Ried, P.J. Die Aschebringerin: Sprung zwischen den Welten

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© Piper Verlag GmbH, München 2020
Redaktion: Julia Feldbaum
Covergestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.de
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

 

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Motto

Du und ich, wir schwebten
über Träume, Ängste, Dächer.
Bis ein Sprung uns teilte
in Schatten, Traum und Wirklichkeit.
Zwei Ichs in Spiegelscherben –
Silhouetten meines Periskops.

Prolog

Die Jagd beginnt.

Ich spüre, wie der Puls in meinen Ohren dröhnt wie das Tosen eines gigantischen Wasserfalls. Meine Muskeln und Sehnen sind zum Zerreißen gespannt, während ich versuche, meinen hektischen Atem zu zähmen wie ein wildes Tier.

Aus, aus, ein. Ein, aus, aus.

Mit klammen Fingern taste ich nach dem vertrauten elektrisierenden Kribbeln in meinem Bauch. Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen breitet es sich von dort in meine Arme und Beine, in meine Zehen und Fingerspitzen aus und weckt jede Zelle mit einem zischenden Stromschlag. Ich kann fühlen, wie es die Kontrolle übernimmt, wie es meinen Rücken krümmt und meine Knie beugt, wie es meinen Körper von den Zehennägeln bis zu den Haarspitzen in Alarmbereitschaft versetzt und anspannt, als wäre er ein Pfeil und die Welt ein Bogen. Wie es die Sehnen weiter strafft … und zielt.

Sie kommen.

Wütende Rufe werden laut, dringen an mein Ohr wie der Knall eines Pistolenschusses. Das Band wird freigegeben, der Pfeil schnellt nach vorn und sirrt durch die Luft, dreht sich um sich selbst und zerschneidet die flirrende Hitze über den Dünen. Nichts ist oben, nichts ist unten, nichts ist von Bedeutung. Das Rumoren in meinem Bauch wird zu dem Brüllen eines Löwen, der sich in meiner Brust aufbäumt und mit seinen Pranken einen wilden Rhythmus gegen meine Rippen trommelt.

Der Pfeil bin ich, Yashira Willow, die Aschebringerin.

Einst Weltenspringerin, Goldbringerin, beste Portalläuferin seit der zweiten erdgeschichtlichen Stunde null. Früher gefeiert, geliebt, bejubelt – heute gehasst, gejagt, verstoßen.

Seit die Welten hinter den Portalen zu brennen begannen, bin ich eine Ausgestoßene. Verdammt dazu, die Schuld zu tragen, eine Ausgestoßene der Gesellschaft, heimatlos. Sie verdrängten mich an den Rand der Wüste, nah genug, um mich zu jagen, weit genug, um mich dem Tod in die dürren Arme zu treiben. Nur manchmal wage ich mich aus meinem provisorischen Versteck und hole mir mit gespitzten Ohren meine wertvollste Währung: Informationen.

Und trotzdem liebe ich den Kitzel der Gefahr, in der Stadt erwischt zu werden. Es erinnert mich an das Gefühl, wie es früher war, wenn ich vor Hunderten von Menschen auf dem Feld der Arena stand, vor mir das hellblaue Leuchten des Portals, in das ich gleich hineinlaufen würde. An die Anspannung, die Hoffnung, dass sich all die langen täglichen Trainingsstunden auszahlen würden, dass ich meine Jagd nach neuen Bestwerten erfolgreich fortsetzen könnte. Neben mir ein Konkurrent, ein weiteres Portal, das weitaus kostbarere Beute verbergen könnte als meines. Die jubelnde Menge in meinem Rücken, die mich anfeuert: »Yashira! Yashira! Yashira!«

Jetzt sind es bloß die sandigen Dünen, auf die ich zurenne, und statt meiner Fans habe ich das wütende Keuchen meiner Verfolger im Nacken. Ich kann es ihnen nicht mal verübeln. Wäre es nicht mein eigener Kopf, auf den eine solch hohe Summe ausgesetzt ist, würde ich mich vermutlich selbst jagen.

Doch dieses Mal ist etwas entscheidend anders. Als ich über meine Schulter zurückblicke, wirken meine Jäger abgelenkt, geradezu zerstreut. Ihre Waffen sind nicht auf mich gerichtet und sie laufen in eine andere Richtung, eine gekrümmte Achse entfernt von meiner geraden Schneise durch den heißen Sand. Neben ihnen kann ich noch eine weitere Gestalt ausmachen. Nein, nicht neben ihnen, vor ihnen! Ich kneife meine Augen zusammen, um in dem staubigen Flimmern klarer zu sehen, und erkenne eine schlanke Silhouette, die sich vor dem Jägertrio durch den Sand kämpft. Kleidungsfetzen flattern um sie herum wie zerlumpte Fahnen im Wüstenwind, eine traurige Erinnerung an frühere Zeiten. Im Gegensatz zu mir verliert die Gestalt ständig den Halt im weichen Sand, stolpert und rappelt sich auf, immer und immer wieder, die Verfolger mit jeder Sekunde dichter auf ihren Fersen. Es scheint hoffnungslos.

Einem plötzlichen Impuls folgend, der all meinen Instinkten zuwider ist, verlangsame ich mein rasantes Tempo. Einer der Jäger wirft eine dunkle Kugel nach dem fremden Wesen, sie öffnet sich in der Luft und hüllt die Gestalt in ein engmaschiges Netz. Augenblicklich geht sie zu Boden und bleibt gekrümmt im heißen Wüstensand liegen. Ich höre die Männer über den Triumph jubeln, ihre Beute gefangen zu haben, und balle meine Hand zur Faust. Vermutlich ist es ein Ausgestoßener, so wie ich. Sie drehen sich von mir weg, klatschen sich ab und sprechen in ihre Funkgeräte, kehren unbewusst einer Hyäne den Rücken zu. Ein schwerwiegender Fehler.

Bevor ich mir selbst darüber im Klaren bin, was ich tue, schleiche ich mich an die drei Jäger und ihre wehrlose Beute heran. Es ist riskant, doch die Männer sonnen sich noch in ihrem Erfolg und rechnen nicht mit einem Störfaktor. Dumm von ihnen.

Mühelos durchtrennt das Messer, das ich in einem abgenutzten Holster an meinem Oberschenkel trage, die Fäden des Netzes. Eilig reiße ich die Fasern auseinander, greife nach der dürren Gestalt und ziehe sie auf die Füße. Ich bedeute ihr stumm, mir zu folgen, und werfe das Netz zurück auf unsere Verfolger. Sie rufen etwas in einer fremden Sprache und zappeln, als sie die Gewichte an den Fäden zu Boden reißen. Zufrieden blecke ich die Zähne. Aber es wird sie nur kurz aufhalten, gerade lange genug, um uns einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Wir müssen fliehen, sofort. Also packe ich die sehnige Hand des anderen Ausgestoßenen, zerre an ihr und renne los – mit meinen durchtrainierten Muskeln in einem geschmeidigen, zielgerichteten Tanz durch den losen Sand.

Wir müssen ein merkwürdiges Bild abgeben, wie wir so nebeneinander durch die Dünen rennen, eine Gestalt leichtfüßig, klein und muskulös, die andere groß, keuchend und knochig. Hinter uns die zornigen Schreie unserer Jäger, die mit jedem meiner kräftigen Schritte leiser werden, bis sie sich schließlich vollends in der unendlichen Weite der Wüste verlieren. Erst als ich mir sicher bin, dass wir sie abgeschüttelt haben, führe ich uns zu einem kleinen Höhlensystem unweit der Stadt. Hier habe ich mir mit meinen wenigen Habseligkeiten eine notdürftige Bleibe eingerichtet. Ich lasse die Gestalt los. Sie schwankt und scheint stark dehydriert. Wortlos drücke ich ihr meine Wasserflasche an die aufgeplatzten Lippen und zwinge sie zu trinken. Erst dann blickt sie zu mir auf.

Man sagt, den ersten Lauf durch ein Portal vergisst man nie. Die Anspannung vor dem Startschuss, das kräftige Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, wenn sie ihre Arbeit tun, den unbändigen Sog des Portals und die fremden Eindrücke der Welt dahinter.

Es stimmt, man vergisst ihn nicht. Doch noch weniger werde ich die schillernd blauen Augen des Jungen vergessen, die mich aus dem blassen Gesicht anblicken und ohne Vorwarnung in eine völlig neue Welt saugen.

Mit hämmerndem Herzen wache ich auf.

Kapitel 1

Es ist kalt, als ich meine Augen aufschlage, aber trotzdem ist das Laken unter mir nass geschwitzt. Als hätten sich die Bilder verflüssigt und wären im Schlaf aus meinem Kopf geflossen. Träge blinzele ich in die hellen Sonnenstrahlen, die sich an dem nur halb heruntergelassenen Rollo vorbeischleichen, und gebe ein benommenes Stöhnen von mir.

Was war das bloß für ein Traum? Er wirkte so authentisch, so klar, beinahe schärfer als die Realität – und doch so völlig anders. Die vertrauten Wahrnehmungen des Laufens und der Anspannung vor einem Wettkampf, die merkwürdige und völlig verquere Jagd auf mich, die eigentliche Jägerin. Was soll das bedeuten? Und was hatte es mit dieser trockenen Sandwüste auf sich? Und dazu dieser fremde Junge, seine Hilflosigkeit und vor allem seine Augen. Augen, so paralysierend blau wie die Portale, in die ich sonst laufe, von einer solchen Anziehungskraft, dass die Portale selbst bloß wie schwache Imitationen wirken. Sogar jetzt, als die Eindrücke des Traumes allmählich verblassen, ziehen sie mich in ihren Bann. Fast so, als würden sie mich noch immer dazu herausfordern, in sie einzutauchen …

Entschieden schüttele ich den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben, und setze mich auf. Das hellblaue Portal-Running-Champion-Schlafshirt klebt an meinem Körper und meine schwitzigen Hände bekommen das Band in meinem zerzausten Haarknoten nicht richtig zu fassen. Schlaftrunken stütze ich mich mit den Ellbogen auf die Knie, vergrabe das Gesicht in meinen Händen und versuche, mich zu sammeln.

Aus, aus, ein. Ein, aus, aus.

Die Atemübung hilft mir, einen klaren Kopf zu bekommen. Mit wackligen Beinen stehe ich auf und tapse auf nackten Füßen durch das Zimmer und quer über den Flur ins Bad. Mechanisch drehe ich den Duschhahn auf, streife das Shirt ab und warte, bis das Wasser dampfend heiß ist. Dankbar stelle ich mich unter den wohltuenden Strahl, schließe die Augen und lasse das Wasser über meinen Kopf und den Rücken hinabrinnen. Zusammen mit dem Schweiß wasche ich so auch die restlichen Bilder des kuriosen Traumes von mir. Nur die Augen des dürren Jungen bleiben mir im Gedächtnis wie der erste Fußabdruck im unberührten Boden hinter einem Portal.

Energisch schüttele ich mich, greife nach dem Handtuch und rubbele meine gerötete Haut ab. Das muss aufhören! Ich brauche meine gesamte Konzentration für das heute bevorstehende Finale der diesjährigen Portal-Running-Championships. Ablenkungen kann ich mir nicht erlauben, schließlich muss ich trotz meiner sicheren Favoritenrolle meine Sponsoren beeindrucken. Der heutige Wettlauf entscheidet darüber, wer aus der Top Ten von ganz Alpha der beste Portalläufer des Jahres wird. Natürlich winken uns allen bereits lukrative Verträge, doch die Gewinner der Championships werden in der Regel mit Sachpreisen und noch wesentlich wertvolleren Belohnungen überhäuft.

Gedankenverloren betrachte ich den goldenen Miniaturturnschuh, den ich als Dekoration und tägliche Motivationsquelle auf den kleinen Sims unter dem Badezimmerspiegel gestellt habe. Es ist ein Geschenk von meinem Trainer Liam, das er mir zu meinem ersten Sieg bei einem großen Turnier überreicht hat. Damals war ich vollkommen überwältigt von dem jubelnden Publikum, Liams Lob und den vielen Medienberichten über mich als neues Portallauf-Talent. Lächelnd umschließe ich das kühle Metall mit meinen Fingern, wiege es in der Hand und lasse meine Erinnerungen an den kostbaren Moment kurz Revue passieren.

Für mich und meine Familie würde ein weiterer Sieg viel bedeuten, denn wir besitzen nur wenig. Zwar gehören uns ein paar kleine Gewächshäuser am Rand der Stadt, doch sie werfen keine allzu hohen Beträge ab. Umso glücklicher waren meine Eltern, als sie vor vier Jahren erfuhren, dass ihre Tochter das seltene Portalsprung-Gen in sich trägt und somit das Zeug zur Portalläuferin hat. Fortan wurde mein Leben völlig davon bestimmt. Durch ein Stipendium konnte ich eine kleine Wohnung in der mehrere Stunden entfernten Hauptstadt beziehen, trainierte zweimal täglich und wurde in die Technik des Portalpassierens eingeweiht.

Seit jedoch vor drei Jahren ein Portalläufer während eines Wettkampfs auf unerklärliche Weise verschwunden ist, sind meine Eltern immer besorgter um mich. Ich selbst mache mir darum keine Gedanken und konzentriere mich lieber völlig auf mein Training. Inzwischen kann ich mir etwas anderes überhaupt nicht mehr vorstellen. Mittlerweile gehöre ich sogar zu den besten Portalläuferinnen von Planet Alpha, die im Rahmen des heutigen Jubiläumswettkampfes gegen die anderen Favoriten antreten darf.

Und ich bin fest entschlossen zu gewinnen.

Mit der Handkante wische ich über das beschlagene Glas des Badezimmerspiegels. Mein Gesicht wirkt blass und verzerrt. Der Traum von gestern Nacht hat wohl seine Spuren hinterlassen. Nur meine Augen stechen klar und deutlich hervor wie zwei kristallklare Smaragde.
Schluss damit! Ich muss mich beeilen und die letzten Vorbereitungen treffen. Beinahe in Rekordzeit schlüpfe ich in mein hellblaues Trikot und die dunkelblauen Shorts und lasse das Handtuch achtlos auf den Boden fallen. So schnell ich kann, schlinge ich ein Frühstück aus Joghurt, Müsli und Apfelstückchen in mich hinein, greife nach meinen am Vortag gefüllten Flaschen und stopfe sie in meine Sporttasche. Eilig binde ich meine Haare am Hinterkopf zu einem straffen Pferdeschwanz zusammen und schlüpfe in meine neongrünen Schuhe mit den dunkelblauen Schnürsenkeln. Anschließend greife ich meinen Locator vom Schuhschrank und die Tasche vom Boden und lasse die Tür hinter mir zufallen.

 

Es ist ein schöner, sonniger Morgen und ich atme die kühle Luft ein, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ich frage mich, was mich bei meinem Lauf erwarten wird. Die Witterungsbedingungen hinter den Portalen, die jeweils auf einen der dreiundzwanzig Monde von Alpha führen, sind stets unberechenbar. Ich kann nur hoffen, dass mich dort kein Schneesturm oder ein heftiger Hagelschauer empfangen werden.

Eilig klettere ich in den Shuttlebus, der bereits auf mich wartet. Ein seltener Luxus auf Alpha, denn Fahrzeuge sind hier aufgrund der Ressourceneinsparung extrem kostspielig. Nicht nur die in Gewächshäusern künstlich gezüchteten Lebensmittel, sondern auch die von der Erde mitgebrachten Metallteile werden wegen ihrer Knappheit streng überwacht und rationiert. Die meisten Bewohner sind deshalb auf die Nutzung der strikt durchgetakteten Elektrozüge angewiesen. Zu meinem Glück ist einer meiner Sponsoren jedoch so großzügig, mir für Fahrten zu Wettkämpfen und zum Training einen Shuttlebus samt Chauffeur zur Verfügung zu stellen.

»Na, bereit für deinen großen Coup, Yashira?«, begrüßt mich Liam vom Beifahrersitz aus.

»Ich hoffe es«, antworte ich, während ich mich auf den Rücksitz fallen lasse und sein Grinsen aus dem Rückspiegel auffange. Es erreicht seine Augen nicht.

Nervös lächle ich zurück, nicke dem Fahrer zu und streiche mir eine verirrte Locke aus den Augen. Liam und ich kennen uns schon seit fast zweieinhalb Jahren. Nach meinem Umzug in die Stadt mit nichts als ein paar Klamotten und einem wirren Haufen hoffnungsvoller Träume im Gepäck gab mir vor allem mein Training Halt. Schnell hatte ich das Gefühl, in Liam jemanden gefunden zu haben, der mich verstand und mit mir an einem Strang zog. Zumindest meistens. Unser Verhältnis ist mit den Jahren – und nach ein paar Verletzungen, die mich in der letzten Saison stark zurückgeworfen haben – schwieriger geworden. An den meisten Tagen baut er mich auf, bringt mich zum Lachen und hält mir den Rücken frei. Aber manchmal sieht er mich mit diesem undefinierbaren Blick an, als überlege er, ob ich all seine Mühe auch wirklich wert sei. Als würde er mich am liebsten mit einem Tritt in den Hintern vor die Tür setzen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Oder sobald er bei einer seiner Sportwetten wegen mir verliert.

Vor dem Fenster fliegen die spiegelverglasten Hochhäuser Alphas geradezu vorbei, bis wir schließlich die Auffahrt zum Stadion erreichen. Auf einer künstlich aufgeschichteten Anhöhe ragt es in den Himmel wie eine glänzende Krone aus Stahl. Seine wie Zacken gestalteten Sitzblöcke, die ovale Innenfläche aus Tartanbelag und Kunstrasen und die schimmernden Portalrahmen aus Titan – all das könnte ich mit verbundenen Augen nachzeichnen. Trotzdem erscheint es mir jedes Mal, wenn ich die Arena betrete, wie ein kleines Wunder. Ein Wunder, in dessen Genuss ich bloß durch die schräge Laune der Natur komme, an der richtigen Stelle meiner DNS zufällig das richtige Gen mutieren zu lassen.

»Wir sind da, Yashira! Viel Glück. Ich schaue von oben zu«, sagt Liam, als der Fahrer vor einem Hintereingang anhält und per Knopfdruck meine Tür öffnet.

Ich greife nach meiner Sporttasche und steige aus dem Wagen. Einen winzigen Moment lang zögere ich, bevor ich kurz entschlossen den Kopf zurück in den Wagen schiebe und frage: »Liam? Auf wen hast du heute gesetzt?«

»Auf dich natürlich. Auf wen denn sonst?«

Dann schließt Liam die Tür, und das Auto fährt weiter auf den winzigen Parkplatz, der für Sportler und VIPs reserviert ist. Ich bleibe zurück, allein mit dem Kreisel meiner Gedanken. Nur seine Worte hallen noch in meinem Kopf nach, während ich mich der Arena zuwende. Wenn er wüsste, wie offen sich seine Tipps unter uns Athleten herumsprechen.

Auf wen denn sonst? Ich weiß es auch nicht.

Am separaten Eingang für Sportler gebe ich wie immer meine Tasche in die Hände der Sicherheitsleute. Routiniert haken sie meinen Namen auf der Liste ab, scannen den ID-Chip in meiner rechten Zeigefingerspitze und winken mich durch die Sicherheitsschleuse. Augenblicklich beginnt sie, unangenehm schrill zu piepsen, als hinge ihr Leben davon ab, mir vor meinem Lauf grausame Kopfschmerzen zu bereiten.

»Arme zur Seite ausstrecken!«, bellt eine verkniffene Beamtin und fährt mit einem Handscanner meine Gliedmaßen entlang.

»Ihre Armbänder?«

»Nein«, antworte ich mit einem Blick auf die zahlreichen bunten Bändchen, die mein rechtes Handgelenk zieren. »Keins davon ist aus Metall. Ich …«

»Tragen Sie sonst irgendwo Metall am Körper, von dem wir nichts wissen? Versuchen Sie, irgendwas in die Arena zu schmuggeln? Sagen Sie es besser gleich, Sie wissen, dass der Ganzkörperscan alles sichtbar macht.«

»Hören Sie, es sind sicher meine Ohrringe. Das hatten wir doch schon mehrfach. Ich vergesse jedes Mal, sie rauszunehmen.«

Misstrauisch betrachtet die Beamtin mein rechtes Ohrläppchen und fährt mit ihrem Scanner über die drei silbernen Stecker. Ich kneife die Augen zusammen, als das Gerät direkt neben meinem Kopf aufheult.

»Sie dürfen passieren. Aber das ist Ihre letzte Mahnung. Nächstes Mal nehmen Sie die Dinger gefälligst vorher raus, oder ich muss Ihnen den Zutritt verweigern!«

»Ja, ich werde es nicht wieder vergessen«, murmele ich und schiebe meinen linken Zeigefinger in den weißen Kasten vor mir. Eine winzige Nadel sticht in meine Fingerkuppe und speichert mein Blut für die Doping-Kontrolle. Mit gesenktem Kopf nehme ich meine Tasche entgegen und verdrehe heimlich die Augen, während ich auf die mir zugeteilte Aufwärmschleuse am anderen Ende des Raums zusteuere.

Die Wahrheit ist, dass ich meine Ohrringe absichtlich nicht rausnehme, um die strengen Sicherheitsbeamten zu ärgern. Und ich habe nicht vor, das zu ändern.

Mit einem leisen Zischen öffnen und schließen sich die elektronischen Schiebetüren zur Schleuse. Der Raum dahinter ist in ein gedämpftes Licht getaucht, das die weißen Wände sanft reflektieren. Unter einem Garderobenhaken hängt ein Plakat mit der Überschrift »Portal-Running-Championships Finale 2450«, unter der ein Bild von mir prangt, wie ich im Gegenlicht eines Portals posiere. Gedankenverloren strecke ich die Hand aus und berühre den Schriftzug mit meinem Namen unter dem Foto. Was für eine Ehre, dass ich in diesem Jahr zu den Werbegesichtern für die Meisterschaften zähle. Ich erinnere mich noch daran, wie aufgeregt ich vor dem Shooting war. Als kleines Kind habe ich immer davon geträumt, eines Tages auf solch einem Plakat zu sehen zu sein. Doch das Lampenfieber vor dem Fototermin war nichts im Vergleich zu der Erregung, die ich heute empfinde: eine Mischung aus freudiger Erwartung und der blanken Angst zu versagen.

Mit bebenden Fingern krame ich meinen Locator und eine Trinkflasche hervor und werfe meine Tasche auf die schmale Holzbank unter dem Garderobenhaken. Seufzend fahre ich mir mit der freien Hand über die Augen, versuche, ruhig zu atmen, mein Ziel zu visualisieren und das nervöse Kribbeln in meinem Bauch zu unterdrücken. Es gelingt mir nicht.

Ab hier bin ich vollkommen auf mich allein gestellt, bis ich nachher auf das gigantische Innenfeld des Stadions gerufen werde. Durch drei weitere Schleusentore werde ich dann in die Mitte der Arena gelotst, wo Tausende Augenpaare jede noch so kleine Muskelzuckung aufmerksam verfolgen. Über mir drei gigantische Monitore für die Zuschauer und Kameras vor meinem Gesicht, so dicht, dass ich wie jedes Mal glauben werde, die Linse müsse von meinem Atem beschlagen. Kein Zittern, kein Schwanken, kein Wimpernschlag entgeht ihnen. Doch irgendwann wird sich meine Aufmerksamkeit auf die rote Tartanbahn zu meinen Füßen richten, dann auf die Portaltore vor mir und vor allem auf den knisternden blauen Kreis in ihrem Inneren. Wie immer werde ich meinen Zopf richten, durchatmen, meinen Stand überprüfen und hoffen, dass ich mich nicht doch noch in letzter Sekunde vor Tausenden Menschen übergeben werde, die in meinem Kopf alle zu einer gigantischen lärmenden Masse verschmelzen.
Entschlossen klopfe ich mir auf die Schenkel und stehe auf, um mit meinen Dehnübungen zu beginnen und mich auf das bevorstehende Rennen zu konzentrieren. Es sind die letzten Minuten ohne aufdringliche Sicherheitsbeamte, ohne Publikum, ohne Kameras.

Kapitel 2

Aus, aus, ein. Ein, aus, aus.

Meine Muskeln schmerzen vor Anspannung, trotzdem drücke ich meine Zehen tiefer in den Boden. Ich schiebe einen Fuß vor und den anderen nach hinten, während das Publikum vor Aufregung zu pulsieren scheint. In der Menge kann ich Zeigefinger-Handschuhe in allen möglichen Farben und sogar einige Fanplakate für mich ausmachen: »Wir lieben dich, Yashira!«, »Lauf zu Gold durch dein Portal – du bist phänomenal!«, »Go for it, Yashira!«

Ganz vorn, in der ersten Reihe, entdecke ich zwei geflochtene blonde Zöpfe, die unter einem knallpinken Basecap hervorlugen. Die blaue Fanschminke auf den Wangen ist völlig verschmiert, und ich bin mir sicher, dass die Ärmel des übergroßen Kapuzenpullovers Spuren davon tragen. Typisch Diana. Wie immer wirkt meine Freundin und Trainingskameradin beinahe nervöser als ich, obwohl ich diejenige bin, die antritt. Leider hat Diana die Qualifikation für das Finale knapp verpasst, aber ich bin froh, dass sie hier ist. Mit ihr in meiner Nähe fühle ich mich einfach sicherer.
Ich lächle leicht in ihre Richtung, doch schnell gewinnt die Anspannung in mir die Oberhand, und ich werde wieder ernst. Das unheilvolle Kribbeln in meinem Bauch breitet sich aus, bis es meinen gesamten Körper erfüllt wie ein Schwarm wütender Insekten. Immer wieder stechen sie von innen heraus zu, bis sogar meine Haut brennt und juckt. Die feinen Härchen stellen sich bis zum Anschlag auf und fühlen sich an wie elektrisiert.

Langsam richte ich meine Aufmerksamkeit auf das mir zugeteilte Portal. Der rechteckige Rahmen aus Titan blitzt in der Sonne, und das elektrische Feld darin gibt ein leises Summen von sich. Doch ich habe nur Augen für die runde, flackernde Scheibe in seiner Mitte, für das Tor in eine andere Welt. Es knistert verheißungsvoll, als könnte es gar nicht erwarten, dass ich durch seine leuchtend blaue Mitte laufe.

So blau wie die Augen aus meinem Traum.

Energisch schüttele ich den Kopf, um die Erinnerung daran zu vertreiben. Mit zitternden Fingern taste ich nach meinen Haaren, ergreife das Gummiband und ziehe meine Locken straff. Links neben mir grinst die wasserstoffblonde Victoria ihr zuckersüßes falsches Lächeln in die Kameradrohne und verteilt Kusshände in Richtung des Publikums und der männlichen Athleten: Linos, Ryan, Tone und zwei, die ich nicht kenne. Ich unterdrücke ein entnervtes Stöhnen. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet dieses Püppchen meine ärgste Konkurrentin ist. Jetzt schwenkt die Kamera auf mich, und ich versuche, mir ein zuversichtliches Lächeln abzuringen. Es fühlt sich verkrampft an. Also hebe ich meine Hand und winke kaum merklich, während ich mir die größte Mühe gebe, nicht so nervös auszusehen, wie ich mich fühle. Ein kleiner Junge in der ersten Reihe stupst seine Mutter an und zeigt aufgeregt zu dem großen Flatscreen hinauf, auf dem gerade mein Bild übertragen wird. Auf seinen Pausbacken steht mein Name in roter Schminke geschrieben.

Dann schwenkt die Kamera wieder von mir weg, hin zu Syrah, die mit beiden Händen überschwänglich winkt und sich in Pose wirft. Es ist mir ein Rätsel, wie sie selbst in solchen Situationen nie ihre gute Laune verliert. Vielleicht ist sie deshalb bei allen so beliebt.

Nach einem kurzen Moment löse ich meinen Blick von ihr, lasse ihn zurück zu meinem Portal wandern und stutze. Hat es gerade orange geflackert? Ich blinzele und sehe genauer hin, doch da ist nichts. Sicher hat eine Sonnenreflexion mir bloß einen Streich gespielt. Schließlich habe ich heute sogar Schwierigkeiten, die Zahlen des Countdowns auf dem Monitor am oberen Ende des Rahmens zu erkennen. Ich beschirme die Augen mit der Hand, um abzulesen, wie viel Zeit mir bis zum Start bleibt.

Noch 30 Sekunden.

Zeit, noch einmal meinen Stand zu überprüfen und meine Muskeln und Sehnen trotz ihres stummen Protests noch weiter anzuspannen. Ich versuche, ruhig zu atmen und dem Pulsschlag in meinen Ohren nachzuspüren, der mit dem Ticken des Countdowns verschmilzt.

Noch 20 Sekunden.

Ich blicke nach links und rechts, nehme nur flüchtig meine Gegner ins Visier und erkenne trotzdem jedes Detail ihrer Körperhaltung. Ryan stützt sich mit den Fingerspitzen auf dem Boden ab und scharrt mit den Füßen. Tone und Linos klopfen ihre Muskeln wach, wohingegen die beiden fremden Läufer reglos dastehen wie Statuen. Victoria streicht sich eine perfekt gestylte Locke aus der Stirn, während Syrah die linke Hand in den Saum ihrer Shorts krallt. Die anderen beiden Mädchen, ein Zwillingspaar mit schwarzen Haaren und hellen Augen, schlagen synchron auf ihre Schenkel. Und sie alle fixieren dabei angestrengt ihre Portale. Schweißperlen glänzen ihnen auf der Stirn, ihre Rücken sind gebeugt, die Zähne gebleckt. Ab und zu begegnen sich unser aller Blicke, und die Rivalität zwischen uns wird beinahe greifbar. Es fehlt nicht viel, und man würde wütendes Knurren und Fußscharren hören. Die Grenze zwischen Mensch und Tier scheint bei solchen Wettkämpfen stets ein Stück weit aufgehoben. Es ist ein Zustand voller Adrenalin und Rausch, in dem einzig und allein der Sieg zählt, dem wir alle uns beugen. Einer Horde Raubtiere gleich, die auf das Kommando zur Jagd wartet.

Noch zehn Sekunden.

Meine Augen fokussieren jetzt nur noch mein eigenes Portal und nehmen es so intensiv ins Visier wie Dutzende Kameras mich in diesem Moment. Ich kann sein elektrisches Summen bis in meine Knochen spüren, obwohl es gut hundert Meter von mir entfernt ist. Das nervöse Kribbeln in meinen Gliedern nimmt immer weiter zu, bis ich es nicht mehr aushalte und meine Startposition einnehme. Ich verlagere mein Gewicht und krümme den Rücken, bereit, beim kleinsten Geräusch nach vorn zu schießen. Für einen Moment steht die Welt um mich herum still.

Aus, aus, ein. Ein, aus, aus.

Null.

Ein Schuss ertönt, knallend wie ein Peitschenschlag. Beinahe zeitgleich schnellen alle Läufer und Läuferinnen nach vorn und stürzen sich auf ihre blau schillernde Beute im silbernen Tor. Mein Körper übernimmt die Kontrolle, katapultiert auch mich voran und gräbt meine Fußballen dabei unbarmherzig in den harten Boden. Ich treibe meine Beine zur Eile an, die Schritte weit und schnell, während ich zum ersten Mal seit dem Startschuss wieder ausatme.

Ich erreiche das Portal als Erste, erklimme die drei Stufen des Gerüsts und stürme hindurch, ohne mit der Wimper zu zucken. Hellblaue Blitze umhüllen meine Glieder, doch ich spüre sie nicht auf meiner Haut. Ein Ziehen in der Magengegend, ein Stechen in meinem Kopf, das Gefühl, zerrissen zu werden – dann bin ich auf der anderen Seite.

Dort bleibe ich kurz stehen, atme einmal tief durch und blinzele in das dumpfe Licht der Umgebung hinein. Der Himmel hängt so tief über mir, dass sein dunkles Grau meine Schultern niederzudrücken scheint. Das Atmen fällt mir schwer, denn die Luft schmeckt dünn und faulig und hängt rau in meiner Kehle. Ich hebe die Hand und schirme erneut die Augen ab, um meine Umgebung zu betrachten und mich zu orientieren.
Links und rechts umgeben mich dunkelbraune Stämme und schlammgrünes Blattwerk wie pflanzliche Mauern. Spröde Zweige und Moos knirschen unter den Sohlen meiner Laufschuhe, deren künstliches Grün hier wie ein Fremdkörper wirkt. Bis auf das Rauschen des Windes in den Baumkronen und das leise Summen und Zirpen von Insekten und Vögeln ist es mucksmäuschenstill. Obwohl es helllichter Tag ist, wirkt der Wald dunkel und trostlos. Trotzdem kommt es mir so vor, als würde er von innen heraus vor Leben pulsieren. Unbehaglich reibe ich mir über die Unterarme, denn ich habe das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden.

Planet Epsilon. Ich hätte es schlimmer treffen können.

Ein leises Sirren an meinem Ohr verrät mir, dass die Begleitdrohne, die mir durch das Portal gefolgt ist, den Timer und ihre Kamera aktiviert. Ich greife an meine Hüfte und zurre den Gurt mit der Trinkflasche und dem Notfall-Sauerstoffbehälter straff. Dann werfe ich einen ersten Blick auf den Locator an meinem linken Handgelenk und betrachte die roten, grünen und gelben Punkte in meiner Umgebung. Heute muss mein Glückstag sein, denn ganz in der Nähe blinkt ein roter Punkt. Das bedeutet, dass sich nicht weit von hier ein Generator voller geladener Batterien befindet, welche mir viele Punkte im Ranking einbringen werden, wenn ich sie einsammele. Bevor ich loslaufe, sehe ich einmal direkt in die Kameralinse der Drohne, recke den Daumen nach oben und grinse für das Publikum in der Arena. Dann setze ich mich in Bewegung.

Es dauert nicht lange, bis meine Muskeln wie von selbst in ihren routinierten Trott verfallen. Mit jedem Meter grabe ich meine Fußballen tiefer in den wurzeligen Boden und lasse meine Schritte immer weiter und kraftvoller werden, bis der Dunkelwald Epsilons nur so an mir vorüberfliegt.

Diesen Teil liebe ich besonders am Portallaufen: die Möglichkeit, die Unberührtheit eines anderen Planeten zu erkunden, die Stille der Einsamkeit, die mich hinter dem Portal erwartet, und das vertraute Gefühl, wie geschmeidig und verlässlich mein Körper mich davonträgt. In diesen seltenen Momenten ist mein sonst so gedankenkreiselnder Kopf völlig leer und jede noch so kleine Faser meines Körpers steht vollständig unter meiner Kontrolle. Selbst dann, wenn das schmerzhafte Brennen der Belastung sich irgendwann in meinen Gliedmaßen breitmacht und meine Muskeln beginnen, über meine Haut um Erlösung zu weinen, genieße ich noch jeden Augenblick.

Es ist stets das hektische Piepsen meines Locators, das mich aus diesem euphorischen Flow-Zustand reißt. Es erinnert mich daran, dass ich in einem Wettkampf auch Punkte erzielen muss und mir schnelle Beine allein nichts nützen. Nur widerwillig verlangsame ich meine Schritte, zwinge meine Lunge, die dünne Luft langsamer und weniger gierig einzusaugen, und checke das Display. Mittlerweile leuchtet der rote Punkt beinahe durchgehend. Das erste Ziel meiner Jagd muss also ganz in der Nähe sein. Mit einem Druck auf den Knopf an der Seite schalte ich den nervtötenden Piepston aus, kneife die Augen zusammen und verharre regungslos.

Nach kurzer Zeit kann ich vor mir ein leichtes Flimmern in der Luft ausmachen. Die meisten Menschen würden es vermutlich nicht einmal bemerken, doch wir Portalläufer sind auf das Erkennen dieser leisen Störungen in der Luft getrimmt wie ein Raubtier auf die unachtsamen Bewegungen seiner Beute. Augenblicklich kauere ich mich zusammen und spanne jede Faser meines Körpers an. Jetzt muss ich schnell sein.

Wie ein Pfeil schieße ich vorwärts, ohne Zögern, ohne Zweifel, ohne Vorwarnung. Die Begleitdrohne fliegt hinter mir her, hält mein Tempo in der Luft und zoomt hektisch hin und her, unschlüssig, worauf sie die Linse richten soll. Doch mich interessiert nur mein Ziel, meine Beute, der voll beladene Generator, der vor mir flimmert und mich nun auf seinem Radar bemerkt hat. Das Flackern seiner Gestalt wird heftiger, denn nun verwendet er weniger Energie auf die Aufrechterhaltung seiner Tarnfunktion und mehr auf den einprogrammierten Fluchtmechanismus. In rasender Geschwindigkeit saust der Generator über den verwucherten Waldboden, als wären ihm plötzlich Gliedmaßen gewachsen. Ich setze ihm nach, trockenes Laub wirbelt hinter mir auf. Es ist ein kurzes, unbarmherziges Rennen zwischen uns, seine mechanischen Beine gegen meine aus Fleisch und Blut und Muskeln, und ich gewinne. Keuchend werfe ich mich mit meinem gesamten Gewicht auf ihn und presse meine Hände gegen das kühle Metall. Die Spitze meines rechten Zeigefingers leuchtet von innen heraus hellblau auf, und ein elektrisierendes Kribbeln jagt meinen Arm hinauf, als die Oberflächensensoren des Generators mich über meinen ID-Chip als Portalläuferin authentifizieren. Sofort erstarrt die Maschine mitten in ihren Bewegungen und wird vollends sichtbar. Nun kann ich den großen roten Knopf an der Seite des schuhkartongroßen Geräts erkennen und drücke ihn mit der Spitze meines Zeigefingers so tief hinein, wie es geht. Erneut leuchtet mein Finger auf, dieses Mal so hell, dass ich das winzige Stück Metall in ihm erkennen kann. An dem nun lahmgelegten Gerät öffnet sich eine Klappe, sodass mir acht handgroße rote Röhrchen entgegenrollen, die ich hektisch vom Boden aufsammele und meiner Begleitdrohne entgegenstrecke. Diese fährt ein Fach am Boden aus, in das ich die mit Epsilons planetarer Energie gefüllten Röhrchen fallen lasse.
Schwer atmend, aber zufrieden zwinge ich mich zu einem Blick in die Kamera, die direkt vor meinem Gesicht herumschwirrt, und wische mir die Tropfen aus Schweiß und Luftfeuchtigkeit von der Stirn. Meine Haare kleben wie angeklatscht auf meiner Kopfhaut. Diesen Teil wiederum hasse ich an meinem Sport: die ewigen Kamerazooms, die mich bevorzugt dann bis ins Detail inszenieren, wenn ich am unvorteilhaftesten aussehe. Doch ich zwinge mich zu einem Lächeln für das Publikum und die Sponsoren und greife vorschriftsmäßig nach den leeren Röhren, die meine Drohne gerade auf das glitschige Moos unter mir fallen lässt. Mit geübten Handgriffen setze ich sie in die Klappe des Generators ein und aktiviere ihn wieder mit einem Druck auf den Knopf.

Erleichtert stehe ich auf, strecke mich und betrachte optimistisch das Display meines Locators. Der erste Fang ist stets der schwierigste – es war pures Glück, dass mir so schnell ein voller Generator in die Hände gefallen ist. Aber leider bleibt mir keine Zeit mehr, mich darüber zu freuen, denn ein Blick auf die orangefarbene Anzeige der Begleitdrohne informiert mich darüber, dass bald die Hälfte meiner Zeit um ist. Eilig genehmige ich mir einen Schluck meines Sportdrinks aus dem Gürtel an meiner Hüfte, wobei ich vorschriftsmäßig darauf achte, das darauf abgedruckte Markenzeichen meines Getränkesponsors in die Kamera zu halten. Anschließend setze ich mich wieder in Bewegung, diesmal auf einen gelben Punkt zu. Das muss fürs Erste genügen, denn ich muss unbedingt wieder zurück im Portal sein, wenn die Stunde um ist. Vielleicht fällt mir ja auf dem Rückweg noch ein weiterer Generator in die Hände.

Nach wenigen Hundert Metern verlangsame ich erneut meine Schritte. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit, und meine Nackenhaare stellen sich auf, ohne dass ich sagen kann, warum. Ich ziehe meinen plötzlich diffus blinkenden Locator zurate und sehe mich um. Die jähe Stille in diesem Teil des Dunkelwaldes drückt beinahe schmerzhaft auf meine Ohren. Selbst meine Begleitdrohne gibt auf einmal keinen Laut mehr von sich. Von dem vertrauten Flimmern eines nahen Generators fehlt jede Spur, sodass ich meine Augen noch fester zusammenkneife. Nichts rührt sich.
Da fällt wie in Zeitlupe eine zarte grauweiße Flocke auf meine Handfläche.

Verwundert führe ich die Hand mit der Flocke an mein Gesicht. Ist das etwa Schnee? Hier auf Epsilon? Nein, diese Flocke ist nicht kalt. Sie liegt warm und weich auf meiner Hand, unregelmäßig gezackt und trotzdem von einer zierlichen Schönheit. Ein fasziniertes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen, während ich sie betrachte.

Schließlich hebe ich den Kopf und sehe, wie noch mehr von ihnen vom Himmel schweben. Fast schon zärtlich legen sie sich auf meine Haare, streifen meine Wimpern und liebkosen meine erhitzte Haut. Am liebsten würde ich die Arme ausstrecken, damit noch mehr auf ihnen landen können, und mich in ihrer Mitte drehen und tanzen. Noch immer ist alles still um mich, als hielte ganz Epsilon den Atem an.

Es ist zu still.

Als ich meine Augen zurück auf Epsilons Horizont richte, bleibt mir vor Schreck der Mund offen stehen. Eine gewaltige Feuerlawine rollt auf mich zu.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen schließt sich die Angst wie eine eiserne Faust um mein Herz. Mehrere Schläge lang setzt es aus, während ich fassungslos auf das tobende Flammenmeer vor mir starre.

Dann reagiert mein Körper. Er wirbelt auf dem Absatz herum, gräbt die Ballen so fest in den Boden, dass Erdbrocken und Asche hinter mir aufstäuben, und zwingt meine Beine in einen unnatürlichen Rhythmus. Die Knie heben und senken sich beinahe schneller als der rasende Puls, während das Herz einige Schläge hinterherhinkt und seine Arbeit nur stotternd wieder aufnimmt. Allmählich registriert auch mein Bewusstsein, was mein Körper schon längst verstanden hat, und antwortet mit einer Woge aus Adrenalin. Meine Muskeln scheinen vor Schmerzen beinahe zu explodieren, während das lodernde Inferno hinter mir mit rasender Geschwindigkeit näher kommt. Um mich herum glüht und knistert die Atmosphäre des Planeten. Wie brennendes Papier zieht sie sich in der Hitze des Feuers zusammen, löst sich in Fetzen vom schwarzen Himmel des Alls. Überall qualmt und raucht es. Die Luft stinkt bestialisch nach verbranntem Leben. Schmerzhaft krampft sich meine Lunge zusammen. Ich muss mich zwingen, nicht zu würgen.

Wo ist das Portal? Ich weiß es nicht mehr!

Mein Locator blinkt noch hektischer als zuvor. Ich kann gerade noch den leuchtend blauen Punkt des Portals auf dem Display sehen, bevor es wild flackert und schließlich erlischt. Panisch ringe ich nach Luft, halte mir abwechselnd die Hände vor die tränenden Augen, um die umherwirbelnden Ascheflocken fernzuhalten. Halb blind taumele ich durch den brennenden Wald, strauchele, falle, rappele mich wieder auf und haste voran. Einzig mein Instinkt hält mich davon ab, liegen zu bleiben. Meine Lunge droht zu bersten, meine Haut glüht wie im Fieberwahn, während die haushohe Wand aus Feuer von allen Seiten näher kommt. Es ist ausweglos. Ich habe keine Chance. Das war’s.

Da taucht aus dem Nichts ein blassblauer Schimmer hinter einer Aschewolke auf. Er ist kaum sichtbar und flackert unkontrolliert, als würde er wie ich mit jedem Herzschlag schwächer. Doch das blaue Licht ist meine letzte Hoffnung.

Hustend kämpfe ich mich durch das brechende Gehölz dem Leuchten entgegen. Doch nur wenige Meter, bevor ich es erreiche, nehme ich aus dem Augenwinkel eine ruckartige Bewegung wahr. Schreiend reiße ich die Arme nach oben, in der festen Überzeugung, dass ein umstürzender Baumstamm mein Schicksal besiegeln wird. Unbarmherzig wirft er mich zu Boden. Der Aufprall presst den letzten Sauerstoff aus meinen pfeifenden Lungen und raubt mir jegliche Orientierung. Benommen bleibe ich liegen.

Doch ich brenne nicht. Noch nicht.

Ich reiße die Augen auf und versuche, den Baum von mir hinunterzuschieben. Er fühlt sich so heiß an wie ich, ist nachgiebig, weich und trotzdem fest. Plötzlich umfasst er mit glühenden Fingern meine Oberarme wie ein Schraubstock, zerrt mich auf die Füße und schüttelt mich. Es ist kein Gegenstand, sondern ein Mensch.

Ein Mensch? Auf Epsilon?

Aber jetzt ist nicht die Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich muss hier raus. Wir müssen hier raus, und die einzige Möglichkeit ist das stetig kleiner werdende Portal neben uns. Hastig packe ich die fieberheiße Haut des Fremden und zerre ihn mit letzten Kräften in Richtung des Portals. Verzweifelt strecke ich die Hand nach unserem letzten Ausweg aus – strecken wir die Hand danach aus, und das blaue Licht erlischt.

Im selben Moment umgibt uns ein zischendes blassgrünes Strahlen. Innerhalb weniger Sekundenbruchteile saugt es uns ein und spuckt uns sofort wieder aus, direkt vor die schockierten Augen des Publikums in der Arena.

Ich lande unsanft auf meinen Knien und Fäusten. Mein Körper verkrampft, sodass ich mich reflexartig krümme und die Ellenbeuge vor den Mund presse, doch ich kann es nicht zurückhalten. Mühsam würge ich einen zähen schwarzen Schleim herauf und übergebe mich direkt vor die Füße des Fremden. Dann sauge ich gierig die frische Luft in meine Lunge, während Tränen über meine Wangen rinnen. Sie fühlen sich kühl an auf meiner erhitzten Haut. Eilig will ich sie wegwischen, damit die Kameras sie nicht einfangen können, doch dabei öffne ich meine Fäuste. Sofort rieselt Asche auf meine nackten Beine, mein Shirt und bedeckt den Rasen des Stadions. Plötzlich ist sie überall um mich herum: auf meiner Haut, in meinen Haaren, zwischen meinen Fingern. Überall nichts als Asche.

Mit zitternden Beinen stehe ich auf und schaue mich nach dem Menschen um, dessen Arm ich eben noch umklammert habe. Es ist ein junger Mann. Er kauert auf allen vieren vor mir, hustet, spuckt und hält sich krampfhaft den Bauch.

»Wer …?«, setze ich an, bevor ich mich räuspere. Meine Stimme kratzt wie Schmirgelpapier in meiner Kehle. »Wer bist du?«

Quälend langsam wendet der Fremde mir den Kopf zu. Als unsere Blicke sich begegnen, setzt mein Herz erneut mehrere Schläge lang aus, doch dieses Mal nicht, weil ein Feuer auf mich zukommt.

Es setzt aus, weil ich in ein Paar strahlend blauer Augen sehe, die so hellblau schillern wie Portale. Es sind die Augen aus meinem Traum, und sie ziehen mich gnadenlos fort aus dieser Welt und hinein in seine.

»Riley«, antwortet er. »Mein Name ist Riley Chase.«

Kapitel 3

Yashira, die Aschebringerin.

So nennt man mich, seit ich mit nichts als Ascheflocken in den Händen aus meinem Portal gestolpert bin. Mit nichts als Ascheflocken und einem Jungen vom Planeten Epsilon. Einem Planeten, den es nun nicht mehr gibt.

Ein Planet, von dem nicht mehr geblieben ist als ein ausgebranntes Gerippe, ein knöchernes Echo in der großen Leere des Alls. Und zwei Menschen, deren Leben durch seine Auslöschung nun wider Willen aneinandergekettet scheinen.

Frustriert vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen und wippe ungeduldig mit den Fußgelenken auf und ab. Zumindest muss ich so den Anblick des hässlichen Flurbodens nicht länger ertragen, der mich an die Farbe von Erbrochenem erinnert. Nichtsdestotrotz gilt meine Aufmerksamkeit der weiß glänzenden, mit Milchglas verkleideten Tür vor mir. Der Tür, hinter der gerade über meine Karriere als Leistungssportlerin entschieden wird.

Mir schräg gegenüber sitzt Riley, der Junge, den ich vor gerade einmal vier Tagen gerettet habe. Für die Gerichtsverhandlung wurde er frühzeitig aus der Quarantäne entlassen, in die er direkt nach dem Lauf gesteckt worden war. Offenbar traut die Security ihm nicht über den Weg, denn seine Hände stecken in Handschellen. Er selbst jedoch scheint sich nicht im Geringsten an dieser Situation zu stören. Mit einer geradezu gleichgültigen Lässigkeit sitzt er auf seiner Holzbank, als wäre sie das bequemste Sofa, das er sich vorstellen kann. Angestrengt meide ich seinen Blick, was gar nicht so leicht ist, denn die ganze Zeit über lässt er mich nicht aus den Augen.

»Was?!«, fahre ich ihn schließlich gereizt an, nur um mir sofort auf die Zunge zu beißen.

»Was?«, ahmt er mich mit einem belustigten Lächeln nach, als sei ich ein kleines, ungeduldiges Mädchen.

Ich verdrehe die Augen und schmecke Blut in meinem Mund.

Vor lauter Resignation bekomme ich kaum mit, wie sich die weiße Tür öffnet und eine hochgewachsene Frau mit straff zurückgebundenen Haaren heraustritt. »Yashira Willow! Anwesend?«

Sofort springe ich auf. »Ja!«

»Folgen Sie mir bitte in den Saal zur Urteilsverkündung.«

Sie dreht sich um und tippelt mit ihrem knielangen Bleistiftrock und ihren dünnen Absätzen wie eine Ente vor mir her. Genau wie vorhin ist der Saal leer bis auf drei weiße Tische, deren auf Hochglanz polierte Oberflächen das Deckenlicht in einem unangenehmen Winkel in meine Augen reflektieren. Die Frau nimmt an einem kleineren Tisch an der Seite des Raumes Platz und vergräbt sich hinter einem Berg aus Papieren, verschiedenen Tablets und einer Tastatur. Mit zitternden Händen steuere ich auf den Tisch in der Mitte zu und lasse mich auf dem kalten Holzstuhl davor nieder. Ich hole tief Luft, bevor ich meinen Blick auf die drei streng dreinblickenden Richter auf dem Podest vor mir richte. Der Raum ist bewusst so aufgebaut, dass der Angeklagte tiefer sitzt und hinaufblicken muss, während von oben auf ihn herabgesehen wird. Einer der Männer muss ein hochrangiges Mitglied des sechsundzwanzigköpfigen Senats sein, der gemeinsam mit Präsident Céus die Geschicke Alphas lenkt und für das Portallaufen zuständig ist. Ein Wort von ihm, und meine Karriere ist beendet.

Ich schlucke nervös. Die Richter mustern mich, als sei ich ein Stück Dreck auf ihren glänzenden Schuhspitzen. Unbehaglich rutsche ich auf dem Stuhl hin und her.

Der hagere Mann in der Mitte mustert mich mit starrem Blick. Er ist auffallend blass und trägt seine langen dunklen Haare aalglatt hinter die Ohren gegelt.

»Miss Willow, wie ich Ihnen vorhin bereits erklärt habe, sind Sie dazu verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Sollten wir den Verdacht hegen, dass Sie gegen Ihren Eid verstoßen, müssen wir Sie einer entsprechenden Überprüfung mit einem Lügendetektor unterziehen. Sind Sie damit einverstanden?« Genüsslich legt er die Kuppen seiner knotigen Spinnenbeinfinger aneinander und hebt erwartungsvoll die Brauen.

»Ja«, antworte ich, doch statt meiner Stimme kommt nur ein heiseres Flüstern heraus. Ich räuspere mich und wiederhole lauter: »Ja.«

Der Mann verzieht sein Gesicht zu einer süffisanten Grimasse und lehnt sich zurück, als genieße er die Show. »Sie sagten, Sie hätten bei den Portal-Running-Championships vorschriftsmäßig und in vermeintlich bester Absicht das Portal im Stadion nach Epsilon passiert. Laut Ihren Angaben, die sich mit den Videoaufnahmen decken, lief der Wettkampf zunächst ohne Zwischenfälle und den Regularitäten entsprechend ab. Anschließend beschrieben Sie eine Feuersbrunst, die den ganzen Mond überzog, was die Aufzeichnungen ebenfalls bestätigen. Sie liefen zurück zum Portal, wo Sie Ihren Angaben nach auf Mister Riley Chase trafen, ihn im Eifer des Gefechts packten und nach Alpha brachten. Sie betonten, in diesem Moment nicht vorsätzlich, sondern ohne Nachdenken gehandelt zu haben. Ist das korrekt?«

»Ja«, murmele ich und schlucke bemüht leise. Ich habe das Gefühl, dass gleich irgendetwas gewaltig schiefgehen wird.

»Sind Sie sich dennoch im Klaren darüber, dass sie damit gegen die wichtigste Auflage für die allgemeine Sicherheit der Portal-Running-Championships verstoßen haben, keine fremden Gegenstände von den Monden nach Alpha einzuführen?«

»Schon, aber streng genommen war es ja kein Gegenstand und …«

»Möchten Sie Ihre Aussage noch einmal revidieren?«, fällt mir der Richter ungerührt ins Wort.

Ich beiße mir auf die Zunge. »Nein.«

»Sind Sie dazu bereit, die Konsequenzen Ihrer Handlung in vollem Umfang zu tragen und sich dem rechtmäßig gefällten Urteil im Namen der Regierung Alphas zu beugen?«

Nein, das bin ich nicht. Laut sage ich: »Ja, das bin ich.« Was bleibt mir auch anderes übrig?

»Dann erheben Sie sich bitte zur Urteilsverkündung.«

Ich tue wie geheißen und erhebe mich zeitgleich mit der Entensekretärin und den drei Richtern. Im Stehen ist der Höhenunterschied noch weitaus einschüchternder als im Sitzen, sodass mir noch mulmiger zumute wird. Die Richter bräuchten sich nur ein klein wenig vorzubeugen, schon könnten sie mir auf den Kopf und gehörig in mein Leben spucken. Ich erschauere unwillkürlich.

»Nach eingängiger Beratung und unter Einbeziehung der Ansichten aller Parteien – das heißt die des Interplanetaren Bunds für Portal-Running, der Athletin selbst sowie der Vertreter des juristischen Ministeriums – sind wir zu folgendem Urteil gekommen.« Der Richter macht eine dramatische Kunstpause, bevor er fortfährt. »Die Angeklagte hat gegen das oberste Gesetz des Regelwerks für Portal-Running verstoßen, indem sie ein Objekt von Epsilon durch das Portal nach Alpha brachte. Da allerdings keine besondere Schwere der Tat vorliegt und wir der Angeklagten großzügig Glauben schenken wollen, dass sie in einer lebensbedrohlichen Situation ohne Nachdenken oder böswillige Absicht gehandelt hat, lassen wir Milde walten. Die Angeklagte wird zu sechseinhalb Monaten auf Bewährung verurteilt und auf Anraten des Bunds für Portal-Running bis auf Weiteres für die Nutzung jeglicher Portale gesperrt. Die Verhandlung ist hiermit geschlossen.«