Jonas, Bruno Gebrauchsanweisung für Bayern

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Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe

© Piper Verlag GmbH, München, 2002, 2006 und 2021

Karte: Peter Palm, Berlin

 

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Zum Geleit

Es kann kein Zufall sein, dass der Piper Verlag mich einst aus der Schar der Bayernexperten auserkor, um mich zu beauftragen, ein weiteres unentbehrliches Büchlein über dieses seltsame Land der Bayern zu verfassen.

 

Rund zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Die »Gebrauchsanweisung für Bayern«, die Sie hier in Händen halten, hat viele Auflagen erlebt, und in Bayern ist seitdem einiges geschehen. Manche Passagen dieses Buchs habe ich daher gründlich verändert – andere wiederum sind auch nach Jahren noch erstaunlich aktuell. Ist der Bayer doch tendenziell ein Traditionalist, der dem Wandel eher skeptisch gegenübersteht!

Ich habe seinerzeit versucht, mich gegen die Autorenschaft zu wehren, so gut ich konnte. Aber wie Sie sehen, gelang es mir nicht, ihr auszuweichen. Die Argumente, die für mich sprachen, überzeugten wider Erwarten auch mich, und Widerspruch war sowieso zwecklos. Mein Einwand, auch Nichtbayern könnten einen interessanten Blick auf das Land werfen, wurde vom Tisch gewischt. Man wolle einen Fachmann, schließlich käme ich aus Passau. Ich war mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob meine Ansprechpartner beim Verlag sich wirklich im Klaren darüber waren, mit wem sie es bei mir zu tun bekommen.

Richtig ist, ich stamme aus Passau, jener ausnehmend schönen Stadt im äußersten Osten Bayerns, in der schon viele schwärmerische Kollegen aus der schreibenden Zunft das Tor zum Balkan erblickten. Ich meinerseits habe das Tor zum Balkan nie dort erblickt und deshalb auch nie durchschritten. Von Passau kommt man heutzutage ganz gut auch in alle anderen Richtungen weg. Wenn man will. Das war nicht immer so. Die Zugverbindungen in die Landeshauptstadt München waren lange Zeit eher spärlich. Man konnte sich in aller Ruhe den Zug aussuchen. Denn es gab nur je einen in der Früh und auf d’ Nacht. Und es gab ja auch kaum Gründe, von Niederbayern nach München zu fahren. Auch mit dem Bau von Straßen ging man in der niederbayerischen Region meiner Heimat lange Zeit naturschonend um. Der ökologische Straßenbau war vorbildlich. Inzwischen ist das anders. Sowohl auf dem Schienenweg als auch über die Autobahn ist die Drei-Flüsse-Stadt optimal angebunden.

Passau ist Grenzstadt, und gleich hinter der Grenze, vielleicht sogar schon davor, beginnt Österreich. Aber seitdem dieser bayerische Nachbarstaat zu den EU-Mitgliedstaaten zählt, hat der Sinn der Grenze stark nachgelassen. Der Übergang von Bayern nach Österreich ist beinah unmerklich – außer zu Corona-Zeiten, da kann der »kleine Grenzverkehr« schon mal deutlich erschwert sein. Ich führe diese Tatsache nur deshalb hier an, um darauf hinzuweisen, dass ich schon sehr früh gelernt habe, den Unterschied zwischen Bayern und Österreich wahrzunehmen. Ich weiß also sehr gut, wo meine Grenzen sind.

Die Fähigkeit, Grenzen zu erkennen, kann allein selbstverständlich nicht ausreichen, um als Autor des vorliegenden Werks ernst genommen zu werden. Denn nur darum kann es gehen: um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Bayern und alles, was damit zusammenhängt, will und muss endlich ernst genommen werden. Die glorreiche Historie des Landes, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Bayerns setzen eine gewisse Ehrfurcht voraus. Von dieser Warte aus betrachtet bin ich dann doch wieder der Richtige, dachte ich, gell!

Zugegeben, der Name Bruno Jonas klingt nicht sehr bayerisch, und dennoch verweist er auf eine besondere Linie der bayerischen Geschichte. Mein Vater wurde nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen vertrieben und fand in Passau eine neue Heimat. Als »kriegsverletzter Landser«, wie er sich selbst immer auszudrücken pflegte, kam er in die überwiegend vom Roten Kreuz genutzte »Lazarettstadt« Passau und erlebte hier die Befreiung durch die Amerikaner. Kurze Zeit später entschloss sich mein Vater, als Saupreiß in Passau sesshaft zu werden. Einige Jahre später lernte er meine Mutter kennen, die an seinem ostpreußischen Charakter Gefallen fand, was wiederum nicht allen Angehörigen ihrer niederbayerischen Verwandtschaft gefiel. Die beiden durften aber trotzdem heiraten. Selbstverständlich nur nach katholischem Ritus. Mein Vater, der evangelisch war, musste sich schriftlich verpflichten, die aus der Ehe hervorgehenden Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. Nachdem er diese Hürde genommen hatte, stand der Verbindung zunächst nichts mehr im Wege. Ausschlaggebend für die Ehe dürfte der Beruf meines Vaters gewesen sein. Er war Metzgermeister, wie übrigens auch die Väter einiger berühmter Bayern. Franz Josef Strauß war ebenfalls Sohn eines Metzgers. Dieser Beruf genießt in ganz Bayern sehr hohes Ansehen. Vor allem auf die ländliche Bevölkerung, die Bauernschaft, aus der meine Mutter stammt, macht dieser Berufsstand mächtigen Eindruck.

Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, deren ältester ich bin. Auf diese Weise fand der alte bayerisch-preußische Gegensatz in meiner Person einen versöhnlichen Klang. Die Vorfahren mütterlicherseits sind über Jahrhunderte niederbayerisch verwurzelt. Der Vater stammte aus Darkehmen/Angerapp in Ostpreußen, jenem Ostpreußen, in dem sich der preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm 1701 in aller Bescheidenheit selbst zum König in Preußen krönte.

Forschungen in meiner Familiengeschichte ergeben nun allerdings noch ein etwas differenzierteres Bild. Die Sippe der Jonas’ stammt ursprünglich aus dem Salzburger Land, saß damit auf einer urbayerischen Scholle und musste wegen ihres protestantischen Glaubens 1722 mit 22 000 gleichgesinnten Salzburgern nach Preußen fliehen, wo sie unter Friedrich Wilhelm I. Asyl fanden. Väterlicherseits fand also zunächst eine Preußianisierung bayerischer Flüchtlinge statt. Die Familie lebte über zweihundert Jahre im Preußischen.

1945 wurde dann durch die katastrophalen Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs die Rebajuwarisierung eines ehemals pränatal vertriebenen Bayern und nun heimatvertriebenen Preußen vollzogen. Ich trage also in den Tiefen meiner Seele bayerisch-preußische Grundstimmungen.

Diese Überlegungen ließen mich letztendlich zu dem Schluss kommen, dass ich als Autor dieser »Gebrauchsanweisung für Bayern« doch nicht ganz der Falsche sein könnte.

Das vorliegende Werk entzieht sich allen Vergleichen. Ein literarisches Kleinod, das im weiten Feld der Bavarica-Literatur glänzt.

Sollte sich bei Ihnen bereits jetzt, beim Lesen dieser Zeilen, das Gefühl einstellen, hier übertreibe jemand maßlos, so könnten Sie damit richtigliegen.

Da gehst her!

Sie haben sich für eine Reise nach Bayern entschieden, und Sie haben sich das gut überlegt. Selbstverständlich haben Sie das, Sie reisen schließlich nicht zum ersten Mal in fremde Länder. Sie waren schon überall: in Afrika und Amerika, in Australien und Asien, den Süd- und auch den Nordpol haben Sie schon besichtigt in einer Vierzehn-Tage-Pauschalreise, aber es hat Sie gelangweilt. Und jetzt wollen Sie endlich mal in ein Land, wo alles anders ist – nach Bayern.

Durch Zufall haben Sie erfahren, dass dort die Menschen tatsächlich »Würschte« essen, die das Zwölfuhrläuten noch nicht gehört haben (nicht hören dürfen). Sie wollen nun überprüfen, ob es in Bayern tatsächlich Würste gibt, die hören können, und was passiert, wenn sie das Zwölfuhrläuten einmal doch hören?

Sie wollen wissen, ob die SPD in Bayern noch nachweisbar ist, und Gewissheit darüber erlangen, ob die Grünen in Bayern planen, Umerziehungslager für Klimaleugner einzurichten.

Ihnen ist zu Ohren gekommen, dass Bayern eine Demokratie ist, in der die staatstragende Partei auf das Volk hört und damit großen Erfolg hat.

Außerdem hat man Ihnen zugeraunt, es gebe ernst zu nehmende Bestrebungen, im Freistaat Bayern die Monarchie wieder einzuführen; mit einem König aus dem Hause der Wittelsbacher an der Spitze. Bedingung dafür wäre allerdings, dass der Regent Mitglied der CSU ist und bei Bedarf bereit wäre, geistig umnachtet im Starnberger See unterzutauchen.

Sie haben bestimmt schon von den märchenhaft schönen Schlössern König Ludwigs II. gehört, von Neuschwanstein, Linderhof, Herrenchiemsee, vom grünen Hügel in Bayreuth und von Richard Wagner. Möglicherweise haben Sie sogar schon einmal eine Oper von Wagner erleben dürfen und sich gefragt, ob das wirklich so lange dauern muss? Ich kann Sie beruhigen, nicht alles dauert in Bayern so lange wie eine Wagner-Oper, wenngleich auch vieles seine Zeit braucht. Bauanträge zum Beispiel. Falls Sie aber die Wahl haben sollten zwischen einem Bauantrag und einer Wagner-Oper, empfehle ich Ihnen die Wagner-Oper. Da können Sie sicher sein, dass sie irgendwann zum Ende kommt. Beim Bauantrag ist das nicht so sicher.

Man hat Ihnen eventuell mitgeteilt, dass in Bayern sogar die Uhren anders gehen. Sie wissen, was das heißt? Damit soll ausgedrückt werden, dass etwas Unabänderliches wie das Verrinnen der Zeit, das überall auf der Welt nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten vonstattengeht, in Bayern auf andere Weise geschieht. Nun, die Uhren gehen selbstverständlich auch in Bayern nicht anders als anderswo. Eine Halbzeit beim Fußball dauert auch in Bayern 45 Minuten, und die Zeiger bewegen sich rechtsherum. Das ist ja auch verständlich, die Uhr wurde schließlich in Bayern erfunden. Natürlich arbeitet man auch in Bayern mit Linksgewinden, Schrauben werden rechtsherum hineingedreht. Doch nicht nur Schrauben. Festgezogen werden die Dinge grundsätzlich rechtsherum. Das gilt sogar für linksbestimmte Gesellschaften. Dies kann also keine bayerische Eigenheit sein.

Wo unterscheidet sich also das Unabänderliche in Bayern vom normalen unabänderlichen Verlauf der Dinge in anderen Erdteilen? Gelten vielleicht die Gesetze der Physik in Bayern nicht? Wie steht es mit den Newtonschen Fallgesetzen? Fällt der Apfel zwar wie überall nicht weit vom Stamm, aber dennoch nicht nach unten, sondern vielleicht sogar nach oben? So wie auf dem Mond? Oder gar hinter dem Mond? Es fällt mal einer auch nach oben, schon, ja, kann vorkommen, aber dann hat einer nachgeholfen und die Gesetze der Schwerkraft in bayerischer Weise zur Anwendung gebracht. In Bayern ist auch das Unmögliche möglich. Grundsätzlich betrachtet. Hinter Bayern verbirgt sich das Grundsätzliche. Grundsätzlich gilt, dass in Bayern alle Gesetze gelten. Manchmal aber auch nicht. Beziehungsweise sie gelten auf eine andere Weise.

Das Grundgesetz jedenfalls gilt auch in Bayern, auch wenn wir an dieser Stelle darauf hinweisen müssen, dass es beinah nicht in Kraft getreten wäre – in Bayern. Eine Mehrheit von 101 bayerischen Abgeordneten lehnte es ab, sodass das Grundgesetz bei der Gründung der Bundesrepublik im Bayerischen Landtag keine Mehrheit fand. Und doch gilt es bis zum heutigen Tag auch im Freistaat Bayern. Ist das nicht merkwürdig? Wie kam es dazu?

Der damalige Ministerpräsident Ehard ließ über einen Zusatzantrag abstimmen. Für den Fall, dass die anderen Länder der Westzonen das Grundgesetz annehmen sollten, würde sich auch Bayern nicht ausschließen und das Provisorium auf seinem Staatsgebiet gelten lassen. Und so kam es, dass es gilt. Der Vollständigkeit halber bleibt hier anzufügen, dass die Bayern sich eine eigene, selbstverständlich bayerische Verfassung gaben. In Bayern gelten sozusagen zwei Verfassungen, was den Vorteil hat, dass die Bayern jede Menge Grundrechte in Anspruch nehmen können.

Und auch eine bayerische Nationalhymne wird gern intoniert. Sie beendet täglich um null Uhr das Programm des Bayerischen Rundfunks.

»Gott mit dir, du Land der Bayern

deutsche Erde, Vaterland

über deinen weiten Gauen

ruhet Seine Segenshand …«

 

Das könnte eine bayerische Besonderheit sein. Über welchem anderen Land ruht Gottes Segenshand? Nur, warum legt Gott ausgerechnet in Bayern seine Hand zur Ruh? Die Antwort ist ganz einfach: weil er da daheim ist. Bayern ist ein Paradies, ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Aber außer diesen beiden Köstlichkeiten fließt noch einiges mehr in Bayern. Viel Wasser fließt nicht nur die Isar hinunter, sondern auch den Lech, die Donau und den Inn, und Geld fließt auch viel in Bayern, von dem man nicht immer genau weiß, wo es herkommt und wo es hingeflossen ist. Was nicht weiter kümmert, denn wo viel fließt, ist viel in Bewegung.

Auch wenn Bayern mit dem Vorurteil der Unbeweglichkeit zu kämpfen hat, ist es doch ein bewegliches Land, will sagen, es lässt sich etwas bewegen, wenn etwas fließt. Überall sorgt in den bayerischen Breiten ein frischer Wind dafür, die alten Vorurteile zu verwehen. Nichts ist mehr rückständig an Bayern. Im Gegenteil, Bayern marschiert an der Spitze des Fortschritts. Ökologie und Fortschritt, Laptop und Lederhose finden ihre Entsprechung in der bayerischen Natur. Chemie und Kuhmist, Handy und Haferlschuh. Von den Spitzen der Kirchtürme erreichen die göttlichen Segenswellen die hintersten Winkel der Gaue, und über allem ist ein weiß-blauer Himmel aufgespannt, der Dörfer, Städte und Gemeinden immer schöner werden lässt. Alles zusammen lässt die Einmaligkeit der bayerischen Landschaft entstehen.

Vor allem Politiker der CSU werden nicht müde, ihr Land »über den Schellnkini« (den König der Schellen, eine Figur aus dem bayerischen Kartenspiel, die dem Karokönig im französischen Kartenspiel entspricht) zu loben. Jemanden über den Schellenkönig zu loben ist eine typisch bayerische Redensart des uneingeschränkten Lobes. Auf Bayern bezogen heißt das so viel wie: Bayern ist unübertrefflich, nicht zu toppen, das Höchste überhaupt und nicht mehr zu steigern. Bayern ist in jeder Hinsicht ein Superlativ, das sollte Ihnen schon vor Reiseantritt klar sein. Bayern hat mit allem, was dazugehört, seine Entwicklung abgeschlossen und sein vollendetes Stadium erreicht. Sollten Sie daran aus irgendwelchen Gründen Zweifel hegen, werden Sie spätestens während Ihres Aufenthaltes in Bayern eines Besseren belehrt werden.

Um einem fälschlicherweise entstandenen Eindruck, Bayern hinke dem Zeitgeist hinterher und verweigere sich dem Fortschritt, entgegenzuwirken, sei an dieser Stelle ein für alle Mal festgehalten: Bayern belegt in allen relevanten Bereichen, politisch, kulturell, vor allem aber theologisch einen Spitzenplatz in der Welt und entwickelt sich permanent nach allen Seiten hin zum Positiven. Die Zukunft ist in Bayern daheim. Der Fortschritt ist ein enger Mitarbeiter der Staatsregierung, die Tag und Nacht Bayern nach vorn bringt. Es handelt sich bei diesem Streben um Veredelungen eines bereits vollkommenen Bayerns hin zu einer gesteigerten, noch höheren Stufe der Vollkommenheit. Denn Vollkommenheit ist in Bayern steigerbar. Das ist das wirklich Spannende in diesem Land: Obwohl bereits alles, wirklich alles, angefangen von der Landschaft, der Verwaltung, der Lebensmittelüberwachung, der Landwirtschaft, dem Gesundheitswesen, der Psychiatrie, der Kultur bis hin zur Müllabfuhr auf ein Paradies-Niveau angehoben wurde, können noch Verbesserungen vorgenommen werden. Allerdings nur und ausschließlich von der Partei, die das schöne Bayern zum Programm erhoben hat. Das ist nicht die SPD, das sind nicht die Grünen und schon gar nicht die FDP oder irgendeine andere politische Gruppierung. Bayern wird nur durch die CSU schön. Es ist wie bei einem perfekten Kunstwerk. Beim Betrachten kommen dem Schöpfer Zweifel, ob ihm wirklich alles zur Gänze gelungen ist. Und sogleich macht er sich an die Arbeit, um der bereits erreichten Vollkommenheit eine noch höhere Qualität zu gewähren. So ist das in Bayern: Die Vollkommenheit befindet sich im permanenten Erneuerungsmodus. Deshalb ist das Leben in Bayern fortlaufend vollkommen. Grad schee is!

Und in der Tat ist es so: Wer das Glück hat, in Bayern seine Heimat zu haben, kann ein größtmögliches Maß an Lebensqualität genießen.

Wo verläuft der Weißwurschtäquator?

Die Grenzen des Freistaates sind, rein geografisch, bekannt. Man kennt seine Grenzen. Oder besser gesagt, der Bayer kennt seine Grenzen. Nur, so ganz stimmt das nicht immer.

Wie übrigens vieles in Bayern nie so ganz stimmt. Alles hat zwei Seiten und manchmal auch mehr. Das mag mit einer typisch bayerischen Weltsicht zu tun haben, die in dem Satz zum Tragen kommt: Kannt sei, dass amoi wos sei kannt, kannt aa sei, dass nix is, aa wenn’s wos waar. In Bayern wissen alle, Einheimische und Zugezogene, dass immer alles auch ganz anders sein kann. Egal, worum es sich handelt, die Welt wird weiß-blau eingefärbt. Europa zum Beispiel wird mit allem, was dazugehört, unter die weiß-blaue Lupe gelegt und erscheint damit als große, irgendwie auch bayerische Idee, die von einem stolzen bayerischen Löwen kritisch beäugt wird. Es gibt einen alten Spruch, von dem Bayern-Experten behaupten, er stünde irgendwo in einem mittelalterlichen Kloster über einem Torbogen: Extra Bavariam nulla vita, et si est vita, non est ita. Solche Weisheiten werden immer noch gern auf Lateinisch ins Bewusstsein gerufen, um damit zu unterstreichen, dass Bayerns Anfänge in den Klöstern und Domschulen des frühen Mittelalters zu finden sind. Schon zu Beginn der 1500-jährigen Geschichte Bayerns habe sich ein starkes bayerisches Selbstbewusstsein herausgebildet. Ins Deutsche übersetzt heißt der Satz: Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und falls doch, so ist es kein bayerisches. Das ist auf jeden Fall richtig. Es ist ja nicht abzustreiten, dass das Leben in Bayern eine andere Qualität aufweist als beispielsweise das in Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern. Da brauchen wir gar nicht reden, das ist offensichtlich!

Eine sehr wichtige, wenn nicht die bedeutendste Differenz zu allen anderen Bundesländern stellt die CSU dar, die nur in Bayern wählbar ist und seit Jahrzehnten das bayerische Leben maßgeblich bestimmt. Das ist die Wahrheit. Wie überhaupt die Wahrheit über ihren religiösen Gehalt hinaus in der bayerischen Politik eine entscheidende Rolle spielt.

Untersuchungsausschüsse des Bayerischen Landtags, die eingesetzt werden, um »zweifelhafte Vorgänge« aufzuklären, fördern regelmäßig mehrere Wahrheiten zutage, die alle ihre Berechtigung haben. Wahr ist, dass in Bayern auch die Unwahrheit wahr sein kann.

Dabei spielt die Sprache die entscheidende Rolle. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der Österreicher war, also sprachlich im Grunde genommen ein Bayer, hat gesagt, dass »die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten«. Auch wenn Sie der bayerischen Sprache nicht mächtig sind, sollten Sie, falls Sie einmal etwas nicht verstehen, was öfter der Fall sein wird, als Sie glauben, davon ausgehen, dass das Gesagte immer freundlich gemeint ist, auch wenn es aufs erste Hören nach dem Gegenteil klingt. Die Äußerung Leck mi am Arsch! muss nicht immer eine Aufforderung sein. Meistens bringt damit der gebildete Bayer seine Bewunderung für etwas Großes und Erhabenes zum Ausdruck. Die weisen Entscheidungen der bayerischen Staatsregierung werden oft mit einem »Da legst di nieder« oder eben mit einem »Leck mi am Arsch« kommentiert. Mit diesem Ausruf ist in jedem Fall ein Staunen verbunden.

Die Welt tritt uns (nicht nur) in Bayern manchmal in unheimlich blöder Gestalt gegenüber, und wir wissen uns dann nicht mehr anders zu helfen, als blöd daherzureden, weil wir glauben, damit angemessen auf die uns blöd kommende und damit widersinnig erscheinende Welt zu reagieren. Beim »Blöddaherreden« handelt es sich um eine sprachliche Finesse, um die blöde Welt und die Menschen miteinander ins Gleichgewicht zu bringen. Blöd ist nicht immer nur blöd. Blöd ist selten dumm! Das müssen wir scharf auseinanderhalten. Blödes und dummes Verhalten können auch identisch sein. Das ist richtig. Doch ist das Blöde meist nicht nur blöd und das Dumme nicht nur dumm. Es kommt auf den Subtext an. Dieser Subtext spielt in bayerischen Äußerungen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Es gibt da zum Beispiel Fußball spielende Bayern, die grenzenlos blöd daherreden können. Nun könnte man sagen, dass das Blöddaherreden an sich für diese Sportart immanent und essenziell ist. Andererseits ist das Blöddaherreden hoch angesehen und zählt zu den schönen Künsten, die sich in Bayern großer Beliebtheit erfreuen. Dabei ist zu beachten, dass nicht alles, was sich blöd anhört, auch so gemeint sein muss. Gerade das Blöde kann gleichzeitig irrsinnig intelligent sein. Meistens sogar! Es kommt halt darauf an.

So hat der inzwischen zum Ehrenpräsidenten avancierte ehemalige Präsident des FC Bayern München, Franz Beckenbauer, der die wichtigsten bayerischen Wesenheiten, den Striezi, den Larifari und den Bazi, in sich in idealer Weise vereint, einmal öffentlich den Wunsch geäußert, das Olympiastadion in München möge von Terroristen in die Luft gesprengt werden, weil es als Fußballarena ganz und gar untauglich sei. Freilich war das nur ein Spaß, den aber manche gar nicht komisch finden konnten. Ja mei, so ist das halt, wenn eine Lichtgestalt einen Witz macht. Das Olympiastadion wurde übrigens nicht in die Luft gesprengt. Weder von Terroristen noch von irgendwelchen anderen Fanatikern, die der Architektur des »Zeltdaches« nichts abgewinnen können. Die Wettkampfarena der Olympischen Sommerspiele von 1972 befindet sich an der bekannten Stelle, wo sie betreten, bestaunt und sogar bestiegen werden kann. Es gibt tatsächlich geführte Wanderungen auf das Dach. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die Olympiapark GmbH.

1974 wurden in diesem Stadion die deutschen Kicker der Fußballnationalmannschaft unter dem Kapitän Franz Beckenbauer Fußballweltmeister. Fußballspiele finden unter dem Zeltdach schon länger nicht mehr statt, weil es, wie gesagt, völlig ungeeignet für den Fußball ist. Der FC Bayern baute sich deshalb in Eigenregie und auf eigene Kosten eine imposante Spielstätte in der Fröttmaninger Heide, die den hohen Ansprüchen der fußballbegeisterten Massen entspricht. Wenn Sie mit dem Auto auf der A 9 von Nürnberg kommend nach München fahren, passieren Sie rechter Hand die Allianz-Arena, die nach Heimspielen des ruhmreichen FC Bayern den nördlichen Nachthimmel über München rot erleuchtet. Gelegentlich nimmt »der Franz« auf der Ehrentribüne Platz, um den Spielbetrieb seines Clubs zu beobachten und danach den Verlauf des Spiels zu kommentieren, wobei er mit seinen genialen Analysen die Fans begeistert.

Lichtgestalten, die aus der Masse herausragen, gab es in Bayern schon immer mehr als genug. Im Bereich des Sports wachsen sie jahraus, jahrein in schöner Regelmäßigkeit heran, um das Herz nicht nur der Bayern zu erwärmen. Nach ihrer aktiven Zeit bleiben sie als lebende Denkmäler in den Medien sichtbar. D’ Mittermaier Rosi, »unsere Gold-Rosi«, ihr Mustergatte, der Neureuther Christian, und deren Sohn Felix gehören ebenso in diese Reihe wie der »Goldrodler« Hackl Schorsch und die Biathletin Diesl Uschi und viele andere ehemalige Spitzenathleten und -athletinnen. Alle sind sie unvergessen und bringen sich als Experten ihrer Sportart im Bayerischen Fernsehen in Erinnerung.

Bayern ist voller Ausnahmegestalten, was eigentlich nicht verwundern kann, weil das Land selbst unter den sechzehn deutschen Bundesländern in vielerlei Hinsicht einen Ausnahmestatus genießt. Bayern ist nicht nur der größte Nettozahler im System des Länderfinanzausgleichs, Bayern ist auch ein kultureller Höchstleister, ein selbstloser Kulturspender und wird in der Welt als kultureller Repräsentant ganz Deutschlands wahrgenommen. Es ist deshalb nur logisch, dass es in der politischen Szene Bayerns von Persönlichkeiten mit außergewöhnlichen Eigenschaften nur so wimmelt. Man findet sie nicht nur in der CSU, wo sie in Rudeln auftauchen, sie treiben sich in allen bayerischen Parteien herum.

Greifen wir also willkürlich einen heraus: Einer, der sofort ins Auge fällt, ist der Scheuer, ein Niederbayer, der in Berlin und Brüssel als Verkehrsminister zeigt, was er draufhat. Er ist ein Mann, der den Ansprüchen an einen bayerischen Spitzenpolitiker in allen Belangen entspricht. Halbwahrheiten, Unwahrheiten, die offensive Lüge, souveränes Schweigen, er beherrscht alle Tricks, die einer braucht, um hohes Ansehen bei den Wählern zu genießen. Es gibt daneben aufrichtige, ja sogar ehrliche Politiker, aber die bleiben chancenlos, weil sie zu wenig Zustimmung finden. Sie dürfen untergeordnete Aufgaben übernehmen und weisungsgebunden handeln. Ganz anders der Andi, wie ihn Freunde und Weggefährten nennen. Der weiß genau, wo und wie es nach oben geht. Auch er ein Bazi, Larifari und Striezi, wie sie gar nicht so selten heranwachsen.

Der »Vater des modernen Bayern«, Franz Josef Strauß, auf den wir im Rahmen dieser Gebrauchsanweisung noch öfter zu sprechen kommen werden müssen, darf in dieser Aufzählung der ganz besonderen Bayern ebenso wenig fehlen wie Edmund Stoiber, Erwin Huber, Günther Beckstein, Horst Seehofer und Markus Söder, der vorläufig letzte starke Mann im Freistaat Bayern. Er wächst immer mehr in die Rolle eines großen Herrschers hinein und knüpft damit an die Regentschaften der Könige Max I., Max II., Ludwig I. und Ludwig II. an, der an Strahlkraft bis zum heutigen Tag kaum zu toppen ist. Man gab ihm den Beinamen »Märchenkönig«, weil er die Grenzen der Fantasie ins Reale verschoben hat. Söder ist bisher nicht mit Plänen für Märchenschlösser aufgefallen. Doch etwas uneingeschränkt Fantastisches ist ihm nicht abzusprechen.

Eine Grenzenlosigkeit tritt offen zutage, wenn er einen bayerischen Weltraumbahnhof ankündigt. Das uneingeschränkte Streben nach dem Höherem, dem Universalen, der Griff ins Grenzenlose gehört ebenso zum bayerischen Wesen wie der Impuls zur Abgrenzung.

Einer, bei dem Fantasie und Wirklichkeit manchmal seltsame Konstrukte bilden, ist der bereits erwähnte Franz Beckenbauer.

Mit großem Eifer und Schaum vor dem Mund haben Verdachtsjournalisten versucht, seinen Ruf zu zerstören, weil er nicht erklären konnte, wie und zu welchem Zweck ein größerer Millionenbetrag eingesetzt wurde, um ein »Sommermärchen« nach Deutschland zu holen. Nach jahrelangen Recherchen und Ermittlungen ist am Ende nicht viel mehr dabei herausgekommen als ein Ermittlungsverfahren, das eingestellt wurde.

Die meisten Artikel der um die Aufdeckung dunkler Machenschaften bemühten Journalisten wurden vom Wahrscheinlichen und Spekulativen dominiert. Es wurde im Konjunktiv gemutmaßt. Da haben wir wieder diese typisch bayerische Weltsicht, die alle widersprüchlichen Zusammenhänge im Sprachmodus des Irrealis in eine versöhnliche Form bringt. Kannt sei, dass amoi wos gewesen waar, wo wos sei hätt kenna. Lautet in solchen Fällen die unumstößliche Erkenntnis. – Und am Ende des Verfahrens stand als Ergebnis fest: Nix G’wieß woas ma net!

Die Welt ist auch in Bayern komplex und in manchen Fällen einfach undurchsichtig. Phänomene dieser Art sind allerdings in ganz Deutschland möglich und kommen folglich vereinzelt auch in Bayern vor. Solche Demontagen eines Idols sind aber nicht typisch für Bayern. Hat in Bayern einmal einer oder eine den Heldenstatus erreicht, so wird die Verehrung trotz aller vermeintlichen Fehler der betreffenden Person aufrechterhalten.

Möglicherweise hat das weniger mit Bayern zu tun als vielmehr mit dem Fußballsport an sich. Der Fußballsport als solcher hat wiederum sehr viel mit Bayern zu tun, und die balltretenden Angestellten des Vereins lassen sich jedes Jahr zu Saisonbeginn in Lederhosen ablichten. Das ist besonders lustig, wenn man bedenkt, dass zurzeit ein einziger gebürtiger Bayer in der Mannschaft des Vereins kickt. Ob der Verein durch dieses Bild ein Zeichen der Menschlichkeit setzen will und mit dem Foto darauf hinweisen möchte, dass jeder Mensch, ganz gleich, woher er kommt, in einer Lederhose Platz findet, wissen wir nicht. Auch wenn es nur eine Gaudi sein sollte, könnte man im Sinne einer ausländerfreundlichen Toleranz annehmen, dass jeder Mensch das Zeug wenn schon nicht zum Bayern, so wenigstens zum Lederhosenträger hat. Wir wollen für den Verein und auch für Bayern diesbezüglich das Beste hoffen. Zumindest im fußballerischen Bereich kennt der Bayer keine Grenzen, wenn es darum geht, einen passenden Spieler nach Bayern zu holen.

Aber, dem Herrn sei’s gedankt, die wenigsten kommen nach Bayern, um hier gegen den Ball zu treten. Die meisten kommen, um Land und Leute kennenzulernen. Nicht abgestritten werden kann, dass sie bei diesem Vorhaben mitunter an Grenzen stoßen. Kurz und gut, über Bayerns Grenzen lässt sich viel und lange reden. Fest steht, das politische Gebilde liegt im Süden der Bundesrepublik. Im Westen durch den Lech begrenzt, im Osten durch Inn und Salzach und die Gipfel des Bayerischen Waldes, im Süden durch die Alpen und im Norden durch den Main, der mit dem Weißwurschtäquator für eine klare Trennlinie zu den nicht bayerischen Gefilden sorgt.

Im Süden die erhabene Größe der Alpen, im Südosten der geheimnisumwobene, mystisch aufgeladene Bayerische Wald, im Norden die bedrohliche Offenheit hin zum flachen Land, im Westen eine Fortsetzung des endmoränigen Voralpenlandes – im Grunde genommen auch ein noch bayerisch geformter Landstrich, der aber doch schon das beginnende Unbayerische markiert und am Rhein seine Grenze findet.

Die bayerische, von der Natur vorgegebene Szenerie, das heimatspendende Land der Bayern, in dem sich dieser Menschenschlag zur Vollendung entwickeln konnte und bis heute, wie es heißt, »sauwohl« fühlt, hat die bayerische Seele und Gefühlswelt entscheidend geprägt. Wenn dem nicht so wäre, würden wir überall auf der Welt den gleichen Menschentyp antreffen.

Der Bayer kommt ursprünglich aus dem Wald. Nachdem er in den Wald hineingekommen war, kam er zunächst nicht mehr raus. Als die ersten Bayern das Land nahmen, standen sie im wahrsten Sinne des Wortes im Wald.

»Nirgends aber wird diese Waldverbundenheit der ersten bayerischen Jahrhunderte deutlicher als in den vielen Abfärbungen für die eine Bezeichnung ›Wald‹. Da ist ›Holz‹ als das ganz allgemeine Wort, ›Hart‹ als der Weidewald, ›Forst‹ als der gebannte Wald; ›Loh‹ bezeichnet das schüttere Laubgehölz, ›Tann‹ ist der düstere Nadelwald. Während im lateinischen ›Eremus‹ der Klosterbrüder von Schliersee und Metten, Freising und Salzburg die ganze Öde und Einsamkeit des Urwaldes anklingt.« (Benno Hubensteiner, »Bayerische Geschichte«, München, 3. Aufl. 1999)

Die Waldverbundenheit ist dem Bayern noch heute eigen. Der Trachtenanzug ist ein äußeres Zeichen dafür. Wir können diese Kleidung als Tarnanzug auffassen, mit welcher der Träger sich den Farben des Waldes anpasst und ins ihn umgebende Grün eintaucht. Mit dem Tragen eines Trachtenanzugs outet sich der heimatliebende Bayer als »beweglicher Baum«, der seine Verbundenheit mit dem Holz zur Schau stellen möchte.

 

Das heutige Bayern ist nur noch in Teilen bewaldet. Doch hat die Bayerische Staatsregierung bereits in den Siebzigerjahren einen Nationalpark Bayerischer Wald eingerichtet, wo man den Wald wieder sich selbst überlässt, mit der Absicht, den ursprünglichen Urwald wuchern zu lassen. Das Konzept scheint aufzugehen. Um den wuchernden Urwald in Augenschein zu nehmen, empfiehlt sich eine Wanderung auf einen der Bayerwaldgipfel, den Rachel, den Osser oder den Lusen, wo Sie den Borkenkäfer bei der Arbeit beobachten können.

Inzwischen ist es gelungen, auch bereits ausgestorbene Tierarten wieder im Bayerischen Wald heimisch werden zu lassen. Wie mir der Leiter des Parks versicherte, »samma wieder komplett! Wölfe, Bären, Luchse, alles haben wir wieder da!«.

In letzter Zeit häufen sich in den Medien Geschichten über »einwandernde Wölfe«, die in Schafherden einfallen, Lämmer reißen und damit »einen erheblichen Schaden in Wald und Flur« anrichten. Von solchen Berichten sollten Sie sich nicht einschüchtern lassen. Bisher ist nichts darüber bekannt, dass Wölfe, die sich immer aus dem »ehemals sozialistischen Osten« auf den Weg nach Bayern machen, in Touristenansammlungen eingefallen wären, um diese zu fressen. Falls für Besucher des Freistaats eine Gefahr durch hungrige Wölfe bestünde, würde das bayerische Fernsehen sofort darüber berichten. Der Landwirtschaftsminister würde nicht sofort, sondern nach Verstreichen »wertvoller Zeit« (um panische Reaktionen zu vermeiden!) eine beruhigende Warnung für gefährdete Regionen herausgeben und »geeignete Maßnahmen« ergreifen. Es werden in Bayern immer nur geeignete Maßnahmen ergriffen. Nie ungeeignete!

Wie klug und umsichtig man mit der Gefahr durch wilde, nicht erwünschte Tiere in Bayern verfährt, zeigt das Beispiel des Bären Bruno. Der damalige Ministerpräsident Edmund, der Stoiber, hatte ihn als »gemeinen Schadbären« identifiziert und zum Abschuss freigegeben. Nachdem ihn Profijäger fachmännisch gejagt und schließlich erlegt hatten, wurde er ausgestopft und im Museum Mensch und Natur in Schloss Nymphenburg in München ausgestellt, wo man ihm auf diese Weise ein bleibendes Andenken bewahrt. Er steht dort auch als Warnung für alle Schadbären, die glauben, sich im bayerischen Oberland ohne Aufenthaltsgenehmigung rumtreiben zu können.

In Bayern haben wir alles da. Wohl wahr. Sogenannte »große Tiere« und Jäger, die sie aufs Korn nehmen. Aber vielleicht ist das nicht nur ein speziell bayerisches Phänomen. Die Jagdlust ist weit verbreitet. Investigative Journalisten, die ihre Opfer zur Strecke bringen wollen und dabei einen Eifer an den Tag legen, der an übelste Zeiten erinnert, laufen nicht nur in München frei rum. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, scheint alles erlaubt zu sein, auch die Vernichtung der Person. Gern wird die Bibel zitiert, weil Bayern ein christlich geprägtes Land ist, in dem die Bevölkerung geistig-moralische Orientierung in ihren Kirchen findet, in denen ihre Oberen die Nächstenliebe predigen. »Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.« Diesen Bibelsatz beherzigt man in Bayern gern. Und das Staunen ist groß, wenn man die Menge derer übersieht, die im Freistaat Bayern frei von Sünde sind.

Sollten Sie sündenfrei sein, woran ich nicht zweifle (wenn nicht, stehen in Bayerns Kirchen viele Beichtstühle bereit, wo man Sie von allen Sünden freispricht), und Lust bekommen, irgendwo den ersten Stein auf einen Sünder zu werfen, so können Sie bei der Einreise ins gelobte Land auf die Mitnahme von Steinen verzichten. Denn auch hier hat die zivilisierte Form des Steinigens eine große Zahl von Followern in den sogenannten sozialen Netzwerken gefunden. Wenn es sein muss, werden alttestamentarische Rachegelüste offen ausgelebt. Als der ehemalige Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, sich wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten musste, kannten der Hass und die Häme keine Grenzen. In der bayerischen Seele sind extreme Ausschläge in alle Richtungen möglich. Trotz des immer noch vorherrschenden christlichen Menschenbildes sind moralisch verwerfliche Verhaltensweisen wie Missgunst, Neid und Niedertracht weitverbreitet, die der Sünder, wenn’s denn sein muss, im Beichtstuhl bereuen und, wenn er Pech hat, mit mindestens zwei Vaterunser büßen muss.