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DAS PERSÖNLICHKEITSKONZEPT

— Wie beschreibt man das Wesen?

WAS IST PERSÖNLICHKEIT?

Wenn man im Internet nach dem Begriff „Persönlichkeit“ sucht, gibt es eine große Anzahl an Definitionen. Sie wird etwa als „Individualität eines einzelnen Menschen“, „Alle prägenden Eigenschaften eines Menschen“, „Gesamtstruktur einer Person“ oder „Gesamtheit der charakteristischen Eigenschaften eines Menschen“ beschrieben. Eine ausführlichere Definition lautet zum Beispiel:

„Die Persönlichkeit eines Menschen ist eine lebenslang andauernde Kombination von Merkmalen des Temperaments, des Gefühlslebens, des Intellekts und der Art zu handeln und zu kommunizieren.“

(Roth 2015)

Was fällt dabei auf? Genau – sie beziehen sich ausschließlich und ausdrücklich auf den Menschen. Ähnlich verhält es sich in der Forschung zum Thema. Die ersten Konzepte zur menschlichen Persönlichkeit gab es schon in der Antike. Es folgten unzählige weitere Theorien. Vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird intensiv zu dieser Thematik geforscht.

Während die Persönlichkeit des Menschen also schon seit Tausenden von Jahren untersucht wird, hat die Wissenschaft nichtmenschlichen Tieren bis vor kurzem abgesprochen, dass sie eine Persönlichkeit besitzen. Erst in den letzten Jahren findet diese Thematik auch in Bezug auf Tiere Beachtung. Wenn wir uns jetzt aber zum Beispiel die obige Definition anschauen, bleibt die Frage, ob wir diese so einfach auf andere Tiere anwenden können. Wie definiert man denn das Temperament eines Tieres? Woher weiß man, wie es fühlt? Und wie äußert sich der Intellekt?

Aufgrund dieser Schwierigkeiten haben die Wissenschaftler, die sich mit der Persönlichkeit von Tieren beschäftigen, eine neue Definition entwickelt, die sich problemlos auch auf nichtmenschliche Tiere anwenden lässt.

„Der Begriff ‚Persönlichkeit‘ beschreibt bestimmte Verhaltensmerkmale und Reaktionsmuster, die sich zwischen Individuen unterscheiden, aber bei einem Individuum über Zeit und verschiedene Situationen hinweg konstant sind.“

(Bergmüller & Taborsky 2010)

Eine Frage, die viele Menschen interessiert: Besitzen Hunde eine Persönlichkeit?

Diese Verhaltensmerkmale und Reaktionsmuster schlagen sich sowohl in emotionalen als auch in kognitiven Variablen nieder. Somit äußern sich die Unterschiede in der Persönlichkeit zum Beispiel in der unterschiedlichen Herangehensweise an bestimmte Alltagssituationen sowie im Problemlösungsverhalten.

Wichtig dabei ist, dass man nicht von jedem Verhalten auf die Persönlichkeit eines Individuums schließen kann. Allerdings ist es möglich, von der Persönlichkeit auf bestimmte Verhaltensweisen zu schließen. Man kann also Vorhersagen machen, wie sich ein Individuum vermutlich in einer zukünftigen Situation verhalten wird. Wenn ein Hund zum Beispiel einmal in einer Situation ängstlich reagiert, heißt das noch lange nicht, dass es ein ängstlicher Hund ist. Wenn der Hund allerdings in vielen verschiedenen Situationen sehr unsicher reagiert, könnte man sagen, dass es sich um einen unsicheren Hund handelt. Die Ängstlichkeit wäre dann ein zeit- und situationsstabiles Persönlichkeitsmerkmal (auch Trait genannt). Wenn man das weiß, lässt sich vermuten, dass dieser Hund auch zukünftig in ähnlichen Situationen Angstverhalten zeigen wird. Um die Persönlichkeit einschätzen zu können, muss man das Tier also mehrmals und in verschiedenen Situationen beobachten. Dass tatsächlich auch Tiere ganz individuelle und zeitstabile Verhaltensmerkmale aufweisen, konnte schon bei vielen verschiedenen Spezies wie zum Beispiel Kohlmeisen, Rabenvögeln, Ratten, Fischen und auch Hunden nachgewiesen werden.

Man kann nicht von jedem Verhalten auf die Persönlichkeit eines Individuums schließen.

Einige Autoren unterscheiden innerhalb der Persönlichkeit zwischen Temperament (Kernpersönlichkeit) und Charakter (erweiterte Persönlichkeit) (Cloninger et al. 1993). Während Ersteres teilweise bereits nach der Geburt relativ stabil ist und demnach einen hohen genetischen Anteil hat, wird der Charakter stark von Umwelteinflüssen mitbestimmt.

Die Persönlichkeit eines Hundes ist, wie auch beim Menschen, erst deutlich nach der Pubertät, also im frühen Erwachsenenalter relativ stabil (beim Menschen mit ca. 25 Jahren, beim Hund – je nach Rasse – mit 2 – 3 Jahren), wenngleich sie sich auch im weiteren Lebensverlauf weiterentwickelt. Zwar zeigen schon wenige Wochen alte Welpen verhältnismäßig beständige Verhaltensmuster, allerdings können sich diese in den folgenden Wochen und Monaten noch stark verändern. Das liegt zum einen an dem Einfluss verschiedener Umweltfaktoren und Erfahrungen, aber auch an bestimmten Reifungsprozessen. Das Konzept der Persönlichkeit bezieht sich daher vor allem auf erwachsene Individuen.

Das Persönlichkeitskonzept bezieht sich auf erwachsene Tiere.

PERSÖNLICHKEITSFORSCHUNG BEIM MENSCHEN

DIE „TEMPERAMENTENLEHRE“ DER HIPPOKRATIKER

Wie schon erwähnt, gab es die ersten Untersuchungen zur menschlichen Persönlichkeit und daraus entstandene Modelle bereits in der Antike. Vor allem die „Temperamentenlehre“ der Hippokratiker fand dabei eine große Verbreitung und reicht auch noch bis in die heutige Zeit. In dieser Theorie gibt es vier Persönlichkeitstypen: Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker.

Choleriker sind leicht erregbare und zornige Menschen,

Phlegmatiker sind langsam und antriebsarm,

Sanguiniker hingegen heitere, lebenslustige Menschen und

Melancholische Personen gelten als schwermütig.

Diese Bezeichnungen haben auch auf die heutige Persönlichkeitspsychologie einen starken Einfluss genommen und werden teilweise noch in der Alltagssprache verwendet.

Allerdings verzichtet man in der modernen Persönlichkeitsforschung auf diese Art der Typisierung. Stattdessen betrachtet man die einzelnen Persönlichkeitsmerkmale als kontinuierliche Variablen.

Abb. 1.1: Die vier Persönlichkeitstypen der Temperamentenlehre

DAS BIG5-MODELL

Das bekannteste Modell in der Persönlichkeitsforschung beim Menschen ist das sogenannte Fünf-Faktoren-Modell, welches auch Big5-Modell genannt wird. Es basiert auf einem lexikalischen Ansatz, das bedeutet, es ist durch die Analyse des menschlichen Wortschatzes entstanden. Die Forscher haben dazu unseren Wortschatz nach Worten durchsucht, die charakterbeschreibend sind. Dazu zählen Wörter wie kooperativ, sachlich, freundlich, träge, sensibel. Mittels Faktorenanalyse, einem statistischen Verfahren, mit dem man zahlreiche zusammenhängende Merkmale auf die zugrunde liegenden Faktoren reduzieren kann, konnten fünf stabile Persönlichkeitsfaktoren ermittelt werden. Diese Faktoren werden auch Persönlichkeitsdimensionen oder -merkmale genannt.

Offenheit für Erfahrungen (engl. Openness) Dieser Faktor drückt das Interesse an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken aus. Personen mit hohen Werten in diesem Faktor sind wissbegierig, fantasievoll und künstlerisch interessiert. Sie hinterfragen bestehende Wertevorstellungen und handeln eher unkonventionell. Menschen mit niedrigen Offenheitswerten neigen dagegen eher zu konservativen Ansichten und konventionellem Verhalten.

Zu den Unterkategorien, sogenannten Facetten, die der Offenheit zugeordnet werden können, zählen Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen, Ideen und Werte.

Gewissenhaftigkeit (engl. Conscientiousness) Die Dimension (also der Bereich) der Gewissenhaftigkeit beschreibt vor allem den Grad an Zielstrebigkeit, Genauigkeit und Selbstkontrolle. Hohe Werte in diesem Bereich deuten auf zuverlässige, organisierte und überlegte Personen hin. Personen mit niedrigen Werten in dieser Dimension handeln eher spontan, unbekümmert und nachlässig.

Die Facetten in diesem Bereich umfassen Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin und Besonnenheit.

Extraversion (engl. Extraversion) Dieser Faktor beschreibt die Aktivität und das zwischenmenschliche Verhalten. Extrovertierte Personen sind aktiv, gesellig, heiter und optimistisch. Introvertierte Personen verhalten sich bei sozialen Interaktionen eher zurückhaltend, sie sind gern allein und unabhängig.

Zur Persönlichkeitsdimension der Extraversion gehören Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität, Erlebnishunger und Frohsinn.

Verträglichkeit (engl. Agreeableness) Ähnlich wie die Extraversion beschreibt dieser Faktor vor allem das interpersonelle, also zwischenmenschliche Verhalten. Personen mit hohen Verträglichkeitswerten sind bemüht, anderen zu helfen und begegnen anderen mit Wohlwollen und Mitgefühl. Niedrige Verträglichkeitswerte hingegen deuten auf streitbare und misstrauische Personen hin. Sie verhalten sich eher wettbewerbsorientiert als kooperativ.

Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit sind die Facetten der Verträglichkeit.

Neurotizismus (engl. Neuroticism) Neurotizismus beschreibt die emotionale Stabilität eines Menschen. Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten sind eher labil, sie erleben häufiger Anspannung, Angst, Trauer und Unsicherheit. Niedrige Neurotizismuswerte weisen auf eine hohe emotionale Stabilität hin. Diese Menschen erleben seltener negative Gefühle.

Die Unterpunkte, die in diese Persönlichkeitsdimension fallen, sind: Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, Befangenheit, Impulsivität und Verletzlichkeit.

Aufgrund der Anfangsbuchstaben wird das Big5-Modell im englischsprachigen Raum auch OCEAN-Modell genannt (Openness, Conscientiousness, Extraversion, Agreeableness, Neuroticism).

Ist das Big5-Modell auf den Hund anwendbar?

1.1 DIE PERSÖNLICHKEITSMERKMALE

nach dem Big5-Modell und die Pole ihrer Ausprägungen

PERSÖNLICHKEITSMERKMAL

AUSPRÄGUNGEN

Offenheit für Erfahrungen

konservativ/

vorsichtig/

pragmatisch

←→

neugierig/

kreativ/

spekulativ

Gewissenhaftigkeit

unbekümmert/

nachlässig/

spontan

←→

effektiv/

organisiert/

ehrgeizig

Extraversion

zurückhaltend/

reserviert/

ruhig

←→

gesellig/

durchsetzend/

aktiv

Verträglichkeit

wettbewerbsorientiert/

antagonistisch/

egozentrisch

←→

kooperativ/

freundlich/

mitfühlend

Neurotizismus

selbstsicher/

gelassen/

optimistisch

←→

emotional/

verletzlich/

pessimistisch

Messwert mit zwei Polen

Jede dieser Persönlichkeitsdimensionen stellt ein Kontinuum, also einen stufenlosen Messwert mit zwei Polen, dar und jeder Mensch hat auf jeder dieser Grunddimensionen eine bestimmte Ausprägung. Mit Hilfe eines komplex aufgebauten Fragebogens können diese Ausprägungen gemessen werden. In der Kurzform enthält dieser Fragebogen 60 Punkte, die ausführlichere Variante umfasst 240 Fragen. Daraus ergibt sich für jede Person ein ganz individuelles Persönlichkeitsprofil (Abbildung 1.2).

Abb. 1.2: Die Ausprägung der fünf Persönlichkeitsmerkmale variieren bei verschiedenen Personen.

Die Messung der Grunddimensionen funktioniert sowohl in der Selbstbeschreibung der Person als auch in Fremdbeschreibungen durch Familienangehörige oder enge Bekannte. Und das trifft nicht nur für Menschen in unserem Kulturkreis zu, sondern auch für die unterschiedlichsten Kulturen rund um den Globus. Somit hat sich das Fünf-Faktoren-Modell als sehr robust erwiesen. Und auch wenn es noch andere Persönlichkeitsmodelle gibt, sind sich die Wissenschaftler doch weitestgehend einig, dass diese fünf Faktoren geeignete Kategorien darstellen, um die menschliche Persönlichkeit abzubilden.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Fünf-Faktoren-Modell zum Beispiel in der Erforschung von politischen Einstellungen, der Stressforschung sowie im Schul- und Erziehungsbereich eingesetzt. Auch spielt es eine wichtige Rolle, um Risikofaktoren für psychische Erkrankungen zu ermitteln. Die größte Anwendung fand es aber vermutlich im Bereich des Personalmanagements.

WARUM PERSÖNLICHKEITSFORSCHUNG MIT HUNDEN?

Für potenzielle Hundebesitzer macht es durchaus Sinn, bei der Wahl des richtigen Hundes auch dessen Persönlichkeit zu betrachten. So würde beispielsweise ein sehr aktiver Hund zu Besitzern passen, die auch einen aktiven Lebensstil führen. Im Gegensatz dazu eignet sich ein ruhiger Vierbeiner eher für Besitzer, die ihren Alltag gemütlicher angehen. Hingegen ist ein ängstlicher Hund vermutlich am besten bei Menschen aufgehoben, die mit diesem Persönlichkeitsmerkmal umgehen können.

Nur wenn man die Persönlichkeitsstruktur des Hundes versteht, kann man einen passenden Hund für das eigene Lebensumfeld auswählen und dann auch im Umgang sowie Erziehung und Training bestmöglich auf die Bedürfnisse des Tieres eingehen. Aber nicht nur für Hundehalter ist es wichtig, Temperament und Charakter eines Hundes zu erkennen, denn Hunde erfüllen in unserer Gesellschaft nicht nur die Rolle eines Sozialpartners, sondern sie werden auch für eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Aufgaben eingesetzt. Sie arbeiten zum Beispiel als Assistenzhunde für Menschen mit verschiedensten körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen, werden als Spürhunde für unterschiedlichste Substanzen eingesetzt oder arbeiten als Diensthund bei Polizei oder Militär. Für all diese Aufgaben werden Hunde mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeitsprofilen benötigt. Die Wahl der „richtigen“ Hunde basiert also auf stabilen individuellen Verhaltensmerkmalen, die für die entsprechenden Anforderungen als relevant erscheinen. Um geeignete Hunde für die jeweilige Aufgabe auszuwählen und mit ihnen weiter zu züchten, bedarf es einer systematischen Einschätzung individueller Unterschiede im Verhalten. Es besteht also auch ein wirtschaftliches Interesse, die Persönlichkeit eines Hundes zu erforschen, um das zukünftige Verhalten möglichst genau vorhersagen und passende Hunde für bestimmte Aufgaben auswählen zu können.

Welcher Hund passt zu wem?

FORSCHUNG ZUR PERSÖNLICHKEIT DER HUNDE

Die Forschung zur Persönlichkeit unserer hündischen Begleiter konzentriert sich dabei vor allem auf folgende Punkte:

Die Funktion und die Mechanismen der Persönlichkeit des Hundes zu verstehen, hat umfassenden Einfluss auf das Wohlbefinden des Tieres und somit natürlich auch auf die Hund-Mensch-Beziehung.

METHODEN ZUR MESSUNG DER PERSÖNLICHKEIT

EINSCHÄTZUNG DER HUNDEHALTER

Beim Menschen wird die Ausprägung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale in erster Linie über Fragebögen ermittelt. Auch im Hundebereich dienen Fragebögen als ein Instrument zur Erfassung der individuellen Verhaltensunterschiede. Nur werden diese Fragebögen natürlich nicht von den Hunden selbst, sondern meistens von deren Besitzern ausgefüllt. Diese Methode hat den Vorteil, dass die Besitzer ihren Hund gut kennen und es sich um eine „allgemeine“ Beurteilung handelt, diese also nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt ist. Außerdem kann man so relativ unkompliziert eine große Menge Daten erfassen. Allerdings birgt diese Methode auch Nachteile. Zum einen sind Hundehalter meist keine Hundeexperten und durch die enge Beziehung zu ihrem Hund können verschiedene Einschätzungen verzerrt sein. Wenn der Besitzer beispielsweise das Aggressionsverhalten des eigenen Hundes auf einer Skala von „wenig“ zu „ernsthaften Anzeichen von Aggression“ einschätzen soll, besteht durchaus die Möglichkeit, dass er bestimmte Aggressionsanzeichen nicht erkennt bzw. diese falsch interpretiert werden. Zusätzlich kann es für den Besitzer schwierig werden, die Häufigkeit eines solchen Verhaltens einzuschätzen. So würde eventuell ein Besitzer es als „selten“ bezeichnen, wenn sein Hund einmal im Jahr Aggressionen gegen andere Hunde zeigt, für einen anderen bedeutet „selten“ möglicherweise, wenn sein Hund einmal in der Woche aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen zeigt. Zudem spielt das Phänomen der „sozialen Erwünschtheit“ eine Rolle, das bedeutet, dass Menschen dazu neigen, sich (bzw. ihren Hund) so darzustellen, wie es ihrer Meinung nach von ihnen erwartet wird. Gerade im Bereich des Aggressionsverhaltens werden entsprechende Anzeichen gern (unbewusst) heruntergespielt und relativiert („Er hat noch nie gebissen, er zwickt nur manchmal“).

Eine Methode zur Einschätzung der Persönlichkeit ist die Beobachtung des Hundeverhaltens in einer alltäglichen Situation, wie zum Beispiel in einer Fußgängerzone oder auf einem Bahnhof.

VERHALTENSBEOBACHTUNG IN „NATÜRLICHER“ UMGEBUNG UND TESTBATTERIEN

Zwei weitere Messmethoden, bei denen diese Schwierigkeiten nicht auftreten, wären Verhaltensbeobachtungen in „natürlicher“ Umgebung oder die Durchführung von Testbatterien. Bei Ersteren wird das Verhalten der Hunde beispielsweise in der Fußgängerzone, in einem Laden oder am Flughafen beobachtet und nach bestimmten Kriterien bewertet. Diese Bewertung erfolgt meist durch eine sachkundige Person, die den Hund nicht kennt. Somit wird die Beurteilung auch nicht durch vorherige Erfahrungen mit dem Hund beeinflusst. Da hier die äußeren Umstände nur teilweise beeinflusst werden können, ist es möglicherweise schwierig, die Ergebnisse verschiedener Individuen miteinander zu vergleichen. Dieses Problem kann man mit der dritten Methode – der Testbatterie – umgehen. Hier wird der Hund in verschiedenen kontrollierten Situationen getestet. Dabei ist sowohl der Ablauf als auch die Auswertung standardisiert, sodass eine hohe Vergleichbarkeit zwischen den getesteten Individuen erreicht werden kann. Auch hier gibt es den Vorteil, dass die bewertende Person den Hund nicht kennt und so möglichst neutral dessen Verhalten beurteilen kann. Ein Nachteil dieser beiden letzten Methoden im Vergleich zu der Fragebogen-Methode ist allerdings, dass man nur einen sehr geringen Ausschnitt der Verhaltensmuster beobachten kann und damit die Ergebnisse stark von der jeweiligen Tagesform abhängen und von verschiedenen Umweltfaktoren beeinflusst werden.

VERGLEICH DER METHODEN

Jede dieser Methoden hat demnach sowohl Vor- als auch Nachteile. Für welches dieser Erfassungsverfahren man sich dann entscheidet, hängt vor allem von der Fragestellung ab. Es kann natürlich auch sinnvoll sein, mehrere Methoden zu kombinieren, um ein vollständiges Bild von den zeit- und situationsstabilen Verhaltensmustern des Hundes zu bekommen. Die Methoden werden in Tabelle 1.2 verglichen.

1.2 VERGLEICH VERSCHIEDENER METHODEN

 

PERSÖNLICHKEITSFRAGEBOGEN

TESTBATTERIE/ VERHALTENSBEOBACHTUNG

Datenmenge, die erhoben werden kann

Groß

Relativ klein

Zeitstabilität

Besitzer schätzen das Verhalten über einen längeren Zeitraum relativ konstant ein

Relativ wenig Stabilität, da Tagesform und verschiedene Umweltfaktoren Einfluss haben können

Subjektivität

Die erhaltenen Daten sind sehr subjektiv und können daher verzerrt sein

Das Verhalten kann relativ objektiv eingeschätzt werden

VON VERHALTENSWEISEN ZUR PERSÖNLICHKEITSDIMENSION

Mutige Individuen haben weniger Probleme, in der Nähe eines bedrohlichen Objektes zu fressen.

All diese Messmethoden erfassen allerdings nicht die Persönlichkeitsdimensionen direkt, stattdessen werden verschiedene Verhaltensweisen gemessen. Über statistische Verfahren ermittelt man dann, welche der beobachteten beziehungsweise beschriebenen Verhaltensweisen zu einem Persönlichkeitsmerkmal zusammengefasst werden können. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass in einem Test (oder einem Fragebogen) ermittelt wird, wie ausgeprägt das Explorationsverhalten eines Hundes in einer neuen Umgebung ist, also wie mutig er die neue Umgebung erkundet. Außerdem wird in diesem Beispiel gemessen, wie viel Futter der Hund aufnimmt, wenn ein bedrohlich erscheinender Gegenstand in seiner Nähe steht. Man könnte annehmen, dass beide Situationen potenziell gefährlich für den Hund sind. Er nimmt also ein gewisses Risiko auf sich, wenn er eine unbekannte Umgebung erkundet und auch wenn er in der Nähe eines unbekannten, möglicherweise bedrohlichen Objektes frisst. Zusätzlich geht man davon aus, dass bestimmte biologische Mechanismen dafür sorgen, dass ein Hund sich in vergleichbaren Situationen ähnlich verhält. Man würde also erwarten, dass Hunde, die mutig eine neue Umgebung erkunden, auch weniger Probleme hätten, in der Nähe eines bedrohlichen Objektes zu fressen. Andersherum besteht die Möglichkeit, dass sich schüchterne Hunde sowohl in einer unbekannten Umgebung als auch in der Nähe eines bedrohlichen Objektes eher zurückhaltend verhalten. Es gibt also risikofreudige und risikovermeidende Individuen sowie sämtliche Zwischenstufen. Wenn dieser Zusammenhang bei einer großen Anzahl der untersuchten Hunde auftritt, kann man eine Korrelation, also einen idealisierten statistischen Zusammenhang der beiden Verhaltensweisen erkennen. Daraus ergibt sich ein Persönlichkeitsmerkmal, dass man in diesem Beispiel „Wagemut“ oder aber auch „Ängstlichkeit“ nennen könnte. Abbildung 1.3 zeigt eine Verbildlichung dieses Merkmals.

Abbildung 1.3: Ein Persönlichkeitsmerkmal als idealisierter statistischer Zusammenhang unterschiedlicher Verhaltensweisen. Jeder Punkt stellt dabei ein Individuum dar.

PERSÖNLICHKEITSMODELLE BEI HUNDEN

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkte Pavlov während seiner Studien zur klassischen Konditionierung, dass Hunde unterschiedlich auf verschiedene Einflüsse von außen reagieren. Angelehnt an die hippokratische Temperamentlehre, in der Menschen in Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker und Sanguiniker eingeteilt werden, bildete Pavlov zwei Hauptkategorien: diejenigen Hunde mit einem „starken“ und die mit einem „schwachen“ Nervensystem. Letztere sind sensibel, schüchtern, nervös und gehemmt. Pavlov bezeichnet sie als melancholisch. Phlegmatische Hunde haben, ebenso wie sanguinische Hunde, nach seiner Auffassung ein „starkes“ und in Balance befindliches Nervensystem. Während er Erstere als ruhig, zurückhaltend und ausdauernd beschreibt, sind sanguinische Tiere sehr agil, reagieren stark auf neue Reize und sind schnell gelangweilt. Cholerische Hunde haben zwar auch ein „starkes“ Nervensystem, welches sich allerdings nicht in Balance befindet. Sie sind sehr aktiv und neigen zur Aggressivität.

VON TRAINERN VERWENDET

Diese Typisierung wurde auch von vielen Trainern genutzt. Allerdings verzichtet man in der Forschung heutzutage auch bei Hunden auf diese Art der Typisierung. Stattdessen betrachtet man – wie beim Menschen auch – die einzelnen Persönlichkeitsmerkmale als kontinuierliche, also stufenlose Variablen. Während sich die Fachwelt beim Menschen in den letzten Jahrzehnten relativ einig war, welche die relevanten Persönlichkeitsdimensionen sind, unterscheiden sich die Modelle beim Hund sehr. Einige Studien finden fünf Persönlichkeitsdimensionen, andere finden aber nur drei oder vier. Die Ergebnisse wieder anderer Untersuchungen lassen mehr als fünf, einige sogar bis zu 22 Dimensionen vermuten. Die Modelle sind dabei vor allem von der angewandten Messmethode abhängig. Unterschiedliche Messmethoden resultieren natürlich in unterschiedlichen Modellen. Auch die Menge und die Qualität der gesammelten Daten spielt eine wichtige Rolle bei der Erstellung eines Persönlichkeitsmodelles.

Es gibt verschiedene Modelle, mit denen man die Persönlichkeit eines Hundes beschreiben kann.

ZWEI GÄNGIGE PERSÖNLICHKEITSMODELLE

Im Folgenden stelle ich die zwei Modelle vor, die am weitesten verbreitet sind und die in diesem Buch an verschiedenen Stellen erneut auftauchen werden:

Das DMA („Dog mentality assessment“) ist eine Testbatterie mit zehn standardisierten Testsituationen, das von der Swedish Working Dog Association genutzt wird, um unter anderem Hunde für den Militärdienst einzuschätzen. In dieser Testbatterie wird zum Beispiel untersucht, wie der Hund sich bei der Begrüßung und beim Anfassen durch einen fremden Menschen verhält und wie er auf ein lautes Geräusch oder einen plötzlichen optischen Reiz reagiert. Außerdem wird analysiert, ob er sich durch eine fremde Person zum Spielen auffordern lässt und wie er auf eine bedrohliche Annäherung reagiert (für eine Übersicht der einzelnen Tests siehe Tabelle 1.3). Kent Svartberg von der Universität Stockholm hat diese Testbatterie genutzt, um die Daten von 15 329 Hunden von 164 unterschiedlichen Rassen zu erheben. Aufgrund dieser Daten hat er fünf Persönlichkeitskategorien ermittelt (Svartberg & Forkman 2002):

Der sogenannte C-BARQ (Canine Behavioral Assessment & Research Questionnaire), der 2003 von Yuying Hsu und James Serpell der Universität Pennsylvania entwickelt wurde, ist ein Fragebogen, der aus 100 Fragen mit einer Fünf-Punkte-Bewertungsskala (von 0 bis 4) besteht. Der Besitzer kann den Fragebogen online ausfüllen. Dabei soll er die typische Reaktion des Hundes in verschiedenen Alltagssituationen und auf bestimmte Reize angeben. Durch Auswertung des C-BARQs mittels Faktorenanalyse wurden 14 verschiedene Persönlichkeitsdimensionen ermittelt:

Ursprünglich wurde dieser Fragebogen nicht zur Einschätzung der Persönlichkeit eines Hundes entwickelt, sondern um die Häufigkeit und das Ausmaß von Verhaltensproblemen bei Arbeits- und Familienhunden zu ermitteln.

Mittlerweile umfasst der C-BARQ die Daten von mehr als 50 000 Hunden, die mehr als 300 verschiedenen Rassen angehören. Aufgrund dieser enormen Datenbasis diente er in den letzten Jahren auch als Grundlage für zahlreiche Studien rund um die Hundepersönlichkeit.

Tabelle 1.3: Die Testsituationen des „Dog Mentality Assessment“ Tests (DMA). In jeder dieser Situationen wird die Reaktion des Hundes analysiert. Daraus ergeben sich jeweils Rückschlüsse auf die fünf verschiedenen Persönlichkeitsmerkmale, die mit dem DMA bestimmt werden können.

Eine Begrüßungssituation, bei der eine fremde Person den Hund anfasst, ist ein Bestandteil vieler Persönlichkeitstests.

VIELE METHODEN – VIELE MODELLE

Auch wenn diese Modelle auf verschiedenen Messmethoden beruhen und sich in der Anzahl der gefundenen Dimensionen sowie in vielen Punkten unterscheiden, gibt es doch auch einige Überschneidungen. In einer Übersichtsanalyse dieser vier und 47 anderen Studien zum Thema Persönlichkeit bei Hunden ergaben sich fünf Dimensionen, die in einem großen Teil der analysierten Untersuchungen gefunden wurden (Jones & Gosling 2005, Fratkin et al. 2013):

Furchtsamkeit/ Ängstlichkeit Eine hohe Furchtsamkeit ist vor allem durch die Vermeidung neuer Reize sowie unbekannter Situationen und damit verbundenen Stresssignalen gekennzeichnet. Begriffe, die auch unter diesen Punkt fallen, wären zum Beispiel „Wagemut“ (als Gegenteil von Furchtsamkeit), „Nervenstabilität“ oder „Emotionale Stabilität“. Auch wenn es fachlich nicht ganz korrekt ist, werde ich in diesem Buch statt „Furchtsamkeit“ den alltagssprachlicheren Begriff „Ängstlichkeit“ benutzen.

Ängstliche Hunde zeigen sich in neuen Situationen häufig unsicher.

Geselligkeit Die Geselligkeit eines Hundes wird indiziert durch freundliche Interaktionen mit Menschen und anderen Hunden. Individuen mit hohen Geselligkeitswerten initiieren solche Interaktionen häufig. Hunde mit niedrigen Werten in dieser Dimension gehen Menschen und Artgenossen lieber aus dem Weg. In Hinblick auf das Fünf-Faktoren-Modell des Menschen entspricht diese Dimension am ehesten der „Extraversion“.

Empfänglichkeit für Training In dieser Dimension geht es vor allem um die Kooperationsbereitschaft des Hundes, aber auch um die Frage, wie schnell er neue Dinge lernt und wie fokussiert er an einer Aufgabe arbeiten kann. Ähnliche Bezeichnungen, die in dieser Kategorie fallen, sind „Trainierbarkeit“, „Problemlöseverhalten“ und „Will to please“.

Aggressivität Diese Dimension erfasst die Bereitschaft des Hundes, Aggressionsverhalten gegenüber dem Besitzer, fremden Menschen oder anderen Hunden zu zeigen.

Aktivitätslevel Das Aktivitätslevel bezieht sich vor allem auf die lokomotorische Aktivität, also wie viel sich ein Hund bewegt.

Noch gibt es in der Literatur zur Persönlichkeit bei diesem keinen allgemeingültigen Konsens darüber, wie viele und welche Dimensionen genau den Charakter allumfassend beschreiben können. Dennoch scheinen die meisten Wissenschaftler die fünf zuletzt aufgeführten Merkmale als relevant zu erachten.

Das Aktivitätslevel ist eine von fünf beschriebenen Charaktereigenschaften eines Hundes.

REAKTIVITÄT UND SELBSTREGULATION

Meines Erachtens kommen in diesen Konzepten allerdings zwei fundamentale individuelle Eigenschaften zu kurz: Die Reaktivität und die Selbstregulation. Einige Psychologen fassen diese beiden Prozesse als „Temperament“ zusammen und grenzen es von den übrigen Persönlichkeitsdimensionen, die zusammengefasst als „Charakter“ bezeichnet werden, ab (Rothbart und Bates 2006 in Roth). Das Temperament steht sozusagen „über“ den anderen Persönlichkeitsmerkmalen und beeinflusst diese mehr oder weniger. Reaktivität bezieht sich dabei auf die Art, wie ein Individuum auf Stressreize aus der Umwelt reagiert und wie es diese Reize verarbeiten kann. Zur Selbstregulation gehören die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. Unter Impulskontrolle versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft eines Individuums, dominante Reaktionen zu unterdrücken, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen beziehungsweise unerwünschte Handlungen zu unterdrücken. Beide Mechanismen sind in meinen Augen grundlegende Bestandteile der Persönlichkeit eines Individuums.

Abb. 1.4: Die Persönlichkeit des Hundes setzt sich aus seinem Temperament, welches die Reaktivität und Selbstregulierung umfasst, sowie fünf Persönlichkeitsdimensionen zusammen. Die Persönlichkeit wird von verschiedenen genetischen und umweltbedingten Faktoren sowie einer Wechselwirkung dieser beeinflusst.

GENETIK UND UMWELTEINFLÜSSE

Natürlich spielen sowohl genetische als auch ontogenetische Faktoren sowie eine Wechselwirkung dazwischen eine Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung. Man könnte sagen, dass ein Verhaltensmuster zu 100 % genetisch bedingt und gleichzeitig zu 100 % durch Umwelteinflüsse geprägt ist. Dieser zunächst widersprüchlich klingende Satz verdeutlicht das enge Zusammenspiel und Wechselwirkungen zwischen der genetischen Ausstattung, mit der ein Individuum auf die Welt kommt, und den Erfahrungen, die es im Laufe seines Lebens sammelt. Die genetischen Anlagen geben zwar einen gewissen Rahmen vor, in dem sich die Persönlichkeit des Tieres entwickeln kann. Wie genau diese Charakterausprägungen dann aber aussehen, wird auch in einem großen Maße von äußeren Einflüssen und Erlebnissen bestimmt.

In diesem Buch werde ich mich neben den fünf erwähnten Persönlichkeitsdimensionen Ängstlichkeit, Geselligkeit, Trainierbarkeit, Aggressivität und Aktivitätslevel auch auf das Temperament, also Reaktivität und Selbstregulation/Impulskontrolle, konzentrieren. Ich werde den aktuellen Forschungsstand zusammenfassen und auch betrachten, inwieweit die Genetik und Umwelt beziehungsweise Erfahrungen diese Verhaltensmuster beeinflussen.

Die Charakterausprägungen des Hundes werden auch durch äußere Einflüsse bestimmt.

DAS TEMPERAMENT DES HUNDES

— Die Basis der Persönlichkeit

WAS DAS TEMPERAMENT AUSZEICHNET

In der Literatur gibt es viele verschiedene Definitionen und Theorien zum Temperament. In diesem Buch befasse ich mich in erster Linie mit der Theorie der Entwicklungspsychologin Mary Rothbart. Wie die meisten anderen Denkansätze zum Thema bezieht diese sich auch ursprünglich auf Menschen. Aus meiner Sicht lässt sie sich aber gut auf Hunde und andere Tiere anpassen.

Nach Rothbart und Bates (2007) setzt sich das Temperament aus Reaktivität und Selbstregulation zusammen. Reaktivität bezieht sich dabei auf die Aktivierbarkeit der verhaltensbezogenen und physiologischen Systeme des Individuums. Sie beschreibt die biologische Empfindlichkeit eines Individuums gegenüber Stressreizen. Es geht also um Stressverarbeitung. Oder anders gesagt: Mit welcher Strategie reagiert ein Individuum auf neue Eindrücke/Situationen? Dieses Stressverhalten hat hohe angeborene Anteile und wird schon vorgeburtlich beziehungsweise früh nachgeburtlich festgelegt. Die Selbstregulation hingegen umfasst Verhaltensmuster, die dazu dienen, die Reaktivität zu modulieren. Sie bezieht sich vor allem auf Prozesse, die ein Individuum dazu befähigen, Handlungen und Emotionen zu steuern. Es geht um Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. Diese haben große erlernte Anteile.

Während verschiedene mit der Reaktivität eng verwobene Verhaltensweisen, wie das Erkundungsverhalten in einer unbekannten Umgebung und die Impulsivität mit dem Alter zwar generell abnehmen, bleiben die individuellen Unterschiede über die Lebenszeit recht konstant (Riemer et al. 2014, 2016). Auch wenn ein Hund mit einem sehr aufgeregten Temperament im Alter zwar ruhiger wird, so wird er im Vergleich zu seinen Altersgenossen immer noch ein eher aufgeregter Hund sein. Diese Ergebnisse spiegeln die angeborene Basis des Temperamentes wider.

Die Reaktivität gibt also einen gewissen Rahmen vor, innerhalb dessen die Selbstregulation das Temperament regulieren kann. Ein Hund, der extrem stark auf Umweltreize reagiert, wird zwar durch Training der Impulskontrolle deutlich händelbarer und wird deutlich weniger Stress empfinden. Er kann also lernen, mit den Umweltreizen umzugehen. Nichtsdestotrotz wird er aufgrund seines angeborenen Temperamentes sehr unwahrscheinlich die innere Gelassenheit eines Hundes erlangen, der schon mit einer „Leck-mich-am-Arsch“-Einstellung auf die Welt kam. Ebenso wird ein Hund, der ein sehr schüchternes, zurückhaltendes Wesen mitbringt, wohl nie der größte Draufgänger auf dem Hundeplatz.

Das Temperament besteht aus Reaktivität und Selbstregulation.

DIE REAKTIVITÄT

Einfach ausgedrückt umschreibt die Reaktivität die Art, wie ein Individuum mit Umwelteinflüssen umgeht. Die Grundlage der verschiedenen Reaktionsmuster auf äußere Einflüsse bilden zwei unterschiedliche Stresssysteme. Das erste System ist das schnell reagierende Adrenalinsystem. Dieses vermittelt vor allem die erste Schreckreaktion und wird, wie der Name schon sagt, über das Hormon Adrenalin gesteuert, welches im Nebennierenmark gebildet wird. Dieses System aktiviert sich in Sekundenschnelle, erhöht den Muskeltonus sowie die Aufmerksamkeit und ermöglicht so eine sekundenschnelle Reaktion. Dem gegenüber steht das etwas trägere Cortisolsystem. Das vermittelnde Hormon Cortisol wird erst nach einiger Zeit des Stresszustandes in der Nebennierenrinde gebildet. Es mobilisiert die metabolischen, physiologischen und psychischen Reserven, um mit dem anhaltenden Stress umgehen zu können. Je nachdem, welches System stärker ausgebildet wird, ergeben sich unterschiedliche Reaktionstypen beziehungsweise Stresspersönlichkeiten.

DIE STRESSPERSÖNLICHKEITEN

In der deutschsprachigen Literatur spricht man häufig von den sogenannten A- und B-Typen. Diese Bezeichnung geht auf die beiden Kardiologen Friedman und Rosenman zurück, die in einer Veröffentlichung im Jahr 1959 feststellten, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit einem höheren Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Sie nannten den ihrer Meinung nach anfälligeren Typen A-Typ. Dieser zeichnet sich vor allem durch Ungeduld, Ruhelosigkeit, Ehrgeiz und Wettbewerbsstreben aus. Personen, die diese Persönlichkeitsfaktoren nicht aufweisen und eher gelassener und zufriedener sind, wurden als B-Typ kategorisiert. Auch wenn es einige Kritik an dieser Studie gab (z.B. dass ausschließlich Männer mittleren Alters betrachtet wurden), fand die Grundidee dieser Kategorisierung auch Anwendung in der Persönlichkeitsforschung. In der Hundetrainerwelt beurteilt man Persönlichkeitstypen teilweise heute noch nach diesem Schema. Allerdings werden diese starren Typenbezeichnungen in der moderneren Wissenschaft größtenteils durch ähnliche Konzepte ersetzt, die eine differenziertere Betrachtungsweise zulassen. So spricht man heute aus wissenschaftlicher Sicht überwiegend von proaktiven (entspricht dem A-Typ) und reaktiven (entspricht dem B-Typ) Reaktionstypen. Diese unterschiedlichen Stressbewältigungsstrategien werden auch „coping styles“ genannt. Wichtig hierbei ist, dass es sich dabei nicht um fixe Kategorien handelt, sondern um ein Kontinuum, dessen einer Pol einen extrem proaktiven Typen darstellt, während sich am anderen Ende ein extrem reaktiver Typ einordnet. Die allermeisten Individuen liegen irgendwo dazwischen (Abbildung 2.1). Die Typenbeschreibungen im folgenden Abschnitt beziehen sich jeweils auf die äußeren Pole des Kontinuums.

Die Ausprägung des Reaktionstyps wird vor allem durch die zwei Stresssysteme bestimmt, dem Adrenalinsystem und dem Cortisolsystem.

Abb. 2.1: Die Kästchen symbolisieren die vorgegebenen Rahmen, innerhalb derer sich das Stressverhalten ausprägen kann. Diese Rahmen werden durch genetische sowie vor- und frühe nachgeburtliche Faktoren festgelegt. Die genaue Merkmalsausprägung wird dann durch ontogenetische Faktoren bestimmt.

Ein sehr ähnliches wissenschaftliches Konzept ist das sogenannte Shyness-Boldness-Kontinuum (also „Schüchternheit-Kühnheits-Kontinuum“, siehe Infobox 2.1). Dieses ist gewissermaßen in das Proaktiv-Reaktiv-Kontinuum eingebettet. Proaktive Individuen verhalten sich eher wagemutig, reaktive dagegen eher schüchtern. Beide Modelle eignen sich, um das zugrunde liegende Temperament darzustellen.

Infobox 2.1

SCHÜCHTERN ODER KÜHN?

Beim Shyness-Boldness-Kontinuum befinden sich auf der einen Seite die draufgängerischen, eher aggressiven Individuen, während am anderen Ende des Kontinuums die schüchternen, zurückhaltenden Individuen einsortiert werden. Analog dazu könnte man beim Menschen die Einteilung in extrovertiert und introvertiert anwenden.

Auf viele Arten anwendbar

Unterschiedliche Studien zeigen, dass dieses Konzept sowohl bei verschiedensten Säugetieren, aber auch beispielsweise bei Vögeln, Fischen, Reptilien und sogar Insekten Anwendung findet. Bei jeder dieser Tierarten kann man eher schüchterne und eher kühnere Individuen finden. Gemessen werden diese Verhaltenstendenzen meist dadurch, wie das Erkundungsverhalten in einer unbekannten Umgebung ausgeprägt ist oder wie sich das Tier in Gegenwart eines (vermeintlichen) Raubfeindes oder Konkurrenten verhält.

Man könnte annehmen, dass kühne Individuen mehr Erfolg im Leben haben, weil sie beispielsweise in der Lage sind, Ressourcen besser zu verteidigen. Es liegt also die Vermutung nahe, dass diese bei zunehmendem Konkurrenzdruck einen Wettbewerbsvorteil haben. Tatsächlich gewöhnen sich z.B. wagemutigere Sonnenbarsche schneller an eine unbekannte Umgebung und trauen sich auch an schwer zu erreichende Beute (Wilson et al. 1994). Kühnere Zahnkarpfen haben größere Gebiete zur Nahrungssuche und wachsen schneller (Fraser et al. 2001). Bei Dickhornschafen pflanzen sich die forscheren Exemplare zeitiger fort, und die Aufzucht der Nachkommen ist erfolgreicher (Réale et al. 2000).

Allerdings gehen wagemutige Individuen auch höhere Risiken ein und haben damit eher niedrigere Überlebenschancen. Experimente mit Kohlmeisen zeigen, dass die Überlebenschancen der eher zurückhaltenden Individuen vor allem bei einer hohen Populationsdichte höher sind und mehr Nachwuchs hervorbringen (Nicolaus et al. 2016). Beide Strategien haben also ihre Vor- und Nachteile.

Reaktivität – ein sogenannter „Supertrait“