Cover

Charlotte Link

Im Tal des Fuchses

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

© 2012 by Blanvalet Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Lektorat: Nicola Bartels
Herstellung: Sabine Müller
Umschlaggestaltung: bürosüd
Umschlagmotiv: Corbis/Julian Calverley
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-07987-1
V003

www.blanvalet.de

OKTOBER 1987

Der Junge war nicht sicher, ob er wirklich einen Fuchs gesehen hatte oder ob es ein anderes Tier gewesen war, aber er beschloss schließlich einfach, dass es sich um einen Fuchs gehandelt haben müsste, denn dieser Gedanke gefiel ihm am besten. Als flacher, dunkler Schatten war er durch das kleine Tal geglitten, zwischen den Gräsern, den niedrigen Büschen, den Steinen hindurch, und als er die andere Seite erreicht hatte, die einzige Seite, an der das Tal nicht durch sanft ansteigende Wiesenhänge, sondern durch eine schroffe Felswand begrenzt wurde, tauchte er zwischen dem Gestein unter und war verschwunden. Von einer Sekunde zur anderen schien ihn die Wand verschluckt zu haben.

Der Junge schaute fasziniert zu. Es hatte so ausgesehen, als gebe es in dem Felsen einen Eingang, eine Spalte, die ausreichte, dass ein nicht allzu kleines Tier, immerhin ein Fuchs, ohne jede Mühe einfach hineinhuschen konnte. Er wollte dem Geheimnis auf den Grund gehen. Er ließ sein Fahrrad ins Gras fallen und rannte den Hügel hinab. Er kannte sich gut aus in der Gegend, er kam oft zu dem kleinen stillen Tal, obwohl er über fünf Meilen mit dem Fahrrad zurücklegen musste. Das Tal war schwer zu finden, weil es keine Wege gab, die dorthin führten. Aber darum war man hier auch so ungestört. Man konnte in der Sonne liegen oder auf einem Stein sitzen, in den Himmel blicken und einfach seinen Gedanken nachhängen.

Der Junge erreichte die Stelle, an der der Fuchs verschwunden war. Vor allem als er noch jünger gewesen war, war er an der Felswand oft hinauf- oder hinabgeklettert und hatte sich vorgestellt, er besteige den Mount Everest. Inzwischen war er zehn, und solche Spiele erschienen ihm kindisch, aber er entsann sich noch gut der abenteuerlichen Gefühle, die der Steilhang in ihm ausgelöst hatte. Allerdings hatte er dabei nie etwas entdeckt, das ihn hätte vermuten lassen, es könnte eine Art Öffnung in der Wand geben.

Sein Herz klopfte schnell, als er zwischen dem hohen Farn, der hier in dicken Büscheln wuchs und noch tropfend nass war vom Regen der vergangenen Nacht, nach einem Eingang suchte. Er war sich ganz sicher, dass der Fuchs genau hier, an dieser Stelle, verschwunden war. Mit dem Fuß stieß der Junge gegen den Felsen. Ein paar Steine bröckelten ab und rollten in den Farn.

Vor ihm lag die Felsspalte. Er hatte sie nie zuvor sehen können, weil der Farn sie verdeckte, aber es handelte sich um eine deutliche Öffnung in der Wand. Groß genug auf jeden Fall für einen Fuchs. Der Junge schnaufte vor Aufregung. Er steckte seinen Arm in den Spalt, fürchtete, sofort wieder gegen eine Begrenzung zu stoßen, aber tatsächlich schien es einen Hohlraum im Felsen zu geben.

Er zog den Arm zurück und trat erneut, diesmal erheblich kräftiger, gegen den Fels. Wieder bröckelten Steine, darunter auch dickere Brocken, zu Boden. Jetzt war die Öffnung schon um einiges größer. Der Junge kniete nieder und schaufelte die Steine beiseite. Er hatte nie zuvor bemerkt, dass die Felsbrocken an dieser Stelle ziemlich locker waren. Hatte jemand sie aufeinandergeschichtet? Er blickte nach oben. Vielleicht hatte es hier vor langer Zeit einmal einen Erdrutsch gegeben, Teile des Felsens waren abgesplittert und hinuntergestürzt. Sie hatten den Eingang in den Berg verschlossen.

Er hatte jetzt genug Steine beiseitegeräumt, um einen Höhleneingang freizulegen, der groß genug für ihn war. Einen Moment lang ruhte er sich schwer atmend aus. Obwohl der Tag kalt und feucht war, war der Junge inzwischen vollkommen verschwitzt. Es war anstrengend gewesen, die zum Teil ziemlich großen und schweren Steine zu bewegen. Hinzu kam die Aufregung. Er zitterte am ganzen Körper.

Dann kroch er in die Öffnung hinein.

Kaum hatte er den Eingang hinter sich gelassen, konnte er sich zu seiner vollen Größe aufrichten. Ein erwachsener Mensch würde hier womöglich nur mit eingezogenem Kopf stehen können, aber für einen Jungen seines Alters gab es sogar noch Platz. Er folgte einem kurzen Gang, der sich bald darauf zu einer Art Höhle verbreiterte. Das Tageslicht reichte hier nur noch schwach hin, der Junge konnte kaum etwas erkennen. Was er undeutlich wahrnahm, waren Wände, teils felsig, teils aus Erde, Wurzeln, die von der niedrigen Decke hingen, dünne Rinnsale von Wasser, die zu Boden tropften und dort zwischen Geröll und Lehm versickerten. Er wagte kaum zu atmen vor Spannung, vor Entzücken. Er hatte eine Höhle entdeckt. Eine Höhle in einem Felsen, zugänglich durch einen Geheimgang, den offenbar niemand vorher je gefunden hatte.

Er drehte sich um und zwängte sich zwischen den engen Wänden hindurch wieder zurück zum Eingang. Von dem Fuchs hatte er keine Spur mehr gesehen, aber vielleicht hatte er ihn in der Dunkelheit auch einfach nicht entdecken können. Er musste jetzt unbedingt sofort nach Hause radeln und eine Taschenlampe holen, dann würde er zurückkommen und die Höhle ganz genau erforschen. Er würde auch ein paar Sachen mitbringen – Buntstifte, Briefmarken, einen Plastikbecher – und sie im Inneren der Höhle deponieren. Das würde sein Test sein. Er würde jeden Tag kommen und die Sachen kontrollieren. Wenn alles unverändert blieb, hatte er irgendwann den Beweis, dass wirklich nur er von der Existenz dieses geheimen Ortes wusste.

Draußen angekommen wäre er am liebsten sofort zu seinem Fahrrad gerannt, aber er beherrschte sich und machte sich zunächst die Mühe, alle Steine wieder aufeinanderzuschichten und den Eingang sorgfältig zu verschließen. Er holte sogar feuchte Erde von weiter her und schmierte sie in die Ritzen, damit niemand sehen konnte, dass hier Geröll nur locker übereinanderlag. So gut er konnte, richtete er den niedergetretenen Farn auf. In Zukunft musste er besser aufpassen, er musste sich vorsichtig und geschmeidig bewegen, damit er nicht einen deutlich sichtbaren Trampelpfad hinterließ, der direkt zum Eingang führte. Die Höhle sollte sein Geheimnis bleiben, niemand sonst durfte sie entdecken. Er würde niemanden einweihen, seine Mutter und seinen Stiefvater schon gar nicht, aber auch nicht seine Freunde in der Schule. Er hatte auch nie jemandem etwas von diesem Platz erzählt, zu dem er so gerne kam, und nun hatte der Ort eine viel größere Bedeutung bekommen.

Mein Tal, dachte er, meine Höhle.

Der Fuchs hatte ihm den Weg gezeigt, und so schoss ihm der Name durch den Kopf, den er diesem Flecken Erde, der nur ihm gehörte, geben wollte:

Fox Valley.

Das Tal des Fuchses.

Das hörte sich geheimnisvoll an, fand er, und irgendwie besonders.

Das Tal des Fuchses.

Zufrieden betrachtete er seine Arbeit. Niemand konnte erkennen, dass es hier eine Öffnung im Felsen gab. Niemand würde sein Versteck jemals finden. Und er würde viel Zeit hier verbringen und den Gang vielleicht noch etwas vergrößern und die Höhle befestigen und sich einen wunderbaren Zufluchtsort für alle Zeiten schaffen.

Er lief zu seinem Fahrrad.

»Ich bin bald wieder da«, flüsterte er.

AUGUST 2009

4

Knapp vierundzwanzig Stunden später, am Montagnachmittag, stand Ryan vor dem Magistrates’ Court, wo über seine Freilassung oder seinen Verbleib im Gewahrsam bis zur Hauptverhandlung entschieden werden sollte, und wie Aaron Craig vorausgesehen hatte, hielt man es dort für allzu bedenklich, jemanden wie Ryan Lee auf freien Fuß zu setzen – vor allem angesichts der Schwere der ihm zur Last gelegten Tat. Der Umstand, dass er abgehauen war, als ihn die Polizisten zum Stehenbleiben aufforderten, machte die ganze Angelegenheit nicht besser, vor allem aber auch die Tatsache, dass er keinen festen Wohnsitz nachweisen konnte, stattdessen seit Monaten ständig wechselnd bei verschiedenen Bekannten, zuletzt bei seiner ehemaligen Lebensgefährtin, gelebt hatte. Aaron argumentierte mit dem Job als Fahrer der Wäscherei, den sein Mandant immerhin seit beinahe einem halben Jahr zufriedenstellend ausübte, und übernahm es auch, für seinen Verbleib in Swansea sowie sein pünktliches Erscheinen zur Hauptverhandlung zu bürgen. Er zog die wenigen Register, die ihm überhaupt blieben, aber er scheiterte. Der Haftrichter kannte Ryan Lee und hatte von ihm und seinen ewigen Eskapaden endgültig genug; abgesehen davon ließen ihm die Umstände, wie sie einmal waren, ohnehin praktisch keine Wahl.

Er ordnete Untersuchungshaft an. Ryan wurde in das Gefängnis von Swansea überstellt mit der Aussicht, dass ihm sehr rasch der Prozess gemacht werden würde.

Er wusste, dass dies der Moment war, da er sich seinem Anwalt anvertrauen musste. Aaron Craig war jetzt die einzige Chance, die Vanessa Willard noch blieb.

An seinen Ängsten und Sorgen hatte sich jedoch nichts geändert, sie waren höchstens noch größer und bedrückender geworden. Wenn er wegen der Körperverletzung noch mit fünf Jahren davonkam, jedoch darüber, dass er Aaron einweihte, in der Sache Vanessa Willard aufflog, dann standen ihm zehn Jahre bevor. Oder zwölf. Oder mehr. Er wusste es nicht genau, aber ihm schwante, dass man für das, was er getan hatte, keinesfalls glimpflich davonkommen würde.

Am Ende der ersten Woche hatte er eine grauenhafte Zeit hinter sich. Das Gefängnis entpuppte sich für ihn genau als die Hölle, die er sich vorgestellt hatte, wobei er wusste, dass er vorläufig nur den Vorgeschmack bekam: Denn die Untersuchungshaft war komfortabler und mit mehr Privilegien ausgestattet, als es die eigentliche Haft später sein würde. Am schlimmsten aber war, dass er an nichts und niemanden als an Vanessa denken konnte: Er war kriminell, labil und aggressiv, aber willentlich würde er einem anderen Menschen nicht antun, was er Vanessa Willard antat, wenn er nicht schnellstens dafür sorgen konnte, dass sie aus ihrer Situation befreit wurde. Er kannte diese Frau nicht, aber die ganze Woche über hatte er ihr Schicksal so intensiv mit erlitten, dass es ihm schon fast vorkam, als verschmelze er langsam zu einer Einheit mit ihr. Er konnte ihre Schreie hören, vernahm, wie ihre Stimme immer heiserer und brüchiger wurde. Er konnte sehen, wie sie versuchte, sich aus der Kiste zu befreien, wie ihre Fingernägel abbrachen und sie sich Splitter unter die Haut trieb, während sie verzweifelt an dem Deckel der Kiste kratzte. Er spürte, wie die Panik immer wieder Besitz von ihr ergriff und sie fast in den Wahnsinn trieb. Er sah die Momente vor sich, in denen sie sich selbst zu beruhigen versuchte, in denen sie sich Mut zusprach, Kräfte zu sammeln versuchte, sich mit autogenem Training oder Yoga in eine mentale Situation zu versetzen bemühte, die es ihr möglich machte, irgendwie über die Verzweiflung zu triumphieren. Er stellte sich vor, wie sie dann wieder zusammenbrach, sich schreiend in ihrem Gefängnis wälzte, den Kopf anschlug, brüllte wie ein Tier, gepeinigt, gefoltert, rasend in ihrer Todesangst.

Er verlor fast drei Kilo Gewicht in dieser Woche und wachte nachts von seinen eigenen Schreien auf.

Am Samstag wusste er, dass Vanessa, selbst wenn sie sehr sparsam gewesen war, keine Vorräte mehr haben konnte.

Am Sonntag musste er davon ausgehen, dass sie nun seit mindestens vierundzwanzig Stunden nichts mehr hatte trinken können. Er redete sich ein, dass er Aaron nicht dadurch verärgern sollte, dass er ihn am Wochenende ins Gefängnis zitierte, und nahm sich vor, ihn am nächsten Tag kommen zu lassen, sich ihm anzuvertrauen und ihn zu bitten, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten, um Vanessa zu befreien.

Am Montagfrüh verweigerte er sein Frühstück. Nach einer durchwachten Nacht war er am Ende seiner Kräfte. Er hatte vorwärts und rückwärts überlegt, wie es mit Vanessas Rettung funktionieren sollte, und das Ergebnis sah düster für ihn aus – noch mehr allerdings für Vanessa. Die Gefahr, die sich für ihn daraus ergab, dass er ihre Befreiung veranlasste, ohne zuvor gründlich alle Indizien, die ihn als Täter überführen konnten, beseitigt zu haben, erschien Ryan übermächtig.

Wie hatte er sich nur jemals in dieses Abenteuer stürzen können? Wie hatte er jemals glauben können, es würde gut ausgehen?

Zehn Jahre Gefängnis oder mehr, dachte er voller Grauen, das stehe ich nicht durch. Nie im Leben. Ich kann es nicht riskieren. Ich kann nicht.

Er regte sich so auf an diesem Montagmorgen, dass er Fieber bekam und sogar der Arzt nach ihm sehen musste.

»Was ist los mit Ihnen?«, fragte er. »So ein plötzlicher Fieberschub ist recht ungewöhnlich.«

»Die ganze Situation«, sagte Ryan. »Daran liegt es.«

Der Arzt gab ihm ein Medikament, und das Fieber sank wieder. Die Qual blieb.

Noch ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht tot, sagte seine innere Stimme, noch ist es kein Mord. Noch kämst du ein klein wenig glimpflicher davon, als wenn sie erst …

Aber wenn ich gar nichts sage, komme ich am glimpflichsten davon.

Du musst dann damit leben.

Alles verblasst irgendwann. Alles wird schwächer. Auch furchtbare Erinnerungen.

Vanessa Willard wird dein lebenslanger Alptraum bleiben.

Ich will nicht endlos hinter diesen Mauern sitzen. Ich kann nicht. Ich werde wahnsinnig hier drinnen. Ich muss hier raus!

Du bist der Teufel.

Nein! Es war Pech! Es war einfach nur furchtbares Pech!

Er lag auf seiner Pritsche und weinte in das Kissen.

Er weinte um Vanessa, um diese Frau, die er gar nicht kannte.

Er weinte, weil er wusste, er würde nichts sagen.

MÄRZ 2012

9

Tatsächlich erwartete ihn ein Drama, als er am späten Samstagvormittag nach Pembroke Dock zurückkehrte. Er wäre über das ganze Wochenende in Swansea geblieben, aber Debbie wäre nicht Debbie, wenn sie nicht trotz all ihrer Verstörtheit irgendwann am nächsten Morgen realisiert hätte, dass Ryan mit dem Feuer spielte. Als sie erfuhr, dass er auch samstags arbeitete, ging ihr auf, dass er soeben, noch nicht einmal eine ganze Woche nach seiner Entlassung aus der Haft, bereits unentschuldigt an seinem Arbeitsplatz fehlte. Dass zudem sein Bewährungshelfer keine Ahnung hatte, wo er sich aufhielt, und dass die Frau, die ihm Unterkunft gewährte, vermutlich außer sich vor Sorge war. Dass er dazu noch mit ihrem Auto unterwegs war, machte die ganze Sache nicht besser. Sie hatte darauf gedrängt, dass er zurückfuhr, und um es leichter für ihn zu machen, hatte sie sogar ein wenig Toast mit Marmelade gefrühstückt und zwei Tassen Kaffee getrunken.

Ryan hatte nicht den Eindruck, dass man sie allein lassen durfte. Sie war vollkommen traumatisiert, geschockt und wie erstarrt. Er hoffte, dass sie nicht irgendetwas Dummes tun würde. Er fand, dass sie jemanden brauchte, der ihre Hand hielt, der ihr zuhörte, der sie streichelte, wenn sie weinte, der Essen für sie kochte und ihr so lange gut zuredete, bis sie ein paar Löffel davon zu sich genommen hatte. Aber er begriff, dass sie recht hatte. Er war dabei, sich in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen, wenn er bis Sonntagabend abtauchte. Es war schon jetzt möglich, dass Dan ihn feuerte, und er wusste, dass dies zumindest in den Augen von Melvin Cox einer Katastrophe gleichkäme.

Er ahnte jedoch nicht, dass er bereits für so viel Aufruhr gesorgt hatte. Er parkte Noras Auto und rannte die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf, und noch ehe er dort angekommen war, wurde bereits die Tür aufgerissen. Nora hatte seine Schritte gehört. Aus roten, verschwollenen Augen starrte sie ihn an.

»Wo warst du?« Sie schrie fast. »Wo, verdammt noch mal, warst du?«

»Schrei doch nicht so!«, herrschte er sie an. »Können wir das vielleicht in Ruhe besprechen?«

Hinter Nora tauchte ein Mann auf. Es war Melvin Cox.

»Ach! Da bist du ja, Ryan! Wo warst du?«

Ryan blickte Nora an. »Musstest du gleich meinen Bewährungshelfer anrufen? Weil ich einmal nicht pünktlich hier zum Appell antrete?«

»Miss Franklin hat mich nicht angerufen«, sagte Melvin Cox, »sondern Dan, dein Arbeitgeber. Weil du heute früh nicht erschienen bist.«

Ryan seufzte. Klar, dass Dan, der Wichtigtuer, sofort zum Telefonhörer gegriffen hatte. Er wartete nur auf Gelegenheiten wie diese.

»Die Polizei ist da«, fuhr Melvin fort und machte eine Kopfbewegung zum Inneren der Wohnung hin.

»Die Polizei? Ihr habt die Polizei verständigt?«

»Natürlich nicht«, sagte Melvin ungeduldig. »Die sind von selbst vor einer halben Stunde hier bei Miss Franklin aufgekreuzt. Wollen dich dringend sprechen. Es war natürlich nicht unbedingt günstig, dass keiner von uns wusste, wo du dich gerade aufhältst.«

»Wo warst du?«, wiederholte Nora mit brüchiger Stimme.

»Ich war bei einer alten Freundin. Es geht ihr sehr schlecht.«

»So schlecht, dass du gleich dort übernachten musstest?«

»Ja.«

»Und du konntest mich nicht anrufen? Oder wenigstens einen Zettel hinterlassen?«

Er zuckte mit den Schultern. Was sollte er sagen? Natürlich war es nicht in Ordnung gewesen. Aber er wusste auch, dass sie seine Erklärung nicht verstanden hätte. Dass er plötzlich gemeint hatte, alles nicht mehr auszuhalten, dass er sich in die Enge getrieben fühlte, dass er verzweifelt nach irgendeinem Anker in seinem alten Leben, in dem vertrauten Dasein vor der Gefängniszeit, gesucht hatte. Genau das also, was er in ihren Augen und in denen von Melvin Cox keinesfalls tun sollte.

Eine dritte Person tauchte nun im Türrahmen auf, eine knapp fünfzigjährige Frau, die ihre Haare zu lang für ihr Alter trug und etwas zu dick war. Sie hielt ihm einen Ausweis vor die Nase.

»Detective Inspector Olivia Morgan, South Wales Police. Sie sind Mr. Ryan Lee?«

»Ja«, sagte Ryan. Er hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Wenn diese Polizistin nicht wegen seines nächtlichen Verschwindens hier war – und tatsächlich schien es ungewöhnlich, dass man deshalb gleich eine hochrangige Kriminalbeamtin auf ihn angesetzt haben sollte –, weshalb hatte sie dann hier auf ihn gewartet?

Er schluckte trocken. Seit der Geschichte im Fox Valley wartete er darauf, dass jemand aufkreuzte, der ihm auf die Schliche gekommen war, obwohl er sich bereits hunderttausend Mal gesagt hatte, dass dies mit jedem Tag, der verging, unwahrscheinlicher wurde. Wären er oder sein Auto an jenem lang zurückliegenden Augusttag jemandem aufgefallen, hätte sich diese Person längst gemeldet. Hätte jemand die Höhle und das, was sich darin befand, entdeckt, so hätte man niemals einen Rückschluss auf ihn ziehen können. Es gab nichts dort, was auf ihn hinwies, nichts, was man mit ihm hätte in Verbindung bringen können. Er hatte immer Handschuhe getragen, wenn er die Höhle erneut aufgesucht hatte, und er konnte sich nicht vorstellen, dass nach fast zwanzig Jahren die Fingerabdrücke des kleinen Jungen, der er einst gewesen war, noch festgestellt werden konnten. Nicht in der Feuchtigkeit, die dort herrschte, nach all dem Regen und Schnee, der auch ins Innere des Felsens gedrungen war über die ganze Zeit. Und dennoch … Vielleicht war es fast eine Art Aberglaube … Im tiefsten Inneren war er davon überzeugt, dass man mit einem so furchtbaren Verbrechen nicht einfach davonkam. Es war zu schlimm gewesen. Andere Leute klauten einen Schokoriegel und landeten bei der Polizei. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er unbehelligt bis ans Ende seiner Tage leben würde, und niemals würde es eine von wem auch immer gelenkte und gesteuerte Vergeltung fürdie Geschichte geben.

»Ja«, sagte er noch mal. Seine Stimme hörte sich seltsam an. Er räusperte sich.

»Kann ich Sie sprechen?«, fragte DI Morgan.

»Ja«, sagte er zum dritten Mal.

Er folgte der Polizistin in Noras Wohnzimmer. Morgan schloss mit einem gewissen Nachdruck die Tür und sperrte Nora und Melvin damit aus. Sie setzte sich an den Esstisch und wies Ryan an, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

»Kennen Sie eine Deborah Dobson? Aus Swansea?«

Das war wirklich verrückt. Aber jetzt wurde ihm der Zusammenhang klar, und er atmete tief durch. Natürlich. Nach dem brutalen Überfall auf Debbie durchkämmten sie deren Umfeld. Irgendjemand hatte vermutlich seinen Namen erwähnt. Deborahs Exfreund. Sie wussten, dass er im Gefängnis gewesen war und wo er jetzt wohnte. Obwohl ihn seine gesamte Biographie natürlich nicht gerade zum unwahrscheinlichsten Tatverdächtigen machte, konnte er sich entspannen. In diesem Fall wenigstens hatte er ein reines Gewissen.

»Ja. Ich kenne sie. Ich komme gerade von ihr.«

Morgan zog die Augenbrauen hoch. »Von Deborah Dobson?«

»Ja. Ich wollte sie einfach nur besuchen. Ich wusste nicht, dass sie … dass sie überfallen wurde. Es ging ihr sehr schlecht gestern Abend. Deshalb bin ich bei ihr geblieben.«

»Sie beide hatten eine knapp vier Jahre andauernde Beziehung. Von 2002 bis 2006. Ist das richtig?«

»Ja.«

»Wer beendete diese Beziehung?«

»Deborah.«

»Weshalb?«

»Weil … Da kamen viele Gründe zusammen. Wir hatten eine unterschiedliche Lebenseinstellung, unterschiedliche Lebensziele. Außerdem …«

»Ja?«

Polizisten gegenüber, das hatte er gelernt, war es am sinnvollsten, so lange pedantisch bei der Wahrheit zu bleiben, wie man selbst von dieser Wahrheit nicht geschädigt werden konnte. »Sie haben sich bestimmt über mich informiert«, sagte er. »Ich kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Das war unser großer Streitpunkt. Debbie hatte dafür nicht das geringste Verständnis. Deshalb setzte sie mich vor die Tür.«

»Was Sie ziemlich wütend machte?«

»Zuerst ja. Aber irgendwie habe ich sie auch verstanden.«

»Sie hegen keinen Groll gegen sie?«

»Nein!« Ryan schüttelte vehement den Kopf. »Nein! Unsere Trennung liegt sechs Jahre zurück! In der Zwischenzeit hatte ich sogar wieder ein paar Monate lang bei ihr gewohnt, weil ich keine andere Bleibe fand. Gestern Abend bat sie mich, nicht zu gehen, weil sie so verzweifelt war. Wir sind sehr gute Freunde, Inspector.«

»Verstehe«, sagte Morgan. Sie machte sich ein paar Notizen. »Dennoch wohnen Sie jetzt nach Ihrer Haftentlassung hier. Bei Miss Franklin. Nicht bei einer guten Freundin

Das ist ja auch irgendwie verkehrt, dachte Ryan, genau das ist ja eines meiner Probleme.

»Sie wissen, weshalb ich im Gefängnis war?«, fragte er.

»Ja. GBH.« Das war die bei Polizei und Justiz gängige Abkürzung für seine Tat. Grievous bodily harm.

»Debbie hat sich nicht gemeldet, während ich im Gefängnis war, und …«

Morgan zog erneut die Augenbrauen hoch. »Ihre gute Freundin meldet sich nicht, wenn Sie zweieinhalb Jahre lang im Gefängnis sitzen? In der Stadt, in der sie selbst wohnt?«

»Sie hatte ein Problem damit …«

»Mit Ihrer Tat?«

»Hätten Sie das nicht?«, fragte Ryan.

»Aber auch das hat Sie nicht wütend gemacht?«, gab Morgan anstelle einer Antwort zurück. »Deborah Dobsons eisiges Schweigen? Ihr völliger Rückzug?«

»Nein.«

»Nein? Nach allem, was ich über Sie weiß, gehört Selbstbeherrschung nicht gerade zu Ihren großen Stärken. Sie neigen zu ziemlich heftiger Wut. Zu unkontrollierbarer Wut, möchte man sagen.«

»Ich habe freiwillig ein Anti-Aggressions-Training im Gefängnis gemacht«, sagte Ryan.

»Also Ihnen war auch klar, dass da Kräfte in Ihnen wirken, die Sie irgendwie beherrschen müssen?«

Ryan hatte das Gefühl, dass das Gespräch in eine falsche Richtung zu laufen begann. Was war er in den Augen dieser Beamtin? Ein unbeherrschter Hitzkopf, der einen anderen Mann krankenhausreif geschlagen hatte, weil dieser in besoffenem Zustand herumgepöbelt hatte. Das war leider nicht zu bestreiten. Aber ein Typ, der mit der Zurückweisung einer Frau nicht zurechtkam und, kaum raus aus dem Knast, hinging und sie gemeinsam mit einem Kumpel vergewaltigte?

»Der Junge damals hatte mich provoziert, Inspector. Ich wollte ihn aber nicht so schwer verletzen. Natürlich musste ich dann etwas unternehmen. So etwas … darf mir nicht mehr passieren.«

»Und Sie meinen, Sie waren erfolgreich?«

»Ich glaube, ja.«

»Sie glauben?«

»Inspector!« Er machte eine hilflose Bewegung mit beiden Armen, suchte nach einer Erklärung, die sein Gegenüber als absolut einleuchtend empfinden musste, und fand sie nicht. »Ich würde so etwas nie tun«, sagte er schließlich und dachte, dass das wenig überzeugend klang. »Ich bin kein Vergewaltiger, Inspector Morgan.«

Morgan blickte skeptisch drein. Vielleicht glaubte sie ihm, vielleicht auch nicht. Eher nicht, wie ihm schien, was kein Wunder war angesichts all dessen, was er schon auf dem Kerbholz hatte. »Die Kneipe, in der sich Deborah Dobson unmittelbar vor der Tat aufhielt, das Pump House unten in der Swansea Marina … Ist es richtig, dass das früher Ihrer beider Stammkneipe war?«

Du hast aber gut recherchiert, dachte Ryan.

»Ja«, bestätigte er.

»Sie konnten also davon ausgehen, dass sie dort sein würde. Zumindest bestand eine ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit. Ebenso war Ihnen natürlich Deborah Dobsons Heimweg von dort aus bekannt.«

»Ich hatte keine Ahnung, dass Debbie an diesem Abend dort war. Außerdem war ich ein paar Stunden vorher aus dem Gefängnis gekommen. Glauben Sie, dass ich als Erstes dann gleich die nächste Straftat plane?«

Er sah den anhaltenden Zweifel in ihrem Gesicht und zückte die letzte Trumpfkarte. »Abgesehen davon, ich habe ein Alibi. Ich war den ganzen Abend, die ganze Nacht hier. Sie können Nora Franklin fragen!«

»Das habe ich schon getan«, sagte Morgan.

»Und sie hat das bestätigt?«

»Ja.«

Ihm schwante zweierlei: Zum einen vermutete er, dass Nora nichts davon erwähnt hatte, zu welch frühem Zeitpunkt er sich an jenem Abend zurückgezogen hatte – was ihm rein theoretisch die Möglichkeit eingeräumt hätte, heimlich das Zimmer zu verlassen und sogar noch rechtzeitig in Swansea zu sein. Theoretisch insofern, als es angesichts von Noras ausgeprägten Wachhundqualitäten natürlich nicht denkbar gewesen wäre. Zum anderen aber hatte er den Eindruck, dass DI Morgan ohnehin an Noras Aussage zweifelte. Die Frau sah klug und erfahren aus, und eine ausgeprägte Menschenkenntnis gehörte zu ihrem Beruf. Ganz sicher hatte sie ihre eigene Meinung über Frauen, die Freundschaften zu Strafgefangenen aufbauten und anschließend versuchten, diese Männer in ihr Leben zu integrieren. Und höchstwahrscheinlich hatte sie ziemlich rasch das System der Beziehung zwischen Nora Franklin und Ryan Lee durchschaut. Nora in ihrer Einsamkeit. Daneben der Mann, der aufgrund der besonderen Umstände seiner Lebenssituation auf sie angewiesen war. DI Morgan ging davon aus, dass Nora für Ryan notfalls lügen würde. Glücklicherweise konnte sie das jedoch nicht beweisen.

Sie erhob sich, schob ihren Notizblock und ihren Stift in ihre Umhängetasche.

»Das wäre es für heute, Mr. Lee«, sagte sie. »Sie sind hier in Pembroke Dock jederzeit für uns erreichbar?«

»Ich habe nicht vor abzuhauen«, erklärte Ryan ironisch.

Sie ging auf seinen Ton nicht ein. »Wir behalten Sie im Auge, Mr. Lee. Sie wurden verurteilt wegen eines Gewaltdelikts. Am Tag Ihrer Haftentlassung geschieht in Ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld erneut ein abscheuliches Verbrechen. Sie mögen sich für den Moment unangreifbar fühlen, aber ich behalte Sie im Auge. Sie sind auf Bewährung draußen. Ich denke, Ihnen ist klar, wie verdammt schnell Sie wieder im Gefängnis landen können.«

»Mir ist das klar«, bestätigte Ryan.

Er sah ihr nach, als sie das Wohnzimmer verließ. Jenseits der Tür wurde sie von den aufgeregten Fragen Noras und Melvin Cox’ empfangen.

Er hörte nicht hin. Er begriff in diesem Moment, wie schwierig es sein würde, sich die bürgerliche Normalität aufzubauen, die zu finden er sich während seiner Haft so fest vorgenommen hatte.

Er war den sechsten Tag in Freiheit. Und bereits wieder auf dem Radar der Polizei.

Erneut fragte er sich, ob ihm das irgendjemand bewusst eingebrockt hatte.

APRIL

12

Dan hatte es sich in den Kopf gesetzt, in dem kleinen Raum neben dem eigentlichen Copyshop ein Fotostudio aufzubauen, und Ryan war an diesem Montag dazu abkommandiert worden, die Wände zu streichen. Eine Arbeit, die er eigentlich nicht schlecht fand, denn sie erlaubte ihm, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, mit niemandem sprechen und vor allem Dans verkniffenes Gesicht nicht sehen zu müssen. Er glaubte nicht, dass das Fotostudio ein Erfolg werden würde; soweit er wusste, hatte Dan außer amateurhaften Aufnahmen, wie jeder sie machte, nichts vorzuweisen, und es war nur wieder eines der vielen Hirngespinste, die ihm durch den Kopf geisterten. Aber das konnte ihm egal sein. Ryan hoffte ohnehin von ganzem Herzen, dass er irgendwann einen anderen Job finden, auf dem Absatz kehrtmachen und seinem Chef höchstens noch den Mittelfinger zeigen würde – was er in Gedanken ohnehin zwanzigmal am Tag tat.

Die Ereignisse hatten sich überschlagen seit dem gestrigen Abend. Gegen achtzehn Uhr hatte Bradley angerufen.

»Wir haben sie. Wir haben Corinne!«

Ryan, der müde von der Rückfahrt und von all den Ereignissen zutiefst seelisch erschöpft und mutlos auf seinem Bett gelegen hatte, ehe das Telefon klingelte, war sofort elektrisiert. »Mum? Mum ist zurück?«

»Ein paar versoffene Späthippies haben sie in einem abgelegenen Haus festgehalten. Zum Glück hat eines der Mädchen schließlich die Polizei gerufen. Corinne ist jetzt im Krankenhaus.«

»Ist sie … ist sie verletzt?«

»Nein, aber sie ist in einem fürchterlichen Zustand. Absolut am Ende ihrer Kräfte. Sie ist bis jetzt nicht einmal vernehmungsfähig. Ich durfte auch nur ganz kurz zu ihr.«

»Und hat sie da etwas gesagt?«

»Nein. Sie hielt die Augen geschlossen und hat überhaupt nicht reagiert. Keine Ahnung, was die mit ihr gemacht haben …«

Beide schwiegen sie beklommen. Ryan spürte, dass Nora herangekommen war. Er wandte sich ihr zu.

»Sie haben Corinne gefunden!«

Nora schrie auf. »Gott sei Dank!«

»Weiß man etwas über diese Leute?«, fragte Ryan nun wieder ins Telefon.

Bradley gab einen Laut des Abscheus von sich. »Man weiß genug über sie, um sich als normaler Bürger dieses Landes zu fragen, weshalb so etwas eigentlich frei herumlaufen darf. Arbeitsscheues Gesindel, das unter asozialen Umständen auf einer heruntergekommenen Farm haust und die Sozialhilfe verprasst. Drogen, Alkohol, all dieses Zeug. Aber klar, wir zahlen unsere Steuern schließlich zunehmend dafür, dass der Staat solche Leute über Wasser hält!«

»Wie kamen die denn gerade auf Mum?«, wollte Ryan wissen.

»Keine Ahnung. Die gesamten Hintergründe sind völlig unklar. Corinne kann noch nichts aussagen, und die Leute, die auf der Farm leben, müssen erst ausnüchtern. Die Polizei spricht jetzt mit dem Mädchen, das sie verständigt hat, aber ich weiß noch nichts Näheres.«

»Ich kann mir freinehmen und zu euch kommen«, bot Ryan an. Er war gerade an diesem Tag erst die ganze Strecke wieder von Yorkshire nach Wales gefahren, aber er wäre sofort ohne zu zögern erneut ins Auto gestiegen. Nach all den Jahren, in denen er ohne jeden Kontakt zu seiner Mutter gelebt hatte, war er plötzlich von dem fast schmerzhaften Wunsch ergriffen, sie sofort in die Arme zu schließen. Sie festzuhalten, zu trösten, ihr zu versichern, dass alles gut würde.

Doch Bradley hatte abgewehrt. »Im Moment soll niemand zu ihr. Dann wird die Polizei mit ihr sprechen … Sie braucht jetzt Ruhe, und nach all der Zeit … Es würde sie vielleicht stressen, dich zu sehen. Außerdem …« Er stockte.

»Ja?«, fragte Ryan.

»Ich weiß nicht, was ihr die Polizei alles sagt. Vielleicht erfährt sie ja auch, dass du im Gefängnis warst. Ich glaube, wir sollten ihr Zeit lassen, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, ehe du ihr gegenübertrittst.«

Ryan hatte verstanden. Bradley bewahrte selbst in extremen Situationen seine höfliche Art, aber eigentlich hatte er sagen wollen: Untersteh dich, hier aufzukreuzen! Du hast deiner Mutter das Leben schon schwer genug gemacht! Der letzte Mensch, den sie jetzt brauchen kann, ist ihr missratener Sohn, der sich nicht sehr viel besser durchs Leben schlägt als die Typen, die sie überfallen und verschleppt haben.

»Ich möchte zumindest mit ihr telefonieren«, sagte Ryan.

»Daran kann ich dich vermutlich nicht hindern«, entgegnete Bradley kühl, dann verabschiedete er sich förmlich und legte den Hörer auf, ehe Ryan noch etwas sagen konnte.

Er hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen, und auch jetzt, während er die Wände von Dans Fotostudio mit weißer Farbe strich, jagten sich die Gedanken in seinem Kopf. Zuerst war er am Vorabend natürlich erleichtert gewesen: dass Corinne zurück war, dass sie lebte. Dann hatte er erkannt: Ihre Entführung konnte nicht von Damon initiiert worden sein. Eine Gruppe offenbar permanent alkoholisierter und bekiffter Gammler irgendwo in der Einsamkeit Yorkshires zählte garantiert nicht zu Damons Leuten. Das waren nicht die Menschen, mit denen er sich umgab. Ryan hatte das Gerücht gehört, dass jeder, der für Damon arbeitete, niemals Alkohol trinken durfte. Drogen waren natürlich völlig indiskutabel. Auch wenn Damon damit dealte. Aber das waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Auch ein Zusammenhang mit Vanessa Willard schien Ryan nun ziemlich ausgeschlossen. Wenn Vanessa tatsächlich lebte und einen Rachefeldzug führte, hätte sie dieselben Leute auf Corinne angesetzt, die auch Debbie überfallen hatten: eiskalte Verbrecher, die für Geld jede Art von Auftrag erledigten. Nicht einen Haufen Schwachköpfe, die von zwölf Stunden am Tag elf Stunden nicht zurechnungsfähig waren. Es sprach vieles für Bradleys Theorie: Corinne war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen und hatte ein leicht zu überwältigendes Opfer abgegeben. Schlimm genug, aber es hatte nichts mit Ryan zu tun. Es war Zufall, dass es kurz nach seiner Exfreundin nun auch seine Mutter erwischt hatte.

Zufälle passierten. Trotz der häufig zitierten Aussage: Es gibt keine Zufälle.

Natürlich gab es sie.

Jetzt jedoch, einen Tag später, konnte Ryan nicht anders, als die Ungereimtheiten zu sehen, die die Geschichte beinhaltete. Was war zum Beispiel mit dem Mädchen, auf das seine Mutter an jenem Treffpunkt gewartet hatte? Es gab Anhaltspunkte dafür, dass das Auto der Familie vorsätzlich manipuliert worden war. Das sprach für eine sehr genaue Recherche der Umstände und für eine perfekte Planung.

Als es Zeit für eine Mittagspause war, stieg Ryan von seiner Leiter und durchquerte den Copyshop, um sich draußen für einen Moment in die Sonne zu setzen. Der Tag war hell und warm. Wunderbar nach all dem Regen.

Dan blickte ihm mit bösem Gesicht hinterher. Er hasste es, wenn Ryan eine Pause machte.

Dabei tut er selbst nichts anderes, dachte Ryan.

Er ging ein Stück die Straße entlang, setzte sich auf ein Mäuerchen, packte das Sandwich aus, das ihm Nora wie an jedem Morgen zubereitet hatte. Truthahn, frische Salatblätter, Mayonnaise … Sie machte wunderbare Brote. Ryan hätte sich ihrer Fürsorge manchmal gerne entzogen, aber zwischendurch fand er es auch schön, sich um manche Dinge nicht selbst kümmern zu müssen. Und sich so … umsorgt zu fühlen. Das war ihm zuletzt als Kind so gegangen, als Corinne ihm Schulbrote gestrichen und seine Trinkflasche mit Himbeersaft gefüllt hatte.

Corinne! Er würde es jetzt einmal telefonisch bei ihr versuchen. Zum Teufel mit Bradley, der ihm am liebsten den Kontakt verboten hätte. Das konnte er vergessen.

Er hatte sich am Morgen Noras Handy ausgeliehen, um erreichbar zu sein, falls noch irgendetwas mit Corinne wäre. Es war typisch für Nora, dass sie ihm ihr Telefon ohne zu zögern überlassen hatte.

»Natürlich bekommst du es. Und versuch, deine Mutter anzurufen. Ich glaube, es würde ihr guttun!«

Er tippte als Erstes Corinnes Handynummer ein, aber es meldete sich niemand. Ihre Handtasche war von der Polizei beschlagnahmt worden, damit auch das Handy, und vielleicht hatten sie es noch nicht zurückgegeben. Obwohl er wenig Lust hatte, an Bradley zu geraten, wählte Ryan als Nächstes die Nummer der Beecrofts. Bradley meldete sich nach dem zweiten Klingeln.

»Ja?« Er klang erschöpft, aber nicht mehr so panisch wie noch am Freitag.

»Ich bin es, Ryan. Ist meine Mutter da?«

»Sie ist hier, aber ich denke, es wäre im Moment nicht gut für sie, wenn …«

Ryan vernahm Corinnes Stimme im Hintergrund. »Wer ist es denn?«

»Es ist Ryan«, antwortete Bradley seufzend.

Sofort war Corinne am Apparat. »Ryan! Wie schön, dass du anrufst!«

Zu seinem Schrecken schossen ihm die Tränen in die Augen. Er hatte so lange nicht mit ihr gesprochen. Er hätte sie fast verloren, ohne ihr noch vorher irgendetwas sagen zu können. Mist! Er konnte nicht als erwachsener Mann mitten auf einer Straße in Pembroke Dock sitzen, ein Sandwich in der einen, ein Handy in der anderen Hand, und heulen wie ein kleiner Junge.

Er schniefte. »Hi, Mum! Alles okay?«

Wie blöd kann man fragen, dachte er gleich darauf.

Aber seine Mutter sagte mit normaler Stimme: »Ja. So weit … alles okay. Ich bin so glücklich, mit dir zu sprechen! Und Bradley hat mir erzählt, dass du sofort nach Sawdon gekommen bist, als ich … als diese Sache passierte. Es hat mich so gerührt, Ryan, wirklich!« Auch Corinne schien den Tränen nahe. Ryan kam sich vor wie in einer dieser Fernsehshows, in denen Menschen, die sich aus den Augen verloren haben, nach Jahren zusammengeführt werden und einander hemmungslos heulend in den Armen liegen – sehr zur Befriedigung des voyeuristischen Publikums. Na ja, ganz so schlimm war es noch nicht. Ryan hatte inzwischen festgestellt, dass ihn niemand beachtete.

»Also, das war doch klar«, sagte er mit rauer Stimme. »Natürlich bin ich gleich gekommen, Mum!«

»Bradley sagt, du hast eine so nette Freundin. Eine ganz reizende junge Frau. Sie arbeitet als Krankengymnastin?«

»Ja.« Ryan nahm an, dass es Bradley schwergefallen war, etwas Nettes über ihn zu sagen und wenn es nur um seine Freundin ging, aber da Corinne psychisch hatte stabilisiert werden müssen, war er offensichtlich über seinen Schatten gesprungen. Er selbst ließ das mit Nora einfach so stehen. Seine Mutter schien sich so aufrichtig zu freuen – weshalb sollte er sie frustrieren, indem er ihr erklärte, dass Nora eigentlich gar nicht seine Freundin war.

»Und du hast auch eine Arbeit!«, fuhr Corinne fort. »In einem Copyshop, richtig?« Sie sagte das so, als sei es in ihren Augen die größte Karriere, die ein Mann machen konnte. Aber so war sie immer gewesen. Positiv, stets bemüht, Menschen glücklich zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie sie mochte. Besonders wenn es um ihren einzigen Sohn ging.

»Ja. Es ist kein toller Job, Mum, aber besser als nichts. Vielleicht finde ich noch etwas Besseres.« Er überlegte, ob Bradley wohl seinen Aufenthalt im Knast erwähnt hatte, aber er hielt es für eher unwahrscheinlich. Corinnes Wohl stand für ihn an erster Stelle, und es hätte sie aufgeregt, eine solche Nachricht zu erhalten.

»Mum, ich könnte noch mal kommen und dich besuchen«, fuhr er fort, aber Corinne wurde sofort nervös, weil sie befürchtete, er könnte dann seinen Arbeitsplatz gefährden.

»Nein, nein, ich bin bei Bradley gut aufgehoben. Du musst deine Arbeit machen und zeigen, dass du zuverlässig bist.«

»Alles klar. Mum …« Er musste sie fragen. Er brauchte Gewissheit. »Mum, diese Leute, die dich entführt haben … Stimmt das, was die Polizei Bradley gesagt hat? Also, dass das irgendwelche Drogensüchtigen waren, die zufällig auf dich gestoßen sind und …« Ja, was und? Worin hatte überhaupt der Zweck der Entführung bestanden?

Alle Hoffnung der letzten Stunden brach zusammen, als Corinne antwortete.

»Nein«, sagte sie, »nein, das habe ich heute früh der Polizei erklärt. Diese Leute haben überhaupt nichts mit meiner Entführung zu tun. Sie haben mich gefunden, das heißt, eine junge Frau, die zu dieser Gruppe gehört, hat mich gefunden. Sie hat mir das Leben gerettet. Aber diese Leute leben sehr … eigenwillig und sind wohl schon manchmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, daher nahm die Polizei sofort an … Und ich konnte zunächst nichts sagen. Ich war total am Ende.«

»Ja, aber …« Ryan war perplex. Einerseits. Und zugleich wusste er, dass er es geahnt hatte. Dass es in der ganzen Geschichte noch irgendein anderes Mosaiksteinchen gab.

»Zwei Männer haben mich gekidnappt und in der völligen Wildnis im Wald ausgesetzt«, sagte Corinne, »und ich weiß bis jetzt nicht, wer sie waren und was sie wollten. Sie haben sich nicht mehr blicken lassen.«

»Das heißt …«

»Das heißt, es gibt überhaupt keine Erklärung für das, was mir zugestoßen ist«, sagte Corinne. Dann fing sie an zu weinen, und Ryan hörte, dass Bradley ihr den Telefonhörer aus der Hand nahm und auflegte.

Er selbst saß auf seiner Mauer in der Sonne und starrte in das Schaufenster eines gegenüberliegenden Geschäftes, ohne zu sehen, was dort angeboten wurde. Sein Herz schlug wild und schnell. Er war wieder genau dort, wo er die letzten Tage gestanden hatte: Er musste der Möglichkeit ins Auge sehen, dass beide Verbrechen, der Überfall auf Debbie und die Verschleppung seiner Mutter, etwas mit ihm selbst zu tun hatten. Was ihn wieder auf Damon und seine Leute brachte. Oder auf Vanessa Willard.

Verbessert hatte sich seine Lage nur insofern, als Corinne gefunden und in Sicherheit war. Das befreite ihn von der Notwendigkeit, schnell handeln, zur Polizei gehen, Damon anzeigen oder wegen Vanessa auspacken zu müssen.

Aber er machte sich nichts vor: Wer immer hinter alldem steckte, er würde erneut zuschlagen. Und zwar bald.

Ryan hatte etwas Zeit gewonnen. Mehr nicht.

MAI