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Rügen

 

BERND SIEGMUND (TEXT)
THOMAS GRUNDNER (FOTOS)

 

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Am Jasmunder Bodden

Rügen – Mythos in Öl

Herbst und Frühjahr sind die Zeit der Stürme. Häufig peitscht der Wind das Meer mit einer solchen Gewalt gegen die Kreidefelsen, dass der Aufprall bis ins Innere der Insel zu spüren ist. Wenn dann – nach dem Unwetter – der Himmel aufreiβt und die Sonne erscheint, taucht sie die Landschaft in ein ganz besonderes Licht. Es hat seit jeher die Maler angezogen. Ihre Bilder haben Rügen berühmt gemacht.

Caspar David Friedrich (1774–1840), der Magier der Melancholie, war der Insel regelrecht verfallen. Das Liebesverhältnis zwischen den beiden begann 1801 und endete 1826 (ohne wirklich vorbei zu sein). In diesen 25 Jahren sah man den Greifswalder Maler immer wieder mit dem Skizzenbuch das Eiland durchstreifen. Er liebte den Anblick des sturmgepeitschten Meeres, den wütenden Regen, die Werkstatt von Blitz und Donner. Braute sich ein Gewitter über der Ostsee zusammen, so trieb es ihn hinaus ins Freie. Begeistert rief er (laut Ohrenzeugen) in den Wind: »Wie groβ, wie mächtig, wie herrlich.«

Besonders die Ostküste der schluchtenreichen Halbinsel Jasmund hatte es ihm angetan. 117 Meter tief fällt hier das zerklüftete Land ins Meer. »Die stille Wildnis der Kreidegebirge und der Eichenwaldungen […] waren im Sommer, noch mehr aber in der stürmischen Zeit des Spätherbstes und im angehenden Frühling, wenn auf dem Meer an der Küste das Eis brach, sein beständiger, sein liebster Aufenthalt. Er stand im Gewitter und bei Sturm auf den Klippen. In Stubbenkammer«, so berichtete sein Freund, der Philosoph und Theologe Heinrich von Schubert, »weilte er am öftesten, dort sahen ihn die Fischer manchmal mit Sorge um sein Leben […] auf und zwischen den Zacken der Bergwand und ihren ins Meer hineinragenden Klippen herumklettern.«

Bei diesen halsbrecherischen Unternehmungen entstanden die Skizzen zu dem weltberühmten Gemälde »Kreidefelsen auf Rügen« (Öl, 1818). Ein Mann steht gedankenverloren am Rande des Steilufers und blickt hinaus aufs Meer. Ihm zu Füβen, direkt aus der Tiefe des Abgrunds, wachsen die spitzen Zacken des Kreidegebirges empor. In der Ferne dehnt sich weit und ewig die fischgraue See. Zwei weiβe Segelboote ziehen einsam ihren Weg unter dem rötlich schimmernden Himmel. – Wem angesichts dieser schwermütigen Stimmung nicht weh ums Herz wird, der ist entweder blind oder Werbetexter von Beruf.

Als Friedrich 1818 das Bild malte, begann sein Stern schon zu verblassen. Der Hof in Berlin war verärgert über einige antifeudale Bemerkungen und kaufte keine Bilder mehr von ihm. Die Dresdner Akademie lehnte es ab, den Eigenbrötler zum ordentlichen Professor zu berufen. Goethe, der Gott in Weimar, zog sich verärgert ins Schneckenhaus zurück, weil es Friedrich unter seiner Würde hielt, ihm Wolkenbilder zu zeichnen. Und schlieβlich – als wäre dies alles nicht schon schlimm genug – machten ihm jüngere Maler den Ruf streitig. Ganz langsam begann die Öffentlichkeit, den verschrobenen Kauz zu vergessen. »Schade«, schrieb 1830 das »Morgenblatt für die gebildeten Stände«, »daβ ein wirkliches Talent, wie doch Friedrich war, so durch Isolierung unterging.«

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Kreideküste, Blick von der Victoriasicht auf den Königsstuhl

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Victoriasicht

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Kastanienallee bei Granitz

Umso glanzvoller war nach 1900 seine Auferstehung. Die Werke des wieder entdeckten »Poeten mit dem Pinsel« wurden zu gerahmten Heilsbotschaften. Das deutsche Gemüt, die treue Seele, lieβ sich verzaubern von der Sinnlichkeit der Tuschezeichnungen und Ölgemälde, von der Bilderwelt aus Einsamkeit und Melancholie. Die Kreidefelsen wurden zu einer regelrechten Kult-Landschaft. Und sie sind es heute noch.

In Scharen setzen die Rügen-Süchtigen zur schönen Insel über, um den Friedrich-Blick zu suchen. Ist es der Königsstuhl in der Stubbenkammer? Sind es die Wissower Klinken? Wie Steinböcke springen sie durch die schroffen Kreidefelsen. Endlich! Mit der Victoria-Sicht scheint des Malers Perspektive gefunden. Irgendwo hier in der Kleinen Stubbenkammer muss Caspar David Friedrich gestanden und die Szenerie zu Papier gebracht haben. In seinem Dresdner Atelier geschah dann die Verklärung, an der heimischen Staffelei wurde der »Rügen-Mythos« in Öl geboren. – Wie aber sieht die Wirklichkeit aus?

Insel mit Nabelschnur