„If we learn to listen

to our bodies, minds and hearts

throughout pregnancy,

and pay attention to what we are hearing,

we will be more accustomed to doing so

as we birth our babies

and care for them as mothers.“

Laurel Bay Connell, 2014

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Markenschutz:

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1. Auflage April 2016

© 2016 edition riedenburg

Verlagsanschrift Anton-Hochmuth-Straße 8, 5020 Salzburg, Österreich

Internet www.editionriedenburg.at

E-Mail verlag@editionriedenburg.at

Lektorat Dr. Heike Wolter, Regensburg

Fachlektorat Anna Rockel-Loenhoff, Unna

Bildnachweis Schwangere mit Mädchen am Cover: © BillionPhotos.com - Fotolia.com

Satz und Layout edition riedenburg

Herstellung Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-9030-8508-4

Inhalt

Vorworte

Doris Mosers umfangreiches Werk über die heute praktizierte Schwangerenvorsorge ist wichtiger und aktueller als je zuvor, denn eine schwangere Frau steht vor einer ständig wachsenden Anzahl an Herausforderungen – und vor allem vor kaum zu überblickenden Entscheidungen, Meinungen und Diskussionen.

Im Zeitalter von Risikodenken und der daraus resultierenden Defensivmedizin, wo unter dem Sicherheitsaspekt Ängste geschürt werden, spricht die Autorin die Ursprünge der geburtshilflichen, gynäkologischen und kinderärztlichen Überwachung an. Sie nimmt genau unter die Lupe, woher Untersuchungen, Kontrollen und deren Bindung an staatliche Geldleistungen kommen und welche Entwicklungen es im Verlauf der letzten Jahrzehnte gab.

Von den schwangeren Frauen werden viele Untersuchungen der staatlichen Schwangerenvorsorge als verpflichtend angenommen – ohne Kenntnis ihrer Potenziale, aber auch der Risiken.

Besonders im Fokus stehen dabei die Ultraschalluntersuchungen. Sie dominieren die Landschaft der Schwangerenvorsorge. Für Eltern sind sie „Babywatching“, doch ÄrztInnen haben mit dem massenhaften Einsatz eine andere Intention: die Fehlersuche. Die unhinterfragte Entscheidung für den „Schall“ zieht aber oftmals eine Kaskade an weiteren Untersuchungen nach sich, für die sich die Familie im Vorfeld vielleicht gar nicht explizit entschieden hätte.

Dieses Buch liefert eine detaillierte Aufklärung über jede einzelne Untersuchungsmethode der derzeit gängigen Schwangerenvorsorge in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Doris Moser erörtert genau, welche Untersuchungen und Eingriffe wann empfehlenswert sind und was man aus gutem Grund auch ablehnen kann.

Damit ist Doris Mosers Buch auch ein Stück Gesellschaftskritik, denn die Wahrung persönlicher Rechte der Frau ist weit davon entfernt, eine Selbstverständlichkeit zu sein. Dabei wäre dies so wichtig, um die Lebensphase der Schwangerschaft und des Mutterwerdens als selbstbestimmt und erfüllend erleben zu können.

Gefühlslose Technik und die ärztlich-professionelle Distanz entfernen Frauen nicht selten von der bewussten Wahrnehmung ihrer Sinne. Ihnen wird die Kompetenz abgesprochen, den Gesundheitszustand ihres Kindes selbst beurteilen zu können. Gefühle, Wahrnehmungen, Fühlen, Erfühlen, Be-greifen haben keinen Platz mehr in der Schwangerenvorsorge, und so bleibt selbst die häufig vom Arzt kontrollierte Schwangere manchmal eines: ahnungslos.

Aus den in diesem Buch gesammelten Erfahrungsberichten geht hervor: Weder die Hebamme, und schon gar nicht der/die ÄrztIn, sondern die Frau ist die Expertin für ihr Kind. Nach der Lektüre dieses Buches hat sich jede Schwangere für ein Stückchen mehr Expertentum am eigenen Körper entschieden.

Wien, im März 2016

Margarete Hoffer

Hebamme

Höchste Zeit, dachte ich mir beim Lesen dieses Buches. Und gleich danach: Wird’s was bringen? Schwangere (und Gebärende) als Objekt medizinischen Tuns, das wird gut und nachvollziehbar dargestellt. Die Problematik ist aus meiner Sicht aber auch die Frage, warum sich Frauen das gefallen lassen.

Warum machen sich Schwangere zu Komplizinnen eines Systems, das unter einer guten Schwangerschaftsbetreuung das Blutdruckmessen, Urinanalysieren (sehr sinnvoll) und laufende Ultraschalluntersuchungen (weniger sinnvoll) versteht?

Aus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass Zuwendung und Empathie unerlässlich für eine sichere und bereichernde Geburt sind. Daran mangelt es leider allzu oft.

Schwangere reagieren genauso ängstlich wie jeder Mensch, der auf etwas Neues, etwas Unbekanntes zugeht. Die Reaktion der Medizin führt zu den inakzeptabel hohen Kaiserschnittraten: Angsttherapie mit dem Skalpell. Das kann es nicht sein. Aber was könnte es sein?

Ich gestehe, mich als Arzt stört es, dass die einzige Antwort, die hier gegeben wird, die Hebammenbetreuung ist.

Wieso, frage ich mich, wird nicht die Forderung erhoben, dass – jenseits der rein körperlichen Untersuchung – einige wichtige Fragen Bestandteil jedes Erstgespräches zu sein haben? Und zwar egal, ob dieses Gespräch von einer Hebamme oder einem Arzt/einer Ärztin geführt wird.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erlaube ich mir, einige mögliche Fragestellungen aufzulisten:

Selbst ansprechen sollte die Hebamme, der Arzt/die Ärztin meines Erachtens zudem folgende Punkte:

Gute Schwangerenbetreuung sollte Frauen den Weg eröffnen, eine sichere Geburt nach ihren Vorstellungen zu bekommen. Am Ende sollten junge Mütter psychisch und physisch gestärkt daraus hervorgehen.

Derzeit sind sie und ihre Kinder im traditionellen Betrieb zwar weitgehend sicher, was Morbidität und Mortalität betrifft, aber zumeist Patientinnen – mit all den daraus resultierenden Konsequenzen, die im Buch ausführlich behandelt werden.

Schwangerschaft und Geburt bedeuten eine enorme Möglichkeit, sich als Persönlichkeit zu stärken und zu emanzipieren. Wir sollten endlich anerkennen, dass die betroffenen Frauen die Expertinnen für sich selbst sind – und wir ihre Begleiter und manchmal auch ExpertInnen, die ihnen helfen können.

Ich sehe in diesem Buch einen Beitrag, Frauen Mut zu machen, eine Betreuung in diesem Sinn einzufordern. Meinen ärztlichen KollegInnen möge es eine Anregung sein, ihre Art der Betreuung kritisch zu überdenken und Herz und Hirn im angedeuteten Sinn zu öffnen.

Hebammen und ÄrztInnen wünsche ich zu verstehen, dass sie gemeinsam hilfreicher sind als jede/jeder für sich.

Wien, im April 2016

Dr. Michael Adam

Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Einleitung

Schwangerschaft ist eine wundervolle Zeit, eine Zeit der Transformation und Erneuerung. Und Schwangerschaft ist ein Prozess, der die werdende Mutter in freudvoller Erwartung in ihre größte Kraft führen kann.

Ich kann mich noch gut an den Augenblick erinnern, als ich den ersten positiven Schwangerschaftstest in meinen Händen hielt. Ich erinnere mich an Aufregung und Glück, an Vorfreude und Unsicherheit. Was würde mich wohl erwarten?

Woran ich mich auch gut erinnern kann, sind die vielen Arztbesuche, die eine Schwangerschaft für gewöhnlich mit sich bringt. Ich habe das, wie die meisten Frauen, nicht in Frage gestellt, bin brav zu jeder Untersuchung gegangen und habe meinen Mutter-Kind-Pass wie einen kleinen Schatz gehütet. Irgendwie schaut er ja auch enorm wichtig aus, oder? Mutter-Kind-Pass steht in großen Buchstaben darauf und gleich darunter ist der Adler, das Staatswappen, abgedruckt. Und Republik Österreich steht noch dabei. Gleich unter dem Adler. Hat mich irgendwie an meinen Reisepass erinnert.

Er kommt sehr staatstragend daher, dieser Mutter-Kind-Pass. Und wenn der außen schon so imponierend gestaltet ist, dann wird der Inhalt erst recht bedeutungsvoll sein. Bedeutungsvoll für meine Gesundheit und vor allem für das Leben meines Kindes. Das habe ich damals, wie gesagt, nicht in Frage gestellt. Schließlich will jede Frau ein gesundes Kind, möchte jede Frau das Beste für ihr Ungeborenes. Und das wird wohl der regelmäßige Gang in die Arztpraxis sein. Mit Mutter-Kind-Pass, wohlgemerkt. Und auch, wenn mir eigentlich nichts fehlt, ich nicht krank bin. Schließlich machen das doch alle so.

Über Alternativen wusste ich zum damaligen Zeitpunkt nichts. Ich habe den Marathon von Arztpraxis zu Arztpraxis, von Labor zu Labor, der letztendlich im Krankenhaus in einer medizinisch überwachten Geburt geendet hat, ohne Murren mitgemacht. Ich war eine von vielen.

Irgendwann haben mich aber doch Zweifel beschlichen. Ganz still und heimlich hat sich das Gefühl bemerkbar gemacht, dass da etwas nicht ganz stimmig ist. Wie konnte es sein, dass eine gesunde Schwangere derart entmündigt wird; dass ihr nicht zugetraut wird, ihren Gesundheitszustand selbstverantwortlich im Auge behalten zu können, was beispielsweise für einen Diabetiker selbstverständlich ist? Für die einfachsten Tätigkeiten – Wiegen, Blutdruckmessen, Teststreifen in den Urin tauchen – wird die Frau in die Arztpraxis beordert, um sich von einem Profi dabei helfen zu lassen.

Ich bin Medizinanthropologin. Der Hang zur kritischen Sichtweise wurde mir quasi in die berufliche Wiege gelegt. Ich habe begonnen, Fragen zu stellen. Und ich habe begonnen, Antworten zu suchen.

Den Mutter-Kind-Pass habe ich plötzlich mit anderen Augen gesehen, habe ihn in einem größeren Kontext wahrgenommen und versucht, einen Blick hinter die glänzende Fassade zu werfen. Der Adler hat mich gar nicht mehr so sehr beeindruckt. Ich habe recherchiert und mit Ärzten gesprochen. Ich habe Hebammen um ihre Meinung gebeten und ich habe andere Frauen, andere Mütter, zu ihren Erfahrungen befragt.

Als ich mich mit den Vorschriften in anderen Ländern befasst habe, habe ich festgestellt, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt. In nordeuropäischen Ländern beispielsweise große Freiheiten, in Deutschland einen Mutterpass, dessen Vorgaben formal freiwillig sind, der gesellschaftliche, ärztliche und – ab Geburt des Kindes – auch staatliche Druck aber ähnlich hoch wie in Österreich.

Meine Gedanken zu all dem habe ich niedergeschrieben. Ich schreibe, weil ich glaube, dass es Zeit ist für eine Veränderung. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel weg von der ärztlich geleiteten medizinischen Schwangerenvorsorge hin zu einer frauenzentrierten Hebammenbetreuung in der Schwangerschaft.

Der Grundgedanke des Mutter-Kind-Passes mag Fürsorglichkeit sein. Der Ansatz ist, allen werdenden Müttern und ihren Kindern beste medizinische Versorgung kostenlos zur Verfügung zu stellen, um deren Gesundheit angemessen zu fördern. Es handelt sich also um ein großzügiges Geschenk der Gesellschaft an jede schwangere Frau. Einen schalen Beigeschmack erhält die Sache aber dadurch, dass die Schwangere in Österreich dazu genötigt wird, das Geschenk auch anzunehmen. „Oh, danke! Das ist nett, aber eigentlich habe ich keinen Bedarf!“ Oder: „Das Geschenk ist mir eigentlich viel zu groß. Es ist so schwer, dass ich es gar nicht tragen kann!“

Die Möglichkeit, das großzügige Geschenk dankend abzulehnen, gibt es nicht. Lehne ich das Geschenk ab, werde ich bestraft, nämlich durch den Entzug der mir zustehenden Geldleistung.

Gleichzeitig gibt die Regelmäßigkeit der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen den Schwangeren eine gewisse Struktur, die wie ein roter Faden durch den Verlauf der Schwangerschaft führt. Traditionell werden Frauen auf ihrem Weg in die Mutterschaft durch die Gemeinschaft, in der sie leben, rituell begleitet und unterstützt. Die „moderne“ Frau lebt vielfach nicht mehr in einem großen Familienverband. Der Zugang fehlt zu weiblichen Verwandten, die Wissen und praktische Informationen vermitteln könnten. Und auch die Bräuche und Rituale, die ursprünglich rund um die Zeit der Schwangerschaft und Geburt stattgefunden haben, sind verloren gegangen.

Was ist es, das den schwangeren Frauen aktuell Struktur und Sicherheit in einer so turbulenten Zeit vermittelt? Der Gang in die Arztpraxis wird vielfach zum liebgewonnenen Ritual, das in der Schwangerschaft Halt gibt. Sich in der Schwangerschaft prophylaktisch mit medizinischen Fragestellungen auseinandersetzen zu müssen, ist an sich schon abwegig, weil Schwangerschaft per se ja keine Krankheit ist und eine Schwangere daher eigentlich auch keine Patientin (lateinisch: Leidende). Sie wird aber vom Medizinsystem dazu gemacht. Schwangerschaft und Geburt sind normale physiologische Vorgänge und nicht grundsätzlich krankhafte Prozesse. Doch genau das wird uns suggeriert. Mit der Schwangerenvorsorge werden wir dazu gebracht, uns schon vorab zu sorgen – wir sorgen uns also vor etwas.

Wir machen uns Sorgen, lange bevor es überhaupt einen Grund dafür gibt. Eltern möchten nichts falsch machen und orientieren sich als medizinische Laien an den Ratschlägen und Empfehlungen der Ärzte, die diese fachliche Ahnungslosigkeit schamlos ausnutzen, Angst und Unsicherheit schüren und diese zu ihrem finanziellen Vorteil instrumentalisieren.

Eine verängstigte Schwangere, die unsicher und orientierungslos ist, wird sich dankbar und hilfesuchend in die Obhut eines wissenden und erfahrenen Mediziners begeben, um sich von ihm durch die Zeit der Schwangerschaft lotsen zu lassen. Sie wird die ärztlichen Anweisungen nicht in Frage stellen und eine angenehme Patientin sein. Im Fachjargon wird das „Compliance“ genannt. Patientinnen mit hoher Compliance sind leichter zu handhaben als Personen, die die Entscheidungen und Empfehlungen der Ärzte hinterfragen und selbst aktiv am Geschehen beteiligt sein möchten.

Unbequeme Patientinnen sind meist Menschen, die besonders gut informiert sind. Und um Information ging es mir auch, als ich begonnen habe, mich intensiv mit dem Mutter-Kind-Pass auseinanderzusetzen. Nicht, dass ich von Natur aus gerne unbequem bin, aber ich wollte informiert sein! Und ich finde, dass diese grundlegenden Informationen jeder Frau zustehen sollten, die sich mit dem System der medizinischen Schwangerenvorsorge konfrontiert sieht.

Im vorliegenden Buch habe ich also die Informationen über Ursprung und Inhalt des österreichischen Mutter-Kind-Passes und die gesellschaftliche Bedeutung der medizinischen Schwangerenvorsorge zusammengefasst und kritisch beleuchtet. Der Mutter-Kind-Pass wird immer wieder überarbeitet und erweitert. Es kann also sein, dass inzwischen neue Untersuchungen hinzugekommen oder alte weggefallen sind. Doch am Prinzip ändert sich dadurch nichts.

Ich zeige außerdem auf, dass es auch Alternativen gäbe, die keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind haben und gleichzeitig für die Gesellschaft viel kostengünstiger ausfallen würden. Dieses Buch ist genauso relevant für Frauen in anderen deutschsprachigen Ländern, insbesondere in Deutschland (Mutterpass), denn obwohl die Sanktionen bei Verweigerung der Vorsorgeangebote ausfallen, ist das Kontrollprinzip doch das gleiche.

Die Intention hinter diesem Buch ist dabei nicht, jegliche medizinische Untersuchung und jedes Angebot, das die Medizin den schwangeren Frauen macht, zu verdammen. Doch es muss den werdenden Müttern klar aufgezeigt werden, dass es auch andere Wege und Möglichkeiten gibt. In manchen Fällen ist medizinische Unterstützung durchaus sinnvoll, hin und wieder sogar überlebensnotwendig. In allen anderen Fällen allerdings handelt es sich um unnötige, kostspielige und angstmachende Maßnahmen, die den werdenden Müttern ihre Eigenständigkeit und Eigenmacht absprechen, sie zu einem normierbaren Objekt degradieren, das dann entsprechend behandelt und verwaltet werden kann.

Diese Maßnahmen vermitteln den Frauen das Gefühl, von einer – immer noch männerdominierten – Apparatemedizin abhängig zu sein, und bereiten sie so bestmöglich auf eine interventionsreiche, schmerzhafte Geburt vor, die ohne medizinische Hilfe nicht bewältigt werden kann. Und dann treten eben diese Ärzte auf, die den Frauen zuvor die Kompetenz, was ihren eigenen Körper und ihre Schwangerschaft betrifft, abgesprochen haben, wundern sich (vielleicht) über die fehlende Gebärkompetenz und „retten“ die armen Frauen aus ihrer misslichen Lage.

Vor einiger Zeit ist mir ein Vergleich untergekommen, der es ziemlich genau auf den Punkt bringt: Wir alle sind froh, dass es die Feuerwehr gibt, wenn wir sie brauchen. Aber niemand würde auf die Idee kommen, die Feuerwehr zu rufen, um eine Kerze auszupusten. Dieses Szenario lässt sich ganz leicht auf die Geburt übertragen und betrifft ebenso die Schwangerschaft. Niemand möchte die Medizin abschaffen, niemand spricht den Ärzten ihr Wissen und ihr Können ab, allerdings sollte es nur da eingesetzt werden, wo es auch tatsächlich notwendig ist.

Eine gesunde Schwangere wird ganz gut ohne medizinische Betreuung durch diese aufregende Zeit in ihrem Leben kommen. Manch eine wünscht sich vielleicht eine Hebamme an ihrer Seite, die bei Fragen und Unsicherheiten kontaktiert werden kann. Im Bedarfsfall wird die Hebamme die ihr anvertrauten Frauen zur ärztlichen Abklärung, zur medizinischen Behandlung weiter verweisen. Aber eben nicht jede schwangere Frau braucht diese Art der Aufmerksamkeit auch.

Schwanger zu sein ist zwar ein außergewöhnlicher Zustand im Leben einer Frau, der ihren Körper vor besondere Herausforderungen stellt, aber eine Schwangerschaft an sich ist keine Krankheit. Und wenn wir nicht krank sind, brauchen wir auch keine medizinische Behandlung. „Ja, aber“, mögen jetzt viele Fachleute einwenden, „wir überwachen und kontrollieren ja nur, damit wir nichts übersehen und Unheil von Mutter und Kind abwenden!“

Regelmäßige körperliche Kontrollen sollen die Sicherheit von Mutter und Kind gewährleisten. Tun sie aber nicht! Ganz im Gegenteil können sie sogar erheblichen Schaden verursachen, wie im Verlauf des Buches immer wieder gezeigt werden wird. Die permanente und grundlose medizinische Überwachung des mütterlichen Körpers ist ebenso abzulehnen wie die kategorische und ideologisch begründete Verweigerung sämtlicher medizinscher Interventionen.

Eigenständiges Denken und kritisches Hinterfragen sind hingegen vorteilhaft, um individuelle Entscheidungen treffen zu können. Was passt für mich und mein Kind? Was ist in der gegebenen Situation notwendig? Was brauche ich und worauf kann ich verzichten? Die Antworten auf diese Fragen werden von Fall zu Fall, von Frau zu Frau unterschiedlich ausfallen.

Die gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen sollten in einer freien und demokratischen Gesellschaft allerdings so gestaltet sein, dass individueller Handlungsspielraum bleibt. In Österreich wird im Zusammenhang mit dem Mutter-Kind-Pass eine Sozialleistung an Gesundheitsuntersuchungen gebunden. Hier wird auf diesen persönlichen Handlungsspielraum durch die Kopplung der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen mit der Auszahlung des Kinderbetreuungsgeldes starker Einfluss ausgeübt. Letztendlich sind es Frauen, auf die der Staat hier zugreifen möchte.

Auch das muss einmal deutlich ausgesprochen werden: Es geht um Frauen, um Frauenleben und Frauenkörper! Es ist der Körper der Frau, der zum Schlachtfeld wird. Es ist der Frauenkörper, über den verfügt wird. Es ist der Frauenkörper, der vermessen, kontrolliert, beurteilt, verurteilt und gegebenenfalls passend gemacht wird. Es ist der weibliche Körper, der manipuliert wird. Die Schwangerenvorsorge wird uns als wohlwollende Leistung von Vater Staat verkauft, der nur das Beste im Sinn hat. Allzu leicht verlieren wir dabei aus den Augen, dass diese Maßnahmen in erster Linie auch der Kontrolle des weiblichen Körpers dienen. Einer Kontrolle, der der männliche Körper nie in einem solchen Ausmaß unterworfen ist. Es gibt keinen Zeitraum im Leben eines gesunden Mannes, der ähnlich stark von Arztbesuchen dominiert ist wie die Zeit der Schwangerschaft im Leben einer Frau.

Diese Form der Manipulation beginnt jedoch schon wesentlich früher: Latente Behandlungsbedürftigkeit und grundlegende Fehlerhaftigkeit werden bereits jungen Mädchen suggeriert. Der erste Frauenarztbesuch findet meist bereits mit Beginn der Pubertät statt. Es geht um die Kontrolle der Menstruation (zu früh, zu spät, zu schmerzhaft, zu kurz, zu lang usw.), Kontrolle der Fruchtbarkeit (Pille, Spirale, Hormonspritze – dass Frauen ihre Fruchtbarkeit auch ganz ohne diese Präparate überwachen können, wird den jungen Frauen verschwiegen, denn dabei verdient niemand etwas), Kontrolle der Schwangerschaft und Geburt bis hin zur Menopause. Und dazwischen bitte mindestens zwei Mal jährlich zur allgemeinen Kontrolle, damit nur ja nichts übersehen wird und die Kasse ordentlich klingelt. Ähnliches ist für den männlichen Körper undenkbar. Für uns Frauen wurde die Gynäkologie erfunden, doch wer geht zum Andrologen?

Nach Auskunft der Österreichischen Ärztekammer sind in Österreich (Stand Oktober 2015) 1.824 Gynäkologen tätig. Demgegenüber stehen 605 Urologen, von denen nur ein geringer Anteil auch als Andrologen tätig ist.

Stellen wir uns doch einmal vor, dass Jungen ab dem ersten Samenerguss zwei Mal jährlich zum Arzt gehen müssten, um das Resultat ihrer Ergüsse auf Leistungsfähigkeit, Menge, Temperatur usw. überprüfen zu lassen. Klingt seltsam, oder? Aber für Mädchen und Frauen ist der regelmäßige Check beim Gynäkologen oder der Gynäkologin eine Selbstverständlichkeit.

Frausein als Krankheit. Schwangerschaft als Krankheit. Wir sind es gewohnt, uns als krankhaft, ungenügend und behandlungsbedürftig zu erleben. Die meisten von uns wurden von Kindheit an in diesem biomedizinischen System sozialisiert. Wir kennen es nicht anders.

Mit gesunden Menschen ist kein Geld zu machen. Doch die Zeit der Schwangerschaft könnte eine gute Gelegenheit sein, um aus diesem System weitgehend auszusteigen. Immerhin geht es nun nicht mehr nur um unsere eigene Gesundheit, um unseren eigenen Körper. Es geht auch und vor allem um das Wohl des Kindes.

Wir sollten selbst die Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, wann und welche Untersuchungen für uns und unsere Kinder notwendig sind.

Meine eigene Geschichte

Ich habe sie gelesen. Ich habe sie alle gelesen. Alle Bücher zu Geburt und Schwangerschaft, die ich finden konnte. Die einen waren hilfreich, die anderen weniger. Auch „Die selbstbestimmte Geburt“ von der wunderbaren amerikanischen Hebamme und Trägerin des Right Livelyhood Award (alternativer Nobelpreis) Ina May Gaskin (vgl. GASKIN 2008) habe ich gelesen, nein, wohl eher verschlungen. Und die selbstbestimmte Geburt wurde zu meinem Leitstern, zum Ziel meiner (Geburts-)Träume.

Selbstbestimmt sollte sie sein, meine nächste Geburt. In den buntesten Farben konnte ich mir diese selbstbestimmte Geburt ausmalen, wie es sein würde, aus eigener Kraft und eigenmächtig dieses Kind zur Welt zu bringen, es durch die Kraft und Weisheit meines Körpers in dieses Leben hinein zu gebären.

Die Geburt. Selbstbestimmt. Schön. Aber fehlt da nicht noch etwas? Die selbstbestimmte Geburt als Ziel – ist nicht eigentlich auch der Weg das Ziel? Der Weg zu einer glücklichen und selbstbestimmten Geburt führt über zehn Lunarmonate (ein Mondmonat = 28 Tage) durch die Schwangerschaft. Und wenn ich eine selbstbestimmte Geburt will, was spricht dann gegen eine ebensolche Schwangerschaft? Oder anders gefragt: Wie kann ich selbstbestimmt gebären, wenn ich die Verantwortung für die Schwangerschaft abgegeben habe? Woher soll ich im Moment der Geburt plötzlich den Mut, das Wissen und das Selbstvertrauen nehmen, um meine Interessen und meine Wünsche in meinem Sinn und im Sinn des Kindes durchzusetzen, wenn ich während der Schwangerschaft nichts darüber gelernt habe?

Die Schwangerschaft kann also als eine Art Probezeit, als Phase des Lernens und Reifens, betrachtet werden, um nach einer selbstbestimmten Schwangerschaft auch eine selbstbestimmte Geburt erleben zu können. Selbstbestimmt war meine erste Schwangerschaft nicht, und auch die erste Geburt war alles andere als das. Aber damals wusste ich von all diesen Dingen auch noch nichts, habe mich dem Medizinsystem anvertraut und wurde bitter enttäuscht. Für die zweite Geburt hatte ich dann ganz konkrete Vorstellungen und wusste vor allem eines ganz genau: Wie ich es nicht mehr haben wollte.

In der Zwischenzeit hatte ich mich zu einer richtigen Medizinkritikerin entwickelt, war gegenüber schulmedizinischen Therapieformen und Behandlungsmethoden ebenso skeptisch eingestellt wie gegenüber Krankenhausgeburten mit all ihren medizinischen Interventionsmöglichkeiten, die in Wahrheit eine natürliche Geburt drastisch erschweren und deren Umsetzung zu einem Lotteriespiel verkommen lassen. Im Krankenhaus selbstbestimmt gebären?

Dass das für mich nicht möglich sein würde, war mir schnell klar. Eine Hausgeburt sollte es also sein. So weit, so gut. Doch bis dahin lag noch ein weiter Weg vor mir. Vor mir und dem ungeborenen Kind in meinem Bauch. Ein Weg, der noch eine Menge Herausforderungen an uns stellen sollte. Den medizinischen Überwachungswahn und die daraus resultierenden Risiken konnte ich durch die Planung einer Hausgeburt zumindest bei der Geburt umgehen. Aber wie sollte ich die Schwangerschaft möglichst unbehelligt überstehen?

Eine Hebamme musste her! Diese war auch schnell gefunden, Hausgeburt und Betreuung in der Schwangerschaft vereinbart und eigentlich alles in bester Ordnung, wären da nicht die – aus meiner Erinnerung an die ersten Schwangerschaft – unzähligen Arztbesuche, die mir in den nächsten Wochen und Monaten bevorstehen würden. Nach der Hebammensuche habe ich mich also mit der Frauenarztsuche beschäftigt. Oder besser gesagt, mit der Frauenärztinnensuche, denn dass ich diesmal nicht wollte, dass ein fremder Mann über meinen Körper bestimmen würde, war mir schnell klar. Doch wo finden, wenn nicht stehlen?

Meine Freundinnen waren diesbezüglich keine große Hilfe. Jede hatte zwar irgendeinen Arzt oder eine Ärztin vorzuweisen, doch eine wirklich gute Empfehlung konnte keine abgeben. Irgendwie waren die wenigsten wirklich zufrieden mit dem Angebot bzw. stellte sich nach kurzem Nachfragen sehr schnell heraus, dass die betreffende Ärztin für mich nicht in Frage kommen würde.

Routineultraschall bei jedem Termin? Haufenweise Nahrungsergänzungsmittel „zur Vorbeugung“? Endlose Diskussionen wegen der geplanten Hausgeburt, die ja für viele Vertreter und Vertreterinnen des Ärztestandes nach wie vor und fälschlicherweise als gefährlich und verantwortungslos bezeichnet wird?

All diese und viele weitere zu erwartende Hürden und Hindernisse wollte ich durch die richtige Wahl der Ärztin bereits im Vorfeld aus dem Weg räumen. Also habe ich mich durch die Weiten des World Wide Web gekämpft, um auf diesem Weg die für mich und mein Baby passende Ärztin zu finden. In Artikeln und einschlägigen Foren bin ich fündig geworden. Besagte Ärztinnen – um ehrlich zu sein, es war sogar ein männlicher Arzt dabei, den ich in meiner fortschreitenden Verzweiflung ernsthaft in Erwägung gezogen habe – waren aber alle bereits auf Monate ausgebucht bzw. waren wegen Überbelagerung durch Patientinnen nicht in der Lage, eine weitere aufzunehmen. Lediglich Kinder von Patientinnen würden noch aufgenommen, hieß es einmal.

Es trifft auf die passende Frauenärztin das zu, was über das Erreichen einer guten beruflichen Position gesagt wird: Du musst die passenden Leute kennen oder – wie in diesem Fall – mit ihnen verwandt sein. Da ich also weder Großmutter, noch Mutter, nicht mal Tante oder Cousine hatte, die bereits auf eine lange Karriere als Patientin in dieser Ordination verweisen konnten, ging meine Suche weiter. Außerdem drängte die Zeit – zumindest scheinbar! Ich wusste zwar mit Sicherheit, dass ich schwanger war, doch die ärztliche Bestätigung für diesen Zustand stand noch aus.

Wie oft hörte ich auf meine freudige Verkündigung der Tatsache meiner Schwangerschaft: Und, warst du schon beim Arzt? So als würde erst durch den Arztbesuch das real werden, was ich ohnehin schon wusste! Ich war also ganz heiß darauf, von einer Ärztin, meinetwegen auch von einem Arzt, einen Stempel zu bekommen, der mir und der ganzen Welt meine Schwangerschaft bestätigen würde. Nie mehr ein verschämtes: Nein, war ich noch nicht, aber ....

In der Zwischenzeit war ich zu dem Entschluss gekommen, dass wohl eine Privatärztin die richtige Alternative für mich sei. Immerhin – so meine naive Vorstellung – würde diese Person von mir, mit meinem Geld für eine Dienstleistung bezahlt, und daher könnte ich über den Umfang dieser Leistung mitentscheiden. Im Internet habe ich also unzählige Homepages studiert und bei einigen wenigen Ärztinnen, die mir sympathisch erschienen, habe ich auch angerufen. Gleich beim ersten Telefonat habe ich darauf hingewiesen, dass ich nur die für die Ausbezahlung des Kinderbetreuungsgeldes notwendigen Untersuchungen durchführen lassen möchte, und gefragt, ob diese Art der Betreuung für die betreffende Ärztin in Frage käme.

Eine Ärztin hat dann auch zugestimmt, und so habe ich mir einen Termin geben lassen. Eigentlich wollte ich erst so um die 15. Woche den ersten Termin, habe mich dann (auch in Hinblick auf den sehnlichst erhofften Stempel, der mir meine Schwangerschaft gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit bestätigen würde) aber überreden lassen, früher zu kommen – unter der Bedingung, dass diese Untersuchung bereits als erste Mutter-Kind-Pass-Untersuchung Berücksichtigung finden würde. Die angebotene Erstuntersuchung wollte ich nicht.

Mittlerweile in Schwangerschaftswoche 8 angelangt, pilgerte ich also – in der Annahme, meinen Willen mehr oder weniger durchgesetzt zu haben – zur ersten Mutter-Kind-Pass-Untersuchung. 130 Euro Bargeld hatte ich in der Tasche, die mich der Besuch in der Privatpraxis kosten würde.

Ein offensichtlich nicht zu unterschätzender Vorteil der Privatordination: verlässliche Termine. Es erwartete mich keine ein- bis eineinhalbstündige Wartezeit, sondern lediglich einige Minuten im schick eingerichteten und gepflegten Wartezimmer. Dann wurde ich bereits in den Behandlungsraum gebeten. Ebenfalls alles äußerst geschmackvoll, schick und, was das medizinische Equipment betrifft, vor allem auf dem technisch neuesten Stand eingerichtet.

Doch was dann folgte, war die pure Ernüchterung. Nämlich die Offenbarung, dass ich ohne Ultraschall meinen ersehnten Mutter-Kind-Pass nicht bekommen würde. Frau Doktor konnte die Schwangerschaft anders nicht feststellen, und außerdem mochte sie sich für die Berechnung des Geburtstermins nicht auf meine alleinigen Aussagen verlassen.

Was sollte ich tun? Einen für mich – und übrigens auch für den Mutter-Kind-Pass – unnötigen Vaginalultraschall durchführen lassen oder umsonst 130 Euro bezahlen und ohne Mutter-Kind-Pass wieder nach Hause gehen? Geld regiert die Welt, also Augen zu und durch! Nach der für mich sehr unangenehmen Untersuchung verkündete mir die Frauenärztin stolz den erwarteten Geburtstermin. Und welch Überraschung: Dieses Datum hatte auch ich bereits im Vorfeld errechnet, und zwar ohne diese unnötige Untersuchung.

Warum ich ein weiteres Mal in diese Ordination gegangen bin? Vielleicht könnte man mich als vorsichtig optimistisch bezeichnen oder vielleicht lag der Grund einfach in der nach wie vor fehlenden Alternative. Die empfohlene Nackenfaltenmessung konnte ich verhindern, nicht jedoch ohne darüber „aufgeklärt“ werden zu müssen, dass diese Untersuchung für die Gesundheit meines Kindes von Bedeutung sei und sie als Medizinerin keinerlei Verantwortung (für was auch immer) übernehmen könne. Machte nichts, die übernahm als Bauchbesitzerin ja sowieso ich.

Bei der nächsten verpflichtenden Untersuchung gab es dann, wie bereits erwartet, eine rege Diskussion über die Sinnhaftigkeit des oGTT, also des Zuckerbelastungstests. Zum Zeitpunkt der Untersuchung war dieser Test seit wenigen Wochen für alle schwangeren Frauen verpflichtend. Ich hatte mich im Vorfeld grundlegend darüber informiert und war der Meinung, dass dieser Test für mich und mein Kind nicht notwendig sei.

Aber meine Ärztin war da natürlich anderer Meinung. Ich konnte mir anhören, dass sich die Experten (offensichtlich besonders fürsorgliche Männer) ja etwas dabei gedacht hatten, als sie diese Zwangsbeglückung für die allgemeine Masse der schwangeren Frauen beschlossen hatten. Und auch die Geschichte einer Frau, die gertenschlank in die Praxis kam, deren Test komplett unauffällig gewesen war und die trotzdem am Ende der Schwangerschaft (also erst lange nach dem Zwangstest) einen Diabetes entwickelt hatte, bekam ich zu hören.

Ich fragte in leicht sarkastischem Ton, wie dann trotzdem entdeckt worden sei, dass mit der guten Frau etwas nicht stimmte. Und offenbar wurde der Frauenärztin in diesem Moment klar, dass sie mir mit ihrer Angstmachgeschichte eigentlich ein Argument gegen die Sinnhaftigkeit dieses Tests geliefert hatte, denn als Antwort bekam ich zu hören: „Ich diskutiere nicht mit Ihnen!“

Immerhin konnten wir uns dann doch darauf einigen, dass sie mir den oGTT zwar ans Herz legte, ich ihn aber nicht machen musste und trotzdem den Stempel in den Mutter-Kind-Pass bekommen würde. Ich dachte: Fein, her damit und auf Nimmerwiedersehen.

Doch falsch gedacht: Frau Doktor hatte noch einen Trumpf im Ärmel. Nachdem mir mehr als deutlich das Gefühl vermittelt worden war, verantwortungslos zu handeln, wurde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass jetzt wieder ein Ultraschall anstehen würde. Sehr zuversichtlich, diesen umgehen zu können, weil selbst laut Mutter-Kind-Pass-Verordnung erst wieder bei der nächsten Untersuchung ein von der Krankenkasse bezahlter Ultraschall auf dem Plan stand, sagte ich laut und deutlich: „Nein!“ Und damit war der Kampf offenbar erst richtig eröffnet.

Schamlos nutzte die Ärztin aus, dass ich sie privat bezahlen musste. Ihre im Falle einer Verweigerung meinerseits kostspielige Alternative lautete daher: Entweder Ultraschall oder kein Stempel in den MKP. Ich versuchte, ihr klarzumachen, dass ich mit absoluter Sicherheit wusste, dass ich zu diesem Ultraschall nicht verpflichtet werden konnte. Aber ich hatte die Rechnung ohne meine Ärztin gemacht: Sie sei verpflichtet, so entgegnete sie mir, zu kontrollieren, ob das Kind noch lebe.

In diesem Moment ging es wohl nur noch um Macht und Kontrolle, denn ich versicherte ihr mehrmals, dass mein Kind noch lebe. Schließlich trat und boxte das Kind in meinem Bauch ständig und war inzwischen ähnlich in Rage wie ich selbst. Hätte die Medizinerin auch nur ein Mal ihre Hand auf meinen Bauch gelegt, hätte sie die kräftigen Kindsbewegungen spüren können.

Entnervt gab ich auf. Die Frauenärztin bestand auf ihr technisches Diagnosegerät und demonstrierte mir – und wahrscheinlich vor allem sich selbst – ihre Macht über meinen Körper mit einem 3-Sekunden-Ultraschall: „Alles in Ordnung, Kind lebt!“, lautete der wenig überraschende Befund. Die Sache mit dem Vertrauensverhältnis zwischen Ärztin und Patientin hatte sich komplett erledigt. Das war daher auch mein letzter Besuch in dieser Praxis. Irgendwo musste es doch eine menschliche und einfühlsame Ärztin geben, die nicht an ihre fachlichen Grenzen stoßen würde, wenn man ihr den Gynäkologenstuhl und das Ultraschallgerät wegnähme, hoffte ich insgeheim.

Und tatsächlich: Ich habe diese Ärztin dann doch noch gefunden und die restlichen für den Bezug des Kinderbetreuungsgeldes verpflichtenden Untersuchungen bei ihr durchführen lassen. Einer praktischen Ärztin, die nicht nur selbst Hausgeburtsmutter ist, sondern auch für ihre Patientinnen individuell passende und alternative Lösungen sucht. Meine zweite Schwangerschaft verlief insgesamt zwar ohne größere Probleme, und ich habe weniger Untersuchungen über mich ergehen lassen als in der ersten, doch die negativen Erfahrungen mit der Privatärztin und der damit verbundene psychische Stress haben mich zum Nachdenken angeregt.

Das Gefühl, nicht selbst über meinen Körper bestimmen zu können, kannte ich nur zu gut von der ersten Geburtserfahrung im Krankenhaus. Und dieses Gefühl hatte sich bei den verpflichtenden Untersuchungen während der zweiten Schwangerschaft wiederholt. Doch ich wollte mich nicht wieder ausgeliefert fühlen und hatte für mich einen Zusammenhang zwischen dem Aufgeben der Autorität über meinen Körper während der Schwangerschaft und dem Ausgeliefertsein während der Geburt erkannt.

Daher beschloss ich, dass nur ich die Expertin für meinen Körper war. Schließlich wollte ich selbstbestimmt gebären! Ich lebe in diesem Körper. Ich weiß, wie sich mein Körper anfühlt, und ich weiß auch, wenn etwas nicht stimmt. Dann – und nur dann – bin ich froh und dankbar über die Möglichkeiten der modernen Schulmedizin sowie ihre technisch hochentwickelten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten.