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NADINE GORDIMER

EIN SPIEL DER NATUR

Roman

Aus dem Englischen

von Eva Schönfeld

bloomsbury taschenbuch

Für Oriane und Hugo

Lusus naturae Laune der Natur

Eine Pflanze, ein Tier etc., die eine anormale Variation oder eine Abweichung vom Typus oder

vom Aussehen der vorhergehenden Generation zeigt

eine spontane Mutation; eine neue Spielart,

die auf diese Weise entsteht.

– Oxford English Dictionary

EINE LIMONADE FÜR MEIN SCHÄTZCHEN

IRGENDWO AUF DER Reise von Salisbury nach Johannesburg schüttelte das Mädchen den einen Namen ab und tauchte unter dem anderen wieder auf. Während sie Gummi kaute und den auf- und abschwebenden Felsgürtel an sich vorbeigleiten ließ, die Zwischenstationen, wo schwarze Kinder winkten, die äsende Springbockherde, die vor dem nahenden Zug in schreckhaft weiten Fluchten dem Horizont zustrebte, warf sie die »Kim« mitsamt ihrem Schulstrohhut ins Gepäcknetz und entschied sich für Hillela. Die braunen Strümpfe rutschten ihr an den Beinen herunter und prickelten angenehm an den feinen Härchen. Sie kramte Sandalen und ein Kleid aus ihrem Koffer und zog sich um, ohne sich um die anderen Frauen im Abteil zu kümmern. Sie fuhr, wie jedesmal, zu einer ihrer Tanten mütterlicherseits, bei der ihr alle denkbaren Vorteile geboten wurden, und kam aus einem rhodesischen Mädcheninternat. Wenn man sie fragte, warum sie nicht in Südafrika zur Schule ginge, antwortete sie stets, ihr Vater sei in Salisbury aufgewachsen, und deshalb schicke man sie dorthin. Sie war ja nicht das einzige Kind, dessen Eltern geschieden oder getrennt oder sonstwas waren. Aber sie war die einzige Hillela unter lauter Susans und Clares und Fionas. Was war das eigentlich für ein Name? Wußte sie selber nicht, konnte sie nicht erklären. Was sie ohne Zögern erklärte, war, daß man sie jedenfalls ewig bei ihrem zweiten Namen, Kim, gerufen habe. Im Lauf der Jahre nannten sogar ihre Lehrer sie niemals anders als Kim. Keiner fand was dabei, wenn sie sonntags mit all den anderen Kims, Susans, Clares und Fionas in die anglikanische Kirche ging, obwohl in ihren Schulpapieren unter »Konfession« das Wort »jüdisch« eingetragen war.

Tante Olga holte sie am Bahnhof ab. Später geschah dies am Flughafen; vermutlich hatte Olga ihrem Vater gesagt, es sei lächerlich, dem Kind jedesmal eine zweitägige heiße und ermüdende Eisenbahnfahrt zuzumuten. Vielleicht bezahlte Olga sogar das Flugticket; sie war großzügig. Oft sagte sie, nie zu Hillela direkt, aber in Gesellschaft, indem sie Hillelas Ponyfransen zauste oder den Arm um sie legte: »Oh das ist das Töchterchen, das ich nicht gekriegt habe.«

Ihr Zimmer stand bereit, mit einer Rose in den Sommerferien und Freesien oder Jonquillen im Winter, die wie Olgas Umarmung dufteten, mit Handtüchern, dick wie Schaffell, und einer Schale, die von ihren Lieblings-Lakritzbonbons überquoll. Einige der Sachen gehörten ihr: Ferienkleider, die sie jedesmal daließ, wenn sie ins Internat zurückmußte, Bücher, Kinkerlitzchen, die sie nicht mehr mochte. Ihre Abwesenheit dauerte länger als ihre Gegenwart; daher fanden sich immer Zeichen, daß der Raum inzwischen anderweitig benutzt worden war. Olga verwahrte Sommer- oder Winterkleider in den Schränken; Logiergäste, die in dem hübschen Bett geschlafen hatten, vergaßen dies und jenes; Bücher, die Olga nicht unten zur Schau stellen, aber auch nicht wegwerfen wollte, bildeten eine Ramsch-Auswahl auf dem Regal. Einmal stand in den Ferien unversehens ein Photo von Hillelas Mutter in einem viktorianischen Plüsch- und Silberrahmen neben der Bonbonschale. Das Gesicht war auf eine Art »gefaßt«, wie das Mädchen noch keines gesehen hatte: das Haar wie eine Pergamentrolle von beiden Schläfen zurückgelegt und über die Stirn gezogen; die anmutig geformten Lippen glänzten schwarz wie flüssiger Teer, ihre reine Form wurde nicht einmal durch ein Lächeln verzerrt. Der einzige Zug, der irgendeine erkennbare Lebensechtheit aufwies, lag um die Augen; es waren die Augen einer Frau, die sich selbst im Spiegel sieht. Das Bild endete kurz unter den Schultern, die in einem Jackett mit breiten Armpolstern und Revers steckten.

»War sie in der Armee?«

Olga hatte das Mädchen beobachtet, wie sie immer Leute beobachtete, die sie, nach sorgfältiger Prüfung auf Harmonie und gemeinsame Interessen, für ihre Dinnerparties zusammenbrachte. Jetzt lachte sie wie in Würdigung einer originellen Bemerkung, die über die üblichen Nettigkeiten hinausging. »Ruthie in der Armee! Nein, so gingen wir alle, damals in den Vierzigern. War der letzte Modeschrei. Man fand sich fabelhaft schick in allem, was irgendwie nach Uniform aussah. Dieses Jackett war dunkelrot ich erinnere mich, als hätte ich’s heute noch vor mir. Und dann schau dir mal die Ohrringe an. Sie hat sich extra Löcher dazu stechen lassen. Wir anderen fanden es altmodisch oder ordinär; Großmütter hatten solche schlappen Ohrläppchen mit Löchern drin, und die Afrikaans-Mädels vom Plaas trugen diese dünnen Goldreifen. Aber Ruth hat es sich von Martha gegen Bezahlung machen lassen. Martha war unser altes Kindermädchen; sie kam immer noch, auch als wir längst groß waren, und half bei der Wäsche. Eines Tages kam Ruth mittags zu Tisch und hatte Baumwollfäden mit geronnenem Blut aus den Ohren hängen. Puh. Natürlich kreischten wir und machten ein großes Theater Sie muß damals vierzehn gewesen sein.«

Sie betrachteten die Photographie zusammen mit höflicher Miene. (Etwa um diese Zeit begann Olga, ihren ältesten Sohn Clive und Hillela in Kunstausstellungen mitzunehmen.) Im übrigen sagte Hillela weiter nichts Unerwartetes.

»Du kannst es dann ins Internat mitnehmen. Hab ich nicht einen bezaubernden Rahmen aufgestöbert?«

Das Photo stand noch an seinem Platz auf dem Nachttisch, als Hillela wieder abgereist war, und da blieb es auch in allen weiteren Ferien. Hillelas Mutter war nicht tot. Sie lebte in Mozambique, kam aber nie zu Besuch. Das Kind hatte ein- oder zweimal nach ihr gefragt, als es noch klein genug war, um zu glauben, daß Erwachsene hörenswerte Antworten gäben, und nur vage Auskunft erhalten. Der Vater sagte, ihre Mutter hätte sich »ein anderes Leben aufgebaut«. Olga sagte, als sie meinte, Hillela sei »groß genug, um die Wahrheit zu erfahren«, ihr Vater hätte ihrer Mutter streng verboten, irgendwelchen Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihre Mutter lebe mit einem »anderen Mann«.

Der Mann, der von einem »anderen« sprach, mußte demnach ihr Vater sein; dennoch nannte sie ihren Vater von jeher »Len«, wie es auch ein Mädchen hätte tun können, für das er der andere war.

Len war ein »Reisender«. Für Hillela eine Berufsbezeichnung wie Doktor oder Professor, obwohl sie den anderen Mädchen erst erklären mußte, daß dies »Reisender Vertreter« hieß und Len Firmen vertrat, die Hotelbedarf verkauften. Und was hieß »Bedarf«? Himmel was wußten diese dummen Dinger eigentlich? Bedarf. Alles mögliche, was Hotels und Restaurants brauchten. Brotschneider, Warmhalteplatten, Fleischmesser, Tabletts, Fischgrills, sogar Plastikblumen, Spiegel und Bilder für die Wände. Es hatte mal eine Zeit gegeben da mußte sie noch sehr klein gewesen sein, als sie neben ihm in dem großen Wagen spielte und schlief und aß, mit all den aufgestapelten Musterkoffern, Katalogen und Bestellbüchern. Er hatte ihr ein Nest aus alten Decken gebaut, die sie mit Limonade und Eiskrem bekleckerte. »Eine Limonade für mein Schätzchen!« Sie thronte auf Barhockern in ländlichen Hotels. Er kaufte ihr süße orangefarbene Getränke. Er wusch ihre Höschen im Hotelwaschbecken, und sie sah ihm dabei zu, bis sie einschlief.

»Ich weiß noch, wie ich mit Len in diesen dorps war.«

»Nein so was! Wirklich, Hilly? Aber du warst doch höchstens drei oder vier.« Olga teilte ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen ein, um während der Ferien Zeit für ihre Söhne und ihre Adoptivtochter zu haben. An Sommervormittagen rieb sie sich mit Sonnenöl ein, wobei sie die Zehen spreizte, um auch die Zwischenräume nicht auszulassen, und verdrehte sich fast den Hals mit der pendelnden Perlenschnur, während die vier jungen Leute im Schwimmbecken Wasserball spielten. Wenn sie dann herauskamen, um sich von der Sonne trocknen zu lassen, und Olgas Aufmerksamkeit von ihrer Vogue oder der hebräischen Grammatik ablenkten, gab es diese Momente gemeinsamen körperlichen Wohlbefindens, das alle Generationsschranken aufhob.

»Er redete mit den Leuten in einer Sprache, die ich nicht verstand«, erzählte Hillela. »Und der Junge, der die Schachteln rein- und raustrug den verstand ich auch nicht. Natürlich sprach Len Afrikaans, und der eingeborene junge seinen eigenen Dialekt, was immer das sein mochte. Englisch war nur unsere Sprache. Lens und meine. Bestimmt dachte ich damals, außer uns könnte es niemand sprechen. Und einmal schenkte mir die Frau von einem der Hotelbesitzer eine Alice-Haarschleife, da war Minnie Maus draufgedruckt.«

»Wann war das?« Mark sah seine Cousine wie einen Fremdling in ihrer Mitte an, hin und wieder jedenfalls, manchmal mit widerstrebender Neugier, manchmal mit Neid auf Erfahrungen, die sie nicht miteinander teilten.

»Oh, als ich klein war.«

Olga lächelte ihren Zweitältesten leicht verweisend an. »Ich hab’s doch schon gesagt. Drei oder vier, nicht mehr.«

»Und sie ist immer so mit Onkel Len rumgereist?«

»Nur eine Zeitlang. Bevor er nach Rhodesien zurückging.« Brian streckte die Jungenhand aus und umspannte besitzergreifend Hillelas Fußgelenk. Sein Gesicht war ein stummer Appell an seine Mutter. Sie ließ seinen Anspruch mit einer kameradschaftlichen Kopfbewegung gelten.

Später kam der schwarze Diener Jethro mit einem Tablett voll Fruchtsaft und frisch gebackenen Kuchenbrötchen über den Rasen. Seine Kellner-Plattfüße und die Gummisohlen der geweißten Turnschuhe gaben seinem Gang auf dem dichten, kurzgeschorenen Gras etwas liebenswert Hüpfendes. Hillela erreichte gerade den Beckenrand; sie hatte ein Wettschwimmen gegen die Jungen um eine Handlänge gewonnen. Es sah aus, als entstiege sie seinetwegen dem Wasser. Jethro war in Rhodesien zu Hause, und jedesmal, wenn Hillela aus dem Internat kam, hatte sie für ihn die Aura einer Gesandten aus seiner Heimat. »Ihr lernt da so gut schwimmen!« Er stellte das Tablett hin, wiegte den Kopf und lächelte das triefende, schnellatmende Mädchen an.

Durch wasserverklebte Wimpern sah sie sein Gesicht vergrößert wie irgendein dunkles, freundliches Geschöpf, das man im Tiefen zufällig anstößt. »Ich bin in der Ersten Mannschaft.« (Sie schneuzte sich mit den Fingern, und Olga runzelte flüchtig die Stirn.) »Im letzten Halbjahr haben wir Marandellas und Gwelo geschlagen.«

»Und Bulawayo? Ihr nicht gehen nach Bulawayo?«

»Nein, in Bulawayo war ich immer noch nicht.«

Olga küßte ihr die feuchte Wange und gab ihr gleichzeitig ein Glas Fruchtsaft. »Warum sagst du nicht einfach, du warst schon in Bulawayo, Darling, um Himmels willen. Es würde ihn so freuen. Er betrachtet euch doch wie seine eigenen Kinder.«

Olga nahm Hillela auch zum Friseur mit, als wäre sie ihre Schwester. Sonst merkte man kaum, daß Olga, diejenige mit dem stärksten Familiensinn, überhaupt Schwestern hatte: Ruth war irgendwo in Lourenço Marques, und Pauline und sie hatten sich auseinandergelebt; ihre Interessen waren zu verschieden. Als Hillela acht oder neun war, wurde sie in dem Salon immer schläfrig der Mann, der Olgas Haare frisierte, nannte diese Mischung von chemisch-süßlichen Blumendüften, summender Heißluft von den Trockenhauben und abgeschnittenen Haaren auf dem Fußboden »Salon« und rollte sich zum Schlafen zusammen wie ein kleines Tier, das einen Schlupfwinkel gefunden hat. Alles hier war ein Ritual der Bequemlichkeit, der Verwöhnung, der Abschirmung im Ideal-Weiblichen, das die Frauen, die in die Falle gingen, selbst mitgeschaffen hatten. Olga gab der Kleinen Geld, damit sie kurz ausgehen und Süßigkeiten kaufen konnte; dann trippelte sie stillzufrieden zurück in den beschwichtigenden Komfort des Salons, wo sie sich nach Belieben räkeln, vor sich hin summen oder mit sich selbst flüstern durfte, in der Gesellschaft von Damen, die in ihren zweiten stählernen Schädeln taub waren.

Um diese Zeit hatte ein Mädchen, das schön sein wollte, die Haare so lang und glatt wie möglich zu tragen. Dagegen waren Locken ein »Muß« gewesen, als Olga und ihre Schwestern heranwuchsen, und sie hatten alle Prozeduren erduldet, um welche zu bekommen. Hillela hatte Naturlocken wie ihr Vater, aber natürlich wollte auch sie aussehen wie alle anderen; Jungen fliegen bekanntlich, auch ohne es zu wissen, immer auf den Schönheitsstil, der gerade in Mode ist. Und Olga zahlte dafür, daß Hillelas Haar mit Hitze behandelt und glatt gebügelt wurde.

Hillela schläft beim Friseur nicht mehr ein.

Sie hat eine klargezeichnete, schwungvoll abgerundete Kieferpartie, einen leicht aufgeworfenen Mund und volle Lippen, die in Ruhe einen nicht ganz geraden Vorderzahn verdecken. Der hat sogar dem Zahnarzt getrotzt, dem es gelungen ist, Clives und Marks Lächeln vollkommen gleich zu machen. Die hohen Backenknochen drängen die äußeren Augenwinkel etwas nach oben und unterstreichen so den schrägen Augensitz. So weit, so gut. Aber es ist nicht leicht, die Augen selbst zu treffen. Sie bestehen aus Dunkelheit; ein Schimmer liegt darüber wie der farbig schillernde Film auf einer Ölpfütze, die auf dem Boden neben der Garage verschüttet worden ist. Sie reagieren unter ihrem eigenen Blick wie die Pupillen unter dem Lichtstrahl des Augenarztes, aber gleich doppelt: die beobachtete Veränderung wird zugleich als Veränderung des Blickfeldes erfahren. Nichts kann exakter sein als ein Bild, das sich selbst wahrnimmt.

Das Gesicht ist klein und schmal, gemessen an dem Hals mit den Salzfässern an den Schlüsselbeinen und den weit auseinander liegenden Brüsten. In dem Trancezustand aller Frauen, die bewußt in den Spiegel sehen, sieht Hillela sich selbst. Der Spiegel endet unter ihren Brüsten.

Samstag nachmittags, wenn kein Sport auf dem Programm stand, wand sich der songololo einem der Parks von Salisbury zu. Im traditionellen Schuljargon, der von Europa importiert war, hieß diese Mädchen-Prozession ursprünglich »Krokodil«, aber die Jungen aus der Parallelschule hatten ihnen den Kollektiv-Spitznamen songololo verliehen, den afrikanischen Namen für den Riesentausendfüßler mit den glänzenden Panzerringen, den jedes weiße Kind in Südafrika kennt und nennt, auch wenn es sonst nie ein anderes Wort einer afrikanischen Sprache lernt. Der Vergleich der Jungen beruhte auf scharfer Beobachtung. Die langen braunen Strümpfe der Mädchen gaben ihrer langgezogenen Schar die Vielzahl bewegter brauner Beine, auf denen auch der songololo unverdrossen seinen Weg macht, um alle Hindernisse herum. Ebenso kurvten die Mädchen um die Leute auf dem Bürgersteig und über die Zebrastreifen. Im Park löste sich der Tausendfüßler dann fröhlich (die Kleinsten), bedächtig (die feierlich händchenhaltenden Zehnjährigen) und verstohlen (die Halbwüchsigen, Trickreichen und heimlich Aufsässigen) in seine Segmente auf. Die erste Etappe auf dem Weg in die Freiheit waren die öffentlichen Waschräume. Miß Hurst, wir müssen mal! Die Lehrerin, die den songololo begleitet hatte, saß schon auf einer Bank und las; ab und zu blickte sie auf und genoß den köstlichen Schatten eines mnondo-Baumes, der sich über sie senkte wie eine viktorianische Glasglocke. Sie war die einzige, die Augen für die gigantische Schönheit dieses Parks hatte in der einen Jahreszeit für die Gewitterwolken violetter Jacarandablüten, in der nächsten für die blutrot in der Sonne glühenden Flamboyants oder für die Tulpenbäume und Bauhinien, die jede zu ihrer Zeit aufloderten; oder wenn die skelettähnlich kahlen Stämme und Äste auf einmal Formen entfalteten, die von Blüten und schwärmenden Bienen wimmelten wie ein Leichnam, der vor lauter Maden zu leben scheint.

Die halbwüchsigen Mädchen atmeten erregt den Humusgeruch, die feuchten Düfte knospender, aufbrechender, sporentragender, sterbender Vegetation in all den Dickichten und Hainen von Palmen, mannshohen Farnen und erstickenden Schlingpflanzen, wo die Sonne nicht mehr durchdrang und Blätter sich unversehens in die bleichen, klebrigen Schlangenköpfe irgendeiner Lilienart verwandelten. In dieser Atmosphäre kicherten die Mädchen wie gekitzelt auf dem Weg in die naßkalten Regionen mit den Schildern Whites Only, Ladies, Men, letztere wieder getrennt von Nannies die waren für die schwarzen Kindermädchen, die ihre weißen Pflegebefohlenen im Park auszulüften hatten. Wenn die Mädchen endlich aus Ladies kamen, waren die Jungen von der Parallelschule schon in Men gewesen und taten, als hätten sie nicht auf sie gewartet. Erst einmal in den üppigen städtischen Dschungeln verschwunden, trafen Jungen und Mädchen bald genug zusammen, rangen verliebt miteinander, rauchten, warfen die verbotenen Zigarettenpackungen ebenso verbotenerweise, weil umweltverschmutzend, in die dämmrig überwachsenen Teiche, schlugen aneinander Moskitos tot (ein Vorwand zum Hinlangen), und die oder jene, die schon als »erfahren« galten, fanden mit Sicherheit ein spinnwebiges Versteck, um zu vry. Wie songololo, ein Zulu-Wort, das der englischen Sprache eigentlich fremd ist, wird dieses Afrikaans-Wort von jedem englischsprechenden Jugendlichen in Südafrika benutzt. Vrying bedeutet, einander sexuell zu reizen, mit Küssen und begrenzten Intimitäten. Es gab weniger private Sittenverstöße als vrying, Mutproben zum Beispiel. Hillela initiierte eine: Sie steckte den Rock ihres Schulkleides rundum in den Schlüpfer, zog sich Schuhe und Strümpfe aus und watete in einen der grünen, morastigen Tümpel, die voller Wasserpflanzen waren. Das war eine Herausforderung an die Jungen, deren enge graue Hosenbeine sich nicht bis über die Waden aufrollen ließen; irgendwie wurde einer dann plötzlich von Jungen und Mädchen zu Boden geworfen und überwältigt, wie die bissigen großen Ameisen einen Käfer oder eine Motte überwältigt hätten, und sie zogen ihm die Hose aus. Dann schleiften sie ihn Hillela nach, und in seiner Not und Verzweiflung »erhob sich sein Fleisch«. Die anderen Jungen und auch einige der Mädchen vergaßen vor kreischendem Gelächter fast die Gefahr. Mit ausgerissenen Lilienballen bewarfen sie das arme blinde Ding, das Hillela steif unter der ausgebeulten Schulunterhose stehen sah. Sie kam sofort aus dem Wasser, ließ ihr Kleid wieder herunter, zog die Strümpfe über die verschmutzten, nassen Beine und brach durch das Dickicht, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr schlampiger Zustand von anderen bemerkt wurde. Für den Rest des Nachmittags sprach sie nicht mehr mit den Freundinnen, hatte aber aus Loyalität eine Antwort für Miß Hurst parat, als diese fragte, woher sie so nasse Strümpfe habe. Sie sei ausgerutscht und in einen Teich geraten. Nun gut, sie bekam die Erlaubnis, die Strümpfe auszuziehen. Aber nur dies eine Mal.

Für dies eine Mal! In so engen Schranken hielt sich für die Mädchengruppe, die gemeinsam aus der Unterstufe in die Oberstufe des Internats hineinwuchs, das Vertrauensverhältnis, das sie sich mit der Übernahme lästiger kleiner Verantwortlichkeiten vom Lehrkörper erkaufen mußte. Eine Clique der älteren Klassensprecherinnen hatte entdeckt, wie man das Glaskästchen, das den Schlüssel zur Schlafsaal-Feuerleiter enthielt, ohne Bruch öffnen konnte; seitdem entschlüpften sie nachts regelmäßig und gingen auf Parties. Eine narrensichere Versorgungskette und der Gebrauch von dagga, wildem Hanf, waren selbstverständlich; der Stoff wurde von einem der schwarzen Küchenhelfer besorgt und verkauft, und geraucht wurde er im Chemie-Labor, wo stärkere Gerüche den Duft des Joints überlagerten. Dieselbe Clique geleitete die Kleinen auch zur Sonntagsschule in die Stadt und fand den Dreh, dabei zu verschwinden (irgendwer hatte jeweils die »Senioren« beim Bibellehrer zu vertreten). Meistens trafen sie sich dann an abgelegenen Orten mit Jungen. Sie erzogen sich selbst für ihre Welt in Südafrika auf eine Weise, der die Schule, hilflos, wie sie war, Vorschub leistete, indem sie die Kinder beim Morgengebet ermahnte: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, bevor sie sich zum Unterricht in Klassenzimmer setzten, zu denen nur weiße Kinder Zutritt hatten.

Ab und zu ging eines dieser schulgewitzten Mädchen zu weit, beispielsweise die eine, die eine Motorradfahrt durch die Jameson Avenue unternahm, als sie mit dem Sonntagsschulschwänzen an der Reihe war. Sie wurde von einem Verwandten gesehen, der gerade mit Zigaretten und der Sonntagszeitung aus dem griechischen Laden trat, und zwar in ihrer Schuluniform und »mit gespreizten Schenkeln an den Rücken eines Kerls geklammert«. Die Direktorin der Schule stotterte sich verlegen durch ihre Moralpredigt: weibliche Zurückhaltung, die Ehre des Internats, das schlechte Beispiel für die unschuldigen Sonntagsschulkinder und schließlich, in einer Komplizenschaft, die sie und das Mädchen vollkommen verstanden, wurde die Sünderin, »aber nur dies eine Mal noch«, laufen gelassen (mit einer Strafe, die jedermann zufriedenstellte: ein freies Wochenende wurde ihr gestrichen), weil der Verstoß sich noch innerhalb des allseits akzeptierten Tugend- und Laster-Kodex bewegte.

Unter den Vorrechten, die die Großen genossen, war die Erlaubnis, in Zivil und in Gruppen von mindestens vieren, aber ohne Lehrerbegleitung am Samstagnachmittag ins Kino zu gehen. Die Hausaufsicht mußte über den Filmtitel unterrichtet werden, denn es sollte natürlich ein erzieherisch wertvoller Film sein; allerdings gab es in den paar Kinos von Salisbury in den späten fünfziger Jahren keine große Auswahl. Die Lehrerin mußte Elvis Presley und James Dean schon gelten lassen. Im Kino trafen die Mädchen dann einen größeren Kreis als nur die Jungen von der Parallelschule. Obwohl Hillelas Haar, sobald es der Friseur ihrer Tante nicht mehr betreute, elastisch in die natürlichen Wellen und Löckchen zurücksprang, war sie im popcornduftenden Dunkel so »gefragt« wie jede andere. Die Kinos waren samstags immer voll, bis hin zu den letzten Reihen, die den Schwarzen und Farbigen vorbehalten waren. Es kam der Tag, an dem Hillela sich durch das überfüllte Foyer zurückdrängte, wo sie in der Pause fünf Eistüten für sich und ihre Freundinnen gekauft hatte, und der große Junge mit dem bläßlichen Gesicht und dem aschblonden Haar sie so nett fragte, ob er ihr behilflich sein dürfte. Als sie die Reihe erreichten, wo die Mädchen saßen, gab er Hillela die Eistüten zurück und verschwand in Richtung seines eigenen Platzes. Aber sie wußte, daß er schon früher ein paarmal nach ihr ausgeschaut hatte, während sie gekonnt ihre Rolle spielte, das heißt so tat, als ob sie nichts davon merkte. Einmal hatte er sie sogar angelächelt, als sie nach Karten anstand, und sie hatte beiläufig zurückgewinkt. Als sie dann mit ihrer Clique zum zweiten- und drittenmal in denselben James-Dean-Film ging, fragte sie ihn, wo er säße, ganz darauf vorbereitet, die Frage hinzuzufügen, ob er sich nicht zu »uns« setzen wollte.

Er hatte aber schon einem Freund versprochen, einen Platz für ihn freizuhalten; wollte sie statt dessen nicht zu »ihnen« kommen? Der Freund kreuzte dann gar nicht auf; wahrscheinlich gab es ihn überhaupt nicht. Der Junge wurde trotzdem nicht zudringlich, er nahm nicht einmal ihre Hand. Ab und zu reagierten sie ganz gleich auf eine Filmszene, und dann lächelten sie einander rasch im Dunkeln zu. Sein Äußeres, das Hillela schon seit einigen Wochen anzog, wurde ihr jetzt als starke körperliche Präsenz bewußt. Von so einem erwartete sie keine Berührung, und es kränkte sie auch nicht, daß er jeden Versuch dazu unterließ. Als das Licht anging, gefiel ihr sein Gesicht. Besonders mochte sie seine Augen, graugrün mit haarfeinen sonnengelben Funken in der Iris; ihr Reiz bestand darin, daß sie im Gegensatz zu seinem matten Teint und dem aschblonden, gewellten Haar fast zu sehr leuchteten wie Lampen, die man bei Tageslicht in einem Zimmer brennen gelassen hat. Er hieß Don und war Elektrikerlehrling. Im Internat galt es als toll, einen Jungen zu haben, der nicht mehr zur Schule ging einen Erwachsenen. Er sprach mit einem ungewohnten Akzent, vielleicht Afrikaans, aber es klang anders als das Buren-Englisch der Südafrikaner, über das man sich in der Schule mokierte. Seine Familie stammte, wie er erklärte, vom Kap, sie wohnten erst seit fünf Jahren in Salisbury. Er hatte hier seinen Schulabschluß gemacht; sie unterhielten sich über die Fächer, die er gewählt hatte, und auch über diejenigen Hillelas, die gerade vor einer Zwischenprüfung stand. Er sagte, eigentlich wolle er lieber Rechtsanwalt werden und habe bereits ein Fernstudium ins Auge gefaßt, aber andererseits wollte er lieber auf einer richtigen Universität studieren.

Rechtsanwalt? »Eine meiner Tanten ist mit einem Rechtsanwalt verheiratet. Nicht die, zu der ich immer in die Ferien fahre die andere.«

Er nickte und sah sie kurz an, dann blickte er weg von dem, was er in ihrem Gesicht las. »Du gehst also bestimmt auf die Uni.«

Hillela dachte offenbar nicht gern an das, was sie nach der Schulzeit erwartete. »Weiß nicht.«

»Na ja, vielleicht kriegst du gleich ’nen Job.«

»Vielleicht.«

»Meine Schwestern wollen Mannequins und Fotomodelle werden und so. Aber ein Mädchen wie du du kannst alles machen.«

Sie hatte das Gefühl, ihn trösten zu müssen, ohne zu wissen, warum. »Oh, ich bin nicht reich. Mein Vater ist Vertreter und schon zum zweiten Mal verheiratet.«

»Aber deine Tante?«

Ohne ihr Zutun kam die Antwort, die sie so oft von Olga gehört hatte: »Ich bin sozusagen die Tochter, die sie nicht gekriegt hat.«

Es verstand sich von selbst, daß man jede neue Eroberung mit der Samstagsclique bekanntmachte. Aber dieser Don war unter anderen sehr still, und Hillela hörte ihn so gern reden. Er hatte ihr erzählt, daß er Gitarre spielte. Nun sollte er für sie spielen, aber wie hätte er im Kino eine Gitarre zu seinen Füßen unterbringen sollen? Sie lachten über die Idee, aber als sie wieder einmal mitten in einem Film waren, rückte Hillela etwas näher und flüsterte ihm ins Ohr: »Kann ich nicht mit zu dir kommen, und du spielst mir was vor?« Die Mädchen pflegten füreinander zu schwindeln, wenn eine was Besseres zu tun hatte, als im Kino zu sitzen. Don schwieg erst; dann flüsterte er: »Komm mit.« Sie wanden sich geduckt aus der Reihe.

Der Weg war weit, und Hillela fand im stillen, sie hätten vernünftigerweise den Bus nehmen sollen. Don wurde immer schweigsamer und faßte sich alle Augenblicke ans Ohr, als ob ihr Atem ihn dort verbrannt hätte. Bald merkte sie, daß sie in einer der Farbigenwohnsiedlungen waren, und nun brauchte er nicht mehr zu sagen, was er bisher nicht über die Lippen gebracht hatte. Sie kamen zu einem schmucken, sauber gestrichenen Häuschen mit allerlei Schnickschnack daran: einem Briefkasten in Form einer kleinen Windmühle und einer Messingglocke mit stilisierten Klöppeln. An den Flurtüren befanden sich Schilder wie: »Charlenes Reich«, »Nicht stören, Faulpelze am Werk«. In einem Zimmer mit drei ordentlich gemachten Betten, das Don mit zwei kleineren Brüdern teilte, traf er ernsthafte Vorbereitungen mit seiner Gitarre, während Hillela sich auf eines der Betten setzte und das gerahmte Kipling-Gedicht las, das sie auch auf der Grundschule hatte lernen müssen: »… If you can talk with Crowds and keep your virtue, Or walk with Kings-nor lose the common touch; If all men count with you, but none too much; If you can fill the unforgiving minute, With sixty seconds’ worth of distance run, Yours is the Earth and everything that’s in it, And which is more you’ll be a Man, my son!« Das Gedicht hing so, daß Don es sehen konnte, wenn er im Bett lag. Jetzt saß er da, einen Fuß auf eine Obstkiste gestützt und die Gitarre auf dem angewinkelten Knie. Hillela staunte, wie gut er spielte, und wurde ganz aufgeregt, aber dies war eine andere Aufregung als die über das, was neulich im Park passiert war. »Du mußt in ’ne Band!« rief sie. »Wenn ich die Augen zumachte, würd’ ich schwören, du hättest ’ne Platte aufgelegt!« Unter diesem Lob entspannte er sich und erinnerte sich, daß sie sein Gast war. Er holte zwei Flaschen Pepsi und ein Stück Bananenrolle aus der Küche »Meine Mom backt am Wochenende, wenn sie von der Arbeit kommt« und schnitt den Kuchen in genau gleiche Stücke. Sie waren allein im Haus. Er führte sie ins Familienwohnzimmer, schlug den Plastik-Schonbezug vom Sofa zurück, damit Hillela den besten Platz einnehmen konnte, und zeigte ihr, wie er nach Gehör die Begleitung zu einer Cliff-Richard-Platte eingeübt hatte. Hillela konnte keinen Unterschied zwischen ihm und dem professionellen Musiker finden. Mit der Hilfsbereitschaft, die die Ersatzhandlung der Unbegabten ist, machte sie ihm den wunderbaren Vorschlag, er solle eine Band zusammenbringen und beim nächsten Abschlußball spielen. Warum nicht? Zuviel Verantwortung, meinte er feierlich, aber dann hob sich etwas in ihm, die Augen leuchteten blaßgrün auf, Lippen und Zähne schimmerten jung und frisch in diesem zwielichtigen Gesicht.

Aber dann erlebte sie selbst den Abschlußball gar nicht mehr mit. Sie ging nur noch ein einziges Mal in das Haus mit dem Windmühlen-Briefkasten. »Charlene«, wurde ein kleines Mädchen mit abstehenden Wollzöpfen zurechtgewiesen, »starr die Dame nicht so an!« Eine Frau reiferen Alters brachte milchigen Tee in Tassen und nannte Hillela »Miß«. »Meine Mom geniert sich vor Leuten«, erklärte Don, als ob seine Mutter nicht dabei wäre, und sie redete Hillela nun sogar in der dritten Person an: »… oder würde die junge Dame lieber was Kaltes trinken?«

In der Woche darauf wurde Hillela zur Schuldirektorin zitiert. Ihr Vater saß in einem der beiden Besuchersessel, die stets, einander leicht zugekehrt, vor dem Schreibtisch standen, an dem die Direktorin zu sitzen pflegte. Jemand mußte gestorben sein! Erst vor kurzem war eine Mitschülerin so zu einem angereisten Verwandten gerufen worden, der ihr einen Sterbefall in der Familie mitzuteilen hatte. Hillela starrte Len erschrocken an. Olga? Oder ihre andere Tante, Pauline? Die Fremde, irgendwo, die ihre Mutter war? Einer der Vettern? Sie riß sich zusammen, ging mechanisch auf Len zu und gab ihm einen Kuß; sein Gesicht blieb starr, als hielte er ein Bekenntnis zurück, das überzulaufen drohte.

Die Lehrerin begann in dem Erzählton, den sie auch in der Klasse anschlug: Hillela sei mit einem farbigen Jungen gesehen worden. Während sie auf Vertrauensbasis das Privileg genoß, mit ihren Klassenkameradinnen ins Kino zu gehen, habe sie die Gelegenheit benutzt, sich mit einem Farbigen einzulassen. »Eine Schülerin unseres Internats! Aus einer solchen Familie! Die Juden haben doch so viel Selbstachtung Ich habe sie immer deswegen bewundert. Mr. Capran, wenn ich nur wüßte, wie Hillela dazu gekommen ist, so etwas zu tun, könnte ich ihr helfen. Aber ich verstehe es einfach nicht.« Nein, dies war kein Fall von »Nur dies eine Mal noch«, konnte es nicht sein. Es lag außerhalb alles dessen, was als kleine Jugendsünde in einem weitherzig geleiteten Institut bei sonst hochmoralisch erzogenen Mädchen gerade noch durchging. Len nahm Hillela gleich mit. Alles, was er sagte, als sie wie einst neben ihm im Wagen saß, war: »Ich versteh es auch nicht.«

Erst jetzt kam die Angst über sie, die sie im Büro der Direktorin nicht gespürt hatte. Sie flüchtete sich in das liebe alte Image von Lens kleinem Schätzchen. »Ich wußte doch nicht, daß er ein Farbiger ist!«

Mit väterlicher Schüchternheit wartete Len auf mehr.

»Wir treffen uns doch alle mit Jungs« Sie war drauf und dran, hinzuzufügen: »– wenn wir angeblich mit den Kleinen in der Sonntagsschule sind«, aber ihre eingefleischte Loyalität gegenüber denen, die zumindest ihresgleichen gewesen waren, auch wenn sie nicht mehr dazugehörte, schloß ihr den Mund. Sie wußte nicht, ob ihr Vater wußte, daß sie sogar bei dem Jungen zu Hause gewesen war. Sie wußte nicht, womit eine Bananenrolle, eine glotzende kleine Schwester, eine Mutter, die sie »Miß« nannte, zu erklären waren. Ihre Unentschlossenheit resultierte in aufsässigen Gefühlen. Plötzlich nahm sie dem Jungen alles übel: dieses Gesicht, diese unnatürlich hellen Augen, die ihm und seinesgleichen von Rechts wegen nicht zukamen, ebensowenig wie das Haar, das fast echt blonde Haar. Der bloße Gedanke an ihn war ihr widerlich.

Hillela blieb damals ein paar Tage bei ihrem Vater und seiner zweiten Frau Billie in deren Wohnung in Salisbury. Len hatte die Empfangsdame eines Hotelrestaurants geheiratet: unvermeidlich, wie Olga zu bemerken pflegte, als zweite Wahl für einen einsamen Mann in seinem Beruf. Welche Chance hatte er denn schon, etwas anderes kennenzulernen? Len hatte Billie nur einmal nach Johannesburg mitgenommen. Hillela hörte später, sie sei als »gutmütiges Geschöpf« befunden worden, viel vernünftiger, als sie aussah, und ganz das Richtige für Hillelas Vater. Hillela kam sich in dem engen Rock, der ihre Beine zusammenpreßte, während sie lächelnd zwischen den Tischen hin- und hereilte, wie eine Meerjungfrau vor, die sich aus ihrem Fischschwanz winden möchte. Olga roch schön, wenn man ihr nahe genug kam, aber Lens und Billies Wohnung und sogar das Auto rochen so intensiv nach Billies Parfum wie kalter Rauch, der sich überall festsetzt.

Billie benahm sich zu Hause genauso wie im Hotelrestaurant, wohin Len seine Tochter zum Essen einlud. Es gehörte zu ihrem Beruf, freundlich, lustig und familiär zu sein, ohne je neugierig herumzuschnüffeln oder gar zu tratschen; sie erwähnte den Grund von Hillelas außerplanmäßigen Schulferien selbstverständlich sowenig, wie sie einen Stammkunden, der mit seiner Familie zum Essen kam, hätte wissen lassen, sie erinnere sich noch an den Tisch für zwei, den sie ihm und seiner Freundin letzte Woche reserviert hatte. Nur was sie selbst betraf, war sie ohne Hemmungen. Zu Hause lieferte sie fröhlich-verquatschte Berichte über die täglichen kleinen Unfälle zwischen Küche und Restaurant »Ich hab mich fast naßgemacht« war ihre Formel für komische oder schreckliche Momente, und sie schimpfte so rückhaltlos auf »diese verdammten Trottel von Kellnern«, wie sie ihre Zuneigung zu Len zeigte (sie nannte ihn »mein kleiner Judenjunge«), indem sie ihn im Vorbeigehen aufs Ohr oder die beginnende Glatze küßte. Ihr lag auch nichts an persönlicher Privatsphäre. »Komm ruhig rein, Schatz«, rief sie, wenn das Schulmädchen vor der versehentlich geöffneten Badezimmertür kehrtmachte. Ihr rosiger Körper hatte unter Wasser zwei anmutige weiße Ringe um den Bauch und um den Hals, wie die hübschen Kennzeichen irgendeines Tieres. Das blonde Dreieck zwischen ihren Beinen hatte die gleiche Farbe wie ihr Kopfhaar, wo es jedoch braun nachwuchs. Ihre goldenen Ohrringe, das Fußkettchen und die Fingerringe sandten flimmernde Wellenreflexe an beiden Seiten der Badewanne empor. »Ich könnte stundenlang in der Wanne liegen, kann’s Kleopatra nachfühlen. Du auch? Und dann noch in Milch, stell dir vor Ich mag das Schaumzeugs nicht besonders. Len kauft es immer, aber es trocknet die Haut aus. Nimm’s lieber nicht, besonders hier nicht. Meine Haut war früher so weich, in dem regnerischen Klima bei uns. Meine Schwestern und ich haben auch alles ins Wasser geschüttet, was in den Illustrierten stand. Gott, was war das manchmal für ein Mist: abgekochte Brennesseln, Haferflocken, ich weiß nicht was noch, wir lagen richtig in Gemüsebrei. Aber wir haben uns dabei köstlich amüsiert. Das ist eigentlich das einzige von England, was ich hier vermisse meine Schwestern. Zwei sind immer noch Teenager, mußt du wissen in deinem Alter. Zu schade, daß sie nicht näher wohnen.« Als wären sie ein Geschenk für Hillela gewesen.

Hillela setzte sich auf den Klosettdeckel, wie es eine der Schwestern hätte tun können. »Wie heißen sie denn?«

»Oh, erst mal Doreen, aber Shirley ist die Ältere sie sind nur elf Monate auseinander (mein Pa war nicht von schlechten Eltern). Die Leute halten sie immer für Zwillinge, aber sie sind im Charakter sehr verschieden, sehr«

»Gehn sie noch zur Schule?« Das Tabu-Wort verlor in den Dampfwolken des Bades seine peinliche Aktualität, wie der Frauenkörper im Wasser alles Exhibitionistische verlor. »Doreen wollte nicht mehr. Sie lernt jetzt Friseuse. Shirley ist die Ehrgeizige von uns. Typisch Skorpion. Sie will ins Werbefach, aber da braucht man Einser, um ein Bein auf den Boden zu kriegen. Oder vielleicht in ein Reisebüro. Ach je, sie stöhnt dauernd, wie sie mich beneidet und was ich für ein Glück hätte, ich hier draußen. Aber witzig sind sie beide, enorm. Schade, daß du keine Schwestern hast und für Len und mich ist’s ein bißchen zu spät, dir noch eine zu verschaffen!«

Sie lachten zusammen, als wären sie Schwestern. »Krieg auf jeden Fall ein Baby«, bat Hillela, »irgendeins, Hauptsache ein Baby. Meinetwegen kann’s auch ein Junge sein.«

»Willst du dann kommen und es für mich versorgen? Stinkige Windeln wechseln und so weiter? Ooooh ich weiß selbst nicht, ob ich’s möchte. Red mir bloß nichts ein.« Im Schlafzimmer bot Billie ihr dann leihweise alles aus dem Kleiderschrank an, wonach sie »jiepere«. Hillela paßte sich, wie früher ihre Anziehpuppe, an der sie als kleines Kind Papierkleider ausprobiert hatte, Billies verschiedenen Erscheinungsformen an. Billie empfand sich in ihrem großartigen weiblichen Selbstvertrauen nie als nackt und nie als ganz angezogen, wenn sie in ihrem engen Rock durchs Restaurant eilte.

Len hatte augenscheinlich die Langstrecken-Vertreterreisen aufgegeben, die ihn sonst in den »Kupferstreifen« von Zambia, nach Nordrhodesien und Lusaka führten und von Dienstag bis Freitag von zu Hause fernhielten. Seine Verstörtheit kleidete sich in Takt; er war eben (Hillela hatte den Ton von Olgas beiläufigen Bemerkungen noch im Ohr) ein »schlichtes Gemüt« und schien vor sich selbst so zu tun, als sei die Anwesenheit seiner Tochter ein ganz normaler kurzer Ferienbesuch. Er betätigte sich ein bißchen in der näheren Umgebung und nahm Hillela meistens mit. Sie rauchte eine Zigarette aus dem Päckchen, das im Handschuhfach lag, und er sagte nichts dazu. Als sie den Stummel ausdrückte, sah er angelegentlich weg. Mein Schätzchen. Dabei wußten beide, ohne hinzusehen, daß sie lächelten. Auf- und abtanzende Felsen glitten vorüber; Len sah sie längst nicht mehr, für ihn waren alle Straßen ausgefahrene Spuren. Für sie war jeder Felsen ein Moment für sich, etwas Festes.

»Hillela, das beste wird sein, du gehst bald zurück. Du weißt ja.«

Er spürte ihre Aufmerksamkeit körperlich.

»Natürlich nicht ins Internat. Das damit ist’s vorbei. Ich meine, nach Johannesburg. Entschieden die beste Lösung. Olga kennt gute Schulen, irgendeine wird dir schon gefallen. Ich hab’s schon mit Olga besprochen.«

Die Felsen waren noch immer etwas Festes. Sie glitten, glitten, lehnten sich weit vornüber, aber sie hielten sich, manchmal scheinbar nur an einem Fädchen, in spannungsgeladenem Gleichgewicht gegen die Erdanziehung, die bestrebt war, alles zum Einsturz zu bringen.

»Wir dürfen Billie nicht zuviel zumuten. Sie ist den ganzen Tag auf den Füßen und sehr müde, wenn sie nach Hause kommt na, du weißt ja. Und ich bin die ganze Woche unterwegs. Die Wohnung ist klein aber es wär zuviel für sie, wenn wir in eine größere umzögen. Billie ist noch jung und tüchtig aber man kann nicht von ihr verlangen, daß sie dich«

Er verlangsamte das Tempo vor einer Kurve. Sein Gesicht wandte sich zum ersten Mal ganz ihr zu.

»… uns beide auf dem Hals hat«, vollendete er.

Olgas Mann, Arthur, nahm Hillelas Anwesenheit zur Kenntnis, indem er die Brille absetzte und sich die inneren Augenwinkel mit Daumen und Zeigefinger wischte; sobald er die Brille wieder aufgesetzt hatte, war der Fall für ihn erledigt. Die Vettern benahmen sich, als seien sie streng ermahnt worden, ihr kein Loch in den Bauch zu fragen. Die völlig Ahnungslosen, Jethro und der kleine Brian, freuten sich unumwunden über diesen unerwarteten Besuch. In der Küche hieß es, unter breitem Grinsen und Salami-Kauen (etwas italienische Salami war auf den abgeräumten Tellern übriggeblieben): »Is sehr, sehr gut, du bleiben jetzt bei uns in Jo’burg.« Der Kleine, der die Mutter umstrich wie eine Katze, fragte: »Bleibt Hillela für immer? Auch wenn Schule ist? Geht sie bloß zur Tagesschule? Kommt sie nachmittags nach Hause? Spielt sie dann mit Clive und Mark und mir?«

Olga hatte eine Serie glänzender, autoritativer Antworten bereit. »Ja, von nun an wohnt sie in Johannesburg. Wir wissen noch nicht, ob bei uns oder im Internat.«

Die Rose war in ihrer Vase und die Bonbonschale voll wie immer. Olga kam mit herein und schloß die Tür hinter sich. Sie war es gewesen, die Hillela die erste Menstruation als natürlich und Geschlechtsverkehr als schön erklärt hatte, sobald die Zeit für das eine und das andere reif gewesen war. Olga war es gewesen, die Hillelas Zähne hatte richten lassen, die ihr geschmackvolle Kleider kaufte, sich um ihr Haar und ihre Haut kümmerte, auf daß sie auf die Art heranwachse, in der Olga sich selbst gefiel und sich von anderen wertgeschätzt wußte.

Diesmal preßte Olga die Lippen aufeinander, daß die Haut ringsumher weiß wurde und sich neben beiden Nasenflügeln Höhlungen bildeten, und fing an zu weinen. Ihr Kummer wuchs noch, als sie sah, wie sehr sich Hillela vor diesem erstaunlichen, ordnungswidrigen Ausbruch entsetzte bei einer Erwachsenen, die sonst alles so sicher und bequem arrangierte. Olga zog sie zu sich auf das bekannte Bett mit den herzförmigen Kissen, der seidenen Steppdecke und der geblümten Musselinumrandung und ergriff ihre Hände.

»Wenn ich nur wüßte, was ich falsch gemacht hab was ich an dir versäumt hab, Hillela, Liebling. Aber ich hab Ruthie nie verstanden, ich hab sie vergöttert, aber ich hab nie ich konnte nie Und nun hab ich meine Schwester wieder im Stich gelassen. Ich weiß es. Es ist nicht deine Schuld, ich hab dir nicht das geringste vorzuwerfen, bitte glaub mir, ich geb mir die Schuld, du bist mir wie ein eigenes Kind, aber manchmal tut man selbst dann nicht das Richtige du siehst das an zahllosen Eltern. Es muß etwas geben, was ich hätte tun sollen, was ich nicht begriffen habe. Nun muß ich mich der Tatsache stellen, daß wir vielleicht nicht recht zu dir passen Tante Pauline und ich verkehren nicht viel miteinander, du weißt schon; das heißt nicht, daß wir uns nicht mögen wir mögen uns, sehr sogar!, jedenfalls lieben wir beide unsere Schwester, deine Mutter, immer noch, egal, was die Leute reden Ja, um zur Sache zu kommen, wir stimmen darin überein, daß vielleicht würdest du dich in Paulines Familie heimischer fühlen. Pauline mag weder meinen Mann noch unseren Freundeskreis noch das ganze Haus du mußt es selbst gespürt haben, sogar die paar Mal, als die ganze Familie ausnahmsweise zusammen war. Sie meint« (ein hustendes Gelächter unter Tränen) »– sie sagt, du brauchst mal ›frische Luft‹, etwas, was wir hier nicht haben. Siehst du, so ist es. Vielleicht findest du bei Pauline mehr, was dich wirklich interessiert, damit du geistig beschäftigt bist. Pauline führt ein abwechslungsreiches Leben o ja, ich bin die erste, die das zugibt. Nur bin ich anders. Insofern waren sie und Ruthie einander sehr ähnlich: Abenteurernaturen. Jedenfalls, bei Pauline, ich meine, wenn Pauline es ernst meint… Wie dem auch sei, es kommt natürlich gar nicht in Frage, daß jemand wie Billie dich in Obhut nimmt.«

Erwachsene reden und reden. Ihr Monolog zieht sich ohne Pause durch die ganze Kindheit.

Wenn sie, die, wie die Leute sagen, einmal Hillela war, an jene Zeit zurückdenkt und keiner ihrer damaligen Bekannten weiß, ob sie es je tut, ist das alles, was sich ihr eingeprägt hat. Die Wut, die an jenem Vormittag so verwirrend in ihr ausbrach, hat sich längst in Energie verwandelt wie der elektrische Strom, der von Mast zu Mast durch Raum und Zeit geht, und ist in anderer Form, anderen Leidenschaften wieder hervorgetreten. Nur die, die nie erwachsen werden, bewahren ihre Kindheitseindrücke lebenslänglich als etwas Unveränderliches und Endgültiges. So drückte sich Hillelas Zorn in der Erinnerung einer Frau, die behauptet, Tante Olga zu sein, vornehmlich in Hillelas rätselhafter Verteidigung Billies aus ausgerechnet Billies!, der nuttigen zweiten Frau des armen Len.