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Buch

Das Imperium des Lichts steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch Sebastos Valis – der Kaiser und Erste Hüter des Lichts – ist todkrank, und während sich die Feinde des Imperiums bereits sammeln, glaubt er nicht, dass sein Sohn und Erbe bereits für die Herrschaft bereit ist. Aber es gibt Hoffnung, denn eine Heilung scheint möglich. Allerdings befindet sich das einzig mögliche Heilmittel im Besitz des ältesten Feindes des Reiches, der Herrin der Dunkelheit.

Der junge Offizier Aureus Moris wird ausgewählt, eine Expedition ins Reich der Finsternis zu führen, um über die Herausgabe des Heilmittels zu verhandeln. Doch nicht alle am Hof des Kaisers sind mit dem eingeschlagenen Kurs einverstanden. Intrigen und Verrat behindern Moris bei der Ausführung seines Auftrags. Aber eine andere Sache belastet den jungen Kommandanten viel mehr. Denn er erkennt, dass die Dunkelheit nicht so schrecklich ist wie erwartet – und dass sogar das strahlende Licht dunkle Schatten wirft.

Autor

Torsten Fink, Jahrgang 1965, arbeitete lange als Texter, Journalist und literarischer Kabarettist. Er lebt und schreibt heute in Mainz.

Von Torsten Fink bei Blanvalet erschienen:

Die Tochter des Magiers bei Blanvalet:

1. Die Diebin

2. Die Gefährtin

3. Die Erwählte

Der Sohn des Sehers bei Blanvalet:

1. Nomade

2. Lichtträger

3. Renegat

Drachensturm

Der Prinz der Skorpione bei Blanvalet:

1. Der Prinz der Schatten

2. Der Prinz der Klingen

3. Der Prinz der Skorpione

Der Prinz der Rache

Tochter der Schwarzen Stadt

Der Erbe des Skorpions

Torsten Fink


Roman

Originalausgabe

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1. Auflage

Originalausgabe November 2015 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Copyright © 2015 by Torsten Fink

Umschlaggestaltung und -illustration: © Isabelle Hirtz, Inkcraft

Karte: © Jürgen Speh

Lektorat: Simone Heller

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-11403-9
V002

www.blanvalet.de

Aureus Moris stand bis zu den Knien im kalten Wasser und lauschte. Der dichte Nebel dämpfte den Lärm der Schlacht nicht, nein, er schien ihn zu vervielfältigen. Das verwirrende Echo, das die sandigen Hügel zurückwarfen, verstärkte diesen Eindruck noch. Und so hatte Aureus das Gefühl, dass überall um ihn herum gekämpft, getötet und gestorben wurde. Nur auf der Kuppe des Hügels, an dessen Fuß er mit seinen Männern kauerte, herrschte trügerische Ruhe.

Dann nahm er eine Bewegung wahr. Aus dem Moor huschten schemenhafte Gestalten heran.

»Ist das Freund oder Feind?«, fragte der Mann neben ihm. Aureus lauschte mit geschlossenen Augen, erkannte das Rasseln von Kettenhemden, erhob sich und stieß einen leisen Pfiff aus.

Die Gestalten hielten inne. »Wer da?«, fragte eine nervöse Stimme.

»Freund!«, rief Aureus gedämpft.

Der Veteran an seiner Seite schüttelte den Kopf und sprach aus, was Aureus dachte. »Wären wir der Feind, hätten wir sie ganz anders begrüßt.«

»Aureus Moris, seid Ihr das?«

Notgedrungen erhob er sich. »Ich bin es, Tribun. Hier herüber! Aber seid leise, um des Lichts willen!«

Oben auf dem Hügel rief jemand in einer fremden Sprache und bekam in der gleichen Sprache Antwort.

»Das sind ihre Wachen«, meldete sich Phremos Stax zu Wort, der Mann, der neben Aureus kauerte, und übersetzte weiter: »Nein, Hekator, sie haben uns nicht bemerkt. Ganz im Gegenteil, sie bedauern, nicht in der Schlacht kämpfen zu dürfen.«

Eine gedrungene Gestalt kam keuchend näher und warf sich gegen die Böschung des Wasserlaufes, an der sie Deckung gesucht hatten.

»Wo ist der Rest der Tagma, Tribun?«, fragte Aureus leise. »Und wo sind die Auxiliaren mit den Sturmleitern?«

Der Tribun deutete vage in den Nebel. »Wir wurden angegriffen. Aus einem dieser verfluchten Gräben heraus. Ich habe befohlen, die Stellung zu halten, bis Verstärkung kommt oder der Befehl zum Rückzug.«

»Rückzug?«

»Wisst Ihr nicht, wie schlecht es um uns steht, Moris? Diese verdammten Iscerer sind überall. Seht Ihr das unheilvolle Glühen dort drüben? Es kommt von unserem Lager, das der Feind in Brand gesetzt hat. Die Nachhut, die es halten sollte, ist wahrscheinlich vernichtet, und ich hörte, dass die linke Flanke im Moor feststeckt und von allen Seiten angegriffen wird. General Pollo brüllt die ganze Zeit nach Verstärkung, aber wenn dieser verfluchte Sumpf die Toten nicht ausspuckt und für uns kämpfen lässt, werden wir keine bekommen. Stattdessen scheint der Nebel ständig neue Horden des Feindes zu gebären. Der General hat uns hier in eine schöne Falle geführt. Wenn Ihr es nicht begreift, sage ich Euch, wie die Lage ist – sie ist hoffnungslos!« Tribun Cauris drehte sein Schwert in den Händen. Als er innehielt, sah Aureus seine Finger zittern. Er war offensichtlich mit den Nerven am Ende.

Der Lärm der Schlacht brandete gegen den Hang. Er schien näher zu kommen. Moris hörte das Klirren der Schwerter, die Flüche, das Gebrüll und gelegentlich das tiefe Surren, wenn die Skorpione ihre Geschosse in die Reihen des Feindes sandten.

»Und die rechte Flanke? Was ist mit dem Hauptangriff?«, fragte Aureus mit unterdrückter Wut. Er hätte den Tribun gerne angebrüllt, damit er sich gefälligst zusammenriss.

Wieder gingen oben auf dem Hügel laute Rufe hin und her. Stax gab seinem Hekator jedoch ein beruhigendes Zeichen. Die dort oben schienen immer noch nichts zu ahnen.

Der Tribun steckte sein Schwert mit nach wie vor zitternden Händen zurück in die Scheide. »Irgendwo im Nebel verlorengegangen. Oder vielleicht sind auch schon alle tot.«

Berius Cauris war jung, unerfahren, überheblich und gerade lange genug bei der Sechzehnten Legion, um sich ernsthaft unbeliebt zu machen. Er war Aureus nie als tüchtiger Offizier aufgefallen, aber jetzt schien er vollends nutzlos geworden zu sein.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die rechte Flanke vernichtet ist, Tribun«, erklärte Aureus gereizt. »Legat Nerex ist ein fähiger Mann, und General Pollo weiß, was zu tun ist. Noch ist die Schlacht nicht verloren. Wenn wir unseren Auftrag erfüllen, dann …«

Der Tribun unterbrach ihn: »Unseren Auftrag? Seid Ihr toll? Uns steht das Wasser bis zum Hals, und Ihr wollt die feindliche Festung angreifen?« Seine Stimme überschlug sich.

Oben wurde wieder gerufen, und diesmal sah Stax besorgt aus. Er zischte den Tribun an, und Cauris zuckte schuldbewusst zusammen und machte sich noch kleiner.

Aureus packte ihn an der Schulter, um ihn aufzurütteln. »Das ist kein uneinnehmbares Kastell, Tribun, nur ein Erdwall mit ein paar Baumstämmen als Palisade. Aber er birgt das Herzstück der feindlichen Macht. Wenn wir diesen Wall nehmen …«

Cauris lachte bitter auf und schüttelte heftig den Kopf. »Ich weiß ja, dass Ihr ein tapferer Mann seid, Moris, aber jetzt sollten wir lieber darüber nachdenken, wie wir mit heiler Haut hier herauskommen! Ich glaube, dass wir das Moor am Fuße dieses Hügels umgehen können. Dann könnten wir uns zu Maxos’ Grab zurückziehen. Dort hat dieser Wahnsinn begonnen, dorthin werden sich all die begeben, die dieses Massaker überleben.«

»Unser Befehl lautet, die Festung auf dem Hügel einzunehmen, Tribun«, erwiderte Aureus eisig.

Der Tribun schüttelte den Kopf. »Pollo sagte, wir sollen es nur wagen, wenn es möglich ist, aber es ist nicht möglich. Also müssen wir die Flanke für einen geordneten Rückzug sichern. Aber die Flanke ist nicht zu sichern. Also müssen wir retten, was zu retten ist!« Er kauerte bis zur Hüfte im kalten Wasser, offenbar ohne sich daran zu stören.

Die Legionäre, die an der Böschung gelagert hatten, bekamen ohne Zweifel mit, was hier gesagt wurde. Aureus konnte nur die Gesichter der nächsten – vielleicht zwanzig – Männer erkennen, dann kamen ein paar verschwommene Gestalten und dann nur noch Nebel. Ob da überhaupt noch mehr sind?, dachte er plötzlich. Wenn sie klug sind und ihnen etwas an ihrem Leben liegt, haben sie sich heimlich, still und leise davongemacht Nein, er durfte sich nicht von der Angst des Tribunen anstecken lassen. »Wie viele Männer habt Ihr mitgebracht?«, fragte er.

Er selbst war vor Beginn der Kämpfe mit nur hundert Mann in die Hügel geschlichen, um den feindlichen Wall auszukundschaften und den Angriff vorzubereiten. Die ganze Schlacht, die da in Sumpf und Nebel mit aller Erbitterung geführt wurde, war eigentlich nur ein großes Ablenkungsmanöver für diesen einen Angriff, denn hinter dem Wall wartete das Dunkle Heiligtum der Iscerer. Wenn sie das zerstörten, war die Schlacht – vielleicht – gewonnen. Zwei Tagmen und die Auxiliaren aus Marukien hätten sich inzwischen hier sammeln sollen. Aber der Vormarsch der Sechzehnten Legion war im Nebel durcheinandergeraten, der Feind griff von allen Seiten an, und der Tribun hatte die Tagmen irgendwo zurückgelassen. Und jetzt wollte er nur noch seine eigene Haut retten. Aureus wiederholte die Frage.

»Es sind mir nicht mehr als zweihundert gefolgt, Hekator. Die anderen ließ ich zurück, um uns den Rücken frei zu halten. Wir sollten ihnen Boten schicken, damit sie mit uns nach Südwesten durchbrechen. Da scheint es ruhig zu sein. Wenn dort kein Feind ist, könnten wir uns in Sicherheit bringen … uns sammeln … Was meint Ihr?«

Zweihundert? Er hatte auf tausend gehofft. Aureus war dennoch nicht bereit, einfach aufzugeben. Der Sturm auf das Herz der feindlichen Macht konnte diese Schlacht zu ihren Gunsten wenden – und es war eine große Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Aureus hatte nicht vor, sich die durch die Lappen gehen zu lassen. Ursprünglich hatte General Pollos Plan vorgesehen, die Iscerer in breiter Front anzugreifen, aber dann war dieser seltsame Nebel aufgekommen. Die Männer waren beunruhigt, und sie raunten, die Dunkelheit, die der Feind verehrte, habe ihn gesandt. Aureus fand, dass das nicht von der Hand zu weisen war, denn es war Nebel, wie er ihn nur von kalten Herbsttagen kannte, und eigentlich war hier noch Sommer.

General Pollo hatte darüber gelacht und trotzdem den Angriff befohlen. Also war Aureus im Morgengrauen mit seinen Männern durch das Moor geschlichen, hatte sich in aller Heimlichkeit durch Morast, Gräben und Tümpel und übermannshohes Schilf gekämpft und hier in einem Wasserlauf Stellung bezogen. Ihre Späher hatten schon am Vortag eine Stelle gefunden, an der es zwar schwierig, aber nicht unmöglich war, die Palisade mit Sturmleitern zu erreichen.

Der Angriff erschien Aureus immer noch machbar, und er hatte seine eigenen Vorkehrungen getroffen, weil er wusste, wie unzuverlässig die Maruker waren. Aber nun waren sie nur dreihundert Mann – und nicht über tausend. Aureus biss sich auf die Lippen.

»Wollt Ihr es nicht einsehen, Hekator? Unsere Sache ist verloren!«

»Ich bitte Euch, Tribun, senkt Eure Stimme! Die Männer brauchen Mut für das, was vor uns liegt.«

»Ihr wollt doch nicht etwa angreifen, Moris? Wir sollten uns zurückziehen, wenigstens dort hinüber, zwischen die Hügel. Dort scheint die Schlacht weniger heftig zu toben. Wir können uns sammeln und überlegen, was zu tun ist. Vielleicht können wir von dort den anderen zu Hilfe eilen, den Rückzug decken …«

»Angreifen ist die einzige Möglichkeit«, entgegnete Aureus angewidert. Ein Rückzug? Wohin? Ihr befestigtes Lager brannte, und im Moor konnte sich vielleicht eine Hundertschaft retten – aber nicht eine ganze Legion. Hier hieß es siegen – oder sterben.

Der Tribun war anderer Meinung: »Nein, meine Entscheidung ist getroffen. Ich werde den Rückzug befehlen. Doch wohin, Moris, wohin?« Ihm schien sogar der Mut für diese Entscheidung zu fehlen.

»Wartet hier, Tribun, ich bin gleich zurück.« Aureus watete durch das kalte Wasser das Bächlein entlang, bis er die beiden Hekatoren fand, die die kleine Einheit mit Cauris hergeführt hatten. Er hatte einen Plan, und er würde sich nicht von Cauris aufhalten lassen. Er besprach sich kurz mit den beiden. Sie waren nicht begeistert, ja, sie nannten ihn und seinen Plan »verrückt«, aber auch sie sahen keine andere Möglichkeit.

Dann nahm er einen seiner Veteranen beiseite. »Hört, Claudio Optus – Ihr habt ein ehrliches Gesicht, und das werden wir brauchen. Erinnert Ihr Euch an den Graben, in dem einige von uns fast ertrunken wären? Gut. Dort etwa muss der Rest unserer Tagma stehen. Erklärt den Hekatoren, dass wir wie geplant angreifen und dass der Tribun sie so schnell wie möglich oben an der Festung erwartet.«

»Weiß Cauris, dass er diesen Befehl gegeben hat?«, fragte der Veteran mit der ihm eigenen unverwüstlich guten Laune.

Aureus schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Aber er wird sich später gewiss den Ruhm anheften lassen, wenn wir Erfolg haben.«

Optus kratzte sich im Nacken. »Das Wort wenn scheint mir hier von Bedeutung. Aber ich werde mich beeilen. Werdet Ihr wenigstens warten, bis ich zurück bin? Oder wollt Ihr den Spaß ohne mich beginnen?«

»Wir können nicht warten, sonst kommt mir der Tribun doch wieder in die Quere.«

»Schön. Gebt nur darauf acht, dass meinem Freund Stax nichts geschieht. Aber eigentlich mache ich mir keine Sorgen. Ihr wisst ja, was die Männer sagen, oder?«

Aureus starrte ihn verwirrt an.

Fröhlich erwiderte Optus. »Sie sagen, wo Aureus Moris ist, da ist der Sieg. Nein, schüttelt nicht den Kopf, Hekator. Und sie sagen, dass es eine Schande ist, dass Ihr noch nicht Tagmatos geworden seid.«

»Hattet Ihr nicht einen Befehl, Optus?«

Optus grinste schief, salutierte und schlich davon. Bald hatte der Nebel ihn verschluckt.

Aureus kehrte zu Cauris zurück. »Hört, Tribun. Ich werde die Männer etwas näher an die Festung heranführen. Am besten wird es sein, wenn Ihr hier auf die Verstärkung wartet, die ein Bote eben angekündigt hat. Vielleicht sehen wir dann klarer.«

»Verstärkung?«

»Ja, Pollo hat wohl irgendwo noch ein paar Männer zusammengekratzt.«

Der Tribun sah ihn zweifelnd an, aber Aureus war nicht bereit, länger zu warten. Er führte die Männer durch das Gewässer so nah wie möglich an die Palisade heran.

Stax wich ihm nicht von der Seite. »Seid Ihr sicher, dass Ihr das tun wollt, Hekator? Wir sind zu wenige, und selbst wenn Euer Plan gelingen sollte, werden viele von uns den Sieg mit dem Leben bezahlen.«

»Wenn wir es nicht tun, werden noch weit mehr unserer Kameraden mit ihrem Leben für unsere Untätigkeit büßen müssen.«

Aureus gab das Zeichen zum Vorrücken und kletterte die Böschung hinauf. Er schlich zwischen Sanddornbüschen voran, die Legionäre folgten ihm. Leise huschten sie den Hang hinauf, und im Nebel zeichnete sich bald die dunkle Wand der Palisade ab. Vielleicht wäre die Überraschung gelungen, wenn Cauris, der endlich gemerkt hatte, was vor sich ging, nicht plötzlich unten am Hang wie ein Verrückter angefangen hätte zu brüllen und ihnen das Umkehren zu befehlen.

Oben erwachte der Wall zum Leben. Pfeile, Steine und Speere kamen geflogen. Aureus verfluchte den Tribun, dessen Brüllen aber schnell in einem Gurgeln endete. Ein Pfeil musste ihn getroffen haben. Aureus hätte nicht darauf gewettet, dass er von einem iscerischen Bogen stammte …

Jetzt brüllten auch die Legionäre. Ihre Bogenschützen ließen die Sehnen sirren, und Aureus hastete voran. Der Mann zu seiner Linken sank getroffen zu Boden, der zu seiner Rechten ebenfalls. Ein Pfeil streifte seinen Helm. Er rannte weiter, warf das Seil und kletterte hinauf. Das mit dem Seil war ein Trick, den er von den Iscerern gelernt hatte. Die Legion kämpfte nicht auf diese Weise. Sie hatte Skorpione, Rammen, schwere Sturmleitern und sogar Belagerungstürme – mit so etwas Einfachem wie einem Seil gab sie sich für gewöhnlich nicht ab. Aber er hatte geahnt, dass die schweren Sturmleitern es nicht bis hierher schaffen würden, und seine Leute mit Seilen ausgerüstet.

Als Aureus oben anlangte, schaute er in das verblüffte Gesicht eines Iscerers. Es war ein alter Krieger, der noch einmal seinen Bogen spannte, als er besser zum Schwert gegriffen hätte. Aureus zerschmetterte den Bogen mit dem Schwert und rammte den Mann mit dem Schild, so dass er vom Wall stürzte. Er wehrte einen anderen Angreifer mit dem Rundschild ab, wich einem Hieb aus und fuhr instinktiv herum.Aus dem Nichts war ein Gegner aufgetaucht und schwang eine gewaltige Axt. Aureus sah sie auf sich zusausen und riss seinen Schild hoch. Funken sprühten, als das schwere Blatt am stählernen Rand des Schildes entlangschrammte. Für einen Augenblick schien die Zeit stehen zu bleiben. Aureus sah die Axt auf seine Brust herabfahren. Die Schneide blitzte – und drehte sich im letzten Moment. Der Schild musste sie irgendwie doch noch abgelenkt haben. Sie fetzte ein paar Schuppen aus dem Panzer und riss ihm die Seite auf – aber er war nicht tot, wie er es eigentlich hätte sein müssen.

Der Schmerz raubte ihm die Luft, und er taumelte zu Boden. Der Iscerer, dessen Axt sich in seinen Händen gedreht hatte, schien völlig verblüfft. Dann brüllte er und hob die Waffe zum nächsten Schlag.

Plötzlich war Phremos Stax da. Er tötete den wutschnaubenden Iscerer und half Aureus wieder auf die Beine. Immer mehr Legionäre tauchten jetzt auf dem Wall auf, und bald wurde überall gekämpft. Aureus erkannte die Schreie von Frauen und Kindern. Die Iscerer hatten ihre Familien hier oben? Hatten sie sich hier so sicher geglaubt? Wo war das Heiligtum? Er hörte merkwürdige Gesänge. Der Nebel – er schien von einer schwarzen Säule in der Mitte der Festung auszuströmen. In den Schwaden konnte Aureus nicht viel erkennen, nur dunkle Gestalten, die auf den Wall zurannten, Krieger, die ihn und alle seine Männer umbringen wollten. Es waren Hunderte.