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Nr. 2623

 

Die zweite Anomalie

 

Alaska und der Verräter – der Terraner erkennt unheimliche Zusammenhänge

 

Uwe Anton

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Für die Menschen auf der Erde hat sich schlagartig das Leben verändert: Das Solsystem wurde von unbekannten Kräften in ein abgeschottetes Miniaturuniversum verbannt.

Nagelraumschiffe der geheimnisvollen Spenta dringen in das Solsystem ein. Sie selbst bezeichnen sich als »Sonnenhäusler« und betrachten Sol als ungeheuren Frevel. Sie stört der Umstand, dass in die Sonnenmaterie der Leichnam einer Superintelligenz eingebettet liegt. Um diesen Körper von der Sonne zu trennen, löschen sie den Stern. Gleichzeitig entführen die Fremden Kinder und Jugendliche, um sie »neu zu formatieren«.

Perry Rhodan indessen steht an vorderster Front im Kampf um die BASIS und gegen die unheimliche Macht von QIN SHI in einer unbekannten Galaxis.

Alaska Saedelaere ist im geheimnisvollen Reich der Harmonie unterwegs. Auf seiner Reise dorthin befreit er eine Herzogin des Reiches aus einer Anomalie des Raum-Zeit-Kontinuums. Der Maskenträger muss jedoch feststellen, dass die Herzogin offenbar einen Zeitsprung von über 70 Jahren hinter sich hatte und alles andere als der Galaxis willkommen ist. Um ihren Ruf reinzuwaschen, verbündet er sich mit deren Enkelin und erreicht DIE ZWEITE ANOMALIE ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Alaska Saedelaere – Der Unsterbliche erlangt sein Gedächtnis wieder.

Carmydea Yukk – Die Rebellin sucht Beweise für die Unschuld der alten Herzogin.

Eroin Blitzer – Der Zwergandroide sorgt für ungestörte Zweisamkeit.

Rizinze Baro – Der spielfreudige Pilot riskiert sein Leben.

Swift – Der Escalianer begleitet seinen Freund Alaska.

1.

 

Alaska Saedelaere robbte durch das Unterholz, suchte nach einer vernünftigen Deckung. Er wusste nicht, woher der Schuss kam, der ihn fast getroffen hätte und wer ihn abgegeben hatte.

Das kann nur Swift gewesen sein, dachte er. Aber im nächsten Augenblick korrigierte er sich. Vielleicht war eine Patrouille aus einer der planetaren Niederlassungen des Reichs der Harmonie zufällig über sie gestolpert.

Und ... warum sollte Swift auf ihn schießen? Der über zwei Meter große, hagere Dyonad mit der hellblauen Haut hatte ihm auf Crepoin das Leben gerettet. Warum sollte er ihn also töten wollen? Das ergab doch keinen Sinn!

Oder ...? Etwas aus Saedelaeres verschütteten Erinnerungen versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen, versickerte aber wieder, bevor es für ihn greifbar wurde.

Saedelaere rief die Ortungen des SERUNS auf. Warum hatte er das nicht längst getan? Er kannte die Antwort, und sie gefiel ihm nicht. Sein Gedächtnis war zerrüttet, seine Erinnerungen unvollständig und unzuverlässig. Manchmal beherrschte er die alltäglichsten Tätigkeiten nicht mehr, manchmal vergaß er Details, die er Sekunden zuvor gewusst hatte. Eine Legende hatte ihn auf den Planeten Pean geführt. Angeblich konnte man ihm hier helfen ...

Er sah die Ortungsergebnisse, konnte sie aber nicht deuten. Individualtaster ... Energieanzeiger ... Diese Begriffe sagten ihm nichts. Er hatte einmal gewusst, was sie bedeuteten, aber das war ... wie lange her?

Saedelaere musste es einsehen: Wenn die Legenden von Pean falsch waren, wenn ihm nicht geholfen werden konnte, würde er in ein, zwei Tagen nicht mehr handlungsfähig sein. Dann wäre er nichts weiter als ein zerrütteter Idiot, der nicht mehr wusste, was er vor zwei Stunden zu Mittag gegessen hatte. Oder ob er überhaupt etwas gegessen hatte ...

Ein zweiter Thermostrahl verfehlte ihn nur knapp. Saedelaere zuckte unwillkürlich zusammen, obwohl keine unmittelbare Gefahr bestand. Der Energieschirm des SERUNS hätte den Strahl abgelenkt. Es bedurfte schon gezielten Punktbeschusses, um ihn zu knacken.

Schnell robbte er weiter, versuchte, aus der Schusslinie zu kommen. Du reagierst völlig irrational!, sagte eine Stimme in ihm. Nutze die Möglichkeiten, die der SERUN dir bietet!

Aber er zögerte. Er erinnerte sich, dass der erste Schuss, der eigentlich ihm gegolten hatte, einen der Eingeborenen getroffen hatte, ein Wesen, das er viel zu spät bemerkt hatte, weil es perfekt an die Umgebung angepasst war. Es sah aus wie ein Baum ...

Wo war dieser Peaner? Das Wesen hatte in der Nähe gestanden. Eigentlich müsste er es nun sehen.

War es von dem Schuss getötet worden oder kroch es verletzt zu dem Dorf zurück, das Saedelaere beim Anflug zur Landestelle gesehen hatte?

Das Dorf ... Es konnte nicht mehr weit entfernt sein! Er versuchte, sich zu orientieren, was ihm angesichts des dichten Unterholzes schwerfiel. Zumindest diese Gegend von Pean kam ihm vor wie ein grüngrauer Wall. Eine Wand, in die einige Lücken gerissen worden waren. Vor sich sah er wieder einen Trampelpfad, vielleicht sogar den, den er entlanggegangen war, bevor die Schüsse gefallen waren.

Weiterhin kriechend folgte er ihm. Nun kam er schneller voran. Er blieb wieder liegen, als er durch die Lücken im Unterholz in einiger Entfernung große dunkle Gebilde ausmachte.

Vorsichtig kroch er weiter. Ja, das waren die Hütten, die er gesehen hatte. Sie bestanden aus dunklem Stroh oder Holz, vielleicht aus beidem, und waren ziemlich groß, mindestens vier Meter hoch. Eingänge konnte er nicht erkennen. Vielleicht befanden sie sich auf der anderen Seite.

Die Hütten waren annähernd kreisförmig um einen Platz angeordnet, auf den ihm die Sicht momentan noch zum größten Teil versperrt war. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase – Rauch! Brannte dort ein Lagerfeuer?

Die Situation kam ihm unwirklich vor, einfach viel zu ... pastoral. Edle Wilde, die in ihrem Dorf an einem Feuer hockten ... Da ist etwas nicht in Ordnung, dachte er.

Aber was war schon in Ordnung auf dieser Welt der Legenden, auf der es zu Wunderheilungen gekommen sein sollte und auf der das Reich der Harmonie offensichtlich gegen den Widerstand der Bewohner Erzabbau betrieb?

Er kroch weiter, versuchte jede Deckung zu nutzen, erreichte den Schutz einer der primitiven Bauten. Er wagte es nicht, eingehend das Material zu untersuchen, aus dem die Hütte bestand, blieb aufmerksam und konzentriert.

Nun hatte er einen besseren Blick auf den Platz, der aus festgetretenem Lehm bestand. In der Mitte flackerte tatsächlich ein großes Lagerfeuer, von dem der scharf riechende Rauch emporstieg.

Um das Feuer saßen einige der seltsamen Wesen.

Saedelaere stockte der Atem, nachdem er sie deutlich erkennen konnte und nicht nur als schemenhafte, flüchtige Gestalten im Unterholz, von dem sie sich kaum unterschieden.

Es waren drei oder vier. Sein erster Eindruck verstärkte sich: Wenn sie sich nicht bewegten, konnte man sie für Bäume halten. Selbst sitzend erreichten sie fast zwei Meter Höhe, und die graue, rindenähnliche Haut, die sie bedeckte, war so dunkel, dass sie sich kaum von der allgemeinen Färbung des Unterholzes unterschied.

Eines der Geschöpfe erhob sich schwerfällig. Nun maß es gut und gern drei Meter und stand sicher auf drei stammähnlichen Beinen. Das mittlere davon verlief gebogen nach hinten und hatte wohl eine abstützende Funktion. Das Wesen hatte drei lange Arme, die gleichmäßig um den Rumpf angeordnet waren.

Der Kopf saß ohne Hals auf dem Rumpf und kam Saedelaere unverhältnismäßig groß vor, hatte fast einen halben Meter Durchmesser, und die drei Augen darin leuchteten blutrot und erinnerten an kleine Ballons. Ihr Blick streifte Saedelaere nur ganz flüchtig, war jedoch durchdringend.

Saedelaere vernahm ein tiefes Summen, das er für die Sprache der Peaner hielt. Er konnte nicht sagen, wie weit der Translator seines SERUNS schon mit der Entschlüsselung war.

Das Wesen stapfte an dem Feuer vorbei, und Saedelaere sah, dass die borkenähnliche Haut an einer Seite dunkel gefärbt und gewellt war, als wäre sie versengt worden. War das der Peaner, der von dem Thermostrahl getroffen worden war? Falls ja, konnte die Verletzung nicht allzu schlimm sein, denn er schien sich ohne wesentliche Beeinträchtigungen bewegen zu können.

Das seltsame Geschöpf blieb stehen, drehte sich zum Unterholz weit hinter der Umrandung, die die Hütten bildeten. Saedelaere sah dort eine Bewegung, hörte ein leises Rascheln der graugrünen Pflanzen.

Eine Gestalt trat langsam und schwankend aus dem Unterholz.

Swift!

 

*

 

Der Dyonad, der sich angeboten hatte, Saedelaere auf diese Welt zu begleiten, machte ein paar Schritte und blieb dann verwirrt stehen. Er schien nicht zu wissen, wo er sich befand. In der rechten Hand hielt er den escalianischen Kombistrahler, mit dem man ihn an Bord der SHEYAR ausgestattet hatte. Langsam hob er den Arm, richtete die Waffe auf den Peaner, der sich ihm mit stampfenden Schritten näherte.

Der wandelnde Baum schien nicht die geringste Befürchtung zu haben, bedroht zu werden. Er wirkte amüsiert oder zumindest völlig gelassen. So ähnlich hatte er auch Saedelaere angesehen, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren.

Swifts Hand fing an zu zittern. Saedelaere hatte den Eindruck, dass er zu schießen versuchte, sich aber nicht bewegen, nicht einmal einen Finger rühren konnte. Er versuchte, mit der anderen Hand nach dem Peaner zu greifen, doch die Bewegungen waren unkoordiniert.

Dann schrie der Dyonad auf und ließ die Waffe fallen.

Das baumähnliche Wesen wandte sich von ihm ab und schickte sich an, zum Lagerfeuer zurückzukehren.

Noch während es sich umdrehte, warf Swift sich mit einer so überraschenden und spontanen Bewegung zur Seite, dass man ihr kaum folgen konnte. Seine Hand fuhr an den Gürtel seiner Montur. Er riss sein Vibromesser aus der Scheide und aktivierte es. Es zitterte leicht zwischen Daumen und Zeigefinger, als er den Arm zurückbog, um es zu werfen.

Mit einer Flinkheit, die Saedelaere dem Peaner niemals zugetraut hätte, wirbelte das Wesen herum und musterte Swift wieder. Ein Schmerzensschrei gellte über den Platz, und Swift senkte den Arm, warf das Messer davon und fiel dem fremdartigen Wesen geradezu in die drei Arme. Sein Blick starrte ins Leere.

Der Peaner ließ den blauhäutigen Humanoiden bedächtig zu Boden gleiten und drehte sich wieder um. Saedelaere hatte den Eindruck, dass er genau in seine Richtung schaute. Die drei roten Augen loderten wie künstliche Leuchtfeuer in einer graugrünen, braun gesprenkelten Welt.

Der Terraner verspürte plötzlich einen Druck auf der Stirn. Die Ahnung, dass etwas nicht in Ordnung war, stellte sich erneut bei ihm ein, diesmal mit überwältigender Heftigkeit. Die Ereignisse kamen ihm zunehmend irreal vor.

Seine gesamte Erfahrung – zumindest die, an die er sich erinnern konnte – flüsterte ihm ein, dass die Peaner auf den Kontakt mit einem Fremdwesen hätten reagieren müssen. Ob sie in heller Panik flohen, ihn begrüßten oder angriffen ... Aber sie saßen einfach da und starrten ihn an.

Der Druck auf seinen Kopf wurde stärker. Ihm wurde klar, dass die Peaner ihn längst entdeckt hatten. Sein Versteckspiel war eine Farce.

Er stand auf, trat aus der lächerlichen Deckung der Hütte und ging langsam auf das Lagerfeuer zu. Er hob die rechte Hand.

Wahrscheinlich waren die Entwicklung und der Kulturaufstieg dieser Peaner ganz anders verlaufen als bei den Menschen. Gefahr schien ihnen unbekannt zu sein, nur so war ihr neutrales, abwartendes Verhalten gegenüber ihm, dem völlig Fremden, zu verstehen. Vielleicht wussten sie gar nicht, welche Bedeutung es bei vielen Humanoiden hatte, eine unbewaffnete Hand zu zeigen.

Eine Woge von Gleichmut, innerer Zufriedenheit und Ruhe überschwemmte Saedelaeres Gehirn.

Der Terraner fühlte sich plötzlich unsagbar müde. Nur eine leise wispernde Stimme in seinem Inneren kämpfte gegen den immer stärker werdenden fremden Druck an und verhinderte, dass er sich niederlegte und auf der Stelle einschlief.

Bei seinem nächsten Schritt in Richtung Feuerstelle geriet Unordnung in die Reihen der Peaner. Jene am Feuer erhoben sich gemächlich, und der, der Swift ausgeschaltet hatte, trat ganz nah an Saedelaere heran. Dieser konnte den Ausdruck in den riesigen roten Augen nicht abschätzen. Sprach tatsächlich Neugier daraus oder eine völlig fremde, unverständliche Regung, die ein Mensch nicht nachvollziehen konnte?

Das seltsame Wesen schien mit dem Unterholz zu verschmelzen. Saedelaere kniff die Augen zusammen, als graugrüne Farbschleier vom Boden aufstiegen, seinen Körper umhüllten und an ihm emporkrochen. Das leise Wispern in seinem Kopf war fast völlig verstummt, dafür brandete ein Meer von Müdigkeit gegen seinen Verstand, erzeugte zitternde Wellen, die auf den Schaumkronen auf und ab tanzten, auf und ab ...

Der Druck auf Saedelaeres Gedanken wurde immer stärker. Er fühlte sich schwach und müde und hatte jede Orientierung verloren. Wo befand er sich noch gleich? Ja, im Dorf der Peaner ... Die Einheimischen schienen immer mehr mit der Umgebung zu verschwimmen, buchstäblich eins mit ihr zu werden.

Saedelaere spürte, wie ihm vor Erschöpfung die Augen zufielen.

Doch Schlaf war ihm nicht vergönnt. Auf der Innenseite der Lider flackerte es hell. Zuerst glaubte er, sein Cappinfragment zu sehen, das sich in heller Aufregung befand, dann zog das irrlichternde Lodern sich zusammen und bildete ein Gesicht.

Er kannte es.

Es war das von Samburi Yura.

 

*

 

»Du suchst nach mir«, sagte sie. »Eroin Blitzer hat dich darum gebeten, und du suchst tatsächlich nach mir. Ich danke dir dafür. Ich befinde mich in großer Gefahr.«

Die wunderschöne Frau wirkte etwas traurig, wie immer, wenn er ihr begegnet war. Wenn sie den Blick nicht bald von ihm abwandte, würde er in ihren großen schwarzen Augen versinken. Dann würde ihn die Dunkelheit dieser Augen vollständig ausfüllen.

Vielleicht aber auch ihr Licht, dachte er.

Sie schüttelte den Kopf, als hätte sie seine Gedanken gelesen, und ihre schulterlangen tiefschwarzen Haare schwangen verzögert, wie in Zeitlupe, nach, als bewegten sie sich jenseits der normalen Raumzeit.

Ja, er suchte nach ihr. Aber warum? Er konnte sich nicht erinnern. Doch Samburi Yuras Gegenwart war überwältigend. Er musste den Grund für seine Suche nicht kennen, es genügte, wenn sie bei ihm war.

»Ich bin nicht bei dir. QIN SHI hat das BOTNETZ gefunden und aktiviert. Deshalb bist du auf der Suche nach mir.«

»Das BOTNETZ ... die achtundvierzig Blütenblätter der Zeitrose«, fiel ihm ein.

»Eine schreckliche Waffe. Eine mir unbekannte Superintelligenz hat das BOTNETZ einst erschaffen, um es gegen die Mächte des Chaos einzusetzen.«

Erinnerungen brodelten in ihm, drängten mit brachialer Gewalt empor, drohten seine Gedanken zu versengen.

Die Legenden über Pean treffen zu, dachte er. Ich erinnere mich.

Aber diese Erinnerungen würden ihn umbringen. Sie würden sein Gehirn verbrennen, und er ...

Samburi Yura verblasste. Ihre reinweiße Haut wurde durchscheinend, in ihrer hellen, fast kindlich klingenden Stimme schwangen plötzlich dunkle Töne mit, die ihre gesamte Erscheinung verzerrten. Nun war sie nicht mehr die Frau, die er kennengelernt hatte, mit einer geradezu kosmischen Aura.

»Du darfst noch nicht gehen, Alaska. Du musst dich erinnern. Denk an die Galaxis Totemhain. Du hast gehofft, das BOTNETZ dort zu finden, auf dem Planeten Kopters Horst. Die Lokopter fungierten als Wächter, ohne über die Natur der Waffe informiert gewesen zu sein. Dort hast du herausgefunden, dass QIN SHI das BOTNETZ entwendet und mich in seine Gewalt gebracht hat. Dort bist du Ennerhahl begegnet ...«

Ennerhahl ..., dachte Saedelaere.

»Kurze Zeit später hast du einen weiteren Hinweis auf das BOTNETZ gefunden. Bevor ich nach Kopters Horst gereist war, habe ich die Ultramarin-Stadt Connajent besucht, um einen der Konstrukteure des BOTNETZES, Sholoubwa, zu treffen. Doch der war bereits tot.«

»Sholoubwa ...« Er hatte einen Roboter namens Sholoubwa gefunden, in der Anomalie, in Herzogin Rhizinza Yukks fliegendem Verwaltungspalast, doch es war offensichtlich nicht der gewesen, den er gesucht hatte. Der Roboter hatte ihm keine Hinweise mehr geben können.

Die Gedanken brannten immer heißer in seinem Gehirn, in den Ganglien und Nervenbahnen. Er krampfte sich vor Schmerz zusammen. Ihm wurde klar, dass die zurückkehrenden Erinnerungen ihn in dieser Intensität töten würden.

Sollten sie ihn doch umbringen, solange er mit Samburi Yura zusammen war!

»Du darfst noch nicht gehen, Alaska«, wiederholte sie. Ihre Anziehungskraft auf ihn war überwältigend. »Alles hat seinen Sinn. Du fragst dich, warum ich dir das Cappinfragment zurückgegeben habe. Du fragst dich, warum du mich liebst und hoffst, dass ich dich auch liebe. All das dient nur einem Zweck.«

»Welchem?«

»Wir müssen die Götter töten, Alaska. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Die Götter der Peaner? Die mir die Erinnerung zurückgeben können?«

»Nein. Nicht die. Die richtigen Götter, die einzigen, die ihr Terraner noch kennt.«

»Was meinst du damit?«

»Du wirst es erfahren, Alaska. Du wirst eine Entscheidung treffen müssen, die vielleicht großen Einfluss auf die Entwicklung dieses Teils des Universums nehmen wird. Noch bist du nicht bereit dazu. Noch kennst du nicht alle Hintergründe. Aber sobald du sie in Erfahrung gebracht hast ...«

»Was für eine Entscheidung?«

Samburi Yura antwortete nicht. Der Druck auf seinen Kopf, die Schmerzen in seinen Nerven wurden unerträglich. Die Frau mit der schwer definierbaren, auf vielen verschiedenen Ebenen wirkenden Anziehungskraft auf ihn wurde immer durchscheinender, verblasste schließlich ganz.

Ein Traum, dachte Saedelaere. Es ist nur ein Traum, und Träume sind Schäume.

Er hatte sich anfangs, kurz nach ihrer ersten Begegnung, stets gefragt, ob die Samburi Yura, die er sah, tatsächlich eine Frau war, ob er sie wirklich in ihrer wahren Gestalt wahrnahm. Diese Gedanken hatten ihn nicht mehr geplagt, seit er wusste, dass sie eine Enthonin war, die den Dienst bei den Kosmokraten angetreten hatte, um die Friedensfahrer zu schützen.

Doch nun fragte er sich wieder. Ihm war klar, dass die Frau Samburi Yura nicht wirklich bei ihm gewesen war, dass er sich in einem Traum verloren hatte. Doch die Enthonin löste sich nun endgültig auf, wurde vollends durchscheinend. Als der Schmerz in ihm übermächtig wurde, öffnete er die Augen und sah, dass vier Peaner ihn umgaben. Sie saßen um ihn herum, erdrückten ihn geradezu mit ihrer Präsenz.

»Wir sehen alles, wissen alles, kennen alles. Wir sind überall«, sagte einer von ihnen. »Nenne mich Tafalla.«

»Nenne mich Netbura«, sagte der zweite.

»Nenne mich Dranat.«

»Nenne mich Arden.«

»Ich werde euch gern so nennen«, sagte Saedelaere. »Aber wenn ihr so weitermacht, werdet ihr mich töten.«

»Ja.«

»Ja.«

»Ja.«

»Ja.«

»Und? Wollt ihr das?«

»Nein.« Nun sprach nicht mehr jeder Peaner für sich. Vielmehr antworteten sie mit einer Stimme, die sich aus vier Bestandteilen zusammensetzte.

Saedelaere spürte, wie es in ihm brodelte. Die Erinnerungen waren wieder da, aber er konnte sie nicht fassen. Sie lagen zum Greifen nah dicht unter der Oberfläche und schienen doch unerreichbar weit entfernt.

Aber er fühlte auch, dass sie ihn umbringen würden, würden sie auf einen Schlag zu ihm zurückkehren. »Was werdet ihr also tun?«

»Wir müssen warten, bis du so weit bist. Wir können alle Vorbereitungen treffen, aber den letzten Schritt musst du selbst tun. Denk an das, was dir am wichtigsten ist, sobald du dazu bereit bist.«

»Wann wird das sein?«

»Das kannst nur du entscheiden. Aber wir haben einen Trost für dich.«

»Ich verstehe nicht ...«

»TANEDRAR ist bei dir, wie bei jedem Bürger des Reichs der Harmonie. Er wird dich schützen und behüten. Das ist ein Trost für dich. Du musst dir keine Sorgen machen. TANEDRAR wird sich um alles kümmern ...«

»TANEDRAR?«

»Du bist ein Fremder und du bist nicht Teil von TANEDRAR. Du kennst die Hohen Mächte und weißt, was es mit ihnen auf sich hat. Du hast Das Mahnende Schauspiel vom See der Tränen gesehen und weißt es zu interpretieren. All die schrecklichen Gerüchte sind wahr. Dem Reich der Harmonie steht eine Invasion bevor, und die unharmonischen Rebellen stellen eine Gefahr dar. Doch du wirst das Zünglein an der Waage sein, Alaska Saedelaere. TANEDRAR zählt auf dich.«