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Inhaltsverzeichnis




































































Danksagung

ICH DANKE ALLEN, die mir beim Entstehen dieses Buches auf verschiedene Weise geholfen haben, vor allem meiner Agentin Petra Hermanns und Maria Dürig vom Verlag Blanvalet. Mein besonderer Dank geht an Ilse Wagner, die meiner Sprache den letzten, wichtigen Schliff verleiht und oft das bessere Wort für einen Gedanken von mir findet.

Autor

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. 2002 erfüllte er sich den Kindheitswunsch, Bücher zu schreiben. Sein Debütroman »Die Herrin der Päpste« wurde ein großer Erfolg, den er mit »Die Hure von Rom« wiederholen konnte. Eric Walz lebt heute als freier Autor in Berlin.

 

 

Mehr unter:
Von Eric Walz ist bereits erschienen:
Die Herrin der Päpste (36493) – Die Schleier der Salome (36888) – Die
Sternjägerin (37133)

 

Die historischen Kriminalromane um die junge Ulmer Glasmalerin Antonia Bender und den jungen Jesuiten Sandro Carissimi: Die Glasmalerin (36718) – Die Hure von Rom (36719) – Der schwarze Papst (37269)

Nachwort

EINE FIGUR WIE Ermengard schwebte mir schon lange vor. Ein Mensch – egal, ob Mann oder Frau –, der das schlimmste Verbrechen begeht, aber im klassischen Sinn nicht böse ist. Das Schwarz-Weiß-Schema Mörder = finsterer Schurke wollte ich in Frage stellen. Das haben vor mir schon andere gemacht, aber mich einzureihen, war verlockend. Es ist natürlich jedem erlaubt, sich eine eigene Meinung zu bilden, aber ich finde Ermengard faszinierend.

 

Noch ein paar Worte zur Handlung und den geschichtlichen Grundlagen. Die Morde in der Pfalz sind frei erfunden und demzufolge auch alles, was im Roman damit zusammenhängt, also die Ermordeten, die Täter, die Giftmeisterin … Ich habe mit Fionee zum ersten Mal eine Figur erschaffen, die »übersinnliche« Fähigkeiten besitzt, und ich habe lange überlegt, ob ich das wirklich möchte, da ich diesen Dingen skeptisch gegenüberstehe. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich entdeckt habe, dass die im Roman erwähnten Fähigkeiten Fionees durchaus nicht übersinnlich sind. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die nachgewiesenermaßen über die Begabung verfügen, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. In siebenundneunzig Prozent der Fälle gelingt ihnen das tatsächlich: Sie sehen Menschen anhand gewisser Kriterien das Lügen an. Ähnliches gilt für die überragende Intuition, die Fionee an den Tag legt, wenn sie »sieht«, welches Schicksal Ermengard bevorsteht. So etwas kommt auch in unseren Tagen öfter vor, als man denkt. Angefangen von jenem Mann, der vorzeitig aus einem Londoner Bus stieg, weil eine innere Stimme ihm sagte, dass Gefahr drohe – eine Minute später flog der Bus in die Luft. Bis hin zu Frauen und Männern aller Weltreligionen, die sich in Trance in andere Menschen hineinversetzen können. Da bleiben natürlich Fragezeichen – aber die bleiben bei Fionee ja auch.

Karl der Große – Charlemagne, wie die Franzosen ihn nennen – wird von mir aus der Sicht Ermengards beschrieben, wobei Ermengards Gedankenwelt selbstverständlich nicht unabhängig von der meinen ist. Wo sie von Karl enttäuscht ist, bin ich es auch, wo sie sich über ihn empört, empöre auch ich mich über ihn, und wo sie von den ungleichen, aber miteinander verbundenen Geschwistern Westfranken und Ostfranken (Frankreich und Deutschland) spricht, gibt Ermengard die ehrliche Meinung des Autors wieder.

Das »Urteil«, das im Roman über Karl/Charlemagne gefällt wird, erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, was auch gar nicht möglich ist, da Ermengard ihre Aufzeichnungen im Jahr 799 schreibt und der König und Kaiser Karl noch vierzehn Regierungsjahre vor sich hat. Die im Roman und speziell in Ermengards Erinnerungen beschriebenen Ereignisse berücksichtigen allerdings die aktuelle Geschichtsforschung. Um nur einige Beispiele zu geben: Das »Blutgericht von Verden« und die anderen Gräuel während der Sachsenkriege entsprechen ebenso den Tatsachen wie die erst halb fertige Pfalz Aachen oder Karls Egoismus bezüglich seiner Töchter, die er nicht verheiratete, um sie weiterhin um sich zu haben. Da die Details vieler Ereignisse beziehungsweise das Schicksal einiger historischer Figuren nicht bekannt oder umstritten sind – beispielsweise das Schicksal Gersvinds oder die Vorgänge während des Blutgerichts von Verden –, habe ich sie nach eigenem Gutdünken gestaltet.

Eine kleine Änderung der Geschichte habe ich in der Nebenhandlung bezüglich des Papstes vorgenommen. Leo III. wurde zwar tatsächlich Opfer einer Adelsrevolte und musste aus Rom ins Frankenreich fliehen, wo er bei König Karl Schutz suchte und seine Rückkehr nach Rom beriet. Doch fand besagte Revolte einige Monate vor der Romanhandlung statt, und außerdem ließ Karl, der zu jener Zeit tatsächlich in der Pfalz Aachen weilte, den Papst in Paderborn unterbringen. Da ich die Einheit von Zeit und Ort aus so nichtigem Anlass nicht zerstören wollte, habe ich Leo kurzerhand nach Aachen kommen lassen.

In vielen Detailinformationen war ich dafür wieder sehr genau. Fünf Beispiele: Aachen war zur Zeit der Erbauung der Pfalz noch ein Hüttendorf; der Reichstag zu Frankfurt beschloss die Vereinheitlichung der Münzgewichte; Königin Fastrada war launisch und unbeliebt, sie wurde im erwähnten Kloster St. Alban bei Mainz beigesetzt, die Grabinschrift habe ich original übernommen; die Kebsehe (Konkubinenehe) war damals noch sehr verbreitet und wurde erst später von der Kirche streng verdammt; es gab keine einheitliche Strafverfolgung von Engelmacherinnen im fränkischen Reich (in Friesland, zum Beispiel, war es Müttern sogar erlaubt, ihr Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt zu erwürgen).

 

Dies war mein erster in der Ich-Form geschriebener Roman, und ich hoffe, Sie hatten beim Lesen so viele gute Momente wie ich beim Schreiben.

E. W.

1

AACHEN, AM HEILIGEN Abend im Jahr des Herrn siebenhundertneunzig und neun. Das Jahrhundert liegt in seinen letzten Zügen. Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft: zwischen mir, der Gräfin Ermengard, und der Fremden Fionee, die von allen gemieden wird und von der ich mittlerweile weiß, dass sie eine Giftmeisterin ist. Und es ist die Geschichte eines Verbrechens. Ich sollte besser sagen, die Geschichte zweier Verbrechen: eins das ich aufgeklärt habe, und ein anderes, das ich beging.

 

Ich zögere weiterzuschreiben, so wie der Kranke zögert, den Arzt kommen zu lassen. Die Gespenster, mit denen ich mich während dieses Berichts – oder dieser Beichte – auseinanderzusetzen habe, werden mich quälen, bevor sie mich verlassen. Sie bewegen sich, durch mein Schreiben aufgeweckt, bereits in diesem Augenblick tief in mir drin. Ich spüre sie. Und ich habe Angst vor ihnen, vor mir selbst.

 

Von draußen dringen geistliche Gesänge bis zu mir in mein Zimmer, in dem ich unter Arrest stehe. Der Papst und der König führen eine Prozession durch Aachen und um die Pfalz herum an, die noch bis in die Nacht dauern wird. Der ganze Hof nimmt teil. Ich höre tröstende oder von Freude kündende Gesänge schon seit heute Nachmittag, und ich muss sagen, dass sie meine Not nicht gelindert haben. Im Gegenteil, die ständige, wenn auch verständliche Anwesenheit des wiedergeborenen Heilands hat meinen Zustand noch verschlimmert. Ich fühle mich außerstande, auf eine andere Weise als diese hier über das Rechenschaft abzulegen, was wie ein Gewicht auf mir lastet. Ich muss schreiben.

2

WANN DIE GESCHICHTE meines Verbrechens begann, weiß ich nicht. War es, als mir die Idee dazu kam? Oder fängt ein Verbrechen nicht schon viel früher an, zu dem Zeitpunkt, an dem die Grundlagen dazu gelegt wurden? Ist der Tod meines ersten Kindes, das vor sechzehn Jahren noch vor der Geburt starb, die Wurzel der Geschehnisse der vergangenen paar Tage? Es folgten noch drei weitere unglückliche Geburten. Sind sie Teil des Übels, das mich befallen hat? Ich werde diese Frage jetzt noch nicht klären können.

Sehr viel leichter ist es zu bestimmen, wann die Geschichte des Verbrechens, das ich aufgeklärt habe, begann. Für mich begann sie vor ungefähr zwei Wochen, am Tag nach dem zweiten Adventssonntag. Die Ähnlichkeiten zum heutigen Abend sind übrigens verblüffend: Es war bereits dunkel, und meine Nichte Gerlindis saß – genauso wie in diesem Moment – am Kohlefeuer unten in der Wohnhalle und nähte an einem Tuch. Sie konnte mich nicht sehen. Ich beobachtete sie von der Treppe aus, und ich erinnere mich, dass meine Sinne ungewöhnlich wach waren, sodass ich sogar das Geräusch hörte, das der Faden macht, wenn die Nadel ihn durch den Stoff zieht, und das Rosenöl roch, das sie zweifellos aus meinem Zimmer gestohlen und hinter die Ohren getupft hatte. Meine enorme Wachheit und Erregung der Sinne hatte einen ebenso einfachen wie guten Grund, denn nur ein paar Schritte weiter war mein Gemahl in seinem Zimmer mit seiner Konkubine zusammen.

Ich fragte mich, soll ich zu Gerlindis gehen und Trost bei ihr suchen? Aber ich hätte zu viel von ihr erwartet, sie wäre nicht in der Lage, mich zu trösten. Absurderweise hätte niemand außer Arnulf, mein Mann, das fertiggebracht.

Ich ging ins Obergeschoss zurück, an meiner Kammer vorbei in Gerlindis’ Kammer. Sie unterschied sich von meiner nur durch eine Feinheit, die kaum jemandem auffiel, für mich jedoch ein bedeutendes Wesensmerkmal darstellte. Auf dem Tisch lag – die geschliffene Metallfläche nach unten – ein Handspiegel.

Ich nahm ihn auf. Es musste drei oder vier Jahre her sein, dass ich mich zuletzt betrachtet hatte. Ich besaß keinen Spiegel. Morgens machte mich stets die Zofe zurecht, und außer gelegentlich ein wackeliges Bild in einer Wasserschale bekam ich von meinem Gesicht nichts zu sehen. Mein burgundisches Naturell und meine Jugend in einfachen Verhältnissen hatten mich uneitel gemacht.

Zu sagen, ich wäre erschrocken, würde nicht wiedergeben, was ich in diesem Augenblick fühlte. Erschrecken gibt es nur, wenn etwas Unerwartetes eintrifft. Was ich hingegen im dürftigen Schein der Öllampe erblickte, hatte ich erahnt: eine Frau von über vierzig Jahren, deren Augen sich mit Schatten gefüllt hatten. Mit viel Mühe hatte ich jahrelang erfolgreich gegen Kummer und Traurigkeit und Groll angekämpft und erhielt jetzt die Bestätigung, dass mich dieser Kampf müde gemacht hatte. Von den Augen, die ja stets die ersten Künder der Gefühle sind, griff die Müdigkeit bereits auf meine Gesichtszüge über. Am Rand meiner Augen, an meiner Nase entlang und an meinen Mundwinkeln zogen sich feine Linien nach unten. Vielleicht war das der Lauf der Dinge, das Schicksal des Alters, aber gerade die kleinen Falten an den Mundwinkeln ließen mich, die ich mutig den Widernissen getrotzt hatte, mutlos erscheinen. Ich fühlte mich betrogen. Ja, genau das. Ich war eine Betrogene, Getäuschte, und zugleich war ich eine Täuscherin, die schwächer wirkte, als sie war. Denn dieses Gesicht spiegelte nur einen Teil meines Wesens wider. Noch immer besaß ich Humor und lachte gerne, wenngleich vornehmer als noch vor zwanzig Jahren. Und noch immer war Liebe in mir. Wo stand all das in meinem Gesicht geschrieben?

Allein auf meinen rosigen Wangen glänzte noch die Jugend, die ich längst verloren glaubte. Da waren sie, die rastlose Frische, die Erwartung einer gesegneten Zukunft, die Neugier, Frechheit und Beredsamkeit, die ich früher besessen hatte.

Kurz davor, den Spiegel zu Boden zu werfen, erinnerte ich mich gerade noch rechtzeitig daran, wie viel Freude er Gerlindis machte. Sie ist in ebenso bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen wie einst ich, und als ich sie vor einem Jahr, nach ihrer Ankunft in Aachen, fragte, was ich ihr schenken dürfte, wünschte sie sich den ersten Spiegel ihres Lebens. Siebzehnjährige Frauen wie Gerlindis fühlen sich nun einmal angezogen von ihren Spiegelbildern, in denen sie Gott weiß was zu erkennen glauben.

Ich verließ die Kammer einer Glücklichen und wandte mich jener von zwei weiteren Glücklichen zu. Hinter einer Zwischentür, der sich ein kurzer Gang anschloss, lag die Kammer meines Gemahls. Bisher war die Zwischentür für mich tabu gewesen; sie bildete die unausgesprochene und daher umso bedeutendere Grenze zu einem Reich, das auch meines hätte sein sollen, tatsächlich aber einer anderen Frau gehörte. Dort war ich eine widerrechtlich zurückgekehrte Exilantin.

Das Gelächter, das ich vernahm, als ich mein Ohr an die Kammertür drückte, kam mir wie die unmittelbare Bestrafung einer Sünde vor. Nicht das, was hinter dieser Tür vorging, war eine Überraschung für mich – war es vom ersten Tag an nicht gewesen –, wohl aber, welche ausgelassene Freude dabei herrschte.

Sofort trat ich die Flucht an. Ich nenne es absichtlich so, denn ein Rückzug geht geordnet vor sich.

Ich griff mir meinen Mantel und eilte die Treppe hinunter.

»Tante?«, hörte ich Gerlindis zaghaft fragen.

Ich wandte mich nicht zu ihr um. Wortlos verließ ich das Haus.

 

Nachdem ich eben diese letzten Zeilen geschrieben hatte, hob sich meine Hand unentschlossen, zitterte, ließ sich beruhigen, und ich schrieb weiter. Nur das kratzende Geräusch der Feder auf dem Pergament ist zu hören.

 

Eine Weile stand ich einfach so da, die Tür im Rücken und die Nacht vor Augen. Ich war unwillig, ins Haus zurückzukehren, und sah keinen Vorteil darin, in der Dunkelheit herumzulaufen. Wie festgefroren verharrte ich, umgeben von winterlicher Kälte und angefüllt mit einer anderen, inneren Kälte, die meinen Geist bewegungsunfähig machte. Vergeblich fragte ich mich, was ich fühlen sollte, welche Haltung die angemessene wäre, und kam doch nur zu dem Resultat, keine bestimmte Haltung einzunehmen. Gottes Wille – diese zwei Worte rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis. So einschüchternd sie manchmal sein konnten, so beruhigend wirkten sie. Gottes Wille hatte meine vier Kinder ins Himmelreich geholt, und Gottes Wille hatte meinem Gemahl, der jahrelang geduldig auf einen Erben gehofft hatte, eine Konkubine zugeführt, die ihm Kinder gebar. Ich fragte mich: Muss ich nicht dankbar sein, dass Arnulf sich erst spät eine Konkubine genommen hat, nämlich vor drei Jahren, zu einem Zeitpunkt, als deutlich wurde, dass mir keine fünfte Schwangerschaft vergönnt war? Andere Gatten handelten viel früher, manche von ihnen gar ohne Not, da ihre Frauen ihnen längst mehrere Erben geboren hatten. König Karl, beispielsweise, der zurzeit zwei Konkubinen hatte, obwohl es reichlich Prinzen gab – und eine Königin. Wenn Königin Liutgarde ihr Schicksal klaglos ertrug – und danach sah es aus –, welches Recht hatte ich, Gräfin Ermengard, zu hadern?

Ich schloss den Mantel enger um meinen Körper und ging ein paar Schritte durch den Schnee. Es blieb also alles, wie es war. Ich würde keine bestimmte Haltung einnehmen. Alles, was ich tun musste, war, meinen Gemahl nicht länger als mein Eigentum zu betrachten und nicht ständig in der Bereitschaft zu leben, den Kampf um ihn aufzunehmen. Die Eifersucht war ein gefräßiges Tier, dem es galt, Einhalt zu gebieten.

Dermaßen zur Ruhe gebracht, setzte ich meinen bislang zaghaften Spaziergang entschlossener fort. Ich befand mich inmitten der Königspfalz, die bereits zu großen Teilen fertiggestellt, trotzdem noch im Bau befindlich war. Der hinter dünnen Wolken verborgene Mond spendete gerade so viel Licht, dass er die Konturen der Türme, Hallen, Mauern und Lastkräne sichtbar machte. Fast der gesamte Hof – auch Arnulf und ich – lebte in behelfsmäßig errichteten Häusern am Rand der Baustelle und wartete sehnsüchtig darauf, im nächsten Sommer die fertige Pfalz beziehen zu können. Ausgenommen davon waren nur König und Königin, die den fertigen Königsturm bezogen hatten, sowie die Prinzessinnen und königlichen Konkubinen, die im Frauenhaus wohnten. Die Pfalz sollte, dem Willen des Monarchen gemäß, der Mittelpunkt des fränkischen Reiches werden. Auch Quierzy, Reims und Worms waren im Gespräch gewesen, da sie, ebenso wie Aachen, von großen, wildreichen Wäldern umgeben und von Menschen bewohnt sind, die einen fränkischen Dialekt sprechen. Die warmen Quellen dieser Gegend, die der Gesundheit so zuträglich sind, übten auf Karl jedoch die größte Anziehungskraft aus. Für mich, die ich unter burgundischer Sonne aufgewachsen bin und den Winter lange Zeit nur als kurze Zeitspanne gekannt hatte, bedeutete die Entscheidung für das Dorf Aachen einen gewissen Trost. Wenn schon nicht Chalon oder Vienne zur wichtigsten Residenz gemacht wurden, wollte ich die kalten Monate wenigstens in einem warmen Bad sitzend verbringen.

Ich blieb stehen, lauschte … Wie wunderbar! Eine außergewöhnliche Stille, so wie der Raureif der Nacht, überzog den Hof. Ich hörte nichts, atmete unhörbar. Auch aus den Stallungen, in deren Nähe ich mich befand, kam kein Geräusch. Aachen schien weit weg, obwohl wir uns – nur umgeben von Palisaden – in seiner Mitte befanden. Kein Hund bellte. Kein Wind wehte. Ich atmete tief durch, und der Geruch von Stroh und Pferden kämpfte sich durch die Eiseskälte und stieg mir in die Nase, ebenso der Geruch trockenen Holzes, das am Rande der Stallungen lagerte. Die Welt war mit einem Mal wieder zu einem lebenswerten Ort für mich geworden, und der Schmerz, der mich vorhin noch heftig getroffen hatte, war wie die Erinnerung an einen schlimmen Traum.

Ich wandte mich in der Absicht um, zum Haus zurückzukehren – und stolperte über eine Leiche. Ich erkannte sofort, dass der Mann, der mit dem Gesicht nach unten lag, tot war, denn meine Hand wurde bei seiner Berührung rot von Blut und um ihn und mich herum hoben sich etliche dunkle Flecke vom Schnee ab.

3

WIE WÄRE DAS Leben, wenn wir um seinen geplanten Verlauf wüssten? Wenn es etwas oder jemanden gäbe, einen Erzengel vielleicht, der uns im Alter von fünfzehn Jahren darüber unterrichtete, was Gott beschlossen hatte? Würde ein junger Mann dann noch in einen von König Karls Kriegen ziehen, im Wissen, darin umzukommen? Würde eine junge Frau, wie ich einst eine gewesen bin, eine Ehe eingehen, in der sie alle Kinder verliert, oder nicht lieber gleich ins Kloster gehen, um dort Frieden zu finden? Und wenn eine innere Stimme uns auch nur einen Tag im Voraus sagen würde, was als Nächstes geschähe … Es wäre wohl das Ende göttlicher Allmacht. Man würde, ungeachtet der Aussicht auf das ewige Leben, sich gegen einen solch perfiden göttlichen Plan erheben.

Ich wünschte mir, ich hätte vor zwei Wochen gewusst, was ich heute weiß, denn dann wäre ich nicht über eine Leiche gestolpert, und selbst wenn, ich wäre meiner Wege gegangen und hätte mich aus allem herausgehalten, was folgte.

Doch das tat ich nicht, und das Ergebnis ist erschütternd. Es kommt vor, dass ich mich frage, worin für mich der Vorteil liegt, weiterhin an Gottes Plan zu glauben, wenn dieser mir im Diesseits wie im Jenseits nichts als Verderben bringt.

Ich rannte irgendwohin. Wieso ich nicht schrie, weiß ich nicht mehr. In der Nähe, auf den Palisaden, standen Wachen, doch in ihren schwarzen Mänteln waren sie von der Dunkelheit verschluckt worden.

Arnulf, das war mein einziger Gedanke. Ich musste Arnulf holen.

Doch ich lief einem anderen Mann in die Arme. Von dieser Körpergröße gab es – außer Arnulf – nur einen Mann am Hof: den König.

»Euer Gnaden«, sagte ich mit gebrochener Stimme.

»Gräfin Ermengard«, erwiderte er, und erst viel später, als ich die Begegnung in aller Ruhe vor meinem inneren Auge wiederholte, bemerkte ich, dass in seiner höflichen Stimme auch Argwohn mitschwang. Eine Frau, ganz allein mitten in der Nacht in der Nähe von Mannschaftsquartieren und Stallungen voller Stroh, offensichtlich in Eile … Er runzelte kurz die Stirn, fragte aber: »Ihr könnt wohl ebenfalls nicht schlafen, wie?«

Immerhin war ich noch vernünftig genug, mich nicht auf eine Plauderei einzulassen, sondern sagte: »Euer Gnaden, dort vorn liegt ein Toter. «

 

Der König kniete neben der Leiche, berührte sie am Nacken, dann am Handgelenk und sagte mit einem Erstaunen, das darauf schließen ließ, dass er dem Geschwätz einer nervösen Gräfin keinen Glauben geschenkt hatte: »Tatsächlich. «

»Nun, wie ich sagte. «

Er beachtete mich nicht, fasste den Leichnam an den Schultern und wälzte ihn auf den Rücken.

Keiner von uns sprach, da wir beide den Toten gut kannten. Hugo war der ältere der beiden Söhne eines hohen königlichen Beamten, des Seneschalls Gerold. Zugleich war Hugo ein hoher Offizier in der königlichen Leibwache.

Sein Gesicht war totenbleich, im wahrsten Sinne des Wortes. Es sah wie die Maske des Teufels bei einem Mysterienspiel aus: entsetzlich verzerrt, graue Lippen … Ich wandte mich ab.

Der König suchte Hugos Körper nach der Wunde ab, fand jedoch keine. »Seltsam«, flüsterte er zu sich selbst, denn er hatte mich völlig vergessen. »Der Körper ist noch warm, aber das Gesicht ist schon erbleicht. Wie ist das möglich?« Dann schlug er Hugos Mantelkragen zurück, legte die Kehle frei – und bekreuzigte sich. »Durchgeschnitten.«

Vorsichtig wandte ich mich dem Leichnam noch einmal zu und trat einen Schritt näher, weil das Unbekannte seit jeher eine große Anziehungskraft auf die Menschen ausübt, auch wenn es nur Schlechtes bedeutet. Ich warf nur einen kurzen Blick auf den Toten, bevor sich alle meine Empfindungen gegen das Grauen sträubten und ich mich erneut abwandte. Durch die heftige Bewegung erinnerte der König sich meiner.

»Gräfin. Bitte schickt Euren Gemahl hierher.«

»Meinen Gemahl?« Ich muss arg konfus ausgesehen haben, also so, wie ich mich fühlte. Der Anblick eines Menschen, dem man die Kehle durchschnitten hatte, hatte mich schwindlig gemacht.

»Ja«, sagte Karl überdeutlich, »aber wenn Euch nicht wohl ist…«

»Nein, nein, Euer Gnaden, es geht schon. Ich werde also … meinen Gemahl schicken. «

»Das wäre sehr freundlich. «

Die Bitte des Königs war absolut verständlich. Arnulf war der Graf der Pfalz Aachen und somit der hiesige Vertreter königlicher Gewalt und Gerichtsbarkeit.

Der König konnte nicht ahnen, was er mit seiner Bitte anrichtete. Es war ihm darum gegangen, mich, den Gesetzen der Schicklichkeit entsprechend, auf gewandte Weise vom Schauplatz des Grauens zu entfernen und zugleich, den Gesetzen der Gerichtsbarkeit entsprechend, Arnulf schnellstmöglich an den Schauplatz des Grauens zu holen. Tatsächlich schickte er mich in die Liebeskammer meines Gemahls und der Konkubine.