Entweder alles oder mehr
Roman
 
 
Karl Freiberger
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Erschienen im novum pro Verlag

Impressum
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© 2011 novum publishing gmbh
 
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-263-3
ISBN e-book: 978-3-99026-152-1
Lektorat: Dipl.-Theol. Christiane Lober
 
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
 
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AUSTRIA · GERMANY · HUNGARY · SPAIN · SWITZERLAND

Widmung
 
 
Für Ilse, Clemens, Cornelia, Guido, Elena, Livia
 
 
Vorwort
 
 
Genug, wenn ihr [Schriftsteller] dafür sorgt, dass ihr auf schlichte Weise mit klaren, einwandfreien, wohlgefügten Worten in einem schönen Stil schreibt. Versteckt nie eure Gedanken absichtlich in Dunkelheit; soweit ihr es erreichen könnt und es möglich ist, muss man verstehen, was ihr sagen wollt, und erkennen, welches Ziel ihr verfolgt. Bemüht euch auch, dass der Schwermütige bei eurer Geschichte lächle und der Lachlustige laut auflache; dem Ungelehrten errege sie keine Langeweile; der Kluge bewundere an ihr die Erfindung; der Ernsthafte schätze sie seiner Achtung, der Weise seines Lobes wert.
 
Miguel Cervantes de Saavedra (1547–1616)
 
 
 
 
Kapitel 1 – Treffen
 
 
Montag, 26. Mai 1997
 
Als es am frühen Vormittag zu regnen begann, fuhren drei Autos von der Autobahn zur Raststätte Eggenwies ab, hintereinander, in Abständen von ein paar Minuten. Es war windstill. Am Morgen davor hatte starker Wind geweht. Mit ihm war der Regen von der Adria heraufgezogen. Tropfen wie an Schnüren schlugen senkrecht auf den Asphalt und auf die Windschutzscheibe auf.
Im ersten Auto mit Wiener Kennzeichen saß das Ehepaar Chodowiezki. Der pensionierte Ministerialbeamte hatte, während der Fahrt die Gegend betrachtend, zu seiner Frau gesagt, das fruchtbare Hügelland rundum habe etwas Anmutiges; -obwohl oder weil, je nachdem, die Äcker landwirtschaftlich so unterschiedlich genutzt würden, böten sie einen wohlgefälligen Anblick. Sein Bemühen, dem Zeitgeist gerecht zu werden, hatte ihn altmodisch gemacht beim Reden. Seine Frau hatte eine Weile geschwiegen. Dann, die Raststätte in Blickweite, sagte sie, dass sie sich auf eine Tasse Kaffee und einen Apfelstrudel freue. Sie wurde im Sprechen unterbrochen, weil Herr Chodowiezki in der scharfen Linkskurve der Zufahrt zur Raststation den Wagen nach links verriss, um einem rechts auf der Fahrbahn liegenden Gegenstand auszuweichen. Da liege ein Teddybär auf der Straße, rief Frau Chodowiezki, nachdem sie sich gerade gesetzt und mit beiden Händen zu ihrer Frisur gegriffen hatte. Allerdings, murmelte der Hofrat.
Das zweite Auto, einen Geländewagen mit Anhänger, fuhr Vinzenz Stainbüchl, ein kräftiger, junger Bauer aus Gess-Meier-dorf mit derben Gesichtszügen, brauner Haut und schwarzen Haaren. Weil bei jeder Bremsung ein stetig lauter werdendes, metallisch-scharrendes Geräusch von den Hinterrädern her zu hören gewesen war, unterbrach er seine Fahrt nach Graz zu einem Kinderfest. Im Anhänger, einem hinten offenen Pferdetransporter, stand, halb quer gestellt und nach hinten blickend, ein Esel. Stainbüchl fuhr so langsam in die Kurve, dass er dem dunkelbraunen Teddybären ausweichen konnte, ohne dass der Anhänger schlingerte.
Der Viersteinbrugger Baumeister Ing. Sigibert Gerstner im dritten Auto, einem Mercedes Benz C 200, hatte das vor ihm fahrende Autogespann mit dem Esel nicht mehr vor sich, als er sich der scharfen Linkskurve näherte, vom Gas ging, den Teddybären vor sich sah und ihn ohne eine Bewegung des Lenkrads zur Hälfte der Länge nach überfuhr. Er würde nicht einmal für ein Tier bremsen, das auf die Fahrbahn liefe, hätte er, wenn ein Beifahrer im Auto gesessen hätte, zu diesem gesagt. Aus dem geplatzten Bärenkörper waren mit weißem Pulver gefüllte kleine Plastiksäckchen zum Straßenrand gespritzt.
Der Baumeister, als er die Raststation betreten und den Schirm zusammengefaltet hatte, blickte auf die Uhr, zuerst auf die große Wanduhr und dann auf seine Armbanduhr. Die -angezeigten Zeiten stimmten nicht überein, er misstraute beiden. Er ging zur Theke und fragte den Kellner, der am Kaffeeautomaten hantierte, weil er nicht funktionierte, mit einem schroffen Unterton in der Stimme, ob er einen Ecktisch für eine Besprechung haben könne, einen Platz, an dem man nicht gestört werde – es sei denn, ein Ecktisch sei von einem Herrn DI Jagschitz bereits reserviert worden, sagte er, nachdem er noch einmal auf seine Uhr geblickt hatte. Der Kellner, der sich mit dem Oberkörper zu Gerstner drehte und beide Hände am Automaten beließ, um eine halb geöffnete Abdeckung festzuhalten, antwortete, er glaube, alle Tische seien … Weiter kam er nicht. Gerstner erwiderte, sein, des Kellners, Glaube sei ihm egal … Was er glaube, sei irrelevant, er habe zu wissen! Ob er verstehe? Zu wissen habe er, ob ein Tisch frei … oder reserviert sei; er wolle auf der Stelle den Geschäftsführer sprechen. Der Kellner legte einen Plastikdeckel zur Seite und war im Begriff, sich zur Türe hinter der Theke zu begeben. Er stand, ohne dass er es merkte, mit dem linken Fuß auf dem langen offenen Schnürsenkel des rechten Schuhs und stolperte nach vorn. In einer Reflexbewegung griff er mit einer Hand zum gefüllten Abwaschbecken, schlug auf diesem mit dem Unterarm auf und verhinderte einen Sturz durch einen großen Schritt mit dem linken Fuß zur Seite. Gläser klirrten, Wasser und Schaum spritzten auf. Schlechte Laune zündelte. Gerstner blickte abschätzig ins erschreckte Gesicht des Gestürzten und sagte, ein Tölpel also auch noch! Der Kellner, Magister Rudolf Beschlhöfer, der ein Geologie-Studium abgeschlossen hatte und, bis er einen Job finden würde, sich das Geld als Kellner verdienen musste, trocknete sich die Hand, die blutete, mit einer Serviette ab und erwiderte dabei monoton, die kleinen Missgeschicke der großen Geister seien nun einmal die großen Freuden der kleinen Geister. Dabei lächelte er gequält, drehte sich um und verschwand in der Türe; Blut rann vom Daumenballen den angewinkelten Arm hinab. Gerstner stand bewegungslos da; kein Ärger, vielmehr ein Anflug von Hochachtung war aus seinem Blick zu lesen.
Aus der Türe trat Frau Sokottnig, mittleren Alters, mit sehr gepflegtem Äußeren, hübsch und mit einem Lächeln. Ob er der Ingenieur Gerstner sei. – Ja. – Ein Herr DI Jagschitz habe vor einer Viertelstunde angerufen; seine Kollegen und er stünden kurz hinter dem Plabutschtunnel in einem Stau; es sei nicht abzusehen, wann die Unfallstelle, zwei Kilometer von ihnen entfernt, passierbar sei; Jagschitz habe ihn, Gerstner, so genau beschrie-ben, dass sie ihn sofort erkannt habe. – Er habe während der Autofahrt sein Handy nie eingeschaltet, sagte Gerstner. – Das sei ganz in Ordnung, sagte die Sokottnig. – Er danke vielmals, sagte Gerstner und verabschiedete sich freundlich mit einem Auf Wiedersehen. Auf dem Weg zum Ausgang kam ihm der Hofrat Chodowiezki entgegen; seine Frau hatte ihn geschickt, nachzufragen, wo der Kaffee bleibe.
Zu seinem Auto hastend, wusste er sich keinem Menschen gegenüber, vor dem er sich ruhig und gefasst hätte geben müssen. Er ließ der Verworrenheit seiner Gedanken und Emotionen beim Gehen freien Lauf. Das Stechen in der Brust empfand er als beklemmend. Er fluchte halblaut vor sich hin. Der Weg zum Auto war ein langer; er hatte es am westlichen Sektor der Parkplätze links neben der dicht gewachsenen, bunten Hecke abgestellt, die den Sektor vom mittleren, bis vor die Stufen der Raststation reichenden Sektor trennte. Er ahnte nicht, dass sich die Fäden seines Lebens, die für das Glück gehaltenen und die als Unheil selbst gesponnenen, zu einem Knäuel des Chaos zusammenzuziehen und zu verwirren be-gannen; er selbst war sich zum Fixpunkt, zum Koordinatenschnittpunkt der Konfusionen geworden.
Im Auto sitzend, schluckte er eine Baldriantablette, legte den Kopf nach hinten in die Nackenstütze und atmete apathisch ein und aus. Das monotone Klopfen der großen Regentropfen auf das Autodach gefiel ihm. Er ballte beide Hände zu Fäusten, atmete aus, als würde er Luft ausspucken wollen, griff zum Handy und wählte die eingespeicherte Nummer der Radio-Verkehrsinformationen: ob abzusehen sei, wann sich der Stau vor dem Plabutsch-Tunnel auflösen würde. Es gäbe dort keinen Stau, habe den ganzen Vormittag keinen gege-ben, lautete die Antwort. Diese Feiglinge, sagte er, nachdem er die Auflegtaste gedrückt hatte.
Beim Treffen der Leiter mehrerer Bauunternehmen, dessentwegen er nach Eggenwies gekommen war, hätten Informationen über vier große Bauprojekte der öffentlichen Hand ausgetauscht werden sollen, um mit einer gemeinsamen, aufeinander abgestimmten Strategie bei den Ausschreibungen und Bauverhandlungen vorgehen zu können. Es ging in Wahrheit um illegale Kartellabsprachen. DI Jagschitz, die treibende Kraft dahinter, wollte Gerstner und sein Unternehmen (das er für konkursreif hielt), entgegen der ursprünglichen Absicht nicht dabeihaben.
Auf dem mittleren Parkplatz rechts neben der bunten Hecke stand ein weißer Rover 45 mit einem Wohnanhänger, einem Chateau Cantara 4963 OE, der die gesamte Fläche -dahinter zwischen den beiden weißen Markierungsstrichen ausfüllte. Der Tullner Versiche-rungsvertreter René Uteschill (der mit seiner Freundin Maria Magdalena K. unterwegs nach Kalab-rien war) las im Benutzerhandbuch, das er über dem Lenkrad aufgeschlagen hielt. Während der Fahrt hatten mehrere Kontrollicons für die Airbags und die Alarmanlage geblinkt und waren dann jedes Mal für kurze Zeit erloschen. In der -KFZ-Werkstätte neben der Tankstelle waren zwei Autos in Arbeit, und der Platz vor der Werkstätte war von Stainbüchl mit seinem Anhänger verstellt gewesen, deshalb war René Uteschill zum Parkplatz gefahren. Maria Magdalena lehnte an seiner Schulter und las im Buch mit. Er vermute ein Problem in der Elektronik der Airbagsteuerung, sagte René; in Graz, in der Puntigamerstraße, sei die nächste Rover-Werkstätte; das wisse er; dorthin zu fahren, werde notwendig und sinnvoll sein. Zuvor sei es unbedingt notwendig, in die Raststätte zu gehen, er habe Hunger wie ein Eseltreiber. Sie wolle sich ohnehin die Beine vertreten, stimmte Maria Magdalena zu.
Gerstner hatte beim Einsteigen in sein Auto, durch die Hecke hindurch, den Song „Time is on my side“ der Rolling Stones gehört, den Uteschill auf einem CD-Player in seinem Auto bei offener Seitenscheibe spielte. Er hatte gerade den Startschlüssel angesteckt, als sein Handy läutete; Bojan Radolovic rief an: für ihn unerwartet und überraschend. Gerstner schloss das Seitenfenster und klammerte seine Finger im Laufe des Gesprächs immer fester um das Lenkrad. Das ihm Mitgeteilte war für sein Unternehmen so einmalig positiv, dass er während des Gesprächs mit Radolovic in Hektik und Ratlosigkeit verfiel und im Autositz hin- und herwetzte.
Er hatte Bojan Radolovic beim Neujahrskonzert der -Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti kennengelernt. Dr. M., ein hoher Beamter in der slowenischen Botschaft, hatte Radolovic in der Konzertpause der Gruppe von Bauunternehmern aus der Steiermark, der auch Gerstner angehörte, als einen aufstrebenden Geschäftsmann aus Maribor vorgestellt. Radolovic war während des Jugoslawien-Krieges ein hoher Offizier gewesen und hatte in den Jahren danach sehr viel Geld verdient.
Er wolle, sagte Radolovic am Handy, so und so viele Millionen Schilling in das Bauunternehmen Gerstner investieren, wobei er, Gerstner, 49 Prozent des Betrages als den seinen wissen möge; einzige Bedingung sei, in Maribor ein zweites Standbein des Unterneh-mens zu gründen; am 04. Juni wolle er sich mit Gerstner in Maribor treffen; früher sei es nicht möglich; verhandeln über den Vorschlag werde er nicht. Das gehe in Ordnung, ganz in Ordnung, sagte Gerstner. Das Gespräch wurde mit Floskeln der geschäftlichen Freundlichkeit beendet. Gerstner zitterte am ganzen Körper. Er trommelte mit der rechten Hand behutsam auf das Lenkrad, beugte den Kopf im Sitzen leicht nach unten und sagte in einem fort ja, ja! Sein Unternehmen, mit dem er spätestens im September Bankrott machen würde und das er um seiner Frau und der Kinder willen mit einem ausgeklügelten, teuflischen Plan hatte retten wollen, würde nun auf eine so einfache, natürliche und in Zukunft gewinnbringende Weise weiterbestehen können. Er atmete kurz ein und blies beim Ausatmen mit einem pfeifenden Geräusch über das Lenkrad hin, als wollte er Staub wegfauchen.
Er rief seine Frau an; sagte ihr, er habe mit dem Jagschitz und dem Kollegium, er sagte Kollegium, sie wisse schon, wen er meine, ein paar gute Aufträge für die Firma unter Dach und Fach bringen wollen; immerhin gehe es um den Fortbestand des Unternehmens; der feine Herr Jagschitz habe ihn ausbremsen wollen. Er habe gerade mit dem Milo, dem Radolovic Milo, telefoniert. Es gebe eben herrliche Zufälle. Alles sei mit einem Schlag anders. Sie, er und sie, sein wunderbarer Schatz, könnten wieder gemeinsam reich werden, ihre und der Kinder Zukunft sei gesichert. Allerdings müsse er zuerst einmal eine Woche lang weg aus Österreich, unbedingt. Er werde ihr alles erklären. Nicht nach Kalabrien wie sonst immer wolle er fahren, er schlage Spanien vor, die Costa Brava oder …
Weiter kam er nicht. Was das alles jetzt wieder solle, fragte seine Frau, ihm ins Wort fallend. Sie war ärgerlich. Von heute auf morgen daheim alles stehen und liegen lassen – wie er sich das vorstelle? Ausgeschlossen. Er sagte, er werde nach Hause fahren, dann könnten sie noch einmal darüber reden. Da gebe es nichts mehr zu reden, sagte sie und legte auf.
Er war wütend und fluchte. Dann öffnete er das Seitenfenster einen Spalt. Als er Uteschill jenseits der Sträucher sprechen hörte, stellte er das Fluchen ein. Da er durch Reversieren eingeparkt hatte, wie es seine Art war, stand sein Auto nach links hin nur durch einen schütteren Strauch von Uteschills Wohnwagen getrennt, und er konnte die beiden Wiener durch das Geäst hindurch in den Wohnwagen einsteigen sehen. Er startete den Wagen und fuhr nach rechts zur Schleife mit der Ausfahrt. Auf halbem Weg dorthin sah er vor sich, von der Zufahrt kommend, den Revierinspektor Voitl vom Gendarmerieposten Viersteinbrugg in Zivil und in seinem Privatauto auf einen Parkplatz neben der Ausfahrt einbiegen. Gerstner, als hätte er von Gendarmen nicht gesehen werden wollen, bog reflexartig zur Tankstelle ab. Ein Rettungsauto mit Blaulicht, von der Raststation kommend, fuhr sehr schnell zur Ausfahrt Richtung Wien. Vor der Werkstätte fütterte Stainbüchl den Esel im Anhänger mit einem Körbchen voll Hafer. An jeder Zapfsäule standen zwei Autos. Gerstner reihte sich hinter einen bis über die Heckscheibe mit Paketen, Gestellen und Laden aus Holz vollgeräumten Audi-Kombi mit Linzer Kennzeichen ein. Nachdem er der Frau, die zum Audi gehörte und mit dem Rücken zu ihm an der Zapfsäule stand, eine Weile gleichgütig bei ihren Handgriffen zugesehen und sie sich langsam zur Seite gedreht hatte, sagte er, das könne doch nicht wahr sein, stieg aus dem Wagen, sagte: „Hallo, Gabi!“, oder ob er sich irre, dass sie die Gabi sei. Die Angesprochene, die den Zapfschlauch wie in Zeitlupe in die Haltevorrichtung setzte, sagte mit starrem Blick, ja, leider, das sei sie; und sie sei mit ihrer Schwägerin in dem Auto nebenan – die Lore sei gerade in den Shop gegangen – auf dem Weg nach Ungarn. Ein Wort gab das andere. Gerstner konnte die Linzerin, während seiner Studentenzeit eine gute Bekannte, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte, obwohl ihr die Abneigung gegen ihn körperlich anzusehen war, dazu bringen, eine Einladung auf einen Kaffee in der Raststätte anzunehmen. Zu ihrer Schwägerin Lore in einem vollgestopften Espace sagte sie, nachdem Gerstner zur Raststätte vorausgefahren war, sie verachte diesen Menschen wie sonst keinen auf der Welt nach all dem, was er ihr seinerzeit mit der Abtreibung eines gemeinsamen Kindes und mit all dem, was rundum geschehen sei, angetan habe; und sie wolle sich vergewissern, dass es ihm schlecht gehe, dass das Leben diesem Falotten auf die Finger und aufs Haupt geklopft habe; sie, Lore, solle nach Viersteinbrugg weiterfahren; im Einkaufszentrum vor der Stadt könne sie die noch geplanten Einkäufe tätigen; und in einem Café dort – es würde dort bestimmt eines geben – auf sie warten: Sie würde auf dem Handy anrufen.
Der Vorbau an der Südseite der Raststätte, wo Gerstner eine Zeit lang allein an einem bequemen Ecktisch saß, glich einem rundum verglasten Wintergarten mit Blick auf einen bewaldeten Hang. Er bestellte sich beim Warten auf Gabi ein Glas Welschriesling, der frühen Tageszeit zum Trotz, wie er zur Kellnerin nervös sagte, zündete sich eine dünne Zigarre an und blickte dem Pärchen nach, das Hand in Hand und in Regenkleidung langsam den geschotterten Weg zum Wald hinaufspazierte; ob das nicht die beiden von nebenan auf dem Parkplatz, die mit dem Wohnmobil, seien, fragte er sich.
Dann kam Gabi. Einen Cappuccino hatte sie während ihrer Suche nach Gerstner bestellt, als eine Serviererin gerade vorbeiging und sie ihn von Weitem sah. Es sei ein schöner Zufall, dass sie einander getroffen hätten, sagte er. Im Leben sei alles Zufall, erwiderte sie kalt; und nachträglich betrachtet, habe im Leben nie etwas anders sein können als das, was die Zufälle einem gebracht hätten; alles, was sie hörten, sähen, röchen, fühlten, sei immer schon Vergangenheit. Was ein Mensch an Wissen angesammelt habe, jedoch … Sie wollte weitersprechen; er unterbrach sie; er sei stets für die Zukunft, sagte er und fügte mit einem herzlichen Lächeln hinzu, wie denn ihre unmittelbar nächste Zukunft aussehe. Das Eis der Frage, was ihn das angehe, lag ihr auf der Zunge; sie trank einen großen Schluck Kaffee. Als würde sie von einem Blatt etwas herunterleiern, erzählte sie, ihre Schwägerin und sie führen nach Ungarn, in die Gegend von Körment, denn ihr Bruder habe dort eine kleine Landwirtschaft gekauft; sie seien dabei, das Wohnhaus fertig einzurichten. Weil es die Wahrheit war, kam es ihr vor, als verdiente er es nicht, sie zu hören. Ob sie verheiratet sei, fragte er. Allerdings und gut, antwortete sie; Liebe sei eben nicht bei jedem Mann die höchste und heimtückischste Form des Egoismus. Als er fragte, ob sie Kinder habe, rief sie der Kellnerin zu, sie wünsche eine kleine Flasche Mineralwasser. Schön, dass sie gekommen sei, sagte Gerstner. Er müsse sehen, dass sie dazu nur höhnisch lächeln könne, sagte sie und beobachtete ihn, als würde sie ein wildes Tier in einem Käfig, dessen Türe offen ist, mit Anspannung und Angst zugleich mustern; aus den vibrierenden Bewegungen der Augen, den unkontrollierten, feinen Zuckungen an den Mundwinkeln und den Hals entlang und dem zart gewellten Aufsteigen des Rauchs der Zigarre, weil die Hand, die fortwährend in der Nähe des Aschenbechers auf dem Tisch lag, zitterte, schloss sie, dass er innerlich sehr erregt war und nach außen hin ihr genau das Gegenteil vorspielen wollte. Ihr Lächeln sei noch immer aufregend, sagte er mit einem Anflug von aufrichtiger Unbefangenheit und fiel sich, als hätte er nicht anders können, selbst in den Rücken, indem er sie mit einer misslingenden Scherzhaftigkeit fragte, ob sie schon ein Ex-Luder sei oder noch immer am Markt. Mit blass werdendem Gesicht antwortete sie ruhig, sie habe sich zu ihm gesetzt, weil sie nicht habe glauben können, dass er vom Teufel noch nicht geholt worden sei; nun wisse sie, warum: Solche Kerle wie er seien dem Teufel für die Hölle zu mies. Gerstner legte die Zigarre in den Aschenbecher, lehnte sich in den Sessel zurück und kreuzte die Finger ineinander. Sie möge ihm verzeihen, sagte er plötzlich und mit einem melancholischen Unterton; er habe Prob-leme, zweierlei Probleme gehabt, eines mit sich und seinen Depressionen – die hätte er mit Medi-kamenten endgültig in den Griff bekommen; und ein großes mit seinem Unternehmen – und dieses sei nun auch und endgültig behoben. Doch könne, dürfe, müsse er sich seines Lebens in der kommenden Woche nicht sicher sein; er meine das verdammt ehrlich; ob er etwa bis zum 02. Juni in Körment wie von der Bildfläche verschwinden könne? Er könne sich vorstellen … ad hoc könne er sich vorstellen, in der Landwirtschaft als Hilfskraft in dieser Zeit zu arbeiten; er müsse weg! Sie hatte ihm mit einem Ausdruck der wachsenden Fassungslosigkeit und mit halb geöffnetem Mund zugehört. Das Läuten seines Handys, das auf dem Tisch lag, unterbrach ihn. Er blickte irritiert auf das Display, weil ihm die Nummer unbekannt war. Gabriele stand auf und verließ wortlos den Tisch und die Terrasse; sie ging zur Theke, um zu bezahlen. Gerstner drückte erst nach einigem Zögern die Annahmetaste. Ein Herr Murer meldete sich, gab sich als leitender Beamter der Polizei-Abteilung für Personenschutz aus; er habe seine, Gerstners, Nummer von seiner Sekretärin bekommen; er bitte den Herrn Ingenieur, seinen momentanen Aufenthaltsort bekannt zu geben, es würden sofort Spezia-listen in Zivil zu seinem Schutz zu ihm geschickt werden; die italienische Polizei habe in San Osvialdo mehrere Personen im Zusammenhang mit Drogenhandel festgenommen; in einem Verhör habe ein Verhafteter ausgesagt, dass ein Komplize von ihm unterwegs nach Österreich sei mit dem Auftrag, ihn, Gerstner, wegen seiner Geschäftsverbindungen zur slowenischen Bau-Mafia umzubringen; was immer die Hintergründe seien, spiele im Augenblick keine Rolle, er sei das Ziel des Auftrags, man habe dafür ganz sichere -Hinweise. Gerstner geriet in Panik. Er sprang auf, wollte Gabriele nachlaufen, blieb augenblicklich, weil sich Gäste an den drei anderen Tischen nach ihm umdrehten, stehen, griff sich an die Stirn, schaltete das Handy aus, klemmte eine Zwanzig-Schilling-Note unter das Weinglas und hastete zum Ausgang. Auf den Stufen hinunter zu den Parkplätzen kamen ihm Uteschill und seine Freundin Maria Magdalena entgegen; sie sprachen über den Regen, als er an ihnen vorbeisprang.
Herr Chodowiezki hatte sich vor der Weiterfahrt entschlossen, zu tanken und einen Reservekanister zu kaufen und diesen ebenfalls vollzufüllen. Im Shop besorgte er seiner Frau eine große Packung Pralinen mit Mocca-Füllung. An den Hinterrädern von Stainbüchls Auto wurden – nicht in der Werkstätte, sondern auf dem Parkplatz davor, wo er seit seiner Ankunft gestanden hatte – neue Bremsbeläge montiert. Eine Polizeistreife fuhr von der Tankstelle in Richtung Ausfahrt; ein Autofahrer hatte wegen den weißen Säckchen und des geplatzten Teddybären angerufen, er, der Anrufer, vermute Rauschgift, das auf der Straße liege; die Polizei hatte weder den Bären noch die Säckchen gefunden. Gabriele unterdessen war unterwegs nach Viersteinbrugg.
Gerstner hatte seinen Wagen auf dem gleichen Parkplatz neben dem Wohnmobil Uteschills abgestellt, von diesem durch die Hecke getrennt. Als Uteschill und seine Freundin von der Raststätte zurückkamen, fanden sie das Wohnmobil fachmännisch aufgebrochen vor; vom Inventar fehlte nichts; Maria Magdalena, als sie, unter einem Schirm stehend und eine Zigarette rauchend, während Uteschill mit der Polizei telefonierte, über ihren Parkplatz hinaus um die Hecke ging, fand Ing. Sigibert Gerstner, blutüberströmt der Hals und das Gesicht, auf den Beifahrersitz gekippt liegen.
Man wird feststellen, dass er mit drei Schüssen ins Genick erschossen worden war.