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Alain de Botton

Wie man richtig an Sex denkt

Kleine Philosophie der Lebenskunst

Herausgegeben von Alain de Botton und der SCHOOL OF LIFE

Aus dem Englischen von Silvia Morawetz

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Die britische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »How to Think More about Sex« bei Macmillan, einem Imprint von Pan Macmillan, London.



Deutsche Erstausgabe

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

© 2012 The School of Life

Lektorat: Jan Valk

Umschlaggestaltung: WEISS WERKSTATT MÜNCHEN unter Verwendung verschiedener Motive von © Shutterstock

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-08874-3
V003

www.kailash-verlag.de

I Einleitung

1.

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht irgendwann im Leben einmal das Gefühl gehabt hätte, dass mit seiner Sexualität etwas nicht stimmt. Meist quält es uns insgeheim – nachdem eine Beziehung gescheitert ist vielleicht, oder wenn wir frustriert neben unserem Partner im Bett liegen und keinen Schlaf finden. Die Sexualität ist der Bereich, in dem die meisten von uns tief im Innern schmerzlich spüren, dass sie doch ziemlich unnormal sind. Obwohl die Sexualität zum Kern unserer Privatsphäre gehört, ist sie dennoch einer Reihe von Vorstellungen unterworfen, die mit starker sozialer Verbindlichkeit festlegen, was normale Menschen darüber zu denken und wie sie damit umzugehen haben.

In Wirklichkeit jedoch entspricht kaum jemand auch nur im Entferntesten einer sexuellen Norm. Wir schlagen uns fast alle mit Schuldgefühlen und Neurosen herum, mit Phobien und störenden Begierden, mit Gleichgültigkeit und Ekel. Niemand geht sein Sexualleben so an, wie wir es sollten: als vergnügliches Unternehmen, das man einfach fröhlich, unverkrampft und lässig betreibt wie alle anderen eben – sagen wir uns gequält. Denn wir weichen alle ab – allerdings nur, wenn wir die stark verzerrten Idealvorstellungen von Normalität als Maßstab nehmen.

Angesichts dieses weit verbreiteten Unbehagens ist es bedauerlich, dass nur selten an die Öffentlichkeit gelangt, wie es um unser Sexualleben wirklich steht. Das meiste von dem, was unsere sexuelle Identität ausmacht, können wir mit niemandem besprechen, der eine gute Meinung von uns haben soll. Männer und Frauen teilen einem Menschen, den sie lieben, instinktiv nur einen Bruchteil ihrer Wünsche mit, weil sie – oftmals begründet – befürchten, bei ihrem Partner Abscheu auszulösen. Vermutlich können wir sehr viel leichter über den Tod reden als über diese »gewissen Dinge«.

In einem philosophischen Buch über Sexualität kann es daher nicht vordringlich darum gehen, nach Rezepten zu suchen, wie wir intensiver oder häufiger Sex erleben können, sondern vielmehr Anregungen zu geben, wie wir durch eine gemeinsame Sprache das quälende Gefühl des Ungenügens abbauen können, das daraus entspringt, dass wir uns entweder danach sehnen, mehr Sex zu haben, oder Sex angestrengt ausweichen.

2.

Das Unbehagen, das wir bei der Sexualität empfinden, wird meist noch dadurch verstärkt, dass wir bekanntermaßen im Zeitalter der Freiheit leben – und die Sexualität folglich mittlerweile eine unkomplizierte Sache sein sollte, die uns keinerlei Probleme bereitet.

Die Befreiung von unseren Fesseln ging – wenn man der klassischen Erzählung folgt – etwa so vonstatten: Jahrtausende lang bestimmten überall auf der Welt religiöse Heuchelei und strenge soziale Kontrolle unser Leben, eine teuflische Kombination, die zur Folge hatte, dass die Menschen in Bezug auf ihre Sexualität tief verwirrt waren und sich völlig grundlos mit Schuldgefühlen herumschlugen. Sie glaubten, ihre Hände würden abfallen, wenn sie masturbierten. Sie waren überzeugt, in Kesseln voll heißem Öl schmoren zu müssen, weil sie auf die nackten Fesseln einer Frau geschielt hatten. Sie wussten nicht, was es mit der Erektion oder der Klitoris auf sich hat. Es war lächerlich.

Irgendwann zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Sputnik-Schock wendeten die Dinge sich zum Besseren. Der Bikini setzte sich durch; man gab offen zu, dass man masturbierte; das Wort Cunnilingus konnte öffentlich ausgesprochen werden; der Konsum von Pornofilmen stieg mächtig an, und alle gingen nun ganz ungezwungen an ein Thema heran, das – mittlerweile kaum noch zu verstehen – den größten Teil der Menschheitsgeschichte die Ursache überflüssiger neurotischer Frustrationen gewesen war. Sexuelle Beziehungen unbeschwert und lustvoll eingehen zu können wurde in der Moderne eine so geläufige Erwartung, wie es Beklemmung und Schuldgefühle in früheren Epochen gewesen waren. Sex galt nun als nützlicher, erfrischender und körperlich belebender Zeitvertreib, ein bisschen wie Tennis – etwas, was jeder so oft wie möglich betreiben sollte, um den Stress des modernen Lebens abzubauen.

Sosehr diese Geschichte von Aufklärung und Fortschritt uns Ungläubigen auch schmeicheln mag, die wir große Stücke auf die Kraft unserer Vernunft und unserer Gefühle halten, eine Tatsache lässt sie bequemerweise außer Acht: leicht wird sexuelle Befreiung niemals sein, das dürfen wir nicht erwarten. Es ist schließlich kein Zufall, dass die Sexualität uns Jahrtausende lang so zu schaffen gemacht hat. Repressive religiöse Vorschriften und soziale Tabus entstanden aufgrund bestimmter Aspekte unserer Natur, die sich nicht einfach fortwünschen lassen. Die Sexualität beunruhigt uns, weil sie eine von Grund auf zerstörerische, überwältigende und verrückte Kraft ist, die den meisten unserer sonstigen Bestrebungen zuwiderläuft und sich nicht reibungslos in das Leben einer zivilisierten Gesellschaft integrieren lässt.

Trotz aller Bemühungen, der Sexualität ihre seltsamen Eigenheiten auszutreiben, wird sie niemals so unproblematisch und nett sein, wie wir es gern hätten. Sie ist nicht prinzipiell demokratisch und gutartig; Grausamkeit, Grenzüberschreitungen und das Verlangen nach Unterwerfung und Demütigung sind ihr wesenhaft eingeschrieben. Sie ist nicht die hübsche Krönung der Liebe, wie wir es gern hätten. Allen Zähmungsversuchen zum Trotz gelingt es der Sexualität immer wieder, unser Leben ins Chaos zu stürzen. Sie bringt uns dazu, Beziehungen zu zerstören, gefährdet unser Leistungsvermögen und nötigt uns, bis tief in die Nacht in Nachtklubs herumzusitzen und mit Menschen zu plaudern, die wir zwar nicht mögen, aber unbedingt da anfassen wollen, wo das bauchfreie Oberteil endet. Die Sexualität steht nach wie vor in einem grotesken und vielleicht unlösbaren Widerspruch zu unseren wichtigsten Bindungen und Werten. Die meiste Zeit bleibt uns – was kaum überrascht – nichts anderes übrig, als sie zu unterdrücken. Wir sollten akzeptieren, dass die Sexualität von Natur aus ziemlich seltsam ist, statt uns Vorwürfe zu machen, wenn wir ihren verwirrenden Impulsen nicht einfach nachgeben.

Das soll nicht heißen, dass wir nicht dazulernen können. Wir sollten uns nur klarmachen, dass wir die Schwierigkeiten, mit denen die Sexualität uns konfrontiert, niemals vollends überwinden werden. Das Vernünftigste wäre, dieser anarchischen und unnachgiebigen Kraft Respekt zu zollen und uns mit ihr zu arrangieren.

3.

Ob Kamasutra oder Joy of Sex, allen Sexratgebern ist eines gemeinsam: Sie behandeln die Probleme der Sexualität auf der körperlichen Ebene. Der Sex wird besser – versichern sie uns auf unterschiedliche Weise –, wenn wir die Lotusposition meistern, wenn wir lernen, wie man Eiswürfel kreativ einsetzt, oder bewährte Techniken zur Erzielung gleichzeitiger Orgasmen anwenden.

Wenn wir auf solche Ratgeber gelegentlich sogar mit Unwillen reagieren, dann womöglich deshalb, weil sie – ihrer munteren Rhetorik und ihren hilfreichen Diagrammen zum Trotz – unerträglich demütigend sind. Sie verlangen allen Ernstes von uns zu glauben, unsere sexuellen Probleme rührten vor allem daher, dass wir es noch nicht mit Anilingus probiert oder die Karezza-Methode nicht richtig verstanden haben. Das aber sind bloß Abenteuer an dem vom Luxus gekennzeichneten Ende des Spektrums menschlicher Sexualität. Verglichen damit sind die Schwierigkeiten, vor die wir normalerweise gestellt sind, ein Hohn.

Für die meisten von uns geht es nicht um die noch lustvollere Ausgestaltung des Sexualakts mit einem Geliebten, der von sich aus Stunden mit uns auf einem Diwan liegen und bei Jasminduft und Kolibrigezwitscher neue Stellungen ausprobieren möchte. Uns macht vielmehr zu schaffen, dass der Sex mit unserem langjährigen Partner so schwierig geworden ist: wegen der vielen Verstimmungen, zu denen es über Fragen der Kindererziehung und der Finanzen zwischen uns kommt, oder wegen unserer Sucht nach Internetpornos. Uns beschäftigt, warum wir eigentlich nur mit Menschen Sex haben wollen, die wir nicht lieben, oder ob wir mit der Affäre in der Firma unserem Ehepartner das Herz gebrochen und sein Vertrauen endgültig verloren haben.

Techniken gehören nur selten zu den dringlichen Problemen, die uns beim Sex zu schaffen machen. Kamasutra, Indien, ausgehendes achtzehntes Jahrhundert.

4.

Wenn man angesichts dieser und vieler anderer Schwierigkeiten die Frage stellt, wie oft es eigentlich beim Sex richtig gut für uns läuft, muss man entgegen dem Zeitgeist zugeben, dass man die Male an einer Hand abzählen kann – mehr ist naturgemäß nicht drin. Großartiger Sex dürfte, wie Glück überhaupt, eine kostbare und seltene Ausnahme sein.

Solange wir die Sexualität als beglückend erleben, nehmen wir kaum wahr, dass wir zu den Privilegierten gehören. Erst wenn wir älter werden und öfters mit Wehmut an bestimmte erotische Episoden zurückdenken, begreifen wir, dass die Natur gegeizt hat, als sie uns mit ihren Gaben beschenkte. Befriedigender Sex ist ein außergewöhnliches und seltenes Ereignis, dessen Eintreten von drei Faktoren abhängt: Biologie, Psychologie und dem richtigen Zeitpunkt.

Für den größten Teil unseres Lebens bleibt die Sexualität eng verbunden mit Sehnsüchten und mit Peinlichkeit. Im Gegensatz zu den Versprechungen der Ratgeber gibt es für die meisten Probleme, vor die die Sexualität uns stellt, im Grunde keine Lösung. Ein Buch, das nützliche Selbsthilfe zu diesem Thema anbieten will, sollte sich daher auf die Verarbeitung unseres Kummers konzentrieren und nicht auf seine Beseitigung: Hospiz, nicht Hospital – wenn man so will. Auch wenn wir nicht erwarten können, dass Bücher unsere Probleme zum Verschwinden bringen, finden sie Worte für eine Traurigkeit und einen Kummer, die uns verbinden. Nach wie vor kommt Büchern die Aufgabe zu, uns zu trösten und uns in Erinnerung zu rufen, dass wir mit den demütigenden Schwierigkeiten, die der Sexualtrieb uns unausweichlich bereitet, nicht allein sind.