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LEKTÜRESCHLÜSSEL
FÜR SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER

Patrick Süskind

Das Parfum

Von Helmut Bernsmeier

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe: Patrick Süskind: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes Verlag, 1994. (Diogenes Taschenbuch. 22800.)

2005, 2012 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2018
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-960070-3
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015370-3

Inhalt

1. Erstinformation zum Werk

2. Inhalt

3. Personen

4. Werkaufbau

5. Wort- und Sacherläuterungen

6. Interpretation

7. Der Autor

8. Rezeption

9. Checkliste

10. Lektüretipps

Anmerkungen

1. Erstinformation zum Werk

Kaum ein Schriftsteller hatte mit einem Romanerstling in den letzten Jahren einen so großen Erfolg wie Patrick Süskind mit Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders, einem Roman über Düfte und Morde. Bereits mit dem Vorabdruck des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ab Oktober 1984 sowie in der Schweizer Illustrierten Zeitung ab November 1984 zeichnete sich der Erfolg ab. Die Startauflage in Höhe von 10 000 Exemplaren war schon nach wenigen Monaten vergriffen, obwohl der Autor dem Diogenes Verlag geraten hatte, nur 5000 Exemplare zu drucken. Innerhalb weniger Jahre verkaufte Diogenes mehrere Millionen Exemplare, überdies wurden über dreißig Übersetzungen, auch in exotische Sprachen, vorgenommen. Von 1985 an stand Das Parfum über 316 Wochen ununterbrochen in den Bestsellerlisten.1 Wer den Roman nicht lesen möchte und das gesprochene Wort vorzieht, kann zu dem von Gert Westphal besprochenen Hörbuch greifen.

Worin liegt der Reiz dieses Romans? Sicherlich darin, dass Süskind eine fantastische Geschichte so erzählt, dass ihm der Leser, auch der junge Leser, aufmerksam zu folgen vermag. Der Autor arrangiert erzählerisch eine einzigartige Duftorgie und vermittelt eine Fülle von kulturgeschichtlich interessanten Details aus dem Bereich der Parfumherstellung. Dabei verliert er sich nicht in der Beschreibung von Einzelheiten, es gelingt ihm vielmehr, durch Spannung einen Anreiz zum Weiterlesen zu schaffen.

Süskind führt seine Leser in die Welt von Paris und das Frankreich des 18. Jahrhunderts und lässt ihn am niederträchtigen Leben seiner gewissenlos handelnden Hauptperson Jean-Baptiste Grenouille teilhaben. Grenouille nimmt seine Umwelt ausschließlich durch seinen Geruchssinn wahr und kreiert zauberhafte Parfums, allerdings allein mit dem Ziel, seine Mitmenschen zu verführen. Er ist genial, weil er Gerüche so zusammenstellen kann, dass sie seine Mitmenschen berauschen: Er ist ein Parfumeur par excellence. Von hässlichem Äußeren, zeigt sich Grenouille als ein moralisch verkommenes Individuum, das, um sein Lebensziel zu erreichen, vor kaltblütigen Morden nicht zurückschreckt. Am Ende veranlasst er durch seinen selbst kreierten genialen Geruch, eine Gruppe von Menschen, allesamt gesellschaftlich Deklassierte, ihn aus Liebe aufzufressen. Kannibalismus als Endlösung.

Der Lektüreschlüssel will zum besseren Verstehen des Romans beitragen. Werkaufbau und Rezeptionsgeschichte verdeutlichen, Zusammenhänge herausstellen und Zusatzinformationen liefern. Der Inhalt sowie die wichtigsten Personen werden vorgestellt, schwierige Begriffe erklärt und ein Interpretationsvorschlag an die Hand gegeben.

2. Inhalt

Die Handlung des Romans Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders spielt in den Jahren 1738 bis 1767 in Frankreich, in der Zeit der Aufklärung. Sie umfasst die Entwicklungsgeschichte der Hauptperson Jean-Baptiste Grenouille von seiner Geburt am 17. Juli 1738 bis zu seinem Tod am 29. Juni 1767. Das flüchtige Reich der Gerüche bildet ein zentrales Motiv, hierzu gehört sowohl der Wohlgeruch von Parfum als auch der unvorstellbare Gestank in den Städten. Dieser Gestank bildet den Rahmen der Handlung. So erblickt Grenouille das Licht der Welt »am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs« (7), auf dem »Friedhof der Unschuldigen«, der auch als Marktplatz genutzt wird, wo der widerliche Geruch von stinkenden Fischen den Geruch von Leichen überdeckt. Auf dem Cimetière des Innocents endet auch sein Leben, dort, wo der Leichengestank selbst die Totengräber vertreibt.

Erster Teil (Kapitel 1–22): Kindheit und Lehrjahre

Am Anfang des Romans steht die Geburt von Jean-Baptiste Grenouille. Seine ledige Mutter, eine Fischverkäuferin, hatte schon vorher an ihrem Stand Kinder zur Welt gebracht, diese aber sterben lassen. Nun nabelt sie Jean-Baptiste mit ihrem Fischmesser ab, bevor sie ohnmächtig zusammenbricht. Wenig später wird die Geburt entdeckt, die junge Frau, die ihren Sohn nicht am Leben lassen wollte, wird verhaftet und dann hingerichtet, während Jean-Baptiste in die Obhut von verschiedenen Ammen kommt. Wegen seiner unangenehmen äußeren Erscheinung, er ist klein, bucklig und hässlich, und wegen seiner Geruchslosigkeit, wird er in den Familien Opfer aggressiven Verhaltens. Das Kind, das fast schmerzunempfindlich zu sein scheint, übersteht Unfälle, schwere Krankheiten und sogar Mordanschläge dank seiner Zähigkeit und Genügsamkeit, weshalb ihn der Erzähler als Zecke bezeichnet. Dieses Insekt, ein Parasit, saugt das Blut aus anderen Lebewesen heraus und weiß lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Wegen seines zeckenartigen Verhaltens vermag es keine Nährmutter lange mit Grenouille auszuhalten. Schließlich gibt auch die Amme Jeanne Bussie den kleinen Jungen einem Pater namens Terrier zurück, der ebenfalls keine emotionale Nähe zu dem Kleinen zu entwickeln vermag. Dieser bezeichnet Jean-Baptiste als ein »fremdes, kaltes Wesen«, als ein »feindseliges Animal« (24), weil er den Eindruck gewonnen hat, das geruchlose Kind röche ihn schamlos ab. Gegen eine einjährige Vorauszahlung kommt Grenouille schließlich in die Obhut von Madame Gaillard, einer Frau, die zwei Dutzend Kinder in Pflege hat. Sie betreut die Kinder nicht aus humanitären Gründen, sondern sieht in der Kinderpflege eine rein geschäftliche Angelegenheit, um von dem Kostgeld ihre Rente zu sichern.

Jean-Baptiste Grenouille, der selbst über keinen Körpergeruch verfügt, nimmt seine Umwelt geruchlich wahr und sammelt ihre Gerüche in seinem Gedächtnis. Hierzu bekommt er Gelegenheit, nachdem Frau Gaillard den Achtjährigen an den Gerber Monsieur Grimal verkauft. Grenouille übersteht bei ihm wegen der schonungslosen Arbeits- und Lebensbedingungen das erste Jahr der »mehr tierischen als menschlichen Existenz« (42), besiegt auch die in der Regel tödlich verlaufende Gerberkrankheit, den Milzbrand, woraufhin Grimal den Jungen etwas fürsorglicher behandelt. Er hält Grenouille nun nicht mehr wie »irgendein Tier, sondern wie ein nützliches Haustier« (43). Hierdurch in gewisser Weise privilegiert, hat Grenouille nun die Möglichkeit, sich in Paris umzusehen, um die Stadt mit seinem Geruchssinn olfaktorisch zu erfassen und die Düfte im Gedächtnis zu speichern. Am 1. September 1753 findet für ihn das entscheidende Schlüsselerlebnis statt: Während sich die Bevölkerung am grandiosen Feuerwerk anlässlich des Jahrestags der Thronbesteigung Ludwigs XV. erfreut, lässt sich die Hauptperson abseits des Getümmels vom Geruch leiten. Hilflos gegenüber einem faszinierenden Duft wird er ohne eigenen Willen zu einem dreizehnjährigen rothaarigen Mädchen geleitet, das Mirabellen putzt. Er will ihren Duft in sich aufnehmen, ihn in seinen Besitz bringen, weshalb er die Jungfrau erwürgt, um sich dann an dem Wohlgeruch ihres Körpers zu berauschen. Indem er sie von Kopf bis Fuß abriecht, sammelt er auch die letzten Reste ihres Duftes ein. Mit diesem Verbrechen eröffnet sich für Grenouille ein Weg, den er von nun an konsequent beschreitet: Die Ermordung des Mädchens hat für ihn die Bedeutung einer neuen Geburt, denn jetzt kann er seine bisherige, als animalisch empfundene Existenz hinter sich lassen. Sein Ziel ist es, ein Erschaffer von Düften zu werden, wobei er sich das »Prinzip des Duftes« durch Verbrechen zu Eigen macht. Jedoch bevor die Serie von Gewaltverbrechen erfolgt, muss Grenouille noch sein handwerkliches Können vervollständigen.

Bei dem Parfumeur Giuseppe Baldini, dessen Geschäft im Niedergang begriffen ist, bekommt er eine Anstellung, erlernt von dem Meister die notwendigen handwerklichen Techniken und produziert zahllose Duftkompositionen. Baldini steigt dank der genialen Kreationen Grenouilles, der wahre Sinfonien von Düften zustande bringt, bald zum bedeutendsten Parfumeur Frankreichs auf. Der Lehrling selbst gerät jedoch in eine tiefe, lebensbedrohliche Krise, da er sich methodisch nicht in der Lage sieht, einen in seiner Vorstellung entwickelten Duft auch herzustellen. Erst als Baldini dem Sterbenden drei weitere Verfahren der Gewinnung von Düften aus Blüten nennt, die in der Stadt Grasse, im Süden Frankreichs, praktiziert wurden, gewinnt Grenouille im Verlauf weniger Tage seine Gesundheit wieder. Nach einer sechsjährigen gründlichen Ausbildung erhält er schließlich von Baldini einen Gesellenbrief, um nach Grasse aufbrechen zu können. Baldini aber, der sich dank des Besitzes von mehreren hundert Formeln am Anfang einer beruflichen Karriere sieht, wird Opfer einer Katastrophe: Sein Haus und sein gut beschützter Schatz verschwinden zusammen mit ihm und seiner Frau in den Fluten der Seine.

Zweiter Teil (Kapitel 23–34): Wanderjahre

Auf seiner Wanderung nach Südfrankreich ist Grenouille der Geruch der Menschen zuwider, weshalb er deren Ausdünstungen meidet und in die größtmögliche Einsamkeit entflieht, auf den zweitausend Meter hohen Vulkan Plomb du Cantal. In dieser vollkommenen Isolation verbringt er sieben Jahre in einer Höhle, ernährt sich von Moosen, Kleingetier und Wasser, durchlebt in seinem Inneren ungezählte orgiastische Duftkompositionen, um schließlich in eine innere Krise zu geraten, als ihm seine eigene Geruchlosigkeit bewusst wird. Er will nun der absoluten Weltentfremdung entfliehen und macht sich, in Lumpen gekleidet, auf den Weg in südliche Richtung. In der Zivilisation, in Montpellier, kommt der nunmehr fürchterlich aussehende Grenouille, dessen Haare bis an die Kniekehlen reichen, dessen Nägel wie Vogelkrallen aussehen, in Kontakt mit dem Marquis de la Taillade-Espinasse, einem dilettantischen und skurrilen Wissenschaftler, der Grenouille benutzt, um seine Theorie von der Existenz eines aus der Erde strömenden Gases, dem »fluidum letale«, zu beweisen, das die Eigenschaft besitzen soll, die vitalen Kräfte der Menschen zu lähmen. Der Marquis muss sich jedoch zur Beweisführung betrügerischer Mittel bedienen, wenn er Grenouille den Gelehrten vorführt. Grenouille durchschaut die Machenschaften des Marquis und ist indessen bemüht, sich zu vervollkommnen. Es gelingt ihm, ein besonderes Parfum zu kreieren, eine Mischung aus unterschiedlichen Ingredienzen, wozu neben sich zersetzendem Käse und Katzendreck auch frische Düfte von Pfefferminze und Lavendel sowie Blütenöle der Orange, Rose und des Jasmins gehören. Als Ergebnis kann er zwei Flakons eines Parfums abfüllen, dessen Geruch von dem Menschengeruch nicht zu unterscheiden ist. Dieses Parfum verleiht ihm einen eigenen Körpergeruch. Zum ersten Mal in seinem Leben verbreitet Grenouille einen menschlichen Geruch, der ihn erst zu einem Menschen macht und eine für ihn bisher ungeahnte Wirkung auf andere ausübt. Nun wird Grenouille bewusst, dass er einen weiteren, einen übermenschlichen Duft kreieren muss, gleichsam »einen Engelsduft«, der alle verzauberte, sodass sie ihn, den Träger dieses Duftes, von ganzem Herzen lieben müssten (198). Grenouilles Ziel jedoch ist es, von den Menschen nicht nur geliebt zu werden, sondern vielmehr deren Herzen zu beherrschen. Hierzu ist es nötig, als »omnipotenter Gott des Duftes« eine außergewöhnliche Duftkomposition zu kreieren. Sein Plan, Menschen zu beherrschen, soll in dem Bewusstsein erfolgen, von Grund auf böse zu sein. Er verlässt schließlich den Marquis und Montpellier und zieht weiter nach Grasse.

Dritter Teil (Kapitel 35–50): Meisterjahre