WOLFGANG HOFFMANN, Jahrgang 1985, ist in Mödling/Österreich aufgewachsen. Schon früh in seiner Kindheit hat er seine Begeisterung für Sport entdeckt. Zahlreiche Narben auf Kopf und Knien sind seine Zeitzeugen. Auf dem Weg zum professionellen Radsportler hat ihn 2003 die Diagnose Multiple Sklerose gestoppt. Von diesem Zeitpunkt setzte er sich vermehrt mit gesundheitlichen Themen auseinander. Vertieft hat er sein Wissen während des Studiums für Sportwissenschaften in Wien und an zahlreichen Traineraus- und -fortbildungen. Schon vor dem erfolgreichen Abschluss 2011 arbeitete er permanent mit diversen Zielgruppen im Gesundheits- und Sportsektor. 2013 verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt in die Schweiz / Engadin, von wo aus er seine Begeisterung als Gesundheitscoach, Trainer und Sportlehrer auslebt.

Mai 2021

© 2021 Wolfgang Hoffmann

Lektorat: Christa Opitz-Schwab

Layout, Satz & Umschlaggestaltung: Die Buchprofis der Buch&media GmbH

Umschlagvorderseite: nach einem Bild von sportfotograf.com/ Christian Bock

Herstellung: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Printed in Germany

ISBN 9783752697469

wogahoma

Wolfgang Hoffmann

https://www.wogahoma.info/

info@wogahoma.com

Handelsregister GR CH-350.1.010.956-4

UID CHE-377.211.44

INHALT

Vorwort

PS, PC, BMW, TV, SMS, ADHS, MS usw. – jede Abkürzung hat eine Bedeutung. In der heutigen multimedialen Zeit sind Abkürzungen ein Bestandteil der Kommunikation geworden. Doch als ich erfuhr, dass ich MS habe, stürzte meine Welt zusammen.

Multiple Sklerose. Dahinter verstecken sich Tausende Gesichter und Geschichten. Es kann jeden treffen. Es lauert tief im menschlichen Körper. Dann wird etwas ausgelöst – von innen und von aussen. Es ist unvorhersehbar. Es ist zu akzeptieren.

MS ist wie ein Vulkan. Es gibt bestimmte Anzeichen dafür, dass etwas passieren kann. Es bilden sich kleine Rauchwolken. Doch die ersten Ausbrüche werden kaum wahrgenommen. Diese unscheinbaren Ereignisse werden als nichts Besonderes erkannt. Die Situation beruhigt sich wieder. Der Alltag kehrt zurück. Doch unverhofft bricht der Vulkan mit seiner ganzen Kraft aus. Der Himmel verdunkelt sich, kleine und grosse Trümmer stürzen herab und das zähflüssige Magma reisst einen zu Boden. Jetzt ist alles vorbei – das glaubt man zumindest. Doch irgendwann hat der Vulkan sein Pulver verschossen, auch wenn er mehrere Ausbrüche dazu benötigt. Der Vulkan wird immer stiller und nach einer Weile ist er sogar inaktiv. Ist er einmal erloschen, bietet er ein gesundes Umfeld für zahlreiche Tiere, Pflanzen und den Menschen.

Es hat mehr als sechs Jahre gedauert, bis ich den Mut aufbrachte und mich entschloss, ein Buch über meine Erfahrungen zu schreiben. Und es hat weitere zehn Jahre gedauert, bis es nun fertig vor mir liegt. Den ersten – naiven – Gedanken, ein Buch zu verfassen, hatte ich im Laufe meines Studiums der Sportwissenschaften. Der endgültige Entschluss, meine Geschichte niederzuschreiben, oder zutreffender ausgedrückt, das Erlebte seit der MS-Diagnose im Jahr 2003 zu verarbeiten und den Weg in ein selbstverantwortliches und selbstständiges Leben zu schildern, ist durch mehrere Erlebnisse Ende 2009 gefallen. Seit damals mache ich mir unregelmässig schriftliche Notizen in meiner »Gedankenküche« zu Situationen, die mich beschäftigen oder die mich belastet haben. Auf der Grundlage dieser Notizen und mehrerer Gespräche mit Familienangehörigen und Freunden sowie aus zahlreichen persönlichen Erinnerungen ist dieses Buch entstanden.

Den entscheidenden Anstoss, mich mit meiner Vergangenheit noch einmal tiefgründig auseinanderzusetzen, bekam ich im Frühjahr 2015. Bis zu diesem Zeitpunkt verschwieg ich meine Lebensgeschichte – speziell die MS-Diagnose – gegenüber Aussenstehenden. Es gab zu viele negative Erlebnisse. Doch eine flüchtige Bekanntschaft löste emotional und gedanklich so viel in mir aus, dass nun die Zeit reif war. In diesem Moment folgte ich meiner Intuition und erzählte einfach drauflos. Es war anscheinend der richtige Zeitpunkt für mich, mich mit meiner Biografie, die mich dermassen geprägt hat, zu beschäftigen. Und so habe ich begonnen, mich sehr intensiv mit mir selbst, meiner Vergangenheit, meinen Gewohnheiten, meinen Werten und Lebenseinstellungen sowie meinem Umfeld zu befassen. Die Reise war sehr abwechslungsreich. Manche Erkenntnisse waren schwer zu verarbeiten. Es gab diverse Situationen, die ich nicht wahrhaben wollte. Doch die Klarheit, die ich danach fühlte, war eine riesige Erleichterung. Heute kann ich darüber schmunzeln. Genauso wie es Anspruchsvolles und Unangenehmes zu verarbeiten gab, gibt es viele schöne Erlebnisse und Erinnerungen. Manche bleiben unvergesslich, andere wiederum sind im Zuge des Schreibens wieder ins Bewusstsein gekommen und auch gleich wieder verschwunden. Ich bin glücklich, diese emotionale Achterbahnfahrt erlebt zu haben.

Die eingangs erzählte Vulkan-Metapher steht für die Hoffnung, die mich antreibt, und den Willen, gesund und ausgeglichen zu leben, sodass MS in mir erlischt. Dazu möchte ich auch alle Betroffenen und Interessierten ermutigen. Man sollte:

Nichts ist mehr selbstverständlich!

Viel Vergnügen beim Lesen,

Wolfgang Hoffmann

Anmerkungen

Eine wesentliche Idee war, die Kapitel des Buches mit Überschriften zu gestalten, die M und S – in Anspielung an Multiple Sklerose – widerspiegeln. »MS« bedeutet mehr als ein Krankheitsbild. Ich wollte zeigen, dass es unzählige Kombinationen gibt, die für M und S stehen können. Meine Geschichte ist zudem als spannende Reise in einen Teil 1 »Chronologische Aufarbeitung« und einen Teil 2 »Wege, neue Einsichten zu gewinnen« aufgeteilt.

Im Zuge der Aufarbeitung meiner Lebensgeschichte ist es mehrmals zu »Gedankenblitzen« gekommen. Das heisst, während ich die Geschichten von damals niederschrieb, hatte ich plötzliche Erkenntnisse, die mich überrascht, verwundert oder persönlich bereichert haben. Denn ich habe in diesen Momenten gelernt, warum ich teilweise heute so bin, wie ich bin. Das wiederum gibt mir die Chance, mich zu ändern und weiterzuentwickeln. Diese »Gedankenblitze« habe ich dann an der entsprechenden Stelle in die Geschichte integriert und im Schriftbild als solche erkennbar gemacht. Sie folgen nicht dem chronologischen Ablauf, denn es liess sich nicht immer vermeiden, dass sich aktuelle Gedanken und die Erfahrungen der letzten Jahre miteinander vermischten.

Zusätzlich ist Lesen ein grosses Hobby von mir und hilft mir, mich mit Problemen auseinanderzusetzen, die Zeit zu vertreiben und Neues zu lernen. Immer wieder habe ich mir aus Büchern oder Zeitschriften Notizen gemacht, die ich ohne Bezug zu Autorin oder Autor niedergeschrieben und mit meinen eigenen Gedanken kombiniert habe. Also entschuldige ich mich bei all jenen, die womöglich eine Lebensweisheit oder Formulierung von sich wiedererkennen. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, denn Sie haben mir sehr geholfen, sonst wären Sie nicht in meiner »öffentlichen« Geschichte gelandet!

Ausserdem war es nach einer fast dreijährigen Zeit des »Nichtschreibens« fast so, als würde ich eine zweite Auflage meines Buches verfassen. Zumindest war es spannend zu entdecken, wie sich meine Sicht auf das Leben, die Mitmenschen, die Natur und das Universum geändert hat. In der Kurzfassung: Seit der MS-Diagnose habe ich mich vom rationalen Kopfmenschen in einen intuitiven und empathischen Gefühlsmenschen gewandelt. Heutzutage bin ich glücklich, von mir behaupten zu können, je nach Situation beide Einstellungen sehr ausgeglichen miteinander ausleben zu können.

Mein Leben lang gilt der grösste Dank meiner Mutter, die gleich zu Beginn meiner Erkrankung alles in Bewegung gesetzt hat, um mir die beste medizinische Betreuung zu ermöglichen.

Genauso gilt mein Dank meiner Frau, meiner engsten Familie und meinen Freunden, die mir trotz meiner häufigen Stimmungsschwankungen und schwierigen Situationen zur Seite standen und stehen, mir einen sicheren Rückhalt geben und immer ein offenes Ohr für mich haben.

Ausserdem danke ich den zahlreichen Ärzten, die ihr Bestes gegeben haben, und den vielen Menschen, die mich im Laufe meines Lebens respektvoll begleitet, unterstützt und gefördert haben.

Wenn du deine Rolle in der Welt besser verstehen willst,
dann schreib.

– PAULO COELHO

Das Leben schreibt endlos viele Geschichten.
Das ist meine …

Teil 1

Chronologische
Aufarbeitung

1 Mieser Start

Es ist Ende August, ein angenehmer Morgen. Im Schatten ist es noch kühl, in der Sonne bereits warm. Der wolkenlose Himmel kündigt einen typischen heissen Sommertag an. An diesem Sonntagmorgen stehen viele junge und ambitionierte Nachwuchs-Strassenradrennfahrer an der Startlinie zu einem klassischen Rundrennen durch das Zentrum von Wiener Neustadt in Niederösterreich. Fünfzehn Runden und rund sechzig Kilometer gilt es so schnell wie möglich zu absolvieren – knapp vorbei an parkenden Autos, Hausmauern, Absperrungen, die Zuschauer und Fussgänger zurückhalten, sowie zahlreichen Verkehrsschildern, die einem speziell in den Kurven sehr nahe kommen können.

Die Nervosität steigt. Ich stehe am Start inmitten von anderen Radfahrern. Zu diesem Zeitpunkt bin ich achtzehn Jahre alt. Die Situation ist mittlerweile Routine, und dennoch habe ich ein leichtes Kribbeln im Bauch und freue mich auf das Rennen. Nach zahlreichen Starts in den vergangenen Jahren in diversen Nachwuchsklassen weiss ich genau, was passieren wird. Kaum ist der Startschuss gefallen, wird ohne Rücksicht volles Tempo gefahren. Bei uns Jungs gibt es nur die eine Taktik: Die Pedale so fest und schnell treten wie möglich – derjenige, der dieses Tempo von Anfang bis Ende durchhält, gewinnt. Die anderen werden Runde für Runde weiter zurückfallen.

Grundsätzlich liegen mir solche Rennen. Es gibt keine technischen Schwierigkeiten auf dem Kurs. Das Streckenprofil ist komplett flach. Der Kurs durch die Stadt verläuft mit vier 90-Grad-Abbiegungen und einer kurzen Zielgeraden. Ich kann all meine Stärken ausspielen: Sprint- und Antrittsschnelligkeit, das Fahren im Windschatten optimal ausnutzen und im Ebenen ein hohes Tempo lange halten können. Denn ich bin kein typischer Radrennfahrer, wie man sie häufig im Fernsehen sieht: Schmale Schultern, dünne Beine, wenig Körpergewicht, tendenziell geringe Körpergrösse und wenig Körperfett sucht man bei mir vergeblich. Aufgrund guter biologischer Voraussetzungen bin ich ein kräftiger, kompakt gebauter und »schwerer« Athlet. Zusätzlich war ich in der späten Kindheit Leistungsschwimmer, wodurch ich eine gewisse muskuläre Athletik bekommen und behalten habe. Das nutze ich an solchen Tagen gerne zu meinem Vorteil.

Ich bin mit keinem speziellen Ziel in das Rennen gestartet. Jedoch weiss ich aufgrund des Streckenprofils, dass ich in die Top 10 fahren kann. Sollte es zu einem Zielsprint kommen, ist für mich alles möglich. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch meine zahlreichen Wettrennen und Wettkämpfe gegen meinen Bruder schnelle Beine bekommen habe. Und genauso durch das Flüchten vor möglichen Strafen von Eltern, Familienangehören und Freunden nach irgendwelchen Streichen, die ich ihnen gespielt habe.

Doch nach ein paar Runden kann ich dem Tempo der anderen leider nicht folgen. In meinen Augen hat das zwei Ursachen: (a) Mein Ziel ist die österreichische Einzel-Zeitfahrmeisterschaft eine Woche später. Somit bin ich ein wenig besorgt, dass mir dieses Tempo schaden könnte. Was natürlich nur eine fadenscheinige Ausrede ist, die ich mir mental zurechtgelegt habe. (b) Es gibt einen Wechsel des Strassenbelags beim Übergang von einer normalen Fahrbahn in eine Fussgängerzone. Die Kante in der Fahrbahn ist mir schon bei der Besichtigung als bedenklich aufgefallen. Leider hat sich das im Renntempo dann bestätigt. Jedes Mal beim Drüberfahren – und das zwei Mal pro Runde – verursacht diese Kante einen immensen Schlag auf das Rad. Ich muss stets den Lenker gut festhalten, damit er mir nicht aus den Händen gleitet. Zusätzlich bekomme ich diesen Schlag aufgrund der Position mit vorgelehntem Oberkörper am stärksten im unteren Rücken zu spüren. Schon während des Rennens kommt ein ungutes Gefühl in mir auf.

Am Ende wird es ein abgeschlagener Platz im hinteren Mittelfeld. Ein enttäuschendes Rennergebnis zum Vergessen! Zumindest habe ich den Zielsprint der kleinen Verfolgergruppe gewonnen. Das ist ein bisschen Genugtuung. Solche Situationen lasse ich mir nicht entgehen. Es wird bis zum Schluss gekämpft. Das Rennen ist erst beendet, wenn die Ziellinie überquert ist. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass mir das Rennen weder als gute Vorbereitung für die österreichische Zeitfahrmeisterschaft geholfen hat, noch dass ich dadurch mein Selbstbewusstsein stärken konnte. Zu all dem kann ich aufgrund der Rückenschmerzen kaum vom Rennrad absteigen. Es ist ein permanenter stechender Schmerz im Lendenwirbelbereich. Zwar ist es nicht ungewöhnlich, dass man nach einem Radrennen Rückenschmerzen hat, denn die Position auf Rennrädern ist alles andere als wirbelsäulenfreundlich. Doch diesmal ist es anders.

Ich erinnerte mich daran, dass in der Pubertät eine leichte Verschiebung meines dritten Lendenwirbels festgestellt wurde. Ich hatte das nie als Schwachstelle gesehen und war seitdem immer bestrebt gewesen, mit zusätzlichem Training den Rückenbereich zu stabilisieren. Dieses Zusatztraining hatte ich in der letzten Zeit vernachlässigt. Deswegen ging ich davon aus, dass die Rückenschmerzen die Konsequenz des verabsäumten Trainings und der Stösse durch das Überfahren der Randsteine war. Ich suchte einen Schuldigen und fand ihn in den Randsteinen. Es machte mich wütend, dass die Organisatoren uns über diese Kanten gehetzt hatten, ich empfand das als gesundheitsgefährdend. Ich suchte Ausreden und das waren die Ersten, die mir einfielen.

Weder mein Trainer noch meine Mutter konnten meine miese Stimmung verbessern. Es war zu diesem Zeitpunkt unmöglich, mir Gutes zu tun. Ich sass auf dem Boden neben meinem Rennrad, das diesen wilden Ritt ohne Defekt überstanden hatte, und machte böse Miene zum guten Spiel. Um mich herum hockten viele meiner Mitstreiter und ein paar Radfreunde. Wir diskutierten über diverse Situationen des Rennens, während wir uns etwas Kühles zu trinken genehmigten. Auch der trockene Kuchen half nicht, die Stimmung zu heben. Ich hatte Rückenschmerzen und ein für mich beschissenes Rennen hinter mir. Ich wollte nur noch nach Hause und alleine sein.

Im Nachhinein betrachtet waren die anhaltenden Rückenschmerzen in den kommenden Tagen das erste Anzeichen der ausgelösten Multiplen Sklerose. Der zweite Auslösefaktor folgte eine Woche später.

1.1 Mist! Scheisse!

Wieder einmal ein geniales Wetter – mein Wetter – im heissesten Sommer der letzten Jahre: blauer Nachmittagshimmel, trocken, kaum Wind. Einmal treten und der Schweiss rinnt ununterbrochen, nur der Fahrtwind kühlt. Das Warmfahren, um den Körper auf die gewünschte Arbeitstemperatur zu bringen, ist schon Genuss pur. Ich betreibe den Sport, den ich liebe. Die Beine fühlen sich sehr gut an. In den Jahren des Radfahrens habe ich gelernt, sehr stark auf meinen Körper zu hören und somit ein Gefühl dafür bekommen, wie sich die Muskeln der Beine anfühlen. Es ist ein gutes Zeichen für mich, dass sich meine Beine bei wenig Anstrengung schwer angefühlen. Denn nachdem ich ein paar Intervalle im Renntempo absolviert habe, werden sie auf einmal leicht. Ich weiss, ich habe gut trainiert und bin auf den Punkt genau bereit, meine Leistungsfähigkeit und auch mein Talent heute zu bestätigen. Ich bin also hochmotiviert.

In dieser euphorischen Stimmung sitze ich seit ca. 25 Minuten auf dem Rennrad und fahre das Einzelzeitfahren der österreichischen Meisterschaft in Feldbach. So gut vorbereitet war ich noch nie. Obwohl mich die Rückenschmerzen und das schlechte Resultat der Vorwoche ein bisschen aus der Bahn geworfen haben: Jetzt konzentriere ich mich voll auf das Rennen. Es geht um sehr viel. Mein Ziel sind die Top 10. Ich will einen guten Eindruck hinterlassen. Es ist mein letztes Jahr in der Nachwuchskategorie Junioren. Bei einem guten Resultat steigen die Chancen, in einem U23-Team einen Vertrag zu bekommen, um so meinem Ziel »professioneller Radsportler« näher zu kommen.

Die Strecke liegt mir nicht hundertprozentig. Doch nach der Besichtigung war die Taktik für das Rennen relativ schnell klar: Vom Start weg sollte ich das Maximum meiner Leistung abrufen. Die Strecke geht die ersten fünf Kilometer leicht bergab. Dann über eine Autobahnbrücke, die zu vernachlässigen ist, da diese mit dem Schwung aus dem flachen Teil leicht überfahren werden kann. Anschliessend führt der Weg wieder etwa fünf Kilometer leicht bergab. Dann folgt der für mich anspruchsvolle Teil, es wird hügelig. Trotzdem ist es das Ziel, auch diese Etappe mit Vollgas zu bewältigen. Ich muss alles unternehmen, um das Tempo speziell bergauf hochzuhalten. So habe ich eine realistische Chance, mein Ziel zu erreichen. Schliesslich enden die Hügel in einem leichten, ca. zwei Kilometer langen Anstieg, der mit ein paar steileren Rampen von 50 bis 200 Meter Länge gespickt ist. Ich nehme sie für meine Verhältnisse sehr passabel und die Motivation steigt noch mal, als ich den letzten kleinen Anstieg zur Wende hinter mir habe. Mitten in einem kleinen Dorfzentrum muss ich um einen Brunnen fahren. Es bleibt keine Zeit, die kleine Kirche und den Gasthof genauer wahrzunehmen. Zu sehr bin ich darauf fokussiert, mich auf den Rückweg zu machen. Die gleiche Strecke zurück. Es ist gut zu wissen, dass ich das Schwerste hinter mir habe.

Jetzt kann ich mich auf meine Stärken verlassen. Ich bin im Vergleich zu anderen Radrennfahrern in meinem Alter ein Schwergewicht. Meine Stärken sind der Sprint, Antrittsschnelligkeit, Abfahrten, Taktik im Sprintverhalten und leichte bzw. kürzere Anstiege. Ausserdem kann ich meine Kraft bei Gegenwind immer gut ausspielen, was Vor- und Nachteile hat. Gegen den Wind schnell zu fahren kostet viel Kraft, und die habe ich. Der Nachteil: Schafft es ein anderer Radfahrer, direkt hinter mir im Windschatten zu fahren, hat er ein leichtes Spiel. Er muss etwa ein Drittel weniger Kraft aufwenden, um mit mir mithalten zu können. Das spielt aber bei einem Einzelzeitfahren zum Glück keine Rolle. Wichtiger ist in diesem Moment mein Trainer, der hinter mir im Auto das gesamte Rennen begleitet. Er beobachtet mich die ganze Zeit von hinten und kann so sehr gut abschätzen, wie schnell ich unterwegs bin. Mein Trainer kann mich durch langes Hupen pushen, durch kurzes energisches Hupen aber auch auf Gefahren aufmerksam machen. Er sieht, wie ich auf dem Rad sitze, kann die Körpersprache interpretieren, zu mir heranfahren und ein paar Worte mit mir wechseln. Zusätzlich ist Ersatzmaterial im Auto für schnelle Reparaturen, falls mein Rad einen Defekt oder einen Platten haben sollte. Eine Eskorte, um sich sorgenfrei wirklich zu hundert Prozent nur auf das Radfahren konzentrieren zu können.

Bei der vorletzten Brücke muss ich eigentlich aus dem Sattel in den Wiegetritt. Aber plötzlich bekomme ich keinen Druck mehr auf das rechte Pedal. Nicht weiter schlimm! Ich bin schon sehr müde und es kann sein, dass die Muskulatur zu sehr beansprucht wurde. Auch nach der Brücke versuche ich immer wieder in den Wiegetritt zu gehen, um das Tempo zu halten. Doch es geht nach wie vor nicht. Leichte Unzufriedenheit kommt in mir hoch, weil ich weiss, dass ich nicht meine volle Leistung abrufe. Der Kopf will schneller treten, aber der Körper spielt nicht mit. Ich versuche es immer und immer wieder. Irgendwas stimmt nicht. Doch ich schiebe diese ungewöhnliche Situation im Kopf auf die Seite und zwinge mich, weiter konzentriert zu bleiben. Ich sage mir: Bleib einfach sitzen! Das Treten funktioniert im Sitzen auch halbwegs. Zum Glück bin ich mit den Schuhen in den Pedalen fest mit dem Rad verbunden. So kann ich noch all meine Kraft auf die Pedale bekommen. Ich habe das Gefühl, der rechte Fuss würde ansonsten einfach aufhören zu treten. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem ich einen noch schwereren Gang wähle und diesen bis zum Schluss beibehalte. Ich will mir so beweisen, dass ich super in Form bin und mein Ziel erreichen kann. So ein Gefühl hatte ich nie zuvor. Was ist das? Konzentriere dich, bis du im Ziel bist, ermahne ich mich auf den letzten Kilometern.

Mist! Scheisse! Ziel verfehlt! Ich bin sehr enttäuscht. Ausgepowert, kraftlos und traurig steige ich vom Rad und setze mich am Strassenrand in die Wiese. Ich bin verwirrt. Es kommt sogar eine Passantin und fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Aber ich will nur alleine sein. Ich ringe nach Luft und grosse Enttäuschung, aber auch Sorge kommen in mir hoch. Warum ist das mit dem Bein passiert? Ich habe in dieser Situation alles gegeben. Persönlich weiss ich, dass ich besser und schneller Rad fahren kann. Oder habe ich mir Illusionen gemacht? Mit einem Top-5-Resultat hätte ich mein Talent und meine Stärke endgültig bewiesen. Dann hätte nach dem Abschluss des letzten Schuljahres einer Sportkarriere nichts im Wege gestanden.

Doch nach dem Zieleinlauf ist mir klar, dass etwas nicht stimmt. Das Rennen ist ganz anders verlaufen, als es hätte sollen. Bis jetzt habe ich mich immer auf meinen Körper verlassen können. Die Kontrolle über den Körper zu verlieren, löst eine tiefe Angst in mir aus. Und mit diesem Gefühl sitze ich nun ernüchtert und niedergeschlagen ein paar hundert Meter hinter der Ziellinie neben meinem Fahrrad und bin den Tränen sehr nahe.

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich grosse Einsamkeit, Machtlosigkeit und Angst verspüre. Ich frage mich, was gerade passiert ist. Es ist alles so unerklärlich, so unerwartet. Ich traue mich kaum, zu meinem Trainer zurückzufahren, weil ich unsicher bin, wie er reagieren wird. Ich zwinge mich, auf andere Gedanken zu kommen, denn mein Trainer ist immer sehr objektiv, ehrlich und direkt, wenn es um die Analyse der Rennen geht. Ich schätze sein Feedback, bin daran gewachsen und froh, so einen Begleiter zu haben.

Doch diese Gedanken nützten alle nichts, da musste ich durch. Auf dem Rückweg zum Auto des Trainers war ich lethargisch. Es waren die schwierigsten Meter, die ich bis dahin mit dem Rad gefahren war. Ich sass auf dem Rennrad, mein linker Fuss im Klickpedal befestigt, der rechte hing lahm an der Seite herunter. Ich versuchte, auch den rechten Fuss in das Klickpedal einzuhängen, um den Zustand, den ich während des Rennens erlebt hatte, noch mal zu erleben. Und er bestätigte sich! Das rechte Bein zeigte kaum eine Reaktion auf meine gedankliche Anweisung, sich zu bewegen. Ich klickte mich rechts wieder aus und fuhr auf diese Weise die letzten Meter grübelnd zurück zum Auto. Aber wie sich später oft bestätigen sollte, macht es keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, was andere von einem denken. Es kommt immer anders! Auch wenn schon von aussen sichtbar war, dass mit meinem rechten Bein etwas nicht stimmte, würde ich das diesmal nicht als Ausrede für mein Versagen benutzen. Ich wollte mir selber nicht eingestehen, dass ich von Minute zu Minute mehr das Gefühl hatte, mein Bein immer weniger kontrollieren zu können. Das wurde in den kommenden Wochen zunehmend zur Last.

In mich gekehrt, befreite ich mich routiniert aus meiner Sportkleidung. Ich demütigte mich selber! Denn mein Trainer spendete Trost auf seine Art und Weise. Er hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er machte keine Kommentare – zumindest kann ich mich daran nicht erinnern. Innerlich war ich weit vom Geschehen entfernt. Ich hatte mich in eine Seifenblase zurückgezogen und war mit allem, was ich machte, super vorsichtig, damit sie nicht platzte. Wir warteten noch auf das Rennergebnis: Platz 23 – in meiner Vorstellung bei Weitem nicht gut genug. Keine fünf Minuten später bin ich auf der Heimfahrt im Auto eingeschlafen. Das war eine meiner grössten persönlichen Niederlagen, und das einen Tag vor der Nachprüfung für den Einstieg in das letzte Schuljahr.

Der Druck, den ich mir sowohl bei der Einzelzeitfahrmeisterschaft als auch bei der Nachprüfung selber gemacht habe, war der zweite Auslöser.

Zu Hause angekommen, folgte ein schneller Rückzug in mein Zimmer. Selbstverständlich erzählte ich meiner Mutter von dem Rennen und was passiert war. Aber alles sehr kurz, ohne in Details oder auf das, was mich innerlich beschäftigte, einzugehen. In solchen Situationen ist es eine Gewohnheit von mir, mich zurückzuziehen von allem und jedem. Damals entschied ich, die Dinge zuerst mit mir selbst zu klären. Erst zu dem Zeitpunkt, als ich mir sicher war und wusste, was passierte, ging ich auf andere Menschen zu. Und auch erst dann, wenn ich selbst zu keiner Lösung kam, fragte ich nach Hilfe. Somit blieb mir in diversen Situationen verborgen, wie mir Freunde hätten helfen können und was sie zugleich trotzdem für mich geleistet haben. Zum Glück konnte ich diese Gewohnheit bis heute teilweise ablegen.

Zu dieser Zeit hatte ich keine Vertrauensperson, der ich meine Gefühle, meine Gedanken, meine Wahrnehmung von mir und der Welt erzählen konnte. Nicht einmal meiner Mutter habe ich alles sagen können. Klar war sie diejenige, die an meinem Verhalten und meinen Reaktionen interpretieren konnte, wie es um mein mentales und emotionales Befinden stand. Denn nichtsdestotrotz war sie es, die im Hintergrund alles für mich gemacht und mir so den Rücken freigehalten hat. Ich wusste zwar damals schon, dass ich mich auf die Unterstützung meiner Familie verlassen kann, doch ich wollte bzw. nutzte sie zu selten. Es hat sehr lange gedauert, bis ich auf Familienmitglieder und noch später auf Freunde zugegangen bin, um stressige Situationen gemeinsam zu bewältigen.

Ich habe erst sehr spät von meiner Mama erfahren, was sie alles in Bewegung gesetzt hat, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Ganz entgegen meinem eigenen Eindruck, sie hätte erst nach einer ganzen Weile gehandelt. So kann man sich täuschen! Es hat lediglich ein paar Stunden gedauert, bis sie etwas unternommen hat.

Gleich am Montag nach dem Radrennen hatte ich zudem meine Nachprüfung. Natürlich war es auch hier meine Mama, die mich zur Schule brachte und mir Mut machte und gut zuredete. Um es kurz zu machen: Ich war sehr erleichtert, als ich strahlend das Schulgebäude verlassen konnte. Als mich meine Mutter abholte, sah sie schon von Weitem mein strahlendes Gesicht und wusste, dass in diesem Moment alles in Ordnung war. Ich hatte bestanden und konnte in das Abschlussjahr starten. Ein Glücksgefühl kam in mir hoch. Die körperlichen Schmerzen und emotionalen Niederlagen der letzten Tage waren vergessen.

Aber es dauerte nicht lange, da sollte sich mein körperlicher Zustand rapide ändern.

2 Markantes Schuljahr

Ich wollte trotz meiner gesundheitlich unsicheren Situation in die Schule gehen, um dabei zu sein. Die Schule war für mich sehr wichtig. Ich wollte diesen verdammten Matura-Abschluss haben! Auch wenn ich in den kommenden Wochen zwischen Arztterminen und Medikamenten in einer emotionalen Achterbahn gefangen war: Ich war unbeschreiblich glücklich, die Nachprüfung für den Eintritt in das Abschlussschuljahr geschafft zu haben. Dieser Stresssituation einen Tag nach einem sehr enttäuschend verlaufenen Radrennen standgehalten zu haben, ist im Nachhinein gesehen bemerkenswert. Zugleich war ich dennoch besorgt, weil ich nach wie vor nicht wusste, was mit meinem rechten Bein los war.

Nach mehreren Tagen war klar: Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Das waren keine Folgen des Radrennens in Wiener Neustadt und auch nicht des Einzelzeitfahrens in Feldbach. Was war es wirklich? Ich hatte keine Ahnung und freute mich auf die Schule.

Am Ende der ersten Schulwoche hatte ich einen lange geplanten Gesundheitscheck. Dort wurde mir zur Analyse Blut abgenommen, das übliche EKG gemacht, neurologische Tests durchgeführt und anschliessend die erste Vermutung auf Multiple Sklerose geäussert. Jedoch waren mir die Konsequenzen in diesem Moment unklar. Ich hoffte noch und fragte nach, ob das Kribbeln in den Beinen von der Belastung während des Rennens kommen könnte. Der Arzt bestätigte diesen Eindruck und beruhigte mich, dass es ein paar Tage dauern könnte, bis das Kribbeln wieder verschwindet – zumindest habe ich das so verstanden! Damit war für mich die Sache erledigt. Doch als sich mein Zustand weiterhin verschlechterte, ging für meine Mutter die Hintergrundrecherche weiter. Sie holte die Meinung von mehreren Ärzten ein und begann so indirekt schon an der Diagnose zu arbeiten. Nur verschiedene unabhängige Fachmeinungen waren gut genug.

Natürlich bemerkte ich, dass mit meinem rechten Bein etwas nicht in Ordnung war. Innerhalb von wenigen Tagen, manchmal gefühlt auch von Stunden, verschlechterte sich meine Motorik auf der rechten Seite vom Bein bis unterhalb des Schulterblatts rapide. Für alles brauchte ich länger. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meinen Körper nicht unter Kontrolle hatte, zumindest einen Teil davon. Als Sportler war ich es gewohnt, dass mein Körper auf die Befehle des Gehirns reagierte. Es war normal, sich zu bewegen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Ich bin gegangen, gelaufen, aus dem Bett aufgestanden, Stufen hinauf und hinunter gestiegen, habe mich niedergesetzt und bin wieder aufgestanden – lauter alltägliche Bewegungen. Wollte ich Rad fahren, war es selbstverständlich, das rechte Bein über das Oberrohr des Rades zu schwingen, mich abzustossen, die Füsse auf die Pedale zu stellen und mit dem Radfahren zu beginnen. In gewisser Weise war es eine eingespielte Gewohnheit. Wollte ich zu Fuss von A nach B gehen, waren die Abläufe so automatisiert, dass sie nicht bewusst ausgeführt werden mussten. Und jetzt?

Das Gehen fiel mir zwar schwer, aber erst beim Treppensteigen in der Schule wurde mir bewusst, wie schlimm es tatsächlich war. Ich musste vom Keller in den zweiten Stock hinauf. Die ersten Treppen konnte ich noch halbwegs gut bewältigen. Doch je mehr Stufen ich hinaufstieg, desto weniger Kontrolle hatte ich über mein rechtes Bein. Nach mehreren Pausen war ich erschöpft und eingeschüchtert. Ich konnte es nicht leiden, Gefühle oder Schwäche zu zeigen. Und jetzt stand ich da, vor dem letzten Dutzend Stufen, und musste mit meinen Händen helfen, das rechte Bein eine Stufe hinauf zu stellen, weil es nicht mehr reagierte. Die Kraft zum Abstützen war noch vorhanden, aber die Ansteuerung versagte komplett. Mit dem linken Bein nahm ich zwei Stufen auf einmal, um vorwärtszukommen. Obwohl ich für einen kurzen Moment das Gewicht rechts halten konnte, hielt ich mich sicherheitshalber am Geländer fest. Abgekämpft oben angekommen, versuchte ich so unauffällig wie möglich ins Klassenzimmer zu kommen und beschloss, den ganzen Tag sitzen zu bleiben. Doch da hatte ich die Stunde im Physiksaal vergessen.

Die Stunde im Klassenzimmer war beendet und der kommende Unterricht fand im Physikraum statt. Beim Aufstehen konnte ich mein rechtes Bein wieder nicht kontrollieren. Ich verlagerte das ganze Gewicht auf mein linkes Bein und wollte losgehen. Wie ich mich gefühlt habe, kann jeder selber ausprobieren: Ziehen Sie mal ein Bein hinter sich her, ohne es bewusst zu benutzen oder sogar Gewicht darauf zu stützen! Es war sehr beängstigend. Ich konnte nichts machen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Schmerzen. Ich überspielte meine Sorgen und machte mich, scherzend über meinen Zustand, mit meinen Schulkollegen auf den Weg in den Physiksaal. Ich registrierte, dass ein Bein ganz schön schwer hinterherzuziehen ist. Der Weg war mir bisher noch nie so lang vorgekommen. Dankend kam mir ein Mitschüler zu Hilfe, der mich in dieser Situation stützte und mich so bis zum Ende des Ganges begleitete. Entgangen sind mir dagegen die Reaktionen und Blicke der anderen Schüler. Sie waren mir auch gleichgültig. Ich war gut drauf und das wollte ich geniessen. Zumindest nach aussen hin.

Am Nachmittag nach der Schule sass ich in meinem Zimmer auf dem Bett und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Zugleich versuchte ich intensiv, meine rechte Beinmuskulatur anzusteuern, immer und immer wieder. Nichts passierte! Das Gleiche probierte ich auch mit dem Gehen. Vor meinem Zimmer gab es einen etwa drei Meter langen Gang, der nur einen Meter breit war. Das war optimal, um mich jederzeit mit den Armen abstützen zu können. Und so begann ich, mir den menschlichen Gang in all seiner – oberflächlich betrachteten – Einfachheit bewusst zu machen. Ich legte es darauf an, die Unterschiede der rechten und linken Körperhälfte bewusst wahrzunehmen: Wie fühlte es sich an, wenn die Ferse den Boden berührte? Auf welchem Punkt setzte die Ferse überhaupt auf? Wie war das Gewicht auf dem Fuss verteilt, lag es auf der Innenkante oder mehr auf der Aussenkante? Welche Funktionen hatten die einzelnen Zehen? Wo spürte ich wann wie viel Gewicht? Was passierte kurz vor dem Abdrücken? Wie wurde der endgültige Schrittwechsel tatsächlich eingeleitet und welche Muskulatur brauchte es dazu? Wie stark musste ich das Sprunggelenk stabilisieren? Wie verhielt sich die Beinmuskulatur beim Gehen? Wo nahm ich den Impact beim ersten Bodenkontakt wahr? Wie intensiv war der Impuls in der Hüfte, wenn ich die Geschwindigkeit veränderte? Wie sehr beugte ich mein Knie? Fragen über Fragen, und die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.

Diese Beschreibung soll zeigen, wie intensiv ich mich schon nach dem ersten Auftreten der Symptome mit der Wahrnehmung von Bewegungsabläufen und später auch mit sensorischen Störungen beschäftigt habe. Anfangs versuchte ich vergeblich, Unterschiede wahrzunehmen. Und obwohl ich bald gewisse »Tests« gefunden hatte, brauchte es noch Zeit, Medikamente und mentale Prozesse, bis ich Zustandsveränderungen wirklich feststellen konnte. Von Anfang an war zum Beispiel eine »Testbewegung«, den Impuls beim Auftreten der Ferse auf den Boden zu bestimmen. Eine andere war es, das Knie zu beugen und zu strecken und dabei den Hautkontakt in der Kniekehle wahrzunehmen. Viele weitere »Tests« sollten in den nächsten Stunden und Tagen folgen. Dazu gehörten u. a.:

Heute bin ich mir bewusst, dass der Körper an den verschiedenen Stellen eine unterschiedliche Dichte an Rezeptoren hat. Deswegen ist es sinnvoll, eher dort zu testen, wo eine gute Wahrnehmung möglich ist. Dazu gehören fast alle Muskeln und weniger die Gelenke oder Knochenstellen. Ausserdem bin ich mir darüber im Klaren, dass es auch bei gesunden Menschen ohne physiologische Symptome zu Wahrnehmungsunterschieden kommen kann.

Nach den zahlreichen Tests gingen mir tausend weitere Gedanken durch den Kopf: Würde das für immer so bleiben? Wieso passierte das mir? Konnte ich trotzdem Rad fahren? Konnte ich mit diesen Lähmungserscheinungen überhaupt irgendeinen Sport betreiben? Was könnte ich unternehmen, um meine körperliche und geistige Gesundheit zu verbessern? Im Hintergrund stand bei allen Überlegungen immer die Frage: Wann würde mein Zustand endlich wieder besser?

Die Situation war zum Verrücktwerden. Es sollte noch über einen Monat dauern, bis ich mir die entscheidende Frage stellte: Was will ich? Will ich mich bemitleiden lassen und ein Leben im Rollstuhl führen – oder habe ich den Mut, an mich und ein selbstständiges Leben zu glauben?

Der Gedanke an den Rollstuhl war gar nicht so abwegig. Ich stellte mir vor, was ich alles mit und im Rollstuhl erreichen könnte. Die Paralympics waren in Gedanken schon ein Thema, in einer Sportart, bei der ich die Beine nicht einsetzen musste. Es sollte etwas mit Geschwindigkeit zu tun haben, Sprint oder Marathon im Rollstuhl zum Beispiel. Als ehemaliger Nachwuchs-Leistungsschwimmer wären auch Schwimmdisziplinen realistisch …

Beim Schreiben dieser Zeilen muss ich schmunzeln. Ich erinnere mich gerne an diesen Moment zurück, unter anderem weil im Laufe der ersten Jahre nach der MS-Diagnose immer mal wieder ähnliche Gedanken aufkamen. Letztendlich zeigt es mir, dass ich – so aussichtslos die Situation auch scheinen mochte – stets nach neuen Perspektiven gesucht habe. Ich habe damals den Mut aufgebracht, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Ich würde mir immer meinen Weg suchen. Es war der Beginn einer inneren Veränderung: Ich begann – teilweise kompromisslos – das zu machen, was mich glücklich macht. Ich begann auf mein Bauchgefühl zu hören. Ich begann MS als Chance wahrzunehmen, das Leben intensiv zu leben. Ich begann mehr im Hier und Jetzt zu sein. Ich bin ab diesem Zeitpunkt mental immer stärker geworden.

In dieser Zeit passierte etwas Paradoxes (oder in einer solchen Situation vielleicht auch »Normales«): Ich eignete mir an, vor allem zwei unterschiedliche Masken zu tragen – eine für die Schule und die andere für zu Hause. Erstere charakterisierte sich dadurch, dass ich meine Symptome herunterspielte, meine Schmerzen und Unsicherheit überspielte und Witze darüber machte. Nachdem ich nicht wusste, was ich genau hatte, erschien mir das als sinnvoller Weg gegenüber meinen Mitschülern und Mitmenschen. Ausserdem wollte ich keine Schwäche zeigen. Ich wollte die Symptome nicht als Ausrede nutzen, dass ich meine körperlichen und geistigen Leistungen nicht bringen konnte. Dabei half mir, dass ich in der Klasse als Sturkopf und Einzelgänger bekannt war und als Aussenseiter galt. Mit der zweiten Persönlichkeitsausprägung verhielt es sich komplett anders. Ich zog mich innerlich zurück und redete mir ein, ich müsste die Situation selber und ohne Hilfe bewältigen. Doch das endete zeitweise in einer langen und tiefen Einsamkeit. Nach aussen hin wollte ich perfekt sein.

Wow … Nach mehr als zehn Jahren wird mir bewusst, wie ich u. a. mit Gewohnheiten, innerer Unsicherheit, meinen Mitmenschen und meiner Repräsentation nach Aussen umgehe. Sich im Nachhinein wünschen, in vielen Momenten anders zu reagieren, macht keinen Sinn mehr. Bedeutungsvoller ist die Einsicht, dass selbstkritisches Reflektieren der eigenen Persönlichkeit zu sehr spannenden, überraschenden und zukunftsweisenden Einsichten führen kann.

2.1 Mühsamer Schulstart

Es war für mich eine riesige Herausforderung, mich jeden Tag neu zu motivieren und bis zu sechs Stunden lang konzentriert dem Unterricht zu folgen. Ich habe nicht einmal meinem Sitznachbarn und den besten Freunden über meinen gesundheitlichen Zustand informiert. Obwohl ich seit Tagen unbekümmert mein rechtes Bein hinter mir her zerrte, habe ich mich nie gefragt, was meine Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrer oder Freunde dachten. Ich gehe davon aus, dass sie mein Handicap bemerkt haben. Es war mir egal. Zumindest redete ich mir das ein. Denn tatsächlich war es mir sehr unangenehm, nach aussen verletzlich zu wirken. Innerlich loderte ein gedanklicher Vulkan in mir. Es war anstrengend, das falsche Spiel gegenüber mir und meinen Mitmenschen zu treiben. Es ist höllisch energieraubend, ständig eine heile Fassade aufrechtzuerhalten und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Denn innerlich war ich sehr zerrissen, weil ich nicht wusste, was da mit mir passierte. Als naiver junger Mann erklärte ich mir selbst und meinen Mitschülern, es sei nur eine Verletzung. Doch dieses augenscheinliche Märchen wurde erschüttert, als am Beginn der zweiten Schulwoche – am 10. September 2003 – die erste wegweisende MRT-Untersuchung gemacht wurde.

Auf dem Weg zur Untersuchung fragte ich meine Mama darüber aus, denn bisher kannte ich nur das Röntgen – und das nach zahlreichen Stürzen und Brüchen nur zu gut. Eine MRT war neu für mich. Als ich nervös bei der Anmeldung stand und einen recht langen Fragebogen ausfüllen musste, war ich überfordert. Mir ging das alles zu schnell und es kam mir seltsam vor. Ich wusste nur, dass die Ärzte quasi in meinen Kopf schauen wollten. Dann wurde ich aufgerufen. Ich betrat eine enge Umkleidekabine, sozusagen ein Vorgeschmack auf das, was mich erwartete. Dort zog ich mich bis auf die Unterhose aus und legte Armbanduhr und Schmuck ab, da kein Metall am Körper bleiben darf.

Der MRT-Apparat ist eine angsteinflössende Maschine. Er hat in der Mitte ein Loch, das einem engen Tunnel gleicht, in den der Patient geschoben wird. Das kann sehr beklemmend sein. Ich wurde gebeten, mich auf die Liege zu legen. Dann wurden der Kopf und die Halswirbelsäule in einer Art Käfig stabilisiert, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Die Beine wurden hochgelagert. Kopfhörer sollten mich vor dem Lärm schützen. Warum das nötig war, erlebte ich wenige Minuten später. Ich bekam Hinweise, wie die Untersuchung ablaufen würde, und einen Notfallknopf, den »Panic Button«, in die Hand gedrückt. Mit den Worten der Assistentin: »Wir sind im ständigen Kontakt mit Ihnen und falls es nicht mehr geht, drücken Sie den Alarm«, fuhr die Liege in den Tunnel der Maschine ein.

Platzangst war jetzt fehl am Platz. Meine Arme wurden an meinen Körper gedrückt. Als die Liege stoppte, öffnete ich die Augen. Ich sah einen blauen Strich und ansonsten nur die weisse Rundung der Tunnelröhre ca. eine Handbreit vor meinem Gesicht. Wie eng war das denn? Sollte ich den Panikknopf drücken? Nein! Jetzt reiss dich zusammen und bleib einfach ruhig liegen, beschwor ich mich. Doch der grössere Schreck folgte, als es plötzlich extrem laut und nervig zu hämmern und zu klopfen begann. Es waren sehr unangenehme Geräusche, doch ich lag weiterhin bewegungslos und liess die Untersuchung über mich ergehen. Zum einen hatte ich gar keine andere Wahl und zum anderen wollte ich wissen, was mit mir los war. Und diese Untersuchung war ein wichtiger Schritt, um endlich zu erfahren, was mir fehlte. Die Ärztin redete ab und zu mit mir und nach einiger Zeit wurde die Liege wieder hinausgefahren. Ich war sehr erleichtert, da ich glaubte, es sei vorbei. Doch weit gefehlt: Ich bekam jetzt ein sogenanntes Kontrastmittel gespritzt und gleich darauf lag ich wieder im Tunnel.

Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Den Bewegungsdrang zu unterdrücken war teuflisch schwer. Ich konnte mich nicht an der Nase kratzen, nicht die Arme oder Beine ein bisschen anders hinlegen. So wie ich am Beginn der Untersuchung positioniert worden war, so lag ich noch immer da. Mittlerweile war meine Lage sehr unangenehm. Ich konnte nur versuchen, ruhig auf das Ende der Untersuchung zu warten. Es kam mir seltsam vor, dass ich am Kopf, am Hals und an der Wirbelsäule untersucht wurde, obwohl doch mein Bein nicht funktionierte.

Gedanken kamen und gingen: Warum hämmert das so laut? Was macht diese Maschine mit mir? Habe ich den Fragebogen richtig ausgefüllt? Muss ich noch was für die Schule arbeiten? Was gibt es heute im Fernsehen? Mir wird kalt! Wie langweilig das ist, hier herumzuliegen! Na ja, die werden schon wissen, was sie mit mir machen …

Noch seltsamer wurde es nach der Untersuchung. Ich sollte noch mal im Warteraum Platz nehmen. Als ich aus der Umkleidekabine kam, war ich erleichtert. Doch dann sah ich Mamas Gesichtsausdruck. Sie machte sich Sorgen und konnte es nicht überspielen. Jetzt wusste ich, dass es etwas Ernstes ist. Bestätigt wurde meine Vermutung, als wenige Minuten später die leitende Ärztin auf uns zukam. In der Hand hielt sie den bereits ausgewerteten Befund. Ich blieb sitzen und beobachtete, wie sich die Ärztin mit meiner Mama besprach. An die folgenden Momente und das Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiss nur, dass mich meine Mama beruhigte und erklärte, es müssten noch ergänzende Untersuchungen gemacht werden.

Zur weiteren Abklärung meines Zustandes fuhren wir am darauffolgenden Tag in ein Krankenhaus, das auf neurologische Erkrankungen spezialisiert war. Krankenhäuser sind keine Orte, an denen man sich gerne aufhält. Die Fassade des Gebäudes war alt, das Areal so gross, dass es schwer war, sich zurechtzufinden. Wir gingen bei herbstlich kaltem und windigem Wetter vom Parkplatz in das am weitesten gelegene Eck zu einem unauffälligen zweistöckigen Gebäude. Es warteten nur wenige Leute und so dauerte es nicht allzu lange, bis die erste Untersuchung begann. Ich musste sowohl psychologische, physiologische als auch neurologische Tests über mich ergehen lassen. Es wurden die Reaktionen meiner desensibilisierten Seite getestet – zum Beispiel wie lange ich brauchte, bis ich bzw. mein Körper auf Wärme, Kälte oder Schmerz reagierte.