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Inhaltsverzeichnis

DIE AUTORIN
Livi
Livi
Kenny
Malea
Kenny
Livi
Malea
Livi
Jessa
Malea
Livi
Jessa
Livi
Malea
Kenny
Jessa
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Jessa
Malea
Livi
Copyright

DIE AUTORIN

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Dagmar H. Mueller arbeitete als Skilehrerin, Musiklehrerin und PR-Texterin. All das konnte sie aber nicht von ihrer wahren Passion abhalten, dem Schreiben von Büchern. 2006 gewann Dagmar H. Mueller den NRW-Kinderbuchpreis und arbeitet heute hauptberuflich als Autorin.

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Das mit all den Geheimklubs in letzter Zeit ist echt voll cool. Ich muss nur aufpassen, dass ich mir genau merke, mit wem ich was geheim habe! Puh, das ist gar nicht so einfach, ich glaube, da kann man mächtig leicht mal durcheinanderkommen!

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Wie schnell man sich etwas einreden kann, was überhaupt nicht stimmt! Und was für ein Glück, dass ich mich nun doch nicht von Javi ent-lieben muss! (Ups, wovon rede ich denn da? Ich habe mich doch noch gar nicht entschieden, ob ich überhaupt verliebt sein WILL!) Und oh, wie supernett Cornelius am Sonntagabend war! Hat Javi und Ramón im nächsten Monat für ein ganzes Wochenende zu uns eingeladen. Dann brauchen sie wenigstens nicht mehr auf den Campingplatz. Wäre ja auch zu kalt allmählich. Also, manchmal sind Iris und Cornelius doch echt coole Eltern! – Und oh, da fällt mir ein, dass ich Dodo immer noch nicht von meinem Schminktipps-Buch erzählt habe. Wo das doch so eine geniale Idee ist, dass das schnell unsere größte Einnahmequelle werden könnte! Dann bräuchten wir nie wieder über solche Sklavenarbeit wie letzten Montag in der Eisdiele nachdenken. Denn nach Spanien auswandern werden Dodo und ich unbedingt. Obwohl ich gerade denke, dass wir uns damit vielleicht noch ein bisschen Zeit lassen können. Besonders wenn Cornelius so nett ist und Javier und Ramón uns immer hier besuchen können. Und Spanisch lernen, ist wirklich ganz schön anstrengend!

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Ich hab ’ne Menge darüber nachgedacht, wie es kommt, dass Livi plötzlich so ein überhaupt nicht mehr miesmuscheliger Mensch ist. Kann es möglicherweise wirklich so sein, dass die Dinge und auch die Menschen immer ein klein wenig so werden, wie man sie sieht? Ich meine, die Sache mit meinem Shirt zum Beispiel. Aber auch mit Livi. Denn Gregory zum Beispiel, der hat sich ja überhaupt nicht um Livis Miesmuscheligkeit geschert, sondern ist einfach immer nur nett und freundlich zu ihr gewesen. Und was passiert? Sie wird plötzlich auch nett und freundlich zu ihm. Funktioniert das im Leben so? Braucht man die Menschen und die Dinge einfach nur anders anzusehen und zu behandeln, und dann werden sie, wie man sie sieht und haben will? Hm, interessanter Gedanke, muss das mal in nächster Zeit ausprobieren. Das wäre ja beinahe ein echter James-Bond-Trick!

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Ich hab eine tolle Idee, was Gregory und ich zusammen machen könnten: Wir starten eine Aufklärungsaktion bei uns im Ort über tierquälerische Hühnerhaltung. Wir könnten Flugblätter verteilen und den Leuten von den schlechten Bedingungen der Hühner berichten. Ich glaube, die meisten Leute wissen überhaupt nicht, wie diese armen Tiere leben. Aber dass Aurora auch mal so ein unglückliches Huhn war, erzählen wir natürlich niemandem!

Ich finde es unglaublich, dass Gregory keinem einzigen Menschen von meinem peinlichen Ausflug unter unseren Rhododendron erzählt hat. Nicht mal mir gegenüber hat er das auch nur mit der kleinsten Andeutung erwähnt. Ist Gregory nur total vergesslich oder am Ende wirklich ein echt supernetter Kerl?

Ähm, kann eine beste Freundin eigentlich auch ein Junge sein?

Ach, was für ein Glück, dass wir in dieses Haus eingezogen sind!

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Wenn es Gerechtigkeit geben würde im Leben, gäbe es kein Ozonloch, keine Armut auf der Welt und die Regenwälder würden auch nicht abgeholzt werden, Sommerferien wären mindestens doppelt so lang und ich, ich wäre nicht in diese Familie hineingeboren worden. Möchte wissen, womit ich das verdient habe. Es ist echt zum Schreien oder mit den Fäusten gegen die Wände hämmern. Auf der anderen Seite… in dieser Familie hört mir sowieso keiner zu, also kann ich das Schreien auch lassen. Mann, wieso bin ich eigentlich die Einzige weit und breit, die sich Gedanken über die Welt macht? Und wieso kriegt bei uns in der Familie immer der das größte Stück Kuchen, der am lautesten schreit?

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Manche Leute haben Hühneraugen oder Haarausfall, eine Allergie gegen Kaninchen oder X-Beine. Ich habe eine große Familie: drei Schwestern, zwei Eltern und eine Oma. Klingt ganz normal, ich weiß. Und alle sind nett, kein Zweifel, aber…, wie soll ich das beschreiben? Klar, sie sind nett, allerdings – hm – auf ihre ganz eigene Weise.

Ich kann mich natürlich nicht wirklich beklagen, ich meine, es gibt bestimmt viele dreizehnjährige Mädchen auf dieser Welt, denen es schlechter geht als mir, allerdings… ungerecht ist es schon ein bisschen. Ich meine, dass ich gleich alle Mitglieder unserer Familie auf einmal abgekriegt habe.

Nicht dass ich lieber Haarausfall hätte oder Hühneraugen auf meinen Zehen! Aber die Hühneraugen könnte ich ja relativ problemlos mit hübschen Strümpfen verdecken und den Haarausfall mit einer coolen Mütze.

Meine Familie kann ich nicht verdecken, dabei gibt es durchaus Situationen (Oh, eine Menge Situationen!), wo ich das sehr gerne tun würde. Denn normal, also so richtig normal ist meine Familie, glaube ich, nicht. Obwohl ich das natürlich nicht hundertprozentig beurteilen kann, ich hatte noch nie eine andere. Aber andere Familien sehen von außen zumindest um einiges normaler aus. Mit einem Vater, der einen richtigen Beruf hat, und mit einer Oma, die hübsche Pullis strickt, und eben so.

Stricken tut unsere Oma ganz sicher nicht. Dafür hat sie gar keine Zeit. Unsere Oma ist mehr mit Demonstrierengegen-Rechts oder Klamotten-in-Hippiefarben-in-unserer-Badewanne-Färben beschäftigt. Nicht dass ich das Demonstrieren schlecht finde. Ich bin sogar richtig stolz auf unsere Renate-Oma, dass sie das tut. Denn es ist doch so wichtig, aufzustehen und all die schrecklichen Missstände in der Welt zu bekämpfen! Aber normal, also so richtig normal für eine Omi ist das natürlich auch nicht.

Ich finde, eine einzige leicht unnormale Oma wie Rema (unsere Renate-Oma) könnte jede gut funktionierende Familie problemlos aushalten. Die täte jeder Familie bestimmt sogar gut. Rema kümmert sich nicht nur um Probleme in unserer Welt und setzt sich für die richtigen Dinge im Leben ein, sondern ich kenne auch keinen Menschen, der so lieb ist wie sie. Aber zu meiner Familie gehört leider nicht nur Rema, sondern auch Tessa und Malea und Kenny, meine Schwestern, und vor allem Iris und Cornelius, meine Eltern.

So richtig ultraübel sind die natürlich alle nicht, aber ich wünschte einfach, ich hätte jemanden, der mich versteht. Jemanden, der so ist wie ich. Ich bin nämlich irgendwie anders. Ganz sicher. Das spüre ich deutlich. Anders als die anderen meiner Familie, meine ich. Irgendwie passe ich gar nicht zu denen.

Iris lacht nur sehr herzlich, wenn ich sage, dass ich mich manchmal schrecklich einsam fühle, weil mich keiner versteht. Sie meint, dass das an meiner Pubertät liegt. (Mann, wie gefühllos kann man als Mutter sein?)

Kenny findet das Wort großartig. Nur leider sagt sie Pupsertät dazu und nicht Pubertät. Und Iris hat nun natürlich nichts Besseres zu tun, als ebenfalls bei jeder Gelegenheit von »Livi in der Pupsertät« zu sprechen. Solche superpeinlich-dämlichen Witze finden Iris und Cornelius urkomisch. Darüber können sie sich auf dem Sofa glatt kringelig lachen. Möchte wissen, wer von uns in der Pubertät ist! Ach, da ist es doch kein Wunder, dass man sich in dieser Familie unverstanden fühlt!

Einmal in der Woche – meistens samstags, bei außergewöhnlichen Ereignissen auch öfter – haben wir Familienrat. Dann versuchen Iris und Cornelius so zu tun, als wären wir so was wie eine demokratische Gemeinschaft, in der jeder was zu sagen hat und wo das gemacht wird, was die Mehrheit will. Komisch nur, dass am Ende immer Cornelius die Mehrheit ist.

Neulich haben wir ein Buch im Politikunterricht gelesen, das hieß Animal Farm – Die Farm der Tiere. Das handelte von einem Bauernhof, wo alle Tiere gleichberechtigt nebeneinander leben sollten und auch sonst ganz gleich sein sollten. Mit den gleichen Rechten und Pflichten und so. Nur einige der Tiere schienen dann doch etwas gleicher zu sein als die anderen.

Ich musste grinsen, denn ein bisschen so ist es bei uns eben auch. Selbst wenn Cornelius sagt, dass wir alle die gleichen Rechte und Pflichten haben, finde ich, dass er irgendwie immer ein bisschen weniger tut, zum Beispiel im Haushalt als wir anderen, aber bestimmen will er viel mehr.

Heute hat er bestimmt, dass wir uns alle zum Familienrat treffen. Obwohl es gar nicht Samstag ist. Aber es gibt ein außergewöhnliches Ereignis. Ein sehr außergewöhnliches Ereignis. Eines, das offenbar unser gesamtes Leben verändern wird. Cornelius ist so aufgeregt und allerbester Laune, dass seine abstehenden und sowieso schon etwas groß geratenen Ohren knallrot leuchten wie zwei Weihnachtskugeln mit eingebauter Glühbirne.

Wir alle hängen mit unseren Nasen etwa drei Zentimeter über dem kleinen Foto, das auf dem Küchentisch liegt, und starren darauf.

»Ach du je!«, rutscht es Iris raus. »Das ist ja rosa!«

»Es ist rot«, widerspricht Cornelius. »Rot, nicht rosa. Das kann man doch wohl sehen.«

»Ich sehe gar nichts, Papa«, mault Kenny. »Rück mal ein Stück beiseite.«

»Ich heiße Cornelius«, berichtigt Cornelius zum bestimmt siebzehnten Mal an diesem Tag.

Es geht mir total auf die Nerven, wenn er einen ständig korrigiert. Ich meine, es ist eine Sache, dass Iris und Cornelius unbedingt bei ihren Vornamen genannt werden wollen. Sie finden das irgendwie persönlicher. Mamas und Papas gibt es, ihrer Meinung nach, unendlich viele auf der Welt. Eltern, die Iris und Cornelius heißen, gibt es deutlich weniger. Und meistens tun wir ihnen den Gefallen ja auch. Aber es ist eine ganz andere Sache, wenn Cornelius darauf hundert Mal am Tag besteht. Besonders peinlich ist das, wenn andere Leute dabei sind.

Zum Glück sind natürlich gerade keine anderen Leute dabei. Nur wir, also meine drei Schwestern, meine Eltern, Rema und ich. Und an Kenny, meiner kleinsten Schwester, perlen alle Macken von Cornelius sowieso ab wie sonst nur das Seifenwasser unter der Dusche.

Kenny ist total süß. Und wenn es so was geben sollte, dann ist sie wahrscheinlich meine Lieblingsschwester. Aber verstehen tut sie mich natürlich auch nicht. Was könnte eine Siebenjährige schon verstehen?

»Papa!«, sagt Kenny schon deutlich energischer. »Rück mal! Ich will auch was sehen!«

»Komm her, Kenny«, bietet Rema freundlich an, »du kannst auf meinen Schoß.«

Kenny krabbelt auf Remas breiten, gemütlichen Schoß und betrachtet das Bild mit ihren intensiven Knopfaugen. Sie sieht aus, als könne sie kaum glauben, dass wir in diesem riesigen Haus tatsächlich von jetzt an wohnen werden.

Ich kann mir das auch nur schwer vorstellen. Drei Stockwerke! Und dazu noch Fenster im schrägen Dach. Wie viele Zimmer sind das wohl? Was für ein Unterschied zu der Wohnung, in der wir jetzt leben!

»Na ja«, meint Iris. »Es ist ein ziemlich altes Haus. Da muss bestimmt noch einiges renoviert werden.«

»Das wird schon gehen«, erwidert Cornelius optimistisch. Er holt tief Luft und macht eine ausholende Handbewegung, die wohl so eine Art Alles-ist-möglich signalisieren soll. »Erst mal ziehen wir ein und dann kriegen wir das schon Stück für Stück hin.«

Iris zieht skeptisch ihre Augenbrauen hoch, sagt aber nichts.

Ich atme erleichtert aus. Ich mag es nicht, wenn Iris und Cornelius streiten. Auch wenn ich diesmal genau das Gleiche denke wie Iris: Cornelius ist nicht unbedingt der geborene Heimwerker …

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Iris und Cornelius sagen von sich selber, dass sie Hippie-Eltern sind. Möchte echt mal wissen, was das sein soll! Im Lexikon steht bei »Hippie« als Erklärung: »Anhänger einer betont antibürgerlichen und pazifistischen Lebensform«. Die soll es vor allem Ende der 60er-, bis Mitte der 70er-Jahre gegeben haben. Das ist natürlich schon mal Quatsch. Wie sollen Iris und Cornelius da wohl schon antibürgerlich, also gegen das, wie die meisten Leute leben, oder eben pazifistisch, also gegen den Krieg, gewesen sein? Da waren sie ja noch nicht mal im Kindergarten. Cornelius meint aber: »Hippie kann man immer sein. Das ist man im Herzen, egal wann.« Wenn er aber angeblich so pazifistisch, also friedliebend, ist und jede kriegerische Regung absolut ablehnt, warum brüllt er dann so oft hier bei uns zu Hause rum? Ich finde das ganz und gar nicht friedlich. Und überhaupt, meckern tut er auch den ganzen Tag. Wie kann man ein Hippie im Herzen sein und sich dann über ein paar lächerliche Gummistiefel auf dem Wohnzimmersofa aufregen? Ist das etwa pazifistisch? Na ja, aber lieb hab ich ihn natürlich trotzdem. Sehr. Und Iris auch. Selbst wenn ich glaube, dass das mit dem Hippie-Sein bei ihnen echt Quatsch ist. Bloß weil jemand in einer erfolglosen Band spielt, macht ihn das auch noch nicht automatisch zum Hippie. Da ist Rema bestimmt mehr Hippie als Iris und Cornelius zusammen. Und Rema sieht auch total so aus. Ganz wundervoll bunt nämlich.

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Das sieht ja aus, als ob da hundert Zimmer drin sind«, meint Malea.

Aber sie wirkt nicht wirklich sehr interessiert an dem Haus, sondern seufzt leise. Ihr Gesicht sieht irgendwie reichlich zerknittert aus. Komisch, sie scheint heute Abend nicht gut drauf zu sein.

Malea ist meine andere kleine Schwester. Deutlich älter als Kenny, aber zwei noch deutlichere Jahre jünger als ich.

Cornelius lächelt zufrieden. »Na ja, hundert Zimmer wohl nicht. Aber doch eine ganze Menge.« Er grinst uns alle der Reihe nach stolz an. »Auf jeden Fall wird jede von euch endlich ein schönes, eigenes Zimmer haben. Und für mich wird im Keller wohl auch noch ein kleiner Übungsraum abfallen.«

»Cool, Papa!«, ruft Kenny. »Heißt das, dass auch euer Schlagzeug dann immer bei uns im Haus steht?«

Kenny ist ein großer Fan von Cornelius’ peinlicher Band Rainbow. Na ja, eigentlich ist sie mehr ein Fan von deren Schlagzeug. Ich finde es eigentlich auch ganz nett, darauf rumzukloppen, aber natürlich nur, wenn keiner zuhört. Ich muss mich ja nicht zum Gespött der Leute machen!

»Es heißt auf jeden Fall, dass Cornelius dann nicht mehr jeden Abend weg ist«, sagt Iris und zwinkert uns verschwörerisch zu. »Von jetzt an kann er mit Rainbow zu Hause proben. Da braucht er eigentlich überhaupt nie mehr abends wegzugehen. Das ist doch auch schon was.«

Cornelius guckt erstaunt zu ihr rüber. Ich schätze mal, so hat er das noch gar nicht gesehen. Ich muss fast grinsen. Sieht so aus, als ob ihn dieser Teil unserer Lebensveränderung dann doch nicht ganz so freut.

»Hm – ja – sicher, das stimmt«, murmelt er leise.

»Es ist aber wirklich ziemlich rosa«, sage ich und beuge mich noch etwas tiefer über das Bild.

»Ganz genau«, stimmt Iris mir sofort zu. »Rosa, sag ich doch.«

»Rosarot, vielleicht«, versucht Rema zu vermitteln. »So genau kann man das auf einem kleinen Foto sowieso nicht erkennen. Vielleicht stimmen die Farben ja gar nicht.«

»Das wird es sein«, nickt Cornelius erleichtert. Ich glaube, er ist heute Abend nicht allzu wild auf Streit. »Wir sollten es uns morgen früh sofort in natura anschauen.«

»In was?«, fragt Kenny.

»Wir fahren hin«, erkläre ich ihr. »Das meint Papa.«

»Cornelius«, verbessert Cornelius.

»Ah«, macht Kenny und beachtet Cornelius gar nicht. »Toll! Darf ich mir mein Zimmer dann selbst aussuchen?«

»Fahren wir alle?«, fragt Tessa da plötzlich. Es ist das erste Mal seit bestimmt einer Stunde, dass sie sich an der Unterhaltung beteiligt. »Ich meine, müssen wir alle fahren?«

Cornelius runzelt die Stirn und guckt Tessa unwillig an. Fast als hätte sie unser neues Haus ganz grässlich beleidigt.

»Ich nehme an, wir wollen alle fahren«, sagt er dann in betont ruhigem Ton, der wohl keinen Widerspruch dulden soll. »Schließlich bekommen wir nicht alle Tage ein Haus geschenkt.«

»Wir haben es geerbt«, berichtigt Iris. »Nicht direkt geschenkt bekommen.«

»Wo ist der Unterschied?«, fragt Cornelius und guckt jetzt auch Iris böse an.

Wir haben das Haus tatsächlich geerbt. Von einem Großonkel von Cornelius, den außer ihm keiner von uns überhaupt kannte. Nur scheint der keine anderen Verwandten als Cornelius mehr gehabt zu haben. Und hat sein Testament deshalb sehr freundlich zu seinen Gunsten gemacht.

»Darf ich mir mein Zimmer also selbst aussuchen?«, wiederholt Kenny mit bettelnden Augen.

»Ja, ja, du darfst dir ein Zimmer aussuchen, Kendra«, antwortet Cornelius.

Das ist ebenfalls eine von Cornelius’ Macken. Er versucht, uns alle nur bei unseren richtigen, vollen Vornamen zu nennen. Mich nennt er hartnäckig Olivia, obwohl mich schon seit hundert Jahren kein Mensch mehr so nennt. Ich glaube, die Letzte, die mich so genannt hat, war meine Grundschullehrerin. Und die mochte ich nicht. Ich bin Livi. Auch Iris nennt mich so.

Dass Cornelius uns alle bei unseren vollen Vornamen nennt, liegt an seiner Ordnungsmacke. (Schon merkwürdig bei einem, der hippielange Haare hat, in einer Band spielt, die Rainbow heißt, und noch nicht mal einen richtigen Beruf hat.) Und dank seiner Ordnungsmacke müssen nicht nur die Bücher ordentlich im Regal stehen, sondern auch die Namen seiner Kinder ordnungsgemäß ausformuliert werden. Meistens jedenfalls. Manchmal vergisst er das allerdings auch.

»Cool«, grinst Kenny zufrieden, die auch das nicht stört. »Ich nehme das größte von allen.«

Tessa holt tief Luft. »Ich habe nämlich … ich habe … also eigentlich habe ich morgen gar keine Zeit.«

Iris guckt erstaunt. »Wieso? Bist du mit Dodo verabredet? Kannst du das nicht ein bisschen verschieben?«

Dodo ist Tessas Busenfreundin. Tessa ist zwar zwei Jahre älter als ich, aber etwa zwei Lichtjahre blöder. Jedenfalls meistens. Und ihre dämliche Freundin Dodo passt hervorragend zu ihr.

Tessa schüttelt den Kopf. »Nein, kann ich nicht. Ehrlich. Könnte ich nicht später nachkommen? Ich weiß genau, wo die Kastanienallee ist. Ich finde das Haus bestimmt problemlos. Nur … ich kann wirklich erst … ähm … frühestens am Nachmittag.«

Sie kneift ihre lipglossrosa Lippen aufeinander und schweigt. (Warum verbietet Cornelius ihr nicht endlich mal, sich dauernd diese Massen von Farben mit all den schädlichen Konservierungsstoffen ins Gesicht zu schmieren?)

Haha! Sie glaubt bestimmt, dass sie mit der Schweigetaktik durchkommt.

Zugegeben, so was funktioniert in unserer Familie manchmal ganz gut. Wir sind so viele, dass sowieso irgendjemand oder irgendwas immer dazwischenkommt, und schon haben Iris und Cornelius vergessen, was sie eigentlich verbieten wollten. Und wenn sie ein Verbot nicht ausgesprochen haben, ist es natürlich auch nicht wirklich verboten. Meint jedenfalls meine Schwester.

Mist! Es scheint auch diesmal zu klappen. Dass etwas dazwischenkommt, meine ich. Denn plötzlich rülpst Malea.

Nicht einfach so – leise oder unauffällig. Nein, ein reichlich rottiger Riesenrülpser schießt aus ihrem Mund, bei dem wir alle unwillkürlich zusammenzucken.

An der Stelle fällt mir allerdings auf, dass auch Malea schon seit einiger Zeit nicht mehr viel gesagt hat. Was ganz und gar nicht normal für sie ist.

Sie rülpst noch mal. Dann blickt sie sich mit glasigen Augen um. »Mir ist übel.«

(Ach, nee!)

Iris – ganz besorgte Mutter – mustert Malea durchdringend.

Malea sieht in der Tat etwas blass aus.

»Mir ist echt schlecht«, flüstert sie jetzt. Ja, sie flüstert. Gequält. Fast als ob sogar das Flüstern anstrengend ist.

Sie atmet stoßweise. Ich muss zugeben, sie sieht inzwischen reichlich grün um die Nase aus.

»Himmel!«, stöhnt Rema und schubst Kenny von ihrem Schoß. »Komm, komm!« Sie zieht Malea vorsichtig von ihrem Stuhl hoch und versucht, sie zu stützen. »Lass uns lieber rüber ins Badezimmer gehen.«

»Die Pizza?«, fragt Iris.

Malea würgt als Antwort. Es klingt ziemlich eindeutig.

»Schnell!« Remas Stimme klingt dringlich. »Komm, Süße, komm!«

»Aber wir haben doch alle das Gleiche gegessen.« Cornelius guckt ehrlich erstaunt. Seine roten Ohren erblassen vor Schreck ein klein wenig.

»Ach, und deswegen darf ihr nicht schlecht werden?«, fragt Iris bissig.

Tessa kneift ihre Augen zusammen.

Ich weiß, warum die dumme Kuh das macht. Sie denkt, dass das ihre langen Wimpern wie dunkle, verführerische Fächer wirken lässt. Das hab ich sie jedenfalls mal zu Dodo sagen hören. Die beiden Sumpfschnecken standen vor unserem Flurspiegel und klimperten wie die Blöden mit ihren schwarz getuschten Augen, um herauszufinden, wie man die beste Wirkung erzielen kann. Also echt, haben die keine anderen Sorgen? Und jetzt versucht Tessa, genau damit Cornelius zu bezirzen.

Ich kneife ebenfalls meine Augen zu. Ohne Wimperngeklimper. Und meinen Mund gleich mit. Denn ich bin sauer und ich beobachte Tessa und ich denke nach. Und da macht man das eben. Ohne Wirkung erzielen zu wollen.

Tessa sieht bei ihrem Geklimper allerdings erstaunlich ängstlich aus. Als ob es ihr furchtbar wichtig ist, dieses Treffen mit Dodo. Wobei man bedenken muss, dass es für Tessa natürlich schon lebenswichtig ist, den Montagnachmittag in der Parfümerie unten in der Stadt nicht zu verpassen. Montags wird nämlich immer neue Ware geliefert.

Aber Tessa sieht nicht nach Parfümerie aus, Tessa sieht… ja, sie sieht irgendwie beinahe ernsthaft aus. Verzweifelt fast. Sie guckt Iris und Cornelius abwechselnd flehend an. Und wimperklimpert nur ganz wenig dabei. Sie wird doch nicht etwa einen echten Grund haben, morgen irgendwo anders hinzumüssen?

 

Die Geräusche aus dem Badezimmer lenken nicht nur Iris und Cornelius von meiner großen Schwester ab. Es sind eindeutig unschöne Geräusche. Dann hört man einen Knall. Rema hat taktvoll die Tür zugeschmissen.

»Gut, gut.« Cornelius räuspert sich lautstark. (Dass manche Leute glauben, wenn sie selber möglichst viele Geräusche machen, würde man andere Dinge nicht mehr hören können!) Er nimmt das Foto hoch und will es wieder einstecken. »Dann fahren wir also morgen früh und …«

»Lass noch mal sehen, Papa«, bittet Kenny. Sie kniet auf Remas Stuhl und krabbelt beinahe in das Bild hinein. »Gibt’s da auch einen Garten? Dahinter vielleicht?«

Cornelius lächelt und seine Ohren leuchten auf. (Das Würgen aus dem Badezimmer ist zum Glück nur noch sehr leise im Hintergrund zu hören.) »Natürlich gibt es einen Garten. Und wenn ich mich recht erinnere, ist der nicht mal allzu klein!«

Iris scheint sich im Moment für Gärten weniger zu interessieren. »Waren Meeresfrüchte auf Maleas Pizza? Hat Malea vielleicht was von irgendwelchen Tintenfischen oder Krabben abbekommen?«

Malea ist gegen fast alles, was aus dem Meer kommt, allergisch. Das weiß jeder bei uns in der Familie.

Tessa, die die Pizzen an der Tür in Empfang genommen hat, zuckt mit den Schultern.

»Hab ich nicht gesehen«, sage auch ich schnell, als Iris mich ansieht.

»Ich hab ihr nur ein paar von meinen doofen Pilzen gegeben«, meint Kenny. »Ihr wisst genau, dass ich keine Pilze mag«, fügt sie vorwurfsvoll hinzu.

»Aber Kendra!« Cornelius sieht sie erstaunt an. »Auf deiner Pizza waren überhaupt keine Pilze.«

»Doch«, nickt Kenny mit ernsthaft aufgerissenen Augen. »Sie war voll davon, ehrlich. Ganz grässlich voll.«

Iris sieht Cornelius sorgenvoll an. »Was war denn auf Kennys Pizza, wenn es keine Pilze waren?«

»Muscheln«, antwortet Cornelius und seufzt tief. »Kenny hatte eine Muschelpizza. Die war im Angebot. Ich dachte, Kenny mag Muscheln. Ich hätte die Muscheln doch niemals Malea gegeben!«

»Ach du je!«, stöhnt Iris.

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Ich hätte so gern ein Tier. Ein richtiges, eigenes Tier. Bentje hat einen Goldhamster, Miranda hat ein weißes Häschen und Gina hat einen Hund. Na ja, auch wenn es nicht ganz richtig ihr eigener Hund ist, sondern der von ihrer Familie eben. Aber ich wäre auch schon zufrieden, wenn wir einfach nur ein Familien-Tier hätten. Und wenn Papa mir nicht bald ein Tier kauft, dann suche ich mir irgendwo zehn Spinnen und dressiere sie so, dass sie allen Menschen sofort in die Nase krabbeln. Und dann? Hihihi! Dann packe ich alle zehn heimlich bei Papa ins Bett.

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Wir hatten eine tolle Nacht! Malea hat die ganze Zeit im Badezimmer gekotzt, sodass ich unser Zimmer für mich ganz allein hatte. Mama war mit ihr im Bad beschäftigt und hat deshalb nicht gemerkt, dass ich gar nicht schlafen gegangen bin.

Rema hat es gemerkt, aber sie fand, dass kleine Kinder nachts Kakao brauchen, wenn sie nicht schlafen können. Ich bin natürlich nicht mehr klein, aber sonst hat Rema ganz doll recht. Ich fand, dass Kinder außerdem auch Weingummis und Mandelkekse zum Kakao brauchen, weil sie vom langen Aufbleiben hungrig werden. Und wer kann schon mit Hunger einschlafen? Und weil Rema die netteste Oma der Welt ist, hat sie das natürlich sofort eingesehen.

Außerdem schien Rema auch ziemlich hungrig zu sein. Deswegen hat sie uns, als die Weingummis und die Mandelkekse alle waren, noch Bananenpfannkuchen gebacken. Ich liiiebe Bananenpfannkuchen. Genau wie Rema. Wir haben gefuttert, bis wir Bauchschmerzen hatten.

»So, jetzt sollten wir, glaube ich, lieber aufhören«, hat Rema irgendwann gesagt, »sonst müssen wir noch Malea im Badezimmer Gesellschaft leisten.«

Ich hab ein bisschen gekichert, aber eigentlich war ich schon so müde, dass ich gar nicht mehr richtig hingehört habe. Rema hat mich dann in mein Bett getragen. Es war wirklich eine superschöne Nacht.

Leider fühle ich mich jetzt nicht so richtig toll. Mama hat mich heute Morgen ganz gemein mitten aus einem wunderschönen Ponytraum gerissen. Und dann hat mich Papa auch noch angeraunzt, leise zu sein, weil Malea noch ein bisschen schnarchen sollte.

»Die Ärmste hat nicht viel Schlaf gekriegt«, hat Papa gesagt.

Pah, so viel Schlaf hab ich wirklich auch nicht gekriegt! Aber für mich scheint sich heute keiner zu interessieren. Außer Livi, meine liebe Livi.

Livi stellt mir ein Glas Orangensaft und ein Schokohörnchen auf den Küchentisch und rollt dann mit den Augen Richtung Papa. Der rennt nämlich schon seit zehn Minuten wie ein nervöser Spürhund von Zimmer zu Zimmer und schnüffelt und bellt und hebt Papierstapel hoch und guckt in den Kühlschrank und in den Abfalleimer und in unser Brotfach.

»Was suchst du denn, Cornelius?«, fragt Livi ganz freundlich.

»Meine Brille«, schnauzt Papa. »Stör mich nicht! Das ist doch wieder mal typisch! Wenn man es schon mal eilig hat!«

Eilig? Ach ja, da fällt es mir wieder ein, wir wollen ja heute unser neues Haus angucken. Und – ups – ich darf mir ja eins von den hundert Zimmern aussuchen! Juchhu! Uiii, da fühl ich mich aber gleich ziemlich viel besser!

»Suchst du vielleicht die, die du auf der Stirn hast?«, fragt Livi noch freundlicher.

Papa schiebt seine Brille oft auf die Stirn. Er sagt, dass er die ja sowieso kaum braucht, weil er eigentlich immer noch total gute Augen hat. Na ja, also dafür, dass er sie kaum braucht, sucht er sie aber ziemlich oft.

Papa tastet nach oben und guckt dann reichlich blöd. Weil er natürlich seine Brille in der Hand hält.

»Danke, Olivia«, sagt Papa steif und sieht so aus, als wüsste er nicht, was er machen soll. (Armer Papi! So sieht er ziemlich oft aus.)

»Hihihihiii«, kichere ich und pikse Papa in den Bauch.

Da grinst Papa auch ein bisschen. Aber dann verdrückt er sich schnell. Und kurze Zeit später schnüffelt er schon wieder als Spürhund durch die Gegend.

»Suchst du wieder deine Brille, Papa?«, frage ich.

»Cornelius«, bellt Papa. »Und: nein, jetzt suche ich meinen Autoschlüssel.«

Ich finde es lustig, dass Papa Cornelius genannt werden will. Aber ich finde den Namen schrecklich lang und unpraktisch. Wer will so was schon rufen? Hallo Cornelius-Papa! Nee, das ist doch voll doof.

»Wir könnten dich Co-pa nennen«, hat Malea mal vorgeschlagen. »So wie Re-ma.«

Aber da hat Papa so böse ausgesehen, dass Malea nur »Na, dann eben nicht« gemurmelt hat. Ich glaube, Papa versteht nicht richtig, dass er doch vor allem ein Papa ist und kein Cornelius.

»Warum nimmst du nicht die Schlüssel, die am Schlüsselhaken hängen?«, ruft Mama aus dem Wohnzimmer.

Spürhund-Papa trabt mit Gewitterwolken auf der Stirn aus der Küche. Dann höre ich im Flur was klickern, was wie ein Schlüsselbund klingt, den man vom Haken nimmt.

»Wer hat die denn hier rangehängt?«, hören Livi und ich ihn zu Mama rüberrufen. »Das hätte man mir ja auch mal sagen können!«

»Ja, ich verstehe auch nicht, warum du dir das nicht gesagt hast«, antwortet Mamas ruhige Stimme aus dem Wohnzimmer.

»Auuu! Oh, verdammt!«, schreit Papa darauf. Was nicht unbedingt zu Mamas Antwort passt, aber wahrscheinlich daran liegt, dass Papa wieder über die Schwelle vorm Wohnzimmer gestolpert ist und sich darauf die Spitze unserer großen Kommode, die nicht ganz ins Zimmer passt, in den Bauch gerammt hat. Das macht er gerne.

»Blödes Ding, verflucht noch mal!«, grunzt Papa aus dem Flur. »Wird wirklich Zeit, dass wir umziehen!«

Und dann kommt Malea in die Küche geschlurft. Die Ärmste hat kleine verschlafene Augen und guckt ein bisschen traurig. Na ja, auch kein Wunder, wenn man die ganze Nacht gekotzt hat und dann von Papas Gejaule geweckt wird. Appetit scheint sie aber schon wieder zu haben.

»Habt ihr mir kein Schokohörnchen übrig gelassen?«

Mama fegt wie ein Wirbelwind in die Küche. »Malea? Du isst Knäckebrot. Oder einen Apfel. Oder allerhöchstens eine Banane, hörst du?«

Aber Malea hört so frühmorgens nie sehr gut. Sie grapscht sich den Rest von meinem Hörnchen und stopft ihn sich in den Mund, bevor Mama überhaupt »Wag es ja nicht!« sagen könnte. Außerdem ist Mama sowieso gleich wieder aus der Küche rausgeweht, sie scheint heute Morgen furchtbar viel zu tun zu haben.

Normalerweise hätte ich mich jetzt natürlich auf Malea gestürzt, denn es ist ja wohl eine Frechheit, dass einem zu Hause das Essen vom Teller geklaut wird, aber ich bin irgendwie noch pappsatt von all den Bananenpfannkuchen letzte Nacht. Also werde ich mal großzügig sein.

»Los, jetzt! Ihr seid ja noch immer nicht angezogen!«

Papa ist vielleicht hektisch. Was soll das bloß? Warum müssen wir jetzt plötzlich so schrecklich hetzen? Unser neues rosarotes Haus wird in einer halben Stunde ja wohl immer noch da stehen, wo es jetzt gerade steht, oder?

»Nun beeilt euch doch ein bisschen! Und, Malea, ich bin mir nicht sicher, ob du heute schon wieder Pfannkuchen essen solltest, wo du gestern erst …« Papa steht vor Malea, die gerade meine und Remas restliche Pfannkuchen im Kühlschrank gefunden hat und die Scheiben unbekümmert mampft.

»Was ist?« Mamas Kopf erscheint im Türrahmen. Dann folgt die restliche Mama. »Malea, glaub mir, das ist keine gute Idee. Du solltest …«

»Ach, lass das Kind doch essen, was es möchte.« Rema erscheint in ihrem riesigen, regenbogenbunten Morgenmantel in der Küche und lächelt freundlich in die Runde. Ach, ich mag meine Rema sooo gern!

»Sie wird schon selber wissen, was gut für sie ist«, meint Rema.

»Also wirklich, Renate«, sagt Papa, der da deutlich anderer Meinung zu sein scheint, »als ob ein elfjähriges Mädchen selber wüsste, was gut für sie ist!«

»Kein Vertrauen in die zukünftige Generation«, seufzt Rema, schüttelt traurig den Kopf, setzt sich auf einen Stuhl und lächelt dann zu Malea rüber. »Iss du nur, Schätzchen! Die haben Kenny und ich letzte Nacht gebacken. Gut, nicht?« Sie zwinkert mir zu.

Spürhund-Papa knurrt. Aber bellen tut er nicht. Rema anzubellen, traut er sich nur selten.

Livi verdreht schon wieder die Augen und steht dann auf. Ich weiß nicht, ich glaube manchmal, dass Livi sich gar nicht richtig wohlfühlt bei uns. Schade ist das. Und wieso das so ist, verstehe ich auch nicht. Bei uns muss man sich doch einfach wohlfühlen!

»Abfahrt in fünf Minuten!«, ruft Papa. So laut, dass Rema direkt neben ihm sich die Ohren zuhält.

»Ist ja gut, Cornelius, wir sind ja nicht schwerhörig.«

Livi sagt nichts, lächelt aber Rema an und erntet dafür einen bösen Blick von Papa.

»Wo ist eigentlich Tessa?«, fragt Papa plötzlich und guckt sich suchend in der Küche um. Ganz so, als ob Tessa sich mit fünfzehn Jahren möglicherweise morgens gerne mal hinter dem Kühlschrank verstecken würde.

»Keine Ahnung«, sagt Livi.

Dabei weiß ich genau, dass sie weiß, wo Tessa ist. Ich weiß es nämlich auch.

Na ja, also wo sie ganz genau ist, wissen wir natürlich nicht. Aber dass sie weg ist, das wissen wir. Schon vor einer halben Stunde. Zu einem wichtigen Treff mit Dodo, hat sie gesagt. Tessa hat schrecklich oft wichtige Treffs mit Dodo. Das liegt daran, dass Dodo Tessas beste Freundin ist.

Meine beste Freundin ist Bentje. Und ich habe auch ganz oft wichtige Treffs mit ihr. Dann reden wir darüber, wie blöd Max oder Jesse wieder in der Schule waren, oder wir denken uns neue Spiele aus oder wir verkleiden uns mit Klamotten von Mama oder von Bentjes Mama, aber auf jeden Fall machen wir lauter tolle Sachen. Ich bin echt froh, dass ich eine beste Freundin wie Bentje habe.

Livi hat keine beste Freundin. Deshalb hat sie auch beinahe nie wichtige Treffs mit jemandem. Vielleicht sieht sie deshalb oft so grummelig aus? Arme Livi.

»Livi?«, frage ich. »Wollen wir heute Nachmittag zusammen malen?« Ich will mal versuchen, in nächster Zeit ganz besonders nett zu Livi zu sein. Vielleicht sieht sie dann wieder etwas glücklicher aus. »Oder wir könnten auch runter zum See gehen und nach Fröschen suchen und sie küssen und warten, ob vielleicht …«

Livi lächelt mir zu. War anscheinend ’ne gute Idee, das mit den Fröschen. Können wir ja nach dem Hausangucken machen.

Ich sollte Livi wirklich öfter aufheitern. Der Ärmsten ist bestimmt nur schrecklich langweilig den ganzen Tag über, weil ich meistens wenig Zeit habe. Hm, vielleicht leihe ich ihr sogar mal Bentje aus. Mit Bentje kann es einem gar nicht langweilig werden.