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Uwe Timm

Halbschatten

Von Helmut Bernsmeier

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:

Uwe Timm: Halbschatten. 3. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014.

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen

Made in Germany 2015

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und

RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken

der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-960782-5

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015444-1

www.reclam.de

Inhalt

1. Erstinformation zum Werk

2. Inhalt

3. Personen

4. Werkaufbau

5. Wort- und Sacherläuterungen

6. Interpretation

7. Autor und Zeit

8. Rezeption

9. Checkliste

10. Lektüretipps

Anmerkungen

Hinweise zur E-Book-Ausgabe

1. Erstinformation zum Werk

Halbschatten beschreibt das Leben verschiedener Personen, die auf dem geschichtsträchtigen Berliner Invalidenfriedhof begraben sind. Dieser Friedhof liegt in Berlin Mitte, in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs und der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Indem er die Toten zu Wort kommen lässt, bringt Timms Roman dem Leser die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts nahe, eine Geschichte der Gewalt, Zerstörung und Menschenverachtung, gleichzeitig zeigt er aber auch den speziellen Fall, d. h. die Lebensgeschichte von Individuen: So ist die Geschichte einer jungen begeisterten Frau, die das Fliegen über alles liebt, sich dennoch mit 25 Jahren das Leben nimmt, für Halbschatten zentral.

Einige der Erzählungen, die der Roman miteinander verwebt, haben einen realen biografischen und historischen Hintergrund. Daneben stehen fiktive Geschichten, die jedoch wahr anmuteten, etwa eine Luftschlacht, eine Liebe in den Wolken und eine hinter der Front.

Auf dem Invalidenfriedhof haben zahlreiche hohe preußische Offiziere ihre letzte Ruhestätte gefunden. »Alles hat sich hier versammelt«, heißt es im Roman, »die Schlachtenlenker, die Helden der Lüfte, die Widerstandskämpfer, Reaktionäre und Reformer, Demokraten und Nazis. […] Viele, die hier liegen, wurden getötet, viele haben zuvor andere getötet […]. Ein Ort der Gewalt« (73 f.). Dem Leser stellt sich also eine anspruchsvolle Aufgabe: Er muss von mehreren Erzählern mitgeteilte Geschichten, scheinbar zusammenhanglose Zitate und Dokumente sinnvoll zusammenfügen, denn sie sind nicht chronologisch oder nach den Hauptfiguren geordnet. Der Erzählvorgang ist in Einzelteile zerbrochen, wird aber durch Einzelpersonen und Motive dennoch zusammengehalten.

Ein Verzicht auf eine lineare, von Anfang bis Ende erzählte Geschichte findet sich häufig in der Literaturgeschichte. Sie ist kein Spezifikum des Autors Uwe Timm, sondern eines des modernen Romans überhaupt.

Die BlechtrommelDer kleinwüchsige Ich-Erzähler Oskar Matzerath fragt sich in dem Roman Die Blechtrommel von Günter Grass (1959) belustigt, wie er die Geschichte seiner Familie erzählen könne. »[…] wie fange ich an? Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften.« Man könne sich »modern geben, alle Zeiten, Entfernungen wegstreichen und hinterher verkünden oder verkünden lassen, man habe endlich und in letzter Stunde das Raum-Zeit-Problem gelöst.« Man könne aber »auch ganz zu Anfang behaupten, es sei heutzutage unmöglich einen Roman zu schreiben, dann aber, sozusagen hinter dem eigenen Rücken, einen kräftigen Knüller hinlegen, um schließlich als letztmöglicher Romanschreiber dazustehn«1.

Uwe Timm, heute einer der erfolgreichsten Autoren der älteren Generation in Deutschland, hat mit Halbschatten einen solchen »kräftigen Knüller« hingelegt und das »Raum-Zeit-Problem« gelöst, indem er die Handlung nicht auf einen oder wenige Orte zentrierte, sondern die Handlung vielmehr in Berlin und Hiroshima, hinter der Ostfront und in Spanien ansiedelte und auf diese Weise auf eine klare Trennung zwischen den zeitlichen Ebenen verzichtete.

Kunstvolle Kombination von Wahrheit und FiktionEin »kräftiger Knüller« ist die kunstvolle Kombination von Wahrheit und Fiktion, die findige Einarbeitung von vielfältigsten literarischen Werken und Tatsachenberichten sowie die Berücksichtigung von Werken der bildenden Kunst. Entsprechende Montageformen und unterschiedliche Stilmittel beherrschen Timms Erzählweise. Der Leser fragt sich, was an dem Erzählten Wahrheit, was Fiktion sei, muten doch authentische Sachverhalte wie erfunden an.

Timm ist vielen als Autor des Kinderbuchs Rennschwein Rudi Rüssel oder der Novelle Die Entdeckung der Currywurst bekannt. Er hat weitere Romane über Personenschicksale geschrieben und diese Geschichten sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart angesiedelt.

Seine beiden Romane Johannisnacht und Rot, die die Enttäuschung der 68er-Generation und die Schwierigkeiten bei der Integration von »Ossis« und »Wessis« aufzeigen, spielen wie auch Halbschatten in Berlin, wobei es in Halbschatten um das Selbstverständnis einer jungen Fliegerin zu einer Zeit geht, als Frauen üblicherweise nicht einmal Auto fuhren. Behandelt wird nicht nur das Leben der Protagonistin, sondern allgemein Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Person Hitler wird zwar nur am Rand genannt, doch repräsentiert Reinhard Heydrich die faschistische Herrschaft in Timms Roman.

Keine Belehrung des LesersDabei findet in Halbschatten keine Belehrung des Lesers statt, geschieht keine abschließende ethische Beurteilung, sondern eher ein vorsichtiges Abwägen.