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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 

 
 
 
 
 
Für meinen Vater, der mir den Weg gewiesen hat,
auch wenn er den seinen verloren hatte.

ERSTES BUCH
Der kleine Elf

KAPITEL 1
Es regnete schon seit Tagen. Er watete bis zu den Knien durch den Schlamm. Die Welt hatte sich in eine einzige Schlammlache verwandelt, und wenn es nicht aufhörte zu regnen, würden darin zuletzt bestimmt auch noch die Frösche ertrinken.
Er selbst würde mit Sicherheit umkommen, wenn er nicht bald einen trockenen Platz fand, wo er bleiben konnte.
Es war kalt auf der Welt. Bei Großmutter am Herd war es immer warm gewesen. Aber das war lange her. Das Herz des kleinen Elfen krampfte sich zusammen vor Heimweh.
Seine Großmutter sagte, wenn du nur fest genug träumst, dann werden die Dinge wahr. Aber Großmutter konnte nicht mehr träumen. Eines Tages war die Mama dorthin gegangen, von wo niemand wiederkehrt, und Großmutter hatte nicht mehr träumen können. Und er war noch zu klein zum Träumen. Oder vielleicht doch nicht.
Der kleine Elf schloss ein paar Sekunden lang die Augen und träumte, so fest er konnte. Er spürte das Gefühl von Trockenem auf der Haut, von knisterndem Feuer. Er spürte, wie seine Füße warm wurden. Etwas zum Essen.
Der kleine Elf schlug die Augen wieder auf. Die Füße fühlten sich noch eisiger an als vorher und sein Magen noch leerer. Er hatte nicht fest genug geträumt.
Er zog die klitschnasse Kapuze über die klitschnassen Haare. Er trug den gelben Elfenmantel. Der grob gewebte gelbe Jutestoff war schwer, rau und schützte vor nichts. Es lief ihm nur noch mehr Wasser in den Nacken und rann ihm den ganzen Rücken hinunter bis in die Hosen. Alles, was er am Leib trug, war gelb, rau, klitschnass, schmutzig, schäbig und kalt.
Eines Tages würde er Kleider haben, so weich wie Vogelflaum, so warm wie Entendaunen und in Farben wie die Morgenröte und das Meer.
Eines Tages würde er trockene Füße haben.
Eines Tages würde die Finsternis weichen und der Frost ein Ende nehmen.
Die Sonne würde wiederkehren.
Die Sterne würden wieder funkeln.
Eines Tages. Der Traum vom Essen nahm wieder sein ganzes Denken ein.
Er dachte an Großmutters Fladenbrot: Und wieder krampfte sich alles in ihm zusammen vor Trauer.
Großmutter hatte nur ein einziges Mal Fladenbrot gebacken, solange der kleine Elf auf der Welt war. Das war beim letzten Neumondfest gewesen, als auch an die Elfen ein halber Sack Mehl ausgegeben worden war und als der Mond noch leuchtete.
 
 
Der kleine Elf legte eine Hand über die Augen und versuchte, durch den Regen zu spähen.
Das Tageslicht wurde schwächer. Bald würde es dunkel sein. Er musste etwas finden, wo er bleiben konnte, bevor die Nacht hereinbrach. Einen Ort, an dem er schlafen konnte, und etwas zum Essen. Noch eine Nacht im Schlamm und mit leerem Magen würde er nicht überleben.
Vor Anstrengung kniff er die großen Augen zusammen, während sie das Grau der Baumschatten absuchten, das unmerklich in das Grau von Erde und Himmel überging, dann blieben sie bei einem dunkleren Fleck hängen. Sein Herz hüpfte. Die Hoffnung kehrte wieder. Er lief, so schnell er konnte, die müden Beinchen sanken bis zu den Knien ein, die Augen hielt er unablässig auf den dunklen Fleck gerichtet. Als der Regen einen Moment lang dichter wurde, befürchtete er schon, es könne alles nur ein etwas dunklerer Baumschatten sein. Doch dann konnte er ein Dach erkennen und Mauern. Da lag, umstanden von hohen Bäumen und völlig überwuchert von Kletterpflanzen, ein winziges Häuschen aus Holz und Stein.
Es war wohl eine Schäfer- oder Köhlerhütte.
Großmutter hatte recht. Wenn du nur fest und lang genug träumst, wenn der Glaube dich ganz erfüllt, dann wird aus Hoffnung Wirklichkeit.
Noch einmal drehten sich alle Gedanken des Elfen um den Traum von einem wärmenden Feuer. Der Geruch von Rauch, zusammen mit dem Duft vom Harz der Pinienzapfen, durchdrang ihn so sehr, dass ihm ein paar Sekunden lang warm wurde. Kläffendes Hundegebell riss ihn aus seinen Träumen. Er hatte sich getäuscht. Das war kein Traum. Da war tatsächlich frischer Rauch und der Duft von brennenden Pinienzapfen. Das war nicht nur in seinem Kopf. Er war zu einem Feuer bei Menschen gelangt.
Nun war es zu spät.
Träumereien können tödlich sein.
Das Hundegebell dröhnte ihm in den Ohren. Der kleine Elf begann wegzulaufen. Vielleicht schaffte er es ja. Wenn er schnell genug war, würde er ausreichend Abstand zwischen sich und den Hund legen. Sonst würden ihn die Menschen erwischen und von einem friedlichen Tod in Kälte und Hunger konnte keine Rede mehr sein. Er stolperte über eine Wurzel, sein Fuß verfing sich darin. Er schlug hin, das Gesicht im Schlamm. Der Hund war über ihm. Es war aus.
Der Kleine wagte nicht zu atmen.
Die Sekunden verrannen.
Der Hund hechelte ihm seinen Atem auf den Hals und hielt ihn fest, doch zugebissen hatte er nicht.
»Lass los«, sagte eine Stimme.
Es war eine barsche, herrische Stimme. Der Hund ließ los. Der kleine Elf begann wieder zu atmen. Er sah nach oben. Der Mensch war riesig. Auf dem Kopf hatte er gelbliche Haare, die zusammengedreht waren wie eine Vorhangkordel. Er hatte keine Haare im Gesicht. Dabei war Großmutter in diesem Punkt ganz eindeutig gewesen: Menschen haben Haare im Gesicht und die nennt man Bart. Das ist eines von den vielen Dingen, in denen sie sich von den Elfen unterscheiden. Der kleine Elf konzentrierte sich, um sich zu erinnern, dann hellte sich sein Gesicht auf.
»Du sein ein weiblicher Mensch«, schloss er triumphierend.
»Das heißt Frau, Dummkopf«, sagte der Mensch.
»O, Verzeihung bitte, Frau Dummkopf, ich aufpassen besser, jetzt ich sagen richtig: Frau Dummkopf«, versetzte der Kleine eifrig. Die Sprache der Menschen war ein Problem für sich. Er kannte sie kaum und die Menschen waren immer so schrecklich empfindlich, und wenn man ihre Empfindlichkeit verletzte, wurden sie böse. Auch in diesem Punkt war Großmutter ganz sicher gewesen.
»Bürschchen, willst du, dass es ein böses Ende mit dir nimmt?«, drohte der Mensch.
Der kleine Elf war verdutzt.
Großmutter zufolge war es der vollständige Mangel jeder Form des logischen Denkens, kurz auch »Dummheit« genannt, was das Geschlecht der Menschen grundsätzlich von dem der Elfen unterschied, aber auch wenn Großmutter ihn darauf vorbereitet hatte, diese Frage war dermaßen abgrundtief albern, dass sie ihn verwirrte.
»Nein, Frau Dummkopf, das ich wollen nicht«, versicherte der kleine Elf, »ich wollen kein böses Ende nehmen. Das gehören nicht zu meinen Plänen«, betonte er.
»Wenn du noch einmal ›Dummkopf‹ sagst, hetz ich den Hund auf dich! Das ist eine Beleidigung«, erklärte die Frau aufgebracht.
»Aha, jetzt ich verstehen«, log der kleine Elf und versuchte verzweifelt, sich den Sinn dieser Worte zu erklären. Warum wollte der Mensch beleidigt werden?
»Du bist ein Elf, nicht wahr?«
Der Kleine nickte. Besser, er sprach so wenig wie möglich. Besorgt warf er einen Blick auf den Hund, der als Antwort knurrte.
»Ich mag Elfen nicht«, sagte der Mensch.
Der Kleine nickte noch einmal. Die Angst verbrüderte sich mit der Kälte. Er begann zu zittern. Kein Mensch mag Elfen, das hatte Großmutter schon immer gesagt.
»Was willst du? Warum bist du hergekommen?«, fragte die Frau.
»Kalt.« Dem kleinen Elfen versagte die Stimme. Kälte, Müdigkeit, Angst, alles zusammen. Mit zitternder Stimme sagte er: »Die Hütte …« Wieder versagte ihm die Stimme.
»Spiel hier nicht den Leidenden. Du bist doch ein Elf, oder? Du hast deine Zauberkräfte. Elfen leiden weder unter Kälte noch unter Hunger. Wenn sie wollen, fühlen sie weder Kälte noch Hunger.«
Der Elf brauchte sehr lang, um den Sinn dieser Worte zu begreifen, dann strahlte er.
»Wirklich?«, fragte er glücklich. »Ich können so etwas wirklich machen? Und wie ich anstellen das?«
»Das weiß ich doch nicht«, brüllte die Frau, »du bist der Elf. Wir, wir gewöhnlichen Menschen, dumm und zurückgeblieben, wir müssen mit Kälte und Hunger leben.« Die Stimme des Menschen war nun wirklich böse.
Der kleine Elf fühlte, wie die Angst ihn überwältigte, sie trocknete ihm die Kehle aus wie Wüstenhitze, sie stieg ihm ins Gesicht und er fing an zu weinen. Es war ein Weinen ohne Tränen, ein bloßes Wimmern und entsetztes Schluchzen. Die Frau spürte die ganze Verzweiflung und Angst, die darin lagen, und ein eisiger Schauder lief ihr über den Rücken.
»Aber was habe ich denn Böses getan?«, fragte sie sich. Der Kleine weinte noch immer. Es war ein herzzerreißender Ton, in dem der ganze Jammer der Welt lag und der einen im Innersten ergriff. »Du bist ein Junges, nicht wahr?«
»Ein Unlängstgeborener«, bestätigte der Kleine. »Herr Mensch«, setzte er dann hinzu, als er endlich glaubte, einen Ausdruck gefunden zu haben, der nicht beleidigend klingen würde.
»Hast du irgendwelche Zauberkräfte?«, fragte die Frau. »Sag mir die Wahrheit.«
Der Elf sah sie weiterhin unverwandt an. Nichts von dem, was der weibliche Mensch sagte, hatte einen Sinn.
»Zauberkräfte?«
»Alles, was du so machen kannst.«
»Ach so, das. Doch, ich können vieles. Atmen, gehen, schauen, ich können auch laufen, sprechen... essen, wenn es geben was zum Essen...« Der Tonfall des kleinen Elfen wurde sehnsüchtig, mit einer Spur von Hoffnung.
Die Frau setzte sich auf die Schwelle der Hütte. Sie senkte den Kopf und blieb dort. Dann stand sie auf.
»Ich bring es ja doch nicht fertig, dich hier draußen zu lassen. Komm herein. Du kannst dich am Feuer wärmen.«
Grauen malte sich in den Augen des kleinen Elfen ab und er wich zurück.
»Ich bitte dich, Herr Mensch, nicht...«
»Was hast du denn jetzt?«
»Nicht das Feuer, nein: Ich sein immer brav gewesen. Bitte, Herr Mensch, nicht aufessen.«
»Was...?«
»Nicht aufessen.«
»Ich dich essen? Und wie?«
»Ich glauben, mit Rosmarin. Meine Großmutter haben das immer gesagt, als sie noch leben: Wenn du nicht brav sein, kommen ein Mensch und essen dich mit Rosmarin.«
»Soso, das hat deine Großmutter über uns erzählt? Wie freundlich!«
Das Wort »freundlich« entzückte den kleinen Elfen. Das kannte er. Er hatte das Gefühl, sich auf sicherem Gebiet zu bewegen. Er strahlte und lächelte.
»Ja, das sein wahr, das stimmen. Großmutter sagen: ›Die Menschen sein Kannibalen, und das sein noch das Netteste, was man über sie können sagen.‹«
Diesmal hatte es geklappt. Er hatte das Richtige getroffen. Der Mensch ärgerte sich nicht. Er sah ihn lange an, dann begann er zu lachen.
»Für heute Abend habe ich schon etwas anderes zu essen«, versicherte ihm die Frau, »du kannst also hereinkommen.«
Zögernd schlich der kleine Elf hinein. Draußen würde ihn die Kälte umbringen. Ob er so oder so ums Leben kam...
 
 
Drinnen brannte ein Feuer aus Pinienzapfen und verbreitete einen herben, harzigen Duft.
Zum ersten Mal seit Tagen war er im Trockenen.
Über dem Feuer röstete ein Maiskolben.
Wie in Trance starrte der Kleine ihn an.
Dann geschah ein Wunder.
Der Mensch zog ein Messer hervor, und anstatt ihn damit abzustechen und Hackfleisch aus ihm zu machen, schnitt er den Maiskolben durch und gab ihm ein Stück davon.
Gewisse Zweifel an dem Menschen blieben dem Kleinen allerdings doch. Vielleicht war er nicht richtig böse, aber vielleicht wollte er ihn mästen, bis er Rosmarin fand. Den Maiskolben aß er aber trotzdem. Er verzehrte jedes Maiskorn einzeln, damit es so lang wie möglich vorhielt. Es war schon tiefe Nacht, als er damit fertig war. Er nagte auch den Strunk ab, dann wickelte er sich in seinen rauen, feuchten Mantel und schlief wie ein kleines Murmeltier neben den tanzenden Flammen ein.

KAPITEL 2
Der Morgen war grau wie jeder Morgen. Das Licht drang durch die Ritzen in den Holzwänden der Hütte, und die schmalen Strahlen trafen auf die Rauchspiralen, die immer noch von der Asche des Feuers aufstiegen.
Der kleine Elf erwachte mit einer merkwürdigen Empfindung. Er brauchte etwas, bevor er begriff: Ihm war nicht kalt, er hatte keinen allzu großen Hunger und keine eiskalten Füße.
Das Leben konnte doch wunderbar sein.
Und der Mensch hatte ihn auch nicht gefressen.
Sehr vergnügt stand der Kleine auf.
Ein Wollschal bedeckte ihn. Es war grobe, graue Wolle, mehr Löcher als Wolle, aber es war Wolle. Der Mensch hatte ihn zugedeckt.
Deswegen hatte er keine eiskalten Füße. Er fragte sich, warum der Mensch ihn zugedeckt hatte. Vielleicht schmeckte er weniger gut, wenn er Husten bekam.
Der Mensch war schon wach. Er machte sich an der Glut zu schaffen. Mit einer Art winzigen Schaufel schob er etwas davon in eine Eisenkugel voller Löcher, in der Stroh und ein schönes, trockenes Holzscheit waren.
Der ganze Vorgang kam dem Kleinen maßlos albern vor, eben typisch Mensch.
Er sagte nichts dazu, beschränkte sich darauf, den Schal zurückzugeben.
»Den kannst du behalten«, brummte der Mensch. »Heute Nacht hast du gezittert vor Kälte.«
Er hängte die rauchende Kugel unter einer Art winzigem Schirm aus zusammengenähten Häuten an einen Stab und legte ihn sich auf die Schulter.
»Ich bin auf dem Weg in die Grafschaft Daligar«, sagte er unwirsch zu dem Kleinen. »Das ist oben auf der Hochebene. Es heißt, das Wasser fließt von dort abwärts und es gibt da noch Äcker und bestellte Felder.«
Schweigen. Der kleine Elf fragte sich nach dem Sinn dieser Mitteilung.
Vielleicht war das eine Höflichkeitsform, und er hätte als Antwort sagen müssen, wohin er unterwegs war.
Bedauerlich, dass er nirgendwohin unterwegs war. Er beschränkte sich darauf, von dem Ort fortzugehen, an dem er zuvor gewesen war, einfach weil dieser nicht mehr da war, oder genauer gesagt, weil er jetzt unter einem Dutzend Fuß Wasser, Schlamm und verrottetem Laub begraben war.
»Was ist? Hat dir die Katze die Zunge abgebissen?«
»Hier es geben keine Katzen, Exzellenz«, sagte der Kleine. Endlich war ihm die ehrerbietige Anredeform für Menschen wieder eingefallen. Der seine schien ja maßlos verrückt zu sein, und da war es besser, er ging durch Respekt auf Nummer sicher. »Der Name sein Hund, Exzellenz... und wenn er mir die Zunge abbeißen, da sein jetzt Blut auf dem...«, begann er respektvoll und umständlich zu erklären, aber der Mensch unterbrach ihn.
»Ist gut, ist ja gut. Hör auf.«
Der Mensch sah ihn an, tat einen tieferen Atemzug als sonst und schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte er irgendeine Krankheit und bekam deswegen nicht gut Luft.
»Vermutlich kommen Intelligenz und Zauberkraft später, wie die Weisheitszähne.«
»Die was, Hoheit?«, erkundigte sich der Kleine, alarmiert von dem Wort »Zähne«. Wenn er nur sicher gewesen wäre, welches die richtige Höflichkeitsform war!
»Die Zähne hier hinten, die später kommen als alle anderen.«
Er zeigte sie ihm. Eine miserable Idee. Der Kleine fing wieder an zu weinen.
»Du gesagt, du mich nicht aufessen, Majestät«, jammerte er.
Wieder tat der Mensch einen tiefen Atemzug. Er musste tatsächlich irgendeine Krankheit haben.
»Stimmt, das habe ich gesagt«, versetzte er munter. »Also dann ist da nichts zu machen, ich kann dich nicht essen.«
Mit einem Fingerschnippen rief er den Hund und ging zur Tür. Der kleine Elf fühlte sich traurig. So unberechenbar und verrückt er war – der Mensch war immerhin etwas, immer noch besser, als bis zum Horizont nur ganz allein zu sein. Und vielleicht hatte er ja auch noch ein Stück Maiskolben. Das Herz des kleinen Elfen krampfte sich zusammen, und er fühlte, wie die Traurigkeit sich überall in ihm ausbreitete, wie die Dunkelheit bei Einbruch der Nacht.
Die Tür war dick, aus schlecht gehobelten und grob zusammengefügten Tannenbrettern, aber die Türangeln waren solide, aus Bronze.
»Das muss die Hütte von Jägern oder Pelzhändlern sein«, sagte der Mensch. »Keine einfachen Köhler.«
Der Hund trabte fröhlich durch den Regen davon.
Der Mensch dagegen blieb auf der Schwelle stehen und betrachtete die Hütte. Er sah hinauf zu den Steinziegeln, die in gutem Zustand waren, dann zu den Holzstückchen, die im unteren Teil zwischen die Steine geschoben waren, um den Luftzug abzuhalten. Sie waren schön trocken, nicht vermodert, die Kanten ungehobelt und voll frischer Splitter und Späne.
»Diese Hütte ist nicht verlassen«, bemerkte er. »Die Eigentümer könnten jeden Augenblick zurückkommen.«
Der kleine Elf begann, den Sinn dieser Rede zu verstehen.
»Sie essen Elfen?«
»Mögen tun sie sie sicher nicht. Ich an deiner Stelle würde nicht hierbleiben und sie danach fragen.«
Noch geschwinder als der Hund war der kleine Elf zur Tür hinaus.
Sie machten sich auf den Weg.
»Hast du vielleicht auch einen Namen?«
»Ja«, antwortete der Kleine im Brustton der Überzeugung.
Wieder tat der Mensch diesen komischen Atemzug.
»Und wie wäre dieser Name?«
Ihm kam in den Sinn, was ihm die Großmutter über menschliche Grammatik beigebracht hatte.
»Nein, nicht wäre. Wäre ist für unsichere Dinge, aber der Name ist eine feststehende Sache. Jeder kennen seinen Namen, deshalb du nicht fragen sollen, wie wäre der Name, Exzellenz, sondern wie ist er...«
»Und wie ist dieser Name?«, brüllte die Frau. »Schon gut, schon gut, ich schrei nicht mehr, versprochen. Fang nicht wieder an zu weinen. Ich schreie nicht und ich esse dich nicht. Wie heißt du?«
»Yorschkrunsquarkljolnerstrink.«
»Kannst du das wiederholen?«
»Ja sicher, kann ich das«, bestätigte der Kleine stolz.
Der Mensch seufzte schon wieder. Er musste wirklich krank sein.
»Dann wiederhol also!«, sagte er.
»Yorschkrunsquarkljolnerstrink.«
»Hast du einen Kosenamen?«
»Sicher habe ich den.«
Pause und wieder dieses komische Luftholen des Menschen. Die Unterhaltung mit ihnen war wirklich eine Qual, Großmutter hatte es gesagt.
»Und wie ist dieser Kosename?«
»Yorschkrunsquarkherzljolnerstri.«
»Ah ja«, sagte der Mensch und wirkte plötzlich sehr müde.
Bestimmt war er krank.
»Ich werde dich Yorsch nennen«, schloss der Mensch.
Wieder schüttelte er den Kopf.
»Wahrscheinlich habe ich in meinem früheren Leben ein schreckliches Verbrechen begangen und das ist jetzt die Buße dafür«, murmelte er.
Das hatte wenigstens Sinn. Das also war der Grund, weshalb der Mensch so dumm und verrückt war: Er hatte acht Fragen gebraucht, nur um ihn zu fragen, wie er hieß. Aber in dieser überschwemmten Landschaft allein zu bleiben, war wirklich zu schrecklich. Und dann der Schal; bevor er klitschnass geworden war, hatte er ein wenig warm gehalten.
»Ich heiße Sajra«, sagte die Frau.
Erfreut über diese Vorstellung, lief Yorsch eilig hinter ihr her.
»Wie heißt der Hund?«, fragte er.
»Der hat keinen Namen«, antwortete die Frau. »Er heißt Hund, und basta. Das ist kurz und bündig und ich brauche mir nicht den Kopf zu zerbrechen.«
Der Kleine fand es maßlos traurig, dass ein Geschöpf ohne eigenen Namen bleiben sollte, nur mit seinem Artnamen gerufen wie ein Baum oder ein Stuhl, aber mittlerweile kannte er den Jähzorn der Frau und beschloss, seine Überlegungen für sich zu behalten.
Er würde das Tier jedenfalls nicht ohne Namen lassen. Er würde ihm einen Namen nach seinem Geschmack geben. Er musste nur aufpassen: Einen Namen durfte man nur mit Bedacht wählen. Der Name ist immerhin der Name, also eine große Verantwortung.
Es regnete unaufhörlich weiter.
Wegen des Schlamms kamen sie nur langsam voran.
Die Frau hatte längere Beine als er. Yorschkrunsquarkljolnerstrink musste laufen, um mit ihr mitzuhalten, und er war wirklich arg müde. Er hatte fast keine Angst mehr vor dem Hund, und manchmal hatte er auch schon gewagt, ihn anzufassen und sich an ihn anzulehnen. Der Hund hatte ihn gewähren lassen.
»Haben du noch so ein Ding mit gelben Körnern?«, erkundigte sich der Kleine vorsichtig.
»Ich habe noch einen Maiskolben, aber ich wollte ihn für heute Abend aufheben.«
»Wenn wir vor dem Abend im Schlamm umkommen, wer sollen dann essen den Maiskolben?«
»Bist du hungrig?«
»Ja. Ich haben... nein, ich habe Hunger.«
»Gut! Aber wenn wir den Maiskolben jetzt essen, wird es heute Abend schlimm, weil wir dann nichts mehr haben.«
»Vielleicht gehen es mit der Welt zu Ende vor heute Abend. Vielleicht gehen es mit uns zu Ende vor heute Abend.«
Vielleicht geht es mit mir zu Ende vor heute Abend.
»Sei still und lauf weiter. Spar dir deinen Atem für das Gehen.«
»Ich können... nein, ich kann zwei Dinge gleichzeitig tun: gehen und über den Maiskolben reden. Ja, es ist weniger mühsam, wenn wir reden.«
»Sei still«, sagte die Frau. Der Tonfall war anders.
»Aber...«
»Still«, zischte die Frau. Sie kniete neben dem Kleinen nieder, duckte sich, um nicht gesehen zu werden. Der Hund knurrte. Sie suchte mit den Augen das Schilf und das Sumpfland zu beiden Seiten des Weges ab.
»Ist gut, wir essen heute Abend. Sei nicht böse...«
»Lauf«, schrie die Frau. Sie richtete sich auf und lief los. Sie hatte den Kleinen an einer Hand genommen und war losgelaufen.
»Hierher«, brüllte sie den Hund an, auch er rannte mit ihnen mit. Der kleine Elf fiel hin, rappelte sich hoch, fiel wieder hin. Er begann zu weinen.
»Nicht böse sein, nicht böse sein, wir essen heute Abend.«
»Es verfolgt uns jemand«, erklärte die Frau völlig außer Atem, während sie immer noch weiterlief. »Siehst du den Hügel da oben? Ich habe längere Beine. Ich laufe unten herum und lenke sie von dir ab. Schlag du dich ins Gebüsch und bring das Feuer in Sicherheit. Hier, nimm. Wir sehen uns oben auf dem Hügel.«
Die Frau übergab ihm den Stab mit der Metallkugel daran und rannte los. Im Laufen knickte sie Zweige und Äste und stieß raue Laute aus. Der kleine Elf duckte sich ins Gestrüpp und blieb dort, während sein Herz allmählich ruhiger schlug.
Er fragte sich, wer sie verfolgte. Vielleicht die Eigentümer der Hütte, in der sie die Nacht verbracht hatten. Vielleicht waren sie verärgert über ihr Eindringen. Vielleicht hatten sie Rosmarin und es fehlte ihnen ein kleiner Elf dazu.
Die Angst schnürte ihm die Eingeweide zusammen.
Mit Blicken suchte er im feinen Regen das Schilf ab, aber er sah niemanden.
Die Angst löste sich langsam und verwandelte sich in Traurigkeit.
Er war wieder allein. Wieder war bis zum Horizont nur er allein.
Er musste an Großmutter denken, die ihn in den Armen gehalten hatte, während im Topf die Kastanien kochten.
Sein Inneres war ganz von Traurigkeit erfüllt, und sie begann, in Verzweiflung überzugehen.
Er musste an die Mensch-Frau denken, die ihm Angst einjagte, aber sie hatte ihm den Maiskolben gegeben und das war doch immerhin etwas. Besser als dieses Wieder-allein-Sein. Er ganz allein, bis zum Horizont. Bei sich begann er ganz, ganz leise zu jammern, ohne jedes Geräusch, nur in seinem Kopf, ohne das leise Rauschen des Regens im Geringsten zu stören.
Sollte er den Hund je wiedersehen, dachte er sich, könnte er ihn »Einer, der neben dir atmet« nennen, aber die Frau hatte gesagt, Hunde brauchen einen kurzen Namen, und kurz war dieser nicht.

KAPITEL 3
Es war schon fast dunkel, als die Frau oben auf dem Hügel ankam.
Dem kleinen Elfen ging das Herz auf.
Die Frau war außer Atem. Sie ließ sich auf den Boden fallen, in den Schlamm. Der Hund war bei ihr.
»Es war ein Jäger«, sagte die Frau keuchend. »Mit einem Bogen. Ich habe ihn gesehen. Ich konnte ihn abschütteln.«
»Oooooooooooh«, sagte der Kleine mächtig beeindruckt. »Liegt er jetzt wie Blätter am Boden?«
»Aber nein«, erklärte die Frau unwirsch, »es heißt nur, dass ich ihn zurückgelassen habe.«
»Aaaaaaaaaaah! Jetzt habe ich verstanden«, log der Kleine: Warum konnte in dieser absonderlichen Sprache der Menschen ein und dasselbe Wort zwei verschiedene Bedeutungen haben? Na klar! Ihre Dummheit! Er musste sich immer wieder daran erinnern.
»Was ist ein Bogen?«, erkundigte er sich.
Der Hund fing an zu knurren.
»Halt den Hund fest«, sagte eine Stimme.
Der kleine Elf begriff, was ein Bogen war: ein gebogener Ast mit einer straff gespannten Schnur daran, um ein Stöckchen mit Eisenspitze auf das Herz der Frau zu richten.
Der Jäger war noch größer als die Frau, mit dunklen Haaren auf dem Kopf und ums Gesicht, die nach allen Seiten abstanden, und er, ja, er hatte einen Bart. Er trug Kleider, die warm aussahen, wärmer als solche aus Tuch, und am Gürtel eine beeindruckende Sammlung von Dolchen und eine Axt. Er war hinter dem kleinen Elfen aufgetaucht. Während die Frau glaubte, ihn abgeschüttelt zu haben, hatte er durch den Wald einen Bogen geschlagen.
Er und die Frau standen da und sahen sich an, dann rief die Frau den Hund zurück.
Der Jäger ließ den Bogen sinken.
»Ich will nur ein bisschen Feuer. Meins ist mir ausgegangen. Ich will nur meine Glut wieder anzünden. Ich habe gesehen, du hast welches.«
Die Frau musterte ihn.
»Sonst nichts?«
»Sonst nichts.«
Sie maßen sich noch eine Weile mit Blicken, dann nickte die Frau.
»Gib ihm das Feuer«, sagte sie. »He du, ich rede mit dir. Gib ihm das Feuer. Wo hast du es hingetan?«
»Ich habe es da unten versteckt.«
»Wirklich?«, fragte die Frau. »Gute Idee, wirklich. Wo genau hast du es denn versteckt?«
»Dort im Teich, im Wasser, so kann es niemand sehen«, sagte der Kleine stolz.
Es war so schön, gelobt zu werden. Er erinnerte sich, wie Großmutter ihn im Arm hielt und zu ihm sagte, dass er der bravste Elf auf der Welt sei. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn, als wenn der Frühlingswind die Wolken verjagte, damals, als es noch einen Frühling gab.
Vergnügt trottete er den Hügel hinunter. Es hatte aufgehört zu regnen. Ein blassblauer Streifen Himmel zeigte sich zwischen den Wolken und spiegelte sich in dem Teich, wo der Kleine sich nun bückte, um siegesgewiss den Stab mit der Eisenkugel daran hervorzuholen. Wasser lief durch die Löcher heraus.
Der Mann und die Frau waren ihm gefolgt und sahen ihm wortlos zu. Die Frau setzte sich auf einen Baumstumpf und nahm den Kopf in die Hände.
»Du hast es ausgemacht«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Ja sicher, so lässt es sich leichter verstecken.«
Mit den Armen deutete er eine Bewegung des Versteckens an.
Der Schal glitt herunter und man sah seine gelben Kleider.
»Das ist ja ein Elf«, sagte der Jäger erstaunt.
»Ja, er ist tatsächlich ein Elf«, bestätigte die Frau tonlos.
»Willst du dir das Leben absichtlich schwer machen?«, fragte der Mann.
»Nein, das kommt ganz von selbst auf uns zu, ohne unser Zutun.«
»Hat er Kräfte?«
»Nein, er ist eine Art Kind.«
»Ein Unlängstgeborener«, bestätigte der Kleine.
Der Mann ließ nicht locker. Er wandte sich an den Kleinen: »Kannst du Feuer machen?«
»Jaaaaaaa, ich glaube, ja. Ich habe es noch nie gemacht, aber das kann doch jeder.«
Die Frau hob den Kopf und starrte ihn fassungslos an.
»Dann mach Feuer«, verlangte der Jäger.
Seine Stimme war tiefer als die der Frau.
Der Kleine legte die Hand auf eine trockene Eisenkugel, die der Jäger aus seinem Quersack geholt hatte. Innen drin war Stroh. Er schloss die Augen. In seiner Vorstellung tauchte das Bild des Feuers auf. Der Geruch von Feuer stieg ihm in die Nase. In seiner Erinnerung tauchte die Empfindung von Wärme auf.
Als er die Augen wieder öffnete, brannte das Feuer in der Kugel lichterloh.
Die Frau war sprachlos.
»Kannst du ohne Glut Feuer machen?«
»Jaaaaaaaaaaaaaaaah.«
»Warum hast du mir das nicht gesagt?«
»Du hast nicht danach gefragt.«
»Ich hab dich doch gefragt, ob du Zauberkräfte hast!«
»Ja, und ich habe dir geantwortet und von den großen Kräften erzählt: Atmen, Essen, Leben. Feuer anzünden ist nur eine kleine Zauberkraft. Man braucht nur die Temperatur zu erhöhen und schon geht das Feuer an. Das kann doch jeder.«
»Ich nicht«, sagte die Frau.
»Neiiiin?« Der Kleine war verwirrt. »Das ist nicht möglich. Alle können...«
»Wenn wir alle Feuer machen könnten, warum sollten wir dann die Kugeln mit der Glut mit uns herumtragen?«
»Weil ihr Menschen seid«, erklärte der Kleine seelenruhig. »Ihr seid dumm.«
»Büßt du für ein früheres Leben, oder gibt es sonst einen Grund, warum du einen Elfen bei dir hast?« Der Mann wirkte immer erstaunter. »Ganz abgesehen von der liebenswürdigen Gesellschaft, aber im ersten Dorf machen sie mit euch beiden doch kurzen Prozess. Die Leute mögen solche nicht, die durch Gedankenkraft Feuer machen.«
»Warum nicht? Das ist bequemer, als eine Kugel mit Feuer herumzutragen.«
»Du könntest eine Person oder ein Haus in Brand stecken. Ein Haus mit ein, zwei oder fünfzehn Leuten drin.«
Die Vorstellung war dermaßen grausam, dass sich die Augen des kleinen Elfen schlossen und er laut aufstöhnte vor Schmerz. Im Geist sah er die verbrannten Leiber, ja, er roch sogar den Geruch von verbranntem Fleisch. Das Grauen überwältigte ihn. Er musste sich übergeben. Als er endlich aufhören konnte, fing er an zu weinen. Nicht das übliche leise Gewimmer, sondern ein lang anhaltendes Geheul voll gellender Schreie und herzerweichendem Schluchzen.
»Sorg dafür, dass er aufhört«, brüllte der Mann. »Sorg dafür, dass er aufhört, das ist ja unerträglich!«
»Da siehst du, was du angerichtet hast!«, gab die Frau zurück. »Bitte, Kleiner, es ist alles gut, es ist ja nichts passiert. Das war nur so dahingesagt.«
»Nur so dahingesagt«, der Elf war außer sich. Aber es wirkte. Er hörte auf zu weinen. »Nur so dahingesagt. Wie wagt ihr es, wie könnt ihr, wie könnt ihr es wagen, so etwas zu sagen? Bei all dem Schmerz, der darin liegt, einfach nur so.«
Er fing wieder an zu weinen. Diesmal war es das übliche herzzerreißende Gejammer.
Der Mann setzte sich auf einen Baumstumpf. Auch er musste irgendeine Krankheit haben, denn er holte genauso tief Luft wie die Frau. Der Himmel klarte weiter auf. Zum ersten Mal seit Wochen waren wieder Sterne zu sehen.
»Ich habe ein Kaninchen«, sagte der Mann, »ich habe es heute Morgen erlegt. Ihr habt mir Feuer gegeben, ich habe ein Kaninchen und es hat aufgehört zu regnen. Jetzt lassen wir uns hier nieder und essen etwas. Ich heiße Monser.«
Einen Moment schwiegen sie, aber nicht lang.
»Sajra«, sagte die Frau.
Auch der Kleine hörte auf zu weinen und meldete sich ebenfalls zu Wort.
»Hat er Schnupfen?«, fragte der Mann.
»Nein, das war kein Niesen, das ist sein Name.«
»Hat das Kaninschen auch Körner wie der Maiskolben?«, erkundigte sich Yorsch, der beim Wort »Essen« gleich wieder munter geworden war.
Der Mann lachte.
»Nein«, sagte er, »das Kaninchen hat ein schönes Fell, so hat man nachher etwas, um sich die Füße zu wärmen. Schau hier!« Er öffnete seinen Quersack, um es dem Kleinen zu zeigen.
Yorsch fasste die Ränder des Quersacks mit beiden Händen und sah erwartungsvoll hinein. Die Vorstellung von etwas, was den Magen füllte und zugleich die Füße wärmte, war einfach himmlisch: Nicht einmal Großmutter, die alles wusste, hatte ihm je von einem solchen Schatz erzählt. Vielleicht waren die Menschen ja doch nicht so... Ein gellender Schrei hallte über die Sümpfe.
Ein grausamer Schrei, der den Schmerz der ganzen Welt in sich trug.
»Das ist ja ein Kadaver«, schrie der kleine Elf, »schau hier, er hat es mit der Spitze von seinem Stab getroffen. Und jetzt ist es tot. Wollt ihr einen Kadaver essen?«
»Warum, esst ihr die Kaninchen vielleicht lebend?«, der Mann war entrüstet.
»Elfen essen nichts, was gedacht hat, gelaufen ist, was Hunger gehabt hat und Angst vor dem Tod. Großmutter hat es mir gesagt, dass die Menschen Geschöpfe essen, die lebendig waren. Mit Rosmarin. Ist hier Rosmarin? Ich will nicht gegessen werden.« Der Kleine brach wieder in sein klagendes, herzzerreißendes Gewimmer aus.
Die Frau nahm den Kopf zwischen die Hände.
»Was für eine furchtbare Tat hast du denn in deinem früheren Leben begangen: Hast du deine Mutter verkauft?«, fragte der Mann.
»Ich glaube, es ist besser, du gehst. Danke für das Angebot mit dem Kaninchen. Ist nicht so wichtig. Feuer hast du. Also leb wohl.«
»Du wirst doch nicht wegen dem da auf ein Stück Kaninchen verzichten wollen?«
»Ich weiß, es ist verrückt, aber ich ertrage es nicht zu hören, wie er weint. Ich bitte dich, geh.«
»Ich kann nicht gehen«, sagte der Mann unsicher.
»Warum nicht?«
»Ich kann eine junge Frau nicht allein in den Sümpfen zurücklassen. Es wäre für dich allein schon gefährlich genug, aber dann noch mit dem da!«
»Danke, werter Herr, aber ich bin bisher allein zurechtgekommen und ich brauche keine Hilfe. Nimm dein...«
»Aber was macht er denn da?«
Die Frau sah sich um. Der Kleine hatte das Kaninchen in den Arm genommen und streichelte es langsam. Seine Finger verweilten etwas länger dort, wo das Fell mit Blut verschmiert war. Er hatte die Augen geschlossen und wirkte wie in Trance. Er hatte aufgehört zu weinen.
»Was machst du denn da?«, fragte die Frau.
»Ich denke.«
»Du denkst. An was?«
»An das Kaninschen.«
»Kaninchen.«
»Kaninchen. Ich dachte daran, wie es atmete. Herumlief. Um zu riechen, brauchte es nur das Näschen zu bewegen. Der letzte Geruch, den es wahrgenommen hat, war der von feuchtem Laub und Pilzen. Den Jäger hat es nicht gerochen. Da war nur der Geruch von nassem Gras und Pilzen, ein guter Geruch, oh ja... Ich denke daran, wie es atmete... An das Blut, das in seinen Adern floss...«
Das Kaninchen erbebte, schlug die Augen auf, hielt sie ein paar Atemzüge lang erschreckt offen, dann schüttelte es sich, sprang zu Boden und lief davon. Es wich den Füßen des Jägers aus, schlüpfte dem Hund zwischen den Beinen hindurch, setzte über den Baumstamm hinweg, auf dem die Frau saß, und dann, nach einem letzten Haken, verschwand es für immer im Schilf.
Der kleine Elf fragte sich, ob »Kaninchen« wohl ein guter Name für den Hund sein könnte. Wahrscheinlich nicht: Ein bisschen sahen sie sich ja ähnlich, aber der Schwanz war nun wirklich ganz anders.
Der Mann und die Frau schauten noch lange auf den Punkt, wo der weiße Schwanz des Kaninchens verschwunden war. Der kleine Elf wirkte erschöpft. Zitternd kauerte er am Boden, dann erholte er sich langsam. Der Hund legte sich neben ihn und er umarmte ihn.
Nun war es endgültig dunkel. Im Teich funkelten die Sterne wie an einem zweiten Firmament, hier und da standen Schilfbüschel dazwischen.
Es war seit unzähligen Monden die erste klare Nacht.
»Hast du außer deiner Mutter vielleicht auch noch deine jüngeren Geschwister verkauft?«, erkundigte sich der Mann.
Statt ihm zu antworten, wandte die Frau sich an den Elfen.
»Kannst du das auch mit Menschen machen?«
»Mit Menschen, Elfen oder Trollen? Gewiss nicht. Man kann das nur mit kleinen Lebewesen machen, die wenig im Kopf haben: den Geruch von Wasser, die Farbe des Himmels. Wirklich leicht ist es mit Fliegen, Mücken und Schnaken, man braucht sie nur leicht zu berühren und einen Moment lang vom Fliegen zu träumen und schon summen sie wieder davon.«
»Wirklich?«, fragte der Mann. »Wie schön! Im Sommer ist einer, der die Mücken rettet, als Begleiter Gold wert. Einer, der Mücken wieder auferweckt, ist eine gute Unterhaltung beim Abendessen, wenn ich denn einmal dazu kommen sollte: Du bist der Traum meines Lebens. Wie konnte ich bisher nur leben ohne dich?«
»Kannst du noch andere Sachen machen?«, fragte die Frau. »Was weiß ich... Kannst du Maiskolben vermehren? Wir haben einen: Kannst du drei oder fünf daraus machen?«
Sie waren wirklich blöd. Der Kleine wirkte niedergeschlagen.
»Aber gewiss nicht, man kann doch die Materie nicht vervielfachen.«
»Und ein totes Kaninchen wieder zum Leben erwecken?«
»Das kann man machen. Ein Lebewesen stirbt, wenn es seine Energie verliert.«
»Seine was?«
»Seine Kraft. Auch Feuer geht aus, wenn es seine Kraft verliert. Ein Geschöpf wieder zum Leben erwecken, ist wie Feuer anzünden: nur eine kleine Übertragung von Energie, von innen in meinem Kopf nach außen.«
Der Jäger wandte sich an die Frau. »Komm weg hier«, sagte er. »Komm weg hier, der ist gefährlich. Lass ihn hier und komm mit.«
»Ich kann nicht! Er ist... nun ja, er ist ein Kind.«
»Ein Junges«, berichtigte der Mann.
»Ein Unlängstgeborener«, präzisierte der Kleine.
Stille. Die Frau schüttelte den Kopf.
»Nun gut, meine Herrschaften«, sagte der Mann, »es war mir ein aufrichtiges Vergnügen, eure Bekanntschaft zu machen, ich würde sogar sagen, ein echter Spaß. Ich möchte nicht, dass mir ein solches Übermaß an Glück schlecht bekommt, also ziehe ich weiter meines Weges als ein fürchterlicher Jäger, der zu seinem Vergnügen Mücken zerquetscht, zu seinem Überleben Kaninchen isst und vom Verkauf ihrer Felle auskömmlich lebt. Ich hoffe nur, dass ich, sollten unsere Wege sich noch einmal kreuzen, rechtzeitig Reißaus nehmen kann, bevor ihr mich seht.«
Der kleine Elf war stutzig geworden.
»Ach wirklich? Den Menschen bekommt das Glück nicht? Deshalb also strengt ihr euch so an, damit es euch schlecht geht! Das ist also nicht bloß Dummheit!«
»Nein«, antwortete der Jäger. »Im Allgemeinen versuchen die Menschen, glücklich zu sein. Was ich gesagt habe, nennt man ›Ironie‹. Ich gehe fort, weil eure Gesellschaft mich daran hindert, glücklich zu sein oder einfach nur mein Kaninchen zu verzehren. Aber anstatt eine Sache zu sagen, sage ich das Gegenteil. Die Menschen machen das manchmal so. Hast du verstanden?«
»Ja gewiss«, log der Kleine. Sie waren wirklich dumm. Verrückt und dumm. Hoffnungslos.
»Warte«, sagte die Frau, »ich gebe dir unseren Maiskolben. Du hast unsretwegen dein Kaninchen verloren.« Aus ihrem Sack holte sie den letzten Maiskolben hervor und gab ihn dem Jäger. Der Kleine sah, wie die gelben Körner den Besitzer wechselten. Seine Augen leuchteten nicht mehr und Traurigkeit überzog sein ganzes Gesicht, doch er wagte keinen Ton zu sagen.
»Ist das der Einzige, den du hast?«
»Ja«, antwortete die Frau. Auch sie machte ein Gesicht, als hätte sie gerade ihre Mutter beerdigt. Die Mutter und die jüngeren Geschwister.
Der Jäger dachte nach, dann legte er Köcher und Bogen ab und setzte sich auf den einzigen flachen Stein auf dem ganzen Hügel.
»Nun, das Kaninchen ist weg. Ich bleibe heute Nacht hier und wir teilen.«
Der Himmel bezog sich wieder, aber es fing nicht mehr an zu regnen. Sie ließen sich auf einem trockenen Felsen nieder. Der Maiskolben röstete über dem Feuer. Der Jäger schnitt ihn in drei Teile und sie aßen ihn langsam, jedes Korn einzeln, und dann schlief der Elf ein wie ein kleines Murmeltier. Vor dem Einschlafen dachte er noch einen Moment lang an einen Namen für den Hund: »Der mit dem Wind läuft« fand er schön, aber er war nicht sicher, ob die Länge annehmbar war. Als er fest eingeschlafen war, deckte der Jäger ihn mit seiner Pelzjacke sorgsam zu.
Er zog ihm die Jacke auch fest über den Kopf: über Augen, Ohren und Nase. Dann holte er eine kleinere Jagdtasche hervor, die er unter dem Köcher trug, und zog eine Wachtel heraus: Sie rupften sie mit leisen und verstohlenen Bewegungen. Die Frau half mit, so gut sie konnte. Sie legten das Geflügeltier aufs Feuer, der Wind wehte in die andere Richtung, sodass der kleine Elf es nicht riechen konnte, und als die Wachtel gar war, oder wenigstens halbwegs genießbar, aßen sie sie schließlich. Diesmal aßen sie hastig, verstohlen und hastig, wie zwei Diebe, und schielten dabei ständig besorgt nach dem Kleinen, der wie ein Häuflein dalag und schlief. Als sie fertig waren, gaben sie die Knochen dem Hund, der sie überglücklich in seinem Magen begrub, sammelten die Federn ein, der Jäger ging etwas beiseite und grub ein kleines Loch, in dem er sie verschwinden ließ.
Dann schliefen sie endlich ein.

KAPITEL 4
Das Morgengrauen war etwas weniger trübe als sonst. Es regnete nicht und hier und da waren am Himmel ein paar blassblaue Streifen zu sehen.
Der Mann stand zuerst auf. Er streckte sich, atmete tief durch und dachte, wie gut die Luft roch. Nach feuchtem Laub und Pilzen. Ein guter Geruch. Er betrachtete die Frau und den kleinen Elfen, die noch schliefen. Er packte seine Sachen zusammen, warf sie gemeinsam mit dem Stab, an dem die Glutkugel hing, über die Schulter, nahm die Pelzjacke, mit der er den kleinen Elfen zugedeckt hatte, wieder an sich und ging. Während er den Hügel hinunterstieg, drehte er sich um und sah noch einmal zurück auf diese zwei Häufchen am Boden, die Frau und den kleinen Elfen, neben der Asche vom Feuer. Der kleine Elf zitterte vor Kälte. Das sah der Mann auch von Weitem. Er kehrte um und deckte den Kleinen wieder mit der Jacke zu und schürte das Feuer an. Schließlich ging er los. Auf halbem Weg den Hügel hinunter drehte er sich um und sah auf die beiden Häufchen beim Feuer. Er legte eine halbe Meile zurück, dann drehte er sich noch einmal um. Das Licht der Flammen mischte sich mit den Strahlen der aufgehenden Sonne, die sich zum ersten Mal seit Monaten ein paar Minuten lang am Horizont blicken ließ: Auch aus dieser Entfernung konnte er die beiden noch erkennen. Der Mann blieb stehen und betrachtete sie lang, dann machte er kehrt und ging langsam, Schritt für Schritt, zurück.
Er setzte sich auf einen Stein und wartete.
Der kleine Elf wachte als Erster auf.
Ein gellender Schrei erscholl und hallte durch die Sümpfe. Ein Schrei, der den Schmerz der ganzen Welt in sich trug.
Lang schrie der kleine Elf über diesen grauenhaften Lumpen aus den Häuten von Kadavern. Sein Schrei zog sich in die Länge, andere Schreie folgten nach, mischten sich unter das Echo der vorherigen, währenddessen brach die Sonne durch die Wolken, verschwand wieder, kam wieder hervor, bis es erneut zu regnen begann.
Sie machten sich auf den Weg. Eine Wachtelfeder segelte durch die Luft, und der Elf erkannte sofort – am Geruch oder vielleicht an den Gedanken, die sie in ihm wachrief, das war den Menschen nicht klar -, dass sie von einer toten Wachtel stammte, und es folgte ein lang anhaltendes, herzzerreißendes Wehklagen.
Ganz in seinen Kummer versunken, übersah der Kleine eine Wurzel, stolperte und fiel hin: Es folgte ein langes Gewimmer, das sich bis Mittag hinzog. Da drohte der Jäger, ihn auf einen Spieß zu stecken, wenn er nicht aufhörte, und das löste ein hohes, verschrecktes Gepiepse aus, das bis zum Abend anhielt.
Es war noch nicht lange dunkel, da bemerkte der kleine Elf, dass er beträchtlichen Hunger hatte. Es war eine Art von Hunger, der im Bauch entstand und zu Kopf stieg, wobei er seinen Weg über die kalten Füße und irgendwie auch über die eisigen Ohren nahm. Er erging sich lang und breit in der Beschreibung des Gefühls, das er in sich trug, ohne entscheiden zu können, ob es sich dabei bloß um eine Leere, einen Mangel oder um eine echte Erscheinungsform des Bösen handelte.
Von da kam die Rede auf das Leiden im Allgemeinen, von dem auch nicht klar war, ob es eine Erscheinungsform des Bösen an sich oder einfach nur ein Mangel an Freude war, genauer gesagt, eigentlich an Wohlbefinden, denn der Mangel an Wohlbefinden ist im Allgemeinen ein schlimmeres Leiden als der Mangel an Freude, welcher, für sich betrachtet, ja eine ganz erträgliche Situation, um nicht zu sagen die Normalität darstellen kann. Im Allgemeinen. Während, was das Leiden als Erscheinungsform des Bösen an sich anging, hatte er ihnen schon erzählt, wie er sich am rechten Fuß einen Dorn unter den Nagel des großen Zehs eingezogen hatte? Oder war es der linke Fuß gewesen? Ach nein, es war der rechte, jetzt, bei genauerem Nachdenken, war er sich sicher, er hatte sich den Dorn eingezogen und Großmutter hatte ihn mit einer Nadel herausgeholt, mit einer NADEL! Es wurde ihm jetzt noch ganz schlecht, wenn er daran dachte, das war entsetzlich gewesen, ENTSETZLICH! Und dann einmal, als er hingefallen war und sich den Ellbogen aufgeschlagen hatte. Das Blut war aus seinem Inneren herausgeflossen und hatte sich draußen ausgebreitet. Eine grauenhafte Sache, GRAUENHAFT! Der linke Ellbogen. Der Nagel dagegen war der vom rechten großen Zeh: Jetzt war er sich wieder ganz sicher. Er hatte auch eine Narbe davon behalten, am Ellbogen, meinte er. Ob sie sie sehen wollten? Die Narbe. Ganz sicher, dass sie sie nicht sehen wollten?
Während der Kleine des Langen und des Breiten erzählte, wie er zum dritten Mal erkältet gewesen war und wie viel Schleim, welcher Farbe und welcher Dichte er in den verschiedenen Phasen des Krankheitsverlaufs durch die Nase abgesondert hatte, kamen sie an grünen Sträuchern vorüber, in denen sowohl die Frau als auch der Mann Rosmarin erkannten. Von diesem Augenblick an verstummte der kleine Elf, zum ersten Mal seit dem Morgen.
Da, während sie an einem Hügel entlang durch Kastanien- und Lärchenwälder gingen, tauchte hinter einer Wegbiegung plötzlich Daligar vor ihnen auf. Es lag auf dem Grund eines kleinen Tals zu beiden Seiten eines Flüsschens, das Hochwasser führte. Es wirkte wie eine Stadt aus dem Märchen. Da waren viele, viele Häuser und alle hatten Lichter in den Fenstern, sodass die spitzen, scharfkantigen Holzpfähle, mit denen die Außermauern gespickt waren, gut zu erkennen waren. Alle Fenster spiegelten sich im dunklen Wasser, und als ob das nicht genug wäre, gab es auch noch Feuer, eines an jeder Schießscharte der Türme, die sich in Abständen in der Stadtmauer erhoben. Auf den Mauern selbst brannten Fackeln, alle sechs Schritt eine, jeweils dort, wo paarweise Armbrustschützen postiert waren, und alle diese Lichter spiegelten sich im Wasser des Stadtgrabens. Die Zugbrücke war hochgezogen, und wie Stadtmauern und Türme war sie mit spitzen, nach außen gerichteten Pfählen bewehrt, was dem Städtchen das Aussehen eines riesigen Stachelschweins verlieh.
Der Jäger blieb stehen und betrachtete das Ganze.
»Die scheinen ja nicht eben freundlich gesinnt zu sein«, bemerkte er.
»Doooch!«, wandte der Kleine ein. »Die Leute zünden Lichter an, wenn sie Freunde erwarten. Wo es so viele Kerzen gibt, da gibt es auch Maiskolben. Es muss schön sein dort! Bestimmt gibt es dort Tische mit Maiskolben darauf und auch Kastanien, und dann die vielen Kerzen! Vielleicht haben sie auch Teller. Womöglich ein richtiges Bett. Große Kamine. Gehen wir hin?«
»Nein, jetzt schlafen wir erst und morgen ziehen wir im großen Bogen um die Stadt herum.«
»Wieso?«
»Weil ihre freundliche Zugbrücke so festtagsmäßig beleuchtet und so gut verriegelt ist wie eine verschlossene Muschel. Weil das einer von den Orten zu sein scheint, in die man nur schwer hinein- und noch schwerer wieder herauskommt.«
»Was ist eine Muschel?«
»Sie lebt im Meer, dem großen Wasser jenseits der Schattenberge.«
»Kann man sie essen?«
»Um Himmels willen, nein! Muscheln sind Lebewesen, sie werden geboren, denken und schreiben recht passable Gedichte. Aber ganz abgesehen von Zugbrücke und Wehrzäunen, du bist ein Elf und Elfen dürfen nur an ›Elfenplätzen‹ sein und das ist dieser hier nicht. Wenn wir uns mit dir blicken lassen, enden wir noch vor dem nächsten Morgengrauen aufgeknüpft an einem dieser Türme. Auf das Ende, das du nehmen würdest, möchte ich lieber nicht näher eingehen. Mit solchen wie dir, die sich abseits von den Elfenplätzen erwischen lassen, nimmt es ein böses Ende, weißt du das? Aber ein wirklich böses Ende!«
Sie legten ihre Bündel ab und begannen, Holz und Pinienzapfen für das Feuer zu sammeln. Der Jäger schnitt zwei große Äste ab und lehnte sie so gegeneinander, dass sie einen winzigen Unterschlupf bildeten, eine Art Höhle, die sie ein wenig vor der nächtlichen Kälte schützte. Die Frau suchte Moos, Farn und trockene Gräser zusammen, um den Boden auszupolstern, sodass sie auf dem Weichen schlafen konnten.
»Übrigens«, sagte die Frau. »Die Elfen sind vor undenklichen Zeiten schon an die Elfenplätze gebracht worden. Ich glaube, es gibt gehörige Strafen, wenn einer von euch sich außerhalb davon aufhält. Wie kommt es, dass du so ganz allein durch die Welt ziehst?«
»Der Elfenplatz, an dem ich lebte, ist untergegangen«, antwortete der Kleine. Bei dem Gedanken wurde ihm weh ums Herz. Sein Gesicht war wieder ganz eingefallen, und seine Augen hatten vor Traurigkeit alle Farbe eingebüßt, waren von einem eintönigen Grau, in dem das Blau sich verlor wie die Farbe des Himmels in einer Pfütze.
»Ist er überschwemmt worden? War überall Wasser?«
»Ja, alles war unter Wasser; und dann hat Großmutter gesagt, ich soll gehen.«
»Gehen wohin?«
»Ich weiß nicht. Gehen.«
»Aber konnte deine Großmutter nicht ein bisschen zaubern? Was weiß ich, das Wasser erhitzen und verdunsten lassen, wie im Sommer die Pfützen verdunsten, etwas in der Art.«
»So etwas kann man nur mit ein klein wenig Wasser machen, mit einem Topf voll Wasser. Nicht wenn so viel Wasser ist, dass es die ganze Welt überschwemmt. Und dann war meine Mama ja schon dorthin gegangen, von wo niemand wiederkehrt. Für mich war sie meine Mama, aber für Großmutter war sie die Tochter. Und Großmutter hat nicht mehr gezaubert. Wenn jemand zu viel Traurigkeit in sich hat, ertrinkt die Zauberkraft darin, wie Menschen im Wasser. Großmutter wusste aber, wie es geht. Wenn du nur fest an die Dinge denkst, sagte sie, werden sie wahr. Aber wenn in dir drin die Traurigkeit steckt, kommt nur Traurigkeit aus deinem Kopf. Du bist traurig und kannst nicht einmal mehr Feuer machen. Wir hatten Feuer, weil im Herd immer welches war. Wäre es aber ausgegangen, wir wären ohne geblieben, weil Großmutter nicht mehr die Kraft hatte und ich noch zu klein war. Dann ist das Wasser gekommen und auch das Feuer im Herd ist ausgegangen und dann ist mehr Wasser gekommen und immer noch mehr Wasser, und Großmutter hat zu mir gesagt: ›Geh fort.‹
›Wohin?‹, habe ich gefragt. ›Überallhin, nur fort von hier‹, hat sie gesagt. ›Das Wasser hat auch die Wachposten fortgerissen. Niemand wird dich aufhalten. Geh. Ich bin zu alt, du kannst es schaffen. Geh fort und schau nicht zurück.‹