cover

Buch

Die Zeit der frauenfreien Chefetagen ist vorbei, denn immer mehr Frauen werden Führungskräfte. Doch auch wenn eine Frau »ihren Mann« stehen muss, können Charaktereigenschaften zum Tragen kommen, die vorher – oft aus guten Gründen – im Verborgenen lagen. Margit Schönberger erklärt uns nach ihrem Bestseller »Mein Chef ist ein Arschloch« nun, welche Chefinnentypen landauf, landab ihr Unwesen treiben und wie wir den Büroalltag überstehen können. Wer lacht, hat noch Reserven!

Autorin

Margit Schönberger ist Journalistin und Autorin mehrerer erfolgreicher Sachbücher, darunter der Bestseller »Wir sind rund, na und?«. Sie war lange Zeit Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in einer großen Verlagsgruppe, bevor sie sich als Literaturagentin selbstständig machte. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann in München.

Außerdem von Margit Schönberger im Programm:

Mein Chef ist ein Arschloch, Ihrer auch?

Margit Schönberger

Meine Chefin
ist ein Arschloch

Eine Katastrophen-Typologie

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Originalausgabe Mai 2016

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagillustration: Getty Images/Eastnine

Redaktion: Eckard Schuster

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

JE · Herstellung: IH

ISBN 978-3-641-16613-7
V001

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Inhalt

Ein paar Worte zuvor

Von Hans gibt’s nicht mehr viel zu lernen

Frauen sind keine besseren Menschen

DIE ZICKE

Das erste Treffen

DIE KONFERENZKÖNIGIN

Das zweite Treffen

DIE FEMINISTIN

Das dritte Treffen

DIE QUOTENFRAU

Das vierte Treffen

DIE JÄGERIN

Das fünfte Treffen

DIE EHRGEIZIGE

Das sechste Treffen

DIE ARSCHKRIECHERIN

Das siebte Treffen

DIE ÄNGSTLICHE

Das achte Treffen

DIE GUTMENSCHEN-FRAU

Das neunte Treffen

DIE GEHEIMNISKRÄMERIN

Das zehnte und letzte Treffen

Frauen morden sanfter …

Oben ist die Luft dünner: Die zehn Gebote für eine gute Führungskraft

So viel weibliches Potenzial …

Menschenrecht schlägt Geschlecht!

PS

Für alle Frauen, die ihren eigenen Weg und
den Männern nicht mehr auf den Leim gehen wollen.

Ein paar Worte zuvor

Der Wunsch, seinen Vorgesetzten zum Teufel zu schicken – oder Schlimmeres –, ist weit verbreitet. Und so alt wie die Tatsache, dass es Menschen gibt, die das Sagen haben. Denn die muss es geben. Dass Superschlaue die »Doppelspitze« erfunden haben, ist ja nichts anderes als eine Notlösung für den Fall, dass man sich nicht auf eine Person einigen konnte. Keiner von uns möchte sein Leben einer Doppelspitze in einem Cockpit anvertrauen, und jedes Schiff braucht einen Kapitän, und keine zwei.

Die grassierende Seuche der politischen Correctness hat allerdings bisher verhindert, dass auch Frauen in Führungspositionen offen als »Arschlöcher« bezeichnet werden können. Wenn sie denn welche sind. Diese zweifelhafte Ehre blieb bisher den Kerlen vorbehalten. Mit dieser Feigheit muss es – allein schon im Sinne der Gleichberechtigung – ein Ende haben.

Sie werden in diesem Buch keine Statistiken finden und auch keine Zitate aus Studien. Sondern Beobachtungen aus dem realen Leben, so wie es alltäglich über die Bühne geht.

Bei dieser Gelegenheit will ich mich herzlich bei meiner Freundin Brenda Stumpf alias Stella Conrad alias Lotte Minck dafür bedanken, dass sie mir die Rechercheergebnisse für ihren nächsten Krimi zur Verfügung gestellt hat, in dem es um das Abräumen einer unerträglichen Chefin geht. Viel Spaß bei der Lektüre dieses Insider-Materials.

Von Hans gibt’s nicht mehr viel zu lernen

Zugegeben, das ist ein bisschen drastisch ausgedrückt. Natürlich können Frauen von Männern viel lernen. Zum Beispiel, wie man den Druck auf Gas- und Kupplungspedale richtig dosiert. Obwohl … das kann Frau inzwischen auch von Frau erfahren, und besonders Schlaue kommen von ganz alleine drauf. Oder wie man vor der Fahrt in den Urlaub das Gepäck richtig und platzsparend im Kofferraum verteilt. Denn das ist eine absolut männliche Kompetenz, wenn man sich so umhört. Es soll aber schon vorgekommen sein, dass auch Autos am Ferienort heil angekommen sind, die von Frauen bepackt worden sind. Diese Kompetenzspielchen kennen wir alle. Sie sind so albern und überflüssig wie der Streit um die berühmte Zahnpastatube oder nicht entfernte Haare im Waschbecken.

Es geht nicht darum, wer über ausreichend Muskelkraft verfügt, um den widerständigen Verschluss einer Mineralwasserflasche aufzukriegen. (Dazu brauche ich fast immer meinen Mann. Wobei ich den Verdacht habe, dass diese Verschlüsse von Männern erfunden wurden. Wie übrigens die meisten Verschlüsse. Aber lassen wir das …) Sondern es geht darum, wie der Mensch sich aufführt, wenn er führt. Da haben Frauen sich nämlich weismachen lassen, dass es dafür unabänderliche Regeln gibt. Regeln, die Männer aufgestellt haben. Wer denn auch sonst? Seit die Zeiten des Matriarchats vorbei sind (und das ist schon ziemlich lange her), haben Männer gesagt und bestimmt, wo es langgeht.

Das war zunächst auch nicht verkehrt. Ein Mammut tagelang zu verfolgen und mit dem Speer zu jagen braucht Ausdauer und Muskelkraft. Klare Männersache, wenn man bedenkt, dass die beiden Menschengeschlechter körperbautechnisch ziemlich unterschiedlich zusammengeschraubt sind. Die Arbeitsteilung in Jäger und Sammlerinnen war auch biologisch bedingt. Zumindest so lange, bis der Flaschenzug, die Bohrmaschine und der ganze andere Kram erfunden wurden. Das können auch Feministinnen und Genderforschung nicht wegdiskutieren, sonst müsste man sich fragen, warum im Sport immer noch Geschlechtertrennung herrscht.

Was Führungspositionen betrifft, gibt es die biologische Frage nicht mehr. Zumindest so lange nicht, bis Frauen Kinder kriegen (wollen). Manche wollen immer noch. Dann wird es aber kompliziert. Wofür aber auch schon Lösungsvorschläge auf dem Tisch liegen. Warum nicht Eizellen einfrieren und erst dann Mutter werden, wenn die Lust auf Karriere ausgelebt ist? Also Mama und Oma zugleich werden? (Es würde mich interessieren, wie viele Frauen an der Entwicklung dieser Schnapsidee beteiligt waren. Schnaps war jedenfalls mit im Spiel …)

Männer kommen vom Mars (Mammutjagd) und Frauen von der Venus (Beerensammeln), hieß es mal so schön. Männer sind demnach kriegerisch und Frauen harmoniesüchtig. Also muss jeder vom anderen lernen. Wenn man sich in der Welt so umschaut, muss man feststellen, dass es einigen Frauen nicht schwergefallen ist, von Männern zu lernen. Margaret Thatcher hatte kein Problem damit, einen völlig bescheuerten Krieg um eine gottverlassene Insel anzuordnen und Menschenleben zu riskieren, nur um ihre innenpolitische Position zu stärken und ihre Macht zu sichern. Auch die US-Außenministerinnen Madeleine Albright oder gar Condoleezza Rice kann man nicht gerade als Friedenstauben bezeichnen. Umgekehrt fällt mir auf Anhieb kein ernst zu nehmender Mann in Politik oder Wirtschaft ein, der unter dem Stichwörtern Ausgewogenheit, ganzheitliches Denken oder Harmonie auffällig geworden wäre. (Bitte kommen Sie mir nicht mit dem ewig nacktarmigen Dalai Lama … und Gandhi ist schon lange tot!). Und die paar Männer, die Väterzeit nehmen sind Schwalben, die noch keinen Sommer machen. Und diese sanften Männer – von Müttern, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen sozialisiert! – werden auf dem Partnerschaftsmarkt als Weicheier und Warmduscher diskreditiert. Stehen nicht hoch im Kurs. Da stellt sich doch die Frage: Wer hat von wem das Falsche gelernt?

Was weibliche Führungskräfte gelernt haben, steht fest. Sie haben gelernt, sich wie Männer zu verhalten. Mehr oder weniger. Und das auch noch mehr oder weniger gut. Wieder mal reingefallen. Über den Tisch gezogen worden. Wieder mal Opfer? Ich kann es nicht mehr hören.

Frauen sind keine besseren Menschen

Männer auch nicht. Das muss festgehalten werden. Und in unseren westlichen Gesellschaften werden wir Frauen auch nicht unterdrückt. Wir werden nicht zwangsverheiratet und auch nicht bildungs- und ausbildungstechnisch benachteiligt. Es gibt zudem jede Menge Gleichstellungsbeauftragte, wenngleich die sich oft genug mit Unwichtigem und Abseitigem beschäftigen.

Dass jedoch Frauen bei gleicher Tätigkeit oft genug immer noch weniger verdienen als Männer, kann angesichts der vielen Frauen in verantwortlichen Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nur verwundern. In einem Land, das von einer Frau geführt wird, umso mehr. Woran liegt das?

Da kommt einiges an Gründen zusammen. Die Generation Frauen, die ihre emanzipatorische Grundausbildung noch der Zeitschrift Emma verdankt, hat immerhin einiges dafür getan, dass sich ein Bewusstsein für die Ungleichheit der Geschlechter entwickelt hat. Das hat so gut geklappt, dass die Töchter und Enkelinnen die Ergebnisse für selbstverständlich nehmen und oft nicht einmal mehr wissen, wie man das Wort »Emanzipation« buchstabiert. Für sie versteht es sich von selbst, dass Männer den Toilettensitz hochklappen, wenn sie pinkeln, oder sich – noch besser, braver Junge! – dabei gleich hinsetzen. Um nur eine wichtige Errungenschaft der Umerziehung zu nennen.

Denjenigen weiblichen Wesen, denen die schlechtere Bezahlung auffällt und an die Menschenwürde geht und die das Stichwort »gläserne Decke« erfunden haben, um damit Karrierehemmnisse zu benennen, wird mit ein paar Errungenschaften Sand in die Augen gestreut. Da müssen – politisch beschlossen – Dax-Konzerne weibliche Aufsichtsräte berufen (oder Strafgelder bezahlen). Na also, da tut sich ja richtig was, da oben! Aber denkste – schon wieder reingefallen! Sollen diese Dax-Quotenfrauen als Vorbilder dienen? Du lieber Himmel – wer will denn schon Aufsichtsrätin werden? Den ganzen Tag durch die Gegend fliegen (immerhin 1. Klasse!), sich den Hintern in Meetings breitsitzen und Statistiken lesen, von denen niemand weiß, wer sie warum zu welchen Gunsten frisiert hat. Und für Frauen in den Niederrungen des Lebens werden Aufsichtsrätinnen auch nicht viel tun, weil sie sich längst in den alten Machtstrukturen der Männerbünde eingerichtet haben. Oder wer soll glauben, dass sich eine Aufsichtsrätin für die Belange alleinerziehender Mütter interessiert? Ein hart erkämpfter Job im Hosenanzug verpflichtet schließlich! Aufsichtsrätinnen wissen, zu welchem Machthaber sie zu halten haben – irgendwann haben schließlich auch sie den Ring eines Paten geküsst …

Nein – Frauen sind keine besseren Menschen. Sie sind verführbar, manchmal beruflich naiv, passen sich lieber an und ahmen nach, was sie für Erfolgsrezepte halten. Das ist schade, denn die Welt ist inzwischen in einem Zustand, der dringend der Änderung bedarf. Dass die alten, hergebrachten Methoden nicht mehr so recht funktionieren, ist selbst für in der Wolle gefärbte Traditionalisten unübersehbar.

Aber schauen wir uns einmal die Verhaltensweisen einiger weiblicher Führungskräfte an, die ihre Untergebenen zur Weißglut und zur inneren Kündigung bringen.

DIE ZICKE

»Manno, ist die heute wieder drauf!«

Diese gestöhnte Feststellung eilte der Bergmann voraus, wenn sie auf hämmernden Absätzen durch die Flure eilte. Sie schaffte es, sogar auf Teppichböden das Geräusch einer galoppierenden Giraffe zu erzeugen. Die Bergmann ist eine Frau ohne Tempolimit und von enormer Entschlusskraft. So gesehen war ihre Beförderung aus fachlicher Sicht völlig in Ordnung. So müssen Führungskräfte heute gestrickt sein. Wenn da nicht das Problem der Existenz von Mitarbeitern und Kollegen wäre. Denn die gingen der Bergmann auf die Nerven. Viel zu emotional, viel zu umständlich, viel zu persönlich. Sogar ein Guten-Morgen-Gruß konnte ihr an schlechten Tagen zuwider sein. »Sind Sie sich da sicher?«, konnte man da durchaus mal zu hören bekommen. Weshalb eine Fahrt mit der Bergmann im Fahrstuhl besonders unangenehm war. Wer sie vor dem Fahrstuhl wartend entdeckt, nahm daher oft rasch die Kurve und bevorzugte die Treppe.

Als die Bergmann noch »Office Managerin« vom Big Boss war – der Begriff »Chefsekretärin« wurde sofort abgeschafft, wozu hatte sie schließlich ihren Bachelor gemacht? –, führte sie schon ein strenges Regiment. Bevor man einen Termin im Allerheiligsten bekam, mussten zackig geführte Verhöre über die Gründe des gewünschten Treffens mit Gottvater durchgestanden werden. »Persönliche Gründe« gab es für den Zerberus nicht. »Falls Sie mit persönlich privat meinen, dann ist es wohl auch privat. Und Privates hat hier im Geschäft nichts zu suchen!« Der Umweg per E-Mail war ebenfalls versperrt. Die Mails für den Chef landeten bei der Bergmann und wurden vorgefiltert. Logisch, dass der Chef glücklich mit der Zicke im Vorzimmer war, sie hielt ihm Unangenehmes und Lästiges fern. Ihre zurückhaltende Coolness kam seiner eigenen Wesensart entgegen. So wurde auch allgemein vermutet, dass die Gründung einer eigenen, den Abteilungen des Hauses übergeordneten Organisationseinheit eine Eigenkreation der Zicke war, deren Leitung ihr als Belohnung für geleistete gute Dienste übertragen wurde. Nicht ohne vorher noch eine Art Doppelgängerin eingearbeitet zu haben, damit das Chefzimmer weiterhin problemfreie Zone bleiben konnte. Diesen Wesenszwilling zu finden war gar nicht so einfach, denn die meisten Bewerberinnen waren bemüht, einen freundlichen, aufgeschlossenen und offenen Eindruck zu erwecken. Genau das war von der Zicke aber nicht gewünscht. Als der Personalchef aufgrund ihres ständig nach unten gerichteten Daumens schließlich resignierte, nahm die Zicke die Regelung ihrer Nachfolge schließlich selbst in die Hand. Und war mit ihrer Wahl halbwegs zufrieden, wenn ihr auch nicht verborgen blieb, dass die Besucherfrequenz im Vorhimmel stieg und die Leute mit zufriedeneren Mienen wieder herauskamen, als das zu ihrer Zeit der Fall war.

Inzwischen hatte die Zicke auch ihren Spitznamen weg. Nach einigem Hin und Her siegte »die Giraffe«, weil »die Rennmaus« einfach nicht dem Geräuschpegel ihrer Absätze entsprach. Ihre schweren, goldenen Ohrgehänge erzielten optisch zudem die Wirkung eines langen Modigliani-Halses. Mit einer grauen Maus hatte die »Giraffe« tatsächlich wenig gemein. Ihre Klamotten hatten Stil und sahen teuer aus. Dieses vielbetratschte Modegeheimnis wurde von einer Texterin der Werbeabteilung gelüftet, die eines Tages zu berichten wusste, die Zicke in einer Secondhand-Boutique für Designermode gesehen zu haben. Und die Frau vom Chef erzählte auf der Weihnachtsfeier im Rahmen eines Frisurengesprächs unter Mädels, dass die »Giraffe« und sie denselben Stylisten beim Promifriseur hätten. Jetzt war den Kollegen schon vieles klarer. Das Organisationsgenie wollte »da oben« dazugehören und nichts mit dem Plebs zu tun haben, mit dem es täglich zu tun hatte. »Wahrscheinlich ist sie nur eine Spießerin aus kleinen Verhältnissen, die glaubt arrogant sein zu müssen, um was zu gelten!«, vermutete eine vielbefragte Küchenpsychologin aus dem Vertrieb. »Ach was, die hat einfach keinen Humor. Eine echte Vulkanierin, so wie Spock vom Stamme undurchdringliche Visage. Die Vulkanier können nichts dafür, die werden schon so geboren.« »Wer ist denn Spock?« »Na das griesgrämige Spitzohr aus ›Raumschiff Enterprise‹. Beam me up, Scotty – noch nie gehört?«

Die Humorlosigkeit der »Giraffe« war vor allem für ihre engsten Mitarbeiter ein Problem. Als sich am Weiberfasching die Mädels Scheren umgehängt hatten, um allen Männern, die unvorsichtig genug waren, ausgerechnet an diesem Tag Krawatten zu tragen, ebendiese abzuschneiden, war sie stocksauer und befahl sofortige Abrüstung: »Wir sind nicht in Köln, und auch nicht im Kindergarten!« Als am nächsten Nachmittag jemand aus der Abteilung eine Runde Krapfen spendierte, lehnte sie den ihr angebotenen brüsk ab und mailte noch am selben Tag ein Memo, dass sie nicht wünsche, dass in ihrer Abteilung an den Schreibtischen gegessen würde. Dafür seien die Kantine und die Teeküche da.

Die Mitarbeiter der »Giraffe« waren um jede Aufgabe froh, die sie in andere Abteilungen führte – zu normalen Menschen, wie sie sich ausdrückten. Dass die Stimmung in der Abteilung nicht ganz abstürzte, war diesem Wanderdrang zu verdanken. Die Heimkehrer brachten Gerüchte und Geschichten mit ins Büro, die begierig und dankbar aufgenommen wurden. Als die »Giraffe« einmal eine solche Runde mit zusammengesteckten Köpfen erwischte, hielt sie eine für ihre Verhältnisse lange Rede. »Das machen Schafe. Wenn die Sonne herunterbrennt, bilden sie einen Kreis und stecken die Köpfe zusammen. So machen sie sich selbst Schatten. Es ist hier aber nicht heiß. Also, an die Arbeit – es hat sich ausgeblökt!«

Ein Spaßvogel aus der Werbeabteilung bastelte dem Team der »Giraffe« ein Türschild mit dem liebevoll gestalteten Text: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.« Darunter stand in winziger, schwarzer Frakturschrift: »Hier wird gearbeitet und nicht gesungen.« Es wurde angebracht, als die »Giraffe« in Urlaub war. Sie nahm es nach ihrer Rückkehr stirnrunzelnd zur Kenntnis, öffnete schmallippig lächelnd die Tür zum Mitarbeiterbüro, deutete auf das Schild und meinte: »Das ist wohl ein seltener Akt von Selbsterkenntnis. Bitte abmachen.« Keiner fühlte sich angesprochen, daher kam keiner der Aufforderung nach, und da hängt es heute noch.

Das Problem der Abteilung war kompliziert. Fachlich war die »Giraffe« unangreifbar, man konnte viel bei ihr lernen. Das allgemeine Lob der Kollegen im Haus galt der ganzen Abteilung. Die zickige Chefin hatte alle ihre Untertanen auf eine Präzisionsstufe gehoben, auf die sie stolz waren. Fragen an die Chefin wurden von allen gut überlegt, knapp und unmissverständlich formuliert. Wer einmal von der »Giraffe« den Satz gehört hatte: »Hören Sie auf herumzulabern, und sagen Sie, was Sie zu sagen haben!«, beschäftigte sich im Vorfeld so intensiv mit seinem Problem, dass sich die Antwort oft von selbst ergab und ein Gang ins Chefbüro nicht mehr nötig war.

So gesehen gingen die Mitarbeiter der »Giraffe« durch eine harte Kaderschule. Sie zog sich kleine Präzisionsmaschinchen heran, die bei hausinternen Bewerbungen von allen Abteilungsleitern sehr begehrt waren. »Die/der kommt aus dem Eishaus der Bergmann. Perfekt! Die/den nehmen wir!« Auf diese Weise kam es zu einer hohen Fluktuationsrate in der Abteilung der »Giraffe«, die sie aber stillschweigend hinnahm, um unverdrossen ihren Diamantschliff an Neuankömmlingen vorzunehmen.

Es gibt schlechte Chefeigenschaften, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Bei Männern findet man Schweiger, Brüller, Machos, Launenhafte und diverse andere schreckliche Cheftypen. Aber Zicken findet man eher selten. Diese Variante ist vorwiegend unter weiblichen Führungskräften zu finden. Nur nichts an sich herankommen lassen ist eine sehr weibliche Schutzhaltung in den Führungsetagen und produziert Eisprinzessinnen.

Darüber wusste Georg Geiger, der Assistent der »Giraffe«, Neues zu berichten. Seine Frau hatte ihn verlassen, und er war frisch geschieden. Seine Wunden leckend und allen Mut zusammennehmend, machte er sich mit einem Freund auf, um auf »Brautschau« zu gehen. Mit niederschmetterndem Ergebnis. »Wir waren gestern in einer Kneipe, von der mein Freund Bernd wusste, dass da abends viele Medienleute dieses Zeitschriftenkonzerns hingehen. Ihr wisst schon, wo diese bunten Klatschblätter erscheinen. Da liefen tatsächlich mehr Mädels und Frauen herum als Männer. Und die sahen aus, als wären sie direkt den Anzeigen ihrer eigenen Hochglanzblätter entsprungen. Unsere ›Giraffe‹ hätte da nahtlos reingepasst mit ihrer perfekten Schminke, den Edelklamotten und ihren klirrenden Klunkern. Leider in jeder Beziehung. Denn in Sachen Arroganz und Zickigkeit hätten die ihr vielleicht sogar noch ein paar Tipps geben können!« »Vielleicht habt ihr euch blöd angestellt«, meinte ein Kollege, süffisant grinsend über den Kantinentisch gebeugt. »Nach sieben Jahren Ehe bist du in Sachen Anmache vielleicht ein wenig eingerostet!« »Quatsch! Dass man zuerst Augenkontakt herstellt, ohne zu starren, und all diesen Kram, das weiß ich auch. Aber diese Tanten liefen nur im Rudel rum, trugen ihre Nasen hoch, ließen ihre Blicke schweifen – ja, so war es eigentlich nicht, die waren durchaus auch am Suchen –, warfen ihre Köpfe in den Nacken und schüttelten ihre Mähnen. Wie Raubkatzen beim Fliegenverscheuchen. Als eine aus dem Rudel an meinem Platz an der Theke vorbeikam, fauchte sie mir von der Seite ein ›Iss’ was?‹ zu, dass ich fast vom Hocker fiel. Was ist nur mit den Weibern heutzutage los?«

Dieses »Iss’ was?« brachte alle auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn die Mittagspause war in wenigen Minuten vorbei, und alle mussten wieder in den Giraffenstall zurück. Und alle dachten dasselbe: Niemand konnte kälter »Ist noch was?« fragen wie die ›Giraffe‹, wenn sie eine Unterredung beenden wollte. Dabei wedelte sie mit einer unnachahmlich lässigen Handbewegung und klirrendem Armband den Besucher wie einen lästigen Bittsteller Richtung Tür.

Was mit den heutigen Frauen los ist, konnte auf dem Rückweg zu ihrem Büro nicht ausdiskutiert werden. Dafür wartete eine Überraschung auf alle. Die »Giraffe« hatte Besuch, modisch gestylten, weiblichen Besuch, wie man durch die Glaswand sehen konnte. Mit dieser Unbekannten im Schlepptau betrat die »Giraffe« kurze Zeit später das Mitarbeiterbüro. Und stellte die schüchtern und verhaltend lächelnde junge Frau als neue Kollegin vor. »Frau Wolf soll vor allem Sie entlasten«, wandte sich die ›Giraffe‹ an ihren Assistenten, dem vor Verblüffung fast die Gesichtszüge entgleisten. Frau Wolf war die schnippische »Iss’ was?«-Frau vom Vorabend. Unverhofft kommt eben oft.

Die Kollegin Wolf gab nicht zu erkennen, ob sie sich an das Zusammentreffen in dem Medienschuppen erinnerte, und Georg Geiger tat es ihr gleich. Er informierte sie unverzüglich über die Aufgaben des Teams und vor allem über die Gepflogenheiten innerhalb der Abteilung. So erfuhr die Neue, dass die Chefin gern gefragt und besonders gern möglichst ausführlich informiert wurde. »Sie dürfen da ruhig ein bisschen ausholen. Und am Anfang sollten Sie gelegentlich mal eine Runde Kuchen zum Nachmittagskaffee spendieren. Das fördert Ihre Integration und macht gute Stimmung.«

Als die Wolf das erste Mal mit Tränen in den Augen aus dem Büro der »Giraffe« zurückkam, lag Geiger die Frage »Iss’ was?« auf der Zunge, aber er schluckte sie hinunter.

Das erste Treffen

Von handgemachten Schneewehen, überraschenden Überstunden und einer Tür, die sich unvermutet öffnet

Bereits seit einer Viertelstunde war meine Verabredung überfällig. Wiederholt wanderte mein Blick zum Ziffernblatt meiner Armbanduhr. Meine Stirn runzelte sich wie von selbst. Wurde ich etwa gerade versetzt, nachdem ich mich nach dem ersten Schneesturm des Jahres in dieses Café gekämpft hatte? Oder handelte es sich lediglich um die berühmte akademische Viertelstunde? Ich beschloss, mich noch ein wenig in Geduld zu üben, auch wenn es mir schwerfiel.

Vor mir auf dem Tischchen lag nicht – wie Sie vielleicht denken mögen – eine rote Nelke, die einem noch unbekannten Dating-Partner als Erkennungszeichen dienen könnte. Stattdessen trommelten meine Finger auf dem hübschen Einband einer Kladde herum, in die ich meine Notizen schreiben wollte, denn meine Verabredung diente der Recherche für ein Buch.

Für einen Krimi, um genau zu sein.

Ich plante eine Geschichte über eine Sekretärin, die ihre Chefin killt. Die sich das natürlich redlich verdient hat, versteht sich. Um der Story die nötige Authentizität zu verleihen, hatte ich beschlossen, ein wenig zu recherchieren. Kurz hatte ich überlegt, in der Tageszeitung eine Anzeige zu schalten, aber mir fiel kein passender Text ein. Suche Sekretärin, die ihre Chefin am liebsten umbringen würde. 100%-ige Diskretion selbstverständlich. Mal ehrlich – wie hörte sich das denn an? Also hatte ich in meinem Bekanntenkreis herumgefragt, ob man mir eventuell einen Kontakt verschaffen könnte. Und siehe da – die Cousine einer guten Freundin passte genau ins Raster: Sie arbeitete in einer großen Firma, und ihr Boss war eine Frau.

»Ich schwöre dir – Theas Geschichten werden dich umhauen«, hatte meine Freundin mit verschwörerisch gesenkter Stimme angekündigt. »Und vermutlich wirst du Amnesty International alarmieren, damit sie befreit wird. Ich habe keinen Schimmer, warum sie sich diese Frau täglich antut.«

Ja, klar, hatte ich seinerzeit gedacht, und die UNO schickt die Blauhelme.

Meine Freundin neigte zu Übertreibungen, also hatte ich keine allzu großen Erwartungen, als ich dort in dem Café saß. Ein wenig Tratsch über die gemeine Chefin vielleicht, die man schon deshalb nicht mochte, weil sie Vorgesetzte war und mehr verdiente. Irgendwas in der Art.

So viel zu meinen Vorurteilen, aber das nur nebenbei.

Bestimmt war das unwirtliche Wetter draußen vor der Tür des kuscheligen Cafés schuld an der Verspätung meiner Verabredungspartnerin. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, dachte ich über die Jobs nach, die ich in meinem Leben schon gemacht hatte. Nur einmal war eine Frau mein Boss gewesen, in einer kleinen Werbeagentur. Meine Arbeit hatte im Großen und Ganzen daraus bestanden, das Chaos, das meine Chefin in ihrer permanenten Unkonzentriertheit anrichtete, wieder zu beseitigen. Mehrmals am Tag hatte sie sich zur Meditation zurückgezogen, um davon noch verwirrter an ihren Schreibtisch zurückzukehren, als sie es zuvor gewesen war. (Genau aus diesem Grund ist mir das Prinzip Meditation übrigens bis heute zutiefst suspekt.) Außerdem litt meine damalige Chefin an einer Rechtschreibschwäche, weshalb sie ihre Memos nicht am Computer, sondern handschriftlich verfasste. So kaschierte ihre orthographischen Defizite, indem sie ihre ohnehin krakelige Schrift bei komplizierten Wörtern komplett unleserlich machte. Ganze Passagen ihrer Memos sahen aus wie die Zackenlinie eines Belastungs-EKGs oder der Scherenschnitt eines Alpenpanoramas. Vielleicht hätten mich ihre Marotten auf Dauer in den Wahnsinn getrieben, aber ich war dort ohnehin nur auf der Durchreise. Also nahm ich es mit Humor und suchte mir nach einigen Monaten einen anderen Job.

Der Klingelton meines Handys riss mich aus meinen gedanklichen Reisen in die Vergangenheit.

Ich vernahm zunächst nur lautes Schluchzen, dann unverständliche Wortfetzen, aus denen ich immerhin heraushören konnte, dass meine Verabredung Thea am anderen Ende der Leitung war.

»Ich kann nicht kommen! Ich hänge hier fest!«, heulte sie schrill in den Hörer. »Seit einer halben Stunde versuche ich schon … Mit bloßen Händen … Diese gemeine Zicke hat …«

Huch – was mochte der Ärmsten widerfahren sein? Dennoch: Wer die erwähnte gemeine Zicke war und was sie getan hatte, war mir momentan egal – ich wollte Thea unbedingt noch an diesem Tag treffen. Mehrfach hatten wir diesen Termin schon verschoben, weil sie jedes Mal kurzfristig zu Überstunden verdonnert worden war. Also gab ich einige beruhigende Floskeln zum Besten, bis Thea wieder aufnahmefähig war, und teilte ihr dann mit, dass ich sie abholen würde.

Es stellte sich heraus, dass sie sich auf dem Parkplatz ihrer Firma befand, nicht weit entfernt vom Café.