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Mark Seal

Der Mann,
der Rockefeller war

Aufstieg und Fall
eines bayerischen Hochstaplers

Deutsch von Ingo Wagener

btb.eps

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Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel
»The Man in the Rockefeller Suit. The Astonishing Rise
and Spectacular Fall of a Serial Impostor« bei Viking,
Penguin Group, New York.

1. Auflage 2011

Copyright © 2011 by Mark Seal

All rights reserved.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011
by btb Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07187-5
V002

www.btb-verlag.de

Wie immer für Laura – mit all meiner Liebe

Anmerkung des Autors

Dieses Buch entstand aus annähernd zweihundert Gesprächen mit Menschen, deren Wege sich sowohl in Deutschland als auch in zahlreichen Staaten der USA mit dem jenes rätselhaften Mannes kreuzten, der viele verschiedene Identitäten annahm, die soziale Leiter immer weiter emporstieg und sich letztlich als Clark Rockefeller ausgab.

Sämtliche Fakten stammen aus den Interviews des Autors, aus Polizeiberichten, Gerichts- und Grand-Jury-Protokollen sowie Reportagen im Fernsehen und anderen Medien.

In einigen Fällen wurden auf Wunsch der Beteiligten die Namen geändert.

Jegliche Rekonstruktion von Ereignissen oder Meinungen der auftauchenden Personen basiert auf den oben genannten Interviews, Polizeiberichten, Gerichts- und Grand-Jury-Protokollen sowie Reportagen im Fernsehen und anderen Medien.

Prolog

Sonntag, 27. Juli 2008

Der Plan war idiotensicher. Die Route war ausgearbeitet, die Rollenbesetzung stand, der Ablauf schien perfekt organisiert. Nach außen machte er einen ruhigen Eindruck, aber in Wahrheit raste sein Herz. Endlich würde er das Unterfangen, das er bereits seit Monaten bis ins kleinste Detail vorbereitet hatte, zu einem Abschluss bringen.

Es war ein langer Weg gewesen, bis er es hierher geschafft hatte: an einen der renommiertesten Orte der USA, in ein Zimmer im vierten Stock des Boston Algonquin Clubs, jener ehrwürdigen Bastion der blaublütigsten Stadt der Vereinigten Staaten. Seit 1886 trafen sich US-Präsidenten, Staatsoberhäupter sowie die örtliche und nationale Aristokratie vorzugsweise an diesem Ort. Auch er gehörte hierher. Schließlich war er Vorstandsmitglied und ein wohlbekanntes Gesicht in den luxuriösen Gemächern des Clubs mit seinen hohen Decken, mit Gemälden, die auch Museen zur Ehre gereicht hätten, und den uniformierten Bediensteten, auf die er sich stets verlassen konnte und von denen er jeden kannte. Er war James Frederick Mills Clark Rockefeller. Seine Freunde durften ihn Clark nennen, alle anderen hatten ihn mit Mr. Rockefeller anzureden.

»Guten Tag, Mr. Rockefeller«, begrüßten ihn die Ober im Speisesaal mit den vier Kaminen und dem herrlichen Blick auf die Commonwealth Avenue, während er auf das Frühstück oder das Mittagessen wartete. Oder sie sagten: »Guten Abend, Mr. Rockefeller«, ehe sie ihm seinen allabendlichen Sherry brachten, während er in der gut ausgestatteten Bibliothek inmitten der Porträts ehemaliger Mitglieder – wie Präsident Calvin Coolidge und andere Würdenträger des Landes – wartete. Mit siebenundvierzig Jahren war er fester Bestandteil einer legendenumwobenen Familie des Landes und zählte John D. Rockefeller, den Gründer der Standard Oil Company und einer Dynastie von Philanthropen, zu seinen Vorfahren.

Zuletzt allerdings hatte sich ein Schatten über Clark Rockefellers Dasein auf der Sonnenseite des Lebens gelegt. Das erklärte auch, warum er nicht nur wie bisher im Algonquin dinierte, sondern auch dort lebte. Der Club war für seine Mitglieder nicht nur eine Oase in einer widerspenstigen Welt, sondern diente ihnen auch als Zufluchtsort vor vorübergehenden, aber dennoch schmerzlichen Ereignissen wie Ehekrisen oder – in Rockefellers Fall – Scheidung. Heute jedoch hatte er allen Grund zur Freude. Er wollte den Tag mit seiner kleinen Tochter Reigh verbringen, einem hinreißenden Mädchen von sieben Jahren, dem er den Kosenamen Snooks gegeben hatte.

Es war ein strahlender Sonntagmorgen, und er zog seine übliche Kluft an: eine Khaki-Hose, ein himmelblaues Lacoste-Hemd mit dem Krokodillogo auf der linken Brust, Top-Sider-Segelschuhe (wie immer ohne Socken) und eine rote Baseballkappe mit dem Aufdruck YALE. Er rückte das schwarze schwere Gestell seiner Brille zurecht, von der einige meinten, dass sie ihn wie Nelson Rockefeller aussehen ließe, und begab sich auf den Weg nach unten. Im Flur duftete es nach Möbelpolitur und Leder. Er stieg die breite Holztreppe hinunter und betrat das imposante Foyer. Dort wartete Snooks bereits auf ihn – zusammen mit einem Sozialarbeiter, der den achtstündigen Besuch beaufsichtigen sollte. Rockefellers Exfrau Sandra hatte durch einen Gerichtsbeschluss erwirkt, dass das gemeinsame Kind nur unter Beaufsichtigung eines Sozialpädagogen mit dem Vater zusammen sein durfte, obwohl sie nur wenige Blocks entfernt war.

»Hi, Daddy!«, rief Snooks und eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Sie war klein für ihr Alter, hatte einen blonden Pagenschnitt und ein schiefes Lächeln und trug ein leichtes Sommerkleid. Gegen Mittag hob Rockefeller sie auf seine Schultern und ging zum Boston Common, wo sie sich ein Schwanentretboot mieten wollten. »Guten Morgen, Mr. Rockefeller«, grüßten ihn manche der Passanten. Er war in Beacon Hill kein Unbekannter. Schließlich hatte er in dem Viertel vier Jahre lang in einem dreistöckigen, mit Efeu bewachsenen Stadthaus im Wert von 2,7 Millionen Dollar in einer der besten Straßen der Stadt gelebt. Das war vor der schmerzhaften und entwürdigenden Scheidung gewesen, nach der Sandra nicht nur das Haus in Beacon Hill, sondern auch ihren zweiten gemeinsamen Wohnsitz in New Hampshire zugesprochen bekommen hatte. Außerdem besaß sie nun das alleinige Sorgerecht für Snooks und war mit ihr nach London gezogen, wo sie nun arbeitete. Ihm blieben lediglich drei achtstündige Besuche pro Jahr. Heute fand der erste statt, und der Sozialpädagoge Howard Yaffe taperte wie ein fünftes Rad am Wagen hinter ihnen her.

Clark Rockefeller hatte jedoch noch immer seinen Namen, seine Intelligenz, seine außergewöhnliche Kunstsammlung, deren Wert auf eine knappe Milliarde Dollar geschätzt wurde, gute Freunde in besten Positionen und Mitgliedschaften in begehrten Privatclubs entlang der gesamten Ostküste, mit deren Hilfe er bürgerliche Hotels und Restaurants vermeiden konnte. Obwohl er Snooks mehr oder weniger verloren hatte, war er durch die Scheidungsvereinbarung um 800 000 Dollar reicher geworden und zudem in der Lage, heute mit seiner geliebten Tochter durch Boston zu spazieren.

Sie bogen um die Ecke in die Marlborough Street, eine mit großen Bäumen gesäumte Allee, in der Teddy Kennedy zeitweise gewohnt hatte. Ein schwarzer SUV war am anderen Ende des Blocks geparkt. Hinter dem Steuer saß Darryl Hopkins, ein vom Glück nicht gerade verwöhnter Chauffeur, dessen Weg sich an einem verregneten Tag zufällig mit dem von Clark Rockefeller gekreuzt hatte. Im vergangenen Sommer war er mit seinem Auto ziellos durch Boston gefahren, als er einen gediegenen Gentleman bemerkte – völlig durchnässt und so gekleidet, als käme er gerade von einem Segelboot. Dieser Mann versuchte vergebens, ein Taxi anzuhalten. Hopkins trat auf die Bremse und bot ihm seine Dienste an. Seitdem waren die beiden ein Team. Rockefeller besaß keinen Führerschein und bedurfte eines Chauffeurs, um zu diversen Terminen zu gelangen. Hopkins stand ihm mit seinem Wagen nur zu gern zur Verfügung.

Mr. Rockefeller wies genau jene sonderbaren Eigenheiten auf, wie sie der Fahrer bei Schwerreichen erwartete. Er sprach mit dem typischen Ostküstenakzent, was sich anhörte, als litte er unter einer Kieferklemme, und trug stets die Standardkleidung der WASP-Aristokratie: blauer Blazer mit Seidenkrawatte beziehungsweise Plastron oder Khaki-Hose und Polohemd. Ehe Rockefellers Frau und Kind nach London umgezogen waren, brachte Hopkins die Kleine regelmäßig nach Southfield, einer exklusiven Privatschule in Brookline.

Der heutige Ausflug sollte jedoch ungewöhnlich werden. Rockefeller hatte Hopkins erklärt, dass er und Snooks mit dem Sohn Lincoln Chafees, einem ehemaligen Senator von Rhode Island, der als sogenannter Rockefeller Republican bekannt war, zu einem Segeltörn in Newport verabredet waren. Aber es gäbe noch ein kleines Problem: Ein überaus anhänglicher Familienfreund müsse abgeschüttelt werden und dürfe nicht in die Limousine steigen. Rockefeller hatte Hopkins für seine Hilfe 2500 Dollar angeboten.

Kurz nach Mittag parkte der Chauffeur in der Marlborough Street und sah gleich darauf, wie Rockefeller mit Snooks auf den Schultern, gefolgt von einem untersetzten Mann mittleren Alters in Jeans und einem hellgelben Polohemd, auf den Wagen zukam.

Ein Stück vor dem SUV setzte Rockefeller Snooks ab und hielt inne, um ihr eines der imposanten Gebäude der Straße zu zeigen. Als Yaffe ebenfalls in diese Richtung blickte, wurde er von Rockefeller seitlich gerammt und zu Boden geschleudert.

Hopkins ließ den Motor an, während Rockefeller die Hintertür aufriss und seine Tochter mit einem lauten »Rein mit dir!« in den SUV stieß. Er tat dies so heftig, dass sie die Puppe verlor, die sie in der Hand gehalten hatte. Dann folgte er ihr hastig.

Als Rockefeller die Tür hinter sich zuwarf, rappelte sich Yaffe auf, fasste nach dem Griff und versuchte, ebenfalls in den Wagen zu gelangen. »Fahren Sie!«, rief Rockefeller, und Hopkins trat auf das Gaspedal, so dass er den Sozialarbeiter mehrere Meter hinter sich herschleifte, ehe dieser die Tür endlich losließ. Sein Kopf wurde gegen den Wagen geschleudert, dann prallte er mit voller Wucht auf der Straße auf.

Im SUV begann Snooks laut zu weinen und sich den Kopf zu halten, den sie sich durch den Stoß ihres Vaters an der Karosserie angeschlagen hatte.

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Hopkins und warf einen Blick in den Rückspiegel. »Hast du dir am Kopf wehgetan?«

»Ich habe mir nicht wehgetan, mein Kopf ist zerschmettert«, antwortete das kleine Mädchen.

»Zumindest sind wir Harold losgeworden«, meinte Rockefeller, womit er in Wahrheit Howard Yaffe meinte.

»Ich weiß, Daddy«, sagte Snooks. Sie beruhigte sich etwas.

Rockefeller gab Hopkins Anweisungen, wie er fahren sollte, bis sie neben einem Taxi vor dem White-Hen-Pantry-Laden in Beacon Hill ankamen.

»Anhalten!«, rief Rockefeller. Die Pläne für Newport hätten sich geändert, verkündete er. Jetzt wolle er seine Tochter ins Massachusetts General Hospital bringen, um ihren Kopf untersuchen zu lassen. Er würde ein Taxi nehmen. »Warten Sie auf dem Parkplatz vor Whole Foods auf mich«, befahl er und warf einen Umschlag mit der versprochenen Summe auf den Beifahrersitz.

Sobald sie im Taxi saßen, wies Rockefeller dessen Fahrer an, nicht zum Krankenhaus, sondern zum Boston Sailing Center zu fahren. Wenige Minuten später stiegen Snooks und er in einen weißen Lexus SUV. Aileen Ang, eine dreißigjährige Amerikanerin asiatischer Abstammung, die als Klavier- und Querflötenlehrerin sowie als Webdesignerin arbeitete, saß am Steuer. Sie hatte Rockefeller im Jahr zuvor bei einem Mitgliedertreffen des Segelvereins kennengelernt. Ang fand ihn exzentrisch, was sie angesichts seines Stammbaums nicht weiter verwunderte, und hatte sich mittlerweile mit ihm angefreundet.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte er ihr mitgeteilt, dass er mit seiner Tochter in seinem neuen Segelboot um die Welt fahren wolle. Er schlug Ang vor, sie zu begleiten, sie könne Snooks Klavierunterricht geben. Zwei Tage zuvor hatte ihr Handy geklingelt, als sie gerade im Kino gewesen war. Clark hatte ihr eine Nachricht hinterlassen: »Willst du segeln gehen?«

Sie rief zurück und erklärte, dass sie keine Zeit habe. Clark schien nicht sonderlich enttäuscht zu sein, fragte aber, ob sie ihn nach New York City zu seinem Boot fahren könne. Sie sagte zu, und er versprach ihr 500 Dollar für Benzin und den Zeitaufwand. Da Aileen wusste, dass er keinen Führerschein besaß, willigte sie ein.

Am Sonntag wartete sie in ihrem Auto vor dem Boston Sailing Center, bis Clark Rockefeller und seine Tochter auf sie zueilten und einstiegen. »Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich hinten bei Snooks sitze. Sie hat Kopfschmerzen, und ich möchte mich um sie kümmern«, erklärte Rockefeller. Ang ließ den Motor an.

»Wohin fahren wir, Daddy?«, wollte Snooks wissen.

»Wir fahren zu unserem neuen Boot«, erklärte er.

Damit legten sich Vater und Tochter auf die Rückbank. Kurz nachdem Ang in Rhode Island angekommen war, kletterte Rockefeller auf den Beifahrersitz und fragte, ob er ihr Handy benutzen könne. Erst später bemerkte sie, dass er es ausgeschaltet hatte.

Wegen strömenden Regens und dichten Verkehrs dauerte die Fahrt geschlagene sieben Stunden. Einmal nahm Ang ihr Handy zur Hand, machte es an und sah, dass sie vier Nachrichten hatte.

»Lass es«, bat Rockefeller. Sie gehorchte und schaltete es wieder aus. Während der Fahrt beobachtete sie, wie er und Snooks sich unterhielten, miteinander spielten und Lieder sangen.

»Ich hab dich lieb, Daddy«, sagte Snooks.

In New York City angekommen erklärte Clark, dass Ang zur Kreuzung der 42nd Street und Sixth Avenue fahren solle, von wo aus er und Snooks ein Taxi nach Long Island zu ihrem Boot nehmen würden. Vor dem Grand Central Terminal war der Verkehr so dicht, dass sie nur noch schleppend vorwärtskamen. Noch ehe sie an den Bordsteig fahren konnte, meinte Rockefeller: »Wir steigen hier aus und nehmen ein Taxi.« Damit warf er ihr einen Umschlag auf den Beifahrersitz, nahm seine Tochter und verschwand, ohne sich zu verabschieden.

Ang sah den beiden hinterher und stellte dann ihr Handy wieder ein. Es klingelte schon nach wenigen Sekunden. »Wie heißt Ihr Rockefeller-Freund mit Vornamen?«, fragte ein unbekannter Anrufer.

Ang war verwirrt. »Clark«, antwortete sie.

»Er hat gerade seine Tochter entführt und einen Sozialpädagogen angegriffen. Er wird in ganz Massachusetts gesucht. Und in allen Medien kommt die Beschreibung des Mädchens!«

»Sie sind soeben ausgestiegen!«, rief Ang aufgeregt. »Was soll ich tun?«

»Die Polizei anrufen.«

Einige Stunden zuvor richtete sich Howard Yaffe in Boston mühsam auf. Seine Hüfte, seine Schulter und sein Knie waren zerschrammt und bluteten. Sein Kopf pochte schmerzhaft. Mühsam kramte er sein Handy hervor und wählte den Notruf. »Ein Vater hat gerade seine Tochter entführt«, meldete er. Nachdem er die Details mitgeteilt hatte, rief er im Hotel Four Seasons an, wo sich Rockefellers Exfrau befand.

»Sandy, er hat sie«, erklärte er. »Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – aber er hat sie. Ich bin in der Marlborough Street. Die Polizei kommt gleich.«

Sandra Boss, eine hochgewachsene, attraktive, selbstbewusste Frau raste mit dem Taxi nach Beacon Hill. Sie war am Boden zerstört und lief kopflos die Straße auf und ab. Tränen strömten ihr über das Gesicht. Kurz darauf gesellte sich ein dünner grauhaariger Privatdetektiv zu ihr. Sandra Boss hatte seine Firma damit beauftragt, Rockefeller und Snooks zu observieren, aber er hatte offenbar versagt. Yaffe und Boss blieb nichts anderes übrig, als auf die Polizei zu warten.

»Ich wusste, dass es so kommen würde«, rief Sandra Boss der Polizei entgegen, als diese eintraf. »Sie werden ihn nie und nimmer finden!«

»Warum?«, fragte einer der Beamten.

»Weil er nicht der ist, für den er sich ausgibt.«

Nach zwölf Jahren Ehe hatte sie das erst vor kurzem herausgefunden. Während des Scheidungsprozesses im Sommer 2007 hatte sie eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, in der sie die Identität ihres Mannes in Frage stellte. Seine Antwort auf ihre Verdächtigung, signiert und vereidigt, hatte damals gelautet:

Sandra L. Boss und ich lernten uns am 5. Februar 1993 kennen. Seitdem kennt sie mich unter meinem einzigen Namen und zwar James Frederick Mills Clark Rockefeller. Sollte ich einen anderen Namen haben, ist es wohl kaum zu erklären, warum diese Tatsache in fünfzehn Jahren Ehe nicht ans Licht kam, insbesondere da Sandra während dieser Zeit viele andere Menschen kennenlernte, die mich unter meinem Namen bereits wesentlich länger kannten als sie selbst.

Jetzt hätte seine Antwort wohl eher gelautet: Catch me if you can.

Yaffe wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo man eine Gehirnerschütterung feststellte. Detective Joe Leeman vom Boston Police Department fuhr hingegen eine verzweifelte Sandra Boss zurück in ihr Hotel, wo sie ihm Bilder ihrer Tochter und ihres Exmannes gab, die man in Windeseile veröffentlichte. Währenddessen wurde Rockefellers Name in der Polizeizentrale in sämtliche Datenbanken nachgeschlagen. Ohne Ergebnis. Einer der Beamten rief Joe Leemann an, der ihn an Sandra Boss weiterreichte. Zu seiner Überraschung erklärte sie ihm, dass Clark weder eine Sozialversicherungsnummer noch einen Führerschein besäße und sie nie einen Steuerbescheid von ihm zu Gesicht bekommen habe.

Und wie stand es mit Kreditkarten oder Handys?

Sämtliche Kreditkarten seien unter ihrem Namen gelaufen, erklärte sie. Außerdem habe er nach ihrer Kenntnis weder einen Reisepass noch ein eigenes Bankkonto. Seit der Scheidung habe sie ihn stets auf einem Handy erreicht, das auf den Namen eines seiner Freunde lief. Sie war nicht in der Lage, der Polizei irgendwelche Informationen zu geben, die ihr bei der Fahndung weiterhalfen.

Vierundzwanzig Stunden nach der Entführung wurde der sonderbare Fall des Clark Rockefeller von der FBI-Agentin Noreen Gleason übernommen. Sie beantragte Einsicht in die Akten über den Verdächtigen und erwartete ein Profil, wie es sich für einen Gentleman aus der Oberschicht ziemt: Ivy-League-Diplom, eine lange Liste von Top-Adressen und Steuererklärungen mit siebenstelligen Beträgen.

»Wir haben nichts«, lautete die Antwort.

Sie wollte seine Sozialversicherungsnummer wissen.

»Selbst die gibt es nicht.«

Gleason konnte es kaum glauben. Sie rief einen Sprecher der Rockefeller-Familie an, einen jener achtundsiebzig direkten Nachfahren von John D. Rockefeller. Einen Clark gab es unter ihnen nicht. Vielleicht sei er ja ein entfernter Cousin, gab der Mann zu bedenken, aber angesichts der Umstände des Verbrechens schien ihm dies doch sehr unwahrscheinlich. Schließlich erklärte er: »Wir haben noch nie von ihm gehört.«

Schon bald hatte jedoch so gut wie jeder von ihm gehört, der fernsah oder sonst wie die Nachrichten verfolgte. Gleason, eine ganze Armee von FBI-Agenten sowie die Polizei verbrachten die nächsten sechs Tage damit, einen ungreifbaren Schatten zu jagen. Wie Darryl Hopkins und Aileen Ang dämmerte es bald auch den Behörden, dass man sie übertölpelt hatte. Bereits vor der Entführung hatte Rockefeller einen wasserdichten Fluchtplan ausgeheckt. Seinen betuchten Freunden hatte er mitgeteilt, dass er eine Reise machen wolle. Jedem hatte er ein anderes Ausflugsziel genannt – eine Lüge nach der anderen. Der eine dachte, Rockefeller segle zu den Bermudas, der andere, er fliege nach Peru. Ein weiterer glaubte, er befände sich auf den Turks- oder den Caicosinseln. Die Behörden folgten jedem Hinweis von Alaska bis zur Antarktis, doch jeder stellte sich als eine weitere Sackgasse heraus.

Dank der großen Medienaufmerksamkeit erhielten das FBI und das Boston Police Department Hinweise aus der ganzen Welt. Der wertvollste stammte von einem Freund Rockefellers aus Boston. Clark hatte ihn am Abend vor der Entführung besucht und dort ein Glas Wasser getrunken. Der Freund hatte dieses Glas noch nicht gespült. Die Agenten stellten es sicher. So konnte die Spurensicherung zumindest Fingerabdrücke nehmen, die sogleich zum FBI-Labor in Quantico in Virginia geschickt wurden.

Gleason blieb nichts anderes übrig, als geduldig auf das Ergebnis zu warten. Nicht nur hatte keiner einen blassen Schimmer, wer der Entführer überhaupt sein konnte, sondern es wusste auch niemand, was er mit seiner Tochter vorhatte. Gleason war eine blonde FBI-Agentin mit siebzehn Jahren Erfahrung im Außendienst in Boston. Sie wusste, wie tragisch sich eine solche Entführung entwickeln konnte. Oft genug wurde der Entführer zwar aufgespürt, erklärte dann aber: »Wenn ich mein Kind nicht haben kann, kriegt sie es auch nicht.« Solche Fälle endeten häufig damit, dass er erst das Kind und dann sich selbst umbrachte. Sollte es so weit kommen, dass Rockefeller umzingelt war und das Kind noch in seiner Gewalt hatte, fürchtete Gleason auch um Snooks’ Leben. Rockefeller würde damit alle Trümpfe in der Hand haben.

»Wir müssen ihn austricksen«, erklärte sie ihren Mitarbeitern. Doch dazu mussten sie ihn erst einmal ausfindig machen.

Als die Analyse der Fingerabdrücke endlich vom Labor zurückkam, war eines endgültig klar: Bei dem Entführer handelte es sich auf keinen Fall um einen echten Rockefeller. Sein richtiger Name lautete Christian Karl Gerhartsreiter. Er war ein siebenundvierzigjähriger deutscher Einwanderer, der als Student 1978 in die USA eingereist war. Kurz nach seiner Ankunft tauchte er unter und begann, so der zuständige Bostoner Staatsanwalt, »die am längsten dauernde Betrugsgeschichte meiner Laufbahn«. Die genau ausgeklügelten, oftmals abenteuerlichen Identitätswechsel Gerhartsreiters – von jenem Tag an, als er als siebzehnjähriger Student zum ersten Mal amerikanischen Boden unter den Füßen hatte, bis zu seinem Verschwinden in Boston – sind Teil einer so bizarren Geschichte, wie sie sich nicht einmal ein talentierter Krimi-Autor hätte ausdenken können.

Es geschah im Sommer 2008. Der wirtschaftliche Aufschwung stand kurz vor dem Zusammenbruch, und die darauf folgende Krise wartete bereits in den Startlöchern. Hauspreise hatten ihre Talfahrt begonnen, Beteiligungsfonds sollten schon bald im Keller sein, und Amerikas neue Blütezeit neigte sich dem Ende zu. In wenigen Monaten sollte die Ära des Überflusses abrupt vorbei sein. Die Krise rollte wie eine Welle über das ganze Land und zeigte deutlich, wie vieles auf reiner Illusion gebaut gewesen war. Alles in allem war es eine ideale Zeit für einen Mann wie Clark Rockefeller.

Meine Freundin Roxane West, die die Hälfte des Jahres in New York und die andere in Texas verbrachte, war die Erste, die mir von Clark erzählte. Einen Tag nach Snooks’ Entführung erwähnte sie bei einem Telefonat seinen Namen. »Clark Rockefeller«, sagte sie. »Mark, hast du schon von Clark Rockefeller gehört?«

Roxane begann mit einer wilden und gänzlich unwahrscheinlich klingenden Geschichte. Sie ist eine temperamentvolle texanische Ölerbin, die erst vor kurzem nach New York kam, aber schon für einiges Aufsehen bei Milliardären, Rockstars, UN-Diplomaten und Staatsoberhäuptern gesorgt hatte. Zwei Monate zuvor war sie mit Freunden durch die Museen der Upper East Side spaziert und hatte dabei auch das Steigrad Fine Arts besucht, das in einem opulenten Stadthaus in der East 69th Street liegt und auf die Alten Meister spezialisiert ist. Während der Cocktail-Hour hatte sie einen ungewöhnlich charmanten Mann kennengelernt, der sich als ein Freund des Museumsbesitzers vorstellte.

»Hi, wie geht es Ihnen?«, fragte er in einem Akzent, der keinen Zweifel an seiner Zugehörigkeit zur Oberschicht zuließ. »Ich heiße Clark.« Dann hielt er kurz inne, ehe er seinen Nachnamen preisgab. »Rockefeller.«

»Oh, hallo«, erwiderte Roxane.

Er sieht wie ein Rockefeller aus, dachte Roxane. Alles passte: die Chinos, der blaue Blazer und die rote Seidenkrawatte, die lehrerhafte Brille, das ganze aristokratische Auftreten. Roxanes Freund Eric Hunter Slater, der sich mit Knochenbau beschäftigte und rühmte, blaues Blut überall ausmachen zu können, glaubte ebenfalls, eine gewisse Familienähnlichkeit zu erkennen. »Der hat eindeutig das Rockefeller-Kinn«, flüsterte er Roxane zu, nachdem sich der Mann wieder abgewandt hatte. »Schau dir die Kieferlinie an – schmal, aber markant. Unverwechselbar.«

Sekunden später hängte sich Rockefeller an Roxanes Fersen. Er schloss sich ihr an, als sie mit ihren Freunden die Galerie verließ, und als sie schließlich in der Wohnung einer Bekannten landeten, setzte er sich neben sie auf die Couch. Am Ende des Abends bestand er darauf, sie in einem Taxi nach Hause zu begleiten.

Am nächsten Tag erhielt sie eine SMS von ihm. »Entschuldigen Sie den unpersönlichen Ton. Gebe gerade eine kleine Führung im Met, wo man Handys schmäht«, schrieb er. »Treffen wir uns doch … Schreiben Sie bitte zurück … Ich wollte sagen, ich fand Sie einfach …« Mehr stand nicht da. Roxane sollte selbst erahnen, wie er sie fand.

Kurz darauf rief er sie an und lud sie zum Mittagessen ein. Sie trafen sich in einem angesagten Restaurant in der Upper East Side, und er erzählte ihr ein wenig über sein Leben. Seine Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als er noch sehr jung war, und hätten ihm eine nicht unbeträchtliche Summe hinterlassen. Jetzt sei er vierzig, habe in Yale studiert und hätte eine siebenjährige Tochter. Er habe das Ei einer Ersatzmutter mit seinem Samen befruchten lassen. Er arbeite als Kernphysiker und müsse schon bald geschäftlich nach China. Gerade habe er seine Tochter und eine ihrer Freundinnen durch das Metropolitan Museum of Art geführt, dessen Sammlung er in- und auswendig kenne, da sie hauptsächlich aus dem Besitz seiner Familie stamme.

Nachdem er die Rechnung in bar beglichen hatte, verabschiedete sich Clark von Roxane vor dem Restaurant. Kaum war er verschwunden, erhielt sie bereits erste E-Mails und mehrere SMS von ihm. Er nannte das Text-Flirten. Sie las mir einige dieser Texte vor.

»Problem: Kann Sie nicht mehr vergessen. Was tun? Mist!«

»Gerade zehn Minuten lang Saturn betrachtet. Exzellente Sicht heute Nacht in Brookline. Wenn Sie es nur auch sehen könnten. Wenn ich Sie nur sehen könnte.«

»In einem U-Boot. Recht voll. Komisch. Gerade an Sie gedacht.«

»Nippe an einem merkwürdigen tropischen Getränk in Nantucket. Möchte Sie unbedingt wiedersehen. Nächste Woche vielleicht Central Park und Kuss? Klingt das gut?«

Dann aber erklärte er, dass er es nicht nach Manhattan schaffen würde, weil seine Privatclubs keine entsprechenden Räumlichkeiten für ihn bereithielten. Ein gewöhnliches Hotel würde er niemals in Betracht ziehen. »Habe Babysitter, aber Clubs morgen alle belegt … Lästig.«

Sie las mir noch einige Nachrichten vor, dann verriet sie mir, dass sie den mysteriösen Mann nach jenem Mittagessen nie wieder zu Gesicht bekommen habe. Schließlich rief sie aufgeregt: »Und jetzt hat er seine Tochter entführt!«

Am selben Abend schaltete ich den Fernseher ein. Auf fast jedem Kanal kam etwas über Roxanes geheimnisvollen Charmeur – allerdings in ziemlich reißerischen Tönen.

»Internationale Fahndung nach einem Rockefeller«, verkündete ein Nachrichtensprecher.

»Die Behörden suchen an Land und auf See nach einem siebenundvierzigjährigen Mann und seiner siebenjährigen Tochter«, erklärte ein anderer der Kamera.

Plötzlich war Clark Rockefeller Amerikas meistgesuchter Mann. Schon bald sollte er symbolisch für Zeiten stehen, in denen die Menschen mehr oder weniger alles glaubten, was man ihnen auftischte, solange das Ganze nur mit einem berühmten Namen verbunden war. Als sich das ganze Ausmaß der Geschichte schließlich langsam herauszukristallisieren begann, schien sie, genau wie ihr Hauptdarsteller, beinahe zu abenteuerlich zu sein, um ihr Glauben schenken zu können.

Erster Teil