Zwölf Monate Freiheit

Zwölf Monate Freiheit

Frank Domnick

Inhalt

1. Vorbereitung

2. Namibia

3. Südafrika

4. Australien

5. Great Barrier Reef

6. Kreuzfahrt Südaustralien

7. Neuseeland - Nordinsel

8. Neuseeland Südinsel

9. Australia again!

10. Thailand

11. Hannover

12. Spanien

13. Echo

Danksagung

Über den Autor

Anhang

Eins

Vorbereitung


Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, dass Sie meinen Reisebericht zur Hand genommen haben und sich eine Auszeit vom hektischen Alltag gönnen. Begleiten Sie mich und meinen Mann Thomas durch unser Sabbatjahr. Kommen Sie mit auf eine Reise in fremde Länder mit ihrer spektakulären Natur und exotischen Tierwelt. Seien Sie nah bei uns, wenn wir all das bestaunen, hilfsbereite Menschen uns zur Seite stehen oder wir Opfer krimineller Machenschaften werden.

Vielleicht möchten Sie sogar Ihre eigene Weltreise planen und wissen, was Sie in der Fremde erwartet. Dann würde es mich freuen, wenn dieser Reisebericht dabei behilflich sein kann.

»Jetzt ist aber mal Sabbat!«

Ich erinnere mich an den Spruch aus meiner Kindheit, ohne dass mir ein religiöser Hintergrund meiner Eltern bekannt gewesen wäre. Der Satz bedeutete nichts anderes, als dass wir den Mund halten und den Unfug sein lassen sollten. »Macht mal eine Pause, hört auf zu streiten! Lasst jetzt alles stehen und liegen!«

Sabbatjahr

In der Tora steht als älteste Gebotsversion überliefert, dass hebräische Sklaven im siebten Jahr zwischen Freiheit und Verbleib in ihrer Besitzerfamilie wählen durften. Laut dem dritten Buch Mose, auch Levitikon genannt, sollen im siebten Jahr die Felder brach liegen, damit sich die Pflanzen erholen und neue Kraft sammeln können. Die göttliche Rechtsordnung beschreibt den Wechsel von Arbeit und Ruhe zur Lebenserhaltung und als Schutz vor ausbeuterischer Handhabe.

Dass Gottes Wort in Zeiten einer kapitalistischen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts und in Erwartung optimierter Prozesse und Profitgier kaum Gehör findet, verwundert nicht. Stattdessen fühlen wir uns in einer druckvollen Leistungsgesellschaft zu Hause, in der wir uns dem Zischen und Pfeifen fremder Erwartungen und eigener Ansprüche kaum entziehen können. Klingt das verführerische Wort Sabbatjahr da nicht wie eine süße Schalmei im Getöse hämmernder Maschinen?

Im angelsächsischen Sprachraum beschreibt der Begriff Sabbatical die Zeit, in der Professoren ihre Lehrtätigkeit an Universitäten unterbrechen, um den Geist und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung in sich neu zu beleben und durch Publikationen die Menschen an den Erkenntnissen teilhaben zu lassen.

Wozu brauchen wir ein Sabbatjahr?

Grundschullehrer zu sein, betrachtet mein Mann Thomas nach seiner Balletttänzerkarriere als zweite Berufung. Er unterrichtet leidenschaftlich gern, macht sich viele Gedanken, beobachtet die schulische Umgebung, hadert und versucht, wechselnde ministeriale Vorgaben sinnvoll in die Praxis umzusetzen. Sein Engagement zu reduzieren kam ebenso wenig infrage, wie es bis zur Rente durchhalten zu können. Zum Glück hatte er eine Schuldirektorin an seiner Seite, die ihm statt der Reduzierung der Unterrichtsstunden eine Berufspause vorschlug, um Kraft zu tanken und mit neuer Begeisterung wieder einzusteigen.

»Nehmen Sie doch ein Sabbatjahr!«

Als Thomas mit der Idee nach Hause kam, war ich irritiert und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was das für mich bedeutete. Ein Jahr lang würde ich zur Arbeit gehen, während Thomas als Dauerurlauber abhing und nach einiger Zeit begann, die Zeit totzuschlagen? Doch er dachte längst weiter und schlug vor, dass ich auch ein Sabbatjahr beantragen könne.

Ich stutzte. Mir war der Gedanke an eine Auszeit fremd. Ein künstlerischer Betrieb wie die Oper braucht fraglos die komplette Mannschaft auf der Bühne und ich war als Opernchorsänger ein Teil davon. Zudem engagierte ich mich ehrenamtlich als Interessensvertreter des Kollektivs. Ich hielt mich keinesfalls für unersetzlich, doch konnte ich tatsächlich aus dem Trott ausbrechen? Je länger ich darüber nachdachte, umso verführerischer klang die Idee eines Sabbatjahres und weckte Sehnsüchte. Manchmal dürstet der Mensch erst, wenn ihm das Wasser vor die Nase gehalten wird. Während ich noch überlegte, überholte Thomas mich mit der nächsten Idee. Wir könnten reisen, wohin auch immer der Wind uns trug. Wir müssten nur den Segelschein beantragen, Segel setzen und losfahren. Die Freiheit liege uns zu Füßen. Wir könnten jedes Ziel ins Auge fassen, das Ruder herumreißen und ein anderes ansteuern, wann immer es uns gefiel.

Thomas und ich gehören einer Generation an, deren Eltern oft gesagt haben: »Wenn wir erst mal in Rente sind, dann …« Auch bei meinem Vater sah ich das Funkeln in seinen Augen, als er von der Zeit nach seinem Arbeitsleben sprach.

Statistisch kann der Mensch bis ins hohe Alter aktiv, geistig fit und körperlich mobil bleiben. Aber hält die Statistik, was sie verspricht, auch bei mir? Meine Eltern erkrankten kurz vor ihrer Rente an Krebs. Meine Mutter verstarb daran. Es ging mir sehr nahe, wie der fidele Rentnertraum meiner Eltern zerfiel. Mein Vater grub sich ein. Ohne seine Frau und wegen gesundheitlicher Beeinträchtigung waren die Wünsche zerplatzt.

Thomas und ich hatten unsere Traumberufe nur ergreifen können, weil wir es versucht und jede Chance genutzt hatten. Es nicht zu tun, hätten wir später zu Recht bereut. Unser Motto konnte also nicht lauten: »Wenn wir erst mal in Rente sind, dann …«, denn später heißt es oft: »Ach, hätte ich damals doch …«

Wer soll das bezahlen?

Die Rechnung war schnell gemacht. Ein genehmigtes Sabbatjahr sah vor, über einen bestimmten Zeitraum bei voller Arbeitszeit auf einen Teil des Gehalts zu verzichten. Unsere Arbeitgeber würden diesen Verzicht für das Sabbatjahr ansparen und in unserem Fall vier Jahre lang zwanzig Prozent Gehalt zurücklegen, um uns im fünften Jahr, dem Sabbatjahr, achtzig Prozent des Gehalts überweisen zu können. Solange ich aber die Erlaubnis meines Arbeitgebers nicht eingeholt hatte, nützten alle Rechenmodelle nichts.

Die Opernleitung überraschte mich mit ihrem Verständnis und genehmigte meinen Antrag, nachdem alle Details geklärt waren. Da Thomas ohnehin eine Fürsprecherin an seiner Seite wusste, war es nur eine Frage der Zeit, wann er die Genehmigung in den Händen hielt. Das Sabbatjahr würde kommen, gesund, krank oder mittellos spielte dabei keine Rolle. Ein Rücktritt vom Vertrag war ausgeschlossen.

Selbstverständlich gibt es andere Wege als das Sabbatjahr, sich eine Auszeit zu verschaffen. Einige bevorzugen den radikalen Schnitt und kündigen ihr Arbeitsverhältnis, weil der Job zur Qual geworden ist. Sie blicken selbstbewusst in die Zukunft, nehmen erst die Auszeit und suchen sich danach einen neuen Job. Das ist die mutigste Variante. Beim unbezahlten Urlaub kann sich der Arbeitnehmer wenigstens die weitere Anstellung sichern, muss aber ohne Gehalt nach einem Monat die Sozialabgaben selbst entrichten. Glücksspiele sind eine kitzelige Angelegenheit und viele warten bis ins hohe Alter auf den großen Gewinn.

Günter Jauchs Quiz »Wer wird Millionär?« besitzt zumindest den Charme, sich die Auszeit verdienen zu können. Doch reicht die Schlauheit, um sich einen ausreichenden Gewinn zu sichern?

Für Thomas und mich war das Sabbatjahrmodell alternativlos, die anschließende Rückkehr an unseren Arbeitsplatz garantiert. Es gab nur einen Haken: Wir mussten noch viereinhalb Jahre warten, bevor es hieß: »Leinen los!«

Es ist ja noch so viel Zeit

Bei jedem Blick auf den Globus feuerten wir uns gegenseitig an. Wohin sollte die Reise gehen? Wir schwirrten vom Nordpol zum Südpol, kreisten um die Welt und schwebten über die vielen Länder hinweg, die wie kleine Pralinen darauf warteten, von uns vernascht zu werden. In unseren Badewannengesprächen spielten wir nicht mit der Quietschente, sondern jonglierten mit zahlreichen Ideen: Vermietung der Wohnung ja oder nein, finanzielle Kalkulation, medizinische Vorsorge bei welchen Reisezielen und Reiserouten. Das mittlere Lebensalter verlangt bereits eine gewisse Bequemlichkeit und ist nicht mehr auf waghalsige Kletter- und Motorradtouren, Bungeejumping oder das Nächtigen auf steinigem Wüstengrund aus. Solange uns das Abenteuer davon verschont, würden wir eine fantastische Zeit vor uns haben.

Wir beschlossen, Australien und Neuseeland, das Ende der Welt, als Höhepunkt unserer Reise zu betrachten. Wann, wenn nicht im Sabbatjahr, könnten wir entspannter diese Traumziele erkunden? Aber auch der Weg galt als Ziel, denn ein Wunsch überlagerte alles andere. Wir wollten frei sein, unabhängig entscheiden und uns keinen Zwängen und Terminen unterwerfen, weshalb wir die Idee des »Around-the-World-Tickets« verwarfen. Für etwa viertausend Euro pro Person in der Economy-Class hätten wir bis zu sechzehn Stationen in eine Richtung um den Globus festlegen müssen, wobei Änderungen einen Aufpreis bedeutet hätten und jede Flexibilität verloren gegangen wäre. Doch die totale Freiheit, so erfuhren wir schnell, konnte es nicht geben. Die Visabestimmungen einzelner Länder machten uns einen Strich durch die Rechnung, denn sie verlangen bereits bei der Einreise die Angabe des Ausreisedatums.

Australien und Neuseeland liegen auf der Südhalbkugel. Wir überlegten, innerhalb des Sabbatjahres mit den gegensätzlichen Jahreszeiten zu spielen und die für uns beste Zeit zu wählen. Für Australien erschien uns der dortige Frühling oder Herbst ideal, um der großen Sommerhitze zu entgehen. Auf welchem Weg wir Ozeanien erreichen wollten, dafür blieb noch ausreichend Bedenkzeit.

Im Sommer 2016 stockte uns der Atem. Der Unfall meines Vaters riss uns aus allen Träumen. Er war in seiner Wohnung gestürzt und hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Mit einundachtzig Jahren hatte er nicht mehr viel dagegenzusetzen, wurde fehlerhaft operiert, bekam eine Lungenentzündung, wurde noch einmal operiert und durfte wochenlang das Bein nicht belasten. Schnell wurde klar, dass er sich nicht mehr selbst versorgen konnte. Ich fühlte mich schlecht, ihm das Heim nicht ersparen zu können, zumal ich wusste, wie sehr er sich dagegen sträubte.

Thomas' Mutter hingegen gehört trotz aller Wehwehchen bis heute zu den fittesten Ü-Achtzigern, die man sich vorstellen kann. Stramm organisiert sie noch immer ihren Alltag. Doch wie schnell eine vermeintlich stabile Lage kippen kann, war uns durch meinen Vater vor Augen geführt worden. Die Sorge um seine Zukunft ließ die Reiseplanung komplett in den Hintergrund treten.

Ein halbes Jahr später erzählten wir Freunden von unserem Sabbatjahrprojekt. Auf die Frage, ob wir über Asien oder Amerika Richtung Australien aufbrechen wollten, zuckten wir mit den Schultern. »Fliegt doch über Afrika!«, kam der Rat eines Freundes. Afrika, natürlich! In Südostasien rechneten wir mit schwüler Hitze, die uns grundsätzlich nicht gut bekommt. Thomas hatte zuvor Amerika erwähnt, das uns zwar spannende, aber riesige Distanzen bis Australien auferlegte. Also warum nicht Afrika? Da Thomas seit jeher für diesen Kontinent, seine Geschichte, aber auch die großen Tierwanderungen in der Serengeti schwärmt, kamen ihm sofort zahlreiche Ideen. Leider musste ich ihn ein wenig zügeln. Individualreisen nach Kenia, Tansania, Äthiopien und in andere, unter Bürgerkrieg, IS, Boko Haram und mangelnder medizinischer Versorgung leidende Staaten kamen für mich nicht infrage. Ich fürchtete, ohne Bindung an einen Veranstalter mit meinem insulinpflichtigen Diabetes unüberwindbare Probleme zu bekommen, von der Sicherheitsgefährdung ganz zu schweigen. Wie und wo sollte ich bei tagelangen Safaris meinen Jahresvorrat an Insulin permanent kühlen? Wie sah die Essensversorgung im afrikanischen Busch aus? Ich traute mir diesen Schritt im Rahmen einer Weltreise nicht zu.

Südafrika hatten Thomas und ich mit unseren damaligen Partnern bereits gesehen. Da Namibia in puncto politischer Unruhen und medizinischer Versorgung zu den sicheren Ländern Afrikas gehört und dennoch eine große Natur- und Artenvielfalt bietet, schienen wir den optimalen Kompromiss gefunden zu haben.

Eurowings bot im November 2017 günstige Flüge an. Thomas begann plötzlich zu drängen, wollte buchen und eine Entscheidung herbeiführen. Ich zögerte, fand es ratsamer, Preise zu vergleichen und zu überlegen, ob sich etwas Besseres auftat. Doch ich erlag der Überredungskunst meines Mannes und buchte die Tickets. Mit dem Flug nach Windhuk stand für den 31. August 2018 der Beginn unserer großen Reise fest.

Thomas packte derart das Planungsfieber, dass er gleich die Frage nach der Unterkunft aufwarf. Jeder suchte von nun an auf seinem eigenen Laptop.

Das schwule Buchungsportal Misterb&b brachte uns alsbald mit Rolf und Hermann in Windhuk zusammen, die für vierzig Euro pro Nacht ein Privatzimmer anboten. Wir planten, so oft wie möglich bei Einheimischen unterzukommen, die uns aus erster Hand über Land und Leute berichten könnten. Eine Woche in der Hauptstadt des Landes erschien uns angemessen, um uns zu akklimatisieren und mit Namibia vertraut zu machen.

Wir waren am Ende beide froh, den Anfang gemacht zu haben, und vertagten uns bei der Frage, wie eine individuelle Reise durch Namibia aussehen könnte. Kurze Zeit später lasen wir, dass Lodges in Namibia ein Jahr im Voraus gebucht werden sollten. Thomas machte große Augen und hatte die Idee, sich Hilfe bei der Agentur »Afrika & mehr« in Hannover zu suchen. Als wir zum Termin erschienen, sah uns die Mitarbeiterin skeptisch an und versprach, ihr Möglichstes für eine vierwöchige Rundreise zu tun. Innerhalb weniger Tage hatte sie aus den noch verfügbaren Kapazitäten einen Plan erstellt. In den Orten Swakopmund und Lüderitz sorgten wir per Airbnb und booking.com selbst für eine Bleibe. Doch was war aus dem Wunsch geworden, unabhängig und frei entscheiden zu wollen, wann, wie und wohin wir fuhren? Ich muss gestehen, dass wir für den geordneten Beginn des Sabbatjahres dankbar gewesen sind, zumal unsere Vorfreude dadurch keineswegs getrübt wurde. Ganz im Gegenteil, das Planungsfieber setzte sich fort. Unser Herz schlug noch immer für die Traumstadt Kapstadt, sodass wir nach Namibia dorthin zurückkehren wollten. Mit einer Flugstunde lag es quasi um die Ecke von Windhuk.

Obwohl wir uns noch viel Zeit hätten lassen können, fragte ich mich mit Blick auf die Landkarte, wie es nach Südafrika weitergehen sollte. Es lag nahe, von Johannesburg nach Sydney zu fliegen. Ich recherchierte. Mit jedem Tag stieg der Preis und die Anzahl der freien Plätze schrumpfte, denn ich hatte Thomas’ Einverständnis vorausgesetzt, dass wir uns ab acht Flugstunden den »Luxus« der komfortableren Premium Economy leisten wollten. Er konnte sich daran nicht erinnern, und wenn doch, fürchtete er um unser Budget. Ich fürchtete allerdings um meine langen Beine bei fast zwei Metern Körperlänge und buchte kurzentschlossen für gut zweitausend Euro die Tickets.

»Wenn wir so weitermachen, kommen wir nicht weit«, behauptete er, doch ich schätzte unser finanzielles Polster anders ein.

Von nun an stand fest: Wir würden uns der absolut spontanen Reisefreiheit im weiteren Verlauf Schritt für Schritt nähern. Namibia war durchorganisiert, in Südafrika würden wir drei Wochen zur freien Verfügung haben, um anschließend mit dem dreimonatigen Visum in Australien endlich schalten und walten zu können, wie es uns beliebte.

Das Warten hat bald ein Ende

Thomasʼ Schuljahr und meine Opernsaison neigten sich langsam dem Ende entgegen. Wir begannen, Verträge zu kündigen. Ich versorgte mich bei der HanseMerkur für sieben Monate und 250 Euro mit einer Auslandskrankenversicherung. Wir hielten es für sinnvoll, zwei Reisekreditkarten bei der Santander Bank zu beantragen, die mittlerweile mit ihren Konditionen die bislang beliebte DKB-Bank abgelöst hatte.

Nebenher war ich damit beschäftigt, für meinen Vater und den Diabetes Vorsorge zu treffen, weshalb ich stundenlang mit Krankenkassen und Ärzten telefonierte. Ich musste erklären, Widerstände abbauen und um Verständnis für ein ungewöhnlich großes Medikamentenpaket bitten. Im Frühsommer bekam ich endlich die Zusagen und lehnte mich einen Moment zufrieden zurück.

Als ich mit meinem Vater häufiger über unsere Pläne sprach, schien ihm bewusst zu werden, was das Sabbatjahr für ihn bedeutete: Lange Zeit würde ich nicht in seiner Nähe sein. Er begann plötzlich, uns von risikoreichen Ländern abzuraten, womit er auf alle unsere Reiseziele anspielte. Er würde es lieber sehen, wenn wir in Deutschland Urlaub machten. Dabei drückte er fast flehentlich meine Hand und sah mich lange an. Ich war gerührt. Solche Gefühlsregungen kannte ich von ihm nicht, versuchte ihm aber zu erklären, dass es kein normaler Urlaub sei, sondern eine einmalige Chance im Leben, die wir kein zweites Mal bekommen würden. Doch mein Vater ließ nicht locker und schlug zähneknirschend vor, dann eben nur in Europa Urlaub zu machen. Zum Glück fielen mir seine beruflichen Reisen ein, die ihn mit Stolz nach Rio de Janeiro, Amsterdam und Miami geführt hatten. Daran erinnert, musste er zugeben, dass das schon tolle Reisen gewesen seien. So konnte ich ihm ein wenig Verständnis für unsere Situation abringen. Wir kamen überein, dass wir heutzutage von jedem noch so entfernten Winkel der Welt in Kontakt treten könnten. »Da hast du auch wieder recht«, sagte er, drückte nochmals meine Hand und wünschte uns viel Spaß. Ich war mir sicher, dass meine Schwester eine gute Vertretung für mich sein würde.

Einen emotionalen Moment ganz anderer Art bescherte uns Thomas’ Mutter. Als wir Ostern in großer Familienrunde zusammensaßen, erfuhren wir, dass sie sich einen Reisepass hatte ausstellen lassen. Auf die erstaunte Frage nach dem Grund flüsterte man uns zu, dass sie gewappnet sein wolle, falls uns etwas zustoße. Mit zweiundachtzig Jahren würde sie notfalls das nächste Flugzeug besteigen, um uns mit allen Mitteln zu retten. Wäre sie selbst verhindert gewesen, hätte sie sicherlich jemanden gekannt, der die deutsche Luftwaffe alarmieren und uns aus verdreckten Spitälern oder Gefängnissen befreien und nach Deutschland ausfliegen würde. Sie blieb in Gedanken der Fels in der Brandung. Uns hätte nichts Besseres passieren können.

Vor den Sommerferien verabschiedeten uns Thomas’ Schulkinder und deren Eltern sehr herzlich mit einer Gartenparty, bei der Thomas ein kleines Kunststoff-Känguru überreicht wurde. Es sollte uns Glück bringen und auf Fotos zu sehen sein, damit die Kinder sicher sein konnten, dass ihr Lehrer an sie denkt.

Im Mai 2018 hatte ich mein Coming-out als Schriftsteller, meinen Debütroman veröffentlicht, und wollte nun als Buchautor ins Blickfeld einer großen Leserschaft kommen. In kurzer Zeit veranstaltete ich Lesungen, um auf das Buch aufmerksam zu machen.

Am Tag nach der ersten Lesung begann die große Anspannung von mir abzufallen. Geist und Körper signalisierten mir, nur das Notwendigste zu tun. Dass wir dennoch zu einem Fahrradausflug aufbrachen, war ein Fehler gewesen. Ich hantierte ungeschickt, fiel vom Rad und kehrte mit einem gebrochenen Handgelenk zurück. Es war zum Heulen. Glück im Unglück bedeutete, dass noch genug Zeit war, die Reise ohne Gips anzutreten. Die letzte Lesung fand im Altenheim meines Vaters statt. Ich freute mich sehr, dass unweit des Gymnasiums, an dem ich vor dreiunddreißig Jahren das Abitur bestanden hatte, ehemalige Lehrer und Schülereltern dem Presseaufruf gefolgt waren.

Die Sommerferien vergingen. Nachbarn und Freunde kehrten aus ihren Urlauben zurück. Sie begannen wieder zu arbeiten. Und wir schauten ihnen dabei zu.

Unser jährliches Nachbarschaftsgrillen wandelten wir in eine große Abschiedsparty um. Viele bedachten uns mit kleinen Geschenken und praktischen Andenken, die wir während der Reise gut gebrauchen konnten. Dieses Fest bewies aufs Neue, wie viele wunderbare Menschen uns verbunden sind.

Mit der Zeit aber begann uns das ständige Abschiednehmen zu nerven. Die Zeit der Planung und des Redens war vorbei.

Wir packten die Koffer und schafften es um Haaresbreite, das Gewichtslimit einzuhalten. Da wir in gemäßigte Klimazonen reisten, wählten wir zweckmäßige Kleidung für zwei Wochen. Der weitaus gewichtigere Rest bestand aus zwei Laptops, der Kamera mit Objektiven, Akkus, Kabeln und zwei Handys. Thomas wollte bestimmte Dinge wie seinen Haartrimmer, die elektrische Zahnbürste und ein Potpourri diverser Cremes nicht missen, während ich auf das Nageletui bestand. Nicht zu vergessen die vielen Reiseführer, die selbstredend Land für Land abgearbeitet und entsorgt werden mussten. Die aufgequollenen Granulattaschen zum Kühlen der Insulinmenge wogen extrem und durften nur im Handgepäck verstaut werden, ebenso das voluminöse Zubehör, das jeden Diabetiker beruhigt auf Reisen gehen lässt. Eigentlich hatten wir alle Ratschläge erfahrener Weltreisender komplett in den Wind geschlagen und es uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht leicht gemacht.

Thomas hatte stolz einen Reiseblog eingerichtet, der Freunde und Familien auf dem Laufenden halten sollte. Damit sich alle unsere Blogadresse merken konnten, hatte er sie ausgedruckt und auf Hunderte Packungen Tempo-Taschentücher geklebt. Eine witzige und schöne Idee, wie ich fand.

Wir waren unserer Nachbarin und Freundin Melanie unendlich dankbar, dass sie sich bereiterklärt hatte, sich während unserer Abwesenheit um die Wohnung und die Post zu kümmern. Wir würden per WhatsApp in Verbindung bleiben für den Fall, dass Fragen oder ungeahnte Probleme auftauchen würden.


Am 31. August 2018 war der Tag der Abreise gekommen. Unser Sabbatjahr begann!