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Buch

Genevieve Taylor ist eine Fae, eine Elfe, genauer gesagt sogar eine noble Sidhe. Aber statt fernab von anderen Menschen zu leben, wie es ihrer Art entsprechen würde, hat es Genny nach London verschlagen. Wo immer ein Goblin, ein Troll oder ein Vampir ihre magischen Fähigkeiten für kriminelle Vorhaben einsetzen, ist sie zur Stelle.

Das hat leider schon zu gehörigen Turbulenzen auch in Gennys Privatleben geführt, denn wer kann schon jedem gut aussehenden Vampir in London widerstehen. Auch wenn man sich von diesen eigentlich fernhalten sollte, zumindest wenn es nach dem mächtigen Hexenrat geht. Und zu allem Überfluss ist da noch Gennys attraktiver Chef Finn, mit dem sie deutlich mehr verbindet als nur eine Arbeitsbeziehung. Gennys Leben ist also turbulent genug. Den fürchterlichen Fluch, der seit langem auf den Londoner Fae liegt, hätte sie da eigentlich nicht mehr gebraucht. Zumal es ausgerechnet Genny bestimmt scheint, den Fluch zu brechen – und sie ahnt, dass sie bald handeln muss.

Ihre Ahnung wird bestätigt, als die Leiche einer Fae aus der Themse gefischt wird, offensichtlich durch magische Fesseln gebunden und ermordet. Genny wird zu den Ermittlungen hinzugezogen, und ihre Recherchen nehmen bald eine ernste und gefährliche Wendung. Uralte Geheimnisse kommen ans Licht. Dann verschwindet eine zweite Fae, und nun muss Genny nicht nur die Verschwundene retten, sondern auch das offensichtlich nächste Opfer des Fluches – sich selbst!

Autorin

Suzanne McLeod hat als Cocktail-Spezialistin, Kellnerin und Managerin einer Künstlergruppe einige Erfahrungen im Londoner Nachtleben gesammelt, bevor sie auf die Idee kam, diese Erfahrungen in ihre ebenso fantastische wie witzige Reihe um die Vampirjägerin Genevieve Taylor und spellcrackers.com einfließen zu lassen. Die Autorin lebt an der Südküste Englands mit ihrem Mann und zwei Hunden und schreibt bereits an ihrem nächsten Roman.

Von Suzanne McLeod außerdem bei Goldmann lieferbar:

Süßer als Blut. Roman (47103)

Der kalte Kuss des Todes. Roman (47159)

Suzanne McLeod

Bittersüße
Nacht

Roman

Aus dem Englischen
von Gertrud Wittich

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011
unter dem Titel »The Bitter Seed of Magic« bei Gollancz,
an imprint of the Orion Publishing Group, London.

1. Auflage
Taschenbuch-Ausgabe Februar 2012
Copyright © der Originalausgabe 2011 by Suzanne McLeod
All rights reserved
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: © FinePic, München
Redaktion: Ilse Wagner
Th · Herstellung: Str.
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN 978-3-641-06739-7

www.goldmann-verlag.de

Für Corrie und Sophie
treue Freundinnen

Prolog

Magischer Fluch: Form von Verwünschung, die großen Schaden anrichten kann.

Flüche bedeuten nie etwas Gutes – vor allem dann nicht, wenn man tief in einen verwickelt ist – wie ich in den Droch Guidhe, einen Whopper von Fluch, der vor achtzig Jahren von Clíona verhängt wurde.

Clíona, eine mächtige Königin aus dem noblen Geschlecht der Sidhe-Elfen, verliebte sich einst in einen Menschen und beschloss, von ihm ein Kind zu empfangen. Wie alle Sprösslinge aus Verbindungen zwischen Sidhe und Mensch war auch dieses Kind – ein Sohn – menschlicher Natur und hätte daher nicht auf Dauer in den Schönen Landen überleben können. Die Königin beschloss infolgedessen schweren Herzens, ihn im Menschenreich zurückzulassen, und beauftragte die minderen Fae, die dort lebten, ihn aufzuziehen und gut zu beschützen.

Leider beschützten sie ihn nicht gut genug.

Die Vampire spürten ihn auf.

Und lockten ihn in den Tod.

Außer sich vor Kummer verschloss Clíona den minderen Fae die Pforten zu den »Schönen Landen« und verhängte einen Fluch, den Droch Guidhe, auf dass jeder den Kummer in ihrem Herzen am eigenen Leib spüre.

Es waren die Faelinge, die sterblichen Kinder aus Beziehungen zwischen minderen Fae und Menschen, die am meisten unter dem Droch Guidhe zu leiden hatten, Unschuldige, die nichts mit dem eigentlichen Grund für die Verwünschung zu tun hatten. Londons mindere Fae, der Verzweiflung nahe, beschlossen, fortan keine Kinder mehr mit Menschen zu zeugen in der Hoffnung, dem Fluch damit den Boden zu entziehen. Doch die Zeit verging, und die Fae mussten der Tatsache ins Auge blicken, dass seit der Verhängung des Fluchs auch keine reinrassigen Fae-Kinder mehr geboren worden waren.

Der Fluch hatte die minderen Fae ihrer Fruchtbarkeit beraubt.

Und obwohl sie, da in der Glanzzeit geboren, so gut wie unsterblich waren und sich sogar von den schlimmsten Verletzungen erholen konnten, spürten sie, dass sie unweigerlich schwinden würden. Denn ihre Magie wurzelte in ihrer Fruchtbarkeit, in ihrer Fortpflanzungskraft. Wenn sie keine Kinder bekamen, konnte sich auch die Magie nicht fortpflanzen.

Mit dem Schwinden der Magie schwinden auch die Fae. Aber sie sind wild entschlossen, alles zu tun, um das zu verhindern.

Und jetzt glauben sie, einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden zu haben.

Mich.

1. Kapitel

Ich stand im Eingang zum Dead Man’s Hole, der alten Begräbnisstätte unter der Tower Bridge. Der Wind pfiff mir um die Ohren, und ich fror in meiner Lederjacke. Über mir kreiste kreischend ein Schwarm Seemöwen, und von weit oben drangen die fernen Stimmen von Touristen, die sich auf der Brücke tummelten, an mein Ohr. Von der Themse wehte ein wilder, ungezähmter Wassergeruch zu mir her. Eine bleiche Sonne stand am Märzhimmel. Ihre ebenso bleichen Strahlen leckten wässrig an den Kachelwänden und an der alten Gewölbedecke der viktorianischen Katakomben. Mein Schatten wies wie ein dünner Pfeil über den Betonboden auf den großen Bannkreis aus weißem Sand und Salz, den die magische Einsatztruppe der Polizei um die Leiche des toten Mädchens herum gezogen hatte.

Mehr als fünfzig Menschen jährlich verlieren in der Themse ihr Leben.

Ich wischte meine feuchten Handflächen an meiner Jeans ab und betrat entschlossen die Katakomben. Im Vorbeigehen nickte ich grüßend der Polizistin zu, die an einer Seite Wache hielt. Ein scharfer Geruch stieg mir beißend in die Kehle, und ich unterdrückte nur mühsam ein Husten. Es war Salbei, vermischt mit etwas eklig Süßem, das ich nicht recht einzuordnen wusste. Mit angehaltenem Atem näherte ich mich dem Bannkreis. Jetzt sah ich, dass die Sand-Salz-Mischung mit einem komplizierten Muster aus rotbraunen Knochensplittern und dunkelgrünen, zerschredderten Eibennadeln vermischt war, ähnlich wie die rituellen Aschemuster bei der Feuerbestattung von Zwergen. Knochensplitter und Eibennadeln bedeuteten, dass der Bannkreis geweiht worden war, um Toten und höllischen Dämonen den Zugang zu unserer Welt zu verwehren – eine Routinevorsichtsmaßnahme, die von der Polizei seit dem Dämoneneinfall an Halloween letzten Jahres geflissentlich getroffen wurde. Reichlich übertrieben, wie ich fand, da jetzt März war und nicht mehr Ende Oktober. Aber an meiner Meinung war die Polizei ja noch nie sonderlich interessiert gewesen.

Mehr als fünfzig Menschen jährlich verlieren in der Themse ihr Leben; achtzig Prozent davon infolge von Selbstmord.

»Bitte bleiben Sie außerhalb des Kreises«, sagte die Polizistin verärgert und umklammerte warnend ihren ausziehbaren Schlagstock. Ich hob beschwichtigend die Hand. Sie war eine ausgebildete Hexe, und Hexen werden in meiner Gegenwart leicht nervös, auch wenn ich mittlerweile glücklicherweise nicht mehr auf ihrer Steckbriefliste stehe. Das Letzte, was ich wollte, war, ihr einen Vorwand zu liefern, mir den Schockzauber, der in der Jadespitze des Schlagstocks steckte, zu verpassen.

Sorgfältig darauf achtend, den Kreis nicht mit meinen Sportschuhen zu berühren, spähte ich zu dem Mädchen hin. Sie war von südländischem Typ: dunkelbraune Augen – die blind zur Gewölbedecke hinaufstarrten – und blauschwarzes, lockiges Haar, das noch feucht vom Themsewasser war. Sommersprossen zierten ihre Nase und auch die nackten Schultern. Sie trug ein geblümtes Kleid mit Spaghettiträgern. Ich konnte sehen, dass ihre Haut dort, wo ein Träger verrutscht war, ein wenig heller war als an den anderen Stellen, was bedeutete, dass sie ihre Bräune eher der Sonne verdankte als ihrer südländischen Abstammung.

Mehr als fünfzig Menschen jährlich verlieren in der Themse ihr Leben.

Keine davon sind Fae.

Die Tote sah auch nicht aus wie eine Fae. Hätte sie angesichts ihrer Sonnenbräune auch gar nicht sein können. Nur die Haut von Menschen produziert Melanin. Ich als Sidhe Fae, als Fae des noblen Geschlechts, könnte tagelang in der Sonne der Sahara liegen, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen und ohne dass mein rotgoldenes Haar auch nur ein bisschen ausbleicht. Ich heile so schnell, dass das Schlimmste, was mir passieren könnte, eine gesunde Wangenröte wäre. Aber Hugh – Detective Sergeant Hugh Munro von der Mord- und Magiekommission der Metropolitan Police, besser bekannt unter dem Namen Scotland Yard – hätte mich sicher nicht hergebeten, wenn es sich um eine ganz gewöhnliche Wasserleiche gehandelt hätte.

Und um eine solche hätten die Hexen auch keinen Bannkreis gezogen.

Also entweder war sie kein Mensch, oder …

Meine Kehle war auf einmal wie zugeschnürt. Nein, nein, bloß das nicht. Nicht auszudenken, was der Mord an diesem Mädchen bedeuten könnte. Eine Mutation des Droch Guidhe? Das war nicht unmöglich, es war bereits ein Mal passiert. Und falls ja, war ich dann vielleicht schuld an dem Tod des Mädchens? Weil ich mich weigerte, den Fae das Kind zu schenken, mit dem sie hofften, den Fluch brechen zu können? Tiefe Schuldgefühle keimten in mir auf. Aber wie konnte ich eine solche Entscheidung treffen, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas nutzen würde? Und ohne zu wissen, welche Konsequenzen sich für mein Baby ergäben, das Wesen, das zu beschützen meine wichtigste Aufgabe war?

Meine Hand fuhr automatisch zu dem goldenen Medaillon, das an einem Kettchen um meinen Hals hing. Es gab mir die Kraft, diese Ängste fest in der Schublade zu verschließen, die ich in einer Ecke meines Geistes versteckt hielt.

Das alles spielte im Moment sowieso keine Rolle.

Wichtig war herauszufinden, ob das Mädchen zufällig umgekommen war – ein menschlicher Tod – oder ob etwas anderes dahintersteckte …

Ich legte meinen metaphysischen Schalter um und schaute mir die Sache genauer an. Der Bannkreis glühte blutrot, durchsetzt mit blitzenden Sternen. Der Schockzauber im Schlagstock der Polizistin blinkte in meinem Augenwinkel wie ein lästiges grünes Glühwürmchen …

… und die Leiche des Mädchens war plötzlich verschwunden. Sie verschwand buchstäblich unter einer Masse aus weißgrauen Seilen, die sich wie entrindete Lianen um ihren Körper wanden. Stirnrunzelnd schaute ich genauer hin. Sie war hastig, schlampig eingeschnürt worden wie die Beute einer Riesenspinne; das Werk eines Amateurs oder von jemandem, der es so aussehen lassen wollte. Oder dieser Jemand hatte es sehr eilig gehabt …

Wie auch immer, es änderte nichts an der Tatsache, dass das Mädchen mausetot war.

Das arme Ding. Sie konnte einem wirklich leidtun, auch wenn ich sie nicht gekannt hatte. So eine Verschwendung eines jungen, hoffnungsvollen Lebens. Ich merkte, wie ich mich unwillkürlich fester an den goldenen Anhänger klammerte – Graces Anhänger –, den sie mir geschenkt hatte, kurz bevor sie ihr Leben für mich geopfert hatte. An Halloween, letztes Jahr … Die Erinnerungen drohten mich zu überwältigen, und ich schob sie hastig in die bekannte Schublade zurück. Mein Kummer verblasste. Zurück blieb ein Gefühl der Lähmung und Leere.

Ich konzentrierte mich wieder auf meine Umgebung, auf die muffigen Katakomben. Und auf das tote Mädchen.

Die Seile, mit denen sie umwickelt war, waberten einen Moment lang vor meinen Augen. Hatte ich mir das eingebildet? Ich blinzelte und rieb mir die Augen, dann ging ich in die Hocke und schaute genauer hin. Die Fesseln verschwammen erneut, und zwar weiter oben, dort, wo sich ihr Kopf befand. Ich folgte der Verschnürung bis zu ihren Händen, auch dort schien die Umgebung zu flirren wie die Luft um einen Heißluftballon. Da war noch ein anderer Zauber …

»Genny.« Hughs tiefe Bassstimme riss mich aus meiner Konzentration. Ich schaute mich zu ihm um und stand auf. Mit seinen gut zwei Metern war er klein für einen Bergtroll, überragte mich mit meinen eins siebenundsechzig aber um Längen. Auf seinen groben, kantigen Zügen lag ein Ausdruck ehrlicher Besorgnis, und von seinem Schädel stieg roter Staub auf, der sich wie rosa Puderzucker auf seine kurz geschnittenen schwarzen Haare und das sauber gebügelte weiße Hemd legte. Hugh wirkte immer so, als stecke er in einer Uniform, obwohl er schon seit vier Jahren ein Detective Sergeant war. Oder fast immer. Unwillkürlich musste ich an letztes Jahr denken, an die Kampfarena und wie er dort ausgesehen hatte … wie polierter roter Granit hatte sein nackter, grob behauener Körper geglänzt, weißes Silikonblut war aus den Vampir-Bisswunden an Hals und Schultern geströmt. Man hatte ihn gezwungen, um sein Leben und das seiner Freunde und Kollegen zu kämpfen. Und um meines. Er hatte zwar gewonnen, war aber so schwer verletzt gewesen, dass er die letzten sechs Monate in der Erde seiner Heimat im schottischen Cairngorm-Gebirge verbringen musste, wo man seinen Körper tief vergraben und großer Hitze ausgesetzt hatte – eine Art Backvorgang, der bei Trollen die entstandenen Risse und Verletzungen heilt. Und seine verwundete Psyche, denn Trolle sind zutiefst friedliebende Geschöpfe; kämpfen und gar töten fällt ihnen äußerst schwer.

Hugh war erst seit ein paar Wochen wieder im aktiven Dienst.

»Alles in Ordnung mit dir, Genny?«

»Ja, wieso?«

»Du weinst«, brummte er leise.

Echt? Das hatte ich gar nicht bemerkt. Stirnrunzelnd berührte ich mein Gesicht. Mist, es stimmte. Ich hasste es, wenn das passierte; als würde ein Teil von mir unabhängig von meinem Willen agieren. Das geschah in letzter Zeit immer öfter.

Auf Hughs gemeißeltem Gesicht breitete sich ein mitfühlender Ausdruck aus. Er blickte mich mit seinen wolkengrauen Augen voller Zuneigung an. »Entschuldige, Genny, ich hätte wissen müssen, wie sehr dich dieser Mord und diese Umgebung mitnehmen würden, nach allem, was an Halloween …«

»Es geht mir gut.« Ich blinzelte die Tränen weg und schaute dann zu Hugh auf. Dies war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, um über all das zu reden … über Grace zu reden. »Ehrlich, es geht mir gut«, wiederholte ich fest, »achte nicht darauf, ich tu’s ja auch nicht.«

»Aber das kann ich nicht, Genny.« Er legte seine rote Pranke sanft auf meine Schulter. »Ich hätte dich nicht herrufen sollen. Wenn das Opfer kein Mensch ist, dann geht dich das ohnehin nichts an. Dann ist das eine Angelegenheit für die Fae.«

Ich tätschelte seufzend Hughs Hand auf meiner Schulter. Sie fühlte sich warm und rau und tröstlich an. »Hugh, wie oft soll ich’s dir noch sagen: Ich muss einen Weg finden, diesen Fluch zu brechen, also geht mich das sehr wohl was an, ob ich will oder nicht.«

Und ein Teil von mir wollte ganz und gar nicht. Seit fünf Monaten zerbrach ich mir nun den Kopf, suchte nach einer Lösung – einer, die nicht bedeutete, dass ich schwanger werden musste. Es gab Tage, da hätte ich mich am liebsten irgendwo verkrochen und mir gewünscht, nie das Wort »Fruchtbarkeitsfluch« gehört zu haben. »Und es war ganz richtig, dass du mich gerufen hast, Hugh. Ich habe einen Glamour-Zauber bei dem Mädchen entdeckt.«

Sein besorgter Gesichtsausdruck wandelte sich in Enttäuschung. Er drückte kurz meine Schulter, dann zog er seine Hand sanft unter der meinen weg. Hugh ist, wie alle Trolle, immun gegen Magie – und gegen eine Menge anderer Sachen –, was aber leider auch bedeutet, dass er Magie weder sehen noch spüren kann.

»Sie hat dir nichts gesagt«, bemerkte ich sachlich. Sie, das war Detective Inspector Helen Crane, Hughs Chefin – und meine Erzfeindin. Sie war außerdem eine mächtige Hexe und musste die beiden Zauber also auf jeden Fall bemerkt haben.

»Nein, aber ich hatte gleich so eine Ahnung.« Hugh zuckte frustriert mit seinen mächtigen Schultern.

Er tat mir leid. Offenbar hatte er sein kleines Kommunikationsproblem mit seiner Chefin immer noch nicht gelöst. Und dass er mich über alle Todesfälle, die mit Magie zu tun hatten, auf dem Laufenden hielt, machte es natürlich auch nicht gerade besser. DI Crane hätte mich eigentlich selbst kontaktieren müssen; sie wusste alles über den Fluch und hatte großes Interesse daran, dass jemand ihn brach. Aber lieber würde sie sich selbst die Nase abschneiden, als mit mir zusammenzuarbeiten.

Hugh wies auf die Tote. »Was kannst du mir über den Glamour-Zauber sagen?«

»Na ja … er wird von dem anderen Zauber überdeckt, diesem Fesselzauber, aber da sie tot ist und der Glamour immer noch wirkt, können wir davon ausgehen, dass es sich nicht um eine Projektion handelt, denn so ein Zauber löst sich beim Tod, ja bereits bei Bewusstlosigkeit, auf.« Ich spitzte nachdenklich die Lippen. »Was sich unter dem Glamour versteckt, kann ich aber erst sagen, wenn ich ihn entfernt habe.«

Die Polizistin/Hexe stieß ein Geräusch aus, als habe man sie mit einem Besenstiel gepiekst. Ich hatte ganz vergessen, dass sie uns zuhören konnte. »Ich kann nicht zulassen, dass Ms Taylor hier etwas verändert, Sarge«, sagte sie, »Sie haben gesagt, sie ist nur hier, um sich die Tote anzusehen

»Was Ms Taylor hier tut oder nicht tut, geht Sie nichts an, Constable Martin.«

»Ich weiß ja, wie die Dinge liegen, Sarge, aber …«

»Aber ich bin immer noch Ihr Vorgesetzter, Constable«, brummte Hugh warnend. »Zumindest vorläufig«, fügte er ein wenig kleinlauter hinzu.

»Und ich möchte, dass das auch so bleibt, Sarge«, sagte sie und warf mir einen halb missbilligenden, halb flehenden Blick zu.

Ich setzte mein bestes Pokerface auf. Hugh mochte ja aussehen, als wäre er nur ein paar Jahre älter als meine fünfundzwanzig Lenze – vor allem nach seiner Rekonvaleszenz in der Heimat –, aber tatsächlich ist er fast siebzig und kann, wie er mir selbst oft genug versichert, seine Karriere den Bach runtergehen lassen, wann er will, ohne dass ich ihm dabei dreinrede.

»Das will ich ja auch, Mary«, entgegnete Hugh ganz so, als schwebe nicht bereits DI Cranes Axt über seinem Haupt. »Aber wir müssen für dieses arme Mädchen tun, was wir können, und dabei kann uns Ms Taylor behilflich sein.« Er schaute mich an. »Kannst du sagen, was sie ist? Ohne den Glamour?«

»Na ja, eine Fae ist sie nicht, so viel ist sicher. Denn dann hätte sie sich nach ihrem Tod aufgelöst.«

»Das weiß ich doch, Genny«, sagte Hugh mit einem gereizten Unterton. »Aber ist sie ein Faeling?«

Ich machte eine frustrierte Handbewegung. »Sie war im Fluss, Hugh, das heißt in fließendem Wasser. Was immer das für ein Glamour ist, er ist vom Feinsten, maßgeschneidert sozusagen und wahrscheinlich sündteuer, denn er hat sogar den Aufenthalt im Wasser überdauert. Sie könnte alles Mögliche sein, von einem Knüppel-Kobold bis zu einem superreichen It-Girl, das sich einmal zu oft ins Londoner Nachtleben gestürzt hat.« Ich hoffte inständig auf Letzteres, was angesichts ihrer Mallorca-Bräune nicht unmöglich war, aber irgendetwas sagte mir, dass es so einfach nicht werden würde.

Es war keine Vorahnung – von so was halte ich nichts –, aber ich wusste, dass man vor vier Wochen bereits ein anderes Mädchen, einen Faeling, aus der Themse gefischt hatte. Aufgrund eines rätselhaften Administrationsfehlers hatte man die Leiche übers Wochenende in einem ganz normalen Leichenschauhaus liegen lassen, und als man endlich merkte, dass sie ein Faeling war, waren nur noch ein paar unidentifizierbare Reste eines ebenso unidentifizierbaren Zaubers übrig gewesen. Das hatte man mir zumindest gesagt. Selbst hatte ich die Leiche ja nie gesehen.

Anders als jetzt.

Nun, falls dieses Mädchen auch ein Faeling war, dann war sie jedenfalls nicht lange im Wasser gewesen. Und plötzlich machte es klick bei mir. Das war es, was mich die ganze Zeit gestört hatte … Mein inneres Radar hätte mir gleich verraten müssen, zu welcher Spezies dieses Mädchen gehörte. Normalerweise bin ich darin ziemlich gut …

Ich schaute zu Hugh auf. »Ich muss wirklich erst diesen Glamour entfernen, Hugh. Dann kann ich dir sagen, was …«

»Das kommt überhaupt nicht infrage, Ms Taylor.«

DI Crane stand im Eingang.

2. Kapitel

Shit. Die hatte uns gerade noch gefehlt.

Groß und schlank, die blonden Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden, kam sie wie ein dräuendes Gewitter auf uns zu. Helen Crane war Mitte vierzig und wurde sowohl von den Hexen als auch von Scotland Yard als die Vorzeigefrau gepriesen. Auf ihren ebenmäßigen, aristokratischen Zügen lag ein zorniger Ausdruck, der ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch tat. Wie immer hatte sie sich aufgetakelt wie ein Weihnachtsbaum, was weniger an ihrer Eitelkeit lag als an ihrer fast pathologischen Angst vor Vampiren. Die Abwehrzauber in ihrem Schmuck blendeten mich wie ein Troll-Feuerwerk auf einer Neumondparty.

Ich machte kurz die Augen zu, um das Nachbild wieder loszuwerden, und fragte mich, warum sie nicht eine halbe Stunde später hatte auftauchen können. Jetzt würden wir sie dazu überreden müssen, mir zu erlauben, den Glamour zu entfernen, anstatt es einfach zu machen, wie Hugh und ich es geplant hatten.

»Ich hatte doch ausdrücklich gesagt, dass Ms Taylors ganz besondere Talente« – ihr ätzender Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht meine magischen Talente meinte – »hier nicht gebraucht werden, Sergeant Munro.«

Sie blieb in kerzengerader Haltung etwa anderthalb Meter vor uns stehen, gerade weit genug, um nicht zu Hugh aufblicken zu müssen, eine Taktik, die sie im Umgang mit ihren Troll-Polizisten perfektioniert hatte. »Ich möchte, dass Sie sie sofort von meinem Tatort entfernen, oder ich lasse sie wegen Behinderung verhaften.«

»Wer ist hier wohl behindert«, murmelte ich böse, obwohl ich natürlich nichts anderes von ihr erwartet hatte.

Hugh stellte sich zwischen uns. »Ma’am, wir haben einen Glamour-Zauber bei dem Opfer entdeckt; es ist also sehr gut möglich, dass sie nicht menschlich ist …«

»Das weiß ich, Sergeant, und deshalb habe ich bereits einen Hexenzirkel damit beauftragt, die Zauber zu entfernen, ohne sie zu beschädigen. Immerhin sind sie Beweismaterial und müssen untersucht werden. Falls – und ich betone das Wort ›falls‹ – das Opfer nach der ordnungsgemäßen Entfernung der Zauber als ›nicht-menschlich‹ eingestuft wird, werde ich natürlich sofort die zuständigen Personen innerhalb der Fae-Gemeinde kontaktieren.«

»Die Hexen können frühestens in zwei Stunden hier sein, Ma’am, und die Zauber waren fließendem Wasser ausgesetzt«, bemerkte Hugh in neutralem Tonfall. Auf die Tatsache, dass seine Chefin gerade indirekt eingestanden hatte, ihm tatsächlich wichtige Informationen über diesen Fall vorenthalten zu haben, ging er mit keinem Wort ein. »Es besteht ein begründetes Risiko, dass sich die Zauber aufgelöst haben werden, wenn die Hexen endlich eintreffen. Ms Taylor dagegen kann sie sofort entfernen.«

»Sergeant, Ihre Einwände sind zur Kenntnis genommen, aber ich möchte mich in diesem Fall streng an die gesetzliche Vorgehensweise halten. Bitte sorgen Sie dafür, dass Ms Taylor sich vom Tatort entfernt.«

Wütend darüber, wie sie Hugh behandelte und wie beiläufig sie die Tote abtat, und fest entschlossen, ihre Ausweichmanöver nicht länger zu dulden, was immer auch der Grund dafür sein mochte – und einfach deshalb, weil ich die Zicke nicht ausstehen konnte –, trat ich hinter Hughs breitem Rücken hervor und trat dicht vor sie, so dicht, dass ich ihr teures blumiges Parfüm riechen konnte und mir der dicke Saphir, den sie an einer Kette unter ihrer hellblauen Bluse trug, selbst ohne dass ich hinschaute, wie eine Festreklame ins Auge stach. Was für einen Zauber hatte sie da bloß drin, Teufel noch mal? Sicher etwas gegen Vampire. Ihre Phobie hätte bei unserer ersten Begegnung beinahe dazu geführt, dass mich einer der Blutsauger anknabbert. Aber das wollte sie ja, die Hexenzicke.

Ich hielt meinen Firmenausweis hoch. »Inspector Crane, ich weiß, wir sind nicht immer einer Meinung« – die Untertreibung des Jahres – »aber wie Sie wissen, bin ich bei Spellcrackers.com beschäftigt, und Scotland Yard hat uns schon des Öfteren konsultiert. Sie selbst haben uns bereits mehrmals engagiert« – nun gut, natürlich nicht mich, aber Finn, meinen Boss, ihren Ex, der jetzt … tja, schwer zu beschreiben. Wenn es nicht so altmodisch klänge, würde ich sagen, der mir den Hof machte. Und wenn dieser Fruchtbarkeitsfluch nicht wie ein Damoklesschwert über mir hängen würde, hätte ich ihn ja vielleicht sogar erhört, denn er ist ungeheuer sexy … Genug abgeschweift. »Wenn Sie also sagen, dass Sie sich in diesem Fall an die ›gesetzliche Vorgehensweise‹ halten wollen, so hätten Sie umso mehr Grund, mich hinzuzuziehen.«

»Ms Taylor« – sie holte tief Luft, um nicht zu explodieren – »bis ich die Genehmigung dazu erhalten würde, Sie zu engagieren, hätten die Hexen ihre Arbeit hier längst erledigt.«

Das war eine noch lahmere Ausrede als das mit der »gesetzlichen Vorgehensweise«. Ich wedelte mit meiner ID-Card und leierte unseren Standardsatz herunter: »Spellcrackers.com – Wir knacken jeden Zauber! – und zwar mit Garantie. Wenn Sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis sind, müssen Sie auch nicht bezahlen.«

Mir persönlich war es ziemlich egal, ob ich nun Geld von ihr bekam oder nicht; ich hatte heute sowieso frei, und das Entfernen der Zauber kostete mich nicht mehr als ein paar Minuten meines freien Tages. Nein, es ging nicht ums Geld, es ging um den Fluch. Wenn der Tod dieses Mädchens irgendwas damit zu tun hatte, dann wollte, nein musste ich das wissen. Und davon würde ich mich diesmal nicht von ihr abhalten lassen.

»Sie wissen sehr wohl, dass wir eine Erfolgsgarantie versprechen«, fuhr ich energisch fort, »gar nicht zu reden davon, dass meine Dienste um ein Wesentliches billiger sind als ein ganzer Zirkel erfahrener Hexen – und dagegen kann Ihre Budgetabteilung ja wohl nichts haben«, sagte ich zuckersüß.

»Es wäre zu gefährlich«, entgegnete sie mit schmalen Lippen. »Es könnte eine Falle sein.«

Ich lachte. Das war wohl das Blödsinnigste, was sie bisher gesagt hatte. »Ach bitte, Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie sich um mich sorgen, Inspector Crane?« Ich beugte mich vor und sagte leiser: »Sie und ich, wir wissen beide, dass der Leiche nur diese beiden aktiven Zauber anhaften, aber selbst wenn wir beide was übersehen hätten … ist ja nicht so, als ob Sie sich bisher groß um meine Sicherheit geschert hätten« – weshalb sie auch zu spät an Halloween aufgetaucht und weshalb Grace gestorben war. Nein, jetzt bloß nicht dran denken – »ganz im Gegenteil. Ich tue Ihnen doch sicher einen Gefallen, wenn ich mich in Gefahr begebe, oder? Wäre nicht das erste Mal, dass Sie mich in der Tinte sitzen lassen.«

Sie musterte mich einen Augenblick lang nachdenklich mit ihren eisblauen Augen, und ich dachte schon, dass ich gewonnen hätte. Doch dann trat sie mit unergründlichem Gesichtsausdruck zurück. »Sehr überzeugend, Ms Taylor, aber es ist wohlbekannt, dass Sie nicht mal den einfachsten Zauber durchführen können. Mir fehlt daher das Vertrauen in Ihre Fähigkeiten, und ich sehe mich genötigt, Ihr freundliches Angebot abzulehnen … zumindest in diesem Fall.«

Ich beschloss, falls sie mich je engagieren sollte, mir jeden Zauber, den ich für sie entfernen sollte, ganz genau anzusehen, nur um sicher zu sein, dass sie nicht daran rumgemacht hatte. Natürlich hatte sie recht, ich konnte, obwohl selbst ein magisches Wesen, kein bisschen zaubern. Ironie des Schicksals. Aber deswegen ließ ich mich noch lange nicht von ihr wegschicken.

»Ich muss ja auch nicht zaubern. Ich muss nur einen, oder besser gesagt, zwei Zauber entfernen. Und das kann ich sehr wohl. Bitte sehr, sehen Sie selbst.« Ich streckte den Arm in Richtung Constable Martin aus, die mit abgewandtem Blick an der Seite stand. Es war offensichtlich, dass sie lieber sonst wo gewesen wäre. Ich konzentrierte mich auf das grüne Blinken des Schockzaubers in ihrem Stock. Und dann rief ich ihn. Shit, zu schnell! Der Zauber sauste wie eine leuchtend grüne Pistolenkugel auf mich zu. Mit zusammengebissenen Zähnen gelang es mir, ihn gerade noch zum Stoppen zu bringen, bevor er mich treffen konnte. Er blieb dicht über meiner Handfläche schweben und drehte sich dort wie ein betrunkener Kreisel.

Triumphierend – und zutiefst erleichtert – hielt ich ihn hoch. »Einmal Schockzauber, bitte schön, Inspector.« Grinsend ignorierte ich die Taubheit, die sich in meiner Handfläche auszubreiten begann. »Also, ich könnte ihn als Ganzes absorbieren« – hoffentlich, ohne mich dabei selbst k. o. zu schlagen – »ich kann ihn knacken« – eine Möglichkeit, die sie bestimmt nicht wählen würde, da diese Zauber viel zu wertvoll waren, als dass man sie ungenutzt im Äther verpuffen lassen könnte – »oder ihn irgendwo anheften, wo immer Sie wollen.«

Ich warf ihn mit gespielter Sorglosigkeit hoch, und er landete sauber wieder dicht über meiner Handfläche. Puh, das war gerade noch mal gut gegangen. Das Ding konnte jederzeit explodieren. Aber das brauchte die Hexenzicke ja nicht zu wissen. Ich bleckte meine Zähne in einem falschen Lächeln. »Also, wo möchten Sie ihn haben?«

Hugh stieß ein warnendes Brummen hinter mir aus.

DI Crane ballte die Fäuste, was wegen ihrer zahlreichen Ringe – die weniger freundliche Zeitgenossen auch als Behelfsschlagring bezeichnet hätten – ein klickendes Geräusch verursachte. »Dieser Zauber ist Eigentum der Polizei, Ms Taylor. Sie schicken ihn jetzt sofort wieder in Constable Martins Schlagstock zurück.«

Ich warf den Zauber noch einmal hoch und konnte mich dabei des Gedankens nicht erwehren, wie zutiefst befriedigend – und absolut dumm – es doch wäre, ihn ihr direkt ins Gesicht zu werfen.

Als würde er meine Gedanken erraten, legte Hugh mir beschwichtigend seine Pranke auf die Schulter. »Das reicht, Genny, tu, was Inspector Crane sagt, und gib Constable Martin den Schockzauber wieder zurück.« Er gab mir einen sanften Schubs in Richtung der Polizistin, die mir mit einem unwirschen Gesichtsausdruck ihren Schlagstock hinhielt. Ich schnippte mit den Fingern und schickte den Zauber wieder in den Jadestein zurück.

»Erledigt«, sagte ich und schaute treuherzig zu Hugh auf.

»Danke, Genny.« Er schaute auf die böse dreinblickende Helen Crane hinab. »Ma’am«, sagte er leise und eindringlich, »die Presse steht bereits draußen. Wenn Ms Taylor jetzt rauskommt und wir darauf warten, dass die Hexen eintreffen, wird es eine Menge Gerede geben.«

Kacke. Diese Bande war ich doch gerade erst einigermaßen wieder losgeworden. Ich hatte genug Probleme allein deshalb, weil ich die einzige Sidhe in London war, da wollte ich nicht schon wieder in die Mühlen der Klatschpresse geraten. Aber DI Crane konnte sich eine schlechte Presse, besonders wenn’s um mich ging, noch viel weniger leisten, hatte sie mich doch erst vor nicht allzu langer Zeit mehr oder weniger des Mordes bezichtigt. Mir war zu Ohren gekommen, dass ihre Vorgesetzten alles andere als glücklich darüber gewesen waren. Da waren sie natürlich nicht die Einzigen, mich hatte sie damit auch ganz schön vergrätzt.

Hugh sprach noch leiser. »Ma’am, ich fürchte, dass in diesem Fall Ihre persönlichen Gefühle Ihre Urteilsfähigkeit beeinträchtigen. Sie sollten sich wirklich noch einmal überlegen, ob Sie Ms Taylors Dienste nicht doch in Anspruch nehmen wollen.«

Helen Crane wandte sich mit klickenden Ringen von uns ab und starrte wütend auf die Tote im Bannkreis. Es schien, als ob Hughs Einwände zu ihr durchgedrungen wären … ich beschloss, ihr noch einen letzten Schubs zu geben.

»Inspector Crane«, sagte ich beiläufig, »falls sich herausstellen sollte, dass die Tote nicht ganz menschlich war, wie wollen Sie der Fae-Gemeinde« – und mit Fae-Gemeinde meinte ich natürlich Finn, wie sie sehr wohl wusste – »diese unverständliche Verschleppung des Falls erklären?«

Einen Moment später fuhr sie zu mir herum. Ihre Wangen waren zornrot. »Sergeant, Sie und Ms Taylor haben Ihren Standpunkt mehr als deutlich gemacht. Wenn Sie mir versichern können, dass Sie die Zauber unbeschädigt entfernen können, Ms Taylor, nun, dann sind Sie hiermit engagiert.«

Mir fiel ein Stein vom Herzen. »Danke, Inspector.«

»Danken Sie mir nicht, Ms Taylor, entfernen Sie nur die Zauber, und dann entfernen Sie sich selbst.« DI Crane machte auf dem Absatz kehrt und stakste davon.

Ich schaute auf den Bannkreis. Jetzt, wo ich die Hexenzicke besiegt hatte, war das mit den Zaubern doch nur noch ein Kinderspiel, oder?

Oder auch nicht.

3. Kapitel

Zehn Minuten später waren sämtliche Formulare unterzeichnet, wir hatten uns über mein Honorar geeinigt – eine lächerliche Summe, kaum der Rede wert, aber mir ging’s ums Prinzip –, und die Vorbereitungen waren beinahe abgeschlossen. Nun, da DI Crane kapituliert hatte, konnte sie es kaum erwarten, die Sache hinter sich zu bringen. Ein zynischer Mensch hätte glauben können, sie wolle mich loswerden!

Ich sah zu, wie sie einen großen, gepolsterten Beutel aus ihrer Handtasche hervorholte, ihn öffnete, und zum Vorschein kam ein etwa suppentellergroßer, ungerahmter Spiegel.

»Dies ist ein silberner Bannspiegel, Ms Taylor«, erklärte sie hochmütig. »Ich habe zwei davon, einen für jeden Zauber.« Sie beugte sich vor, legte die gepolsterte Schutzhülle behutsam in den Kreis, und darauf legte sie ebenso vorsichtig den Spiegel. »Diese Spiegel sind sehr, sehr teuer. Wenn Sie sie bitte nicht kaputt machen würden.«

Nicht mal anfassen würde ich die; Silber mochte ja gut für Hexen sein, um Magie zu isolieren – besonders wenn man sie in Ruhe untersuchen und auseinandernehmen wollte –, aber für unsereinen, der allergisch gegen Silber ist, ist diese Methode unpraktikabel. Ich band einen Zauber gewöhnlich einfach an einen Salzblock und knackte ihn dann zusammen mit dem Block – eine ziemliche Sauerei, aber sehr effektiv. Leider blieb dabei nicht viel zu untersuchen übrig. Aber es gab noch andere Methoden, wie zum Beispiel synthetische Bindungskristalle, ein Stück Holz, ja sogar ein Plastikeimer. Die Magie ist da nicht wählerisch. Alles, was es braucht, ist Willenskraft und Konzentration, damit kann man jeden Zauber so ziemlich an alles, was einem in die Finger kommt, binden. Aber leider saß in diesem Fall Detective Inspector Helen Crane am Ruder, und ich musste wohl oder übel nach ihrer Pfeife tanzen.

Also die blöden Silberspiegel.

Sie erhob sich und machte eine ausholende Handbewegung. Die Kerzen, die an den fünf Ecken des Pentagramms standen, flammten auf. Fünf Ecken für die fünf Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Geist. Die neonrote Magie im Kreis funkelte wie die Milchstraße, und auch die Salbeisträußchen begannen wie verrückt zu qualmen. Der Rauch stieg vom Zirkel auf und sammelte sich unter der Gewölbedecke.

»Bitte sehr, Ms Taylor, Sie sind dran.« Das klang beinahe vergnügt. Kein gutes Zeichen.

Ich unterdrückte eine Grimasse. Es waren nicht nur die Silberspiegel, der ganze magische Krimskrams machte mich nervös. Der Stimmungsumschwung der Hexenzicke ließ mich vermuten, dass sie das gemerkt hatte.

Das Problem war, dass Magie zwar nicht wählerisch ist – man kann nicht mit ihr diskutieren oder sie zur Vernunft bringen –, dass sie aber definitiv einen eigenen Willen hat. Und der ist meist unberechenbar und kapriziös, besonders um mich herum. Eine Sidhe zu sein, ein magisches Wesen also, hat seine Nachteile. Hexen dagegen sind menschliche Wesen – das heißt, die von ihrer Vaterseite vererbte Magie schlägt sich nicht in ihrer DNA nieder –, und das hat ebenfalls Nachteile: Hexen brauchen Zauberbücher und –sprüche, um Magie manipulieren zu können. Für mich dagegen machten die extra Vorsichtsmaßnahmen von Helen Crane alles nur komplizierter.

Ich wies mit einer lässigen Handbewegung auf den Bannkreis. »Ist der ganze magische Krimskrams wirklich nötig?«

»Ms Taylor«, entgegnete sie streng, »wir befinden uns hier im Herzen von London, einer der geschäftigsten Großstädte der Welt, und ich bin für ihre magische Sicherheit und ihr Wohlergehen verantwortlich. Wir müssen uns gegen alle Eventualitäten absichern, egal, wie unwahrscheinlich sie sein mögen. Also ja, all der ›magische Krimskrams‹, wie Sie es so charmant ausdrücken, ist nötig.«

Das stimmte vielleicht sogar, obwohl ich sicher war, dass sie es mir schwerer machen würde, wenn sie nur konnte. Noch immer nicht ganz beruhigt, schaute ich mich nach Bundesgenossen um. Constable Martin stand brav ein wenig abseits und schaute geflissentlich ins Leere; von dieser Seite hatte ich keine Unterstützung zu erwarten, obwohl sie Hugh zugetan zu sein schien. Letzterer stand jetzt weiter weg im Eingang zu den Katakomben und deckte mit seiner hünenhaften Gestalt fast das ganze hereinfallende Licht ab. Er war auf meiner Seite, aber wenn’s um Magie ging, war er leider blind. Der einzige andere Anwesende – außer Crane – war der Polizeipathologe Dr. Craig.

Er befand sich auf der anderen Seite des Kreises, wo er in die Hocke gegangen war und fleißig ein gelbes Formular auf einem Klemmbrett, das er auf seinen in einer Tweedhose steckenden Knien balancierte, mit seiner winzigen Krähenfüßchenschrift füllte. Ein Kranz grauer, wolliger Haare umgab seinen Kopf, aus dem sich, wie ein kahler Berg, sein Schädel erhob. Aus dem Haarkranz ragten an beiden Seiten beeindruckende Henkeltassenohren heraus. Er schaute plötzlich auf, als hätte er gespürt, dass ich ihn ansah, lächelte mir zerstreut zu und kritzelte dann weiter. Dr. Craig arbeitete in der HOPE-Klinik, einer Klinik für Menschen und magische Wesen, wo er sich hauptsächlich der Erforschung von 3V, dem Vampir-Venom-Virus, widmete. Ich kannte ihn, weil ich schon seit Jahren Freiwilligendienste in der Klinik leistete. Dr. Craig war bekannt für sein penibles Dokumentieren von Fällen, und das stetige Kratzen seines Stifts auf dem Papier übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus.

Mein inneres Radar ordnete ihn als ganz gewöhnlichen Menschen ein, aber ich wusste, dass er dank irgendwelcher magischer Verwandtschaft Magie sehen und auch spüren konnte. Da er nie ein Hehl daraus gemacht hatte, wie wenig ihm an seiner Polizeiarbeit lag – er kuriere lieber die Lebenden als die Toten, war sein Wahlspruch –, konnte ich davon ausgehen, dass die Hexenzicke ihn nicht im Sack hatte. Und ihm schien ihr ganzer magischer Krimskrams nichts auszumachen.

Dr. Craigs Wahlspruch erinnerte mich an den Grund, aus dem ich hier war. Ich schaute zu dem Mädchen; sie war zwar tot, aber herauszufinden, was sie getötet hatte – der Fluch oder etwas anderes –, und dazu beizutragen, dass es nicht wieder geschah, hieß, Leben zu retten. Es war also müßig, mir über DI Cranes übertriebene Vorsichtsmaßnahmen Gedanken zu machen – die Zeit war knapp, ich durfte nicht länger zögern. Ich griff in meine Tasche und holte ein halbes Dutzend Lakritzschlangen heraus, stopfte sie in den Mund und begann hektisch zu kauen. Der Zuckerstoß half meiner Magie auf die Sprünge. Dann übergab ich Hugh meine Lederjacke, fasste noch einmal Graces Anhänger an und formulierte insgeheim ein Stoßgebet an alle Götter, die gerade Zeit haben mochten, mir zu helfen.

Dann trat ich in den Bannkreis.

DI Crane murmelte etwas Lateinisches, und ich spürte, wie Magie kribbelnd über mich hinwegstrich. Dann schnappte der Bannkreis mit einem hörbaren Knacks wieder hinter mir zu. Über mir wölbte sich nun eine transparente Kuppel, die blitzte und glitzerte wie das Innere einer Discokugel. Ich konnte mein Gesicht darin gespiegelt sehen, verzerrt, doch der erschrockene Ausdruck darauf war trotzdem unübersehbar. Was, zum Teufel …? Diese Kuppel hätte normalerweise nicht spiegeln und glitzern dürfen, sie hätte aussehen sollen wie eine riesige Seifenblase. Womit hatte DI Crane den Bannkreis aufgeladen? Standard war das jedenfalls nicht.

Ich holte tief Luft, um mich ein wenig zu beruhigen, und hatte das Gefühl, einen Kaktus einzuatmen.

Silber!

Sie hatte den Kreis mit Silberstaub vermischt.

Gottverdammter Mist! Sie hatte den Kreis nicht nur gegen Dämonen abgesichert, sondern auch gegen Vampire. Mein Herz begann wie wild zu klopfen. Ich spähte durch den Schleier der Halbkugel und sah, dass sie mich mit verengten Augen musterte. War der Silberstaub nur eine normale Vorsichtsmaßnahme … oder hatte sie ihn absichtlich verwendet, weil sie wusste, dass mein Vater ein Vampir war?

Ich hob mir die Frage für später auf. Die meisten Fae hier in London wussten, dass mein Vater ein Blutsauger war, es war also nicht gerade ein Geheimnis, jetzt nicht mehr, und mir blieb sowieso keine Zeit, über die möglichen Motive von DI Crane nachzugrübeln. Ich musste die Sache hier so schnell wie möglich erledigen, bevor mir der Silberstaub die Sinne rauben konnte.

Ich bemühte mich, Puls und Atmung zu verlangsamen, um möglichst wenig von dem Silber in mich aufzunehmen, und kniete mich dann neben die Tote. Sanft nahm ich ihre feuchte Hand. Ich wollte ganz sichergehen, dass ihr nur diese beiden Zauber anhafteten, und Hautkontakt machte mir das leichter. Ich runzelte die Stirn. Ihre Haut war zwar verschrumpelt vom Wasser, aber ihre Hand war weich und beweglich. Entweder hatte die Totenstarre noch nicht eingesetzt, oder sie war bereits wieder verschwunden … Aber sie sah nicht so aus, als hätte sie lange genug im Wasser gelegen. Wie auch immer, es galt nun, rasch zu handeln.

Ich ließ ihre Hand los und tauchte meine Hände entschlossen in die eklige weiße Masse aus schlangenähnlichen Fesseln. Ich zuckte zusammen, als sie sich sofort um meine Arme zu winden begannen wie kalte, glitschige Aale. Ich biss die Zähne zusammen, versuchte, mich nicht durch die ganze andere Magie des Bannkreises ablenken zu lassen, und konzentrierte mich nur auf den Fesselzauber. Ich rief ihn, und die Seile lösten sich mit einem hässlichen Geräusch, als würde man Haut von Knochen reißen. Ein süßlicher, ekelerregender Geruch begann sich auszubreiten. Das Mädchen fing an, zu zappeln und zu zucken wie ein Fisch an der Angel, während ich sie auswickelte, ein Anblick, der nicht gerade dazu beitrug, meine Übelkeit zu verscheuchen. Schaudernd raffte ich die Seile zusammen, die mehr und mehr einem Haufen verrottender Eingeweide zu ähneln begannen, und wollte sie gerade zu einem der Silberspiegel transferieren, als mich ein erschrockenes Keuchen aus meiner Konzentration riss.

Verärgert spähte ich zu Dr. Craig hinüber.

»Sie blutet!«, brüllte er und deutete auf den Kopf des Mädchens.

Blutete? Ich erstarrte. Das war unmöglich, sie war doch tot! Oder?

Aber es stimmte, da bildete sich tatsächlich eine Blutpfütze unter ihrem Kopf.

»Genny, Sie müssen sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen«, rief er drängend. »Inspector Crane, öffnen Sie den Kreis und …«

Der Rest seiner Worte ging unter, während ich am letzten Strang riss und den ganzen Haufen dann entschlossen auf einen der Silberspiegel presste. Ich spürte, wie meine Handflächen zu brennen begannen, und auch meine Kehle, während ich tief Luft holte, achtete aber nicht weiter darauf. Ich legte den Kopf des Mädchens in den Nacken, hielt ihr die Nase zu, presste meinen Mund auf den ihren und begann, Luft in ihre Lungen zu blasen. Ich wandte den Kopf ab, holte erneut Luft und presste abermals meinen Atem in ihre Brust, die sich merklich hob.

Warum, zum Teufel, öffnete DI Crane den Kreis nicht?

Noch ein Atemstoß, noch ein Heben der Brust des Mädchens.

Diese Fesseln mussten eine Art Stasiszauber gewesen sein, der das Mädchen an der Schwelle zum Tod festgehalten hatte.

Noch ein Atemstoß.

Verdammt, nun macht schon!

Ich verwob meine Hände zu einer Faust und ließ sie auf die Brust des Mädchens niedersausen.

Verschwommen sah ich DI Crane außerhalb des Kreises knien. Ihre Stirn war schweißnass, sie schrieb mit hektischen Bewegungen Zeichen in die Luft außerhalb der Kuppel. Hinter ihr stand Constable Martin, die Hände auf ihren Schultern, die Augen konzentriert geschlossen. Und hinter beiden ragte Hughs kantiges Gesicht besorgt auf, dahinter standen noch ein halbes Dutzend andere Personen.

Verdammt, was war da los?

Ich holte erneut tief Luft. Jetzt lag ein metallischer Blutgeruch in der Luft, der sich mit dem süßlichen Verwesungsgeruch vermischte und den scharfen Silbergestank überdeckte.

»Ich kann den Bannkreis nicht öffnen«, brüllte DI Crane. Ihre Stimme drang wie durch eine dicke Wand zu mir. »Das Silber – Blut – versiegelt …«

Ich presste meinen Mund auf die Lippen des Mädchens, meine Gedanken rasten. Silber, um einen Vampir zu binden, frisches Blut im Bannkreis – Shit, konnte es sein, dass meine Vampirnatur die Kreismagie durcheinanderbrachte?

Ich stieß den Atem aus.

»Sie müssen ihn knacken«, brüllte sie.

Ich hob kurz den Kopf, um noch einmal einzuatmen, und musterte rasch die magische Kuppel über mir. Magie zu absorbieren war alles andere als ein Vergnügen; scharfe Spiegelsplitter zu absorbieren, selbst metaphysische, war der reinste Selbstmord …

Ich senkte meinen Mund auf den des Mädchens.

Sie würgte und hustete, und ein Schwall bitter schmeckender Flüssigkeit schoss in meinen Mund. Ich schluckte sie automatisch hinunter.

»Sie lebt!«, rief ich fassungslos.

Sie mussten den Kreis öffnen, jetzt, sofort!

Hastig rollte ich das Mädchen in die stabile Seitenlage, damit sie nicht an ihrem Erbrochenen erstickte, dann hob ich die Arme, Handflächen nach oben, und rief die Magie zu mir. Die Kerzen flackerten und erloschen; ein Wind brauste heulend auf und rüttelte an meinem Körper; die Spiegelkuppel klirrte und klapperte, ein rotglühender Schein … Die Zeit schien auf einmal stillzustehen, der Glamour löste sich wie eine Schale von dem Mädchen ab, und ich konnte ihr wahres Gesicht sehen. Ein nicht-menschliches Gesicht: kleine, runde schwarze Käferaugen, eine lange, schnabelartige Hakennase, ein dünner, beinahe lippenloser Mund, ein fliehendes Kinn: Ja, sie war ein Faeling, und zwar einer mit Rabenblut, wenn man von den schwarzen Federn ausging, die auf ihrem Schädel wuchsen. Die Federn waren blutverklebt, und ihr Schädel war seltsam eingedellt … Alles, was erstarrt gewesen war, schien sich nun wieder in Bewegung zu setzen, die Spiegel explodierten in einem Funkenschauer und flogen wie metallene Pfeilspitzen direkt auf mein Herz zu.

Ich konnte gerade noch denken, ach du Scheiße!, da trafen sie mich auch schon.

Es tat nicht weh, seltsam.

Etwas packte mich und riss mich aus dem Bannkreis heraus.