cover

Mein Hund ist gestorben. Ich begrub ihn im Garten neben einer alten, verrosteten Maschine. Dort, nicht weiter unten, nicht weiter oben wird er sich einmal mit mir vereinen. Und ich, Materialist, der nicht daran glaubt, dass es den verheißenden himmlischen Himmel für irgendeinen Menschen gibt, glaube für diesen Hund an den Himmel. Ja, ich glaube an einen Himmel, in den ich nicht komme, doch wo er mich erwartet, seinen Fächerschwanz schwenkend, damit es mir bei der Ankunft nicht an Freundschaft fehle. – PABLO NERUDA

Also, ich glaub ja nicht an ein Weiterleben nach dem Tode, jedenfalls nicht so, wie man sich das so vorstellt, und ich sag immer, wenn schon, dann will ich in den Hundehimmel. – ELISABETH MANN BORGESE

Christine Metzger lebt und arbeitet in München. Nach dem Studium war sie als Lektorin in zwei renommierten Großverlagen in München und Köln tätig. Seit 1985 ist sie selbständige Journalistin, Herausgeberin und Autorin. Diverse Publikationen in Tageszeitungen, Magazinen und beim Rundfunk, zahlreiche Buchveröffentlichungen vor allem zum Thema Reise. Bei ihr zu Hause wurde gebellt, seit sie denken kann.
www.christine-metzger.de

CHRISTINE METZGER

BELL ICH
BIN ICH

BELLERTRISTIK

Books on Demand

© 2010 Christine Metzger

Illustration: Ingeborg Metzger-Klett

Herstellung und Verlag:

Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-8482-6566-4

Inhalt

Prolog im Himmel

Weit, weit weg im Hundehimmel

Wer will mich?

Genesaret

Der Unruch

Benjamin tritt vor seinen Geschmacksrichter

Zungenlöser und Wolff

Bebellt und behaust

Die Konferenz der Boxer

Der Spießerrutenlauf

Der Besuch der alten Amsel

Esskapaden

Es stinkt zum Hundehimmel

Nasentrost

Monotonie und Polyphonie

Putschi befürchtet eine Ärgerwelle

Haus ohne Namen

Die Entdeckung des Hundehimmels

Waunachten mit Schingl

Blumen im Schnee

Nichts ist so süß, nichts brennt so heiß

Blaue Bohnen, blaues Wunder

Der Zögling Benjamin

Auf die Hand gekommen

Happy End, natürlich

für meine Mutter

Für ihre konstruktive Kritik und
freundschaftliche Unterstützung
bedanke ich mich bei Margarete Graf
und Renate Schober.

Prolog im Himmel

Wer in der Statistik des Hundehimmels blättert, die nur sehr wenigen Menschen zugänglich ist, wird feststellen, dass in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 2001 auf dem Planeten Erde genau 2829 Hunde starben. Mannigfache Todesursachen sind aufgeführt, Daten, Namen, Orte, die nicht von Interesse sind. Lesenswert hingegen ist die Rubrik »Besondere Bemerkungen«. Denn dort wird man finden, dass es nur einen einzigen Hund gab, der sein Leben mit einem Bellen beendete. Und das war der Hund Benjamin. Über den weiterhin geschrieben steht: »bester Freund seines Frauchens« und »hervorragender Buddler, Großmeister in der Kunst des Bellcanto«.

Statistiken lügen. Aber nicht die des Hundehimmels. Benjamin war ein exzellenter Beller und hatte im Lauf seines Lebens keine Gelegenheit ausgelassen, seine Kunst zu perfektionieren: Er bellte, wenn er vor die Haustür trat. Er bellte in Bahnhofshallen und Passagen, wo das Echo besonders schön war. Traf er Menschenfreunde, bellte er. Gab es Anlass zur Empörung – man hörte von ihm. Doch das kam selten vor. Er hatte Frauchen gut erzogen und in der Regel verlief alles zu seiner Zufriedenheit. Und so bellte er aus purer Lebensfreude. Die Welt sollte wissen, dass er, Benjamin Metzger, da war und dieses Dasein in vollen Zügen genoss.

Mehr als 13 Jahre währte Benjamins Bell Epoque und sie fand ein würdiges Ende: Er starb, wie er gelebt hatte. Mit einem Bellen.

Diese, seine letzten Beller, aber waren von ganz besonderer Art. So kurz, so hoch, dass sie sich schneller als der Schall ausbreiteten, durchs Weltall und weit darüber hinaus drangen und erst verstummten, als sie bewirkt hatten, was kunstvolles Bellen bewirken soll: Ein Aufhorchen.

Der Mann, der aufhorchte, saß gerade beim Abendessen, als das Bellen ihn erreichte. Er hieß Charly, hatte den Planeten Erde schon vor einigen Jahren verlassen und war, da er sich immer bemüht hatte, ein anständiger Mensch zu sein, in den Himmel gekommen. Direkt und unter Umgehung sämtlicher Röstprozeduren im Fegefeuer.

Charly fühlte sich wohl im Himmel. Er musste nicht frohlocken, und es gab keine Kleiderordnung, so dass er nach wie vor seine Overalls tragen konnte, die schon auf der Erde sein Markenzeichen gewesen waren. Das Bier war so wie er es liebte: zimmerwarm. Und jeder Schluck schmeckte wie der erste. Charly traf alte Freunde und fand neue, er lachte viel und sorglos. Und, was er am meisten schätzte: Er hatte endlich die Gelegenheit, mit seinem Freund Peppo all jene Zeichentrickfilme zu machen, die sie sich schon auf der Erde ausgedacht, aber wegen fehlenden Budgets nie realisiert hatten.

Charly befand sich also im Zustand der Seligkeit, die nur durch einen einzigen, aber gravierenden Umstand getrübt wurde: Im Himmel war Tierhaltung verboten. Abgesehen von ein paar Schmetterlingen, die man aus dekorativen Gründen flattern ließ, sowie einem Löwen und einem Schaf, die im Wildgehege beim Wirtshaus »Zum Paradies« gehalten wurden und einander stumpfsinnig anglotzten, gab es keine Lebewesen außer denen, die sich für die Krone der Schöpfung halten.

Charly fand diesen Zustand untragbar. Auf Mücken, Wanzen und Blutegel konnte er gut verzichten, aber dass die besten Freunde des Menschen aus dem Elysium verbannt waren, empörte ihn. Und nicht nur ihn: Zahlreiche Gleichgesinnte hatten sich zusammengeschlossen und zogen regelmäßig demonstrierend durch die himmlischen Gefilde. »Ohne Katz ist der Himmel für die Katz«, skandierten die einen. »Schluss mit dem Hundeleben«, forderten die anderen. »Ein Himmel ohne Hunde ist kein Himmel!«

Die Heerscharen, denen die Verwaltung des Himmels oblag, ließen solche Unmutsäußerungen kalt. Wann immer die Tierfreunde mit neuen Petitionen zur »Aufhebung des Verbots der Tierhaltung« ankamen, erhielten sie dieselbe Antwort: Es gäbe da eine alte Entscheidung, dass Tiere keine Seele haben, und vielleicht wäre es an der Zeit, das zu revidieren, aber das sei Chefsache und da seien sie, die Heerscharen, nicht zuständig. So eine Verfassungsänderung könne nur Gott durchführen.

Gott aber ließ sich nicht blicken. Es gab Gerüchte, dass er sich zurückgezogen habe, um Pläne für eine neue Schöpfung zu entwickeln. Diesmal in fünf Tagen, hieß es, am Samstag, das habe er geschworen, würde er ganz bestimmt keinen Tonklumpen in die Hand nehmen. Gerüchte, wie gesagt. Tatsache aber war: Kein Gott, keine Verfassungsänderung, keine Tiere. Bis in alle Ewigkeit.

Auch mit der Unterstützung der Hunde und Katzen konnten die Tierfreunde nicht rechnen. Die Vierbeiner waren rundum zufrieden und hätten nie eine Pfote gerührt, um sich Zutritt zum Menschenhimmel zu verschaffen. Warum auch? Sie lebten in eigenen autonomen Reichen und welche Menschen das Privileg ihrer Gesellschaft genießen durften – das entschieden sie. So war es festgelegt in den Vereinbarungen, die die Tiere die »Rein oder Raus Regeln« nannten, während die Heerscharen vom »Regelwerk über die bilateralen Beziehungen zwischen den Himmeln der Menschen und der Tiere« sprachen.

Diese Gesetze waren schon vor Äonen erarbeitet worden. Damals, als Gott sich noch kümmerte. Zwar hatten es die Heerscharen geschafft, hie und da bürokratische Unsinnigkeiten hinzuzufügen, aber im Grunde waren die Regeln klar und einfach: Erschien ein Mensch an der Himmelspforte, der von seinen Tieren erwartet wurde, öffnete sich ein regenbogenfarbenes Tor. Dahinter lag eine riesige Wiese, voll mit Tieren, die gekommen waren, um ihre Frauchen oder Herrchen abzuholen und sie heimzuführen. Zu sich in den Himmel.

Anders lag die Sache, wenn ein Mensch auf der Erde kein Tier besessen hatte, nun aber endlich mit einem vierbeinigen Freund zusammenleben wollte. In diesem Fall blieb nur der Weg über das Menschheim. Dorthin gingen Menschen, die einen guten Platz suchten, und die Tiere, die einen Zweibeiner halten wollten, hatten die Wahl.

Auch Charly gehörte zu jenen, die im Jargon des »Regelwerks« MoT hießen: Mensch ohne Tier. Als Kind hatte er keinen Hund halten dürfen, und als er sein eigner Herr war, bot ihm das Leben keinen Raum, um die Rolle eines verantwortungsvollen Herrchens zu übernehmen. »Später«, hatte Charly immer gesagt, »später, wenn ich Zeit habe, dann will ich einen Hund. Für ein Tier muss man Zeit haben. Wenn man sich nicht richtig um so einen kleinen Kerl kümmern kann, ist es nur Egoismus.« Hochanständig. Das war Charly. Und er zahlte seinen Preis dafür: Sein Leben verging, es gab kein »Später« mehr.

Als Charly in den Himmel kam, hatte er sich gleich der Gruppe der Hundefreunde angeschlossen und sich mit dem Enthusiasmus des Neulings dem Verfassen von Petitionen gewidmet. Dass dies ein fruchtloses Unterfangen war, erkannte er bald, aber trotzdem ließ er kein Treffen aus, denn sie fanden in seiner Lieblingswirtschaft statt, der »Kleinen Streicheleinheit«.

Die »Kleine Streicheleinheit« lag an der Grenze zwischen dem Menschen- und dem Hundehimmel in einem weitläufigen Garten. Überall, auf den Wiesen, unter den Büschen und zwischen den Bäumen lagen zerfetzte Decken, Bälle, ramponierte Stofftiere, Quietschis und angekaute Stöcke herum. Aber diese Unordnung war nicht der Grund, warum das weite Areal durch hohe Hecken nach außen abgeschirmt war und nur zwei bewachte Zugänge besaß. »Excoelitoriales Gebiet« stand über dem Drehkreuz, durch das die Zweibeiner traten, misstrauisch beäugt von drei Heerscharen, die zu den besonders dünnlippigen Exemplaren gehörten.

Über den Zweck der »Kleinen Streicheleinheit« gab das »Regelwerk über die bilateralen Beziehungen zwischen den Himmeln der Menschen und der Tiere« Auskunft. »Die Einrichtung«, stand da geschrieben, »dient Hunden, die keinen Menschen halten wollen, weil sie darauf warten, dass ihre Frauchen oder Herrchen in den Himmel kommen. Diesen Hunden bieten Menschen Dienstleistungen in Form von Spiel- und Streichelservice inklusive menschlicher Ansprache. Die Einrichtung ist eine Tagesstätte, am Abend kehren Zwei- und Vierbeiner in ihre jeweiligen Himmel zurück. Menschen, die versuchen, sich über die ›Kleine Streicheleinheit‹ Zutritt in den Hundehimmel zu verschaffen, werden vom Gelände verwiesen.«

Charly konnte weder die Biere zählen, die hier durch seine Kehle geflossen waren, noch die Tage, die er in seinem Stammlokal verbracht hatte. Bäuche streichelnd, Köpfe kraulend, schmeichelnde Worte sprechend. Er warf Bälle und Stöcke, zerrte an Seilen und versteckte sich hinter Bäumen. Manche Hunde kamen nur hierher, um mal wieder auf einem Schoß zu sitzen – bei Charly fanden sie ein Plätzchen. Andere zogen bettelnd von Tisch zu Tisch, nicht, weil sie hungerten, sondern weil es so schön war, sich von Menschenhand Brocken ins Maul schieben zu lassen. Charly verteilte Schweinsbraten und Leberwurstbrote und war dabei ebenso glücklich wie die Beschenkten.

Wäre die »Kleine Streicheleinheit« nicht gewesen, er hätte sich längst für das Menschheim entschieden. So aber spielte er regelmäßig mit dem Gedanken und verwarf ihn wieder. Es war ein Risiko: Schließlich wusste man nicht, wo man hinkam. Nicht, dass Charly den wilden Gerüchten glaubte, die im Himmel kursierten. Von Pferden, die Menschen vor Karren spannten und sie mit den Hufen antrieben. Von Vögeln, die Käfighaltung betrieben. Von Hunden, die Menschen angekettet in winzige Zimmer ohne Toilette sperrten. Charly hielt das für Propaganda der Heerscharen, die die Abwanderung ihrer Schützlinge befürchteten.

Aber trotzdem: Das Risiko blieb. Und Charly war kein Freund von Veränderungen mit ungewissem Ausgang. Er hatte sich mit dem Leben im Menschenhimmel arrangiert und war zufrieden. Bis zu jenem Tag, an dem er aufhorchte.

Es geschah an einem Oktoberabend. Charly hatte Peppo eingeladen und die erklärte Absicht war, große Mengen jenes Leberkäses zu verzehren, den Charly auf zwar unkonventionelle Weise, dafür aber umso köstlicher zubereitete: in einer braunen Biersauce mit grob geschnittenen Zwiebeln. Dieses Mahl sollte sie inspirieren. Sie hatten bereits alle Filme realisiert, die sie sich auf der Erde ausgedacht hatten und suchten nach einem neuem Stoff.

»Weißt du«, sagte Charly, »langsam versteh ich, warum die in Hollycloud soviel Schund produzieren. Dieses sorglose Leben ist nicht gerade anregend. Da fehlt die Reibung.«

»Sorglos?« rief Peppo. »Stinkfad ist es. Mühsame Heerscharen. Verzückte Frohlocker. Ewiger Friede. Hier kannst du nicht mal eine Krimihandlung ansiedeln. Aber jetzt lass uns essen. Ich hab einen Mordshunger. « Charly lud eine Portion Leberkäs auf Peppos Teller, aber plötzlich ließ er die Gabel sinken. »Mach weiter, ›Mordshunger‹ hab ich gesagt. Was ist denn?«

»Benjamin. Er ist gestorben.«

»Wunderbar«, sagte Peppo. »Wieder einer mehr bei uns.« Und dann spießte er zwei Brocken Leberkäs auf, beugte sich über seinen Teller und begann zu mampfen. »Was ist denn das für ein Typ, dieser Benjamin? Vom Film? Vielleicht bringt er ein paar Ideen mit. Oder weißt du, was auch gut wär: ein Musiker. Ich hätt gern mal wieder einen ordentlichen Schlagzeuger. Für eine Band. Super, deine Sauce. Ich nehm mir noch was, ok?«

Peppo griff nach seinem Löffel, hob den Kopf und erschrak so, dass ihm der Löffel aus der Hand fiel und einen hässlichen braunen Flecken auf dem Tischtuch hinterließ. Charlys Gesicht war starr und kalkweiß. Seine Augen blickten wie in Trance durch sein Gegenüber hindurch, und Peppo schoss das Bild durch den Kopf, wie Charly damals nach dem Schlaganfall im Bett gesessen war, bleich und nach Worten suchend, die ihm nicht mehr zur Verfügung standen. »Charly!« schrie er. »Sag was.«

»Sein Bellen. Es ist ein Zeichen. Er ist im Hundehimmel.«

»Wer?« »Benjamin. Es war sein Bellen.« Charlys Gesicht nahm langsam wieder Farbe an. »Er wartet auf mich«, flüsterte er. »Dieses Zeichen kann nur bedeuten, dass er auf mich wartet, verstehst du?«

Peppo verstand. Einmal, dass es mit dem Schlagzeuger nichts werden würde und zum anderen, dass Charly ihm diesen Heidenschrecken eingejagt hatte wegen eines Hundes. Ein Hund. Peppo hatte nichts gegen Tiere, aber auch nichts für sie. Und es war ihm bislang immer gelungen, das Thema zu wechseln, wenn Charly ihm irgendeine Hundegeschichte erzählen wollte. Jetzt aber sah er seinen vor Mitteilungsbedürfnis glühenden Freund an und sagte: »Also, erzähl: Wer ist Benjamin?«

»Er ist der schönste, liebste und klügste Hund der Welt«, sagte Charly. »Du kennst ihn, er hat in unserm Haus gewohnt, in dem alten Haus in der Innenstadt. Er ist kniegroß und ganz wuschlig. Lauter große Locken, schwarz mit ein bisschen braun. Und an der Brust hat er ein weißes Segel. Und er hat die liebsten Augen und wunderschöne weiche Schlappohren. Und Putschi, die kennst du auch, die ist etwas kleiner als Benjamin, ein Schnauzer. Sie waren immer dabei, auf all unsern Hausfesten ...«

Peppo wollte jetzt nicht erklären, dass ihn bei diesen Festen die Gäste, vornehmlich die weiblichen, und nicht die Hunde, interessiert hatten. Er wäre auch gar nicht zu Charly durchgedrungen. Der redete und redete, und Peppo tat, was ein guter Freund zu tun hat: Er hörte zu. Und schenkte ab und zu Bier nach. Und aß etwas von dem inzwischen kalten Leberkäs. Und nach drei Bieren war er endlich so weit, dass er sich ein Bild machen konnte: Da gab es also Putschi. Eine kleine graue Schnauzerhündin, unendlich verfressen und ein rechtes Luder. Aber, das wurde Charly nicht müde zu betonen, »ein ganz ein liebes Luder«. Und diese Putschi hatte sechs Mischlingskinder gehabt. Geblieben war dann Benjamin, und zwischen ihm und Charly hatte sich wohl eine ganz besondere Freundschaft entwickelt.

Benjamin und Putschi mussten auch noch ein Frauchen gehabt haben, mit dem Charly befreundet gewesen war. Aber über die konnte Peppo trotz Nachfragen nichts in Erfahrung bringen, während er ohne Nachfrage alles erfuhr, was Putschi und vor allem Benjamin betraf. Immer, wenn Peppo dachte, dass es nun keinen Schwank mehr geben könne, den er aus dem Leben dieses Hundes noch nicht kannte, hub Charly von Neuem an und fügte mit den Worten »Und einmal hat er, das muss ich dir erzählen, das war sooo toll ...« eine weitere Episode an. Die, wie alle anderen Geschichten, unter Beweis stellen sollte, was Peppo inzwischen zu wissen glaubte: Dass Benjamin einzigartig, über die Maßen klug, von herausragender Charakterstärke und in jeder Situation unendlich süß war, sogar wenn er sich stur weigerte, Hundefutter zu fressen.

Hundebesitzer sind seltsame Menschen, dachte Peppo, während er Charly betrachtete, der ja genau genommen nur ein Hundebesitzer zweiter Hand war. Aber Charly sprudelte und strahlte und seine Augen hatten jenen überirdischen Glanz, den man sonst nur bei den verzückten Frohlockern sah. »Sag mal«, fragte er, als Charly eine Pause machte, um einen Schluck Bier zu trinken, »wenn du dich mit deinen Hundefreunden triffst und ihr diese Petitionen macht, worüber redet ihr dann?«

»Über Hunde. Die Petitionen sind ja Routine. Wir reden über Hunde. Jeder erzählt von Hunden, die er kannte.«

»Aber wird das nicht langweilig? Ich mein, das Material ist ja begrenzt. Sind das nicht immer dieselben Geschichten?«

»Schon, aber man kann sie immer wieder hören«, sagte Charly und wischte sich den Schaum vom Mund. »Also zum Beispiel der Nachbarshund von der Frau, die gerade neu in den Himmel gekommen ist, der hat ...«

Peppo räusperte sich nachhaltig. Und dann deutete er auf Charlys Teller. Der Leberkäs war schon ganz ausgetrocknet und die braune Sauce hatte eine faltige Haut bekommen.

»Ach du meine Güte!« rief Charly. »Ich rede und rede. Und dabei weiß ich doch, dass du kein Tiernarr bist. Entschuldige. Ja, ich sollte essen.« Und das tat er. Mechanisch, schweigend und nachdenklich. Peppo betrachtete ihn. Und nach einer Weile sagte er: »Wenn wir jetzt über Frauen reden würden, wüsste ich, was ich sagen würde: ›Dich hat’s erwischt, altes Haus.‹ Aber so?«

»Na und. Ich liebe Hunde. Was dagegen? Benjamin war mein Freund. Und jetzt hat er mir sein Bellen geschickt. Es ist ein Zeichen. Ich muss ins Menschheim. « »Wohin?«

»Ins Menschheim. Anders komm ich nicht in den Hundehimmel. Ich hab schon oft überlegt, ob ich mich vermitteln lass. Aber keiner weiß, wie es dort zugeht. Es gibt Menschen, die pendeln, aber sie erzählen nichts. Wahrscheinlich dürfen sie nicht. Und es gibt Gerüchte. Dass manche Hunde die Menschen nicht gut behandeln. Ich glaub’s ja nicht, aber man weiß nichts Genaues.«

»Na«, sagte Peppo, »bei dem, was die Menschen den Tieren seit Jahrtausenden angetan haben, würde es mich nicht wundern, wenn die einen oder anderen sich rächen. Das könnte sogar ich verstehen.«

»Ich auch. Aber Benjamin ist anders, er hat keinen Grund, sich zu rächen, sein Frauchen und er waren die besten Freunde, ich darf gar nicht dran denken, wie traurig er sein muss. Er braucht mich, deswegen das Zeichen. Und ich will auch zu ihm. Er ist einfach so was von lieb und klug ...«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Peppo schnell. Charly grinste, aber in seinen Augen lag wieder jener sehnsuchtsvolle, entrückte Glanz. »Also, was soll ich tun. Was meinst du?«

Peppo blickte in Charlys strahlendes Gesicht und lächelte. »Ist das eine rhetorische Frage oder willst du wirklich eine Antwort?«

»Eine Antwort. Du bist mein Freund«, sagte Charly.

»Ein Freund, der keine Beziehung zu Tieren hat.«

»Ein Freund, der mir trotzdem zugehört hat.«

Peppo blickte aus dem Fenster, wo sich die Blätter eines Ahorns leise im Wind bewegten. Es war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, dass er Charly verlieren könnte. »Wart auf ein zweites Zeichen«, sagte er. »Eines, das aus dem Hundehimmel kommt. Dann kannst du sicher sein, dass er dich holen wird.«

»Das geht nicht. Ich hab noch nie gehört, dass jemand aus dem Hundehimmel eine Nachricht empfangen hat. Dieser Ruf kam von der Erde. Ich sollte gehen. Sofort.«

»Und wenn es zu früh ist? Er ist gerade erst angekommen. Vielleicht muss er sich eingewöhnen.«

»Na und«, sagte Charly, seiner Sache plötzlich ganz sicher. »Dann wart ich halt. Ist doch völlig egal. Was sind Wochen, was sind Monate? Wir sind hier bis in alle Ewigkeit. Vergiss das nicht.«

Peppo stand auf und ging im Zimmer auf und ab. »Und was wird aus deinem alten Freund, der zufällig ein Zweibeiner ist? Hast du vor wiederzukommen?«

»Natürlich! Ich werde ein Pendler sein, ein Pendler zwischen zwei Himmeln.«

»Na gut«, brummte Peppo. »Meinen Segen hast du. Der Abend ist damit wohl gelaufen. Eigentlich wollten wir arbeiten. Aber das war wohl nix. Wegen deinem Benjamin.«

»Kein Problem«, flötete Charly. »Ich bin inspiriert. Ich mach uns einen Kaffee und dann legen wir los.« Und damit verschwand er pfeifend in der Küche.

»Heeee«, schrie Peppo und fiel fast über den Teppich, als er in die Küche stürmte. »Der Pendler zwischen zwei Himmeln ... Das wär doch was für einen Film. Du schaust dich dort um und sammelst Material, und dann machen wir ein Drehbuch.«

Charly erstarrte, die Kaffeekanne in der Hand. »Ich gehe nicht als Spion in den Hundehimmel«, sagte er, jedes Wort einzeln betonend und mit einem Gesicht, das ganz kantig wirkte vor Empörung.

Peppo lachte. »In dieser Rolle wärst du auch die absolute Fehlbesetzung. Ich kenne keinen Menschen im ganzen Universum, der sich schlechter verstellen kann als du.«

»Offensichtlich wollen die Hunde nicht, dass wir wissen, wie sie leben. Und wenn sie das nicht wollen, werde ich nichts verraten.«

Peppo seufzte. So sehr er Charly insgeheim dafür bewunderte, dass er um keinen Preis von dem abwich, was er für sich als richtig definiert hatte, manchmal war es doch recht mühsam.

»Jetzt komm, wer sagt denn, dass wir den Film hier zeigen? Wir können ihn ja auch im Hundehimmel laufen lassen. Es geht doch nur darum, dass wir Ideen sammeln. Und außerdem: Heute kannst du noch nichts verraten, weil du noch nichts weißt. Wir denken uns was aus. Und weißt du, was hilfreich wäre? Wenn du ein paar Skizzen machen könntest von Benjamin. Und Putschi. «

Das wirkte. Und so endete der Abend doch noch so, wie er geplant gewesen war: Als Peppo Charly weit nach Mitternacht verließ, sah dessen Wohnung so aus, wie es sich gehört nach einer kreativen Sitzung: Jede Menge leerer Flaschen, aber eine noch größere Menge gefüllter Seiten, bedeckt mit Skizzen, Notizen, Dialogen. Und auffallend vielen Zeichnungen von einem kleinen Hund mit lockigen Haaren, der fröhlich in die Zukunft blickte.

Peppo war am nächsten Morgen etwas übernächtigt, aber er kam doch rechtzeitig, um sich zu verabschieden. Charly war schon reisefertig. Die Papiere lagen sauber gestapelt auf dem Tisch. »Ich hab’s noch mal durchgeschaut«, sagte Charly. »Sind keine schlechten Ideen.«

»Klar, wir sind doch keine Anfänger. Wenn du jetzt noch ein paar Anregungen mitbringst ...«

»Nur, wenn es die Hunde erlauben. Das hab ich dir gesagt.«

»Ja, ja«, brummte Peppo und gähnte. »Du bist ein anständiger Mensch, ich weiß. Hättest du vielleicht auch einen anständigen Kaffee für einen alten Freund?« »Oh ja. Entschuldigung«, sagte Charly.

Mehr Scherze vertrug Charly heute nicht. Er wirkte nervös und zerfahren, und Peppo beschloss, das Thema zu wechseln. »Alles gepackt?« fragte er. »Soll ich raten was?«

Charly grinste. »Errätst du nie!« Und dann lachten sie beide, denn Charly trug nie etwas anderes als beigefarbene Overalls. Und darunter grüne T-Shirts im Sommer und karierte Hemden im Winter. Und bei größerer Kälte eine beige Jacke mit Webpelz, die knapp über die Hüften reichte.

»Und hast du auch ...?« fragte Peppo. »Hier ist sie!« rief Charly und hielt seine alte lederne Tasche hoch. »Die trag ich immer bei mir ...« »Denn sie ist«, fiel Peppo ein, »von deinem Vater!«

Und dann lachten sie wieder, so wie nur alte Freunde über Nichtigkeiten lachen können, die kein Außenstehender versteht. »Du wirst mir abgehn«, sagte Peppo.

»Ich komm ja wieder.«

»Und wenn sie dir das Reiserecht verweigern, kannst du eine Petition an Benjamin richten, da hast du ja Übung drin.«

»Oh«, sagte Charly, »das wird schwierig. Benjamin ist ein Wortklauber. Sein Frauchen ist Schriftstellerin. Und sie hat ihm unheimlich viel beigebracht. Der versteht mehr von Sprache als mancher Mensch. Er ist nämlich ein sehr kluger Hund ...«

»Ach wirklich«, rief Peppo. »Nein, das ist das erste, was ich höre! Das hast du mir gestern ganz verschwiegen!« Und dann umarmte er seinen alten Freund. Und dabei fiel ihm etwas ein: »Hör mal, ich versteh zwar nichts von Hunden, aber ich frage mich, ob er dich erkennt.«

»Wieso denn nicht?« sagte Charly empört.

»Na ja, wir tragen zwar beide die unendliche Weisheit des Alters in unseren Köpfen, aber unsere Körper weisen die wunderbaren Attribute der Jugend auf«, sagte Peppo und streichelte seinen Waschbrettbauch. »Und als Benjamin dich kannte, da warst du um die 70.«

»Meine Güte«, rief Charly. »Das hab ich ganz vergessen in der Aufregung. Es ist ja nicht nur das Aussehen, es ist der Geruch. Alte Menschen riechen anders. Ich muss sofort was tun, wie gut, dass du mich erinnerst.«

Und dann lief er ins Haus, kam mit einem Fläschchen »Pro Aging« zurück und zählte genau 70 Tropfen ab. Kaum hatte er die verschluckt, begann er zu altern. Er schrumpfte ein wenig, sein Gesicht wurde runder, und um die Mundwinkel erschienen zwei Lachfalten. Gleichzeitig wich der Haaransatz zurück, und eine Glatze machte sich auf seinem Kopf breit. Und dann wuchs der Bauch. Und der Overall wuchs mit, aber nur so viel, dass er leicht spannte. Auch die Kleidung veränderte sich, ausgewaschen und bleich wirkten das Grün und das Beige. Er war der alte Charly, so wie Benjamin ihn kannte.

So ging er davon, und Peppo sah ihm lange nach. Obwohl er wusste, dass sich nur Charlys Äußeres verändert hatte und er immer noch so gesund und kräftig war wie zuvor, rührte ihn die Gestalt des alten Mannes, der mit eingesunkenen Schultern dahinging. Rührend und tapfer, dachte er und wünschte von ganzem Herzen, dass Benjamin seinen Freund nicht enttäuschen würde.

Weit, weit weg im Hundehimmel

Weit, weit weg im Hundehimmel öffnete ein kleiner Hund ein Auge und schloss es sofort wieder. Es ist ein Traum, dachte er. Einer von denen, die gut ausgehen. Er musste nur weiterschlafen, zurückfinden auf die Traumpfade. Und dann würde er aufwachen vor Frauchens Bett, sie würde die Hand hinunterstrecken und ihn kraulen und alles war gut.

Aber er konnte nicht weiterschlafen. Etwas war anders. Die Morgengeräusche fehlten. Frauchens Atmen. Das leise Surren des Lifts, das Autorauschen. Und der Geruch. Er lag nicht in seinem Bett, da war etwas Fremdes, etwas, das er noch nie gerochen hatte. Wo war er? Und wo war Frauchen? Er hatte sie gerufen, daran erinnerte er sich. Kurz und hoch hatte er gebellt, und dann war sie vor ihm gekniet, er war auf sie zugetaumelt, sein Kopf in ihrem Arm ... Und dann?

»Frauchen?« sagte er leise, obwohl er ahnte, dass keine Antwort kommen würde. Doch dann spürte er eine Berührung. Es war keine Hand. Es war eine große Zunge, die ihm sanft über die Schnauze fuhr, und der fremde Geruch stieg so intensiv in seine Nase, dass ihm schwindlig wurde. Wald, dachte er. Wild. Aber selbst er, der große Jäger, der alle Spuren in Wald und Flur verfolgt hatte, konnte den Duft nicht zuordnen. Und doch rührte er etwas in ihm an. Tief in seinem Innersten, eine uralte Erinnerung, zu der keine Erfahrung passte. Gefahr, schoss es ihm durch den Kopf. Flucht, Flucht in panischer Angst!

»Du musst keine Angst haben, Benjamin. Es kann dir nichts geschehen.« So liebevoll klang die Stimme, dass Benjamin das Gefühl hatte, es lege sich ein Schutzschild um seinen Körper, und er atmete tief und entspannt auf.

»Wo bin ich?« fragte er.

»Du bist bei mir. Du bist in Heile-Heile-Segen.«

Heile heile Segen, dachte Benjamin. Das kannte er. Frauchen hatte es für ihn gesungen. Wenn die Pfote blutete, sein Bauch grummte oder ein Wespenstich brannte. »Heile heile Segen, morgen kommt der Regen, übermorgen kommt der Schnee und dann tut’s nimmer weh ...« Es tut nicht mehr weh, wurde ihm schlagartig klar. Er fühlte sich zwar noch unendlich schwach, aber all die Schmerzen, die er in den letzten Tage gehabt hatte, sie waren weg. Sein Bauch, der so weh getan hatte, dass er nichts mehr essen konnte, sein Bauch tat nicht mehr weh!

»Bist du der liebe Hundegott?« fragte er.

»Ich bin Alupina, die Herrscherin des Hundehimmels.«

Der fremde Geruch war schwächer geworden, und die Stimme klang wie von weit. »Trink, Benjamin«, sagte sie. Benjamin hob den Kopf und sah, dass direkt neben seinen Pfoten eine kleine Quelle aus dem Moos sprudelte. Er trank gierig und spürte, wie mit jedem Schluck die Kraft in seinen Körper zurückkehrte. Dann setzte er sich auf und sah sich um.

Er saß auf einem großen, moosbedeckten Stein inmitten einer Lichtung. Uralte Bäume, die Äste dicht ineinander verwoben, begrenzten das Rund. Das Wasser der Quelle speiste einen Weiher, auf dem dunkelgrüne, wächserne Seerosenblätter ruhten. Den Saum der Lichtung bildeten mannshohe Lupinen, und Benjamin bemerkte, dass der fremde Geruch auch von ihren blauen Kerzen ausging. Nicht bedrohlich, sondern aufregend, verheißend. »Alupina, wo bist du?« rief er.

»Wenn du mich sehen willst, wünsch dir eine Gestalt, in der ich erscheinen soll. Das kann ein Mensch sein. Oder ein Tier. Und gib mir einen Namen.«

»Warum? Du hast doch einen Namen«, sagte Benjamin.

»Willst du das wirklich wissen?«

»Ja«, sagte Benjamin, der immer alles ganz genau wissen wollte. Und jetzt, nachdem er von dem kühlen Wasser getrunken hatte, auch wieder Neugier und Unternehmungslust verspürte.

»Wenn du mich mit meinem Namen rufst, werde ich in meiner wahren Gestalt erscheinen. Und du wirst Angst haben. Wie alle Hunde. Deswegen dürft ihr euch ein Bild von mir machen. Wähl ein Wesen, das dich trösten kann. In Heile-Heile-Segen soll es Trost geben und keine Angst.« Die Stimme schwieg. Benjamin starrte gebannt in die Richtung, aus der sie gekommen war. Der Duft der Lupinen kitzelte seine Nase, er wollte mehr wissen. Dieser Geruch, der ihn so erregt und aufgewühlt hatte, er musste herausfinden, was das war.

»Du bist ein mutiger Hund. Und ein kluger. Aber manche Fragen sollte man sich überlegen, bevor man sie stellt. Du bist noch nicht so weit.«

Aber Benjamin schlug die Warnung in den Wind. »Wer bist du?« sagte er laut und deutlich.

»Ich bin Alupina. Die Urform. Die, aus der ihr alle entstanden seid.«

Wolf! Der Gedanke raste durch seinen Kopf, und die Angst war so überwältigend, dass er sich sofort auf den Rücken werfen wollte. Doch bevor er auch nur einen Muskel bewegen konnte, war die Stimme da. Ganz nah, unendlich zärtlich raunte sie in sein Ohr. »Keine Angst, Benjamin. Es kann dir nichts geschehen.« Und augenblicklich fühlte sich Benjamin so geborgen, als läge er in Frauchens Arm. Frauchen, dachte er. Er durfte sich einen Menschen wünschen. Er würde darum bitten, dass Alupina die Gestalt von Frauchen annahm.

»Das geht nicht, Benjamin. Ich kann für dich als Frau erscheinen, aber nicht als dein Frauchen. Sie ist auf der Erde.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor Benjamin sich der Tragweite dieser Worte bewusst wurde. Frauchen war auf der Erde. Und er: weit, weit weg. Ganz allein. Nie mehr würde er ihre Hand spüren, nie mehr ihr Lachen hören. Nie mehr »Gute Nacht, mein Schatz«, nie mehr »Komm endlich her, du verdammter Hund«. Nie mehr. Vielleicht hätte er besser folgen sollen. Sie hatte Angst gehabt, wenn er stundenlang im Dickicht verschwunden war. Jetzt war es zu spät. Sie würde ihn nie mehr rufen, nie mehr Koseworte raunen, nie mehr würde er die verrückten Geschichten hören, die sie sich für ihn ausdachte ...

Der Seufzer, der tief aus ihm herausdrang, artikulierte sich als kleiner, hilfloser Schrei. Warum, warum, warum?, hämmerte es in seinem Kopf. Warum war er hier und sie auf der Erde? Warum konnte er nicht einfach aufwachen und es würde alles so weitergehen, wie es gewesen war? Lass es nur einen Traum sein, flüsterte er lautlos, und ich werde immer folgen. Ich werde sogar ... Ja, ich werde Hundefutter essen. Jeden Tag. Ganz bestimmt.

Es war kein Traum. Das wusste er. Er war im Hundehimmel. In Heile-Heile-Segen. Aber wo war die Stimme, diese wunderbare Stimme, die ihn getröstet hatte? Warum sprach sie nicht mehr den Satz, der alle Angst von ihm nahm? Es war so still. Hatte er zuviel gefragt, hatte er Alupina verärgert? Benjamin drehte den Kopf und sah sich vorsichtig um. Die Bäume wirkten jetzt bedrohlich mit ihren abweisend ineinander verwirkten Ästen. Über dem Weiher mit den reglosen, wächsernen Seerosenblättern lag kaltes Licht.

Was hatte Alupina gesagt? Ein Wesen kann dich trösten! Eine Frau, ein Mann, ein Tier ... Keine Frau, wenn ich Frauchen nicht bekommen kann. Kein Tier. Ein Mann.

»Sehr gut. Und nun gib mir einen Namen und ruf mich.«

Benjamin atmete auf. Sie war noch da. Nun schnell, einen Namen. Es musste ein besonderer Name sein, ein würdiger. Das war er sich schuldig. Schließlich war er ein kluger Hund. Frauchen würde ihm nie verzeihen, wenn er ein höheres Wesen Hans-Peter oder Wilhelm nennen würde. Was hatte sie gesagt, als sie wussten, dass er sterben würde? Sie hatte vom Hundehimmel erzählt und wie schön er es haben würde. Ruhig und stark wollte sie sein, aber er hatte genau gemerkt, dass sie gegen die Tränen ankämpfte. War da ein Name gefallen? Dog, hatte sie gesagt, heißt Hund. Und wenn man es rückwärts liest ...

»Dogod!«

Im selben Moment begannen die blauen Kerzen der Lupinen zu leuchten und ein Mann trat aus dem Grün. Er war groß und kräftig und verströmte einen Geruch, in dem die schönsten Nasenerinnerungen vereint waren, die Benjamin in seinem Leben gesammelt hatte. Und dazu noch eine Spur ungebändigter Wildheit, ähnlich dem Duft, der von den Lupinen ausging.

»Komm her, mein Kleiner«, sagte der Mann. Mit einem Satz sprang Benjamin von dem Stein, lief mit gesenktem Blick auf Dogod zu und warf sich auf den Rücken. Dogod kniete nieder und ließ seine Hände durch Benjamins Locken gleiten. Benjamin grunzte. Er streckte sich wohlig, stemmte die Hinterfüße in Dogods Schenkel und machte sich länger und länger, damit kein Fleckchen seines Körpers ungestreichelt blieb. Er hörte, dass Dogod sprach. Doch er gab sich keine Mühe, den Sinn der Worte zu erkennen. Wie Musik genoss er die Sprache, jene Musik, die er so oft gehört hatte, entspannt unter dem Tisch liegend. Klar gegliedert war sie, mal getragen, dann wieder von jauchzender Fröhlichkeit. Dogods Hände folgten dem Rhythmus seiner Worte, und Benjamin atmete tief und regelmäßig. Bilder zogen an ihm vorbei, und für einen Moment stand sein ganzes langes Leben vor seinen Augen. Wie ein Mosaik, in dem jedes einzelne Steinchen strahlte.

»Du hast ein schönes Leben gehabt.«

»Ja«, sagte Benjamin.

»Das macht es schwerer.«

»Ja«, sagte Benjamin und richtete sich langsam auf. »Wir waren so gute Freunde, Frauchen und ich.«

»Lass dir Zeit. Lass es geschehen. Es wird gut werden.«

Benjamin blickte zum Teich und sah, dass eine der Seerosen eine wunderschöne weiße Blüte entfaltet hatte. »Darf ich hier bei dir bleiben?«

»Nein, mein Kleiner. Du gehst jetzt nach Genesaret. Dort machen sie dich gesund und sagen dir, wie’s weitergeht. Und wenn alles erledigt ist, kommst du noch einmal zu mir.« Die Aussicht, Dogod wiederzusehen, tröstete Benjamin. Aber plötzlich merkte er, dass eine Frage noch gar nicht geklärt war. »Mein Essen ...«

Dogod lachte. »Ich weiß, dass du ein außergewöhnlicher Hund bist. Aber wenn das jetzt nicht gekommen wäre, hätte ich mir Sorgen um dich gemacht. Ich habe noch keinen Hund erlebt, der hier in Heile-Heile-Segen nicht auf die Essensfrage zu sprechen kam.«

»Es ist nur, Frauchen hat immer darauf bestanden, dass ich Hundefutter esse, wegen der Mienen und Ralien, aber mir schmeckt kein Hundefutter, ich möchte ...«

»Gib dir keine Mühe, Benjamin. Um diese Details kümmere ich mich nicht. Dafür ist das Futteral zuständig. Aber einen Rat gebe ich dir. Lass dir dein Haus von Gabor einrichten. So, jetzt geh. Anuba wird dich begleiten.«

Dogod verabschiedete Benjamin mit einem liebevollen Klaps und wies auf eine Tür, die sich zwischen den Ästen geöffnet hatte.

Benjamin warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu und holte noch einmal tief Luft, um möglichst viel von dem guten Geruch mit ins Ungewisse zu nehmen. Er war schon auf dem Weg zur Tür, da fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein, dass er ein höflicher und wohlerzogener Hund war.

»Danke«, sagte er. »Es ... Es war sehr schön bei dir.«

Wer will mich?

Charly kannte den Weg zum Menschheim. Er war ihn unzählige Male gegangen, denn er führte auch zur »Kleinen Streicheleinheit«. Charly hatte es allerdings immer vermieden, sich die Vorfreude auf sein Lieblingswirtshaus durch den Anblick des tristen Gebäudes verderben zu lassen, und lieber einen kleinen Umweg auf sich genommen, der durch ein Waldstück führte.

Heute ging er an der Abzweigung vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Mit festen Schritten folgte er der Hauptstraße, bog um eine Kehre und erschrak dann doch, als das Menschheim vor ihm lag. Es war riesig, ein quadratischer Flachbau aus grauem Beton. Ungepflegt wirkte es. Schwarze Schlieren zogen sich vom Dach bis zum Fundament, in den Rissen im Gemäuer wucherte Unkraut.

Ach was, dachte Charly. Das ist wieder so ein Trick der Heerscharen. Sie verbreiten Gerüchte über schlecht behandelte Menschen, sie haben das Gebäude so hergerichtet, dass es abschreckt. Nur damit ihnen keiner davonläuft.

Charly setzte seine Taschen ab und atmete tief durch. Er wusste, warum er sich nie ins Menschheim gewagt hatte. Aber jetzt war alles anders. Er ging kein Risiko ein. Benjamin würde ihn holen. Obwohl er diese Sätze wie ein Mantra wiederholte, wich das bange Gefühl nicht. Vielleicht hatte Peppo recht gehabt. Vielleicht brauchte Benjamin Zeit, und Charly würde Monate in diesem Bau verbringen. Andererseits konnte er auch schon morgen auftauchen, und wenn Charly nicht da wäre, würde er einen anderen Menschen nehmen.

Nein, dachte Charly, das tut er nicht. Er hat mir sein letztes Bellen geschickt, mir und keinem anderen. Benjamin braucht mich, und ich bin es meinem Freund schuldig, dass ich jetzt da hineingehe.

Er wollte gerade ein paar mutige Schritte machen, als er hinter sich Stimmen hörte. Es war ein Paar, ein Mann und eine Frau, die sich an den Händen hielten und vor Fröhlichkeit kleine hopsende Tanzschritte vollführten.

»Hallo«, rief der Mann, »ist das nicht ein herrlicher Morgen?«

»Hallo«, sagte Charly, hocherfreut, dass er nicht allein war, »geht ihr auch ins Menschheim?«

»Nein, wir gehen nach Hause. Wir sind Pendler und haben Freunde besucht im Menschenhimmel.«

»Und wir haben uns«, sagte die Frau, »dort gepflegt zu Tode gelangweilt, auch wenn dieser Ausdruck unangemessen ist. Löwe, Lamm und Schmetterlinge, ich bitte dich. Phantasielos bis zum Erbrechen. Mit dem, was die da bieten, könntest du bei uns keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken.«

»Ist es wirklich so schön im Hundehimmel?« fragte Charly. »Könnt ihr mir was erzählen?«

»Können wir nicht, selbst wenn wir wollten. Sobald du den Hundehimmel verlässt, schwinden alle Erinnerungen. Nur die Bilder von deinen Hunden bleiben und die Sehnsucht nach ihnen. Und jetzt müssen wir. Wir werden erwartet. Unsere Hunde holen uns ab. Und wir sterben vor Sehnsucht.«

»Ausdruck unangemessen!« rief die Frau. Und dann lachten sie beide, liefen am Menschheim vorbei und verschwanden in einem grünen, buschigen Dickicht.

Nach Hause, dachte Charly. Erwartet. Benjamin. Und dann lief er auf die graue Stahltür des Menschheims zu, legte den Finger auf die Klingel, schloss die Augen und drückte.

Die Türe sprang auf und fiel hinter ihm sofort wieder ins Schloss. Charly stand in einem schmucklosen, spartanisch möblierten Raum: ein paar Stühle, achtlos verteilt, und ein Pult, auf dem ein griesgrämiger Boxer saß.

»Guten Morgen«, sagte Charly. »Ich will hier warten ...«

»Sitz. Stuhl«, knurrte der Boxer. Und dann schnappte er sich einen großen Knochen, den er demonstrativ langsam verzehrte, wobei er Charly den mächtigen Hintern zuwandte.

Charly saß auf dem harten Stuhl, hielt den Kopf gesenkt und drückte seine Taschen an sich. Lange hörte er nichts als das Knacken des Knochens, und er dachte schon, der Boxer habe ihn vergessen. Doch als er sich vorsichtig drehte, um zur Tür zu schielen, sprang das Tier sofort hoch und baute sich vor ihm auf.

»Die ist zu. Brauchst du gar nicht zu versuchen. Rein, raus, ich kenn euch, ihr Menschen. Was glaubt ihr denn, was das hier ist? Eine verdammte Drehtür? Rein, raus? Das ist keine verdammte Drehtür, das ist ein Menschheim! «

Charly nickte verschreckt, doch der Boxer hatte ihm schon wieder den Rücken zugewandt und war mit einem kühnen Satz auf sein Pult gesprungen, wo er sich ausgiebig und aufreizend langsam der Pflege seiner Hinterpfoten widmete.

Die Luft war stickig in dem engen Raum, aber Charly wagte nicht, den Reißverschluss seines Overalls zu öffnen. Er wusste, dass er beobachtet wurde und der Griesgram nur darauf wartete, ihn zusammenzuschnauzen.

Doch es klang gnädig, als der Boxer schließlich anhub zu sprechen: »Du hast Glück. Wir haben gerade Platz. Letzte Woche waren die Kampfhunde da. Die nehmen immer gleich ein paar Dutzend Menschen mit. Rudelhaltung. Aber artgerecht. Auch wenn einige von den zart besaiteten Menschschützern sich aufregen, weil die Pitbulls gerne Menschenkämpfe veranstalten.«

»Menschenkämpfe? Artgerecht?« stotterte Charly.

»Aaaaaach was«, knurrte der Boxer und erhob sich. »Schau mich an. Was bin ich?« »Ein, ein, ... ein Boxer.«

»Richtig. Und was tun die Zweibeiner, nach denen ich benannt wurde? Sie schlagen sich die Nasen ein. Und ihr schaut zu und zahlt noch Geld dafür. Und wenn einer besonders gut ist im Naseneinschlagen, wird er berühmt. Und dann ist es keine artgerechte Haltung, wenn hier ein paar Hunde Spaß dran haben, Menschenkämpfe anzusehen?

Artgerecht. Bei dem, was ihr euch sonst noch antut. Ihr lasst doch keine Gelegenheit aus, euch die Schädel einzuschlagen. Artgerecht wäre, euch hier das Kriegsspielen zu erlauben. Aber das ist verboten, das kannst du mir glauben. Das ist hier kein verdammter Kriegsspielplatz, das ist ein Menschheim! «

»Ich habe nie jemandem den Schädel eingeschlagen. Ich hasse Kriege«, sagte Charly empört. »Und überhaupt: Wir sind im Himmel. Die wirklich bösen Menschen sind doch gar nicht hier. Nur die anständigen ...«

»Quatsch keine Arien. Ich kenn euch, ihr Menschen, quatschen, quatschen, quatschen. Was ich mir alles anhören muss! Und wie sie daherkommen. Jung. Mit ihren schönsten Körpern. Mit Koffern voll Klamotten. Die Hälfte der Sachen müssen wir ihnen wegnehmen. Was glaubt ihr denn, was das hier ist? Eine verdammte Modenschau? Das ist keine verdammte Modenschau, das ist ein Menschheim! «

Der Boxer war so erregt, dass ihm dicke Tropfen Speichel von den Lefzen flossen, und Charly hielt es für das Klügste zu schweigen.

»Na«, knurrte der Boxer nach einer Weile, »du scheinst ja ein ganz netter Kerl zu sein. Und warst recht brav hier. Dass du in deine alte Haut geschlüpft bist, wird auch helfen. Ich nehme an, sie werden dich als Haus- oder Familienmensch halten. Vor den Kampfhunden musst du keine Angst haben. Die nehmen nur junge Burschen. Wie heißt du denn?«

»Charly. Benjamin ...«

»Doppelnamen gibt’s hier nicht. Entscheide dich. Entweder oder!«

»Ich heiße Charly«, sagte Charly mit fester Stimme, wild entschlossen, sich nicht unterbrechen zu lassen. »Benjamin ist der Hund, der mich abholen wird, aber es kann sein, dass ich eine Weile warten muss.«

»Sonderwünsche! Warten! Ja, was glaubst du denn, was das hier ist. Ein verdammtes Hotel, in dem man herumlungert? Das ist kein verdammtes Hotel, das ist ein Menschheim! Wenn dich einer will, dann nimmt er dich, und dann gehst du mit. So, und jetzt ab mit dir. ›Tanja!‹« Eine Tür ging auf und eine kleine Boxerhündin erschien. »Bring ihn weg«, sagte der Boxer.

Charly nahm seine Taschen und ging ohne Gruß. Die Hündin führte ihn durch einen langen Gang, der zu beiden Seiten von Türen gesäumt war. »Du musst keine Angst haben«, sagte sie. »Wir finden bestimmt einen guten Platz für dich. Du riechst sehr gut, vom Angstschweiß mal abgesehen. Du kommst sicher hier bald wieder raus.«

»Ist der immer so?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Tanja. »Ich bin neu, das ist mein erster Tag. Zu mir ist er auch nicht freundlich. Aber die Menschpfleger, die sind alle sehr nett. Brauchst dich nicht zu fürchten.« Und mit diesen Worten leckte sie ihm kurz über die Hand, und Charly durfte ihren Kopf streicheln, und da ging es ihm gleich etwas besser. »Heute ist Besuchstag«, sagte Tanja zum Abschied. »Vielleicht hast du Glück und wirst gleich vermittelt.«

Charlys Zimmer war klein, aber sauber und zweckmäßig eingerichtet. Bett, Tisch, Schrank, Nasszelle mit Toilette und Dusche. »Dacht ich mir doch«, brummte Charly. »Es wirkt nur von außen so vergammelt. Diese miesen Heerscharen.«

Das Fenster führte auf den Innenhof, und auch der war gepflegt. Es gab eine Wiese mit Tischen und Stühlen und ein großes Sportgelände. »Artgerecht, durchaus artgerecht. Da kann man nicht meckern«, murmelte Charly, und dann legte er sich aufs Bett und begann über das nachzudenken, was der Boxer gesagt hatte.

Doch viel Zeit zum Denken blieb ihm nicht. Von einem lauten Rattern erschreckt, schoss er in die Höhe und sah, wie seine Tür langsam im Boden versank und ein Gitter freigab.

Du meine Güte, dachte er. Besuchstag. Entweder Benjamin kommt oder ich muss irgendetwas tun, dass mich kein Hund will. Böse schauen und ihnen direkt in die Augen starren. Das mögen sie nicht.

Die Idee war gut, aber leider hatte Charly kein böses Gesicht im Repertoire und musste erst überlegen, wie man so etwas macht. Augenbrauen zusammenziehen, dachte er, Kinn nach vorne und Mundwinkel nach unten. Er warf einen raschen Blick in den Spiegel und war sehr zufrieden. Es war das böseste Gesicht, das man sich vorstellen konnte. Zudem würde er stehen, das wirkte bedrohlicher. Und dann Starren. Und die Fäuste ballen.

Die ersten Hunde, die vorbeikamen, waren ein Rottweiler und ein Schäferhundmischling. »Schau mal, der is neu«, sagte der Rottweiler.

»Vergiss es«, antwortete der andere. »Der taugt nicht zum Wachmensch. Der ist viel zu lieb. Den kriegst du nicht scharf.«

»Scharf kriegst du jeden«, sagte der Rottweiler. »Stachelband um den Hals, ordentlich anknurren und ab und zu mal beißen. Alles eine Frage des Abrichtens.«

»Der doch nicht. Der ist sanft wie ein Lamm. Riech doch mal richtig hin.« Der Rottweiler hob die Nase, schnüffelte kurz und sagte: »Hast recht. Lass uns weiterschauen.«

Charly war so erleichtert, dass ihm nicht auffiel, dass an seiner Taktik offensichtlich etwas nicht stimmte. Er starrte weiter. Unendlich böse. Dann aber entglitten ihm die Züge: Vor dem Gitter tauchte ein kleiner, schwarz-weiß gefleckter Welpe auf, der ihn mit schief gelegtem Kopf und großen Kinderaugen ansah. Gott ist der süß, dachte Charly. So was kann ich doch nicht böse anschauen. Das ist ein Kind!

»Oh«, rief der Kleine. »Schaut mal der da. Der ist was zum Spielen!«

»Wo?« »Zeig mal.« »Wartet auf mich!« »Ich seh nichts. Der Oskar drängt mich immer weg.« So hallte es durch den Gang, und dann ergoss sich eine Lawine von Welpen vor seiner Tür. Charly schloss die Augen, um nicht die Fassung zu verlieren. Es hilft nichts, dachte er. Ich warte auf Benjamin. Böses Gesicht, los. Und dann schob er das Kinn so weit vor, dass ihm der Kiefer weh tat, und ballte die Fäuste.

»Der kann lustige Grimassen, den will ich.«

»Au ja. Und einen schönen dicken Bauch hat er. Da kann man drauf hüpfen. Ein Wampolin, ein Wampolin, ich will ein Wampolin!« »Keinen Alten, die sind langweilig. Ich will das Mädchen dort drüben ...«

»Nein der, der ist viel lieber.«

»Ruhe Kinder«, sagte eine sonore Stimme, und Charly öffnete kurz ein Auge und erblickte eine große Neufundländerhündin. Dann schloss er das Auge sofort wieder, denn er hatte auch die Kleinen gesehen, wie sie versuchten, sich durch die Gitterstäbe zu zwängen.