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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Kenny -
die Methode hinter meinem Wahnsinn

Eins
Laurels Schuhe trommelten einen fröhlichen Rhythmus, der keineswegs ihrer Stimmung entsprach. Neugierige Blicke folgten ihr, als sie durch die Flure der Del Norte Highschool ging.
Nach genauer Prüfung ihres Stundenplans suchte Laurel erfolgreich den Bioraum und setzte sich schnell ans Fenster. Wenn sie schon drin sein musste, wollte sie wenigstens rausschauen können. Als ihre Mitschüler in den Klassenraum schlurften, warf ein Junge ihr ein Lächeln zu, während er nach vorne ging. Sie zwang sich zurückzulächeln und hoffte, dass es nicht nur eine Grimasse geworden war.
Ein großer, magerer Mann, der sich als Mr James vorstellte, teilte Bücher aus. Laurel fing sofort an zu blättern: Die ersten Seiten sahen ganz normal aus – Einordnung von Pflanzen und Tieren, das konnte sie -, dann folgte menschliche Anatomie. Ab Seite 80 verstand sie nur noch Bahnhof. Laurel grummelte, das Halbjahr würde sich hinziehen.
Als Mr James die Anwesenheit abfragte, kamen Laurel einige Namen aus den ersten beiden Stunden bekannt vor, aber es würde noch lange dauern, bis sie die Namen den Gesichtern zuordnen konnte. Sie fühlte sich von Fremden umzingelt.
Ihre Mutter hatte auf sie eingeredet, dass sich alle am ersten Schultag an der Highschool so fühlten, aber außer ihr sah keiner verloren oder verängstigt aus. Vielleicht hatten sie sich schon in ihrer Grundschulzeit an die Schule gewöhnt.
In den letzten zehn Jahren war Laurel zufrieden damit gewesen, zu Hause unterrichtet zu werden. Sie hätte gerne so weitergemacht, aber ihre Eltern wollten in der Erziehung ihres einzigen Kindes alles richtig machen. Als sie fünf war, entschieden sie sich für den Privatunterricht in der Kleinstadt. Jetzt, mit fünfzehn, hieß es plötzlich Highschool in einer etwas größeren Stadt.
 
Es wurde still, und Laurel wurde aus ihren Gedanken gerissen, als der Lehrer ihren Namen wiederholte.
»Laurel Sewell?«
»Hier«, antwortete sie rasch.
Sie wand sich, als Mr James sie über den Brillenrand musterte, bevor er den Nächsten aufrief.
Laurel, die die Luft angehalten hatte, atmete erleichtert aus und holte ihr Heft heraus, wobei sie sich um größtmögliche Unauffälligkeit bemühte.
Während der Lehrer den Ablauf des Lehrplans vortrug, schaute Laurel immer wieder zu dem Jungen, der sie vorhin angelächelt hatte. Sie musste ein Grinsen unterdrücken, weil auch er sie mehrmals verstohlen ansah.
Als Mr James sie in die Mittagspause entließ, verstaute Laurel erleichtert ihr Buch im Rucksack.
»Hallo.«
Sie hob den Blick. Vor ihr stand der Junge, der sie beobachtet hatte. Als Erstes fielen ihr seine Augen auf: Sie waren strahlend blau und passten so gar nicht zu seiner olivfarbenen Haut. Die Farbe sah verkehrt aus, aber nicht schlecht. Irgendwie exotisch. Er trug die leicht welligen hellbraunen Haare lang, sie fielen ihm schwungvoll in die Augen.
»Du bist Laurel, stimmt’s?« Unter den Augen entdeckte sie sein warmes lockeres Lächeln und sehr schöne Zähne. Wahrscheinlich hatte er eine Zahnspange, dachte Laurel und fuhr sich unbewusst über die eigenen ebenso geraden Zähne. Sie hatte Glück, ihre Zähne waren von Natur aus so.
»Ja.« Ihre Stimme war rau, sie hustete und kam sich blöd vor.
»Ich heiße David. David Lawson. Ich wollte nur – Hallo sagen. Und willkommen in Crescent City, sozusagen.«
Laurel zwang sich wieder zu einem Lächeln. »Danke.«
»Möchtest du dich beim Mittagessen zu mir und meinen Freunden setzen?«
»Wo denn?«
David sah sie seltsam an. »Äh, wie wär’s in der Cafeteria?«
»Oh«, erwiderte sie enttäuscht. Er sah ganz nett aus, aber sie hielt es drinnen nicht mehr aus.
»Also, ich möchte lieber rausgehen«, sagte sie. »Trotzdem vielen Dank.«
»Klingt gut. Kann ich mitkommen?«
»Meinst du das ernst?«
»Klar. Ich habe mein Mittagessen dabei, es kann gleich losgehen. Außerdem«, sagte er, während er sich den Rucksack über die Schulter warf, »wäre es doch blöd, an deinem ersten Tag ganz allein zu sein.«
»Danke«, sagte sie nach einem Moment des Zögerns, »das ist nett.«
Sie gingen auf die Wiese hinter der Schule und ließen sich auf einem Rasenstück nieder, wo es nicht ganz so feucht war. Laurel breitete ihre Jacke aus und setzte sich hin. David behielt die Jacke an und fragte mit einem skeptischen Blick auf ihre kurze Jeans und das Tanktop: »Ist dir nicht kalt?«
Laurel streifte die Schuhe ab und grub ihre Zehen in das saftige Gras. »Mir wird nicht so schnell kalt – jedenfalls hier nicht. Wenn wir irgendwohin fahren, wo Schnee liegt, fühle ich mich hundeelend, aber dieses Wetter gefällt mir echt gut.« Sie lächelte verlegen. »Meine Mom behauptet, ich wäre kaltblütig.«
»Hast du’s gut. Ich bin vor fünf Jahren aus L. A. hergezogen und habe mich immer noch nicht dran gewöhnt.«
»Also, so kalt ist es auch nicht.«
»Okay«, gestand David grinsend ein, »aber auch nicht richtig warm. Nachdem wir ein Jahr hier gewohnt hatten, habe ich mir die Wetteraufzeichnungen angesehen. Wusstest du, dass der Temperaturunterschied beim Durchschnittswert zwischen Juli und Dezember nur vierzehn Grad beträgt? Das ist doch echt mickrig.«
Sie schwiegen, während David ein Sandwich aß und Laurel mit der Gabel im Salat stocherte.
David brach das Schweigen: »Meine Mom hat mir zwei Muffins eingepackt. Möchtest du einen?« Er hielt ihr einen appetitlichen Muffin mit blauem Zuckerguss hin. »Selbst gemacht.«
»Nein, danke.«
David schaute zweifelnd von ihrem Salat zu seinem Muffin. »Tja, dann.« Als Laurel merkte, was David dachte, musste sie seufzen. Warum kamen die Leute immer auf die gleiche Idee? Sie war doch nicht die Erste auf diesem Planeten, die lieber Gemüse mochte. Laurel tippte mit dem Fingernagel an ihre Sprite-Dose. »Mit Diät hat das nichts zu tun.«
»Ich habe doch gar nicht …«
»Ich bin Veganerin«, unterbrach ihn Laurel. »Ziemlich kompromisslos.«
»Ach, echt?«
Sie nickte und lachte dann verkrampft. »Von Gemüse kann man gar nicht genug kriegen, oder?«
»Wahrscheinlich nicht.«
David räusperte sich und fragte: »Wann bist du denn genau hergezogen?«
»Im Mai. Ich habe viel im Laden meines Vaters geholfen. Er hat den Buchladen in der Innenstadt übernommen.«
»Echt?«, fragte David. »Da war ich letzte Woche drin. Ein toller Laden – aber ich kann mich nicht erinnern, dich gesehen zu haben.«
»Daran ist meine Mom schuld. Sie hat mich die ganze Woche von einem Geschäft zum nächsten geschleppt, um alles für die Schule zu kaufen. Früher bin ich zu Hause unterrichtet worden, deshalb glaubt meine Mom, ich hätte nicht genug Schulzeug.«
»Zu Hause?«
»Ja. Dieses Jahr zwingen sie mich, auf eine öffentliche Schule zu gehen.«
Er grinste. »Da bin ich aber froh.« Nach einem kurzen Blick auf sein Sandwich fragte er: »Vermisst du dein altes Zuhause?«
»Manchmal.« Sie lächelte leise. »Aber es ist schön hier. Der Ort, aus dem wir kommen, Orick, ist total klein, da wohnen nur fünfhundert Leute.«
»Wow.« David kicherte. »L.A. ist unwesentlich größer.«
Sie lachte und verschluckte sich an ihrer Sprite.
David sah so aus, als wollte er noch was fragen, aber es schellte, und so lächelte er sie nur an. »Sollen wir es morgen wieder so machen?« Er zögerte einen Moment und fuhr dann fort: »Vielleicht zusammen mit meinen Freunden?«
Laurel wollte schon instinktiv Nein sagen, aber sie war gern mit David zusammen. Außerdem hatte ihre Mutter auch deshalb darauf bestanden, sie in eine Schule zu stecken, damit sie mehr mit Gleichaltrigen unternahm. »Gerne«, sagte sie also, bevor sie den Mut verlieren konnte, »das wird bestimmt nett.«
»Super.« Er stand auf, streckte die Hand aus, zog sie hoch und lächelte schief. »Na dann … bis später.«
Sie sah ihm nach. In der Jacke und der weiten Jeans sah er ganz normal aus, aber sein Gang strahlte eine ungewöhnliche Selbstsicherheit aus. Einen Augenblick lang war sie neidisch.
Eines Tages würde sie vielleicht auch so weit sein.
 
Laurel warf ihren Rucksack auf die Theke und schwang sich auf einen Barhocker. Sarah, ihre Mutter, schaute von dem Brotteig hoch, den sie gerade unter den Fingern hatte. »Und, wie war’s in der Schule?«
»Scheiße.«
Sie hörte auf zu kneten. »Nicht fluchen, Laurel.«
»Wenn es aber so war. Es gibt kein besseres Wort dafür.«
»Das wird schon, Schatz.«
»Alle glotzen mich an wie den letzten Freak.«
»Sie gucken, weil du neu bist.«
»Ich sehe anders aus als die.«
Ihre Mutter grinste. »Wäre es dir andersrum lieber?«
Laurel verdrehte die Augen, musste aber zugeben, dass es eins zu null für ihre Mutter stand. Sie hatte zwar Privatunterricht gehabt und war vielleicht sehr behütet aufgewachsen, aber sie wusste genau, dass sie aussah wie die Jugendlichen in den Zeitschriften und im Fernsehen.
Sie hatte nichts dagegen.
Unter der Pubertät hatte sie nicht sonderlich gelitten. Ihre beinahe durchsichtige weiße Haut war von Akne verschont und ihre blonden Haare wurden nie fettig. Sie war eine kleine, geschmeidige Fünfzehnjährige mit ovalem Gesicht und hellgrünen Augen. Laurel war immer dünn, doch nicht mager gewesen und hatte sich in den letzten Jahren sogar gewisse Kurven zugelegt. Sie war lang- und zartgliedrig und bewegte sich mit der Anmut einer Tänzerin, obwohl sie nie Ballettunterricht gehabt hatte.
»Ich meine, die haben andere Sachen an.«
»Die kannst du auch haben, wenn du möchtest.«
»Jaja, aber die tragen so klobige Schuhe und enge Jeans und drei T-Shirts übereinander, so sieht es jedenfalls aus.«
»Und?«
»Ich mag keine engen Sachen. Die kratzen und ich fühle mich unwohl. Und bitte, wer trägt freiwillig klobige Schuhe? Iih.«
»Dann zieh dich an wie immer. Wenn das irgendwen stört, wären das wohl kaum die richtigen Freunde.«
Ein typisch mütterlicher Rat. Nett, ehrlich und nicht zu gebrauchen. »Laut ist es auch.«
Laurels Mutter ließ den Teig ruhen und strich sich den Pony aus dem Gesicht. Mit einer Mehlspur auf den Augenbrauen sagte sie: »Also, Süße, du kannst nicht erwarten, dass eine Highschool auch nur annähernd so leise ist wie wir beide allein. Sei vernünftig.«
»Bin ich, bin ich. Ich rede doch gar nicht von normalem Lärm; die rennen wie wild durch die Gegend, die kreischen und lachen und heulen, so laut sie können. Außerdem knutschen sie an den Schließfächern.«
Ihre Mutter stützte die Hand in die Hüfte. »Sonst noch was?«
»Ja, in den Fluren ist es dunkel.«
»Das stimmt nicht«, sagte Laurels Mutter ungeduldig. »Wir zwei haben uns letzte Woche die ganze Schule angesehen und die Wände sind weiß gestrichen, das weiß ich genau.«
»Aber es gibt keine Fenster, nur dieses eklige Neonlicht. Das ist so künstlich und bringt überhaupt kein richtiges Licht in den Flur. Es ist einfach … dunkel. Ich möchte wieder nach Orick.«
Ihre Mutter formte den Teig zu Brotlaiben. »Es gab bestimmt auch etwas Gutes, erzähle es mir.«
Laurel ging zum Kühlschrank.
»Nein«, sagte ihre Mutter und hob die Hand, um sie aufzuhalten. »Erst erzählst du mir etwas Schönes.«
»Äh … ich habe einen netten Jungen getroffen«, antwortete Laurel und ging um ihre Mutter herum, um sich eine Dose Limo zu holen.
»David … David Sowieso.«
Jetzt verdrehte ihre Mutter die Augen. »Na klar. Wir ziehen in eine neue Stadt und stecken dich in eine neue Schule und an wen hängst du dich als Erstes – an einen Jungen.«
»Es ist nicht das.«
»Das sollte ein Witz sein.«
Laurel blieb schweigend stehen und hörte zu, wie der Brotteig auf die Arbeitsplatte geschlagen wurde.
»Mom?«
»Ja?«
Laurel holte tief Luft. »Muss ich da wirklich wieder hin?«
Ihre Mutter rieb sich die Schläfen. »Laurel, das hatten wir doch schon zur Genüge.«
»Aber …«
»Nein. Das Fass machen wir nicht noch mal auf.« Sie lehnte sich an die Spüle und sah Laurel aus nächster Nähe an. »Ich kann dir nicht mehr genug beibringen. Ehrlich gesagt hätte ich dich schon früher in die Schule bringen sollen, aber von Orick hätten wir so weit fahren müssen und dein Dad pendelte doch auch schon … und überhaupt. Es ist höchste Zeit.«
»Aber du könntest uns doch bei einem dieser Programme anmelden, über die man zu Hause unterrichtet wird. Ich habe mir im Internet welche rausgesucht«, sagte Laurel schnell, weil ihre Mutter bereits den Mund öffnete. »Du musst gar nicht mehr die Lehrerin spielen, das läuft alles über das richtige Material.«
»Und was kostet das?«, fragte ihre Mutter leise und zog fragend eine Augenbraue hoch.
Laurel schwieg.
»Weißt du was?«, sagte ihre Mutter nach einer Weile, »darüber können wir in einigen Monaten nachdenken, wenn du dich in der Schule dann immer noch unwohl fühlst. Aber solange wir das Haus in Orick nicht verkauft haben, reicht das Geld nicht für Extrawürste. Das weißt du auch.«
Mit hängenden Schultern senkte Laurel den Blick.
Sie waren vor allem deshalb nach Crescent City gezogen, weil ihr Vater eine Buchhandlung in der Washington Street gekauft hatte. Anfang des Jahres war er hier durchgekommen und hatte das Verkaufsangebot der Buchhandlung gesehen, die geschlossen werden sollte. Laurel erinnerte sich daran, wie ihre Eltern wochenlang diskutiert hatten, ob sie den Laden kaufen sollten oder nicht. Damit würden sie sich einen Traum erfüllen, den sie seit den ersten Ehejahren hegten, aber das Geld reichte hinten und vorne nicht.
Doch Ende April sprach ein Mann namens Jeremiah Barnes Laurels Vater auf der Arbeit in Eureka an, weil er sich für ihren Besitz in Orick interessierte. Als ihr Vater nach Hause kam, machte er vor Aufregung geradezu Luftsprünge. Dann ging alles so schnell, dass Laurel sich kaum noch erinnern konnte, was als Erstes geschehen war. Ihre Eltern verhandelten mehrere Tage mit der Bank in Brookings, kauften Anfang Mai die Buchhandlung und zogen aus der kleinen Hütte in Orick in ein noch winzigeres Haus in Crescent City.
Die Monate gingen ins Land, aber mit Mr Barnes kamen sie nicht weiter. Bis zum endgültigen Abschluss des Geschäfts mussten sie ständig aufs Geld achten. Laurels Vater arbeitete bis spätabends im Laden und sie selbst musste in die Schule gehen.
Ihre Mutter legte ihre warme Hand tröstend auf ihre. »Laurel, von den Kosten mal abgesehen, solltest du langsam lernen, dich auf neue Situationen einzulassen. Das wird dir richtig guttun. Nächstes Jahr kannst du dann zusätzliche Kurse besuchen und zu einem Team oder einem Club dazustoßen. So was macht sich sehr gut auf College-Bewerbungen.«
»Ich weiß, aber …«
»Ich bin hier die Mom«, sagte ihre Mutter mit einem Grinsen, das den strengen Ton milderte. »Und ich bestehe auf der Schule.«
Schmollend strich Laurel mit dem Finger über die Fugen zwischen den Kacheln auf der Arbeitsplatte. Der Küchenwecker tickte laut, als ihre Mutter die Backformen in den Ofen schob und die Zeit einstellte.
»Mom, haben wir noch Pfirsiche in der Dose? Ich habe Hunger.«
Ihre Mutter starrte sie an. »Du hast Hunger?«
Laurel malte mit dem Finger Schlangenlinien ins Kondenswasser auf der Dose und mied den Blick ihrer Mutter. »Ich bin seit heute Nachmittag hungrig, seit der letzten Unterrichtsstunde.«
Ihre Mutter gab sich alle Mühe, keine große Sache daraus zu machen, aber sie wussten beide, wie ungewöhnlich es war. Laurel hatte nur selten Hunger. Seit Jahren gingen ihre Eltern gegen ihre merkwürdigen Essgewohnheiten an. Sie aß bei jeder Mahlzeit etwas, um ihnen Genüge zu tun, hatte dabei jedoch nicht das Gefühl, das Essen wirklich zu brauchen. Von Genuss konnte erst recht keine Rede sein.
Deshalb erklärte sich ihre Mutter schließlich dazu bereit, immer Sprite im Kühlschrank zu haben. Sie stöhnte wegen der (nicht nachgewiesenen) schädlichen Wirkung von Kohlensäure, konnte aber nicht gegen den Vorteil von 140 Kalorien pro Dose an. Das waren 140 Kalorien mehr als bei Wasser. Immerhin konnte sie so sicher sein, dass Laurel Kalorien zu sich nahm, auch wenn es »leere« waren.
Ihre Mutter eilte in die Vorratskammer und holte eine Dose Pfirsiche. Wahrscheinlich hatte sie Angst, Laurel würde es sich anders überlegen. Es war in Spanisch gewesen, zwanzig Minuten vor Schulschluss, dass Laurels Bauch so ungewohnt geknurrt hatte. Auf dem Heimweg hatte das Gegrummel ein wenig nachgelassen, aber es war nicht ganz weggegangen. »Bitte schön«, sagte ihre Mutter und stellte Laurel ein Schüsselchen hin. Dann drehte sie sich um, weil sie Laurel das Gefühl von Privatsphäre geben wollte. Laurel betrachtete ihre Mahlzeit – einen halben Pfirsich mit ein wenig Saft. Ihre Mutter war auf Nummer sicher gegangen.
Während sie den Pfirsich in kleinen Bissen aß, starrte sie auf den Rücken ihrer Mutter und erwartete, dass sie sich zu ihr umdrehte. Doch ihre Mutter machte sich am Geschirr zu schaffen und schaute sich kein einziges Mal um. Dennoch hatte Laurel das Gefühl, eine imaginäre Schlacht verloren zu haben, und fischte sich deshalb ihren Rucksack vom Küchentresen, um auf Zehenspitzen die Küche zu verlassen, bevor ihre Mutter sich doch noch umdrehen würde.

Zwei
Als es nach Bio schellte, packte Laurel das blöde Biobuch so tief wie möglich in ihren Rucksack.
»Und, wie war dein zweiter Tag?«
David saß verkehrt herum auf einem Stuhl ihr gegenüber. »Ganz okay.« Jedenfalls hatte sie immer sofort reagiert, wenn man sie aufgerufen hatte.
»Bist du so weit?«
Laurel wollte lächeln, aber ihr Mund gehorchte ihr nicht. Als sie zugestimmt hatte, sich zum Mittagessen mit David und seinen Freunden zu treffen, hatte sie die Idee gut gefunden. Aber jetzt wurde ihr eng um die Brust vor lauter Angst, so viele Unbekannte treffen zu müssen. »Ja.« Überzeugend klang sie nicht, das hörte sie auch.
»Bist du sicher? Du musst nicht, das weißt du.«
»Doch, ich bin sicher«, antwortete sie rasch. »Ich packe nur schnell zusammen.« Langsam stopfte sie ihren Notizblock und die Stifte in den Rucksack. Als sie einen Bleistift fallen ließ, hob David ihn auf und reichte ihn ihr. Sie zog daran, aber er ließ nicht los, bis sie ihn ansah. »Sie beißen nicht«, sagte er ernst. »Versprochen.«
Im Flur bestritt David die Unterhaltung allein und redete über alles und nichts, bis sie die Cafeteria betraten. Er winkte einer Gruppe zu, die am Ende eines langen schmalen Tisches saß. »Komm«, sagte er und legte ihr die Hand auf den Rücken.
Die Berührung fühlte sich ein bisschen komisch an, aber auch tröstlich. David führte sie durch den wuseligen Gang und ließ die Hand sinken, sobald sie am richtigen Tisch angekommen waren.
»Hey, Leute, das ist Laurel.«
David zeigte auf jeden Einzelnen und nannte den Namen, aber fünf Sekunden später hatte Laurel sie alle wieder vergessen. Sie setzte sich auf einen leeren Stuhl neben David und versuchte, hier und da etwas von der Unterhaltung aufzuschnappen. Geistesabwesend holte sie eine Dose Limo, einen Erdbeer-Spinat-Salat und einen in Saft eingelegten Pfirsich heraus – das Mittagessen, das ihre Mutter ihr eingepackt hatte.
»Salat? Heute ist Lasagne-Tag und du isst Salat?«
Laurel schaute zu einem Mädchen mit braunen Locken, vor dem ein voll beladenes Tablett mit dem Schulkantinenessen stand. Bevor Laurel antworten konnte, schaltete David sich ein. »Laurel ist Veganerin – eine ziemlich strenge.«
Das Mädchen musterte den kleinen Pfirsich mit hochgezogener Augenbraue. »Sieht nicht besonders vegan aus. Essen Veganer nicht auch Brot?«
Mit angespanntem Lächeln antwortete Laurel: »Wenig.«
David verdrehte die Augen. »Die Person, die dich gerade verhört, heißt übrigens Chelsea. Hi, Chelse.«
»Du siehst aus, als wärst du auf irgendeiner Mega-Diät«, fuhr Chelsea unbeeindruckt fort.
»Nö, ich esse eben das, was ich mag.«
Laurel merkte, dass Chelsea wieder auf ihren Salat schaute und gleich noch mehr Fragen ausspucken würde. Wahrscheinlich war es besser, gleich auszupacken, als zwanzig Fragen zu beantworten. »Mein Verdauungstrakt kommt mit normalem Essen nicht so gut klar«, erklärte sie. »Ich vertrage nur Obst und Gemüse.«
»Komisch. Wer kann denn nur von Grünzeug leben? Warst du damit beim Arzt? Weil …«
»Chelsea?« Davids Tonfall war deutlich, aber leise. Laurel bezweifelte, dass die anderen am Tisch überhaupt etwas gehört hatten.
Chelseas dunkelbraune Augen weiteten sich ein wenig. »Oh, entschuldige.« Als sie lächelte, strahlte sie plötzlich über das ganze Gesicht. Laurel musste einfach zurücklächeln. »Schön, dich kennenzulernen«, sagte Chelsea. Dann wandte sie sich ihrem Essen zu und schenkte Laurels Salat keinerlei Beachtung mehr.
Die Mittagspause dauerte nur achtundzwanzig Minuten – das fanden alle zu kurz -, aber an diesem Tag zog sie sich für Laurel ewig hin. Die Cafeteria war ziemlich klein und die Stimmen prallten wie Tischtennisbälle von den Wänden ab und taten ihren Ohren weh. Laurel hatte das Gefühl, als würden alle gleichzeitig auf sie einbrüllen. Mehrere Freunde von David versuchten, sie ins Gespräch zu ziehen, aber Laurel konnte sich nicht konzentrieren, da es minütlich heißer zu werden schien. Wieso merkte das denn keiner?
An diesem Morgen hatte sie statt eines Tanktops ein normales T-Shirt angezogen, weil sie sich am Vortag so merkwürdig vorgekommen war. Aber jetzt kam es ihr so hochgeschlossen vor, als trüge sie einen Rollkragen. Einen engen Rollkragen. Als es endlich schellte, verabschiedete sie sich lächelnd, war aber bereits durch die Tür, bevor David sie einholen konnte.
Sie rannte zur Toilette, stellte ihren Rucksack am Fenster auf den Boden und drängte mit dem Gesicht an die frische Luft. Sie atmete die kühle salzige Luft ein und fächerte sie sich ins T-Shirt, damit ihr Körper so viel wie möglich davon abbekam. Die leichte Übelkeit, die sie beim Mittagessen empfunden hatte, ließ nach, und sie fühlte sich besser, als sie gerade noch rechtzeitig von der Toilette zu ihrem nächsten Klassenraum eilte.
Nach der Schule schlenderte sie langsam nach Hause. Die Sonne und die frische Luft gaben ihr neue Kraft und verscheuchten die letzten Reste des Unwohlseins. Trotzdem griff sie am nächsten Morgen wieder zum Tanktop.
Gleich zu Beginn der Biostunde setzte David sich neben sie. »Einverstanden?«, fragte er, als er bereits dasaß, sodass sie nicht wirklich protestieren konnte. Aber sie hatte sowieso nichts dagegen und schüttelte den Kopf. »Das Mädchen, das sonst hier sitzt, verbringt die ganze Stunde damit, Herzchen für irgendeinen Steve zu malen. Das lenkt mich echt ab.«
David lachte. »Bestimmt für Steve Tanner. Er ist super beliebt.«
»Alle fahren immer auf die gleichen Typen ab«, sagte sie und schlug das Buch auf der Seite auf, die Mr James an die Tafel geschrieben hatte.
»Würdest du wieder mit mir Mittag essen – mit mir und meinen Freunden?«, fragte er noch schnell.
Laurel zögerte. Auf die Frage hatte sie schon gewartet, aber sie hatte noch keine Antwort parat, die seine Gefühle nicht verletzen würde. Sie mochte ihn sehr und fand auch seine Freunde sympathisch, nach dem zu urteilen, was sie so mitbekommen hatte. »Eher nicht«, setzte sie an, »ich …«
»Geht es um Chelsea? Sie wollte dir nicht zu nahe treten, wegen deines Mittagessens. Sie ist einfach immer total ehrlich – wenn man sich dran gewöhnt hat, kann das echt erfrischend sein.«
»Nein, das hat nichts mit ihr zu tun, deine Freunde waren echt nett. Aber ich kann … also, ich kann diese Cafeteria nicht ausstehen. Wenn ich schon den ganzen Tag drinnen sein muss, will ich wenigstens mittags draußen sein können. Ich fürchte, nach zehn Jahren Privatunterricht kann ich mich nicht so schnell umstellen.«
»Aber du fandest sie alle ganz nett?«, flüsterte er, während Mr James für Ruhe sorgte.
Laurel nickte.
»Und wenn wir alle draußen essen würden, was meinst du?«
Laurel schwieg, während sie dem Beginn eines Vortrags über Phyla lauschte. »Das fände ich schön«, flüsterte sie schließlich.
Beim Schellen sagte David: »Wir treffen uns draußen. Ich sage den anderen nur kurz Bescheid, dann können sie mitkommen, wenn sie wollen.«
Laurel ging zu dem Platz, an dem sie und David am Vortag gegessen hatten. Nach drei Tagen kam ihr die Schule schon vertrauter vor; sie kannte sich besser aus, und auch die vielen Menschen, deren schiere Menge sie am Montag so fertiggemacht hatte, waren heute nicht mehr so schlimm.
Als sie ein halbwegs trockenes Rasenplätzchen gefunden hatte, setzte Laurel sich hin und wartete auf David. Kurz darauf kam er mit ungefähr zehn anderen Kids im Schlepptau auf sie zu. Es waren nicht alle mitgekommen, aber ein ansehnliches Grüppchen verteilte sich im Kreis und alle redeten durcheinander, genau wie in der Cafeteria.
Laurel hatte zwar anfangs Zweifel, was Chelsea anging, aber die strahlte sie einfach nur an, als sie sich neben ihr niederließ.
Wie David gesagt hatte, war Chelseas Ehrlichkeit ebenso erfrischend wie unterhaltend. Sie sprach einfach alles aus, was ihr in den Kopf kam. Am Anfang war das nicht besonders angenehm, als sie zum Beispiel Laurel zum Thema Privatunterricht verhörte und kundtat, dass ihrer Meinung nach ein Tanktop und Shorts in der Schule ähnlich passend waren wie ein Badeanzug. Doch gleichzeitig wies sie David an, sich Gel in die Haare zu schmieren, und machte einem gewissen Max klar, dass er in Englisch durchfallen würde, wenn sie ihm nicht zum wiederholten Mal ihre Aufzeichnungen überlassen würde, weshalb Laurel ihre Bemerkungen nicht persönlich nahm.
Nach der Pause kannte Laurel die Namen von immerhin der Hälfte der Leute und hatte in mehreren Unterhaltungen mitgemischt. Chelsea und David gingen mit ihr zu ihrem nächsten Kurs, was sich völlig normal anfühlte, und als David einen Witz über Mr James machte, hallte Laurels Lachen durch den ganzen Flur. Zum ersten Mal, seit sie aus Orick weggezogen waren, hatte Laurel das Gefühl dazuzugehören.

Drei
Die nächsten Wochen flogen in der Schule nur so dahin, etwas, das Laurel sich in den ersten, unsicheren Tagen nicht hatte vorstellen können. Sie war froh über die Begegnung mit David, sie waren in der Schule viel zusammen, und einen Kurs hatte sie auch mit Chelsea. Mittags war sie nie allein und hatte bald das Gefühl, dass Chelsea und David richtige Freunde geworden waren. Auch die Schule war okay, obwohl sie sich erst daran gewöhnen musste, im selben Tempo wie die anderen zu lernen.
Laurel gewöhnte sich auch in Crescent City ein. Es war größer als Orick, klar, aber es gab genügend Platz und die Gebäude waren nirgends mehr als zwei Stockwerke hoch. Überall, sogar vor dem Supermarkt, wuchsen hohe Kiefern und Laubbäume mit breiten Blättern. Auf den Rasenflächen spross grünes Gras, und die Ranken, die auf den meisten Gebäuden sprossen, blühten.
An einem Freitag im September prallte Laurel mit David zusammen, als sie den Klassenraum verließ. Sie hatte gerade ihren letzten Kurs, Spanisch, gehabt.
»Entschuldigung«, sagte David und hielt sie an der Schulter fest, damit sie nicht hinfiel.
»Schon gut, ich habe nicht aufgepasst.«
Im nächsten Augenblick sahen sie sich an. Laurel lächelte schüchtern, bis sie merkte, dass sie ihm im Weg stand.
»Oh, bitte schön«, sagte sie und machte den Weg frei.
»Äh … also, ich habe eigentlich auf dich gewartet.«
Er machte einen nervösen Eindruck.
»Ja, gut, ich muss nur eben …« Sie hielt das Buch hoch. »… das hier in mein Schließfach legen.«
»Ich komme mit.«
»Super.«
Sie gingen zu Laurels Schließfach, sie verstaute ihr Spanischbuch, holte ihr Geschichtsbuch heraus und schloss ab. Dann lächelte sie und sah David erwartungsvoll an.
»Ich wollte nur fragen, hast du vielleicht Lust, nach der Schule was mit mir zu unternehmen?«
Sie lächelte weiter, aber in ihrem Magen flatterte es, sie war jetzt auch nervös. Bisher hatten sie sich nur in der Schule getroffen, und Laurel merkte in diesem Moment, dass sie nicht wusste, was David gerne machte, wenn er nicht gerade Mittagspause hatte oder mitschrieb, was die Lehrer sagten. Doch es reizte sie auch, es herauszufinden. »Was hast du denn vor?«
»Hinter unserem Haus fängt gleich der Wald an – und da du so gerne draußen bist, dachte ich, wir könnten spazieren gehen. Da steht ein toller Baum, den ich dir gerne zeigen würde. Also, eigentlich sogar zwei – das verstehst du, wenn du es siehst. Wenn du überhaupt willst, natürlich.«
»Gerne.«
»Echt?«
Laurel lächelte. »Ja, klar.«
»Schön.« Er schaute durch den Flur zum Hinterausgang. »Es ist einfacher, wenn wir hinten rausgehen.« Laurel folgte David durch die überfüllten Flure hinaus in die frische Septemberluft. Die Sonne kämpfte sich mühsam durch den Nebel, und die Luft war kühl und schwer, so feucht war es. Laurel streifte die Jacke über und war froh, dass sie statt der Shorts eine Caprihose angezogen hatte. »Es fühlt sich an, als wäre der Sommer vorbei. Jetzt kommt wohl der Herbst.«
David zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. »Sieht ganz so aus.«
Sie überquerten den Fußballplatz hinter der Schule bis zur Grant Street und bogen in die Small Avenue ein. »Wie weit ist es zu dir?«, fragte Laurel.
»Wir sind gleich da.«
Der kühle Westwind brachte den salzigen Hauch des Ozeans mit. Laurel holte tief Luft und genoss die Herbstluft. Bald kamen sie in ein ruhiges Wohnviertel, das ungefähr einen Kilometer südlich von Laurels Haus lag. »Du wohnst also bei deiner Mutter?«, fragte sie.
»Jep. Mein Dad ging, als ich neun war. Dann hat meine Mom ihren Schulabschluss nachgemacht und ist mit mir hierhergezogen.«
»Als was arbeitet sie denn?«
»Als Apothekerin.«
»Oh«, sagte Laurel. »Das ist witzig.«
»Wieso?«
»Meine Mutter ist Heilpraktikerin.«
»Was macht sie genau?«
»Sie stellt alle Arzneimittel aus Kräutern her und baut sogar einige Pflanzen selbst an. Ich habe noch nie Medizin bekommen, nicht mal Betaisodona.«
David starrte sie an. »Du machst Witze!«
»Nö. Meine Mom macht alles selbst, was wir brauchen.«
»Da würde meine Mom ausflippen. Sie glaubt, Pillen helfen gegen alles.«
»Meine Mom ist fest davon überzeugt, dass Ärzte einen umbringen.«
»Das klingt, als könnten unsere Mütter einiges voneinander lernen.«
Laurel lachte. »Wahrscheinlich.«
»Heißt das, deine Mom geht nie zum Arzt?«
»Nein, nie.«
»Dann hat sie dich zu Hause bekommen, oder was?«
»Ich bin adoptiert.«
»Ach, echt?« David schwieg kurz. »Und, kennst du deine wirklichen Eltern?«
Laurel musste fast lachen. »Nö.«
»Was ist daran so lustig?«
Sie biss sich auf die Unterlippe. »Versprichst du mir, nicht zu lachen?«
In gespieltem Ernst hob David die Hand. »Ich schwöre.«
»Man hat mich in einem Körbchen bei meinen Eltern vor die Haustür gelegt.«
»Das glaube ich nicht! Du machst dich über mich lustig!«
Laurel sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.
David fragte fassungslos: »Ehrlich?«
Laurel nickte. »Ich bin ein Findelkind. Allerdings war ich kein kleines Baby mehr, sondern ungefähr drei. Meine Mom sagt, ich hätte um mich getreten, um aus dem Körbchen zu kommen, als sie die Tür aufmachten.«
»Du warst schon ein Kleinkind. Dann konntest du auch sprechen?«
»Oh ja, angeblich hatte ich einen komischen Akzent, den ich erst nach einem Jahr verloren habe.«
»Huh. Wusstest du denn nicht, wo du herkamst?«
»Mom sagt, ich kannte meinen Namen, das war alles. Ich wusste nicht, woher ich stammte oder was passiert war, rein gar nichts.«
»So was Verrücktes habe ich noch nie gehört.«
»Juristisch war es auch kein Zuckerschlecken. Als meine Eltern beschlossen, mich zu adoptieren, beauftragten sie einen Privatdetektiv, der meine leibliche Mutter finden sollte, und dann ging es ewig um Pflegeelternschaft und so weiter. Es hat über zwei Jahre gedauert, bis die Sache unter Dach und Fach war.«
»Musstest du so lange in ein Kinderheim oder zu Pflegeeltern?«
»Nein, der Richter, mit dem meine Eltern es zu tun hatten, war recht kooperativ und erlaubte, dass ich die ganze Zeit bei ihnen bleiben durfte. Jede Woche bekamen wir Besuch von einer Sozialarbeiterin, und meine Eltern durften den Bundesstaat nicht mit mir verlassen, bis ich sieben war.«
»Irre. Fragst du dich denn manchmal, wo du herkommst?«
»Früher dauernd, aber da es keine Lösung gibt, bringt das Nachdenken auf die Dauer nichts.«
»Und wenn du herausfinden könntest, wer deine leibliche Mutter ist, würdest du es tun?«
»Keine Ahnung«, sagte sie und steckte die Hände in die Taschen. »Wahrscheinlich. Aber ich mag mein Leben, ich bedaure es nicht, dass ich bei meinen Eltern gelandet bin.«
»Das ist total cool.« David zeigte auf eine Einfahrt. »Hier lang.« Er warf einen prüfenden Blick zum Himmel. »Es sieht nach Regen aus. Am besten stellen wir nur schnell unsere Taschen ab und sehen uns erst den Baum an.«
»Ist das euer Haus? Das ist aber hübsch.« Sie gingen auf ein weißes Häuschen mit einer hellroten Tür zu; bunte Zinnien blühten in einem langen Beet vor dem Eingang.
»Das will ich hoffen«, sagte David, »ich habe im Sommer zwei Wochen damit verbracht, es anzustreichen.« Er holte einen Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. »Vorher war es so eklig grünbraun.«
Sie stellten die Taschen an der Eingangstür ab und gingen in eine ordentliche, schlicht ausgestattete Küche. »Möchtest du etwas trinken?«, fragte David und öffnete den Kühlschrank. Er holte eine Limodose heraus und fischte eine Packung Twinkies vom Schrank. Laurel zwang sich, nicht die Nase über die Twinkies zu rümpfen, sondern stattdessen die Küche zu begutachten. Ihr Blick fiel auf eine Schale Obst. »Kann ich eine haben?«, fragte sie und zeigte auf eine frische grüne Birne.
»Klar, nimm eine mit.« Er zeigte auf die Wasserflasche. »Und Wasser?«
Sie grinste. »Genau.«
Als sie ihr Picknick eingesteckt hatten, zeigte David auf die Hintertür. »Da lang.« Er hielt ihr die Schiebetür auf und Laurel betrat einen aufgeräumten, umzäunten Hinterhof. »Sieht nach Sackgasse aus.«
David lachte. »Aber nur, wenn man sich nicht auskennt.«
Er ging zu dem Betonzaun, zog sich mit einem schnellen Sprung hinauf und ging in die Hocke.
»Komm«, sagte er und streckte die Hand aus. »Ich helfe dir.«
Laurel sah ihn skeptisch an, gab ihm aber die Hand. Überraschend leicht sprangen sie über den Zaun.
Der Wald begann direkt dahinter. Feuchtes, welkes Laub bildete einen dicken Teppich unter ihren Füßen. Die dichten Baumkronen dämpften die Autogeräusche aus der Ferne. Laurel sah sich anerkennend um und sagte: »Hier ist es schön.«
David stützte die Hände in die Hüften und schaute nach oben. »Stimmt. Ich war noch nie besonders gerne draußen, aber hier finde ich viele Pflanzen, die ich unterm Mikroskop untersuchen kann.«
Blinzelnd sah Laurel zu ihm auf. »Du hast ein Mikroskop?« Sie kicherte. »Du bist echt der totale Bio-Freak.«
David musste lachen. »Tja, aber Clark Kent war auch als Streber verschrien, und guck dir an, was aus dem geworden ist.«
»Willst du damit sagen, du wärst Superman?«, fragte Laurel.
»Man kann nie wissen«, antwortete David neckend.
Laurel lachte, bis sie auf einmal schüchtern die Augen senkte. Als sie wieder aufschaute, starrte David sie an. Als sich ihre Blicke trafen, wirkte die Lichtung noch stiller als zuvor. Es gefiel Laurel, wie er sie ansah, so sanft und forschend. Als könnte er mehr über sie erfahren, einfach indem er sie anschaute. Der Augenblick zog sich noch ein wenig, bevor er etwas verlegen lächelte und mit dem Kopf auf einen schmalen Weg wies. »Da geht es zu dem Baum.«
Er führte sie scheinbar ziellos über einen gewundenen Pfad, aber bereits nach wenigen Minuten zeigte er auf einen großen Baum, der direkt am Wegesrand stand.
»Wow«, sagte Laurel, »der ist ja toll.«
Es handelte sich genau genommen um zwei Bäume, eine Tanne und eine Erle, die in nächster Nähe gesprossen waren. Ihre Stämme waren ineinander verflochten zu einem einzigen Baum gewachsen, mit Tannennadeln auf der einen und großen Blättern auf der anderen Seite.
»Ich habe ihn entdeckt, als wir hierhergezogen sind.«
»Wo wohnt dein Dad denn eigentlich?«, fragte Laurel. Sie ließ sich an einem Baumstamm nach unten gleiten und setzte sich auf einen weichen Laubhaufen. Dann holte sie die Birne heraus.
David lachte leise und dunkel. »San Francisco. Er ist Strafverteidiger in einer großen Kanzlei.«
»Seht ihr euch oft?«
David setzte sich zu ihr auf den Erdboden und lehnte sein Knie leicht an ihren Oberschenkel. Sie rückte nicht ab. »Alle paar Monate. Er fliegt dann mit seinem Privatjet am McNamara Field ein und holt mich fürs Wochenende zu sich.«
»Ist doch cool.«
»Na ja.«
»Magst du ihn nicht?«
David zuckte die Achseln. »Schon, aber er hat uns verlassen und seitdem nie versucht, mehr Zeit mit mir zu verbringen. Ich habe nicht gerade das Gefühl, ganz oben auf seiner Liste zu stehen.«
Laurel nickte. »Das tut mir leid für dich.«
»Schon gut. Wir haben Spaß. Es ist nur, na ja, manchmal ist es etwas seltsam.«
Sie blieben kurz einvernehmlich schweigend sitzen und entspannten sich auf der stillen Lichtung. Doch als es auf einmal kräftig donnerte, schauten sie gleichzeitig zum Himmel.
»Ich bringe dich besser nach Hause. Gleich schüttet’s.«
Laurel stand auf und schnipste die Blätter von ihrer Caprihose. »Danke, dass du mich hergebracht hast«, sagte sie und zeigte auf den Baum. »Echt schön hier.«
»Ich freue mich, dass er dir gefällt.« David mied ihren Blick. »Obwohl es nicht … darum ging.«
»Oh.« Laurel nahm es als Kompliment und fühlte sich komisch.
»Hier lang«, sagte David mit leicht gerötetem Gesicht und drehte sich um.
Als sie gerade wieder über den Zaun kletterten, fielen die ersten Tropfen. »Willst du deine Mom anrufen, damit sie dich abholt?«, fragte David, als sie wieder in der Küche standen.
»Nein, das geht auch so.«
»Aber es regnet. Soll ich dich nicht bringen?«
»Nein, das ist wirklich in Ordnung. Ich gehe gern durch den Regen.«
David sagte einen Augenblick nichts und sprudelte dann heraus: »Also, darf ich dich anrufen? Morgen vielleicht?«
Laurel lächelte. »Natürlich. Aber jetzt gehe ich lieber, sonst macht sich meine Mom noch Sorgen.«
»Selbstverständlich.« Doch er versperrte weiterhin die Küchentür.
»Hier geht es raus, oder?« Sie war kurz davor, unhöflich zu werden.
»Ja, nur, ohne Telefonnummer kann ich dich nicht anrufen.«
»Oh, sorry.« Sie holte einen Stift und kritzelte ihre Nummer auf einen Block neben dem Telefon.
»Darf ich dir auch meine geben?«
»Klar.«
Laurel wollte ihren Rucksack schon wieder aufmachen, aber David hielt sie davon ab. »Nicht nötig«, sagte er. »Hier.« Er nahm ihre Hand und schrieb seine Nummer auf ihre Handfläche.
»So kannst du sie nicht verlieren«, sagte er schüchtern.
»Super. Bis später.« Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln und ging in den dichten Nieselregen hinaus.
Sobald das Haus außer Sichtweite war, nahm Laurel die Kapuze ab und hob das Gesicht gen Himmel. Sie streckte die Arme aus, aber dann fiel ihr die Telefonnummer wieder ein und sie steckte die Hände in die Taschen. Lächelnd ging sie weiter, während es sanft auf ihre Haare regnete.
Als sie gerade zu Hause angekommen war, klingelte das Telefon. Da ihre Mutter offenbar nicht zu Hause war, nahm Laurel schnell die letzten Stufen, um zu verhindern, dass der Anrufbeantworter ansprang. »Hallo?«, sagte sie außer Atem.
»Oh, hey, du bist schon zu Hause. Ich wollte eigentlich eine Nachricht hinterlassen.«
»David?«
»Ja, hallo, entschuldige, dass ich so schnell anrufe«, sagte David, »aber eben ist mir der Biotest eingefallen, den wir nächste Woche schreiben, und ich dachte, vielleicht hast du Lust, morgen rüberzukommen und mit mir zu lernen.«
»Ernsthaft?«, fragte Laurel. »Das wäre großartig! Ich bin voll gestresst deswegen. Ich habe das Gefühl, ich kann höchstens die Hälfte.«
»Super.« Er schwieg einen Moment lang. »Also nicht super, dass du so gestresst bist, aber super, dass – ach, egal.«
Laurel musste grinsen, weil er sich so wand. »Um wie viel Uhr?«
»Egal, wann du willst. Ich muss morgen nur ein paar Sachen für meine Mom erledigen, sonst habe ich nichts vor.«
»Gut, ich rufe vorher an.«
»Okay, dann bis morgen.«
Laurel verabschiedete sich und legte auf. Sie lächelte noch, als sie die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hochhüpfte.

Vier
Am Samstagmorgen öffnete Laurel gegen Sonnenaufgang blinzelnd die Augen. Das machte ihr nichts aus – sie war ein Morgenmensch, war es immer schon gewesen. Normalerweise erwachte sie eine Stunde vor ihren Eltern, was es ihr ermöglichte, allein spazieren zu gehen, die Sonne im Rücken und den Wind auf den Wangen, bevor sie stundenlang in der Schule hocken musste.
Nachdem sie einen Sommerrock und ein Top angezogen hatte, holte sie die alte Gitarre ihrer Mutter aus der Gitarrentasche an der Hintertür und schlüpfte leise hinaus in die kühle Stille des frühen Morgens. Jetzt, Ende September, war es vorbei mit dem strahlend klaren Wetter, stattdessen waberte der Nebel vom Meer her über die Stadt, wo er bis zum frühen Nachmittag hängen blieb.
Laurel nahm einen schmalen Pfad, der sich bis an ihren Hinterhof heran schlängelte. Für so ein kleines Haus war das Grundstück erstaunlich groß, und Laurels Eltern hatten vor, später eventuell noch anzubauen. Im Hof spendeten mehrere Bäume Schatten und Laurel hatte fast einen Monat lang mit ihrer Mutter Blumen und Ranken vor und an die Hauswände gepflanzt.
Es war ein Reihenhaus mit Nachbarhäusern an beiden Seiten, aber wie viele Häuser in Crescent City lag es direkt an einem naturbelassenen Waldstück. Obwohl ihr Grundstück also eigentlich nur bis zum Waldrand reichte, wanderte Laurel immer weiter über verschlungene Pfade bis zu einer kleinen Schlucht. Mitten hindurch lief ein Bach, parallel zu den Häusern.
An diesem Morgen ging sie zum Bach hinunter und setzte sich ans Ufer. Sie steckte die Füße hinein, denn morgens, bevor die Käfer und Schnaken auf Nahrungssuche wie Pünktchen auf dem Wasser hockten, war es noch schön klar und kalt.
Sie legte sich die Gitarre auf die Knie und zupfte einige Akkorde, die sich allmählich zu einer Melodie verdichteten. Es machte Spaß, die Weite mit Musik zu erfüllen. Laurel hatte vor drei Jahren angefangen zu spielen, als sie die alte Gitarre ihrer Mutter auf dem Speicher gefunden hatte. Sie brauchte dringend neue Saiten und musste gestimmt werden, doch dazu konnte Laurel ihre Mutter überreden. Sie hatte ihr das Instrument geschenkt, aber Laurel fand es noch immer schöner, sich vorzustellen, es gehöre ihrer Mutter; das war romantischer, wie alter Familienbesitz.
Ein Insekt landete auf ihrer Schulter und lief ihren Rücken hinunter. Als Laurel danach schlug, fühlte sie etwas auf ihrer Haut. Sie streckte den Arm noch weiter aus und suchte. Es war noch da, ein runder Knubbel, knapp groß genug, um ihn unter der Haut zu erspüren. Sie verrenkte sich den Kopf, konnte aber nicht weit genug über ihre Schulter gucken. Sie berührte den Knubbel noch mal, um herauszufinden, was es sein konnte. Schließlich stand sie frustriert auf und ging nach Hause, um in den Spiegel zu sehen.