Günther F. Klümper: Die Sagen der Trinkhalle Baden-Baden – Darstellung und Spurensuche.

5. Auflage 2012
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Satz und Gestaltung: Schauplatz Verlag & Werbeagentur, Baden-Baden
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783954570119

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Günther F. Klümper

Die Sagen
der Trinkhalle
Baden-Baden

Darstellung
und Spurensuche

AQUENSIS

Günther F. Klümper bei AQUENSIS

Madeleine Klümper-Lefebvre et Günther F. Klümper

Les Légendes de la Trinkhalle

Komplett in französischer Sprache

Softcover, 12,5 x 19 cm, 112, Seiten, Farbfotos,

ISBN 978-3-937978-60-4, 9,80 Euro

Günther F. Klümper

Trinkhalle Baden-Baden – Its Tales and Legends

Komplett in englischer Sprache

Softcover, 14,5 x 21 cm, 124 Seiten, 50 S/W-Fotos,

ISBN-10: 3-937978-13-5, 10,00 Euro

Günther F. Klümper – gelesen von Heinz Siebeneicher:

Hörbuch Die Sagen der Trinkhalle (ohne Balladen)

1 CD, 67 Min. ISBN 978-3-937978-05-5, 12,00 Euro

Günther F. Klümper

Ein Pimpf erinnert sich –
Deutsche Schicksalsjahre ab 1933

AQUENSIS Menschen, Softcover, 12,5 x 19,5 cm,

120 Seiten, historische Schwarz-Weiß-Fotos,

ISBN: 978-3-937978-40-6, 9,80 Euro

Günther F. Klümper

Du bist nichts, Dein Volk ist alles!

Erinnerungen eines jugendlichen Zeitzeugen 1937 - 1941

AQUENSIS Menschen, Softcover, Format 12,5 x 19,5 cm,

120 Seiten, ISBN 978-3-937978-79-6, 9,80 Euro

Günther F. Klümper

Die Deutsche Ballade von ihren Anfängen bis heute

Eine Auswahl in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen

Hardcover, 15 x 23,5 cm, 342 Seiten,

über 100 Balladen mit Erläuterungen,

ISBN 978-3-9811320-0-7, 32,80 Euro

Günther F. Klümper

Das kleine Badebrevier

Thermalbaden in Baden-Baden – schmunzelnd gereimt

Softcover, 11 x 21 cm, 72 Seiten, viele Farbfotos,

ISBN 978-3-937978-56-7, 6,80 Euro

Günther F. Klümper bei AQUENSIS

Vorwort

Als die von dem Karlsruher Oberbaudirektor Heinrich Hübsch entworfene Trinkhalle 1842 fertiggestellt war, wurden zwei Schüler des berühmten Direktors der Münchner Akademie, Peter von Cornelius, der damals als Freskenmaler bekannte Moritz von Schwind und der Mannheimer Galeriedirektor Jakob Götzenberger aufgefordert, ihre Entwürfe für die vorgesehenen 14 Wandbilder im 90 m langen Wandelgang der Trinkhalle einer Jury vorzustellen.

Götzenberger, einer breiten Öffentlichkeit weniger bekannt als sein Rivale, aber in Fachkreisen als vortrefflicher Historienmaler und Porträtist anerkannt (er hat u.a. die im 2. Weltkrieg völlig zerstörte Aula der Universität Bonn ausgemalt), bekam den Zuschlag, weil seine Honorarforderungen beträchtlich unter denen seines Mitbewerbers lagen und, so darf man vermuten, weil der Jury sein Programm „Sagen aus Baden-Baden und Umgebung“ dem Ausstellungsort angemessener zu sein schien als der von Moritz von Schwind geplante Zyklus „Vater Rhein“.

In seinem Buch «Les fresques de Bade peintes par J. Goetzenberger», gravées par E. Wagner, Darmstadt, o. J. (ein Exemplar wird im Stadtarchiv aufbewahrt) urteilt der Autor Gustave Georges Lange in seinem Vorwort wie folgt über Götzenbergers Malerei: „Cet artiste éminent a résolu son problème avec une perfection qui a dépassé de beaucoup l'attente qu'on avait conçue lors de l'exposition de ses cartons. La composition, le dessin, le coloris, tout révèle le génie d'un maître.“ (Dieser bedeutende Künstler hat seine Aufgabe mit einer Vollkommenheit gelöst, die bei weitem die Erwartungen übersteigt, die man anlässlich der Ausstellung seiner Entwürfe gehegt hatte. Die Komposition, die Zeichnung, die Farbgebung, alles offenbart eine große Meisterschaft).

Mit der architektonischen Gestaltung der Trinkhalle wollte Heinrich Hübsch bewusst von der klassizistischen Linie seines Lehrmeisters Friedrich Weinbrenner abweichen. Sie bildet auch wegen ihrer vom Kurhausensemble isolierten Stellung einen eigenen Blickpunkt und zeugt stilistisch von einem neuen Lebensgefühl, dem der Romantik. Florentinische Schmuckelemente verleihen ihr einen südländischen Reiz, und sie scheint mir mit dem durch die braun-rosa Terrakottaverkleidung erzeugten warmen Ton, der je nach den Lichtverhältnissen für ein ständig wechselndes optisches Erlebnis sorgt, der angemessene Rahmen für die Zurschaustellung unserer heimischen Sagenwelt zu sein.

Die uns zunächst durch die mündliche Überlieferung überkommenen Sagen haben historische (Burg Windeck), religiös-legendäre (Kloster Lichtenthal), natur-magische (Mummelsee), schicksalhafte (Allerheiligen), und durch den Wortsinn bedingte (Baldreit) Fabeln zum Inhalt.

Die in der Trinkhalle angebrachten Bildunterschriften können ebenso wenig wie die Bilder selbst, die ja nur eine Art Momentaufnahmen sind, den ganzen Inhalt vermitteln; das kann nur der Erzähler, sei es in Prosa oder in Form von Balladen, wie ich es in diesem Buch zu tun versucht habe.

Darüber hinaus werden zum tieferen Verständnis Hintergrundinformationen gegeben, die zeigen sollen, dass die Sagen keine bloßen Phantasieprodukte sind, sondern wenigstens ein Körnchen Wahrheit beinhalten, das in der regionalen Geschichte, an einem Bauwerk, an einem Ort oder auch nur an wenigen Steinen ( Kellerskreuz) greifbar ist.

Dieses Buch, das kein Reiseführer im üblichen Sinne sein will, hätte seinen Zweck erfüllt, wenn es dazu anregen würde, sich nicht nur mit einem flüchtigen Blick auf Götzenbergers Bilder zu begnügen, sondern Fragen nach ihrer historischen wie sinnbildlichen Aussagekraft zu stellen.

Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die jetzige Trinkhalle eine Vorläuferin hatte, die sogenannte „Alte“ Trinkhalle, die am südlichen Hang des Schlossbergs, am Florentinerberg, lag. Weinbrenner hatte sie um 1820 in seinem klassizistischen Stil und nach balneologischen Gesichtspunkten gebaut. In einem unterirdischen Reservoir sammelten sich dort die wichtigsten Thermalquellen. 1871 wurde die Halle abgerissen.

G.F.K.

Burkart Keller von Yburg

Wisst, dass dort oben ein Steinkreuz steht,
geheimnisumwittert,
von Moos fast bedeckt, im Dickicht versteckt.
Den Namen Burkart Keller es trägt.

Manch ein Wandrer gewahrt es und staunt,
weiß nicht, was seit alters die Sage raunt:
Hier war es, wo man einst ihn fand,
entseelt.
In Hohenbaden in Diensten er stand,
als Junker von Yburg auch bekannt.

Auf Kuppenheim war es ihm nimmer zu weit;
dort hat er die Tochter des Torwarts gefreit;
sie war schön, und war ihm sehr zugetan.
Wen wundert’s? Beim Plaudern sah’n sie sich an,
einander verlangend;
doch es war noch nicht an der Zeit,
das Ehebett war noch nicht bereit.

Wo Geduld und Tugend, wisset, sich finden,
werden sie schuldlos in Gott sich verbinden.

Wenn immer der Junker vom Dienste befreit,
ist er zu seiner Geliebten geeilt.
Der Weg war ihm leicht, er flog so dahin
mit heiter beschwingtem Freiermannssinn.

Bei den Ochsenmatten, da verstummte sein Lied,
sein Herz ward beklommen, sein Auge mied,
den Blick vom Wege abzulenken.
„Lass mich nur an die Liebste denken!“

Dort stand im Gebüsch seit heidnischer Zeit
ein Opferstein, einer Nymphe geweiht.

Beinahe gefangen
in heissem Verlangen fleht er laut
den Namen der Braut.
Und schon frei ist sein Schritt;
Mit sicherem Tritt
erreicht er das Tor.
 „Wo bangt dir noch vor?
Entronnen bist du der teuflischen Lust;
keusch und rein bleibe deine Brust!“

Doch wehe! In einer Sonnwendnacht
hat das Bildnis ihn umgebracht:
Verschleiert, ein Weib sich nach ihm reckt,
Begierden heidnisch in ihm weckt.
„Warum kann ich nicht meiner Wege gehn,
warum nicht wie eh diesem Bild widerstehn?“

Schon hat er umfasst,
was er brennend gehasst.
Marmorkalt sie ihn umschlingt;
mit dem eisigen Grauen der Junker ringt.
Sie drängt ihn verlangend: „Geliebter, bleib!“
Und saugt ihm die Seele aus dem Leib.

Es bleibt ein Geheimnis, was nächtens geschah.
Kein menschliches Auge sah,
wie die Tugend das Fleisch überwand.

Das Marmorbild zertrümmert man fand.

An die Sage von Burkart Keller erinnert ein sandsteinernes Kreuz mit einer stark verwitterten Inschrift, das etwa 800 m unterhalb des Alten Schlosses in nördlicher Richtung zu finden ist. Es wurde irgendwann zur Erinnerung an einen jungen Ritter aus dem Geschlecht der Herren von Yburg aufgestellt, der der Sage nach in den Diensten der Markgräfin von Hohenbaden stand.

Die südlich von Baden-Baden weithin sichtbare Yburg, von der aus man einen herrlichen Blick über das Rheintal hat, gehörte zum Besitz der Markgrafen von Baden, die es Rittern zu Lehen gaben. Als erster Bewohner wird ein Burkhard genannt und als letzter ein Konrad zu Iburg. Sie wechselte im Laufe der Jahrhunderte noch oft ihren Besitzer und wurde durch Kriegs- und Naturereignisse mehrmals zerstört. Nur die 20 m hohen Ruinen des romanischen Bergfrieds – die Burg hatte ursprünglich wie nur noch Alt-Windeck 2 Türme – haben dank der seit der Romantik einsetzenden Wertschätzung von Denkmalschützern bis heute überdauert.

Der eigenartige Name der Burg, die unbefangene Fremde versucht sind, Ypsilonburg zu nennen, leitet sich höchstwahrscheinlich vom Althochdeutschen iwa = die Eibe her. Erstmals wird die Burg als Iberch in einer Urkunde des Klosters Lichtenthal von 1245 erwähnt.