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Manfred Gailus, Daniel Siemens (Hg.)

»Hass und Begeisterung bilden Spalier«

Horst Wessels politische Autobiographie

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ebook im be.bra verlag, 2013

www.bebraverlag.de

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Horst Wessel: Politika

Horst Wessel: Die große Deutschlandfahrt

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

Die Herausgeber

Vorwort

Autobiografien haben Konjunktur, bei Autoren wie bei Lesenden. Die Geschichtswissenschaft dagegen entdeckt dieses literarische Genre erst seit kurzem wieder – nicht zuletzt als Folge der methodischen Ausdifferenzierung des Faches. Autobiografien sind als historische Quelle besonders reizvoll: wegen ihrer subjektiven Färbung, ihres offensichtlichen Konstruktionscharakters, aber auch wegen ihrer Abhängigkeit vom Entstehungskontext und von den sprachlichen und ideologischen Prägungen des Verfassers.

Wir legen hier die kommentierte Fassung eines in verschiedener Hinsicht besonderen Exemplars dieser Gattung vor: Es handelt sich um eine explizit politische Autobiografie aus der späten Weimarer Republik, verfasst von einem erst einundzwanzigjährigen jungen Mann, der als historische Person zu Lebzeiten marginal blieb, später jedoch als ins Mythologische überhöhter Held des Nationalsozialismus berühmt-berüchtigt wurde: Horst Wessel, Sohn eines evangelischen Pfarrers, Absolvent eines humanistischen Gymnasiums, Student der Rechte und SA-Sturmführer. Nach seinem gewaltsamen Tod im Frühjahr 1930 formte ihn Joseph Goebbels zu einem »deutschen Helden«, einem »Christussozialisten«, um. Seine Autobiografie wurde indes im »Dritten Reich« – aus gutem Grund – nur ausschnittweise und grob verzerrend veröffentlicht. Heute ist sie ein Zeitdokument, das in besonderer Weise Aufschluss gibt über die Mentalität jener jungen Männer, die sich als Kinder während des Ersten Weltkrieges daran gewöhnt hatten, Krieg zu spielen, die in der Weimarer Republik heranwuchsen und schon bald in auffallend großer Zahl dem Nationalsozialismus zuneigten.

Es handelt sich bei Wessels Text um eine vergleichsweise kurze Autobiografie, die jedoch – gerade wegen des großen zeitlichen Abstands zwischen der Entstehung des Textes im Jahr 1929 und heute – einiger Erläuterungen bedarf. Die nötigen Informationen haben wir in einer umfangreichen Einleitung sowie zahlreichen Anmerkungen bereitgestellt. Der besseren Einordnung dient auch der Abdruck eines zweiten autobiografischen Textes aus der Feder Wessels, einem Auszug aus seinem »Fahrtenbuch«, der die Wandlungen eines jugendbewegten Bündischen zum – wie er sich selbst sah – einsatzbereiten »politischen Soldaten« des Nationalsozialismus mit Führungsanspruch verdeutlichen soll.

Der be.bra verlag hat früh Interesse an diesem Projekt gezeigt. Das »Junge Kolleg« der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste gewährte ein Reisestipendium. Unser herzlicher Dank für kritische Lektüre des Manuskripts, für Anregungen und Unterstützung gilt außerdem Armin Nolzen, Bernhard Sauer, Christian Meyer, Stephanie Hippe, Olaf Kordwittenborg, Anja Horstmann sowie Joanna Jaskowiec von der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau.

Bielefeld und Berlin im Frühjahr 2011
Daniel Siemens und Manfred Gailus

Einleitung

Selbstzeugnisse eines Verfehmten

»Verklärt, verhaßt, vergessen« – mehr als diese drei Verbaladjektive brauchte der Filmemacher Ernst-Michael Brandt in seinem 1997 produzierten Dokumentarfilm über Horst Wessel nicht, um dessen posthume Karriere auf eine prägnante Kurzformel zu bringen. Alle wichtigen Etappen in der Wirkungsgeschichte des 1907 in Bielefeld geborenen und 1930, mit erst 22 Jahren, bei einem Überfall in Berlin getöteten SA-Mannes Horst Wessel waren damit angesprochen: Seine Verklärung durch Goebbels zum Parteiheiligen und »Christussozialisten« in den 1930er Jahren, die Symbolkraft des Namens, der ihn zunächst beim politischen Gegner und nach Kriegsende dann auch bei fast allen ehemaligen »Volksgenossen« zur persona non grata werden ließ, schließlich die Tabuisierung in den Nachkriegsjahrzehnten und das langsame Nachlassen der beunruhigenden Wirkung, die sein Name in den Köpfen der Deutschen hervorgerufen hatte. Nur noch wenige sind am Leben, die in der Zeit des Nationalsozialismus mit zum Hitlergruß erhobenen Arm die 1929 von Horst Wessel verfassten Verse des Liedes »Die Fahne hoch!« gesungen haben. Die Kinder- und Enkelgeneration weiß mit dem Namen kaum noch etwas anzufangen.1 Nur aus rechtsextremen Kreisen werden regelmäßig Versuche unternommen, Formen eines »Horst-Wessel-Kults« am Leben zu halten oder zu revitalisieren, indem Wessels »politisches Soldatentum«, sein »Idealismus« und seine »Einsatzbereitschaft« als vorbildhaft und nachahmenswert dargestellt werden. Der Erfolg solcher Bemühungen ist aber gering, wie neue Forschungen zeigen.2

Diese Situation ist einerseits erfreulich, zeigt sie doch, wie weit sich die gegenwärtige Gesellschaft von einstmals tief verankerten nationalsozialistischen Traditionen entfernt hat. Andererseits ersetzt ein solches Vergessen, so unverzichtbar es für die »Psyche« von Individuen wie ganzen Gesellschaften auch sein mag, nicht die kritische Beschäftigung mit der eigenen Geschichte.3 Es ist dabei keinesfalls nur der in den 1930er Jahren ungemein erfolgreiche Horst-Wessel-Mythos, der sich für eine Analyse der Ideologie, der Jugenderziehung sowie der Gedenk- und Feierkultur im Nationalsozialismus anbietet.

Auch das kurze Leben dieses jungen Mannes, so bedeutungslos es auf den ersten Blick erscheint, lohnt eine eingehende Beschäftigung. Es war in vielerlei Hinsicht typisch für eine einflussreiche Gruppe von jungen Männern bürgerlicher Herkunft, die für Demokratie, Republik und liberale und kulturelle Werte des Westens vor allem Schimpfworte übrig hatten. Von einer »revolutionären« Beseitigung des Weimarer Parlamentarismus erhofften sie sich zwar nicht – wie die Kommunisten – das Ende von kapitalistischer Ausbeutung und Sklaverei, aber auch ihre Vorstellungen waren im Kern utopisch: Es ging ihnen nicht nur um die Überwindung des »Versailler Schandfriedens« und um den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer gleichrangigen, wenn nicht der bestimmenden Macht in Europa, sondern letzten Endes auch um die Durchsetzung einer germanisch-völkischen Kulturmission, der sie – ganz im Sinne intellektueller Vordenker wie Oswald Spengler – im Wettkampf der Nationen und Ideologien weltgeschichtliche Bedeutung zusprachen.4

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Horst Wessel war, nach allem was man weiß, kein Rechtsintellektueller seiner Zeit. Ob er ungefähr gleichaltrige Autoren wie Ernst Günther Gründel, Ernst Wilhelm Eschmann, Karl Otto Paetel oder Matthäus (Matthes) Ziegler persönlich oder zumindest ihre Publikationen kannte, ist ungewiss. Diese akademisch ausgebildeten jungen Männer der »Kriegsjugendgeneration«, wie die zwischen 1900 und 1910 Geborenen gemeinhin genannt werden, veröffentlichten Ende der 1920er Jahre ihre Gedanken in den programmatischen Zeitschriften Die Tat und Die Kommenden, in denen sie mit zunehmender Resonanz gegen die parlamentarische Demokratie und das »kapitalistische System« zu Felde zogen – parallel zum politischen Bedeutungsgewinn der NSDAP.5 Als positive Alternative warben sie für einen autoritären Interventionsstaat, gelenkt durch ausgewählte »Führer«, die einer in naher Zukunft zu verwirklichenden »Volksgemeinschaft« vorstehen sollten.6 Inhaltlich changierten die Positionen zwischen einer scheinbar souveränen Verachtung alles Tagespolitischen und einer ungebrochenen Begeisterung für das revolutionäre Potential der sehnsüchtig erwarteten und als unmittelbar bevorstehend imaginierten »deutschen Revolution«.7

Horst Wessel teilte viele dieser Ansichten, ohne sich aber an den intellektuellen Debatten der Zeit zu beteiligen. Dies dürfte weniger seinem Alter geschuldet gewesen sein, sondern lag vermutlich eher daran, dass er sich aus Büchern generell nicht viel machte und die Attraktivität von politischen Ideen eher nach ihrem konkreten Erlebnispotential denn nach argumentativer Stringenz beurteilte. Er hinterließ bei seinem frühen Tode jedoch ein Manuskript, das für die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von großem Interesse ist. Nur wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod, vermutlich im Sommer oder Herbst 1929, verfasste Wessel eine unvollendet gebliebene politische Autobiografie, die in ihrem Charakter zwischen individuellem Glaubensbekenntnis, biografischer Rechtfertigungsschrift und politischer Führerbewerbung changiert und ihren Verfasser als bürgerlich sozialisierten Nachwuchsautor mit nationalrevolutionärem Habitus und stellenweise guter Beobachtungsgabe ausweist. Es handelt sich bei dieser Schrift um ein authentisches und äußerst seltenes, vielleicht sogar singuläres Dokument aus der mittleren Phase der Weimarer NSDAP, das tiefe Einblicke in das Milieu, die Selbstwahrnehmung und die Selbstinszenierung der jungen Nationalsozialisten in der Hauptstadt Berlin erlaubt.8 Es wird hier zum ersten Mal wissenschaftlich editiert und kommentiert der Öffentlichkeit vorgelegt.

Textform und Überlieferungsgeschichte

Seine politische Autobiografie taufte Horst Wessel – als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums wohl in Erinnerung an seinen Altgriechischunterricht und im Anspruch etwas hochtrabend-bildungsbürgerlich – Politika, was man mit »Von den politischen Dingen« übersetzen könnte.9 Sie besteht im Original aus einer gebundenen Kladde mit unlinierten Blättern und grünem, festen Einband. Die ersten 38 Seiten sind beidseitig handschriftlich beschrieben und enthalten zwischen den Text eingeklebte Abbildungen – zum ganz überwiegenden Teil Fotografien, die von Wessel auch mit knappen Bildunterschriften versehen wurden. Die folgenden zwölf Seiten weisen ausschließlich Fotografien auf, die sämtlich unbeschriftet geblieben sind. Bleistiftmarkierungen lassen vermuten, dass Wessel sie zum Teil noch selbst eingeklebt hat, den später zu ergänzenden Text jedoch nicht mehr ausführte bzw. ausführen konnte. Neben einigen der Fotografien finden sich kleine handschriftliche Kreuze, wenn Wessel abgebildet ist. Vermutlich wurden sie von einem späteren Bearbeiter hinzugefügt. Die letzten ungefähr vierzig Seiten der Kladde sind leer, doch gibt es keine Anzeichen, die auf eine spätere »Zensur« hindeuten.10

Der Aufbau des Textes verrät, dass es sich hier weder um ein Tagebuch – wie von der älteren Forschung behauptet11 – noch um ein spontan niedergeschriebenes Konvolut handelt, sondern um eine zusammenhängend konzipierte Schrift, die auch als solche zu analysieren ist. Wessel muss zumindest eine grobe Gliederung im Kopf gehabt haben, bevor er die ersten Zeilen niederschrieb. Er unterteilte seinen Text in drei »Abteilungen«: Der erste, umfangreichste Abschnitt ist mit »Der Bismarckbund.« überschrieben und schildert, von den Kriegsjahren 1914 bis 1918/19 ausgehend, Wessels erste Kontakte mit politischen Organisationen, vor allem dem Bismarckbund. Dies war die Jugendorganisation der konservativen, in den ersten Jahren der Weimarer Republik noch stark »kaisertreuen« Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), der auch Wessels national-völkisch eingestellter Vater nahegestanden hatte.

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Der Beginn der Aufzeichnungen von Horst Wessel. Auf der linken Heftseite scheint – spiegelverkehrt – die Titelüberschrift Πoλιτικα (Politika) durch. (Jagiellonen-Bibliothek Krakau)

Der zweite, etwas kürzere Abschnitt trägt die Überschrift »Bund Wiking.«. In diesem Teil beschreibt Wessel seinen politischen Werdegang zwischen 1923 und 1926 als eine Geschichte fortgesetzter Enttäuschungen und zunehmender Radikalisierung. Seine Aktivitäten im illegalen Wiking-Bund, die zunächst noch parallel zur Mitgliedschaft im Bismarckbund liefen, brachten Wessel mit dem Milieu ehemaliger Soldaten und Freikorpskämpfer in Berührung – seinem Verständnis nach »echten Männern« mit der richtigen, patriotischen Gesinnung. Hatte diese paramilitärische Welt aus sonntäglichen Kriegsübungen im Berliner Umland und Geheimbündelei auf den Gymnasiasten und Pfarrerssohn zunächst anziehend gewirkt, so war er einige Jahre später durchaus zu einer kritischen Sicht auf diese Organisationen in der Lage. Bei der Niederschrift der Politika, im Jahr 1929, beschreibt er seine »Militärzeit« zwar noch affirmativ als Initiationsritus, als Einstieg in eine imaginierte Männerwelt aus Heldentum, Abenteuer und politischer Untergrundarbeit, beklagt aber die mangelnde politische Perspektive, die Impotenz solcher Verbände, denen es über die Ausübung einzelner Terrorakte gegen demokratische Spitzenpolitiker wie Matthias Erzberger, Walther Rathenau und Philipp Scheidemann hinaus nicht gelang, eine politisch wichtige Kraft zu werden.

Genau dieses Primat des Politischen ist es, was Wessel nach eigener Aussage an den Nationalsozialisten fasziniert. Seinen Tätigkeiten für die Hitlerjugend und die SA ist der dritte Abschnitt der Politika gewidmet, der – vergleicht man das Schriftbild mit den vorhergehenden Seiten – ziemlich rasch zu Papier gebracht worden sein muss. Er bricht genau an der Stelle mitten im Satz ab, als Wessel im Frühjahr 1929 den für die Berliner SA unbedeutenden »Trupp 34« übernimmt, der wegen seiner Rekrutierungserfolge in den kommenden Wochen bald als »Sturm 5« firmieren sollte, – also just in dem Moment, an dem die Heldengeschichten vom »Sturmführer Wessel« später meist einsetzen. Die nationalsozialistische Propaganda schaffte es, auch diesen unvollendeten letzten Satz in ihrem Sinne auszulegen. So heißt es in dem Buch »Mein Bruder Horst« von Ingeborg Wessel: »Vielleicht war es an jenem Tage aber auch nur irgendeine harmlose Begebenheit, die Horst den Satz nicht zu Ende schreiben ließ. Das Eine jedoch wissen wir genau, daß Horst nach Übernahme des Trupps 34 Friedrichshain und erst recht nach seiner Ernennung zum Sturmführer 5 keine Zeit mehr fand, sein Tagebuch fortzuführen. Er wirkt nahezu wie ein Symbol, dieser unvollendete Satz. An die Stelle des geschriebenen Wortes, der Betrachtung dessen, was war, trat fordernd und die ganze Kraft heischend, die Tat, die Zukunft, der nächste Tag.«12 Da Wessel im Jahr 1930 getötet wurde, lassen sich einige zentrale biografische Fragen aus seinem letzten Lebensjahr nicht mehr klären. Selbst die These, dass er sich Ende 1929 von den Nationalsozialisten, vielleicht auch von »der Politik« insgesamt abwenden und stattdessen sein Jurastudium wiederaufnehmen wollte, lässt sich nicht eindeutig widerlegen.13

Wessel illustrierte seinen Text mit einigen Zeichnungen stilisierter SA-Männer sowie Bildern prominenter Nationalsozialisten wie Hitler und Goebbels. Den ganz überwiegenden Teil der Abbildungen machen jedoch 82 zumeist private Fotografien aus, die er zum kleineren Teil selbst geschossen haben dürfte, zum größeren Teil jedoch von Freunden und politischen Weggefährten übernommen haben wird.14 Bedenkt man, dass die Fotografie in den 1920er Jahren zwar ihren Durchbruch als Massenmedium erlebte, jedoch nach wie vor umständlich und teuer und damit eher ein Hobby der vermögenden Kreise blieb, so erstaunt die große Anzahl an Bildern, über die der junge Wessel verfügte und die er in seine Schrift einkleben konnte. Zugleich wird deutlich, welch hohen Stellenwert Gruppierungen wie der Wiking-Bund und die Nationalsozialisten dem Bild als Propagandawaffe einräumten. Neben dem persönlichen Erinnerungswert scheinen nicht wenige Bilder von Truppenaufmärschen, Geländespielen und Propagandafahrten auch der Bekräftigung der eigenen historischen Bedeutsamkeit sowie der »Werbung« anderer interessierter junger Männer gedient zu haben.

Besonders viele Bilder finden sich im letzten Drittel der Politika, das die Jahre 1927 bis 1929 beschreibt. Sie zeigen Wessel und seine »Kameraden« von der SA bei Umzügen und Aufmärschen, in Reih’ und Glied angetreten, lässig an einen Lastkraftwagen gelehnt – seinerzeit einem Symbol für Modernität, Kraft und Beweglichkeit – oder auch in der Gruppe auf einem Anhänger für die Propagandafahrt posierend. Gerade in diesen Bildern, die nicht zufällig an die Selbststilisierung von Jugendgangs erinnern, spiegeln sich mehr als die Herrschaftsfantasien junger Männer des rechtsextremen Spektrums. Sie müssen auch als Botschaften betrachtet werden, die eine Ordnung visualisieren, wie sie die Nationalsozialisten in naher Zukunft zu verwirklichen hofften: Straßenzüge und Marktplätze unter dem Banner des Hakenkreuzes, beherrscht von einer Generation einsatzbereiter junger Männer, deren Machtanspruch nicht zuletzt auf dem unbedingten Willen zur Gewaltanwendung beruhte. Die Omnipräsenz von Waffen auf diesen Bildern führt dies deutlich vor Augen.

Wessel, der sich sehr für die Mittel moderner Propaganda interessierte, aber an keiner Stelle über die von ihm verwendeten Abbildungen in der Politika reflektiert, scheint die suggestive Kraft der modernen Propagandafotografie zumindest erahnt zu haben.15 Seine Auswahl zeigt jedenfalls, schon lange vor 1933, eine spezifische Bildästhetik der »Generation des Unbedingten«.16 Anders als die Politiker der Weimarer Republik, die sich in ihrer Selbstinszenierung ganz überwiegend an ästhetischen und formalen Mustern bürgerlich-liberaler Bilder des 19. Jahrhunderts orientierten, zumeist recht gesetzt und altväterlich, dominierte in dieser Ästhetik der Typus des soldatischen Befehlshabers. Dieser Typus aber – und das mag die Suggestivkraft dieser Bilder zu einem Gutteil ausgemacht haben – agierte mit dem Betrachter auf Augenhöhe, lud zum Mitmachen ein und entsprach damit der verbreiteten, nur auf den ersten Blick paradox wirkenden Forderung der Jüngeren nach einer selbstbestimmten Unterordnung unter prinzipiell gleiche Führungspersonen.17

Nach Wessels Tod wurde seine Politika zunächst von der Familie aufbewahrt. Sie war Teil des Nachlasses, den die Wessels in den Folgejahren jedenfalls zum Teil »versilberten«, indem sie beispielsweise einzelne Briefe Horst Wessels zum Nachdruck in Parteizeitungen in Umlauf brachten. Ob sich damals auch Liedtexte, etwa eine handschriftliche Fassung des Propagandaliedes »Die Fahne hoch!«, in diesem Nachlass befanden, kann nicht mehr geklärt werden; möglich ist allerdings, dass auch heute noch Unterlagen im Familienbesitz sind.18

Bereits im März 1930, drei Wochen nach der Beerdigung Horst Wessels, erfuhr Goebbels von der Existenz der Politika. Am 24. März 1930 notierte er in seinem Tagebuch: »Bei Frau Wessel zum Kaffee, sie hat mir viel von den Jungens erzählt und mir ein politisches Tagebuch von Horst mitgegeben. Erschütternd zu lesen. Und wie er über mich schreibt, so voll von jugendlicher Begeisterung. Wir wollen es im Angriff veröffentlichen.«19 Dazu jedoch kam es nie. Erst Ingeborg Wessel, die 1909 geborene Schwester Horsts, nutzte die Politika ausgiebig für ihre 1933 im Franz Eher Verlag, dem Parteiverlag der NSDAP, erschienene und damit de facto parteioffizielle Biografie ihres Bruders. Im Vorwort dieses Buches, betitelt »Mein Bruder Horst«, das auf dem Buchmarkt sehr erfolgreich war und bis 1941 mindestens zwölf Auflagen erlebte, sprach sie jedoch von »Tagebuchnotizen« und »Aufzeichnungen« und verschleierte so den Charakter des Manuskripts als zusammenhängenden Bericht.

Nach dem Krieg sagte sie vor dem Entnazifizierungsausschuss für besondere Berufe in Hannover aus, sie habe seinerzeit kaum mehr als ihren Namen zu dem Buchprojekt beigesteuert. Die Hauptarbeit habe ein »politisch versierter Schriftleiter« der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ) in Berlin übernommen: »Als noch mein Bruder lebte, habe ich alles mehr am Rande miterlebt. […] Ich habe damals somit nur das Material zur Verfügung gestellt und habe auch nicht das Vorwort geschrieben. Das Militärische über die SA gab ein früherer SA-Führer Stenzmann dazu. […] Die dann später herausgegebenen Bücher wurden nicht nur einmal, sondern mehrere Male vom Gauleiter geprüft und nach seinem Gesichtspunkt geändert.«20 Diese Aussage ist als funktional und situationsbedingt zu relativieren. Ingeborg Wessel war in den 1930er Jahren auch mit anderen Publikationen an die Öffentlichkeit getreten, und man wird annehmen dürfen, dass sie auch an diesem Buch, für sie sicherlich eine Herzensangelegenheit, zumindest konstruktiv mitgearbeitet hatte.21 Die Existenz eines »Ghostwriters« lässt sich jedenfalls nicht belegen. Wenn es einen gab, könnte es sich um Edgar Schröder gehandelt haben, einen ehemaligen SA-Truppführer, der in der Deutschen Allgemeinen Zeitung unter dem Pseudonym »Rüdiger« schrieb und 1933 auch Texte über Horst Wessel veröffentlichte.22

Wichtiger als solche Detailfragen ist jedoch, in welcher Form seinerzeit aus dem Wessel-Manuskript geschöpft wurde. In »Mein Bruder Horst« spricht überwiegend ein kommentierender Erzähler, angeblich die Schwester; vergleichsweise wenig Raum nehmen dagegen Original-Zitate aus dem Manuskript ein. Zwar wird Wessels Jugendzeit im Bismarckbund und beim »Wiking« im Buch nicht verschwiegen, jedoch stets als Vorspiel für dessen angeblich zentrale Tätigkeit bei den Nationalsozialisten gedeutet. Wessels partielle Kritik an bestimmten Flügeln der Nationalsozialisten sowie die Passagen, in denen vorsichtige Distanz zur eigenen Person und den eigenen Aktivitäten aufscheint, werden stillschweigend übergangen.

Interessanterweise wurde die Wesselsche Politika zu keiner Zeit im Hauptarchiv der NSDAP in München verwahrt, obwohl das Manuskript angesichts des blühenden Horst-Wessel-Kults ab 1933 für die Partei von großer Wichtigkeit war – allein schon, um sich damit die Deutungshoheit über die Wessel-Geschichte zu sichern. Erst 1938, zu einer Zeit, als der Kult um den toten Sturmführer merklich nachließ, verkaufte die Familie Wessel das Manuskript – jedoch nicht an die NSDAP, sondern an die Preußische Staatsbibliothek in Berlin. Es steht zu vermuten, dass der eskalierende Streit zwischen der Familie und dem Reichspropagandaministerium über die Urheberrechte am »Horst-Wessel-Lied«, der in diesen Jahren sogar das Reichsgericht beschäftigte, seinen Teil dazu beitrug, dass dieses auf den ersten Blick ungewöhnliche Geschäft zustande kam.23 Mit der Politika bot die inzwischen verheiratete und deshalb als Ingeborg Wessel-Sanders firmierende Schwester der Bibliothek auch das Fahrtenbuch Horst Wessels (»Von Land und Leuten. Meine Fahrten und Reisen«) sowie die Vorkaufsrechte für den »übrigen literarischen Nachlaß« an. Dieser sollte bis zum Jahr 1970 nur mit Genehmigung der Erben eingesehen werden dürfen; zugleich behielten sich diese das exklusive Recht zur Publikation aus dem Nachlass vor.24 Der stellvertretende Direktor der Preußischen Staatsbibliothek war mit diesen Bedingungen einverstanden.25 Für das Fahrtenbuch, das Wessel vermutlich 1928 angefertigt hatte, bezahlte die Staatsbibliothek 1938 aus Mitteln des Generaldirektors die Summe von 1269,69 Reichsmark, für die Politika sogar 7730,31 Reichsmark, wobei ihr Kauf symbolisch auf den 20. April 1938 – den 49. Geburtstag Hitlers – datiert wurde.26 Der Gesamtpreis von 9000 Reichsmark, der auf das Konto der Mutter und Pfarrerwitwe Margarete Wessel überwiesen wurde, entsprach damals dem vielfachen Jahreslohn eines Arbeiters. Der Mythos hatte beträchtlichen Geldwert gewonnen.

Die Bibliothek gliederte beide Manuskripte dem Bestand wertvoller deutschsprachiger Autografen ein: Wessels Schilderungen von Straßenkampf, Ausflugsfahrten und Geländeübungen lagen nun neben Schriften von Luther, Goethe, Mozart und Bach. Im Zweiten Weltkrieg lagerte man beide Manuskripte, die im »Dritten Reich« als besonders wertvolles Kulturgut galten, aus Angst vor den alliierten Luftangriffen zusammen mit rund 300 000 anderen Handschriften nach Niederschlesien aus. 505 Kisten, darunter auch die Wessel-Handschriften, wurden in das ehemalige Zisterzienserkloster Mariä Himmelfahrt nach Grüssau (heute Krzeszów) gebracht, wo sie nach dem Krieg von polnischer Seite aufgefunden wurden. Seitdem liegen beide Manuskripte als Teil der heute unter dem Namen »Berlinka« bekannten Sammlung in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau, wo sie seit Ende der 1980er Jahre von wissenschaftlichen Benutzern eingesehen werden können.27

Protestantismus und Pfarrhaus

Viele bedeutende Deutsche entstammten einem evangelischen Pfarrhaus: Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Schlegel, Friedrich Wilhelm Schelling, Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Nietzsche, Theodor Mommsen. Man hat lange Zeit einen protestantischen Mythos daraus gesponnen und vom Pfarrhaus als besonderer Pflanzstätte des Genialischen, als dem eigentlichen Zentrum deutscher Kultur- und Geistesgeschichte gesprochen.28 Auch der preußische Pfarrerssohn, Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn ordnete sich – nicht ganz unbescheiden – in diese Tradition ein, als er im Jahr 1934 in zeitgeistgemäßen Worten konstatierte, dass er familiengeschichtlich aus »einem rein arischen und, was das Geistige-Züchterische angeht, aus einem Milieu [stamme], in dem seit über hundert Jahren die protestantische Theologie ihre Stätte hatte«. Es sei vor allem die besondere Kombination von denkerischer und dichterischer Begabung gewesen, die das deutsche evangelische Pfarrhaus hervorgebracht habe und die in dieser Ausprägung in keinem anderen Volk vorkomme.29

Spätestens seit 1933 wurde auch Horst Wessel, der Pfarrerssohn und nationalsozialistische »Märtyrer«, in diese Traditionslinie der »großen Deutschen« gestellt, nicht zuletzt auch – und zwar mit einem gewissen Stolz – im protestantischen Milieu, aus dem er stammte. So verwies etwa Joachim Hossenfelder, ein junger fanatischer Nazi-Pfarrer und Erster Reichsleiter der »Glaubensbewegung Deutsche Christen«, als er am 5. Februar 1933 im Berliner Dom vor Hitler und fast vollzählig versammelter NS-Prominenz die Trauerrede auf den kurz zuvor unter nie ganz geklärten Umständen getöteten SA-Führer Hans Eberhard Maikowski hielt, auf das ›überirdische‹ Vorbild Wessel. Hinsichtlich der unter nie ganz geklärten umständen ›gefallenen‹ NS-Märtyrer sprach er von der »großen grauen Armee« im Jenseits, die nun zum »himmlischen Wachdienst befohlen« sei bei »dem ewigen Sturm Horst Wessels«.30 Eine solche Diktion war verbreitet unter den zahlreichen nationalsozialistischen Theologen der Hitlerzeit.

Anlässlich eines »Deutschen Dankgottesdienstes« am 17. September 1933 in der Berliner Parochialkirche nahmen NS-Fahnenabordnungen und der »Horst-Wessel-Sturm« am Altar Aufstellung. Zum Abschluss des Gottesdienstes, in dessen Verlauf dem Fraktionsführer der NSDAP im Preußischen Landtag, Wilhelm Kube, eine kirchliche Verdienstmedaille verliehen wurde, erklang erstmals im Glockenspiel vom Kirchturm neben kirchlichen Melodien das »Horst-Wessel-Lied«.31

Aus dem Lager der Deutschen Christen, nationalsozialistisch gesinnten Protestanten, hieß es 1935, Wessels »Brüderlichkeit des Herzens« habe »gerade uns als Christen beschämt« – wobei ausgerechnet das berühmte Hohelied der Liebe aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther zitiert wurde: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.«32 Pfarrer Johannes Schleuning, einflussreicher deutschchristlicher Superintendent im Berliner Osten, schrieb im Februar 1936 über den berühmten Pfarrerssohn: Dort, im Pfarrhaus, habe er die opferbereite Liebe zu seinem Volk kennen gelernt, und es sei das Vorbild des Vaters gewesen, an dem sich seine leidenschaftliche Bereitschaft für Deutschlands Erneuerung entzündet habe. »Die Gesinnung, die aus dem mitreißendsten Kampflied der deutschen Revolution weiter wirken wird für das ewige Deutschland, ist auf dem Boden deutschevangelischen Christentums gewachsen.«33

Der Vater, Wilhelm Ludwig Georg Wessel, wurde 1879 in Hessisch-Oldendorf (Weser) als Sohn eines Bahnhofsgastwirts geboren. Auf die Herkunft aus einer altehrwürdigen Pfarrerdynastie konnte er nicht verweisen, und zur Theologie disponierte ihn zunächst wenig. Das Studium der evangelischen Theologie eröffnete in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs allerdings die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg – und Ludwig Wessel nutzte sie konsequent. Nach einigen Studiensemestern in Erlangen, Berlin und Bonn wurde er 1904 mit einer philosophischen Dissertation in Erlangen promoviert.34 1906 ehelichte er die Pfarrerstochter Margarete Richter aus Aerzen bei Hameln. Horst-Ludwig Wessel kam als ältester Sohn des mittlerweile in Bielefeld tätigen Pfarrers am 9. Oktober 1907 zur Welt. Im November 1913 zog die inzwischen fünfköpfige Pfarrerfamilie von Mülheim/Ruhr nach Berlin, nachdem sich der Vater erfolgreich um eine angesehene, gut dotierte Pfarrstelle an der traditionsreichen St. Nikolai-Gemeinde beworben hatte. Der junge Horst war sechs Jahre alt, als die Familie in das Pfarrhaus Jüdenstraße 51/52 in der alten Stadtmitte nahe dem Roten Rathaus einzog.35

Das Bild der beherrschenden Vaterfigur fällt zwiespältig aus. Bis Kriegsbeginn 1914 erwies sich Ludwig Wessel als zielstrebiger, erfolgreicher junger Pfarrer auf dem Weg nach oben. Über ein nicht sehr tiefschürfendes und theologisch nicht nachhaltig prägendes Studium gelang ihm ein rascher sozialer Aufstieg in das bildungsbürgerlich-akademische Milieu. Bereits mit 33 Jahren schaffte er, erstaunlich früh, den Sprung auf eine einträgliche und begehrte hauptstädtische Pfarrstelle. Vielleicht hing diese Entwicklung auch mit seinem Eintritt in eine Freimaurerloge im Jahr zuvor zusammen. Seit dem 22. März 1912 war Wessel Mitglied der Johannisloge »Rose und Akazie« in Düsseldorf, wo er ungewöhnlich schnell aufstieg: Am 26. Mai 1913 wurde er »Geselle« und am 7. November desselben Jahres bereits »Meister«. Sein Pate war der damalige Logenmeister Louis Allolio, seit 1872 kaufmännischer Direktor der Düsseldorfer Lokomotivfabrik Hohenzollern und außerdem Presbyter in einer Kirchengemeinde. Später gehörte Wessel dann bis zu seinem Tode der Berliner Johannisloge »Zum Pilgrim« an.36

Ludwig Wessels bis zum Beginn des Weltkriegs gezeigten theologischen Leistungen wirken eher dürftig. Auffallend ist der schwülstige Ton seiner Predigten, die offenbar dennoch ihr Publikum fanden. Wiederholt wurde dem aufstrebenden Pfarrer eine besondere Rednergabe attestiert, die seiner Predigtwirkung zugute komme. An Selbstbewusstsein jedenfalls fehlte es ihm nicht. In kurzen Zeitabständen publizierte er seine gesammelten Predigten in Buchform. Über eine dieser Erbauungsschriften urteilte ein Königsberger Universitätstheologe kritisch, sie sei ein »schier unerträglicher Schwall von seltsam verrenkten Satzgefügen und Wortbildungen«, »tönendes Erz, klingende Schelle«. Auffallend ist Wessels Geltungsbedürfnis und eine ausgeprägte Streitlust, die ihn als einen schwierigen, bisweilen selbstherrlichen Kirchenbeamten erscheinen ließ, der in zahlreiche Konflikte verwickelt war.37

Im August 1914 zog es den von vaterländischen Hochgefühlen berauschten Theologen ins Feld. Ein Dienst an der Waffe kam für den kränklichen, bereits 1904 für dauernd militärdienstuntauglich erklärten Geistlichen allerdings nicht in Frage. Voller Stolz und begleitet vom »Abschiedshurra« seiner Kinder zog der junge Pfarrer am 14. September 1914 in seiner neuen, von der Familie und seiner Gemeinde bewunderten Feldgeistlichenuniform an die Westfront. »Ein deutsches Pfingsten brach an. So schön, wie es die Besten unseres Volkes nie zu hoffen, zu träumen wagten. Ein Volk, ein Gott, ein Glaube. Geschart um seinen Kaiserlichen Herrn, zu einem Ring heiliger Einheit zusammengeschweißt auf dem Amboß deutscher Not, so bot Deutschland sich der Feindschaft einer ganzen Welt. O, ihr unvergesslichen Tage in meinem lieben Berlin, ihr weihevollen Stunden in meinem teuren St. Nicolai! Der deutsche heilige Geist hat euch durchrauscht in gewaltigem Brausen, und seine Sturmeskraft war wie der Lenzwind, der aus der dunklen Gefangenschaft des deutschen Herzensacker ein neues Keimen, Sprießen und Grünen weckte. Eine große Zeit tat Säemannsdienst.«38 Wessel diente etwa ein Jahr als Gouvernementspfarrer im besetzten Belgien, anschließend zwei Jahre im litauischen Kaunas, wo er Zugang zu höchsten Militärkreisen bis hin zur Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gewann. Kennzeichnend für die Kriegszeit war sein emphatisches Hindenburg-Erlebnis: »Ein neues Nibelungenlied aus den Sagentiefen der deutschen Seele wird fernenweit durch der Geschlechter Kommen und Gehen diesen stahlumklirrten Klang tragen, wird preisend singen von Held Hindenburg.«39

Nach seiner Rückkehr an die Berliner Gemeinde im Herbst 1917 wurde er wiederholt als Massenredner zu Durchhaltepredigten an die Front eingeladen. Auch das Kriegspresseamt lobte die außerordentliche Wirksamkeit seiner Redegabe. Im Krieg und durch den Krieg war Wessel zum radikalnationalen politischen Agitator geworden, der vor Tausenden von Soldaten für einen großdeutschen Siegfrieden eiferte. Was er predigte, war ein aggressiver alldeutscher Pangermanismus in religiöser Verbrämung, seine Rhetorik lud sich mit den einschlägigen Vokabeln der Alldeutschen und Völkischen auf. Er schwärmte von der »Gewalt germanischen Christusglaubens«, verkündete der »Germanen kindliches Lichtersehnen und heldisches Walhallaträumen«, beschwor die »ungebrochene Kraft völkischen Tatwillens«. An kräftigen Feindbildern (Russland, Frankreich, England) fehlte es in seinem deutsch-völkischen Weltbild nicht. Besonders in seinen Schilderungen östlicher Kriegsschauplätze mischte sich unüberhörbar Antijüdisches und Antisemitisches.40

In diesem Pfarrhausmilieu wuchs der junge Wessel auf. Zu Beginn des Krieges war er sechs Jahre alt, bei Kriegsende war er elf – eine deutsche Weltkriegskindheit, wie sie aus vielen parallelen Biografien überliefert ist. Während der Kriegsjahre war der Vater die meiste Zeit »im Felde«. Die Mutter, so wird berichtet, habe die Briefe des Vaters zu Hause vorgelesen. Sie kündeten von seinen religiösen und kriegspolitischen Heldentaten als Feldprediger im Umkreis Hindenburgs und Ludendorffs.41 Der Vater muss dem Knaben fern, groß und bedeutend erschienen sein. Aus der Rückschau von 1929 schilderte Horst Wessel seine Kriegskindheit jedoch erstaunlich knapp und lakonisch: »In mein erstes Schuljahr fiel der Beginn des Weltkrieges. Zwangsläufig wurde der Blick aller Jungen in dieser Zeit nur nach einer Richtung gelenkt. Der Freudenrausch über die raschen Erfolge unserer Truppen im Westen und im Osten ließ alle Kleinigkeiten des Werktages bedeutungslos erscheinen. Selbstverständlich waren alle damals glühende Franzosen- und Engländerfeinde. Vor allem natürlich wir Jungen. […] Warum eigentlich Krieg war, das wussten wir nicht. Die Feinde wollten ihn, also bekamen sie ihre Dresche.«42 Verglichen mit gleichaltrigen Knaben aus bürgerlichem Hause, etwa Sebastian Haffner43 oder dem jungen kriegsspielenden Dietrich Bonhoeffer44, nehmen sich die Wesselschen Kindheitserfahrungen der Kriegszeit als sehr gewöhnlich aus. Aber etwas war doch grundverschieden im Vergleich dieser Elternhäuser: das unmerklich in den häuslichen Gesprächen, in Erzählungen und Briefen gegenwärtige, sachte träufelnde Gedankengift eines kriegstrunkenen, von großgermanischen Machtphantasien besessenen und exzessiv politisierenden Vaters.

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Pfarrer Ludwig Wessel, der Vater Horst Wessels, mit militärischen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg, um 1918/19. (Wessel, Ingeborg: Horst Wessel. Sein Lebensweg, München 1933)

Bei Kriegsende zählte Wessel senior zu den bekanntesten Geistlichen der Reichshauptstadt. Ein Fotoporträt des stolzen Pfarrers mit sämtlichen Kriegsverdienstorden an der Brust wurde kurz vor Kriegsende Unter den Linden ausgestellt.45Großen Berliner Illustrierten Nach einer Operation im April 1922 verstarb Pfarrer Wessel überraschend am 9. Mai 1922 im Alter von nur 42 Jahren.47