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Roman

Originalausgabe

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1. Auflage

Originalausgabe Juli 2013 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2013 by Torsten Fink

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, inkcraft, München

Illustration: © Isabelle Hirtz unter Verwendung einer Fotografie von Olga Kessler

Karte: © Jürgen Speh

Lektorat: Simone Heller

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09525-3

www.blanvalet.de

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Prolog

Ein scharfer Wind trieb Schnee über die Passstraße, brach sich an hohen Festungsmauern und strich um die aufgespießten Köpfe, die in einer langen Reihe über die Zinnen hinwegschauten; weiter unten auf dem schmalen Pass zerrte die Böe an den Mänteln einiger Männer, die ein gutes Stück unterhalb der Festung von ihren Pferden gestiegen waren. Der Schnee wirbelte um ihre pelzverbrämten Umhänge, wurde den Hang hinab zu einem Bach getrieben und sammelte sich auf den erstarrten Gesichtszügen eines toten Soldaten, der sich an der steilen Böschung ins gefrorene Gras krallte. Vier gefiederte Pfeile steckten in seinem Rücken. Es sah aus, als wollte er sich auch im Tod noch den Hang hinaufziehen, vielleicht bis zu jener schmalen Passstraße, die von der Festung nach Süden und aus dem Paramar herausführte.

Padischah Akkabal at Hassat, der Große Skorpion, schlug seinen Umhang zurück, kratzte sich am Bart und beugte sich hinab zu dem Toten. »Sieh genau hin, Alamaq, mein Sohn, siehst du das?«

Der junge Prinz schüttelte den Kopf. »Was meinst du, Vater?«

»Sein Gesicht. Die nackte Angst. Dieser Mann wusste, dass er sterben würde, noch bevor er vom ersten Pfeil getroffen wurde. Er ist weggelaufen, aber du kannst nicht davonlaufen, wenn der Tod dich in sein Buch eingetragen hat. Der da hat seine Kameraden im Stich gelassen und versucht, sich zu retten. Aber Angst, mein Sohn, macht dumm. Er hatte gewiss nicht viele Möglichkeiten, seinem Schicksal zu entkommen, aber er hat sich für die schlechteste entschieden. Deshalb solltest du dich niemals von Angst beherrschen lassen, Alamaq. Sie ist ein schlechter Ratgeber.«

»Ja, Vater.«

Wieder kratzte sich der Padischah von Oramar am Kinn. »Ein dummer Mann. Ein Feigling noch dazu, aber immerhin kein Verräter.«

Der junge Prinz nickte eifrig, und der Große Skorpion lächelte über seinen Eifer. Er richtete sich auf und blickte hinab in das schmale Bachbett, das sich etliche Klafter unterhalb des Passes dahinzog. Im eisigen Wasser waren Männer dabei, Gefallene auszuplündern.

»Sind das auch sicher alle, Algahil?«, fragte der Padischah.

»Es sind alle, Vater. Meine Leute haben ganze Arbeit geleistet«, antwortete der Prinz, ein Mann jenseits der vierzig. Er war in einen besonders üppig mit Pelz besetzten Umhang gehüllt und schien dennoch zu frieren.

»Es war klug von dir, mein Sohn, dass du einige Männer über die Berge geschickt hast, bevor wir uns der Festung näherten.« Er wandte sich wieder an den Jüngeren: »Umsicht zeichnet den klugen Heerführer aus, Alamaq. Wäre nur einer der Soldaten aus diesen Bergen nach Süden entkommen, nach Atgath oder gar Felisan, hätte das all meine Pläne zunichtegemacht. Aber dein Bruder Algahil hat es verhindert. Und dabei wollte er erst selbst nicht glauben, dass seine Krieger diese schroffen Berge überwinden können.«

»Es sind auch nicht alle hinübergekommen«, merkte Algahil trocken an.

»Nun, ihr Opfer hat sich gelohnt, oder nicht?«, meinte der Padischah. »Wir werden wie dieser eisige Wind aus dem Norden über den Seebund herfallen, und seine Fürsten werden es erst merken, wenn wir schon mitten in Haretien stehen. Sie ahnen es noch nicht einmal, weil sie sich sicher fühlen, denn ihre Festung hier oben, sie ist doch nahezu uneinnehmbar und versperrt den einzigen Pass. Ja, ich behaupte, unsere zehntausend Krieger hätten sie nicht erstürmen können, obwohl nicht viel mehr als hundert Mann ihre Mauern verteidigten.«

»Und ich war es, der sie dir erobert hat, Vater«, warf ein breitschultriger Mann ein, der am Wegesrand stand und voller Verachtung auf die Männer blickte, die unten im Bachbett die Toten plünderten.

»Ich habe es nicht vergessen, Weszen, mein Sohn«, sagte der Padischah. »Und ich werde auch nicht vergessen, dass es uns keinen Tropfen Blut gekostet hat. Für ein paar tausend Stücke Gold hat dieser Kommandant seine Festung, seine Kameraden und letztendlich seine Heimat verkauft. Manchmal ist eben Gold die beste Waffe, Alamaq«, erklärte er dem jüngsten der Erbprinzen.

»Vor allem, wenn man es wiederbekommt, kleiner Bruder«, warf Prinz Weszen grinsend ein.

Der Padischah runzelte missbilligend die Stirn. »Es muss die Ausnahme bleiben, dass man sein Wort nicht hält, Alamaq. Das musst du stets bedenken.«

»Hättest du denn diese Verräter leben lassen, Vater?«, fragte der junge Prinz.

»Ja, denn ich bin der Padischah, und mein Wort ist in Gold nicht aufzuwiegen. Aber ich tadle deinen Bruder Weszen nicht. Es war seine Entscheidung, und er hat mir eine Festung erobert und uns Blut sowie Gold dabei gespart. Es ist ein großer Erfolg, mein Junge.«

»Hast du schon alle Männer über die Klinge springen lassen, geschätzter Bruder?«, fragte Algahil.

»Siehst du es nicht?«, erwiderte Weszen und deutete mit einer lässigen Geste zurück zu der Festung und den aufgespießten Köpfen, über die der Wind den Schnee in beißenden Schauern wehte.

»Ich hoffe, dir gehen die Lanzen nicht aus«, meinte Algahil spottend.

»Es sind ihre eigenen«, gab Weszen zurück. »Ich habe zweihundert Mann als Besatzung zurückgelassen. Ich hoffe, du bist damit einverstanden, Vater?«

Der nickte, klopfte seinem Jüngsten auf die Schulter und streckte sich. »Ah, diese Luft, diese Berge! Bemerkst du es? Diese Kälte klärt den Geist, und dabei hat der Winter noch nicht einmal begonnen. Solche Berge findest du in ganz Oramar nicht, Alamaq. Und bald gehören sie uns, wie das ganze Haretien. Und jetzt gebt das Signal. Wir ziehen weiter. Ich bin sicher, deine Schwester Shahila kann es kaum erwarten, uns wiederzusehen.«

Prinz Weszen stieß zweimal in sein Kriegshorn. Das große Tor der Festung öffnete sich, und ein Strom von Männern quoll hervor. Der Padischah bestieg sein Pferd. »Vorwärts, meine Söhne. Wir marschieren nach Atgath.«