ranken umwimpelte Brunnen in diesem nicht gerade überpflegten abgelegenen Teil des Parks, den man von außen nicht einsehen konnte, schien mir der romantisch-schönste im ganzen Badeort, obwohl es den durch das Fernsehen berühmt gewordenen Drei-Schalen-Brunnen im Garten des Badischen Hofs gab, des trotz vielfacher Anbauten immer noch ein wenig kenntlichen Weinbrennerbaus, der einmal ein Kloster war. Unser Brunnen verströmte seine Anmut nur für uns.

Das Wasser war angenehm temperiert, die Schwimmhalle leer. Ich holte meinen Badeanzug, um einzutauchen. Dies ging nicht ohne eine Erfahrung ab, die sich für Wochen danach als Trauma erweisen sollte. In der Euphorie ob der mir zu Gebote stehenden großen Wasserfläche sprang ich hinein, meine Unfallfolgen vergessend. Beim ersten Schwimmstoß fiel ich, von einem Schmerz im Knie durchzuckt wie von einem elektrischen Schlag, zu Boden. Natürlich raffte ich mich wieder auf. In dem nur brusthohen Wasser über den blauen Fliesen konnte man ja nicht untergehen. Aber von nun an machte ich einen Bogen um die Stätte meiner Demütigung, was mir der Umstand erleichterte, daß ich nach der Besichtigung des Etablissements wieder nach Hause zurückkehren würde.

Nicht mehr ganz so selbstsicher erkundete ich nun das Bellerive. Ich sah mir immer wieder die Gemeinschaftsräume an, die Kaminhalle, das Musikzimmer, die meist leere Bar, den Vortragsraum, in den auch die örtliche Volkshochschule, wie ich hörte, bisweilen einen Vortragsredner mit seinen Dias schickte. Aber nichts ereignete sich, nichts veränderte sich, solange ich da umherging, natürlich nichts. Eine etwas abgestandene, fade Sonntaghaftigkeit durchwaltete die pompösen Räume, die ein wenig schlecht gelüftet rochen. Die auf der Rückseite an das Hauptgebäude angebaute Pflegestation zu betreten, wo wohl mehr Leben hätte herrschen müssen, brachte ich nicht den Mut auf, falls ich überhaupt eingelassen worden wäre.

Eine schmale alte Dame mit schütterem, eisfarbenem Haar sprach mich ein paarmal an, wenn sie sich aus der sogenannten Pflege ins Entree geschlichen hatte. Da saß sie gern auf einem der vergoldeten Empiresessel und bat mit einem zarten „Hallo“ jeden, der vorübereilte, um die Uhrzeit, wahrscheinlich aus Bedürfnis nach Kommunikation, jeden, auch den nächsten ein paar Sekunden später. Diese hier ungehörig auffällige Person, die von den Angestellten nicht schnell genug hinwegkomplimentiert werden konnte, gab mir einen zu diesem Zeitpunkt keineswegs erwünschten Hinweis auf den Verfall, wie er in diesem Hause in der rückwärts versteckten Abteilung ebenfalls Unterschlupf suchte und wie er dereinst einmal auch auf mich zukommen könnte.

Ich bemühte mich, mir die angenehmeren Seiten der Wohnanlage zu Gemüt zu führen, hielt mich mehrmals lang in dem von wohlgepflegten Kieswegen durchzogenen Park auf, in dem ich aber niemals Menschen traf. Nur eine streng aussehende Dame mit einem kleinen Dutt am Hinterkopf, die meinen Gruß nicht erwiderte, beschäftigte sich damit, an der prächtigen Schneeheide in den Pflanzschalen der Einfahrt Köpfchen abzuzupfen, die sie wohl für welk hielt. Sie ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Ich erfuhr später, daß sie wegen dieser nicht gern gesehenen Tätigkeit „Pflückerin“ genannt würde. Ich bewunderte die Komposition der Bäume, die in der Abwechslung von Laub und Nadel selbst jetzt, im Winter, einen bezaubernden Zusammenklang abgaben, die aber auch durch klug geplante freie Stellen Durchblicke von großer Schönheit rahmten.

Ich setzte mich in den langgestreckten steinernen Pavillon griechischer Bauart, in dem alljährlich, wie ich hörte, ein Sommerfest stattfand, und in die nach hinten gelegene luftige Rotunde, die, wie ich später erfuhr, eigens für die Pflegestation errichtet worden war, damit die „gesunden“ Alten nicht mit den „kranken“ Alten in Berührung kommen sollten. Aber auch hier sah ich niemals jemanden sitzen. Ich betrachtete die Mädchen- Skulpturen am Springbrunnen vor dem Haupteingang, der in der Mitte eines Rondells aus Rasen und Blumenbosketten saß, und schielte dabei nach den weniger ranken Gestalten, die an Stöcken und anderen Gehhilfen eben dieses Brunnenrondell im Schneckentempo umrundeten. Sie absolvierten wohl ein Mindestpensum an Bewegung, immer um den Brunnen herum. Ich schaute in den dunkel strömenden kleinen Fluß, der den Park gegen den öffentlichen Kurpark abgrenzte.

Dieses stets schnell vorübereilende Wasser verstärkte eine Empfindung, die mich schon vorher beschlichen hatte: das Gefühl, auf einer Insel zu sein, auf einer gepflegten, fast luxuriösen, aber trotz der Ansammlung von Menschen ähnlicher Erwartungen einsamen Insel; einem Ghetto. Da drüben, jenseits des über seine Staustufen schnellenden Wassers, wandelte das alltägliche, das junge Leben vorbei: Einheimische mit Kinderwagen und sie umrundenden Trabanten, distinguierte Kurgäste, die in den Thermen Heil suchten. Hier aber, diesseits des Flusses, in der exklusiven Vornehmheit der Residenz, herrschte eher so etwas wie Friedhofsruhe.

Schließlich schien mir auch das Haus, ja, die ganze Institution eine Insel im Strom, an der Zeit und Leben vorüberbrandeten, eine Festung für den Ausnahmestatus alter Menschen, die hier in Frieden ihr opulentes Gnadenbrot verzehren wollten. Ein stilles Refugium, ein Tusculum von antikischer Sorglosigkeit für Leute, die vielleicht einmal schwer geschuftet hatten, als sie nach einem verlorenen Krieg nach ihren Möglichkeiten dazu beigetragen hatten, ein Wirtschaftswunder zu schaffen.

Jetzt waren sie an diesem Ufer angekommen, von dem es nur noch hinüberging über Wasser schwärzer als dieser kleine Fluß Oos in Gefilde, die noch keiner gesehen hatte. Da wollten sie doch vorher noch etwas von ihrem Leben haben, ein phäakisches Dasein an bewegtem Ufer genießen, das verdiente Wohlleben, das sich auf den Pensionspreis der exklusiven Einrichtung gründete. Bei aller Attraktivität des Ensembles genoß ich beharrlich die unverbindliche Vorläufigkeit dieser ersten Begegnung, ja, ich kokettierte bei jeder Unterhaltung, die da in Gang kommen wollte, damit, daß ich nur zur Wiederherstellung nach einem Unfall hergekommen sei und ehestens wieder das Weite suchen würde.

Während ich noch in dem Versuch, das Neue zu erfassen, umherschlenderte, sprach mich eine weißhaarige alte Dame an, die ich später als Frau Kerschensteiner kennenlernte. Auf einen Stock gestützt, hatte sie wohl beobachtet, wie ich da ziellos umherging.

„Wollen Sie ein bißchen mit mir spazierengehen?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Oh, leider, ich habe keine Zeit.“

Es war wohl die fadenscheinigste Ausrede, die mir einfiel. Zwar hatte mein Unfallbein gerade insgeheim eine Beendigung meiner Besichtungstour geboten. Aber das konnte die alte Dame ja nicht wissen. Wahrscheinlich war ich über die unerwartete Anrede erschrocken, daß ich mich in mein Gehäuse zurückzog. Die Enttäuschung über die Zurückweisung in dem fremden Gesicht verfolgte mich, zumal ich damals noch nicht wußte, daß ich noch Gelegenheit finden würde, mein brüskes Verhalten wiedergutzumachen.

Wenn Außenstehende es auch nicht auf den ersten Blick wahrnehmen mochten, ich hatte doch meine Einschränkungen, und sie brachten sich oft genug in Erinnerung, auch wenn ich es bisweilen schaffte, sie selbst beinahe zu vergessen. Langsam zu gehen und gar zu stehen, war jetzt meine Sache nicht. Eine gewisse orthostatische Schwäche, die mir mein Leben lang kaum hinderlich gewesen war, verbot mir aber Belastungen jetzt nach dem Unfall. Auch das Alter verstärkte derlei Defekte. Eine Kunstausstellung betrachten, gehend und stehend, ein Kleid anprobieren oder staubsaugen, vor der Orthostase war alles gleich. Herausforderungen waren zu vermeiden. Keiner war ohne Grund hier.

Von einer Übersiedlung auf längere Zeit war nicht die Rede. Ich wohnte in einem netten, aber unpersönlichen Zimmer mit Schleiflackmöbeln, wie sie das Haus für Gäste seiner Bewohner bereithielt. Mein Unfallbein sollte geübt, aber auch geschont werden. Das hielt ich nicht lange aus. Die Zeit, in der ich zur Regeneration verplant war, wollte ich lieber nutzen, um irgend etwas lang Aufgeschobenes aufzuarbeiten, wofür vorher wegen des engen Terminkalenders keine Muße gewesen war.

Ich ließ mir ein paar Sachen kommen, ein angefangenes Manuskript, die Schreibmaschine, bereitgelegte Bücher, das Nötigste halt, was man für eine professionelle Tätigkeit zu brauchen glaubt. Als ich mich mit diesen Dingen umgeben hatte, war ich’s zufrieden. Nicht daß ich mich gleich in die Arbeit gestürzt hätte. Aber daß ich es gekonnt hätte, wenn ich es nur gewollt hätte, beruhigte mich. Ich fühlte mich jetzt ein wenig heimisch. Ohne die „Schuldkomplexe“, wie ich die jetzt wieder um mich herum ausgebreiteten, allmählich fälligen, aber noch nicht weit gediehenen Papiere sah, wäre ich nicht ich selbst gewesen. Schon ehe mich der Unfall aus dem Gefecht zog, war ich mit der Ablieferung der mir übertragenen Arbeiten häufig in Zeitnot geraten. Noch war nicht gewiß, ob es eine Fortsetzung dieser Tätigkeit geben würde. Für den Augenblick war ich freilich der Mahnungen enthoben. Eine Zeit der Rekreation war mir zugestanden. Wie es weitergehen sollte – stand es in den Sternen?

Nachts stand ich oft am Fenster über dem Park und sah nach dem Mond und den Sternen. Um den Mond herbeizugucken, der zu mich oft überraschenden Zeiten über dem Haus hervorkam, trat ich auch auf den zierlichen Balkon hinaus, der zu klein für Freizeitmöbel war, aber groß genug, daß ein Mensch sich stehend darauf aufhielt. Die mit schmiedeeisernen Gittern umfaßten Vorbauten hatte man wohl mehr zur Gliederung und liebenswürdigen Dekoration aus dem Gebäude sprießen lassen, damals, in der Gründerzeit, ehe die allgemeine Gleichmachung nach den Weltkriegen derlei Zierat als Firlefanz abschaffte, weil sich das gewandelte Gesellschaftssystem auf Klares und Rationales beschränken sollte. Hier draußen war ich der Stille der Nacht anheimgegeben. Selbst von dem kleinen Fluß, der so lebhaft durch die Anlagen schoß, wie ich wußte, war kaum etwas zu hören. Nur sehr selten blinkten einmal die Lichter eines Autos auf, das lautlos herankam, aber unsere Einfahrt verschmähte.

Wenn mich auch der Mond mit seinen wechselnden Erscheinungszeiten foppte, ich wurde nicht müde, so weit in die Nacht hinauszutreten, wie es mein kleiner Balkon erlaubte, um ihn zu bewundern, wie er da über den begrenzten Himmelsausschnitt zog, den zu sehen mir das Gebäude im Rücken erlaubte. Es focht mich nicht an, dabei zu wissen, daß die Dinge nicht so waren, wie sie schienen. Das Ahnen kosmischer Bahnen vertiefte die Rätselhaftigkeit der silbernen Magie in den Schauspielen der Nacht, der ich mich gern unterwarf.

Im Haus waren alle Fenster dunkel geworden. Wenn noch Bewohner vor ihren Fernsehapparaten sitzen sollten, so hatten sie das Licht gedämpft, daß nichts nach draußen drang. Schon am frühen Abend regte sich kein Leben mehr. Wohin war ich geraten? Kein Gelehrter, kein Dichter in seiner erleuchteten Stube. Im Lauf der Nacht trat ich noch öfter auf meinen zierlichen Stehbalkon hinaus. Aus dem Rosenrondell vor dem Haupteingang waren Scheinwerfer auf das Haus gerichtet, aus Gründen der Werbung und der Sicherheit, vermute ich. Mein Zimmer hatte stets ein Notlicht von außen.

Ehe ich zu Bett ging, schöpfte ich noch einmal Luft auf dem Balkon. Schräg unterhalb meines Appartements an einem vorspringenden Gebäudetrakt bemerkte ich dann ein Fenster, das erleuchtet war, es war immer dasselbe. Ich sah es sogar noch spät in der Nacht hell und rätselte, wer da wohl wohnte. Es war mir jedenfalls recht heimelig zu sehen, daß doch noch ein anderer am Abend über seinen Büchern saß. Angesichts des einzigen erleuchteten Fensters in der lautlosen Nacht entwickelte ich eine erste Beziehung zu einem Menschen, den ich nicht kannte, von dem ich nur sah, daß er lange aufsaß wie ich.

Frühlingsfeier

In der Allee war es Frühling geworden. Die Allee, keine geringere als die weltberühmte Lichtenthaler Allee in Baden-Baden, war unser Auslauf. Sie war ein wundervolles ebenes Spazierrevier durch Teppiche von Blumen und Rasen unter vornehmen alten Bäumen. Man mußte nur auf einer der zierlichen, japanisch anmutenden Brücken über den kleinen, stets rasch ziehenden Fluß Oos, da war man in der Welt draußen, wo Gesunde und Junge umhergingen und gelegentlich ein Kurgast am Stock an seiner Wiedereingliederung in die Welt der Beweglichen arbeitete. In Decken gehüllte Leidende wurden auf Rollstühlen von ihren Betreuern ausgefahren. Auch wir lustwandelten in dieser Allee, als hätte uns nichts anderes als die Schönheit dieses Badeortes mit seinen heißen Quellen zu einer Kur herangeführt, nichts anderes als die Lust auf Erholung und eine gute Zeit.

Der Frühling kam hier früher als anderswo. Die ersten Blüten, die man noch gar nicht erwartet hatte, wurden von den Spaziergängern mit kleinen, spitzen Entzückensschreien begrüßt. Der Winterling lag plötzlich in knallgelben Tüchern unter den noch kahlen Bäumen in den Ooswiesen, als hätte ein Bühnenbildner seine Requisiten dagelassen.

Die Damen aus dem Bellerive, die tapfer ihre Gehübungen den Winter hindurch gemacht hatten, fühlten sich berechtigt, in der Allee immer wieder bewundernd stehenzubleiben, auch wenn es nicht aus Gründen der Atemnot oder eines Beinleidens angezeigt war. Die ersten Schneeglöckchen mußten sie einfach willkommen heißen, wie sie unversehens zart und ergreifend in ihren grünen Büscheln dastanden, die herzigen Veilchen und die zusammengeballten Himmelsschlüssel an den Böschungen des kleinen Flusses, wo es doch noch in der Nacht Stein und Bein gefror, daß die prächtigen Blütenschalen der Magnolien braun und breiig wurden.

Berühmt war die Krokusblüte auf den Talwiesen, flächig hingebreitete Teppiche in Blau, Gelb, Weiß unter den hohen, jetzt meist noch durchsichtigen Parkbäumen. In der Osterwoche hatte die Scilla, der sibirische Blaustern, kleine Glöckchen hochgetrieben, mehrere übereinander am Stengel, daß man Mühe hatte, sie von den gleichzeitig herausgekommenen Träubeleshyazinthen zu unterscheiden, je enger zusammen sie standen, desto blauer die Teppiche. Aber über und neben ihnen erschienen kalendermäßig, wie es sich gehörte, die Osterglocken, eine kaum auseinanderzuhaltende Vielfalt von Narzissen von den zartesten, zierlichsten Poetas bis zu den kräftigen Glockenträgern. Vor weißen Blütenblättersternen schwankten die mannigfach ausgebildeten gelben Trompeten, wenn sie im Wind ihre leise Musik machten. Die Tulpen waren erst im Kommen. Aber zwischen dem gelbgrünen Gespinst der eben ausschlagenden Bäume zeigten die Blutbuchen schon Farbe.

Die Spaziergänger schnellten auf der Promenade wie elektrisiert durch die junge Blütenpracht, von Kindern und Hunden umtobt. Pärchen suchten Asyl im Windschatten eines Rosengartens, der von verschieden hohen, jetzt noch kahlen, akkurat geschnittenen Buchenhecken umgeben war. Von der etwas höher gelegenen Oospromenade aus sah man hinein wie in ein antikes Labyrinth. Diesen kleinen, besonderen Garten, der da eingesprenkelt lag im großen Kurpark der Lichtenthaler Allee, würde ich wohl noch kennenlernen dürfen, hoffte ich, ehe es wieder heim ging. An diesen ersten warmen Tagen war darin kein Platz auf einer Bank mehr frei. Zu dem fabelhaften, sanften Flußpferd, das ich in dem wenig begangenen hinteren Teil der Anlage entdeckt hatte, verirrte sich keiner.

Unsere Damen fielen auf der Promenade kaum auf, es sei denn durch Distinktion. Wer außer vornehmen Alten trug noch Hut und Handschuhe? Wer schlenkerte bei Sonnenschein als geheime Stütze einen Regenschirm wie unsere so graziös anzusehende Frau Thom, von der nur Eingeweihten bekannt war, daß sie immer damit rechnen mußte, infolge eines Gleitwirbels zu Boden zu gehen.

Kleine Gebresten konnten nirgends leichter als in einer so prächtigen Szenerie überspielt werden. Nur wer gewußt hätte, daß unsere holde Frau Lapis, ehemalige Ärztin, eine engelgleiche Erscheinung mit dem Gesichtchen einer Barbiepuppe, an einer arteriellen Durchblutungsstörung der Beine litt, einer Claudicatio intermittens, die Laien „Schaufensterkrankheit“ und gröbere Menschen lakonisch „Raucherbein“ nannten, hätte ahnen können, daß sie nicht freiwillig und aus lauter Schaulust auf einer Bank im Kurpark saß, an welcher der Korso vorbeitrieb. Dreimal auf dem Weg zum Kurhaus überfalle sie der krampfhafte Schmerz in der Wade, daß sie sich jedesmal schnell hinsetzen müsse, hatte sie mir anvertraut.

Eine Viertelstunde von unserer Brücke nach rechts kam man bei der klassizistischen Säulenreihe des Kurhauses an, wo man in den Nachmittagsstunden auf halbwegs elegante Flaneure und meist auch auf ein Promenadenkonzert treffen konnte, wenn man es wollte. Eine Viertelstunde nach der anderen Seite, oosaufwärts Richtung Kloster Lichtenthal, wo es noch ein wenig naturhaft war, gelangte man zum Reitplatz, um den herum auch gelegentlich Reiter ritten, und wie absichtslos zum Bären, einer gerade nach Umbau wieder in Betrieb genommenen Seniorenresidenz, bescheideneres Pendant unseres Hauses mit einer vergleichbaren Geschichte.

Zuvor verhielt man an einem kleinen Pavillon, der wie eine bunt bemalte Laubsägearbeit aussah, Relikt aus der Aufschwungphase des Bades im neunzehnten Jahrhundert. In Arabesken, die aus den schon tiefgrünen Wiesen wie ausgestanzt schienen, sah man jetzt noch die niedrigen Pensees eingepflanzt, große Glotzbäckchen, gelb und blau, weiß und rot. Sie dienten als Lückenbüßer für die Dahlien, die ihnen bald folgen würden wie die Riesen den Zwergen, soviel wußte ich schon, prächtige Büsche in aparten Sorten und Farben, als Schau inszeniert. Selbst müßige Spaziergänger durften, wenn sie wollten, mittels wasserdicht bereitgehaltener Stimmzettel die subjektiv schönste Dahlie wählen. Die Siegerin wurde später prämiert. Unsere Damen betrieben das mit emsigem Ernst.

Im Café des Bären stärkte auch ich mich mit einem Drink, ehe ich den Heimweg antrat, der nun doch eine beträchtliche Strecke Wegs schien. Beim Schweifen unter den festlichen Bäumen brachten sich die Widrigkeiten in Erinnerung, die mich hierhergeführt hatten. Wenn ich müde heimkehrend meine Tür aufschloß, fand ich neuen Gefallen an der eigenen kleinen Welt des Puppenheims.

Die Fortschritte in meiner Beweglichkeit, die mich hoffen ließen, bald meine geliebte professionelle Tätigkeit wieder aufnehmen zu können, verursachten mir gelegentlich leise Anfälle von Angst, ich müßte allzu schnell wieder weg von diesem wundervollen Schauplatz, noch ehe ich den Wandel der Jahreszeiten darüber hingehen gesehen hätte. Die Zwangspause meiner Rehabilitation erschien mir dann wie ein willkommenes Abenteuer, das leider nur allzu kurz bemessen sein würde. Sogar ein noch entfernterer Wunsch drängte sich gelegentlich durch die Ritzen des Bewußtseins: daß ich dereinst, wenn ich den sogenannten Beruf endgültig an den Nagel gehängt haben würde, einkehren dürfte an einem Ort wie diesem und gar in einem Haus wie diesem, das ich jetzt schon einmal im voraus kennenlernte. Dann würde ich gern noch ein paar Jährchen den Rhythmus der Jahreszeiten erleben (ich bemerkte sehr wohl, wie ich den Lebensjahren, den kostbaren, flattierte mit schmeichelndem Diminutiv). Auch erwischte ich mich bei dem vagen Gedanken, daß ich diese betörende Pracht gern einem lieben Menschen zeigen würde. Frühlings Erwachen auch bei mir.

Am Schwarzen Brett im Bellerive hing die Einladung zu einer Frühlingsfeier, die von einer Mitbewohnerin gestaltet werden sollte.

„Der Frühling, der die Kräfte und die Lebensfreude weckt, diese positive Zeit muß genossen werden“, hatte die Moderatorin, „gezeichnet Dr. Erna Viehöfer“, auf ein Plakat über der Ankündigung gepinselt.

„Sie war mal Lehrerin, da will sie uns etwas zukommen lassen von dem, was sie früher ihren Klassen eingetrichtert hat“, erklärte mir eine meiner Tischnachbarinnen, die neben mir vor dem Anschlag stehengeblieben war. Laut Plakat wollte Frau Viehöfer nicht nur Musik für uns und den Frühling machen, sondern auch mit literarischem Tribut zur Stelle sein.

„Wir kennen die Auftritte und wollen sie uns ersparen.“ Ältere Bewohnerinnen, die schon lang im Haus waren, hatten mich ins Vertrauen gezogen.

„Deshalb verabreden wir jeweils, wer hingeht, wer schwänzen darf. Diesmal sind Sie dran.“ Ich war zur Teilnahme delegiert.

Frau Viehöfer im Bühnenkleid, hauteng, fußlang, empfing die spärlich herantröpfelnden Besucher am Eingang der Kaminhalle, die mit zartem Grün geschmückt war. Das Haus unterstützte die Initiative mit einer Waldmeisterbowle, die ein wenig süß geraten war. Kellner legten Knabbereien auf die Tische. Frau Viehöfer erhob ihre Stimme und den pädagogischen Zeigefinger: „Und dräut der Winter noch so sehr ...“

Das hochgemute Deklamieren wurde von halblauten trockenen Bemerkungen der unsensiblen Zuhörerschaft begleitet. „Frühling läßt sein blaues Band...“ Frau Viehöfer setzte sich an den Flügel, der übrigens ihr Privateigentum und sonst verschlossen war. Sie war so klein und dünn, daß sie hinter dem Instrument verschwand. Aber sie erzeugte wichtige Tonfolgen, über deren Reinheit und Rhythmus zu sprechen wohl nicht angebracht war. Und sie erklärte ihre Musikstücke, als sei sie Leonard Bernstein oder wenigstens Justus Frantz. Grieg und Schumann fanden eine warme Befürworterin in Frau Viehöfer. Die Anwesenden, statt dankbar zu lauschen, unterhielten sich ungeniert und kauten ein Stänglein, als handele es sich um Salonmusik als Hintergrund für Konversation.

„Ich hab’s heute mit dem alten Herrn Goethe“, verkündete die ehemalige Pädagogin, jetzt Alleinunterhalterin, und trug uns den „Osterspaziergang“ vor, auswendig und ohne viel zu stocken. Dafür stockte mir der Herzschlag bei ihren Kunstpausen aus Angst, sie könnte steckenbleiben. Ich nahm mir vor, ihr vorzuschlagen, beim nächsten Mal ein Textblatt in der Hand zu halten, und sei es nur zur Beruhigung ihrer Zuhörer. Sie brachte es fertig, die Verse aus dem Faust, ad usum delphini skandiert, so darzubringen, als wären sie ein Kinderlied.

Die Weisen aus unserer Jugend wurden uns natürlich nicht vorenthalten. Frau Viehöfer hatte vorsorglich Kopien von handgeschriebenen Texten auf den Tischen verteilt. „Im Märzen der Bauer ...“, alt genug waren wir ja zu wissen, daß vor den Traktoren einmal Rösser gedient hatten. Die Vöglein kamen zu ihrem Recht. Außer „Kuckuck“ (Strophe eins bis drei) durften wir „Alle Vögel sind schon da“ singen (ebenfalls eins bis drei). Wenn sich auch das Piepsen unserer alten Stimmen dünn anhörte, irgend etwas längst Verschüttetes wurde in der Tiefe angeschlagen, im Bergwerk unserer Verwerfungen, wir waren gegen unseren Willen gerührt. Frenetisch klatschten wir, um das peinliche Gefühl abzuschütteln. Als Frau Viehöfer unerbittlich fortfuhr mit „Eigentlich wollte ich ja noch ...“, wurde sie mit Beifall niedergemacht.

Warum waren wir so undankbar? Durfte ein Alter, der sich vor Alten produzierte, nicht auf Nachsicht hoffen? Sicher hatte sich die Lehrerin große Mühe gegeben, diese Darbietungen vorzubereiten. Sicher hatte sie Literatur und Noten gewälzt, das Repertoire wieder und wieder geübt. Soweit es die Musikstücke betraf, hatten wir es oft genug hören können. Nun hatte der pädagogische Finger, die Herablassung im Kindergartenton, die Selbstdarstellung die so verdienstvolle Aktion dem Spott preisgegeben.

„Sie holt jetzt im Alter ihre Geniezeit nach. Dafür braucht sie ein Publikum“, bemerkte ungerührt Frau Wagenseil, eine dünne, aber anmutige Person, die ein wenig tonangebend war, als wir in der sogenannten Geselligen Runde darüber sprachen. Natürlich hatte sich Frau Wagenseil die Show erspart. Sie wußte ja Bescheid. Meine Initiation machte Fortschritte.

Die Stunde der Begegnung

Das Mittagessen in dem auf wohltuend einfache Weise eleganten Speisesaal blieb das gesellschaftliche Ereignis des Tages. Der Raum war groß und ein wenig gravitätisch nach guter alter englischer Tradition – das Bellerive war ja einmal ein auch von Ausländern gern besuchtes Hotel der Badestadt gewesen –, aber, wie schon bemerkt, nicht überdekoriert. Er gewann eine eigene Distinktion durch sein vornehmes Halbrund in den Park hinaus. Die Möblierung mit lauter Einzeltischen, auf deren einen jeder Bewohner des Hauses Anspruch hatte, bewahrte optisch die Weite des Ganzen und betonte mit der Gleichförmigkeit der kleinen Tische die Gleichwertigkeit der Sektionen. Nachdem die praktischen Fragen nach eventuell möglicher Hilfeleistung mit den roten Klingelknöpfen zufriedenstellend beantwortet waren, kam der exklusive Umstand der Einzeltische ästhetischen Wünschen und dem Verlangen nach unangefochtener Distanz entgegen.

Durch die Fenster, in welche die geschwungenen Außenwände aufgelöst waren, schlug überwältigend das grüne Wogen von Büschen und Parkbäumen herein und lieferte mit dem Fortschreiten der Jahreszeiten und der Vegetation stets ein wenig unverbindlichen Gesprächsstoff, wenn denn ein höflicher kleiner Zuruf von Tisch zu Tisch angebracht war. Die durch Parkplanung und kosmetische Pflege in langen Jahrzehnten aufgepäppelte, idealisierte Natur, wie sie die ganze Kurstadt noch durchsprenkelte, erwies sich während des nicht gerade ereignisreichen Alltags im Bellerive als ein stets genehmes Thema eines Anknüpfungsgeplauders.

Die Damen, die sich um die Mittagsstunde hier zum Mahl versammelten, waren der eigentliche Schmuck des Speisesaals, blütenhaft, zumal viele von ihnen Garderobe in zarten Pastelltönen trugen, jetzt, mitten im Winter. Sie kamen aus ihren Appartements, wo sie sich für ihren Auftritt schön gemacht hatten, trafen einander auf ihrer Zielwanderung schon auf den breiten Gängen und Treppen oder im Fahrstuhl, der hübschen Holzschatulle aus der Gründerzeit. So leichtfüßig wie möglich betraten sie den Speisesaal, nicht ohne im Vorübergehen mit einem raschen Blick in den einen oder anderen der unterwegs die Wände zierenden goldgerahmten Spiegel ihre sorgsam hergerichtete Erscheinung überprüft zu haben. Die betrachtenswerten Gestalten, die so graziös hereingewandelt kamen, als wären sie sweet seventeen, und es fehlte ihnen nicht das Geringste, stellten das Hereinschleichen der Behinderten an ihren Stöcken und sonstigen Gehhilfen in milden Schatten.