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eISBN 978-3-649-64090-5

© 2021 für die inhaltlich unveränderte Neuauflage der deutschsprachigen Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

© 2011 für die deutschsprachige Originalausgabe:

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Originalcopyright © 2010 by Live Bonnevie

Originalverlag: Cappelen Damm AS

Originaltitel: Hestenes Klan

Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt

Umschlaggestaltung: Frauke Maydorn

Umschlagfoto: Gìgja Einars

Lektorat: Valerie Flakowski, Sara Falke

Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-64102-5.

Live Bonnevie

Zwischen
Himmel
und Ende

Aus dem Norwegischen
von Dagmar Lendt

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Für meinen Liebsten
Für Jo und Theo

Mein tiefster Dank gilt Kati Haas
und Odd Holm für Ihre selbstlose Hilfe
und Ihre wertvolle Unterstützung
.

Inhalt

Prolog

Zwei Jahre später

Sonntag: Noch 90 Tage

Montag: Noch 89 Tage

Donnerstag: Noch 86 Tage

Freitag: Noch 85 Tage

Samstag: Noch 84 Tage

Sonntag: Noch 83 Tage

Montag: Noch 82 Tage

Dienstag: Noch 81 Tage

Eine Woche später

Dienstag: Noch 74 Tage

Donnerstag: Noch 72 Tage

Freitag: Noch 71 Tage

Erstes Qualifikationsturnier Ausscheidungsrunde

Samstag: Noch 70 Tage

Finale

Sonntag: Noch 69 Tage

Montag: Noch 68 Tage

Zehn Tage später

Mittwoch: Noch 59 Tage

Donnerstag: Noch 58 Tage

Freitag: Noch 57 Tage

Zweites Qualifikationsturnier

Samstag: Noch 56 Tage

Sonntag: Noch 55 Tage

Montag: Noch 54 Tage

Dienstag: Noch 53 Tage

Mittwoch: Noch 52 Tage

Donnerstag: Noch 51 Tage

Freitag: Noch 50 Tage

Samstag: Noch 49 Tage

Sonntag: Noch 48 Tage

Montag: Noch 47 Tage

Mittwoch: Noch 45 Tage

Freitag: Noch 43 Tage

Samstag: Noch 42 Tage

Sonntag: Noch 41 Tage

Montag: Noch 40 Tage

Dienstag: Noch 39 Tage

Mittwoch: Noch 38 Tage

Freitag: Noch 36 Tage

Sonntag: Noch 34 Tage

Montag: Noch 33 Tage

Mittwoch: Noch 31 Tage

Donnerstag: Noch 30 Tage

Freitag: Noch 29 Tage

Samstag: Noch 28 Tage

Sonntag: Noch 27 Tage

Montag: Noch 26 Tage

Dienstag: Noch 25 Tage

Mittwoch: Noch 24 Tage

Donnerstag: Noch 23 Tage

Freitag: Noch 22 Tage

Sonntag: Noch 20 Tage

Montag: Noch 19 Tage

Mittwoch: Noch 17 Tage

Eine Woche später

Mittwoch: Noch 10 Tage

NM in Tresfjord

Noch 3 Tage

NM in Tresfjord

Donnerstag: Noch 2 Tage

NM in Tresfjord

Freitag: Noch 1 Tag

Das große Finale

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Eine Woche später

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Prolog

Als Olil Sylvisdóttir aufwachte, blieb sie still im Bett liegen und ließ die Augen geschlossen. In ihrem Körper spürte sie ein seltsames, überwältigendes Gefühl. Es war ein Gefühl, das sie noch nie zuvor gehabt hatte, das sie aber auf eine merkwürdige Art wiedererkannte und verstand. Das Gefühl, dass die Zeit zu Ende geht.

Olil schlug die Augen auf. Im Zimmer war es dunkel, aber draußen auf dem Meer lag der erste Schimmer der Morgendämmerung. Sie fühlte, dass noch ein wenig Kraft in ihr war, und hatte das starke Verlangen, diese zu einem letzten Kuss für ihren Mann zu nutzen. Aber sie tat es nicht. Stattdessen stieg sie lautlos aus dem Bett. Sie hatte schon lange gewusst, dass dieser Augenblick kommen musste. Der Augenblick, in dem sie die Entscheidung traf, die für ihn so schwer zu verstehen sein würde. Sie lauschte auf seine regelmäßigen Atemzüge. Dann ging sie leise aus dem Zimmer.

Das Einzige, was zwischen ihr und der Treppe lag, war die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. An dieser Tür konnte Olil nicht vorbeigehen. Sie musste Abschied nehmen von ihrem sanften, nachdenklichen Gesicht, von den Sommersprossen, die der Winter gebleicht, aber nicht ausgelöscht hatte, von ihrem langen blonden Haar und der glatten Haut, die nach Island roch. Olil schob die Tür auf, und in dem schwachen Licht, das ins Zimmer fiel, sah sie ihre fünfzehnjährige Tochter. Doch sie lag nicht im Bett und schlief, wie ihr Vater. Sie stand angezogen mitten im Raum.

»Du musst mich gehen lassen«, flüsterte Olil.

»Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich hierbleibe«, erwiderte die Tochter.

»Nein«, sagte Olil. »Du hast recht. Diesmal bitte ich dich nicht hierzubleiben.«

Sie gingen langsam die Treppe hinunter und Olil stützte sich an der Wand ab. An der Haustür hob sie das weiße Nachthemd an und steckte die nackten Füße in ein paar feste Stiefel. Dann ging sie hinaus.

Auf dem Hof lag eine dicke Schicht Neuschnee und mitten in all dem Weiß stand ein schwarzer Hengst mit langer, heller Mähne und erwartete sie. Olil schwang sich nicht auf seinen Rücken, so wie sie es sonst immer getan hatte. Stattdessen klammerte sie sich an die helle Mähne, während sie darum kämpfte, sich aufrecht zu halten. Der Hengst drehte den Kopf und sah sie an, als versuchte er zu verstehen, was sie von ihm erwartete.

»Du musst dich hinlegen«, flüsterte Olil. »Kannst du das?«

Der Hengst sah sie an. Er hatte sich noch nie vor ihr hingelegt und wirkte unsicher. Olil redete ihm leise zu, aber sie merkte, wie ihre Stimme versagte. Plötzlich hatte sie einen leisen Pfeifton in den Ohren und dann sank sie im Schnee zusammen. Die Stimme ihrer Tochter war weit weg und Olil antwortete ihr nicht. Stattdessen strich sie mit der Hand über ein Vorderbein des Hengstes und flüsterte ihm wieder zu. Da legte sich der halbwilde Hengst für sie nieder. Olil kletterte auf den warmen schwarzen Rücken und klammerte sich an der Mähne fest, als er sich erhob. Sie merkte, wie die Tochter hinter ihr aufstieg und ihr eine Decke um die Schultern legte. Dann ritten sie langsam vom Hof.

Als sie zum Wasserfall kamen, stand dort ein großes weißes Zelt. Olil ließ sich vom Pferderücken gleiten, aber sie konnte nicht stehen. Sie wurde von Frauen ins Zelt hineingetragen, die ihre Tochter noch nie gesehen hatte. Vorsichtig wurde sie auf ein weiches Lager aus Fellen und Decken gebettet. Selbst im warmen Licht der Fackeln war sie bleich. Ein Schatten lag jetzt auf ihrem Gesicht. Ein Schatten, der immer dunkler wurde.

»Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll«, sagte die Tochter.

Olil lag lange regungslos da und starrte hinauf an das weiße Zeltdach. Dann blickte sie ihrer Tochter in die Augen.

»Folge deinem Herzen«, sagte sie. »Auf das kannst du dich immer verlassen.«

Langsam streckte sie die Hände aus und umarmte ihre Tochter ein letztes Mal.

Dann schloss sie die Augen und öffnete sie nie wieder.

Zwei Jahre später

Sonntag

Noch 90 Tage

Es ist später Nachmittag auf dem Reiterhof Vestre Engelsrud und die Sonne ist hinter den waldigen Bergketten der Oslomark verschwunden. Die Bäume unterhalb des Hofs sind tief verschneit, aber winzige Löcher in der Schneedecke verraten, dass es zu tauen begonnen hat. Ein Mann kommt aus dem Wohnhaus. Er atmet tief ein und bläst die Luft langsam wieder aus. Im schwachen Licht der Hoflampen umhüllt der Atemnebel ihn wie eine Wolke. Es ist ungewöhnlich kalt für April. Der Mann verschafft sich einen schnellen Überblick über das Treiben vor der Reithalle und zieht sich dabei die Arbeitshandschuhe an. Danach überquert er den Hofplatz und verschwindet im Stall.

Die Reithalle auf Vestre Engelsrud ist an diesem Wochenende für eine große Meisterschaft im Springreiten vermietet. Überall sind Leute. Pferdetransporter parken in Reih und Glied. Verschwitzte Pferde mit Decken werden zum Abdampfen herumgeführt. Der Beifall in der Reithalle dringt bis auf den Hofplatz hinaus, ebenso wie die Lautsprecherstimme des Ansagers.

Die Tribünen der Reithalle sind voll besetzt. Es knistert vor Spannung. Gerade sind Pferd und Reiter im Parcours. Ein Zeitstechen. Am Eingang zur Bahn sitzt ein blondes Mädchen auf einem Schimmel und wartet auf den Start. Es sieht aus wie jemand, der auf dem Pferderücken zu Hause ist. Niemand weiß, dass ihr gleich ein schlimmer Sturz passieren wird. Ein Sturz, der jeden Zuschauer erschüttert. Es handelt sich um Amanda Fivel, 17 Jahre. Und dies ist ihre Geschichte.

Amanda saß ruhig im Sattel und versuchte, die Konzentration zu finden, die sie brauchte, um fehlerfrei und mit Tagesbestzeit durch den Parcours zu kommen. In drei Minuten ist alles vorbei. Sie schloss die Augen und blendete die Fahnen und Wimpel aus, die vom Hallendach hingen. Sie blendete die Tribünen aus, auf denen sicher viele darüber diskutierten, wie gut sie wirklich war.

Sie saß ganz still auf ihrem Pferd und konzentrierte sich darauf, wie schnell sie reiten musste, um klar zu gewinnen. Sie zog die Zügel ein wenig an, und Monty antwortete sofort darauf, indem er zwei Schritte rückwärtsging. Åke Karlsson hatte seine Sache gut gemacht, als er sie auf diesen Moment vorbereitete. Amanda wiederholte im Stillen die letzten Anweisungen, die er ihr während des Aufwärmens gegeben hatte, und öffnete die Augen erst wieder, als Applaus in der Halle aufbrandete. Ihre größte Konkurrentin, Susanne auf Zulu Warrior, hatte einen fehlerfreien Ritt in einer extrem guten Zeit hingelegt. Amanda holte tief Luft. Wenn sie die beiden schlagen wollte, musste sie noch schneller reiten als geplant.

»Jetzt bloß nicht kneifen«, sagte Åke Karlsson, der plötzlich neben ihr stand. »Du reitest, als ginge es um dein Leben, klar?«

»Ich werde es versuchen«, sagte sie leise.

»Nein, du wirst es schaffen«, sagte er.

Sein schwedischer Akzent kam jetzt deutlich durch. Das bedeutete, dass er nervös war. Na, bravo. Monty schüttelte ungeduldig den Kopf, aber Amanda gab die Zügel nicht hin. Dies war ihre erste Meisterschaft und der Sieg lag in Reichweite. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Anja ihr die erhobenen Daumen zeigte. Vor Anja stiegen Karoline und Sara auf die Reitertribüne, beide mit einem Becher Kakao in der Hand. Mit unterdrücktem Kichern fegten sie den Schnee von ihren Jacken und ließen ihn auf den Hausarzt rieseln, der in der Reihe unter ihnen saß und fest schlief. Der Hausarzt hatte ein kleines Haus auf Østre Engelsrud gemietet, nur ein paar Steinwürfe von der Reithalle entfernt.

Nun schwebte der feine Schnee sacht auf ihn herab und setzte sich in seinem weißen buschigen Schnurrbart und seinem schütteren Haar fest, aber er wachte nicht auf. Sara und Karoline lachten laut.

Dann sahen sie zu Amanda und sagten etwas zueinander, aber Amanda war zu weit weg, um es hören zu können. Egal. Amanda blickte zur Tribüne hinauf, wo ihr Vater saß. Sie war jetzt so alt wie er damals, als er seinen ersten Titel holte, und er hatte wirklich viel getan, um ihr diese Chance zu ermöglichen. Sie wollte ihn nicht enttäuschen.

Wilhelm Fivel beobachtete seine Tochter durch ein kleines Fernglas. Er suchte nach Anzeichen von Nervosität, fand aber keine. Das ist mein Mädchen! Er setzte das Fernglas ab und angelte sein klingelndes Handy aus der Tasche.

»Ist sie geritten?«, fragte die Männerstimme am anderen Ende.

»Sie steht am Start«, sagte Wilhelm Fivel.

»Ruf mich an, wenn das Ergebnis feststeht«, antwortete der Mann und legte auf.

Im selben Moment kündigte der Ansager Amanda Fivel auf Mount Kadett als letztes Paar des Tages an. Das Tor öffnete sich und Amanda und Monty galoppierten in die Bahn. Amanda ritt genauso, wie Åke Karlsson es ihr geraten hatte, und als sie merkte, dass Monty sich am Wassergraben verspannte, drückte sie ihm die Schenkel fest in die Seiten, genau nach Anweisung. Monty reagierte darauf, indem er das Tempo erhöhte – und ungefähr da passierte es. Amanda wollte Monty gerade auf einen kurzen Galopp verlangsamen, als der Schimmel ohne Vorwarnung unter ihr verschwand. Amanda fiel vom Pferd. Aber sie ließ die Zügel nicht los. Nicht einmal, als ihre Schulter auf den Boden knallte. Sie spürte den Luftdruck und hörte das Dröhnen, als Montys schwerer Körper direkt neben ihr auf die Erde schlug. Für einen kurzen Moment lag sie zwischen strampelnden Pferdebeinen. Dann rappelte Monty sich wieder auf und zog Amanda mit sich hoch. Mit einem Bein immer noch im Steigbügel. Amanda umklammerte die Zügel noch fester. Ihr Kopf und der halbe Oberkörper schleiften über den Boden, während sie sich verzweifelt bemühte, das Bein freizubekommen. Gleichzeitig versuchte sie, Montys Kopf zur Seite zu ziehen. Wenn sie ihn fest genug hielt, würde er vielleicht stehen bleiben. Aber Monty blieb nicht stehen. Er machte ein paar unsichere Schritte vorwärts und bekam Panik, als Amandas Körper mitgeschleift wurde. In gestrecktem Galopp raste er los. Bei jedem Galoppsprung dröhnten neben ihr die Hufe auf den Boden, und sie hielt sich instinktiv die Hände vors Gesicht, um sich zu schützen. Åke Karlsson versuchte mit zwei Helfern, Monty den Weg abzuschneiden, aber das gelang erst beim dritten Versuch. Da warf Monty sich so abrupt herum, dass die Steigbügelriemen vom Sattel abrissen.

Amanda blieb bewegungslos im Sand liegen, während Monty weiterraste. Åke lief zu ihr. Irgendjemand musste inzwischen den Hausarzt wach gerüttelt haben, der sich jetzt über sie beugte.

»Wie viele Finger siehst du?«, fragte der Doktor ruhig und hielt ihr die Hand vors Gesicht.

Amanda meinte, es könnten vier sein, aber sie ließ es drauf ankommen und sagte zwei.

Der Hausarzt drückte vorsichtig an ihr herum und redete dabei die ganze Zeit auf sie ein. Erst als er ihre linke Schulter betastete, zuckte sie zusammen.

»Tut das weh?«, fragte er.

»Nicht besonders«, log sie, aber ihre Stimme zitterte.

Wilhelm Fivel verfolgte durch sein Fernglas, was in der Bahn vor sich ging, und sah, dass Amanda versuchte aufzustehen. Sie wusste, dass sie aufstehen musste.

Das ist mein Mädchen! Der Hausarzt stützte sie, und als sie auf die Beine kam, blieb sie allein stehen. Monty war inzwischen eingefangen und wurde auf der anderen Seite der Bahn herumgeführt.

»Ich will reiten«, flüsterte Amanda.

»Ich muss dich erst noch ein paar Minuten beobachten«, erwiderte der Hausarzt. »Dann sehen wir weiter.«

Der Veranstalter stand neben ihm, nickte kurz und gab dem Ansager dann ein Handsignal. Über die Lautsprecher wurden fünf Minuten Pause verkündet.

Viele auf der Tribüne nutzten die Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. Amandas Vater blieb sitzen. Wilhelm Fivel hatte vor ziemlich genau vier Jahren und zehn Monaten aufgehört, sich die Beine zu vertreten. Er löste die Bremsen und ließ den Rollstuhl zurückrollen, stieß jedoch gegen die Treppe. Wenn er weiterwollte, brauchte er Hilfe. Er versuchte, so zu tun, als gefiele es ihm dort, wo er saß. Denn er war gut darin geworden, so zu tun als ob. Plötzlich bemerkte er einen Mann, der ihn ansah. Es dauerte einen Moment, bis er ihn erkannte.

»Anker!«, rief er überrascht aus. »Lange nicht gesehen.«

Sie gaben sich zögernd die Hand und Anker wirkte ein bisschen unsicher. Die Leute wussten oft nicht, ob sie etwas über den Rollstuhl sagen sollten. Wilhelm Fivel hoffte, dass Anker es ebenso hielt wie die meisten anderen und sich bemühen würde, so zu tun, als gäbe es keinen. Und genau das tat er.

»Wirklich spannend«, sagte Anker und blickte zur gegenüberliegenden Seite der Bahn, wo Amanda immer noch mit dem Hausarzt sprach.

»Kann aber auch schnell teuer werden«, entgegnete Wilhelm Fivel.

»Ach, du machst das immer noch?«

»Nicht offiziell, natürlich.«

»Wie viel liegt im Pott?«, fragte Anker.

Wilhelm winkte ihn zu sich herunter und flüsterte ihm eine Zahl ins Ohr. Anker stieß einen Pfiff aus.

»Und wenn sie verliert?«

»So wie ich die Sache sehe, wird sie das nicht«, sagte Wilhelm Fivel. »Willst du einsteigen?«

»Nein danke. Ich fordere lieber selbst heraus. Du kennst mich.«

Ja, dachte Wilhelm Fivel. Ich kenne dich.

Die angekündigte Pause war vorbei und Amanda führte Monty vor dem Veranstaltungstierarzt auf und ab. Er zeigte keine Anzeichen von Lahmheit. Amanda versuchte, den Sand von ihrer Reitjacke zu klopfen, ohne dass es viel half. Schließlich bat sie um Hilfestellung beim Aufsteigen. Sie ritt erst eine Runde Trab, dann Galopp. Nach einigen Runden hielt sie an und grüßte die Punktrichter. Sie wollte immer noch reiten und das Publikum applaudierte spontan vor Erleichterung.

Kurz darauf erhielt Amanda Fivel das Startsignal. Der Ton, der ihr unmissverständlich klarmachte, dass sie innerhalb von 45 Sekunden die Startlinie überquert und die letzte, entscheidende Runde begonnen haben musste. In der großen Reithalle war es jetzt so still, als wären sie und Monty allein. Amanda sah zur Tribüne hoch, wo ihr Vater saß, und konnte gerade noch registrieren, dass jetzt ein Mann bei ihm war. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn schon mal gesehen hatte. Dann verdrängte sie alles aus ihren Gedanken, was außerhalb der Bahn lag, und richtete ihren Blick nur noch auf die Hindernisse zwischen ihr und dem Sieg. Sie galoppierte an, ritt eine Volte und lenkte Monty anschließend an der Startmarke vorbei. Im selben Moment, als die Stoppuhr zu laufen begann, beschleunigte Monty kontrolliert und übersprang das erste Hindernis zögernd, aber mit gutem Abstand. Nach den beiden nächsten Hindernissen hatte er sein Selbstvertrauen wiedergefunden und erhöhte das Tempo. Keiner der Zuschauer brauchte eine Uhr, um zu sehen, dass Amanda die bisher Schnellste war. Doch dann näherte sie sich dem ersten Hindernis der Kombination und … sie und Monty kamen ein bisschen schräg auf und Monty verlor für einen Augenblick die Balance. Fehlerfrei geschafft! Aber sie hatten kostbare Zeit verloren. Jetzt waren nur noch drei Hindernisse übrig. Amanda beschloss, etwas zu riskieren. Nach dem vorletzten Hindernis verkürzte sie die Kurve kräftig und ritt das letzte Hindernis so schräg an, dass ein Raunen durch die Zuschauer ging. Ihr Vater war so nervös, dass er kaum hinschauen konnte. Du musst es verdammt noch mal schaffen! Amanda und Monty waren nur noch einen Galoppsprung vom Wassergraben entfernt, der bereits die Hälfte der Teilnehmer verschreckt und aus dem Stechen geworfen hatte. Monty zögerte kurz, aber ein kleiner Klaps mit der Gerte überredete ihn. Er holte Schwung und hob die Beine beim Absprung so hoch, wie er nur konnte. Wilhelm Fivel hielt die Luft an. Monty schien eine Ewigkeit zu schweben. Auf dem Weg abwärts schlug er die oberste Stange mit dem linken Hinterhuf an. Sie wackelte. Doch sie blieb liegen. Amandas Ritt war fehlerfrei und sie überquerte die Ziellinie in gestrecktem Galopp.

Wilhelm Fivel brauchte den Kommentar des Ansagers nicht. Er wusste auch so, dass sie gewonnen hatte. Mit gutem Vorsprung! Beifall brach aus, und er fühlte, wie das Blut wieder durch seinen Körper strömte. Es war ein intensives, berauschendes Gefühl.

»Das Mädchen ist Gold wert«, murmelte er und zog sein Handy hervor. Er wählte eine Nummer und sagte: »Du schuldest mir 100.000. Doppelt oder nichts?«

Wilhelm Fivel wartete auf die Antwort und war beinahe enttäuscht, als sie nicht doppelt lautete.

»Was hältst du davon, wenn wir den Einsatz nehmen und ihn verzehnfachen?«, fragte Anker plötzlich.

Wilhelm Fivel legte rasch auf und sah Anker mit neu erwachtem Interesse an.

»Sie muss Gold bei der Norwegischen Landesmeisterschaft holen«, fuhr Anker fort. »In einer für sie fremden Disziplin.«

»Amanda ist Springreiterin«, sagte Wilhelm Fivel kurz. »Dabei bleiben wir.«

»Wenn sie so gut ist, kann sie doch jeden Wettkampf gewinnen.«

»Selbstverständlich kann sie das, aber Flachbahn ist zu langweilig.«

»Wenn der Einsatz hoch genug ist, kommt die Spannung ganz von allein«, sagte Anker.

Bevor Amanda ihre Ehrenrunde ritt, nahm sie Pokal, Blumen und Schleife in Empfang. Gleichzeitig kamen acht Islandpferde mit atemberaubendem Tempo in die Bahn gestürmt und zeigten zum Abschluss der Veranstaltung eine Schauquadrille zu Musik. Es sah spektakulär aus, aber Wilhelm Fivel hatte nur Augen für Amanda, die ihren Blumenstrauß zu ihm hinaufwarf und winkte, als sie vorbeiritt. Er lächelte kurz und winkte wehmütig zurück. Damals, als er seinen ersten Titel holte, war er noch ein ganzer Mann …

»Hier hast du meine Herausforderung«, sagte Anker.

»Wo?«, fragte Wilhelm Fivel.

»Da«, antwortete Anker und zeigte auf die Islandpferde, die in einer merkwürdigen Gangart, deren Namen er nicht kannte, durch die Bahn rasten.

»Eine Million dürfte kaum genug sein, um Ponyreiten spannend zu machen«, sagte Wilhelm Fivel trocken.

Anker sah ihn herausfordernd an.

»Das wird teuer für dich«, fuhr Amandas Vater fort und streckte die Hand aus.

»Abwarten«, sagte Anker.

Wilhelm Fivel war der Meinung, dass jeder Händedruck eine Geschichte erzählte, und er empfand Ankers Händedruck als ungewöhnlich fest, beinahe siegessicher. Diesmal nicht, dachte er und drückte selbst so kräftig zu, dass Anker versuchte, ihm die Hand zu entziehen.

»Das muss gefeiert werden«, rief Wilhelm Fivel aus. »Du zahlst!«

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Vor der Reithalle nahm sich Åke Karlsson Zeit, Amandas Leistung zu loben, bevor er Monty übernahm, um ihn trockenzureiten. Mit ihrem Sieg hatte Amanda ihm die höchste Erfolgsprämie gesichert, die er jemals bekommen hatte, und ihm war sehr daran gelegen, ihr gute Gründe zu geben, das zu wiederholen.

Lob von Åke war selten, aber Lob von ihrem Vater war noch seltener. Amanda hielt nach ihm Ausschau unter all den Leuten, die aus der Reithalle strömten, entdeckte ihn aber nicht. Das einzig bekannte Gesicht in der Menge war das von Anja.

»Wie geht’s dir?«, fragte sie. »Hältst du eine Umarmung aus?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss sie Amanda schnell und vorsichtig in die Arme. Dann lief sie los, um ihren Bus nicht zu verpassen, und Amanda stand wieder allein da. Sie sah jetzt mehrere bekannte Gesichter in der Menschenmenge. Aber immer noch keine Spur von ihrem Vater. Sie beschloss, Torgeir Bescheid zu sagen, und schlüpfte durch die schwere Tür in den Kleinpferdestall. Es war ganz still dort drin, bis auf eine Forke, die auf dem Boden kratzte. Das ist er bestimmt. Sie folgte dem Geräusch und fand Torgeir Rosenlund in einer der hintersten Boxen. Er arbeitete rasch und effektiv. Das musste er auch, denn er hatte jeden Tag mehrere Dutzend Boxen auszumisten.

»Herzlichen Glückwunsch zum Sieg«, sagte er, ohne sich umzudrehen.

»Danke«, sagte Amanda und fragte sich, woher er wusste, dass sie es war.

Torgeir legte eine Pause ein und strich sich das dunkle Haar aus der Stirn.

»Sieht aus, als wärst du ziemlich heftig gefallen«, stellte er fest.

Amanda blickte an sich hinunter. Ihr Reitdress war immer noch voller Sand.

»Monty ist gestürzt«, erzählte sie. »Seine Beine müssen heute Abend gespült und bandagiert werden.«

»Wie geht’s dir?«, fragte Torgeir.

»Ich bin okay«, sagte Amanda zögernd.

Torgeir nickte kurz und lächelte sie an. Dann mistete er weiter aus. Immer freundlich und nett. Amanda ging wieder nach draußen. Der Hofplatz war jetzt menschenleer und ihr Vater nirgends zu sehen. Auch sein Auto nicht.

»Gratuliere zu deinem Sieg«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Es war Susanne. Man sah ihr an, dass sie nicht gerade begeistert war, auf der Ziellinie geschlagen worden zu sein. Aber um ihren Eltern zu imponieren, versuchte sie zu verbergen, dass sie eine schlechte Verliererin war. Immerhin.

»Danke«, sagte Amanda schnell. Sie wollte schon weitergehen, als Åke Karlsson mit dem Auto angefahren kam. Er hielt neben ihr an und ließ den Motor laufen.

»Kommst du?«, fragte er.

»Wo ist Papa?«

»Er hat mich gebeten, dich nach Hause zu bringen. Bist du fertig?«

Ihr Vater war also einfach weggefahren. Amanda und Susanne wechselten einen Blick. Amanda war überzeugt davon, dass Susanne die Geschichte jedem erzählen würde, der sie hören wollte. Sie fühlte sich gedemütigt und enttäuscht. Gerade hatte sie ihren ersten Titel geholt und sie war böse gestürzt. Darüber hätten sie und ihr Vater wenigstens reden können.

»Ich hab nicht viel Zeit«, sagte Åke Karlsson.

»Fahren wir.« Amanda stieg ins Auto.

Montag

Noch 89 Tage

Das Montagsfrühstück war eine feste Einrichtung in der Familie Fivel. Amandas Mutter war mit dem Sonntagsfrühstück aufgewachsen, aber mit einer aktiven Turnierreiterin in der Familie war es unmöglich, diese Tradition fortzusetzen. Victoria Fivel hatte deshalb das gemeinsame Frühstück auf montags gelegt. Und das war unumstößlich, denn, so pflegte Victoria zu erklären: »Eine moderne und aktive Familie braucht feste Treffpunkte.«

Familie Fivel wirkte an diesem Morgen allerdings weder modern noch aktiv, und Wilhelm Fivel war derjenige, der am wenigsten aktiv zu sein schien. Das Gelage am Vorabend hatte sich länger hingezogen als geplant und er war weit entfernt von seiner Bestform.

»Du solltest vielleicht etwas essen«, zwitscherte Victoria ihn morgenfrisch an, mit einem gewissen Unterton, den er nach fast fünfundzwanzig Jahren Ehe deutlich heraushörte. Er lächelte bleich und etwas unwillig zurück. Es war 7.35 Uhr und er brauchte dringend eine Kopfschmerztablette. Er blickte seine Frau an. Sie sah unverschämt fit aus, vermutlich hatte sie den Tag im Fitnessraum begonnen. Dann richtete er den Blick auf seine beiden Kinder. Der 19-jährige Mathias wirkte allerdings auch nicht gerade wach. Seine dunklen Haare standen nach allen Seiten ab, und auch das starke Rasierwasser schaffte es nicht, den Geruch nach Party und Schweiß zu kaschieren. Amanda dagegen wirkte ebenso ausgeschlafen wie ihre Mutter, wenn auch eine Spur missmutig, wie er fand. Sie hatte noch keine Ahnung davon, dass sie drauf und dran war, eine Isländer-Reiterin zu werden. Er war gespannt, wie sie es aufnehmen würde, aber er hatte noch nicht den Nerv, mit ihr darüber zu reden – nicht bevor er nicht diese verdammten Kopfschmerzen unter Kontrolle hatte. Außerdem wollte er dieses Gespräch unter vier Augen mit ihr führen.

Schließlich fiel sein Blick auf die weiße Hündin der Familie, Moher, die flach ausgestreckt vor dem Kühlschrank lag. Sie schaute mit feuchtem, mürrischem Blick zurück und war offensichtlich der Meinung, dass die Welt sie mal gernhaben konnte. Damit wären wir schon zwei.

»Papa, kannst du mich zur Schule fahren?«, fragte Amanda.

»Papa ist nicht fahrtüchtig«, antwortete Victoria. »Lass dich von Mathias mitnehmen.«

Amanda sah ihren Bruder an. Er wirkte auch nicht gerade fahrtüchtig.

Mathias hatte, ebenso wie sein Vater, an diesem Wochenende mehr gefeiert, als ihm guttat. Deshalb hatte er auch gar nicht vorgehabt, in der Schule zu erscheinen. Aber jetzt saß er in der Klemme, also nickte er widerwillig.

Eine knappe Stunde später parkte Mathias vor der Schule. Er und Amanda trennten sich wortlos und saßen kurz darauf in ihrem jeweiligen Klassenzimmer. Mathias döste hinter seiner dunklen Sonnenbrille und sehnte sich zurück ins Bett. Amanda kritzelte ein Pferd in ihr Heft und sehnte sich zurück auf den Reiterhof. Sie warf einen schnellen Blick auf die Uhr, unterdrückte ein Gähnen und zeichnete noch ein Pferd. Ein Pferd ohne Sattel und Zaumzeug, das über ein Hindernis sprang. Ohne zu ahnen, dass sie das Springreiten für lange Zeit hinter sich lassen würde.

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Rechtsanwalt Herman Aasen hatte in seiner Kanzlei den Vertrag, den er seiner Sekretärin am Morgen diktiert hatte, noch mal genau studiert. Kein einziger Fehler. Der Vertrag war genau so niedergeschrieben worden, wie er ihn formuliert hatte. Trotzdem brachte er hier und dort noch kleine Korrekturen an. Er musste fehlerfrei und wasserdicht sein.

Dieser Auftrag unterschied sich deutlich von allem, was ihm jemals untergekommen war. Als der Mandant am Vorabend angerufen hatte, konnte Herman Aasen kaum glauben, was er da hörte. Soll das ein Witz sein?, schoss es ihm durch den Kopf. Diese Frage verkniff er sich jedoch besser. Allerdings konnte er nicht umhin, seinen Mandanten darauf aufmerksam zu machen, dass es sehr ungewöhnlich war, einen solchen Vertrag aufzusetzen, und dass es naturgemäß keine juristischen Präzedenzfälle auf diesem Gebiet gab. Der Mandant teilte seine Auffassung, ließ aber gleichzeitig durchblicken, dass er sich einen anderen Anwalt suchen würde, falls Herman Aasen nicht die nötige Kompetenz hätte. Kompetenz. Herman Aasen musste nicht lange überlegen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass er die nötige Kompetenz hatte. Er versprach, dass der Vertrag im Laufe des nächsten Tages fertig ausformuliert und unterschrieben sein würde.

Deshalb befand er sich nun nach einer kurzen Autofahrt vor dem Haus der Familie Fivel. Der Eingangsbereich wurde offenbar unterirdisch beheizt, denn er war eisfrei und mit dunklen Schieferplatten ausgelegt. Die Haustür bestand aus massiver Eiche und war wesentlich höher als seine eigene. Er zog die schwarzen Lederhandschuhe aus und drückte auf die Klingel. Von drinnen hörte er scharfes, gereiztes Bellen. Dann wurde die Tür aufgeschlossen und geöffnet. Die Frau, die vor ihm stand, war perfekt gekleidet, und obwohl sie sicher nicht viel jünger war als er selbst, war sie immer noch schön. Herman Aasen stellte sich vor und musste die Stimme erheben, um das Bellen zu übertönen, aber die Dame des Hauses machte keine Anstalten, den aufgebrachten weißen Köter zum Schweigen zu bringen.

»Hier entlang«, sagte Victoria Fivel nur und bat ihn ohne eine einzige Frage die Treppe hinauf.

Herman Aasen blieb der Rollstuhllift nicht verborgen, der aufgrund seiner schweren Mechanik und mangelnden Ästhetik einen deutlichen Kontrast zur übrigen Einrichtung der Eingangshalle darstellte. Jetzt erinnerte er sich wieder, dass Wilhelm Fivel vor einigen Jahren einen dramatischen Unfall gehabt hatte. Doch selbst vom Rollstuhl aus hatte Wilhelm Fivel sein Firmenimperium mit eiserner Hand gelenkt und die Ergebnisse der letzten beiden Jahre waren beeindruckend. Herman Aasen fühlte sich genötigt, auf dem Weg zu Fivels Arbeitszimmer seine Krawatte zu richten.

»Erschieß den Köter, ja?«, sagte Wilhelm Fivel, ohne aufzublicken.

»Rechtsanwalt Aasen für dich«, entgegnete Victoria.

Herman Aasen ging zum Schreibtisch. Er streckte die Hand aus und Wilhelm Fivel drückte sie. Die Stimmung war abwartend.

»Kaffee?«, fragte Victoria.

»Gern, danke«, sagten die beiden Männer, ohne sich aus den Augen zu lassen.

Wilhelm Fivel konnte Herman Aasen noch nicht recht einschätzen. Er hatte den Namen schon gehört, war sich aber nicht ganz sicher, wie er den Mann nehmen sollte.

»Und von welcher Kanzlei sind Sie?«

»Gulliksen, Gjessem und Aasen.«

»Da klingelt bei mir nichts«, sagte Wilhelm Fivel.

»Das macht nichts. Schließlich hat mein Mandant sein vollstes Vertrauen in uns gesetzt, sodass auch Sie sicher sein können, dass Ihre mündliche Absprache mit meinem Mandanten perfekt vertraglich fixiert worden ist.« Mit diesen Worten holte Herman Aasen einige Dokumente hervor.

»Moment«, sagte Wilhelm Fivel schnell. »Erst wenn der Kaffee auf dem Tisch steht.«

Sie warteten in beklemmender Stille, bis Victoria Fivel mit dem Kaffee hereinkam. Sie stellte das Tablett auf den Tisch und erinnerte ihren Mann kurz angebunden an einen gemeinsamen Vormittagstermin. Aus Wilhelm Fivels Verhalten und Victorias Art konnte der Anwalt einiges schließen. Doch das Wichtigste war die sichere Vermutung, dass er Wilhelm Fivels Haus mit einem unterschriebenen Vertrag verlassen würde. Ein gutes Gefühl, die Sache unter Kontrolle zu haben.

Dann reichte er den vier Seiten langen Vertrag, den er eine Stunde zuvor ausgedruckt hatte, über den Schreibtisch.

Das Dokument war eine unangenehme Lektüre für Wilhelm Fivel. Detailliert und gespickt mit juristischen Formulierungen war dort jene Wette beschrieben, die er am Abend zuvor mit Anker abgeschlossen hatte: angefangen bei seinem Einsatz von einer Million, worauf er sich jedoch leider nicht beschränkt hatte. Später am Abend hatte er darauf bestanden, auch noch das Haus in den Pott zu geben. Zugegeben, besonders schlau war das nicht gewesen. Das Haus war in jeder Hinsicht unersetzlich, vor allem für Victoria, die es im Laufe der zwanzig Jahre, die sie hier wohnten, eingerichtet und ihm die persönliche Note gegeben hatte.

Wilhelm Fivel überlegte fieberhaft. Er war sich ganz sicher, dass ein solcher Vertrag rein juristisch gesehen sehr zweifelhaft war, und beschloss, die Sache dementsprechend zu handhaben.

»Es kommt natürlich nicht infrage, dass ich dieses Dokument unterschreibe«, behauptete er – aber Herman Aasen war gut vorbereitet.

»Was sagt denn eigentlich Ihre Frau zu dieser Wette? Ich habe übrigens eine Kopie für sie dabei«, sagte er hinterlistig. »Obwohl das Haus offiziell auf Sie eingetragen ist und Sie Ihre Frau sicherlich bereits über die Angelegenheit informiert haben, war ich der Meinung, dass sie ein eigenes Exemplar bekommen sollte.«

Herman Aasen war sich ziemlich sicher, dass Victoria überhaupt keine Ahnung von dieser Wette haben konnte. Er vermutete, dass diese Wette vielmehr ein guter Scheidungsgrund sein würde.

»Sie haben eine Minute Zeit zu unterschreiben«, sagte er deshalb und sah auf die Uhr. Exakt 60 Sekunden später ging er zur Tür und öffnete sie.

Wilhelm Fivel hatte im Grunde zwei Möglichkeiten. Er konnte sich weigern und würde Frau und Haus los sein, noch ehe der Tag um war. Oder er konnte unterschreiben und alles daransetzen, dass er gewann. Wenn nicht, wäre er Frau und Haus ebenso los. Victoria würde ihm das nie verzeihen. Immerhin war es ihm in den letzten Jahren gelungen, die Zockerei geheim zu halten.

Gerade als Herman Aasen nach seiner Frau rufen wollte, hatte Wilhelm Fivel eine Entscheidung getroffen.

»Moment«, sagte er schnell.

Er unterschrieb den Vertrag blitzschnell und schob ihn über den Tisch.

Herman Aasen schloss die Tür wieder, kehrte zum Schreibtisch zurück, überprüfte die Unterschrift und steckte den Vertrag in seine Aktenmappe.

»Ich finde selbst hinaus«, sagte er und verschwand die Treppe hinunter.

Als Wilhelm Fivel wieder allein war, glich er als Erstes die Termine des Islandpferdeverbands mit dem Kalender ab. Es waren noch 89 Tage bis zum Finale der NM, der Norwegischen Meisterschaft. Und die mussten sie gewinnen. Und sie fingen bei null an: Sie hatten kein Netzwerk, sie kannten den Sport nicht und sie hatten noch nie ein Islandpferd gehabt.

Wilhelm Fivel ging die Aufgabe systematisch an und entdeckte schnell, dass der Norwegische Islandpferdeverband Ortsgruppen im ganzen Land unterhielt. Perfekt! Als Erstes rief er den nächstgelegenen Ortsverein an.

Deren Vorsitzende war, soweit er das beurteilen konnte, eine reifere und ziemlich bissige Dame. Als er sein Anliegen vortrug, bot sie ihm jedoch sofort an, ein Wettkampfpferd von ihr zu kaufen.

»Ich fürchte, ganz so einfach ist es nicht«, sagte er, während er in der Kopie des Vertrags blätterte, den er gerade unterschrieben hatte. »Ich stelle zur Bedingung, dass das Pferd noch nicht gestartet ist. Weder national noch international.«

»Dann kann man es wohl kaum ein Wettkampfpferd nennen«, stellte die Dame, die Bodil Lange hieß, fest.

»Es kann aber früher schon mal gestartet sein«, korrigierte Wilhelm Fivel, als er den Vertrag genauer durchlas. »Nur nicht in den letzten fünf Jahren.«

»Aha«, sagte sie knapp und dann wurde es still am anderen Ende. Als versuchte sie zu verstehen, was er eigentlich von ihr wollte und ob es überhaupt einen Grund gab, sich weiter mit ihm zu unterhalten.

»Wollen Sie das Pferd selbst reiten?«, fragte sie schließlich.

»Nein, meine Tochter. Sie soll Gold in der NM mit ihm holen. Sie ist eigentlich Springreiterin und hat im Übrigen gerade …«

Ein seltsam schrilles Lachen ertönte am anderen Ende.

»Gangartreiten ist etwas ganz anderes! Man kann nicht einfach ein Pferd kaufen, bei der Veranstaltung erscheinen und Schleifen einheimsen. Um an der NM in Tresfjord teilnehmen zu können, muss Ihre Tochter zuerst die Prüfung zur A-Reiterin ablegen und sich danach zur Teilnahme an der NM qualifizieren. Die erste von vier Qualifizierungsrunden ist gerade vorbei, Sie sind also ziemlich spät dran. Außerdem müssen Sie einer Ortsgruppe angehören und …«

»Das ist mir alles klar«, sagte Wilhelm Fivel schärfer als beabsichtigt.

»Falls Sie sich unserem Ortsverein anschließen möchten, könnten Sie ja als ersten Schritt schon mal den Beitrag zahlen«, fuhr Bodil Lange fort.

»Ich denke, als ersten Schritt schaffen wir uns das richtige Pferd an«, sagte Wilhelm Fivel. »Sie kennen doch sicher jemanden, der Pferde zu verkaufen hat, die hochklassig genug sind, um …«

»Das wird mir jetzt zu dumm«, sagte sie und legte auf.

Wilhelm Fivel saß noch einige Sekunden mit dem Hörer in der Hand da. Dann entschloss er sich, keine weiteren Ortsverbände mehr anzurufen, sondern wählte die zentrale Nummer des Norwegischen Islandpferdeverbands. Prompt kam er mit einer freundlichen Dame ins Gespräch, die gleichermaßen professionell wie entgegenkommend wirkte.

»Zweifellos ist Island der geeignetste Ort, um nach einem Pferd zu suchen, das Sie beschreiben«, sagte sie. »Dort finden Sie die besten Pferde und die haben garantiert noch nicht an internationalen Veranstaltungen teilgenommen.«

»Wieso garantiert?«

Am anderen Ende entstand eine Pause, als hätte sie die Frage nicht verstanden.

»Island hat strenge Vorschriften, was den Export und Import betrifft«, sagte sie langsam.

»Was für Vorschriften?«

»Zum Beispiel dass ein Pferd, das Island verlassen hat, nie mehr zurückkehren darf. Island hat seit über 800 Jahren keine Pferde mehr importiert.«

»Der isländische Landesverband erhält doch wohl eine Ausnahmegenehmigung, um an internationalen Veranstaltungen teilnehmen zu können?«

»Nein, Ausnahmegenehmigungen werden nicht erteilt. Das Verbot kennt keine Ausnahmen«, sagte die Frauenstimme am anderen Ende. »Die Isländer lösen das Problem, indem sie nie ihre besten Pferde mitnehmen.«

Wilhelm Fivel war fasziniert.

»Ich habe eine Liste von norwegischen Züchtern und Importeuren, die Sie kontaktieren können«, fuhr sie fort.

»Nach dem, was Sie sagen, sind die besten Pferde immer noch auf Island. Dann werden wir wohl dort mit der Suche anfangen«, sagte Wilhelm Fivel. Plötzlich kam ihm eine Idee. Die Reithalle auf dem Hof Vestre Engelsrud war oft für das Training von Islandpferden reserviert. Vielleicht waren die Fachleute, die er brauchte, ganz in der Nähe?

»Eins noch«, sagte er. »Sagt Ihnen der Name Torgeir Rosenlund etwas? Oder Tone Lind?«

»Torgeir Rosenlund war früher Reiter in der Nationalequipe«, sagte sie. »Er reitet seit mehreren Jahren nicht mehr aktiv, aber er ist ein sehr gefragter Ausbilder. Den Namen der Frau habe ich noch nie gehört.«

Wilhelm Fivel bedankte sich für das Gespräch und legte auf. Es war ganz offensichtlich, dass sich dieser Pferdezirkus von dem des Springreitens unterschied. Es gab neue Regeln. Und Regeln waren dazu da, umgangen zu werden. Oder gebrochen. Er schloss die Augen und genoss das Gefühl wachsender Vorfreude.

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Als Amanda in den Stall zurückkam, nachdem sie Monty ein paar Runden durch die Reithalle geführt hatte, war das Radio voll aufgedreht. Sara, Karoline und Susanne sangen den Refrain aus vollem Hals mit, während sie ihre Pferde sattelten, und Amanda versuchte, sich unbemerkt an ihnen vorbeizuschleichen. Aber das war natürlich unmöglich mit einem fünfhundert Kilo schweren Schimmel am anderen Ende des Führstricks.

»Du bist nicht geritten, oder?«, fragte Karoline.

»Monty war steif«, murmelte Amanda.

»Kein Wunder«, sagte Susanne. »Das war ein schlimmer Sturz.«

Im selben Moment schaltete Sara das Radio ab und es wurde ganz still in der Stallgasse. Amanda ließ Monty in die Box und biss die Zähne zusammen.

»Gut, dass Åke für dich da war«, fuhr Susanne fort. »In der Bahn und hinterher.«

Amanda nickte kurz und verschwand in der Sattelkammer. Sie hörte, wie Susanne etwas zu Karoline und Sara sagte. Sie lachten, und als Amanda wieder in die Stallgasse hinauskam, blickten alle drei sie an. Sie strich sich übers Haar und presste die Lippen zusammen. Das Letzte, was sie brauchte, war ein Gespräch über Nähe und Zusammenhalt in der Familie Fivel.

»Was ist das eigentlich für ein Gefühl, seinen ersten Titel zu holen?«, fragte Karoline.

»Ist okay«, sagte Amanda kurz.

»Dein Vater muss unglaublich stolz auf dich sein«, fuhr Karoline fort.

»Wie habt ihr das denn gefeiert, übrigens?«, fragte Sara.

Amanda blickte zu Boden. Die peinliche Stille wurde plötzlich von einem grellen Klingelton durchbrochen. Erleichtert griff Amanda nach ihrem Handy und presste es ans Ohr.

»Ich bin’s. Bin unterwegs.« KLICK.

Typisch Papa. Nur das Notwendigste.

Trotzdem sah Amanda ihre Chance – nicht mit diesem dreiköpfigen Troll sprechen zu müssen und noch dazu eine plausible Erklärung zu liefern, wieso ihr Vater einfach weggefahren war – nachdem sie nach ihrem spektakulären Sturz die begehrteste Trophäe der Meisterschaft nach Hause geholt hatte.

»Meine Schulter ist schon viel besser«, sagte sie munter in das stumme Telefon. »Wir sind ein bisschen steif, Monty und ich, aber uns geht’s gut.«

Mit überraschendem Schauspieltalent und durchaus glaubwürdig hörte Amanda sich selbst von den Ereignissen des Tages erzählen, so als hätte sie einen liebevollen, aufmerksamen Vater am anderen Ende. Währenddessen bemerkte sie, wie Tone Lind mit einem der spanischen Pferde in den Stall kam, die von Torgeir trainiert wurden. Es war selten, dass sie sich im Stall zeigte, und Amanda folgte ihr einen Moment mit dem Blick. Das Pferd schwitzte nicht und trug keinen Sattel. Wahrscheinlich hatte sie es nur vom Paddock geholt, um es in die Box zu bringen. Tone verschwand ebenso schnell, wie sie gekommen war, und Amanda konzentrierte sich wieder auf das »Gespräch«.

»Ein Glück, dass es dir heute besser geht. Hab dich auch lieb, Papa«, sagte sie zum Schluss. Dann senkte sie das Handy und sah den dreiköpfigen Troll wieder an.

»Armer Papa«, sagte sie. »Es ging ihm echt schlecht gestern.«

Sara und Karoline schickten Susanne einen vorwurfsvollen Blick. Amanda atmete erleichtert auf. Klar, dass ein Mann, der im Rollstuhl saß, öfter Probleme mit der Gesundheit hatte als andere. Sollten sie sich ruhig schämen, falls sie sich eingebildet hatten, dass ihr Vater sich nicht um sie kümmerte.

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Als Wilhelm Fivel auf dem Reiterhof Vestre Engelsrud ankam, um seine Tochter abzuholen, fuhr er am Stall vorbei und gleich die Auffahrt zum Wohnhaus hinauf. Er hupte und kurz darauf tauchte Torgeir Rosenlund in der Tür auf, dicht gefolgt von einem kleinen, etwa vierjährigen Jungen. Wilhelm Fivel wappnete sich innerlich, als er im Haus noch ein Kind hörte, das bitterlich weinte.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Torgeir.

»Das hoffe ich doch«, sagte Wilhelm Fivel. »Ich will nach Island, ein Pferd kaufen.«

»Nach Island?« Torgeir gab sich keine Mühe, seine Überraschung zu verbergen.

»Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht einen Rat geben.«

»Was für einen Rat?«

»Als ehemaliger Reiter der Nationalequipe haben Sie doch bestimmt eine ganze Reihe von Ratschlägen parat, nehme ich an.«

»Es ist lange her, dass ich aktiver Reiter war«, sagte Torgeir und lächelte schief.

»Aber Sie geben doch weiterhin Unterricht, oder?«

»Ja, ich habe schon noch einige Schüler.«

Da kam Wilhelm Fivel spontan eine Idee. »Ich möchte, dass Sie uns begleiten«, sagte er.

»Nach Island? Ganz unmöglich«, entgegnete Torgeir. »Tone hat bald Examen, und Ida hat die Windpocken, um nur ein paar Dinge zu nennen. Ohne mich geht der Laden im Moment den Bach runter.«

Er sprach in Bildern. Das gefiel Wilhelm Fivel.

Und Wilhelm Fivel war ein Mann, der seine Ehre daransetzte, immer die richtigen Karten zu haben, entweder auf der Hand oder im Ärmel. Gerade wollte er mit dem Spiel beginnen, das er am besten beherrschte, als das Kinderweinen im Haus deutlich an Lautstärke zunahm. Das Geschrei störte ihn, aber zweifellos störte es Torgeir noch mehr, denn er entschuldigte sich rasch und verschwand nach drinnen. Kurz darauf kam er wieder heraus, immer noch mit seinem Sohn am Rockzipfel. Auf dem Arm hatte er ein kleineres Kind, eingepackt in eine große Decke. Er setzte beide Kinder ins Auto zu Wilhelm Fivel, stieg selbst ein und schloss die Tür.

»Ich zahle gut«, sagte Wilhelm Fivel.

»Mit Geld kann Tone sich das Examen auch nicht kaufen«, sagte Torgeir und wickelte ein blondes, etwa zweijähriges Kind mit heftigem Ausschlag aus der Decke.

»Es muss doch noch andere geben, die Sie fragen können«, fuhr er fort. »Was ist mit Åke?«

»Ich gebe Ihnen 20.000 für den Job«, sagte Wilhelm Fivel.

Einen kurzen Moment lang dachte Torgeir Rosenlund an das Auto, das in der Werkstatt war, und an den Stapel unbezahlter Rechnungen auf dem Küchentisch. 20.000 Kronen hätten ihm gerade jetzt eine Menge Probleme abgenommen.

»Hören Sie, ich hätte das gerne gemacht, aber …«

»Ein paar Tage nur, das werden Sie doch wohl hinkriegen.«

»In dem Fall müsste ich erst mit Tone reden.«

Das war keine gute Idee, dachte Wilhelm Fivel. Er war sicher, dass seine Chancen besser standen, wenn Torgeir seine Frau aus der Sache raushielt.

»Ich brauche jetzt eine Antwort«, sagte er. »Ich biete Ihnen 20.000 für zwei Tage.«

Torgeir atmete scharf ein.

»Ich könnte es vielleicht zum Wochenende schaffen«, sagte er.

»Abgemacht«, sagte Wilhelm Fivel und hielt ihm die Hand hin. Torgeir drückte sie rasch und ein wenig widerwillig.

Dieser Händedruck verriet Wilhelm Fivel viel darüber, wie Torgeir Rosenlund die Absprache einhalten würde, die sie gerade getroffen hatten. Er würde sein Bestes tun, aber er würde sich kein Bein ausreißen. Wilhelm Fivel beschloss, ihm ein bisschen Dampf unterm Hintern zu machen.

»Vielleicht haben Sie ein paar Kontakte in Island, die Sie schon mal anrufen könnten?«

Torgeir zögerte, und Wilhelm Fivel versuchte, eine vernünftige Erklärung zu finden, warum auf diese einfache Frage nicht sofort eine einfache Antwort kam.

»Ich habe ein paar Namen und Adressen«, sagte Torgeir schließlich. »Jedenfalls hatte ich sie mal. Ich will da gerne anrufen, aber versprechen kann ich Ihnen nichts.«

Nachdem Torgeir mit seinen Kindern wieder im Haus verschwunden war, saß Wilhelm Fivel noch eine Weile da und trommelte aufs Lenkrad. Er überlegte, ob er auch Åke Karlsson anrufen sollte. Åke war ihnen bei der Beschaffung der früheren Pferde eine große Hilfe gewesen, aber diesmal war vieles anders. Ganz entscheidend war, dass sie das richtige Pferd fanden. Wilhelm Fivel setzte von der Auffahrt zurück und fuhr zum Stall hinüber.

Er hupte dreimal und im selben Moment kam Amanda heraus. Sie setzte sich rasch auf den Beifahrersitz und Wilhelm Fivel gab Gas. Bald würden sie zu Hause sein. In dem Haus, aus dem er nicht vorhatte auszuziehen. Bevor sie ankamen, musste er sie in seine Pläne einweihen.

»Ich habe beschlossen, dir ein neues Pferd zu kaufen«, sagte er.

Amanda war überrascht – und skeptisch. Ein neues Pferd! – Warum?

»Freust du dich nicht?«

»Doch, klar«, murmelte sie.

»Ein bisschen mehr Dankbarkeit wäre schon angebracht, meinst du nicht? Oder gibt es sonst noch viele Mädchen im Stall, die gute Pferde und gute Trainer nachgeschmissen kriegen, so wie du?«

»Ich bin dankbar«, sagte Amanda.

»Und du könntest ein bisschen mehr Respekt vor mir haben«, fügte er hinzu.

»Ich habe gestern gewonnen«, sagte sie. »Das wolltest du doch?«

»Schon«, antwortete ihr Vater. »Aber jetzt will ich was anderes.«

Amanda schlug die Augen nieder und biss sich auf die Lippe.

»Ich will kein neues Pferd«, sagte sie. »Ich mag Monty.«

»Monty hat nicht die Eigenschaften, die diesmal nötig sind.«

»Aber wir müssen ihn doch nicht verkaufen?« Amanda sah ihren Vater bittend an.

»Das hängt ganz von dir ab«, sagte er.

Monty war das beste Pferd, das Amanda je gehabt hatte. Es gab nicht viele weiße Springpferde und sie erregte jedes Mal Aufsehen mit Monty.

»Was für ein Pferd kaufen wir?«, fragte sie.

»Ein Islandpferd«, sagte ihr Vater.

Islandpferd? Wenn es möglich gewesen wäre, vom Stuhl zu fallen, hätte sie es getan.

»Das ist doch bloß ein Pony«, rief sie beinahe. »Und ich bin keine Ponyreiterin mehr!«

»Es wird eine schöne Herausforderung für dich sein, etwas Neues zu probieren«, sagte ihr Vater.

»Flachbahn zu reiten ist doch keine Herausforderung«, erwiderte Amanda.

Wilhelm Fivel lächelte in sich hinein. Sie dachte wie er.

»Du kennst mich schlecht, wenn du glaubst, du hättest eine Wahl«, sagte er.