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Groß Gievitz in Mecklenburg, 1987

Das Schweigen der Mehrheit
Ein Januarmorgen 2009. Ich lese aus meinem Buch Die Grenze durch Deutschland im sächsischen Hoyerswerda, einst sozialistische Vorzeigestadt. Die Geschichte einer tödlich gescheiterten Flucht aus der DDR, nahezu trostlos. Die Schüler einer 11. Klasse des Lessing-Gymnasiums schweigen bestürzt. »Warum war das möglich?« fragt die Lehrerin. Der Grenzsoldat habe 1973 wahrscheinlich aus Angst vor Strafe geschossen, meint ein Schüler. Der Soldat habe ja zur Armee gemußt und auf Befehl gehandelt. »Und aus Überzeugung«, sagt eine Mitschülerin. Er sei ja politisch geschult gewesen und habe nicht gewußt, daß es ein Verbrechen ist, was er tut.
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»Ich sehe drei Strömungen damals: die Leute, die für die Partei waren, denen ging’s gut, dann die Mitläufer, denen ging’s auch gut, und schließlich die, die gegen die Partei waren. Denen ging’s miserabel.« Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl über Leben in der DDR (FAZ, 19. 12. 2008)
Mein Gott, denke ich, aus den Mündern der Kinder die kleinen Schwindeleien der Elterngeneration, aus denen die großen Lügen gemacht werden: nichts gewußt, keine Wahl, wie befohlen, nicht zu ändern.
Ich erzähle ihnen, daß niemand gezwungen wurde, zu den Grenztruppen zu gehen. Daß der Soldat straflos hätte danebenschießen können. Daß der Schießbefehl offensichtlich menschenrechtswidrig war.
Warum war das möglich? Ein Schüler: »Meinen Eltern ging’s gut, die sahen keinen Grund, sich aufzulehnen.« Eine Schülerin: »Die meisten waren halt Mitläufer. Wie heute auch.« Selten hat mich eine klare Antwort so gefreut.
Wir konnten nicht anders, wir mußten ja, wir haben das nicht gewußt, wir haben im besten Glauben gehandelt, weil wir überzeugt waren von der Idee, von der guten Sache. Das höre ich immer wieder, wenn ich in der Ex-DDR abends vor erwachsenem Publikum lese. Welche gute Idee braucht zur Durchsetzung einen Schießbefehl, frage ich dann. Für welchen Glauben darf man über Leichen gehen?
Es gab in der DDR ein kollektives schlechtes Gewissen wegen der Diktaturverbrechen. Dieser Teil der Wirklichkeit wurde mehrheitlich verdrängt, oftmals bis heute. Seit dem Mauerfall sagen viele: »Es war nicht alles schlecht in der DDR.« Das stimmt. Es war aber auch nicht alles gut in diesem Staat.
Auch das habe ich zweimal nach Lesungen gehört, in Thüringen, von älteren Frauen: Ich schäme mich, in der DDR ein Mitläufer gewesen zu sein. Und manchmal erzählt jemand von Menschen, die den Ritualen der Anpassung widerstanden. Und wie sie dann von den Unterwürfigen meistens als Querulanten abgetan und im Stich gelassen wurden. Wie die Zuschauer wegschauten, schwiegen und stillhielten. Oder sich manchmal auch solidarisierten.
 
Nach dem Ende der Nazi-Diktatur war die Frage nach den Schuldigen zunächst umfassend gestellt worden. In den Spruchkammern der Besatzungsmächte wurden Mitläufer ausdrücklich benannt – und entlastet. Nach Jahrzehnten des Verdrängens wird nunmehr die Schuld der Mitläufer im nationalsozialistischen Deutschland zunehmend anerkannt.
Der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma schreibt in seinem Buch Gebt der Erinnerung Namen 1999: »Niemand kann von einem anderen verlangen, ein Held zu sein. Wohl aber kann von jedem verlangt werden, daß er kein Schurke und kein Lump sei. Seit 1945 sind im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus moralische Fragen unzulässig auf die Alternative: dulden oder widerstehen unter Einsatz des Lebens (oft sogar: Mittäter oder Selbstmörder) verkürzt worden … Das Bild einer nur passiven Bevölkerung zu zeichnen, der es allein an dem Heldenmut gefehlt habe, der im Zweifelsfalle jeder Mehrheit fehlt, ist historisch falsch.«
Zahlreiche Veröffentlichungen nach dem Ende der DDR (und auch vorher schon) zeigen fundiert und eindringlich, wie die kriminelle Minderheit der Machthaber die Minderheit von offenen Regimegegnern drangsalierte. Jenseits dieser Täter-Opfer-Betrachtung fehlt es (warum wohl?) an Darstellungen zur Mehrheit der Angepaßten: der Mitläufer, die sich eingereiht hatten, ohne sich für das kommunistische System besonders zu engagieren.
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»Wir konnten nicht anders, wir mußten ja …«, Leipzig 1986
Die Verklärung der SED-Diktatur, das fehlende Grundwissen der Nachgeborenen, die unerhörten Geschichten vom großen Mut kleiner Leute – das waren Gründe für mich, diese Sammlung von Zeitzeugnissen herausgeben zu wollen. Ich danke den Autoren für ihre Mühe, ihr Vertrauen, ihre Offenheit. Fast alle hatten sich zunächst mit den Verhältnissen in der DDR arrangiert. Die meisten wurden vom Staatssicherheitsdienst »bearbeitet«. Manche hat man für ihren Widerstand ins Gefängnis gesteckt, andere blieben bewußt unterhalb der staatlichen Reizschwellen; sie gingen ins »innere Exil« und versuchten, mit Anstand »zu überwintern«. Jeder zweite entzog sich letztlich dem Verfügungsanspruch des Staates durch Flucht oder Übersiedlung in den Westen oder wurde ausgebürgert. Zwei Autoren reisten als Westdeutsche mehrfach in die DDR; sie halfen Verfolgten und wurden bespitzelt.
 
»Die Menschen hier mußten ja mitmachen«, erklärte mir jüngst ein Schüler im früheren DDR-Grenzdorf Geisa. Darauf eine Mitschülerin: »Ja, sie mußten mitmachen – aber nicht alles!«
Von den »Jedermannsmöglichkeiten in diesem Land des Gehorsams« sprach 1996 Joachim Gauck, der erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen: »›Was konnte man denn tun?‹ fragten alle, die zu wenig versucht hatten, nach dem Ende einer Diktatur – eine Frage, die ihre Antwort in sich tragen soll: ›Nichts.‹ Wir wissen, daß sie so nicht richtig ist. Aber nicht nur die Märtyrer lehren uns das, sondern die einfachen Neinsager unter den Jasagern.«
Der Autor Stephan Krawczyk: »Der gelernte DDR-Bürger wußte, wann er zu applaudieren hatte, damit ihm die Herrschaft nicht in den Alltag funkt. Bestimmte Dinge mußten nicht unbedingt gesagt oder getan werden. Zum Beispiel nicht zur Wahl zu gehen oder die Fahne nicht zur rechten Zeit hinauszuhängen oder nicht drei Jahre zur Armee zu gehen oder nicht den Kampfgruppen beizutreten oder nicht Genosse zu werden oder nicht für die Stasi zu spitzeln. In jedem dieser Fälle gab es die Möglichkeit, entweder ja oder nein zu sagen. Der gelernte DDR-Bürger sagte nicht nein, wenn es für ihn besser war, ja zu sagen. Es hätte ihm nur das Leben schwergemacht. Wenn man sich von den Rändern der Gesellschaft fernhielt, konnte man in Ruhe alt werden. Wer wollte das aufs Spiel setzen?«
Zwischen Anpassen und Widerstehen konnte ein jeder sein Maß finden. Wie viele haben dieses Maß ernsthaft gesucht? Und wie viele sind widerwillig oder bereitwillig mitgelaufen? Was wäre passiert, wenn die Mehrheit der DDR-Bürger nicht einen Handschlag mehr für den SED-Staat getan hätte, als zwingend vorgeschrieben war?
Man mußte ja kein Widerstandskämpfer sein, um der Versuchung des Mitlaufens und Mitmachens zu widerstehen. Die Angst, wegen Widerstands Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt zu sein, mußte kein Grund sein, gleich den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Um zumindest passiv Widerstand zu leisten, mußte man auch in der DDR kein Held sein. Ohne die Mitläufer hätte die Diktatur nicht vierzig Jahre so funktioniert. Die Täter konnten sich auf das Schweigen der Mehrheit verlassen. Die Anthologie vereint 22 Geschichten von Staats-Hörigkeit oder Aufbegehren inmitten einer angepaßten Umwelt.
Roman Grafe
Juli 2009

WOLF BIERMANN
Buntes Grau.
Ein paar Details
Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR. Der Herausgeber dieses Sammelbandes, Roman Grafe, gibt mir genau diesen Titel vor. Sein dickes Buch über den Todesstreifen an der deutsch-deutschen Grenze – also weniger technisch und lieber menschlich formuliert: Das Buch über die Auftragsmörder im Politbüro der SED, die Schreibtischtäter in den militärischen Einheiten, die Offiziere, und auch über einzelne Grenzsoldaten, die am Ende dieser kafkaesken Befehlskette die blutige Dreckarbeit machten, hat mich beeindruckt. Also möchte ich nun dem jungen Mann nicht nein sagen. Aber meine Themen finde ich eigentlich selbst. Und dieses nun vorgeschriebene Thema provoziert Widerspruch, will sagen: wie bei Atemnot, ein polemisches Luftholen. Die Fragestellung »Anpassen oder Widerstehen« unterstellt ja eine Schwarzweißsicht auf die bunte Welt, und das nervt das engagierte Publikum in den gemütlichen Zuschauerlogen der politischen Arena, und es stößt sogar mich ab, zumindest auf den ersten Blick. Auch das Grau in Grau der DDR-Diktatur war ja bei näherem Hinsehn ein buntes Grau. Die meisten lebendigen Menschen in der DDR haben nämlich immer beides zugleich: sich angepaßt und widerstanden. Also: Nicht »ODER« müßte die interessantere Frage lauten, ein »UND« wäre treffender, schlechter ein »WEDER NOCH«, und besser wäre wohl ein scharfes »SOWOHL ALS AUCH«.
Und das würde dann reizen, realistisch und das heißt: differenziert zu malen, wenn es um ein Sittenbild über das Leben in der DDR-Diktatur geht. Die Schablone eines apodiktischen Entweder-Oder-Denkens langweilt das verwöhnte Publikum im Welttheater. Zu viele Apologeten und Moderatoren, allerhand Maulhelden und rattenfängerische Wahlkämpfer haben über die DDR seit der Wiedervereinigung auf dem Jahrmarkt eitler Talkshows, in Artikeln und sonstigen Maulschlachten immer wieder sich den Mund fußlig und all zu oft eifrig und geifrig aneinander vorbeigeredet.
Was könnte das also bedeuten: Anpassen oder Widerstehen …
Ich jedenfalls war auch in meiner Drachentöterzeit vom Verbot 1965 bis zur Ausbürgerung 1976 in der DDR kein chronisch lupenreiner Held, denn sonst wäre ich schon lange tot. Der französische Skeptiker aus Rumänien Emile Cioran schrieb mal: »Ganz ohne Lebenslügen würde kein Mensch auch nur einen Tag überstehn.« Auch das Sich-nicht-Anpassen kann in bestimmten Zeiten eine Form der Anpasserei sein.
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Wolf Biermann im Juli 1973 in seiner Ost-Berliner Wohnung während der »Weltfestspiele Berliner Wohnung während der »Weltfestspiele der Jugend und Studenten«, bei denen er nicht auftreten durfte.
Nein, es kann feste Normen nicht geben, weder für die Grenzen der Anpassung in Zeiten brutaler Unterdrückung, noch gibt es verbindliche Maßstäbe für den Grad des Widerstandes, den ein aufrichtiger Mensch in irgendeiner Diktatur wagen soll.
Das komplette Sittenbild der totalitären DDR-Diktatur kann keiner malen, aber ein paar Details will ich skizzieren. Nehmen wir die Schriftsteller und Künstler – auch sie sind Soldaten und manchmal sogar Generäle in dem, was Heinrich Heine in seinem Gedicht »Enfant Perdu« den Freiheitskrieg der Menschheit nannte. Dieser Krieg wird immer wieder gewonnen und verloren und in jeder Epoche wieder neu gewagt. Wie feige darf man, wie mutig muß man da sein? Wie weit etwa ein Dichter in diesem ewigen Freiheitskrieg geht, genauer: wie weit zu weit und wann und wo … all das hängt von vielen und sehr verschiednen Umständen ab: Schreibt er etwa Dramen, braucht er also immerhin ein Theater, das ihn spielen darf. Dies Problem kannten etwa Brecht und Heiner Müller und haben beide sich kümmern und krümmen müssen. Oder schreibt ein Mensch verbotene Gedichte, dann braucht er immerhin eine Schreibmaschine und womöglich Leute, die sich seine Werke mit der Hand heimlich abschreiben.
Mit solchem Samisdat haben sich meine Verse in der DDR massenhaft verbreitet. In den zwölf Jahren meines totalen Berufsverbots gab es für meine Lieder nicht mal einen kleinen Konzertsaal, aber es gab genügend DDR-Bürger, die ein Tonbandgerät hatten und sich kopierte Kopien kopierten. Auf diese Weise verbreiten sich in der unfreien Gesellschaft die geächteten Werke in geometrischer Reihe: 2 – 4 – 8 – 16 – 32 – 64 – 128 – man kennt die schöne alte Geschichte vom Schachbrett und den Reiskörnern. Das sind Formen massenhafter Verbreitung, die erreicht man mit keiner Ware auf dem freien Markt.
Ein aufmüpfiger Angsthase, der sich heimlich in seinem Zimmer solch eine zwanzigmal kopierte Kopie verbotener Lieder anhört und vorher die Fenster schließt, damit kein Denunziant im Hinterhof ihn hört und verpfeift, der leistet im Grunde ja auch schon Widerstand in solch einer totalitären Diktatur – und sei es ein Widerstand gegen seine eigene Verzagtheit. So klein klein klein fängt es doch an! Und den West-Menschen, die niemals solche Erfahrungen machten, sollte geduldig erklärt werden: Mit jeder Kopie eines Tonbandes verdoppelt sich das Grundrauschen der Tonaufnahme, leider! Von Hi-Fi kann da also von mal zu mal weniger die Rede sein. Ich habe mal in Moskau zugeschaut, wie russische Dissidenten zusammensaßen und eine solche Vielfach kopie mit Liedern des frechen Protestsängers Wyssozki und des melancholischen Barden Bulat Okudshava anhörten. Das Bandrauschen war so stark, daß man das Lied kaum noch hören konnte. Und trotzdem, nein: gerade deswegen! war es ein genialer Sound. Dieses unerträgliche Bandrauschen nämlich transportiert die vielleicht brisanteste Information: Du bist nicht so hoffnungslos allein, wie du vielleicht immer dachtest! Du stehst nicht auf verlorenem Posten in diesem Streit gegen einen allmächtigen Staat, gegen eine alleswissende Geheimpolizei und gegen eine allesbestimmende Parteibonzenbande. Tausende Menschen haben diese Lieder genau so wie Du trotz der Gefahren gehört und heimlich verbreitet.
Aber viele andere Dinge spielen eine Rolle im Kampf gegen den totalitären Drachen: Wie brutal ist die Unterdrückung, wie stark ist die Überwachung? Ist der Mensch, der sich wehrt, gesund? Nimmt er sich wichtig genug? Nimmt er sich zu wichtig? Ist er schon genügend alt? Ist er noch schön jung? Hat er genug Geld auf der Kante? Ist er verantwortlich für eine Familie? Ist er geschützt durch eine stabile Popularität oder nur durch flüchtige Berühmtheit? Hat er tapfere Freunde? Und hat er heimliche Freunde auch im Lager seiner Feinde? Hat er gefährliche Schrullen? Ist er zu leichtsinnig oder zu leichtsinnlich? Hat er die Eitelkeiten oder haben sie ihn? Und entsprechend die heikle Frage: Hat er die Ängste oder haben sie ihn. Kommt das vielleicht Wichtigste hinzu: Wie sind die objektiven Chancen im Geschichtsprozeß in diesem flüchtigen Moment: Lebt er grade in der »bleiernen Zeit« einer stabilen Diktatur oder in einer Phase, in der sich die Wirklichkeit zum revolutionären Gedanken drängt …
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»Wie feige darf man, wie mutig muß man da sein?« Volksaufstand am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin
Gewiß, irgendwann ging in der Weltgeschichte immer auch die ewige Nacht einer finsteren Zeit eines schönen Tages zu Ende. Das konnte manchmal allerdings mehrere Generationen dauern oder immerhin ein Menschenleben. Brecht hatte solche düsteren Gedanken in den letzten Jahren seines Lebens in der DDR. Da schrieb er in seinen Buckower Elegien ein Kurzgedicht, für das ich mir mal eine Musik gemacht habe: Beim Lesen des Horaz. Brecht schrieb das, als Stalin starb, der millionenfache Massenmörder. Das war das Jahr 1953, als der Schüler Wolf Biermann, 16 Jahre alt, von West nach Ost ging, als die Maurer und Zimmerleute auf der Stalin-Allee in Ostberlin den Arbeiter-Aufstand des 17. Juni eröffneten.
Beim Lesen des Horaz
Selbst die Sintflut
Dauerte nicht ewig.
Einmal verrannen
Die schwarzen Gewässer.
Freilich, wie wenige
Dauerten länger!
Gewiß, und immer wieder nach irgendeiner Befreiung! Wenn irgendwelche finsteren Zeiten dann endlich vorbei sind, im strahlenden Lichte einer erkämpften Freiheit oder im Dämmerlicht einer geschenkten Demokratie, im Alltags-Frieden ziviler Kompromisse, ja, wenn diese oder jene Epoche einer Diktatur sich endlich doch geendigt hat, dann wimmelt es von selbsternannten Lichtgestalten des eingebildeten Widerstands. Sie brüsten sich mit eingebildeten Wunden und spreizen sich mit nie getanen Heldentaten. Über diesen Mummenschanz gibt es einen geistreichen Sarkasmus:
»Wenige waren wir – und viele sind übriggeblieben!«
 
Ich hatte große Hoffnungen auf den Prager Frühling 1968 – und im Grunde auch die Hoffnung, daß es auch bei uns in Ostberlin im Politbüro der SED einen DDR-deutschen Dubček gibt, der plötzlich wie ein demokratischer Phönix aus der totalitären Asche steigt. Als ich nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen entsprechend niedergeschlagen war, desillusioniert und ratlos, rappelte ich mich wieder auf mit diesen Versen:
Kleines Lied von den bleibenden Werten
Die großen Lügner und was
Na, was wird bleiben von denen?
- daß wir ihnen geglaubt haben
Die großen Heuchler und was
Na, was wird bleiben von denen?
- daß wir sie endlich durchschaut haben
 
Die großen Führer und was
Na, was wird bleiben von denen?
- daß sie einfach gestürzt wurden
Und ihre Ewigen Großen Zeiten
Na, was wird bleiben von denen?
- daß wir sie einfach gekürzt haben
 
Sie stopfen der Wahrheit das Maul mit Brot
Und was wird bleiben vom Brot?
- daß es gegessen wurde
Und dies zersungene Lied
Na, was wird bleiben vom Lied?
- daß es vergessen wurde
Ja, wenn man genauer hinschaut, erweist jedes simple Menschenleben sich als romanhaft kompliziert. Was wäre in Zeiten der Unterdrückung eigentlich Anpassung! Und was darf man in Wahrheit Widerstand nennen?
Im Museum der Warschauer Ghettokämpfer Lochamei Ha’getaot in Israel, das ist nördlich der Hafenstadt Haifa, fand ich eine Definition von Widerstand, die mir neu war. Da werden von Fachleuten und Zeitzeugen des Ghetto-Aufstands zehn verschiedene Grade Widerstand nebeneinander gereiht, vom Mitleid bis zum bewaffneten Kampf. Widerstand sei es am Abgrund des Todes schon, wenn »a mensch« einem sterbenden Kind in den Straßen des Warschauer Ghettos eine Krume Brot abgibt und ihm das dünne Mäntelchen über die nackten kalten Beinchen zieht. Widerstand sei es auch, wenn ein Mann im Ghetto trotz des unerhörten Elends in Hunger und Kälte und Todesangst noch versucht, sich zu rasieren, sich zu waschen, wenn eine Frau im Viehwaggon sich noch die Haare kämmt und womöglich ihre Lumpen vom Schmutz säubert. Der Widerstand steigert sich mit der selbstlosen Hilfe für einen Menschen, der sich vor der Deportation auf dem Umschlagplatz im Warschauer Ghetto verstecken will in einem Kellerloch. Es wird da als eine Form des Widerstands auch gewürdigt, wenn ein Kind Lebensmittel aus dem arischen Teil der Stadt durch die Kanalisation ins Juden-Ghetto schmuggelt. Als Widerstand gilt auch, wenn Leute Geld geben für den Kauf von Waffen. Eine bedeutende Form des Widerstandes war natürlich, wenn der alte Dichter Jizchak Katzenelson der Yonat Sened und anderen Kindern im Bunker heimlich Gedichte von Heinrich Heine beibrachte oder diesen polnischen Jidden die hebräische Sprache, die ihnen dann in der Gaskammer von Treblinka oder in Auschwitz nicht mehr half. Und es war Widerstand, wenn halbwüchsige Chaluzim den jüdischen Gestapo-Spitzel Alfred Nossig töteten. Auch wenn der Historiker Emanuel Ringelblum Dokumente in einer Milchkanne unter dem Keller eines zerschossenen Wohnhauses im Warschauer Ghetto vergrub, dann war das ein Akt heroischen Widerstands. Und die »höchste« Form des Widerstandes war, wenn solche Kämpfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto wie Jizchak Zuckermann oder Marek Edelmann mit Waffen den Kampf gegen die Mordmaschine der Deutschen und ihre polnischen Kollaborateure wagten.
All das schärfte mir den Blick dafür, daß auch der Widerstand in der DDR viele Facetten hatte, vom Ulbricht-Witz über den Fluchtversuch bis zur offenen Opposition. Es empört mein Herz, daß mein zerfreundeter Freund und falscher Feind Günter Grass die Diktatur bei uns als »moderat« so brutal verharmloste.
In diesem lebenslänglichen Spezialfach »Widerstand« kriegte ich eine starke Lektion gleich im Mai 1953, als ich erst seit ein paar Tagen in Gadebusch gelandet war. Eine zarte, stille Schülerin der 9. Klasse, Margot Ullerich, wurde vom Rektor Clemens Ewert vor den versammelten Schülern und allen Lehrern der Heinrich-Heine-Oberschule und vor dem Bürgermeister und dem Parteisekretär der Mecklenburger Kreisstadt und unter den Glubschaugen der örtlichen FDJ-Sekretärin vom Präsidiumstisch herunter aufgefordert, sich zu distanzieren von der evangelischen Kirche. Das Mädchen sollte seinen Austritt aus der »Jungen Gemeinde« erklären. Die Antwort, sehr leise und sehr fest: »Nein. Ich glaube an Gott.«
 
Ich habe in diesen Tagen zum ersten Mal in meinem Leben den Playboy gelesen – und das hat sich gelohnt. Ein Stasi-Arzt aus der berüchtigten Untersuchungshaftanstalt des MfS in Hohenschönhausen, wurde – jetzt, in der Februar-Ausgabe – zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer von einem seiner Opfer zur Rede gestellt, von der einstmaligen DDR-Fernsehansagerin Edda Schönherz. Diesen Teil des Dialogs habe ich mir aus dem Glitzerglamourheft abgeschrieben:
 
Schönherz: Aber die DDR war eine Diktatur.
Dr. Dr. Böttger: Für mich eher eine gemütliche Knechtschaft. In Ihnen kochen Rachegelüste, das spüre ich.
Schönherz: Ein bißchen ist das so. Zumindest rechne ich Ihnen hoch an, daß Sie sich dem Gespräch stellen. In einem anderen Leben wären wir vielleicht Freunde geworden.
 
»Gemütliche Knechtschaft...« – eine geniale Wortschöpfung. Mich rührt diese Passage, und sie widert mich an. Der Wortwechsel zeigt in komprimierter Form, wie anrührend versöhnungssüchtig immer wieder und immer noch die Opfer sind. Und er zeigt, daß die Täter ihren Opfern nach dem Ende der Diktatur niemals verzeihen werden. Aber diese Sichtweisen sind fast noch naiv von beiden Seiten, im Vergleich mit dem brutalen Zynismus eines Politprofessors in Potsdam. In diesen Tagen fand ich in der großbürgerlichen FAZ seine Kennzeichnung der DDR als eine »Konsensdiktatur«. Wer hat auf diesen Begriff das Copyright? Dem Schriftsteller Grass jedenfalls gebührt es für das Unwort »kommode Diktatur«.
Wenn ein deutscher Universitätslehrer solchen verbrecherischen Unsinn verbreitet, dann ist das besonders fatal, weil es ja grade in Deutschland eine wirkliche Konsensdiktatur gegeben hat, grad eben noch: Das III. Reich. Unter Hitlers Herrschaft waren wirklich über 90 Prozent der Bevölkerung einverstanden mit dem totalitären Regime. In bezug auf die DDR aber ist diese Verwendung des Begriffs »Konsensdiktatur« eine plumpe Lüge, eine Verleumdung dazu. Aus Sicht der historischen Wissenschaft falsch, aus politischer Perspektive reaktionär und in seiner ethischen Dimension zynisch.
Es gab keinen Konsens in der DDR mit dem Regime. Eine Minderheit von Nutznießern jubelte, die Mehrheit aber hatte sich mehr oder weniger ins Schicksal ergeben, daß allein sie die Strafe absitzen müsse für die Kriegsverbrechen und Völkermorde des Hitler-Reiches. Ich habe nach dem Zusammenbruch der DDR genauer nachgeforscht, wie stark die Gestapo in der ersten und wie stark die Staatssicherheit war in der zweiten Diktatur. Und das kam dabei heraus: Es gab pro Kopf der Bevölkerung etwa fünfzig mal mehr Mitarbeiter des MfS bis 1989 als bei der Geheimen Staatspolizei bis 1945. Auf den ersten naiven Blick ein Schock. Aber in Wirklichkeit offenbaren diese Zahlen eine interessante Wahrheit: Die allermeisten Deutschen waren begeistert von der Nazi-diktatur, also brauchten die Herrschenden nur solch einen kleinen Unterdrückungsapparat gegen das eigene Volk. Und so spricht es also für die Deutschen in der DDR, daß der MfS-Geheimdienst zur Bespitzelung und zur Unterdrückung der DDR-Bürger so riesengroß sein mußte. Es gab eben viele Ostmenschen, die gegen diese rotgetünchte Diktatur waren, so daß ein Heer von 91 Tausend hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS vonnöten war, um diese wacklige SED-Herrschaft stabil zu halten. Und es gab außerdem noch weit mehr als 100 Tausend Inoffizielle Mitarbeiter des MfS, vulgo »Spitzel«. Auch das spricht für die Menschen in der DDR: weil es dort eben nicht so viele willige Nachbarn und Kollegen und Bekannte gab, die nichtkonforme Bürger denunzierten. Nazideutschland war also leider wirklich eine Konsensdiktatur. Die DDR aber war eine Diktatur gegen den Willen der großen Mehrheit der Bevölkerung.
Selbst wenn heute, zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, zehn oder sogar zwanzig Prozent der Bürger in den neuen Bundesländern die Partei ihrer alten Unterdrücker frei wählen, dann wählen also schon achtzig Prozent der Menschen eine der demokratischen Parteien. Das ist eben der mühsame Weg in die unbequeme, die ewig unvollkommene Demokratie. Es tut eben grade auch den befreiten Sklaven und den allzu lang entmündigten Untertanen weh, wenn sie nach der Befreiung merken, daß das Zauberwort Freiheit in klares Deutsch übersetzt nichts anderes bedeutet als: verantwortlich sein für sich selber.
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»Die Mehrheit aber hatte sich mehr oder weniger ins Schicksal ergeben, daß allein sie die Strafe absitzen müsse …« Ost-Berlin 1983 – die Spree fließt in den Westen …
In einer anonymen Umfrage, die 1950 in der westlichen Bundesrepublik Deutschland gemacht wurde, offenbarten etwa zwanzig Prozent der Deutschen, daß sie die NSDAP wählen würden, wenn es nicht inzwischen verboten wäre.
Wir haben es erlebt, erlitten und genossen: In einer totalitären Diktatur kann schon ein Wimpernschlag der Widersetzlichkeit Widerstand bedeuten, weil solch eine totalitäre Diktatur halt nur total funktioniert oder gar nicht.
Und abermals wird das Komplizierte immer noch komplizierter: Selbst die schlimmsten Unterdrücker gehören, wenn wir die Perspektive wechseln, ja auch zu den Opfern ihres eigenen Regimes. Die Angst eines strammen Genossen vor seiner SED-Parteikontrollkommission konnte größer sein als die Angst eines Oppositionellen vor der Stasi. Manche Allesmitmacher hatten gar keine, aber andere hatten sogar mehrere Seelen in ihrer Brust. So kommt es, daß manche Täter sich allen Ernstes zugleich auch als Opfer fühlen, weil sie ja von Zeit zu Zeit in besonderen Fällen sogar einen humanen Schwächeanfall erlitten. Und auf der Gegenseite passierte es, daß umgekehrt auch Opfer sich partiell als Täter sahn, weil sie manchmal halb blind, halb ängstlich doch weggeschaut haben.
Albert Einstein: »Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.« Kurz: Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend.
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Einreise nach Ost- Berlin am 1. Dezember 1989 zum ersten Konzert in der DDR nach der Ausbürgerung 1976
Allein, wenn ich an meinen Freund Jürgen Böttcher denke, den bedeutendsten Dokumentarfilmer der DDR, dann habe ich schon den halben Regenbogen der Bedeutungen des Wortes »Widerstand« vor Augen. Etliche seiner starken Filme wurden verboten und landeten gleich im Panzerschrank. Für einen schwächeren Propaganda-Film kriegte er zur Strafe den Nationalpreis.
Dabei war er all die Jahre Mitglied der SED, schon von Anfang an, nach dem Nazikrieg. Und wenn seine dumpfbackigen Genossen ihn zwingen wollten, sich von mir zu distanzieren, dann sagte er in der Parteiversammlung: »Genossen, ihr habt ja recht. Aber ich kann leider nix machen, denn wir sind befreundet...« So zog er den Kopf ein, aber er behielt tapfer seinen eigenen Kopf.
In all den Jahren meines Totalverbots von 1965 bis zur Ausbürgerung 1976 war ich umstellt von Spitzeln der Staatssicherheit, aber ich war zugleich umgürtet von Freunden, berühmten und unberühmten DDR-Menschen, die dafür sorgten, daß ich nicht vereinsame, verbittere und verhärte und verblöde.
Zudem vermute ich, daß es in Wahrheit noch vertrackter ist: Es müssen in jeder stabilen Lebenslüge immer auch ein paar wacklige Wahrheiten stecken, in jeder Barbarei Spurenelemente der Menschlichkeit. Der einzelne Mensch braucht sie, um seine lebensnotwendigen Illusionen zu behalten.
Nun reicht es mit den Differenzierungen, sonst geraten wir in eine endlose Differenzialrechnung über infinitesimalgerechnete Ethik, wir quacksalbern uns in eine Approximation der Tangente als Sekante zum moralischen Proportionalitätsfaktor zwischen verschwindend kleinen Änderungen des moralischen Eingabewertes. Weder die Mathematiker Descartes noch Isaac Newton noch Leibniz oder Leonhard Euler können uns ersparen, grob und deutlich Partei zu ergreifen auf dem Affenfelsen der Menschheitsgeschichte. Die kompliziertesten Kompliziertheiten sind immer auch zugleich sehr einfach. Und deshalb steht ja in der Luther-Bibel das weise Wort:
Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.
 
Die Grenzen sind eben beides: fließend und nicht fließend. Das gilt auch für Täter und Opfer. Wenn aber von einem Mann berichtet wird, er sei in Auschwitz ums Leben gekommen, dann möchte ich erst mal genau wissen, ob er dort in der Gaskammer starb oder weil er als SS-Mann vor lauter Heimweh besoffen vom Wachturm gestürzt ist, in den elektrischen Stacheldrahtzaun. Natürlich war dieser fiktive SS-Wachmann auch ein Opfer der Nazis. Er kam immerhin schuldlos aus seiner Mutter Bauch, wuchs auf in der Weimarer Republik. Und dann haben Hitler und Goebbels und Himmler ihn fanatisiert und verblödet und mißbraucht zum Mordgehilfen. Aber er ist und bleibt unterm Strich bei der himmlischen wie in der irdischen Buchhaltung im »Buch des Lebens« ein Mörder. Er ist ein Menschenfeind wie auch der beseelte Selbstmordmörder in Tel Aviv, der sich mit einem Bombengürtel ins Moslem-Paradies davonmacht und dabei zehn Überlebende der Shoa mit in den Tod reißt.
Manchmal treffe ich lebenskluge und auch gebildete Westmenschen, die zu unserem Streit um die Deutungshoheit über die DDR-Diktatur leise sagen: »Ich habe es ja nicht selber erlebt, ich kann mir also kein Urteil erlauben...« – dann widerspreche ich. Jeder Mensch kann im tiefsten Grunde alles Menschliche und Unmenschliche aller Umstände und aller Zeiten beurteilen, egal, wo, wann und wie er aufwuchs: West oder Ost, links, rechts, arm, reich, hoch- oder schwach gebildet. Was Freude und Leid ist, Tapferkeit und Feigheit, was Treue und Verrat, Lüge und Wahrhaftigkeit, Liebe, Haß und Heuchelei – das alles hat jeder Mensch in dem sozial-kulturellen Nest gelernt, in dem er zufällig ausgebrütet wurde. Und dann kann er, wie die Mathematiker sagen, von »n« auf »n + 1« schließen, kann also doch nein oder ja sagen. Und wenn er unter dem Eindruck neuer Erfahrungen sich irgendwann korrigiert, dann kann er auch zu einem anderen Urteil kommen. Aber!!! sich selbst prophylaktisch für unerfahren erklären, sobald es ernst wird, sich also eine vorauseilende Generalamnestie für feige Polit-Voyeure zubilligen – das ist nicht akzeptabel. So lumpenhaft bescheidene Sich-selbst-Entmündiger etwa im Konflikt um die Haltung zur DDR-Diktatur sollten sich mal fragen, warum sie eigentlich so vollmundig verurteilen, wenn es um die Verbrechen der Nazizeit geht, die sie ja selber auch nicht erfahren haben, geschweige denn erlitten.
Voilà, lieber Roman Grafe, Sie haben mich in ein vertracktes Terrain gelockt: Tretminen, Fangeisen, Sumpflöcher, Fallgruben. Es ist alles komplizierter und einfacher zugleich – und das macht es einfach kompliziert.

RAINER SCHINZEL
Ich trug gern das blaue Halstuch.
Erst Mitläufer, dann Wegläufer
Geboren wurde ich 1946 in Thüringen, aufgewachsen bin ich in der DDR.
1952 wurde ich in Probstzella eingeschult. Ich ging gern zur Schule, meine Klassenlehrerin, Fräulein Sonntag, mochte ich.
Als ich eines Morgens im März 1953 den Schulhof betrat, schauten die Lehrer sehr ernst, einige weinten. »Väterchen Stalin« war gestorben, und auch ich war traurig, als ich das erfuhr. Die orientierungslosen Lehrer schickten uns wieder nach Hause. »Keine Schule heute?« empfing mich mein Großvater. Ich hatte immer noch Tränen in den Augen. »Schule fällt heute aus, Stalin ist gestorben!« – »Gott sei Dank, daß dieser Verbrecher endlich weg ist«, sagte Opa Karl. »In der Schule darfst du das nicht sagen!« schärfte er mir ein. »Du verstehst das noch nicht.«
Ich verstand. Meinem Opa glaubte ich, Stalin kannte ich nur von Bildern. Daß er im Kreml immer ein Licht brennen hatte, weil er soviel arbeitete, das hatte mich schon beeindruckt. Nun war er tot. Wahrscheinlich hatte er zuviel gearbeitet. Meine Eltern sagten auch oft zu mir: »Erzähl’ davon aber nichts in der Schule!« Daran hielt ich mich.
Die Schule war eine Welt für sich. Im Unterricht hörten wir, daß wir einer blühenden Zukunft entgegengingen. Die Sowjetunion mache dies möglich, hatten uns doch die Sowjetmenschen vom Faschismus befreit. Zu Hause erfuhr ich, daß uns die Russen – meine Verwandten kannten wohl den Begriff Sowjetmenschen noch nicht – auch von einigen anderen Dingen befreit hatten, von Fahrrädern und Uhren zum Beispiel. Darüber wurde nur im Flüsterton geredet, neugierig nahm ich solche Nachrichten auf.