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Inhaltsverzeichnis
 
 

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Spaßbremse
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Wow, was für eine herrliche Flanke von Alex! Die Burgwälder haben es ihm allerdings wieder mal besonders einfach gemacht. In ihrer Abwehr klaffen riesige Löcher. So hatte Alex alle Zeit der Welt, Niko mit einem Zuckerpass zu verwöhnen. Der wird sich jetzt gleich mit einem Treffer zum 10 zu 0 bedanken.
Moritz reißt schon mal die Arme hoch. Auch beim Jubeln immer der Erste sein.
Leider auch der Einzige!
Das gibt es doch nicht! Aus drei Metern trifft Niko das Tor nicht. Hämmert haushoch drüber! Ein Kunststück, das auch nicht jeden Tag gelingt.
Ach, egal! 9 zu 0 oder 10 zu 0, bei einem Pokalspiel kommt es ja nicht aufs Torverhältnis an. Nur der Sieg zählt. Und der ist längst schon gebongt. Aber Niko nimmt den Fehlschuss wohl trotzdem schwer. Mit Bleifüßen trottet er Richtung Mittellinie. Ein Bild des Jammers! Da bekommt sogar der Burgwälder Keeper Mitleid und versucht, ihn mit einem kleinen Geschenk aufzumuntern. Sein Abstoß landet genau auf Nikos Rücken. Niko muss sich nur umdrehen, ein paar Schritte gehen und – zack!
Aber was ist bloß los mit dem Kerl? Pennt der, oder was? Zum Glück ist Serkan hellwach. Ehe die Burgwälder kapieren, was los ist, kommt er angerauscht,
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schnappt sich das Leder und geht allein damit aufs Tor. Der Keeper kommt nur halbherzig raus. Locker schiebt Serkan die Kugel an ihm vorbei. Da ist das 10 zu 0! Was für ein Festtag!
Alle stürzen sich auf Serkan. Sogar Mehmet verlässt seinen Kasten, um den Torschützen zu feiern. Wohl auch, um sich selber ein bisschen Abwechslung zu verschaffen. Bis jetzt hat der Torhüter von Blau-Gelb nämlich einen ausgesprochen langweiligen Nachmittag verlebt.
Nur einer jubelt nicht mit – Niko. Mürrisch läuft er hinüber in die eigene Hälfte. Gönnt er Serkan den Treffer nicht?
Unsinn, das passt nicht zu Niko. Egal wer die Tore schießt, Hauptsache es sind blau-gelbe Tore. So lautet das Motto des Mannschaftskapitäns.
Heute sind besonders viele blau-gelbe Tore gefallen. Moritz hat allein drei Buden gemacht. Sogar Catrina hat einmal getroffen. Das ist sehr ungewöhnlich. Catrina ist eine knochenharte Verteidigerin, die meistens in der Abwehr genug zu tun hat. Aber die Angreifer der Burgwälder sind so harmlos wie eine Kompanie Plüschhasen. Deshalb hatte Catrina Zeit genug, sich selber in die Torjägerliste einzutragen. Nur Niko ist beim Schützenfest leer ausgegangen. Und wenn Moritz es sich recht überlegt: Das ganze Spiel ist irgendwie an ihm vorbeigelaufen. Wahrscheinlich ist er deshalb so sauer.
Aber was soll’s? Jeder erwischt mal einen schlechten Tag. Niko wird sich bald wieder einkriegen. Spätestens bei der Siegesfeier nachher in der Kabine.
Die Burgwälder beim Toranstoß, eine der wenigen Gelegenheiten, bei der sie auch mal in Ballbesitz sind. Aber auch diesmal können sie sich nicht lange daran erfreuen. Noch zwei Ballberührungen, dann hat der Schiedsrichter genug und pfeift die einseitige Begegnung ab.
»Jaaaaa! Siiiiiieg!«, quäkt es vom Rand. Enes! Er ist Mehmets kleiner Bruder und ein hoffnungsvolles blau-gelbes Nachwuchstalent, außerdem der treueste Fan der Mannschaft. Stürmisch umarmt er einen anderen Zuschauer. Der hat Mühe, bei dem Gezappel und Gestrampel des Kleinen das Gleichgewicht zu halten: Moritz’ Großvater. Grinsend läuft Moritz hin, befreit ihn und klatscht mit Enes ab.
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Der Großvater hebt den Daumen. »Zehn Tore! Das ist ein prima Polster fürs Rückspiel.«
Moritz seufzt. »Opa! Wir sind doch nicht im UEFA-Cup. Pokal, verstehst du? Da gibt es kein Rückspiel.«
»Nicht?«, fragt der Großvater unsicher. Er ist noch nicht lange Fußballfan. Genau genommen erst seit ein paar Wochen. Da sind Moritz und seine Mutter bei ihm eingezogen. Vorher hatte der Großvater von Fußball keinen Schimmer. Oft genug hat er sich deshalb schon bei seinen Kegelbrüdern blamiert. Inzwischen hat Moritz die Sache in die Hand genommen. Jeden Samstag bei der Sportschau gibt er ihm Fußballnachhilfe. Und siehe da, der Großvater ist gelehrig. Sicher wird er die Sache mit dem Pokal auch bald begreifen. Später, wenn Moritz Zeit hat, es ihm genauer zu erklären. Jetzt muss er schleunigst in die Kabine. Sonst verpasst er noch die Siegesfeier.
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»Wir präsentieren den neuen Spielstand!«
Catrina. Sie spielt den Stadionsprecher. »Blau-Gelb?«
»Zeeeehn!«, kommt die vielstimmige begeisterte Antwort.
»Burgwald?«
»Nuuuull!«
»Danke!«
»Bitte!«
Alex zieht die Schuhe aus und schlägt sie rhythmisch gegeneinander. Sofort tun es ihm die anderen gleich. Was für ein herrliches Getöse! Eine Wolke aus Fußmief und rotem Staub breitet sich in der Kabine aus.
Angeekelt verzieht Niko das Gesicht. Komisch, so empfindlich ist er sonst nie. Schon beim Spiel stand er völlig neben sich. Ist er jetzt vielleicht auch beim Feiern ein Totalausfall?
Catrina merkt nichts von Nikos schlechter Stimmung. Sie räuspert sich bedeutungsvoll.
»O nein!«, stöhnt Mehmet und stopft sich die Finger in die Ohren. Aber das hilft nichts, das weiß Moritz aus Erfahrung.
Schon jault Catrina los:
»Blau-gelb, oleeeee!
Wir sind die Sportfreundeeeee.
Wir holen den DFB-Pokal
und wir werden Deutscher Meister.«
»Das ist ja schlimmer als ein Gegentor in der Nachspielzeit«, beschwert sich Alex.
»Schlimmer als Catrinas gefürchtete Blutgrätschen«, pflichtet Mehmet bei.
»Schlimmer als... als...« Enes möchte auch etwas beisteuern. »Na ja, am schlimmsten eben.«
Catrina überhört alle Bemerkungen und will von neuem loslegen: »Blau-gelb oleeeee!…«
Da fährt Niko grob dazwischen: »Kannst du nicht mal aufhören mit dem blöden Gewinsel?«
Das wirkt. Catrina verstummt. Verwundert starrt sie Niko an.
Okay, okay, Catrinas Gesang ist nicht gerade ein Ohrenschmaus. Aber muss Niko deshalb gleich so unfreundlich werden? Ein bisschen lästern, das reicht doch auch. Nach so einem Sieg kann man außerdem alles ertragen, sogar Catrinas Gedudel. Irgendetwas stimmt nicht mit Niko. Doch ehe Moritz der Sache auf den Grund gehen kann, steckt Norbert den Kopf in die Kabine. Ganz der strahlende Erfolgscoach.
»Leute, hört mal her! Das war ein besonders wichtiger Sieg. Wir sind in der zweiten Runde. Und nun ratet mal, gegen wen es da geht?«
»Doch nicht etwa gegen...«
»Gegen die doch nicht!«
»Doch! Der VfB hat heute Abend in Ilschhausen gewonnen und ist damit unser nächster Pokalgegner!« Mit diesen Worten verschwindet er wieder.
»Jawoll!«
»Die sollen ruhig kommen!«
»Die hauen wir weg!«
Alex verzieht in gespielter Enttäuschung das Gesicht. »Schade, den VfB wollte ich mir als besonderen Leckerbissen fürs Endspiel aufsparen.«
»Das Endspiel muss leider ohne den VfB stattfinden«, spottet Catrina. »Für die ist diesmal in der zweiten Runde Endstation. Nämlich gegen uns.«
»Genau!«, stimmt Moritz überschwänglich zu. »Wir verpassen den Angebern ein sauberes Aus.«
Herrlich, dass er jetzt so etwas sagen kann. Dabei hat er vor ein paar Wochen noch gar nicht gewusst, dass es den VfB überhaupt gibt. Da hat er nämlich noch beim SV Hulstorf oben in Norddeutschland Fußball gespielt. Aber dann haben Moritz’ Eltern sich getrennt und die Mutter ist Knall auf Fall mit ihm zum Großvater gezogen. So hat Moritz die Leute von Blau-Gelb kennen gelernt und die Liebe zu diesem Verein entdeckt. Und er hat erfahren, dass er Feinde hat: die VfBer. Deren Stadion liegt im Süden der Stadt, nur wenige Kilometer entfernt vom Blau-Gelb-Gelände. Und so ist jedes Spiel zwischen diesen beiden Vereinen ein echtes Derby. Leider haben die Blau-Gelben dabei bisher meistens den Kürzeren gezogen. Der VfB hat einen Rasenplatz, nicht nur so einen ollen Hartplatz wie Blau-Gelb. Die erste Mannschaft spielt in der Oberliga. Und darauf bildet sich jeder aus diesem Verein, sogar der kleinste Zwerg aus der Krabbelgruppe, mächtig was ein. Klar, dass jeder echte Blau-Gelbe die VfBer zutiefst verabscheut.
Niko vor allem. Auf den VfB zu schimpfen, gehört eigentlich zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber heute schweigt er. Endlich fällt das auch anderen auf.
»Du bist eine richtige Spaßbremse!«, nörgelt Mehmet.
Niko schnaubt verächtlich.
»Hey, wir haben heute gewonnen, Mann!«, wundert sich Catrina. »Hast du das vergessen?«
Niko winkt ab. »Darauf braucht ihr euch nun wirklich nichts einzubilden! Die erste Pokalrunde! Die übersteht doch jeder!«
»Burgwald nicht!«, bemerkt Alex.
Niko wirft ihm einen bösen Blick zu und zischelt etwas. Hört sich an wie »Klugscheißer«. Er rafft seine Sachen zusammen. Grußlos verlässt er die Kabine.
»Mann, Niko, warte doch!«, ruft Alex ihm nach.Aber da hat der die Tür schon zugeknallt.
»Was ist bloß los mit ihm?«, fragt Alex unglücklich.
»Er ist schon die ganze Zeit so komisch!« Moritz berichtet, was er während des Spiels beobachtet hat. Eine Weile schweigen alle ratlos.
Schließlich sagt Catrina: »Irgendwie ist er heute von der Rolle. Aber ich kenne doch Niko. Er schläft mal drüber. Und morgen ist er schon wieder ganz der Alte.«
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Alle nicken erleichtert. »Genau! So ist es!«
»Ja, ja, bestimmt hast du Recht«, versichert auch Moritz eilig.
Hoffentlich hat sie Recht! Aber ganz überzeugt ist Moritz davon nicht.

Was ist bloß mit Niko los?
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Am nächsten Morgen stehen die Blau-Gelben der Teufelsgrund-Schule auf dem Schulhof zusammen und reden über die fantastischen Aussichten, die der Pokalsieg bietet. Nur Niko bleibt mürrisch und einsilbig.
Mark gesellt sich zu ihnen. Er geht mit Moritz, Niko, Alex und Mehmet in eine Klasse. Aber er spielt beim VfB. Mark stichelt und stänkert gern, doch heute kommt er in friedlicher Absicht. »Wollen wir kicken?«, fragt er.
Kicken? Warum nicht? Waffenstillstand beim Pausenfußball. Das hat sich bisher gut bewährt. Schnell legen alle die Ranzen ab. Nur Niko sagt eisig: »Verzieh dich!«
Für einen Augenblick ist Mark überrascht. Aber er fängt sich gleich wieder.
»Aber, aber, wer wird denn so unhöflich sein?« Er grinst überlegen. »Ah, ich verstehe! Blau-Gelb hat die Hosen voll!«
Zack, ist der Waffenstillstand beendet, ehe er überhaupt begonnen hat.
Mehmet baut sich vor Mark auf. »Ey, Mann, was willst du damit sagen?«
Marks Grinsen wird noch breiter. »Was ich sagen will? Ihr kriegt im Pokalspiel gegen uns so eine Klatsche, dass ihr winselnd vom Platz kriecht. Das will ich sagen.«
»Eine Klatsche? Wir?«, fragt Alex erbost. »Träum ruhig weiter!«
Was für ein Angeber! Wird Zeit, dass Moritz sich einmischt.
»Warum ihr oft gewinnt, das weiß doch jeder! Schiebung ist das Geheimrezept.«
Moritz hat noch nie ein Spiel vom VfB gesehen, egal, das mit der Schiebung passt immer.
Sofort beißt Mark an. »Ey, du!« Er packt Moritz an der Jacke und zieht ihn dicht zu sich heran.
Jetzt bloß nicht zurückstecken. Auch wenn Mark leider ein ganzes Stück größer ist.
»Schiebung! Ganz genau! Ihr vom VfB seid nämlich...«