Heiko Wenner

Nur für einen selbst bestimmt.

Ein einzigartiges Lied

Nur für einen selbst bestimmt.

Heiko Wenner

Vorwort

„Wenn auf der Pazifikinsel Togo ein Kind geboren wird, führen die Frauen des Dorfes mit der Mutter zusammen ein Ritual aus. Sie nehmen ihr Baby mit in den Wald und versammeln sich um das soeben angekommene Wesen. Sie sitzen bei dem Kind, spüren den einzigartigen Spirit des Neugeborenen und in einem bestimmten Moment produziert eine der Frauen einen Ton. Eine andere Frau fügt einen Ton hinzu, eine weitere schließt sich den beiden ersten an, und so entwickelt sich unter den Versammelten allmählich ein Lied, das völlig einzigartig und nur für das Baby bestimmt ist.

Solange das Kind lebt, an seinen Geburtstagen und anlässlich anderer, rituell wichtiger Zeitpunkte versammeln sich die Frauen und singen das Lied. Und wenn das Kind etwas Böses tut oder krank wird, wird es nicht bestraft oder medizinisch behandelt, sondern die Frauen versammeln sich bei ihm und singen das Lied, um es daran zu erinnern, wer es ist. Auf diese Weise wird der Verlauf des Lebens dieses Wesens während seines ganzen Lebens mithilfe seines Liedes unterstützt.

Und stirbt dieser Mensch, singt die Gemeinschaft, in der er gelebt hat, sein Lied ein letztes Mal, und danach wird es nie mehr gesungen.“

(aus dem Buch:

„Die Heldenreise“, Stephen Gilligan und Robert Dilts)

Dies ist eine wunderschöne Zeremonie, die mich nachdenklich stimmte, denn seit dem ich mich erinnern kann, pfeife oder singe ich zu gewissen Gelegenheiten eine von mir erfundene Melodie still und leise vor mich hin.

Wer bin ich?

Diese Frage hatte ich mir schon als kleines Kind sehr häufig gestellt und bekam weder von meinen Eltern, noch von meinen Großeltern eine ausreichende Antwort.

Bestimmt braucht es auch seine Zeit und eine gewisse Reife und Offenheit, um auf die tiefgehende Frage über den Sinn seiner Existenz eine Antwort zu finden.

Eines Tages stellte ich mir während einer Meditation genau diese Frage „Wer bist du?“ und bekam darauf folgende Antwort:

Ich bin das Leben, ich bin der Tod.

Ich bin die Freude, ich bin die Trauer.

Ich bin die Liebe, ich bin die Gleichgültigkeit.

Ich bin das Licht, ich bin die Dunkelheit.

Ich bin die Wärme, ich bin die Kälte.

Ich bin die Stille, ich bin das Getöse.

Ich bin das Sanfte, ich bin das Aggressive.

Ich bin die Freiheit, ich bin die Abhängigkeit.

Ich bin der Richter, ich bin der Kläger.

Ich bin das Gute, ich bin das Böse.

Ich bin der Frieden, ich bin der Krieg.

Ich bin die Macht, ich bin die Ohnmacht.

Ich bin die Kraft, ich bin die Schwäche.

Ich bin der Erfolg, ich bin das Versagen.

Ich bin die Wahrheit, ich bin die Lüge.

Ich bin die Treue, ich bin die Untreue.

Ich bin die Güte, ich bin die Strenge.

Ich bin die Lösung, ich bin das Hindernis.

Ich bin die Gegenwart, ich bin die Abwesenheit.

Ich bin der Makrokosmos, ich bin der Mikrokosmos.

Ich bin überall, ich bin nirgendwo.

Ich bin „Alles“, und ich bin „Garnichts“.

Das sind meine Erkenntnisse aus einer göttlichen Eingebung im September 2017. (Heiko Wenner)

Die Prägejahre

Meine Schulzeit

Der Beginn der Lehrzeit

Meine Zeit bei der Luftwaffe

Mein Leben als Projektkoordinator in Zentralbosnien

Wieder zurück in der Heimat

Der Weg zur Bestimmung

Heiko Wenner

Höchst im Odenwald, Im Februar 2019

Teil 1

Die Prägejahre

 

Die Prägejahre

Mein Name ist Heiko Wenner und viele kennen mich unter meinem Pseudonym „Der Schamane aus dem Odenwald“.

Ich wurde am 22.06.1960 um 05:05 Uhr im Marien-Hospital in Darmstadt als uneheliches Kind geboren. Meine Mutter, Erika Grube gab mir die Vornamen Heiko Gottfried Ernst.

Der Geburtsurkunde wurde folgender Text nachträglich handschriftlich hinzugefügt:

„Darmstadt, den 18. Oktober 1960. Der Kraftfahrer Ernst Wenner, geboren am 24. Mai 1938 in Biebesheim, Landkreis Groß-Gerau, wohnhaft in Biebesheim, Gernsheimer Weg 13, deutscher Staatsangehöriger, hat am 1. Juli 1960 vor dem Standesamt Biebesheim (Nr. 23/1960) die Ehe mit der Mutter des Kindes geschlossen. Das Kind ist laut rechtskräftigem Beschluss des Amtsgerichts Groß-Gerau vom 15. Juli 1960 (4 VII G 475/60) ehelich geworden. Der Standesbeamte. I.V. Manneschmidt.“

Gemäß den Aussagen meiner Großmutter Rosa Grube wusste keiner aus der Familie etwas über die Schwangerschaft meiner Mutter, noch über meine Geburt. Ich wurde sozusagen verheimlicht und bis zu meinem weltlichen Erscheinen totgeschwiegen. Mein Dank gilt meiner Mutter, die trotz der damals schweren Bedingungen und schlechten Voraussetzungen, mir das Leben schenkte.

Mein Vater hat sich erst später zu mir bekannt, indem er meine Mutter heiratete. Er war zum damaligen Zeitpunkt bei der Baufirma Schäfer als Kraftfahrer und Maschinist beschäftigt.

Meine Eltern wohnten zunächst auf engstem Raum in einem ausgebauten Schuppen im Hinterhof meiner Großeltern. Am 18.09.1961 kam dann mein Bruder Thorsten zur Welt. Wie ich später von meinem Vater erfuhr, hätte sich meine Mutter ihr Leben etwas anders vorgestellt. Sie wollte ursprünglich einen gebildeten, studierten Mann mit viel Geld heiraten und hatte nun einen ungebildeten, hart schuftenden Bauarbeiter zum Ehemann und dazu noch zwei Kinder am Hals.

Ich bekam den Frust meiner Mutter sehr zu spüren. Das Kinderzimmer grenzte direkt an die Küche an. Mein Vater arbeitete schwer und kam abends erst spät nach Hause, so dass wir zu dieser Zeit meist schon im Bett lagen. Meine Mutter war wohl mit unserer Erziehung total überfordert und so kam es, dass Sie den Tagesablauf und damit hauptsächlich auch die Dinge, die nicht so gut liefen, meinem Vater erzählten. So lange das Licht noch unter der Zimmertür durchschimmerte lag ich wach im Bett und warteten darauf, Dresche zu bekommen. Erst wenn das Licht aus war, konnte ich beruhigt die Augen schließen. Wie schrecklich das für mich war, konnte sich meine Mutter mit Sicherheit in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen. Sie war zu diesem Zeitpunkt mein größter Feind. Eine Mutter, die eigentlich ihre Kinder schützen sollte, entpuppte sich als Verräterin.

Und weil dem so war, hielt ich mich sehr häufig tagsüber bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof auf. Hier hatte ich meine Ruhe und meine Großmutter Elisabeth war sehr gutmütig und geduldig mit mir.

Meine Großmutter Rosa, die auch eine sehr gütige und ausgeglichene Frau war, erzählte mir, dass meine Mutter mich oft zu Arztbesuchen und zu Gelegenheiten, wo Sie schon vorher wusste, dass Sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen musste, mitnahm. Wenn Sie die Wartezeit verkürzen wollte, dann kniff sie mir so lange in den Hintern, bis ich anfing aus Leibeskräften zu schreien. Schreiende Kinder mag man nicht, sie nerven. So kam es, dass sie regelmäßig vorgelassen wurde. Ich war also in dieser Angelegenheit ihr Mittel zum Zweck.

Als ich dann schon etwas älter war, drohten mir meine Eltern auch des Öfteren mit den Worten „Wenn du nicht lieb und brav bist, dann kommst du ins Kinderheim“. Gesagt getan, am Mittagstisch war es dann mal wieder so weit. Meine Eltern meinten, ich wäre ungezogen gewesen und müsse jetzt ins Kinderheim. Ich war damals zwischen 4 und 5 Jahre alt und beschloss in mein Zimmer zu gehen, um mein Köfferchen zu packen. Erwartungsvoll mit den Worten „Ich möchte jetzt ins Kinderheim“ stand ich mit gepacktem Koffer vor ihnen. Erstaunt blickten sie mich an, ließen mich aber geschickt mit den Worten „wir lassen noch einmal Gnade vor Recht ergehen, aber nächstes Mal ist es dann so weit“ in der Küche stehen. Als ich hartnäckig darauf drängte jetzt ins Kinderheim gehen zu dürfen, bekam ich eine Ohrfeige und musste auf mein Zimmer gehen.

Natürlich erkannte ich damals schon ihre Strategie über unangenehme Dinge nicht reden zu wollen und sie gar zu verdrängen, denn ein Problem was man nicht sah, gab es halt nicht und man musste sich diesem Problem auch nicht stellen oder gar über eine Lösung nachdenken. Diese Begebenheit blieb mir bis heute in guter Erinnerung.

Auf dem Bad-Dürkheimer Wurstmarkt spielte sich beim Abendessen in einem Restaurant eine tragische Geschichte ab, die meinem Bruder und mir bis heute nachhaltig in schrecklicher Erinnerung blieb.

In den 60er Jahren gab es noch viele Menschen, die vom Krieg gezeichnet waren. Ein kleiner Mann auf Stümpfen kroch durch das Restaurant und bettelte um Geld. Mein Bruder sah dies und fragte meinen Vater, warum dieser Mann so klein wäre und nicht richtig laufen könne. Mein Vater entgegnete meinem Bruder: „Lügen haben kurze Beine“ und wenn du lügst, dann wird es dir wie diesem Mann ergehen. Mein Bruder bekam daraufhin einen entsetzlichen Weinkrampf und mein Vater begann lauthals zu lachen. Diese schreckliche Geschichte erzählt mein Vater heute noch oft in geselliger Runde und freut sich dabei herzlich über seine gelungene Tat. Meinem Vater ist bis zum heutigen Tag nicht bewusst, was er damit angerichtet hatte. Meinem Bruder und blieb dieses traumatische Erlebnis bis heute in schlechter Erinnerung.

Am Nikolaustag kam zu uns immer Knecht Ruprecht, gespielt von meinem Onkel Georg. Er kam mit Ketten und Stricken und knebelte uns erst einmal am Küchentisch fest, bevor er die Frage stellte, ob wir denn schön brav gewesen wären. Diese Frage hatte sich eigentlich mit seiner Knebelveranstaltung schon erübrigt und uns blieb gar keine andere Wahl, die ein oder andere unangenehme Geschichte mit weinerlicher Miene zu erzählen.

Das Knebeln und Festbinden war auch bei meinem Vater eine gängige Sache. Im Sommer nahm er mich mit zur Kiesgrube, bei der seine Firma Schäfer die Schürfrechte hatte. Ich war damals 4 oder 5 Jahre alt. Mein Vater musste dort arbeiten und hatte wohl Angst, dass ich ins Wasser fallen könnte, denn ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht schwimmen. So steckte er mich bei glühender Hitze in eine Wellblechhütte, die als Lager diente und knebelte mich sicherheitshalber noch mit einem Strick an einem Balken fest, so dass ich nicht in der Lage war, mich zu befreien. Ich konnte mich kaum bewegen und war schweißgebadet, als er mich wieder endknebelte. Ich dürfte so 3 bis 4 Stunden in dieser schrecklichen Position verbracht haben. Es war eine schier endlose Qual für mich, aber ich lies mir nichts anmerken.

Solche und ähnliche Situationen formten mich und zählten zu meinem täglichen Überlebenskampf. Ich entwickelte zunehmend die Überlebensstrategie alles erst einmal hinzunehmen, denn sich dagegen zu wehren, machte die Situation meist noch schlimmer. Ich ließ mir keine Schmerzen anmerken, schrie und weinte nicht, wenn mein Vater mich verprügelte. Diese Jahre prägten mich sehr und ich entwickelte mich innerlich unweigerlich immer mehr zum Rebellen, Einzel- und Widerstandskämpfer.

Urlaub in Thann 1965
(Ich mit meinem Bruder rechts)

Ab und zu hatte ich während dieser Zeit des Nachts Träume von Menschen die ich kannte und die vom weltlichen Geschehen abschied nahmen. Einmal erzählte ich meinen Eltern von einem Mann namens Sihorsch. Er betrieb mit seiner Familie einen Bauernhof in der Nähe von München wo wir oft Urlaub machten. Ich sah in dieser Nacht wie er starb. Meine Eltern lachten darüber und nahmen mich wie immer nicht ernst, waren aber sehr überrascht, als sie nach einer Woche die Nachricht erhielten, dass dieser Mann genau in dieser Nacht verstorben war.

Ich, im Kindergarten

Ich war als Kind sehr oft alleine und hatte auch kein großes Interesse mit anderen Kindern zu spielen. Meine Mutter arbeitete mittlerweile als Erzieherin im evangelischen Kindergarten in Biebesheim. Zwangsläufig musste ich mit in den Kindergarten und an den langweiligen Geschehnissen teilnehmen. Viel lieber wäre ich bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof geblieben. Mit den Tieren hatte ich viel Spaß und manchmal durfte ich auch mit aufs Feld und den Traktor fahren. Die Kindergartenzeit ging glücklicherweise schnell vorbei. Es blieb mir nur ein Ereignis in Erinnerung. Es war zur Nikolauszeit und abends stand bei uns zu Hause wieder die Knecht-Ruprecht-Nummer an. Ein gleichaltriges Kind erzählte im Kindergarten am Vormittag vor dem abendlichen Ereignis, dass es gar keinen Nikolaus gäbe und dass alles gelogen wäre. Ich glaubte ihm nicht und rannte weinend zu meiner Mutter. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was eine Lüge war und dass ein Mensch einen anderen Menschen belügen konnte.

Meine Großmutter Rosa

Das abendliche Ereignis nahm seinen Lauf. Knecht Ruprecht kam, aber dieses Mal übernahm meine Großmutter Rosa die Rolle, da mein Onkel Georg wegen Krankheit ausfiel.

Meine schon damals herzkranke Großmutter versagte an diesem Abend kläglich. Der angeklebte Bart fiel ihr vom Gesicht und somit flog das ganze Schauspiel auf. Ich schaute meine Großmutter wohl mit großen verwunderten Augen an. Die Aktion musste daraufhin sofort abgebrochen werden, da meine Oma bei dieser Darbietung einen Herzanfall erlitt. Sie musste gestützt von meinen Eltern nach Hause gebracht und vom Arzt versorgt werden.

Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, was eine Lüge und ein Vertrauensbruch war.

Zu Ostern bekamen wir immer auch einige Schokoladenosterhasen geschenkt. Mein Vater machte nach den Osterfeiertagen ein richtiges Schlachtritual daraus. Er packte einen Osterhasen nach dem anderen aus, nahm ein scharfes Messer und setzte dieses an der Kehle des Schokoosterhasen an. Dann schrie er aus Leibeskräften und schnitt dabei den Kopf des Hasen ab. Danach war mir der Appetit auf Schokolade vergangen, denn bildlich sah ich in diesem Moment des Abschlachtens einen richtigen Hasen vor meinem geistigen Auge.

Mit meinem Bruder verstand ich mich im Allgemeinen ganz gut. Wir spielten oft zusammen in unserem kleinen Kinderzimmer. Eines Tages ärgerte er mich so maßlos und brachte mich so in Rage, dass ich meinen Bleistift, den ich gerade zum Malen in der Hand hielt in seine Kniescheibe rammte. Unglücklicherweise brach die Spitze dann auch noch ab und blieb im Knie stecken. Erst Jahre später bekam er dieses Andenken an mich während seiner Bundeswehrzeit herausoperiert.

Sage mir mit wem Du gehst und ich sage Dir wer Du bist

Ich hatte damals einen Freund namens Norbert, mit dem ich gut spielen konnte. Eines Tages erklärten mir meine Eltern, dass es nicht gut wäre mit Norbert zusammen zu sein. Die Familie wäre wegen der vielen Kinder asozial und Norbert kein guter Umgang für mich. Mit den Worten: „Sage mir mit wem du gehst und ich sage dir wer du bist“, beendeten meine Eltern mein Missfallen und ich durfte von dieser Minute an nicht mehr mit Norbert spielen. Ich begriff lange nicht warum meine Eltern so handelten und musste über diese traurige Nachricht oft weinen. Erst später erkannte ich, welche Auswirkungen diese Floskel auf mein Leben haben sollte. Dieser Satz prägte sich so in mein Gedächtnis ein, dass ich ihn bis zum heutigen Tag nicht vergessen konnte. Immer wenn ich damals jemanden zum Spielen mit nach Hause bringen wollte, fragte ich vorher meine Eltern, ob derjenige denn recht genug für sie wäre und ich ihn nach Hause mitbringen dürfe. Auch bei meinen ersten Beziehungen spielte dieser Satz eine wesentliche Rolle. Ich checkte immer im Vorfeld schon ab, ob dieses Mädchen denn für meine Eltern und erst zu guter Letzt für mich, die richtige sein würde. Erst Jahre später erkannte ich, in welche fatale Falle ich da getappt war. Ich entschied bislang nicht für mich, sondern in erster Linie im Sinne des Wohlgefallens meiner Eltern.

Ab diesem Zeitpunkt entschied ich, alles anders zu machen und jeden Menschen gleich zu behandeln. Dies blieb bis heute so. Ob reich oder arm, alle werden bei mir nach dem Gleichbehandlungsprinzip behandelt.