Mailinchen und ihre Abenteuer in der Natur

© 2017 AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH

www.aquensis-verlag.de

Lektorat: Gereon Wiesehöfer
Satz und Gestaltung: Tania Stuchl, design@stuchl.de

Illustrationen: Marc Layalle

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art nur mit Genehmigung des Verlags.

978-3-95457-196-3

Maria-Theresia Layalle

Mailinchen

und ihre
ABENTEUER
IN DER
NATUR

AQUENSIS
FANTASY

Die liebe Sonne
hat Sorgen

Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Die aufgehende Sonne schob sich langsam und noch etwas schüchtern hinter dem Horizont hervor. Ihre ersten Strahlen tauchten die Landschaft bereits in ein wunderschönes Rotorange. Ein farbenfroher Tag kündigte sich an.

Mailinchen flog fröhlich von einer Blume zur nächsten. Die große Wiese war übersät von herrlich duftenden Tulpen, Narzissen, Traubenhyazinthen, weißen und roten Gänseblümchen und von Vergissmeinnicht in zartem Pastellblau. Es gab sogar noch ein paar wenige lila und gelbe Krokusse. Sie waren die letzten Boten des vergangenen Winters und zogen sich langsam zurück.

Am Ende der Wiese standen einige Obstbäume, an denen zu Hunderten weiße und rosa Blüten hingen. In wenigen Tagen würde dieses leuchtende Weiß und Rosa vom saftigen Grün der Blätter abgelöst, bis schließlich im Sommer süße Früchte an den Zweigen hingen.

Stolze Rosen begrenzten den Obsthain und Mailinchen flog an ihnen vorbei, nicht ohne ihnen heimlich ein paar bewundernde Blicke zuzuwerfen. Angezogen vom lieblichen Duft der weißen und violetten Fliederbüsche, landete sie schließlich auf einem ihrer großen Blätter und wartete auf den Sonnenaufgang.

Ihr langes, schwarzes Haar glänzte und schmiegte sich weich um ihre kleinen Schultern. Sie trug geringelte Strümpfe, die über ihre Knie fast bis zum Saum ihres lavendelblauen Kleidchens reichten. Ihre Kleidung passte gut zu ihren lustigen Sommersprossen und den grünen Augen, in die man tief wie in einen klaren See blicken konnte.

Mailinchen legte die zarten, bunt schillernden Flügel an ihrem Körper an und zog die Knie bis zum Kinn, um dann die Beine mit ihren schlanken Armen zu umgreifen. Sie wurde langsam etwas ungeduldig.

Die Vöglein hatten bereits zaghaft ihre Lieder angestimmt und zwitscherten – wenn auch noch zögerlich – ihre ersten Töne in der frühen Morgendämmerung. Schon längst hätte die Sonne ihren nächtlichen Unterschlupf verlassen und hoch oben über den Wipfeln der Obstbäume ihr wärmendes Licht verbreiten müssen. Aber irgendetwas war heute Morgen anders. Die Sonne wollte und wollte nicht aufgehen. Nachdenklich rieb Mailinchen sich ihr Stupsnäschen. Sie hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt. Was war heute nur los?

Plötzlich vernahm sie eine Stimme und lauschte. Sie hatte ein sehr feines Gehör und ihre spitzen Elfenohren vernahmen ein leises Klagen.

„Lieber Mond, ich kann dich heute nicht ablösen. Ich fühle mich so schwach und unglücklich.“

Kein Zweifel, diese Stimme kam aus der Richtung, aus der jeden Moment die Sonne aufgehen sollte.

„Aber liebe Sonne, komm doch bitte heraus, mein Licht reicht nicht aus, um auch noch den Tag zu erhellen. Auch bin ich sehr müde, da ich die ganze Nacht mit meinem hellen Schein am Himmel gewandert bin. Du weißt doch, dass ich bei Vollmond immer besonders intensiv scheinen muss, damit die Tiere im Wald noch lebhafter werden und die Nacht diese geheimnisvolle und bezaubernde Stimmung bekommt. Wie es sich eben für eine richtige Vollmondnacht gehört.“

Mailinchen hielt aufgeregt den Atem an. Was war nur mit der Sonne geschehen?

„Ach, wenn ich es doch nur könnte, aber ich bin so schwach“, schluchzte die Sonne. „Die Menschen hier haben aufgehört, an mich zu glauben. Sie beklagen sich ständig, dass die Sonne nie da ist. Dabei gehe ich doch jeden Morgen tagein tagaus hier an dieser Stelle auf und stehe den ganzen Tag hoch am Himmel und lache auf die Erde. Zugegeben, manchmal versperren mir Regen- und Gewitterwolken die Sicht, aber dafür kann ich doch nichts! Ich bin trotzdem jeden Tag da und das schon seit Millionen von Jahren. Es macht mich tieftraurig, dass die Menschen so wenig an mich glauben und deshalb kann ich mich heute nicht zeigen.“

Mailinchen erschrak! Was würde passieren, wenn die Sonne tatsächlich nicht aufgehen würde? Die Vögel würden sich wieder schlafen legen; die Blumen würden ihre halb geöffneten Kelche wieder verschließen; die Honigbienen könnten dann keinen Nektar sammeln; die Menschen würden ihre Häuser nicht mehr verlassen und die Elfen könnten nicht mehr in der glitzernden Sonne tanzen und fröhlich sein. Es wäre eine traurige Welt.

Angespannt versuchte die kleine Elfe, das Gespräch zwischen Sonne und Mond weiterzuverfolgen.

„Hm, ich verstehe deinen Kummer, liebe Sonne“, sprach der Mond geduldig, „aber glaubst du nicht, dass die Menschen dich vermissen, wenn sie so etwas sagen? Du weißt doch, Menschen können sehr launisch und einfältig sein. Aber sie meinen es nicht böse und freuen sich doch umso mehr, wenn du ihnen an anderen Tagen wieder strahlend ins Gesicht lachst. Sie beten dich dann ja nahezu an und halten sich gerne und oft viel zu lange in deiner Gegenwart auf. Und – liebe Sonne: Das alles können sie doch nur nach einem Regentag. Erst wenn man etwas nicht mehr hat, weiß man es am nächsten Tag umso mehr zu schätzen, wenn es wieder da ist. Wenn du jeden Tag mit voller Kraft strahlen könntest, würden sie vielleicht irgendwann darunter leiden und vor Hitze stöhnen. Aber so lieben und verehren sie dich heiß und innig.“

Bei diesen Worten hielt die Sonne inne und überlegte einen kurzen Augenblick.

„Du hast recht!“, rief sie entzückt. „Das habe ich noch nie so betrachtet.“

Hoch erfreut fügte sie hinzu: „Danke, lieber Mond, mir geht es schon wieder viel, viel besser, und ich werde dich gerne jetzt gleich an diesem herrlichen Morgen ablösen.“

Der Mond war zufrieden und verschwand mit einem verschmitzten Lächeln hinter dem Horizont.

Die Sonne aber atmete tief durch, erhob sich wie ein orangegelber Ballon am Himmel und ließ stolz ihre warmen Strahlen über das ganze Land gleiten.

Mailinchen war überglücklich und geblendet von ihrer Schönheit und Pracht. Munter begab sie sich mit surrenden Flügeln in die Lüfte und winkte der Sonne zu. Sie hatte so viel vor an diesem schönen Tag. Sie würde Blumen besuchen und Nektar naschen, mit Grashüpfern und Bienchen spielen, über den Teich fliegen und dabei mit den Fußspitzen die Wasseroberfläche berühren und sie würde tanzen – den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Die liebe Sonne hat Sorgen

Was bewegt den Mann im Mond?

Waldmeister oder Bärlauch – das ist hier die Frage!

Woher kommt eigentlich der leckere Honig?

Ein kleiner Vogel kommt zur Welt

Ambra und die kleine Maus

Die Sache mit den Mohnblumen und Sternen

Der Rat der Sumpfmücken

Eine Reise auf dem Segler der Lüfte

Was ist denn heute mit den Fröschen los?

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Das Geheimnis des Schmetterlings

Wohin führt der Regenbogen?

Warum heißt der Fliegenpilz Fliegenpilz?

Aus Schaden wird man meistens klug!

Wer ist eigentlich für das Wetter verantwortlich?

Dank

Was bewegt den
Mann im Mond?

Sonne und Regen hatten sich den ganzen Tag unermüdlich abgewechselt – typisches Aprilwetter. Aber es war recht warm für die Jahreszeit. Einmal hatte sich sogar ein bunter Regenbogen in schillernden Farben gezeigt.

Es war Abend geworden und die Sonne war bereits untergegangen. Ein angenehmer, süßlicher Duft von Blumen und Kräutern lag in der Luft. Überall krochen Hasen, Mäuschen und anderes Getier aus den Büschen und Feldern und schnupperten die klare Abendluft. Die Grillen stimmten zirpend ihr Abendlied an und die Vögel zwitscherten – einer nach dem anderen – ihren Gute-Nacht-Gruß. Sogar ein Reh war zu sehen, das eilig in Richtung des schützenden Waldes sprang.

Mailinchen kam gerade von der Elfenmusikschule, wo sie das Querflötenspiel mit Begeisterung erlernte. Entspannt flog sie den abendlichen Feldweg entlang und genoss die gute Luft und die schöne Stimmung. Der Feldweg führte direkt in den dichten, dunklen Wald, in welchem sich die alte, mächtige Eiche befand, in deren Krone Mailinchen mit ihrer Familie in einem hübschen Baumhaus wohnte.

Als sie so dahinflog – mit baumelnden Beinen und eifrigem Flügelschlag, immer ihrer Nase nach – blieb ihr Blick plötzlich an den Wipfeln einer kleinen Gruppe von Bäumen hängen: Dort schob sich gerade eine große silberne Kugel ganz langsam Richtung Himmel empor. So langsam, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um zu erkennen, dass sie sich bewegte. Mailinchen hielt staunend den Atem an. Es war der Vollmond! Groß und rund rückte er immer weiter über die Baumspitzen und war bald schon in seiner ganzen geheimnisvollen Pracht und mit jetzt fahlweißem Gesicht am Himmel zu sehen. Mailinchen war fasziniert und hielt in stummer Bewunderung inne. Wie besonders schön und geheimnisvoll der Mond heute war! Zumindest empfand sie das so. Sie fühlte sich magisch von ihm angezogen.

Allmählich zeigte sich aber auch das mürrische Gesicht des Mannes im Mond. Mailinchen nahm sich schließlich ein Herz und sprach ihn an: „Guten Abend, lieber Mann im Mond, ich bin Mailinchen. Warum schaust du denn so mürrisch drein an diesem so schönen Abend?“

„Ach, was weißt du schon, kleines Elfenmädchen!“, sprach der Mann im Mond. „Es ist so mühsam, jeden Abend die Lichter hier im Mond anzuzünden. Die Laternen sind sehr hoch und es sind so viele. Bei Neumond geht es noch, aber mit zunehmendem Mond werden es mehr und mehr, die angezündet werden müssen. Ganz anstrengend ist es bei Vollmond