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baden-baden blues

Rex Richter

Baden-Baden Blues

AQUENSIS
thriller

Softcover aus der Reihe
„AQUENSIS Thriller“, 12,5 x 19,5 cm 248 Seiten, ISBN 978-3-937978-70-3
€ 9,80 Euro

Drei tote alte Männer innerhalb weniger Tage, bestialisch hingerichtet – und das ausgerechnet in Baden-Baden, diesem beschaulichen Paradies am Rande des Schwarzwalds. Die Untersuchung leitet Hauptkommissar Harry Köhler, der – als bekennender Bluesfan und nach zwanzig Dienstjahren im rauen Hamburg hart und schnoddrig geworden – nicht so recht in die gepflegte Kurstadt passen will. Noch dazu macht ihm eine handfeste Ehekrise das Leben schwer. So tritt er bei den Ermittlungen auf der Stelle – bis er bei seinen Recherchen auf eine unerwartete Tragödie stößt. Liegt hier der Schlüssel für die Morde?

Im Buchhandel

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Melanie Zipperer

Höhenrausch

Liebesgeschichten

AQUENSIS®

Nach dem Auseinandergehen

Ich war mir nicht sicher
ob ich diejenige liebte
die in dir war
oder eine andere
eine, die ich für mich erfunden hatte.

Ich war mir nicht sicher.

Nur dessen war ich mir sicher:
dass deine Liebe mich erhielt
und mich erfüllte
und mich verschlang.

Jorge Eduardo Arellano

Höhenrausch

„Wie lange müssen wir denn noch warten?“ Michael schaute erneut auf seine Armbanduhr, nur um festzustellen, dass seit seinem letzten Blick noch keine halbe Minute vergangen war.

„Jetzt sei doch nicht so ungeduldig. Du siehst doch, dass der Fahrstuhl noch gar nicht hier sein kann.“ Mit einer schnellen Handbewegung, die ihre rot lackierten Fingernägel wie kleine Punkte in der Luft aufblitzen ließ, deutete Betsy auf eine lange Reihe von Ziffern über der geschlossenen Tür des Lifts. Die 21 leuchtete gerade grün auf.

„Na, das kann ja dann noch ewig dauern“, murrte er, drehte sich um und blickte unruhig durch die Hotellobby. „Wir werden zu spät kommen. Die Show fängt um sieben Uhr an. Wenn du nicht so lange in dem verdammten Schuhladen geblieben wärst...“

„Wir haben genug Zeit“, entgegnete Betsy, scheinbar gelassen. Dabei musste sie sich anstrengen, um seine Kritik und den vorwurfsvollen Tonfall, in dem er sie geäußert hatte, zu überhören.

Sie ließ eine sperrige Einkaufstüte von ihrer Schulter gleiten und stellte sie stolz vor sich ab. „Alles 50 Prozent runtergesetzt. Hat sich gelohnt.“

„Es ist Freitagabend“, fuhr Michael unbeirrt fort, „da kriegst du kein freies Taxi weit und breit. Es ist eben immer dasselbe mit dir. Immer sind wir überall zu spät.“ Er seufzte missbilligend und ihrer Meinung nach viel lauter, als es ihr Schuhkauf und die damit verbrachte Zeit verdient hatten.

„Normalerweise muss man dafür 450 Dollar hinblättern. So eine Gelegenheit kann ich mir doch nicht entgehen lassen“, verteidigte Betsy sich und schaute wieder nach oben. Ziffer 18 leuchtete nun grün auf.

„Dieser bescheuerte Modewahn“, entgegnete er. Seine Augen richteten sich ebenfalls auf die 18. „Meine Schuhe kosten nie mehr als 80 Dollar.“

„Ja, so sehen die auch aus“, sagte sie schnippisch und schob ihre Pupillen in ihre Augenwinkel und auf seine Schuhe. Sie waren vorne rund und hatten keine Schnürsenkel. So konnte er jeden Morgen in sie hineinschlüpfen, ohne sich bücken zu müssen. Beim Anblick seiner schiefen Absätze zog sich ihr Magen leicht zusammen. So wie seine Schuhe war auch er: bequem, billig und unscheinbar. Sie spürte bereits, wie gleich ihre eben noch so selbstsicher vorgetäuschte Geduld einer tiefen Bitterkeit weichen würde. Einer Bitterkeit über ihn und ihr Leben mit ihm, die sich im Laufe der Jahre leise aber stetig in sie hineingefressen hatte, und die sie trotz aller Gespräche, Versuche und Neuanfänge nicht mehr losgeworden war.

Und wenn sie dann nicht aufpasste, würde der Abend ganz schnell in einem ähnlichen Fiasko enden wie der gestrige. Manchmal schaffte Betsy es, den Moment einfach hinunterzuschlucken. Aber das Gefühl war immer irgendwie da und mit ihm die ständige Bereitschaft, jeden ihrer routinierten ehelichen Schlagabtausche in endlose zermürbende Wortgefechte ausarten zu lassen. Sie schluckte und tastete mit dem Arm über die Tüte, in der die neuen Schuhe steckten.

Die 18 leuchtete immer noch.

„Zumindest klage ich nicht über Rückenschmerzen“, bemerkte Michael achselzuckend.

„Ja, und sie passen gut zu deinen spießigen Bundfaltenhosen.“ Sie hatte noch mehr zu sagen, wenn er so weitermachte.

Aber er sagte nichts mehr. Stattdessen holte er sein Blackberry aus dem kleinen Lederetui, das immer an seinem Gürtel befestigt war, und drückte auf die mittlere Taste. Keine neuen Nachrichten. Enttäuscht darüber, dass er die verbleibende Wartezeit nicht mit dem Lesen neuer Emails würde verkürzen können, steckte er es wieder zurück. „Mann, das geht hier überhaupt nicht weiter.“

„Ich hab‘ in der Trattoria dell’Arte für nachher reserviert“, sagte Betsy, um sie beide ein wenig abzulenken. Dankbar beobachtete sie, wie die Ziffern über dem Fahrstuhl nun der Reihe nach kurz aufleuchteten und sogleich darauf wieder erloschen. 14, 13, 12 ...

„Schon wieder? Da waren wir doch letztes Mal auch.“

„Ja, aber es war doch gut, oder?“

„Total überteuert und schlechter Service, wenn du mich fragst.“

Ihr wurde plötzlich warm. Sie wusste nicht, ob das von der überheizten Lobby kam oder von der in ihr aufsteigenden Wut. Sie knöpfte ihren Anorak auf.

„Ich hab’ dich aber nicht gefragt.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Wären wir bloß zu Hause geblieben.“

„Das wär‘ mir sowieso lieber gewesen“, stieß er hervor, als hätte er auf diesen Satz gewartet. „Warum müssen wir auch immer nach New York fahren?“

„Erwartest du wirklich eine Antwort auf diese Frage?“ Sie schaute ihn grimmig an und zog dabei eine Augenbraue hoch, ein Ausdruck, von dem sie wusste, dass er ihn an ihr nicht mochte.

„Ich erwarte, dass man mich vorher fragt. Du organisierst immer alles, und ich soll es dann in Kauf nehmen.“ Er starrte auf die Ziffern. Nummer 5 leuchtete auf.

„Weil du nie etwas in die Hand nimmst. Du beschwerst dich nur über alles. Wenn man in dieser Stadt nicht eine Woche vorher reserviert, sind die guten Läden eben ausgebucht.“

„Noch ein Grund, hier nicht herzukommen.“

„Jetzt sind wir aber hier.“

Ein dezenter Klingelton unterbrach sie. Die metallenen Türen des Fahrstuhls glitten geräuschlos zur Seite. Sogleich drängte Michael sich zur Tür und behinderte dabei den Strom der hinausgehenden Personen. Mehrere Menschen schubsten sich mit einem unwirschen „Excuse me“ an ihm vorbei, mit dem sie ihm zu verstehen geben wollten, dass sein Verhalten ganz und gar nicht entschuldbar war. Dann stand er auch schon im Inneren der Kabine.

Betsy hob ihre Tüte auf und wollte sie sich flink über ihre Schulter hängen. Doch die Henkel hatten sich verdreht und ließen sich kaum über die gepolsterten Ärmel ihres Anoraks schieben. Betsy fluchte leise und zerrte die Tüte wieder von ihrem Arm herunter.

„Jetzt mach‘ schon, sonst kommen noch mehr hier rein“, rief Michael ihr zu, während er mit den Fingern fuchtelte und den Knopf zu ihrer Etage suchte. Betsy nahm die Tüte in beide Hände und stellte sich neben ihn.

Er drückte die 35 und sofort darauf einen Knopf weiter unten, auf dem „Close door“ stand. Aber die Tür blieb geöffnet, als warteten sie noch auf weitere Gäste. Er drückte den Knopf erneut, gleich zweimal, mit wachsendem Unmut. Aber nichts geschah.

„Dieser Knopf funktioniert nie, weißt du das nicht?“, sagte Betsy und machte einen Schritt auf die andere Seite.

„So’n Quatsch. Wozu ist denn dann so‘n Knopf überhaupt da?“

„Für den Notfall, für das Sicherheitspersonal. Hab ich gelesen.“

Er drückte erneut. Prompt schlossen sich die Türen. Triumphierend schaute er sie an. „Siehst du.“

Sie sagte nichts, denn jetzt noch darüber zu diskutieren, erschien ihr überflüssig.

Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.

„Wir haben jetzt noch genau zehn Minuten, um uns fertig zu machen“, sagte er und zog sein Blackberry wieder hervor.

Betsy starrte auf den Bildschirm, der neben der Tür hing und einen Werbespot über das Hotelrestaurant zeigte. „Feinste amerikanische Küche mit preisgekrönten Menüs. Frisch für Sie zubereitet. Genießen Sie dazu unseren einzigartigen Panoramablick vom 40. Stock über ganz New York“, tönte es aus dem Fernseher.

„Auf was für eine dringende Nachricht wartest du eigentlich, dass du da ständig nachgucken musst?“, fragte sie abfällig.

„Nichts besonderes.“

Plötzlich hielt der Fahrstuhl mit einem kurzen Klingeln, und die Tür ging auf. 15. Etage. Michael seufzte hörbar und Betsy wusste, dass er jetzt die Zeit, die ihnen durch das Ein- und Aussteigen zusätzlicher Gäste verlorengehen würde, von seinen soeben kalkulierten zehn Minuten abzog. Sie wusste, dass er ihr jetzt noch höchstens fünf lächerliche Minuten geben würde, um sich zu duschen, umzuziehen und zu schminken, dass sie auf jeden Fall mehr Zeit brauchte und dass er ihr das den ganzen Abend vorhalten würde.

Ein großer dunkelblonder Mann in einem weißen Hemd und beiger Hose stieg ein. Betsy schaute sofort auf den stoppeligen Ansatz seines Drei-Tage-Barts, der gewollt ungewollt aussah und ihm unglaublich gut stand. Sie stupste ihre Tüte mit dem Fuß nach hinten und stellte sich in die Ecke, um dem Fremden Platz zu machen.

Der Mann nickte ihr zu und drückte auf die 40. Michael schaute kurz auf und presste seinen Finger sofort zweimal auf den „Close door“-Knopf. Betsy gluckste laut, was Michael mit einem strafenden Blick quittierte. Die Türen schlossen sich erst nach weiteren drei Sekunden, und der Fahrstuhl strebte in die Höhe.

Während Michael emsig auf seinem Blackberry weitertippte und die Dame auf dem Bildschirm das Hotelrestaurant erneut vorstellte, musterte Betsy den Dazugestiegenen interessiert. Er war vielleicht Mitte vierzig, so wie sie und Michael, und brachte eine provozierende Lässigkeit mit sich in den Aufzug. Der Mann trug sein etwas zerknittertes Leinenhemd leger über der Hose, seine Schuhe waren klassisch geschnitten, geschnürt und vorne leicht spitz. Wenn Michael doch nur ... , dachte Betsy.

Der Fremde lächelte sie an. Dabei formten sich auf seinen Wangen kleine Grübchen. Dann schaute er auf den Fernseher und den angepriesenen Panoramablick des Dachrestaurants.

Nach wenigen Bildschirmsätzen wandte er sich um zu Betsy: „Das werde ich jetzt ausprobieren. Soll gut sein.“ Er sprach mit einem leicht überheblich klingenden britischen Akzent.

„Hmm, ja“, gab Betsy zurück, lächelte zaghaft und fuhr sich mit den Fingerspitzen verlegen durch ihre langen blonden Haare. Michael tippte.

„Wo kommt Ihr her?“, fragte der Mann.

„Washington DC. Und Sie?“

„London. Gerade eingetroffen ... Herrlich, in New York zu sein.“ Wieder erschienen die Grübchen. Betsy schaute sie entzückt an. Hätte Michael doch auch solche Grübchen, dachte sie, dann hätte sie ihm vielleicht so manches verziehen.

„Ja, ich liebe diese Stadt auch.“ Sie schaute kurz an ihren engen Jeans hinunter, die in kniehohen schwarzen Stiefeln mündeten, und streckte ihren Busen nach vorne. Durch die Bewegung öffnete sich ihr Anorak etwas weiter und ließ ihren Bauchnabel unter einem sehr kurzen Pullover hervorschauen. Zufrieden stellte sie fest, wie gleich darauf die Augen des Londoners auf ihren Nabel wanderten.

„Mist“, entfuhr es Michael plötzlich. Ungläubig stierte er auf das kleine schwarze Gerät in seinen Händen. „Empfang ist weg.“

„Ja, im Lift passiert das manchmal“, erwiderte der Brite freundlich und löste seinen Blick von ihrem Bauch. Betsy verdrehte die Augen und pustete eine Haarsträhne aus ihren Wimpern.

Auf einmal zitterte und stotterte der Fahrstuhl, und dann blieb er mit einem lauten Ruck stehen. Der Dame im Fernseher wurde mitten im Satz das Wort abgerissen, und sie erlosch mitsamt der Deckenbeleuchtung der Kabine. Eine Sekunde später ging ein kleines rotes Lämpchen über den Knöpfen an und dann wieder aus.

„Scheiße. Das darf ja wohl nicht wahr sein“, rief Michael aufgebracht in die Dunkelheit.

„Keine Panik. Es geht bestimmt gleich weiter“, versuchte ihn der Brite zu beruhigen. Betsy lauschte seiner Stimme, die sinnlich und gleichzeitig besänftigend klang. Sie glaubte ihm.

„Jetzt können wir die Show auf jeden Fall vergessen. So’n Mist“, fluchte Michael weiter. „Wenn du nicht so viel Zeit ...“

„Ich weiß, ich weiß. Hab‘ ich aber“, zischte Betsy.

Eine Weile standen sie reglos im Lift und schwiegen.

Dann leuchtete ein weißes Viereck mitten im Raum auf – Michael hatte auf sein Blackberry gedrückt. Er hielt das Gerät suchend vor die Knöpfe, die in dem schwachen Licht schemenhaft vor ihm auftauchten.

„Gibt’s denn hier keinen Notruf?“

Betsy näherte sich ihm: „Da. Unter deinem Lieblingsknopf.“ Sie stand jetzt zwischen Michael und dem Briten. Ein unauffällig lockender Aftershave-Duft strahlte von dem Fremden aus. Betsy rückte ein paar Zentimeter näher zu ihm und sog den Geruch ein.

Michael drückte langsam und bestimmt auf einen roten Alarmknopf, fest davon überzeugt, damit eine laut heulende Sirene auszulösen. Aber es passierte nichts. Michael drückte erneut. Immer noch nichts.

„Was ist denn hier los?“, rief Michael mit zorniger Stimme. „Was sollen wir jetzt machen?“

„Wir könnten es machen wie Bruce Willis“, scherzte der Brite mit derselben Lässigkeit, mit der er sich noch vor wenigen Minuten in seinem weiten Hemd in den Aufzug hineinbewegt hatte. „Einfach durch die Klappe an der Decke, und dann klettern wir im Aufzugschacht umher, bis uns einer findet.“

Betsy lachte laut auf. Michael verzog keine Miene. „Das ist jetzt überhaupt nicht lustig. Sie verstehen wohl die Situation hier nicht so richtig, mit Ihrem Jetlag.“

Der Brite ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Jetzt mal ernsthaft: Es gibt vier Fahrstühle in diesem Hotel. Wenn einer nicht funktioniert, werden die Gäste sicherlich schnell dem Management Bescheid geben. Das kann nicht lange dauern.“

Das weiße Blackberry-Viereck erlosch. „Wir sollten sparsam mit der Batterie umgehen“, erklärte Michael und steckte sein Telefon ein.

Betsy wurde unruhig. „Dein Telefon bringt uns hier sowieso nicht weiter. Was, wenn wir hier die ganze Nacht verbringen müssen? Wenn uns hier die Luft ausgeht?“

„Jetzt malen Sie doch nicht gleich den Teufel an die Wand“, sagte der Brite. Am Ton seiner Stimme erkannte Betsy, dass er jetzt wieder lächelte. Sie bedauerte, in der Dunkelheit seine Grübchen nicht sehen zu können.

„Das macht sie immer. Vor allem mit mir“, murmelte Michael und lehnte sich gegen die Wand.

„Du gibst mir ja auch allen Anlass dazu“, fauchte Betsy zurück.

„In die Trattoria dell‘ Arte gehe ich heute Abend jedenfalls nicht mehr“, sagte er missmutig, „Auch wenn man uns hier in den nächsten fünf Minuten rausholt.“

„Dann bleibst du halt allein auf dem Zimmer. Ist mir doch egal.“

Betsy ging einen Schritt zurück und trat auf etwas Weiches. Sie erschrak, stieß einen spitzen Schrei aus, stolperte und kippte nach links. Zwei kräftige wohlduftende Arme umfingen sie.

„Hoppla. Haben Sie sich wehgetan?“

Sein Griff war fest, aber irgendwie zärtlich. Er fühlte sich wunderbar an. Betsy richtete sich langsam auf, wobei sie sich eng an ihn geklammert hielt, um diese Arme noch ein paar Sekunden länger als unbedingt notwendig an ihrem Körper spüren zu können.

„Danke. Nein ... geht schon“, keuchte sie und gab beinahe der Versuchung nach, ihre Wange für einen winzigen Augenblick an seine Brust zu schmiegen. „Ich bin über meine Tüte gefallen. Tut mir leid.“ Sie glaubte, dass die enge Berührung ihm ebenfalls zu gefallen schien, denn er lockerte seinen Griff nicht. Schließlich machte sie sich zögerlich von dem Unbekannten frei, bückte sich und schob die Tüte von sich.

„Deine Schuhe. Deine verdammten Schuhe“, ertönte es von der anderen Seite, „du hast sie noch nicht mal getragen und schon brichst du dir damit fast ein Bein.“

„Ach, spar dir doch deine Kommentare“, raunte sie in Michaels Richtung.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte der Brite plötzlich. „Jetzt, wo wir hier auf kleinstem Raum festhängen, sollten wir uns vielleicht mal vorstellen. Ich heiße Edward.“

Die verführerischen Grübchen aus dem Shakespeare-Land hatten einen Namen! „Elizabeth“, hauchte sie nach links, „aber alle nennen mich Betsy.“

„Aha, noch eine Tudor hier im Fahrstuhl“, lachte er. Ob er wohl niemals aus der Fassung geriet?, fragte sie sich.

„Ich bin Michael“, kam es in Grabesstimme von der anderen Seite.

„Mike. Angenehm ... “

„Michael. So weit sind wir dann doch noch nicht.“

„Verzeihung.“

„Jetzt stell‘ dich doch nicht so an“, fuhr Betsy dazwischen, „Wir sitzen hier fest und du beharrst auf Förmlichkeiten.“

„Merken Sie’s, Edward? An allem hat sie was auszusetzen.“

„So wie du dich immer benimmst.“

„Michael, würde es Ihnen etwas ausmachen, nochmal auf Ihr Telefon zu schauen? Vielleicht haben Sie ja wieder Empfang. Dann könnten wir in der Lobby anrufen“, schlug Edward vor. „Ich habe mein Handy im Zimmer gelassen.“

Erfreut darüber, etwas tun zu können, öffnete Michael die Hülle an seinem Gürtel. Das Viereck glimmte auf. „Nichts. Tot.“

Betsy tastete sich zur Ecke und setzte sich auf den Boden. „Na, das kann ja heiter werden.“

Kurz darauf hörte sie, wie die beiden Männer sich ebenfalls setzten. Mehrere Füße stießen in der Mitte der Kabine aufeinander. Sie zog ihre Beine wieder zurück und stützte die Arme auf ihre angewinkelten Knie.

„Verzeihung“, sagte Edward.

„Kein Problem“, antwortete Michael. „Eng hier.“

Wortlos saßen sie sich eine Weile gegenüber.

„Was bringt Sie denn nach New York?“, fragte Betsy dann, überrascht darüber, wie neugierig Edward sie gemacht hatte.

„Mein Job. Ich bin Innenarchitekt und dabei, mich hier mit einem neuen Businesspartner zusammenzutun. Und dann werde ich ganz hierher ziehen.“

„Wirklich?“ Gut, dass er sie jetzt nicht sehen konnte, dachte sie, so ergriffen wie sie hier saß und ihm lauschte, und mit weit aufgesperrten Augen in der Dunkelheit zu ihm herüberstarrte.

„Und Sie?“

„Wir sind nur übers Wochenende hier. Um mal wieder Großstadtluft zu schnuppern“, sagte Betsy.

„Mal wieder? Alle zwei Monate fahren wir hierher“, entfuhr es Michael.

„Kann ich ja nichts dafür, dass DC so ein Dorf ist.“

„Was machen Sie beruflich, Betsy?“, fragte Edward.

„Ich bin Designerin für Handtaschen.“

„In DC? Sollten Sie da nicht eher hier sein? Oder in Mailand?“

„Der Job meiner Frau – das Unglück meiner Ehe“, stöhnte es aus der anderen Ecke.

„Verstehe“, sagte Edward betreten. „Ich arbeite viel auf free-lance-Basis. DC ist ungünstig. Aber Michael...“

„Ja, genau. Ich bin schuld daran, dass du dich beruflich nicht entfalten kannst. Du lässt ja keine Gelegenheit aus, es in die ganze Welt herauszuposaunen.“

„DC hat mir eben nicht viel zu bieten, weder beruflich noch kulturell, noch sonst.“

„Jetzt geht das wieder los. Und ausgerechnet jetzt.“

„Dass ich nur wegen dir in Washington sitze und meine Zeit vergeude, kannst du ja wohl nicht leugnen.“

„Ja, ja. Ich bin dir zutiefst dankbar“, murmelte er spöttisch.

„Das brauchst du gar nicht so zu sagen.“

„Du weißt, dass ich da nicht weg kann.“

„Ja, ja ... Du willst es ja auch gar nicht.“

„Und wo sind Sie tätig, Michael?“, fragte die betörende Stimme von links.

„CIA.“

„Huh! Und was genau?“

„Was halt grad‘ so anfällt.“

„Er darf darüber nicht sprechen.“

„Hm ... Jetzt muss ich wohl aufpassen, was ich sage, oder?“

„Keine Sorge“, lachte Betsy, „so ist es nun auch wieder nicht.“

„Betsy, ich muss für Alina da sein.“

„Du hast tausend Gründe. Und ich muss alles verstehen.“ Ihre Stimme klang sofort wieder launisch. „Und alle meine Wünsche zurückstecken. Was ich will, zählt einfach nicht.“ Da war sie wieder, die Bitterkeit, und versuchte, sich mit aller Kraft an die Oberfläche zu würgen. Betsy holte tief Luft. Dann wandte sie sich erklärend nach links.

„Alina ist seine Tochter.“

Edward sagte nichts.

Plötzlich rutschte Michael auf dem Boden herum. Dann gab er der Tür einem dumpfen Tritt. Die Kabine bebte und ächzte. „Ich will hier raus. Und zwar schnell“, schrie er und trat erneut gegen die Tür.

„Spinnst du? Hör auf damit. Du bringst uns in Gefahr“, rief Betsy angstvoll.

„Ihre Frau hat recht. Bitte reißen Sie sich zusammen“, sagte Edward trocken.

„Klar hat sie recht. Sie hat immer recht“, rief Michael erbost und donnerte mit geballten Fäusten auf den Boden. Der Aufzug erzitterte.

Edward bewegte sich mit einem Satz nach vorne. Er packte Michael beim Arm und hielt ihn fest. „Jetzt hören Sie endlich auf damit. Wir hängen hier irgendwo in der Luft, hundert Meter über der Erde. Sie machen alles nur noch schlimmer.“

Michael versuchte, sich loszureißen. Betsy hörte, wie die beiden miteinander rangen. Die Kabine schaukelte bedenklich hin und her.

„Michael, jetzt mach‘ keine Dummheiten. Hör auf!“

Sie wagte kaum zu atmen und überlegte, ob sie eingreifen sollte. Dann ließ Michael seine Arme sinken, und Edward bewegte sich samt einer After-Shave-Duftwelle zurück auf die andere Seite.

Sie schwiegen eine ganze Weile. In der Dunkelheit schien die Zeit stillzustehen.

„Kennen Sie die Geschichte von Nicholas White?“, fragte Edward plötzlich. Er klang wieder ruhig. „Der war mal vor ein paar Jahren ganze 42 Stunden in einem Lift eingesperrt.“

„Ja!“ rief Betsy sofort mit lebhafter Stimme , „das hab‘ ich irgendwo gelesen. Der wollte nur kurz aus seinem Büro, um eine Zigarette zu rauchen.“

„Langer Artikel im New Yorker“, bestätigte Edward.

„Meine Güte“, schnaufte Michael ärgerlich, „Sie machen hier ja richtig Stimmung mit Ihren Horrorgeschichten. Sie sollten lieber das tun, was Sie selbst vorhin gepredigt haben und den Teufel nicht an die Wand malen.“

„Das Interessanteste habe ich noch gar nicht erzählt“, fuhr Edward entschlossen fort, denn er wusste, dass Betsy ihm wie gebannt zuhörte. „Als White am Ende endlich gerettet wurde, kündigte er seinen Job und kassierte eine Million Schadensersatz von der Versicherung.“

Michael wurde hellhörig. „An eine Anklage hab‘ ich eben auch schon gedacht.“

„Aber dann versumpfte White mit seinem Geld auf einer Karibikinsel, gab alles aus, verlor seine Freunde und hat seitdem nie wieder einen festen Job gefunden. Der Vorfall im Fahrstuhl hat sein ganzes Leben aus der Bahn geworfen.“

Betsy erschauerte.

„So kann’s gehen“, sagte Michael kurz.

Sie schwiegen erneut.

„Sag mal, hast du was zu trinken? Ich hab‘ schrecklichen Durst“, fragte Michael.

Betsy fuhr mit der Hand in ihre Tasche und tastete darin herum. Dann zog sie eine Gatoradeflasche heraus. „Hier. Aber trink nicht alles aus. Wer weiß, wie lange wir hier noch sitzen müssen.“

Michael streckte seinen Arm nach ihr aus, bis er ihre Finger gefunden hatte, und nahm die Flasche entgegen.

„Keine Angst. Ich trink‘ dir schon nix weg.“ Er schraubte die Flasche auf und schluckte die Flüssigkeit geräuschvoll herunter.

Dann sagten sie eine Weile wieder nichts und starrten in die Finsternis. Betsy taten die Beine vom angewinkelten Sitzen weh, und sie rückte ein wenig hin und her, um ihre Position zu ändern. Vorsichtig ließ sie ihre Beine nach vorne gleiten.

„Pass‘ doch auf mit deinen Absätzen“, sagte Michael gereizt, „hier bin ich.“

„Tut mir leid. Ich weiß einfach nicht mehr wohin mit mir.“ Sie zog ihre Beine wieder zurück, stieß gegen ihre Tüte und rutschte nervös auf dem harten Boden herum.

„Hier ist noch etwas Platz“, bot Edward an, „hier auf der Seite.“

Sie drehte ihren Körper herum und versuchte wieder, ihre Beine langsam zu strecken.

„Geht’s so?“

„Kein Problem.“

„Alinchen wird sich wundern. Ich wollte sie um sechs anrufen“, bemerkte Michael und klopfte mit den Fingern leicht gegen die Wand. Alinchen, dachte Betsy boshaft, dieses verwöhnte, übergewichtige, ewig quengelnde Kind, dem er wegen seiner Schuldgefühle alles in den Hals stopft.

„Wird sie nicht. Ihre Mutter wird sie schon erfolgreich davon ablenken.“ Und die ewigen Kämpfe mit seiner hysterischen Ex-Frau, die ihnen immer genaueste Anweisungen gab, was das Kind zu tun und zu lassen hatte, wenn sie es am Wochenende zu ihnen brachte.

„Wegen dir kann ich sie dieses Wochenende nicht sehen. Weil du unbedingt hierher musstest. Und jetzt sitzen wir hier.“

„Hör auf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn du dein Kind öfter sehen willst, hättest du dich eben nicht scheiden lassen dürfen.“

„Das ist vielleicht ein dummes Argument.“

„Es ist mir eben manchmal zu viel“, sagte sie mürrisch. „Ich kann Alina nichts recht machen. Und du bist immer auf ihrer Seite.“

„Sie ist ein Kind, Betsy, da musst du eben ein bisschen Rücksicht nehmen.“

„Mach‘ ich doch. Immer“, seufzte sie, „aber sie nimmt einfach nichts von mir an.“

„Müssen wir das jetzt auch noch hier diskutieren?“

Betsy zog ihre Nase hoch, suchte nach einem Taschentuch und schnäuzte sich. Genauso wie sie hier im Aufzug steckengelieben war, steckte sie auch in ihrem Leben mit Michael fest, dachte sie düster und voller Selbstmitleid. Es ging einfach nicht weiter.

Edward räusperte sich. „Mag jemand vielleicht ein Kaugummi?“

„Ja, gern“, erwiderte sie.

Edward bewegte sich, und sie hörte, wie er knisternd einen Streifen aus einem Päckchen zog. „Bitte. Aber ich warne Sie: Zimtgeschmack, ziemlich scharf.“ Betsy langte mit ihrer Hand nach vorne. Ihre Finger trafen sofort zusammen, und sie fühlte nach dem Kaugummi. Da griff er mit seiner anderen Hand nach ihrer, öffnete sie und legte ihr den Kaugummi auf die Handfläche. Dann schloss er seine Hand um ihre und drückte sie fest.

„Das mit der Kleinen wird sich schon arrangieren.“

„Danke“, flüsterte Betsy.

Mittlerweile war es ziemlich warm in der Kabine geworden. Betsy schälte sich aus ihrer Jacke, legte sich auf den Boden und stopfte den Anorak unter ihren Kopf. Dabei stieß sie mehrmals gegen ein paar Beine und die Wände.

„Was machst du denn da?“

„Ich versuch‘, mich hinzulegen, so gut das hier überhaupt geht.“ Ihr Kopf war jetzt ziemlich weit links und sie überlegte, wie nahe sie Edward wohl war.

„Hinlegen? Du hast Nerven.“

„Machen Sie nur, das Sitzen hier ist wirklich unbequem“, sagte Edward. Seine Stimme war genau über ihr. Sie hörte ein paar raschelnde Bewegungen und fühlte ein Stück Stoff über ihr Gesicht huschen. Sie bewegte sich und stieß mit ihrem Kopf gegen sein Bein.

„Verzeihung.“ Betsy hielt die Luft an, rückte aber nicht von ihm weg.

Michaels Blackberry blinkte auf. „Mann, Viertel nach sieben. Wir stecken hier schon über eine Stunde drin“, stellte er fest, wobei in seiner Stimme mehr Erstaunen als Angst mitschwang.

Weder Edward noch Betsy antworteten. Betsy schloss die Augen. Die Gatoradeflasche war nur halbvoll gewesen, als sie zurück ins Hotel gekommen waren, überlegte sie, da waren für jeden von ihnen noch höchstens ein paar Schlucke drin. Und was dann?

Sie riss ihre Augen wieder auf und stierte Richtung Decke. „Und was, wenn die uns nicht rechtzeitig finden?“, wisperte sie. „Wir werden verdursten.“

„Ich hab‘ noch mehr Kaugummis, da können wir eine ganze Weile drauf rumkauen, bevor wir wirklich verdursten“, sagte Edward.

Plötzlich fühlte sie Edwards Hand auf ihrem Arm. Behutsam tastete er sich bis zu ihrer Schulter. Betsys Herz klopfte so laut, dass sie glaubte, ihr ganzer Körper würde davon erbeben. Sie fürchtete, sogar Michael würde das Pochen hören können. Sie schluckte und presste ihre feuchten Handflächen fest auf den Boden. Edwards Finger glitten sachte über ihren Hals und dann über ihr Gesicht.

„Vielleicht sollten wir es wirklich so machen wie Bruce Willis“, brummte Michael aus der anderen Ecke, „ich meine, wir könnten doch zumindest versuchen, die Klappe in der Decke zu öffnen und um Hilfe rufen.“

Betsy war schwindelig. Sie spürte, wie ihre Haut unter Edwards Berührung nachgab und sich auflöste. Ihr ganzer Körper schien zu gleiten und in den Boden zu strömen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Edward kam ihr zuvor.

„Nein, Michael, das hat überhaupt keinen Sinn.“ Seine Finger hielten kurz inne. Dann glitten sie über ihren Mund und zeichneten zärtlich die Konturen ihrer Lippen nach. „Die Decke ist viel zu hoch, es ist stockduster, und selbst wenn wir in den Schacht rufen, heißt das noch lange nicht, dass uns jemand hört.“

Edwards Finger strichen nun über ihre Wangen. Betsys Brust hob und senkte sich schnell. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

„Ja, sollen wir denn jetzt einfach nur tatenlos hier rumsitzen?“, entgegnete Michael empört.

Betsy hörte kaum hin. Mit knisternder Konzentration zerging sie unter der Langsamkeit von Edwards warmen Fingerspitzen. Sie sehnte sich nach mehr, jetzt sofort. Sie wollte nach seiner Hand greifen, sie führen und auf anderen Stellen ihres brennenden Körpers spüren.

„Ich denke, das ist das beste“, antwortete Edward.

Und sie wollte seinen Körper ebenfalls ertasten und entdecken. Erst würde sie einfühlsam und vorsichtig sein, dann fordernd und begehrend, bis ihre Körper ganz zueinander finden würden. Sie hatten doch nacheinander gesucht, seit der Sekunde, in der er eingestiegen war. Wie er sie vorhin angeschaut, und wie er sie dann aufgefangen hatte. Und wie er eben ihre Hand gedrückt hatte.

„Vielleicht sollten wir eher versuchen, die Tür aufzuziehen und um Hilfe rufen“, schlug Michael nun vor und rollte nervös das Ende seines Gürtels bis zur Schnalle zusammen und dann wieder zurück.

Betsy hatte keine Angst mehr, in diesem Fahrstuhl zu verdursten. Mit Michael war sie verdurstet, schon vor Jahren war das passiert. Doch Edward hatte sie mit seinen wenigen Berührungen wieder erweckt, in ihrem Körper Verlangen und Sehnsucht ausgelöst. Er würde bald in New York leben. Und sie würde Michael verlassen. So eine unglaubliche und großartige Fügung des Schicksals. Jetzt würde ihre Zeit beginnen...

„Michael, das sind Schnapsideen. Sie müssen Geduld haben. Bitte.“

Sie sehnte sich nach Licht, damit sie Edward wieder sehen und nicht nur hören konnte. Sie wollte seine Grübchen anschauen, sich ihre Wangen an seinen Bartstoppeln zerkratzen, seine Arme wieder um ihre Taille fühlen und seinen Mund mit ihren Lippen verschlingen.

„Ich sehe schon, meine Ideen finden hier keinen Anklang. Wenn wir hier alle bei draufgehen, dann sind Sie schuld. Alles wollen Sie besser wissen.“

Edwards Hand streifte an ihrem Ohr vorbei und strich über ihr Haar. Betsy konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie lautlos auf ihren Mund. Seine Hand duftete nach Aftershave. Wohlig spreizte er seine Finger über ihrem Gesicht aus.

„Im Gegenteil, Michael. Wenn wir hier lebend rauskommen wollen, dürfen Sie nichts Unüberlegtes tun. Weil Sie eben nicht Bruce Willis sind.“

„Warum sagst du denn nichts, Betsy? Du hast doch sonst zu allem eine Meinung.“

Betsy zuckte zusammen und hob Edwards Hand von ihrem Gesicht. „Ich ... ich glaube, Edward hat recht.“

„Hätte ich mir ja gleich denken können.“ Michael schraubte die Gatoradeflasche wieder auf. „Tut mir leid, aber ich hab‘ so’n Durst. Diese Scheißhitze hier.“ Er trank einen Schluck und setzte die Flasche wieder ab. „Schmeckt komisch, dieses Zeug.“

Betsy zog Edwards Hand wieder zu sich und legte sie auf ihr Dekollete. Er breitete seine Finger aus, tastete sich bis zu ihren Brüsten und streichelte sie. Sie wollte aufschreien vor Lust und durfte doch kaum atmen.

„Wollt Ihr auch was?“

„Danke, geht noch“, sagte Edward, während die kreisenden Bewegungen seiner Fingerspitzen Betsy fast zum Wahnsinn trieben.

Plötzlich knackte es laut. Edwards Hand fuhr erschrocken in die Luft. Es knackte noch einmal, und ein durchdringender Pfeifton ertönte. Betsy richtete sich verstört auf und hielt sich die Ohren zu.

„Ist da jemand?“, sagte eine laute Stimme. „Ist da jemand im Fahrstuhl?“

„Ja“, schrie Michael wie von Sinnen. „Ja! Wir sind hier seit Stunden eingesperrt.“

„Wie viele Personen?“

„Drei“, riefen Edward und Michael gleichzeitig. Betsy ließ ihren Kopf nach hinten fallen und ordnete ihr Haar.

„Wir kümmern uns drum“, sagte die Stimme.

„Endlich! Endlich! Sie holen uns raus“, rief Michael laut und mit einer überschwänglichen Erleichterung, die Betsy noch nie zuvor an ihrem Mann erlebt hatte.

Eine halbe Minute später wurde es auf einmal taghell, und ein kalter Windstoß fuhr durch die Kabine.

„ ... mit preisgekrönten Menüs. Frisch für Sie zubereitet“, kam es gleichzeitig aus dem Fernseher.

Verwundert schauten sich die drei in dem unverhofften Licht an. Dann standen sie mit knackenden Gliedern auf. Michael nahm Betsy in seine Arme und drückte sie an sich. „Wir haben‘s geschafft“, rief er aufgebracht und küsste sie, „Mensch, wir haben‘s geschafft.“

Edward klopfte Michael anerkennend auf die Schulter. „Sie haben sich wacker gehalten.“

Michael griff Edward am Arm. „Ich lad‘ euch auf ein Bier unten in der Bar ein. Auf diesen Schock müssen wir was trinken.“

„Noch sind wir nicht unten“, sagte Betsy. Sie wollte nicht mit Michael in eine Bar gehen. Sie wollte von ihm fortgehen. Sie wollte bei Edward sein. Ihr neues Leben beginnen. Der größte Schock stand ihrem Mann doch noch bevor. Sie würde es Michael noch heute sagen und dann ihre Koffer packen.

„Betsy, na komm‘ schon. Das müssen wir feiern.“

Der Aufzug ruckte, und dann bewegte er sich nach unten.

„Ich muss gleich mein Linchen anrufen“, rief Michael beschwingt, wobei sich alles an ihm zu bewegen schien, seine Pupillen, seine Schultern, seine Finger, selbst der weite Saum seiner Hose. Freudestrahlend tänzelte er auf der Stelle vor und zurück. „Das wird sie mir nicht glauben.“

Betsy hob ihren Anorak auf und steckte ihn in die Tüte. Dann schaute sie verstohlen zu Edward. Aber der erwiderte ihren Blick nicht, sondern schaute angestrengt zu Boden. Verunsichert runzelte Betsy die Stirn.

„Edward? Alles okay?“

Er hob seinen Kopf und zwinkerte ihr zu. Erlöst lächelte sie ihn an.

Als sich die Türen öffneten, trat ihnen sofort ein Mann in einem schwarzen Anzug entgegen. „Im Namen des gesamten Teams des Rubius Hotels möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Wir hatten einen Kurzschluss. Wir bedauern diesen Vorfall zutiefst und werden alles tun, um Ihren weiteren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.“

Der Mann im Anzug schüttelte ihnen reihum die Hand und äußerte sein tiefstes Bedauern noch mehrere Male.

„Wie viel Uhr ist es denn?“, fragte Michael.

„Zehn vor acht“, sagte der Mann. Dann machte er ein Zeichen und wie aus dem Nichts kam hastig eine Dame mit einem silbernen Tablett angetrippelt, auf dem drei lange, dünne Gläser mit Champagner standen.

„Darf ich bitten. Nach diesem Schreck.“

Betsy wollte gerade nach einem Glas greifen, da stürzte eine junge Frau rufend auf sie zu. Sie war vielleicht Ende zwanzig, trug ein elegantes, kurzes schwarzes Kleid und hatte die Haare zu einem kunstvollen Turban hochgesteckt. Als sie die Gruppe beinahe erreicht hatte, kreischte sie „Eddie! Darling!“. Edward verzog seinen Mund zu einem breiten Lächeln und die Grübchen traten hervor, größer und schöner als Betsy sie in Erinnerung hatte. Er breitete die Arme aus, die Frau warf ihre Handtasche zu Boden und flog ihm um den Hals.

„Ich hab‘ mir solche Sorgen um dich gemacht“, rief die Frau aufgeregt, während Edward sie fest an sich drückte. Dann küssten sie sich.

Michael nahm ein Glas vom Tablett, prostete Betsy kurz zu und trank. Prompt verschluckte er sich und hustete laut, während Betsy die Frau fassungslos anstarrte.

„Ich war oben im Restaurant“, sagte diese zu Edward, „und du kamst und kamst einfach nicht nach. Dann bin ich zum Zimmer gegangen, aber da warst du auch nicht.“

Edward küsste sie wieder und streichelte ihr über die Wange. „Aber jetzt ist ja alles endlich vorbei. Lass‘ uns irgendwo essen gehen. Ich sterbe vor Hunger.“

Dann drehte er sich zu Betsy und Michael: „Das ist Diana, meine Verlobte. Ich hatte Diana versprochen, sie heute Abend ins Hotelrestaurant auszuführen.“ Er zog sie zu sich und küsste ihr Haar. „Aber nach diesem Vorfall suchen wir uns wohl besser was anderes.“

Der Hotelmanager versicherte eilig, dass jetzt wirklich alles in bester Ordnung sei.

„War nett, Euch kennenzulernen“, sagte Edward und schüttelte erst Michael und dann Betsy die Hand. „Aber wir müssen jetzt wirklich los. Schönes Wochenende noch.“

Diana winkte ihnen kurz zu, hob flink ihre Handtasche auf und ergriff Edwards Hand. Edward flüsterte etwas in Dianas Ohr. Sie kicherte, während die beiden durch die Lobby Richtung Ausgang schlenderten.

Betsy schaute ihnen entgeistert nach. Dann riss sie ihren ganzen Mut zusammen, rannte dem Paar hinterher und zerrte Edward am Arm. Ihr Kopf hämmerte. Ihn zur Rede stellen. Der Frau die Wahrheit sagen. Um ihr neues Leben kämpfen.

„Edward“, stieß sie hervor, „ ... und vorhin? ... Was war das vorhin?“

Er drehte sich zu ihr um: „Ja?“

Diana blickte Betsy überrascht an. Durch die Umarmung hatten sich ein paar Strähnen aus Dianas Haarturban gelöst. Sie sah hinreißend aus.

„Was gibt’s denn noch?“ Edward schaute Betsy mit leeren Augen an, als hätte eine Fremde ihn nach dem kürzesten Weg zur nächsten U-Bahn Haltestelle gefragt.

„Nichts“, murmelte Betsy verstört und ließ seinen Arm los, „schon gut.“ Sie fühlte sich wie der brennende Docht eines Kerzenstummels, der im Wachs hilflos umherschwamm, noch einmal kurz verzweifelt aufflackerte, und dann in der heißen Masse langsam erstickte.

„Komm, Eddie“, schnurrte Diana und zog ihn vorwärts.

Betsy drehte sich um und ging zurück zu Michael, der schon wieder in sein Blackberry vertieft war. Die Tränen, die sie eben noch hatte zurückhalten können, stürzten ihr nun die Wangen hinunter. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und begann, hemmungslos zu weinen.