cover

Jutta Speidel

Bruno Maccallini

Wir haben

gar kein Auto …

Mit dem Rad über die Alpen

Ullstein

Das Buch

Freiwillig mit dem Fahrrad von München nach Meran! In siebeneinhalb Tagen und quer über die Alpen. Das deutsch-italienische Dreamteam Jutta Speidel und Bruno Maccallini will es wissen und scheut keine Strapazen. Anfangs läuft alles bestens, die beiden genießen ein kühles Bier im Kloster Andechs, finden ein angenehmes Nachtquartier, und die anstrengenden Steigungen halten sich auch noch in Grenzen. Doch die Katastrophen lassen nicht lange auf sich warten: Die italienische Telefonitis nimmt überhand, Jutta bekommt einen Hexenschuss, und Bruno hat keine Lust mehr, die Berge hinaufzuradeln. Doch alles wird gut, spätestens hinter der Ziellinie in Meran …

Mit viel Charme und Humor erzählen Jutta Speidel und Bruno Maccallini die Geschichte ihrer Reise und machen Lust, selbst mal wieder loszuradeln.

Die Autoren

Jutta Speidel ist mit Leib und Seele Schauspielerin, eine der beliebtesten und erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum. Sie wurde in München geboren und ist dort verwurzelt. Jutta Speidel hat zwei erwachsene Töchter. Ein Hund und die Mama komplettieren die Familie. Die Schauspielerin ist Gründerin des Vereins und der Stiftung HORIZONT, der sich für obdachlose Kinder und ihre Mütter einsetzt. www.horizont-ev.org

 

Bruno Maccallini stammt aus Rom und ist in Italien ein erfolgreicher Theaterschauspieler, Regisseur und Fernsehproduzent. In Deutschland wurde er berühmt als »Cappuccino-Mann« in verschiedenen Werbekampagnen (»Isch abbe gar kein Auto, Signorina!«). Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Jutta Speidel spielt er auch in deutschen Fernsehfilmen.

 

Wir haben gar kein Auto … ist das erste Buch der beiden Autoren.

Gewidmet unseren Töchtern

Franziska, Antonia und Martina

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Dieses Buch ist kein Werk der Phantasie. Namen, Personen, Orte und Ereignisse sind von den Autoren beabsichtigt. Diejenigen, die sich darin entdecken, mögen den Dilettantismus eines Erstlingswerks mit Humor betrachten.

Vorbereitungen

einer Deutschen

Ich gehe schwanger, oder wie sagt man so schön? Also, ich hab da so eine Idee … Nein, es ist einfach so: Bruno und ich radeln dann mal nach Meran! Na, von München aus natürlich, von wo sonst?

»Aber sonst geht’s euch gut?« – »Ihr habt sie ja nicht mehr alle!« – »Ihr macht doch schon nach fünfzig Kilometern schlapp!« – »Ihr seid doch gar nicht trainiert!« – »Weißt du eigentlich, wie dir der Hintern wehtut, da bist du noch nicht mal am Ammersee!« – »Wozu eigentlich? Habt ihr gerade nichts zu tun?«

»Doch. Zu tun, was auch immer das heißt, haben wir schon, also daran liegt es nicht«, erwidere ich. Ich hab so was einfach noch nie gemacht und denke mir, dass es eine tolle Sache ist, sich einfach aufs Rad zu schwingen. Man hat zwar ein Endziel und muss dennoch täglich mit einer ungewissen Strecke klarkommen. Mein Gott, so was haben doch auch schon andere gemacht, so außergewöhnlich ist das nun auch wieder nicht.

Wenn man nun über einen gewissen Zeitraum mit einer solchen Idee liebäugelt, neigt man dazu, sich entweder von allen Miesepetern anstecken zu lassen und mehr und mehr die eventuellen Kalamitäten, die auf einen zukommen könnten, mit Sorge zu betrachten. Oder man schwenkt ins genaue Gegenteil um und sieht irgendwann nichts, aber auch gar nichts mehr als unüberwindbar an.

Nun gut, oder aber schlecht, ich neige jedenfalls dazu, alles zu verharmlosen und Bruno den ewigen Zauderer spielen zu lassen.

Als Erstes gehen wir mit unseren Rädern in ein richtiges Fachgeschäft und sagen dem mit Prachtwadln ausgestatteten Besitzer, was wir so vorhaben.

Und was macht der Mann? Er lacht! Weniger über unser Vorhaben als über unsere prächtigen Mountainbikes, auf die wir so stolz sind.

»Mit den Dingern japst ihr euch aber ganz schön ab, wenn ihr mal ’ne kleine Steigung habt, die sind ja viel zu schwer. Und ’nen Gepäckträger wollt ihr auch noch draufladen? Oder nehmt ihr ’nen Rucksack? Sieht auch wirklich cooler aus, aber seid ihr es gewöhnt, so an die fünfzehn Kilo ständig auf dem Buckel zu haben? Wie lange wollt ihr überhaupt unterwegs sein?«

»Ich dachte, so sieben bis zehn Tage«, antworte ich schon etwas kleinlauter. »Na ja, wir brauchen ja nicht so viele Klamotten, wir radeln ja im Sommer, wenn’s schön ist.« Irgendwie merke ich, dass der durchaus sympathische und sicherlich sehr Bike-erfahrene Radlverkäufer sich ein wenig aufplustert. Es folgt ein Monolog über Wetterverhältnisse, von zu viel Sonne oder Schneegestöber im Juli, von durchgeschwitzten T-Shirts, die nicht mehr salonfähig sind, von ollen Stinksocken und dem Bedürfnis nach normaler Kleidung abends sowie von einem Salben- und Medizinset, das unbedingt vonnöten sei.

Ich zähle insgeheim die Kilos und stopfe sie in Brunos Rucksack und meine Seitentaschen. Dann zähle ich meine persönlichen Kilos und die meines Radls dazu. Ja, und dann bin ich ganz still.

Wir schlendern mit Expertenblick durch den schönen Laden und betrachten das enorme Sortiment an Outfits. Sind schwer beeindruckt von den Windelhosen – nein, so sehen sie nur aus, diese gepolsterten Radlhosen. Ja, und was es da für Exemplare gibt! Ich stelle mir insgeheim vor, wie ich breitbeinig und mit hungrigem Magen in ein Gasthaus einfalle. Wahnsinnig elegant, bestimmt passt mein Odeur auch dazu, die Haare verklebt vom Helm, die Wadln von der letzten Pfütze ordentlich verkrustet, aber den Siegerblick in den Augen: Ich habe den Mount Zirl erklommen, Leute, seht mich an!

In diesem Geschäft gibt es die wundersamsten Helme, die ich je gesehen habe. Aerodynamisch, vorne spitz, hinten rund, Modelle, die nach vorne abfallen und sich hinten auftürmen, den kleinen, schnuckeligen runden, den großen motorradähnlichen, welche mit Visier und welche ohne – und das Ganze in Farben, die nichts mehr zu wünschen übrig lassen.

Wir bestaunen das große Sortiment von Schuhen, die der versierte Radler unbedingt benötigt.

»Eigentlich hatte ich vor, in Turnschuhen zu radeln, damit ich für abends auch gleich welche habe und nicht noch extra ein Paar mitschleppen muss.« Fast hätte mich der mitleidige Blick getötet, der mich trifft. Okay, okay, war ja nur so ’ne Idee! »Also, dann zeigen Sie mal her, was Sie so für mich richtig finden«, fordere ich ihn auf.

Daraufhin hält er mir ein Paar Schuhe unter die Nase, klar, die aerodynamischen mit Haken, damit ich nicht aus den Pedalen rutsche.

Die Vorstellung, mich haut’s mit dem Rad bergab hin und ich komme nicht aus den Pedalen raus, dafür aber ins Krankenhaus rein, lässt mich erschaudern. »Gibt’s denn nicht was Aerodynamisches ohne Angelhaken?«, frage ich mit gewinnendem Lächeln.

Hurra, er hat’s kapiert und bringt mir hübsche und auch noch farblich erträgliche Sportschuhe. Ich kann es kaum glauben, sie finden offenbar auch in seinen Augen Gnade als Radltreter. Ja, und dann zeigt er uns etwas, bei dem ich mir spontan denke: Das ist so praktisch und gut durchdacht, das muss eine Frau erfunden haben!

Wir haben ja schon über das Wetter geredet und darüber, dass es auf so einer Tour oft voller Überraschungen steckt. Mal regnet es, und du bist nass bis auf die Haut, dann ist es wieder warm, oder der kalte Fahrtwind lässt dich erschaudern. Damit diese Abwechslungen besser zu ertragen sind, hat die schlaue Bikerfrau oder der schlaue Bikermann – ich will mal nicht so sein – lose Ärmel und Hosenbeine passend zum Outfit erfunden. Die rollst du je nach Temperatur und Belieben rauf und runter. So fährst du mal mit kurzem Arm und im nächsten Moment wohlig warm eingepackt bis zu den Fingern, und das Gleiche gilt für die Beine. Einfach genial!

Die will ich sofort haben, und dazu das Jäckchen mit den vielen Taschen. Schick, wirklich schick! Irgendwie komm ich mir schon richtig dazugehörig vor.

Bruno ist auch ganz enthusiastisch. Er neigt ja dazu, immer gleich alles haben zu wollen, so quasi für alle Fälle. Ich dagegen denke wieder an die Kilos und daran, was das Zeugs so alles kostet. Also, ganz easy kann man da einen Betrag hinlegen, der mir sonst eigentlich eher bei einem Edelschneider passiert. Auf ’ner Party würde ich aber damit ganz schön aus dem Rahmen fallen.

Also, es muss ein Outfit her, das man notfalls auch am Abend, bevor man ins noch nicht gefundene Nachtquartier fällt, in einem Gasthaus tragen kann. Vielleicht gibt’s ja nette Überhosen, ich meine, damit die Windeln nicht so auffallen. Blöde Frage, natürlich hat man so was im Sortiment. Und wieder hauen mich die Farben fast um. Frauen radeln wohl gerne als Kakadu verkleidet. Ich frag mich, ob es ’ne Jeans eigentlich nicht auch tut.

Aber ich frage mich das nur selbst, denn gerade wird Bruno eindringlich die Notwendigkeit des Windelpakets erläutert. Es folgt eine schauerliche Schilderung von bis aufs Fleisch rohen, blutigen Hintern, die tagelang nicht mehr sitzen konnten. Ich frage mich, warum bloß die Fahrradsättel unbedingt so aerodynamisch sein müssen anstatt gemütlich sanft gepolstert. Schließlich will ich keinen Geschwindigkeitsrekord aufstellen.

»Es muss doch eine Zwischenlösung geben?«, frage ich unseren Radlmeister.

Dieser nickt begeistert. »Ich habe da ganz wunderbar gepolsterte Exemplare zur Auswahl.«

Na ja, die sehen auch eher dem Kopf eines Windhundes ähnlich, aber – das muss ich zugeben – ein wenig weicher sind sie schon. »Ich benötige den absolut weichsten«, insistiere ich, »und es ist mir absolut wurscht, ob der auf dem Radl komisch aussieht oder nicht.«

So, damit wären wir nun beim Wichtigsten angekommen: dem Mountainbike. An diesem Punkt müssen wir beide nun die Hosen herunterlassen, denn unweigerlich kommt die Frage auf: »Ja, wie fit sind Sie denn eigentlich?«

Klar, wir wollen nicht über Stock und Stein fahren. Wir brauchen Wege. Sie müssen ja nicht neben Hauptstraßen sein, aber doch wenigstens als solche erkenntlich. Wir wollen nicht durch tiefe Wälder fahren und ständig die Räder über Baumstämme tragen, genauso wenig einen Gletscher erklimmen. Nein, wir wollen genießen, Landschaft, Luft und Leute. Einen Drahtesel unter dem Hintern haben, der zwar leicht, aber doch kein Rennrad ist, so was wie ein Mountainbike mit dünneren Rädern.

»Gibt es«, sagt unser Meister, »bitte sehr«, und zeigt uns zwei wunderschöne, wesentlich leichtere Räder als die unsrigen.

Ja, die gefallen uns, aber wir müssen sie trotzdem erst mal ausprobieren. Und übrigens: Das mit dem Sattel hab ich ernst gemeint.

Die nächsten Tage verbringen wir mit gemischten Gefühlen. Man hat uns angeboten, uns zwei nach unseren Maßen angepasste Räder zu Übungszwecken und, so sie denn konvenieren, zum späteren Erwerb zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet schlicht und ergreifend: So, jetzt wird es ernst.

Bislang war das ja immer noch eine jederzeit wieder rückgängig zu machende Reise. Klar, irgendwie können wir auch jetzt noch kneifen. Aber wie sieht das denn aus? Nun wissen ja schon etliche Personen davon, und denen zu sagen: »Bitte, bitte habt Verständnis dafür, wir wollen unsere armen Wadln nun doch nicht solchen Strapazen aussetzen«, klingt wirklich erniedrigend. Zumindest für mich. Bruno sagt, für ’ne Absage ist es nie zu spät. Ich kann das aber nicht. Ich hab mir das nun mal vorgenommen, und ich sehe auch wirklich keinen triftigen Grund zu kneifen. Dann gehe ich halt ab morgen ins Fitti und schwing mich bei dröhnender Powermusik zum Spinning aufs Rad, wenngleich mir nichts mehr zuwider ist als diese Massenveranstaltungen, bei denen du nur anerkannt wirst, wenn dein Schweiß bis auf den Boden tropft. Dass die anderen sich danach sowieso das Maul über dich zerreißen werden, von wegen »So ’ne alte Kuh macht da einen auf Muskelaufbau«, ist mir klar. Brrrr, mag ich wirklich nicht, ich setz mir ’ne Perücke auf, dann erkennen sie mich vielleicht nicht, dann ist es nicht ganz so peinlich. Oder ich fahre ein paarmal um den Starnberger See, das macht auch fit und ist gesund.

Brunos Begeisterung über diesen Vorschlag lässt tief blicken. Er ist der Meinung, dass wir uns mit der Reise mehr als genug verausgaben werden, und er versteht absolut nicht, warum er schon vorab so unsinnig lange Touren unternehmen soll. Dann könne man sich ja gleich die geplante Radtour sparen, da sei es ja gar nicht mehr spannend. Seiner Meinung nach genügt es absolut, wenn er sich vier Wochen vorher mit ein bisschen Joggen und Gymnastik fit macht. »Du wirst schon noch sehen und erstaunt sein«, meint er.

Ja, das bin ich in der Tat, schon seit einigen Jahren. Bruno hat nämlich absolut kein Problem damit, ständig davon zu reden, wie fit er bald sein wird, und »You will be astonished« ist sein absoluter Lieblingssatz. Nur, was mache ich, wenn er mir auf halber Strecke schlappmacht und nach einem Notarzt japst, was er übrigens äußerst gerne tut?

Warum kann dieser Italiener nicht ein Mal eine Sache mit dem gehörigen Ernst angehen? Wir gehen nicht einfach mal so ’ne Stunde spazieren. Immer muss er jonglieren, ich wünsche mir, dass er mir zeigt, so, jetzt hab ich mich entschlossen und bewege meinen Hintern. Ich will eine Initiative sehen, wie: »Ich fahre jetzt mal zehn Kilometer, kommst du mit?«

Stattdessen liegt er auf der Couch und blättert im Fahrradmagazin, um sich fit zu machen. Danach lässt er unheimlich tolle Ideen raus, die ich mir dann merken soll, um sie vielleicht später mal zu Papier zu bringen. Natürlich erzählt er mir auch, was er alles noch unbedingt so braucht, um glücklich radeln zu können.

»Du kannst ja noch gar nicht radeln – weder glücklich noch unglücklich«, keife ich zurück. Oh Mann, das kann ja heiter werden.

Inzwischen fange ich auch schon an, nachts die merkwürdigsten Träume zu bekommen. Wie zum Beispiel vor einigen Nächten, als ich hoch oben auf einem Berg zwischen Felsen stand, verzweifelt nach Bruno schrie und mir statt einer Antwort von unten immer eine Wasserfontäne entgegenspritzte. Ich will diesen Traum nicht weiter gedeutet wissen.

Während mich in den folgenden Tagen vor allem die praktischen Alltagsradelfragen beschäftigen, treibt Bruno mich mit einer typisch italienischen Eigenart, die mir zutiefst zuwider ist, in den Wahnsinn. Sie lautet: Ein Italiener ohne sein telefonino ist nur ein halber Italiener.

Na und?, kann man dazu sagen, aber wenn man den Mann kennt, der Bruno Maccallini heißt, dann weiß man: Der Arme radelt irgendwann mal in sein Verderben mit dem Handy am Ohr.

Es gibt Menschen, die können mehrere Dinge gleichzeitig tun. Dies ist aber nicht Brunos Stärke. Sobald sein Handy klingelt, und das tut es ungefähr zehnmal pro Stunde, gilt seine volle und einzige Aufmerksamkeit diesem blöden Ding und dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Bruno vergisst die Welt um sich herum, kann den anderen, da er ein höflicher Mensch ist, auch nicht abwürgen und würde eher den Absturz in eine Schlucht riskieren, als das verdammte Teil wegzuwerfen. Leider würde es nichts nützen, wenn er einen Stöpsel im Ohr hätte und ’ne Freisprechanlage, weil er, obwohl er ja nur spricht, auch nichts mehr sieht. Ein Phänomen, nicht wahr? Ist aber so!!!

Ganz vorsichtig, soweit das bei mir möglich ist, beginne ich, dieses Thema anzuschneiden: »Wie schön die Landschaft sein wird und vor allem die Stille um uns herum«, sage ich. »Nur das Rauschen des Windes und unserer Radl, dazu das Vogelgezwitscher und die Düfte der blühenden Felder um uns herum. Wie unendlich schade wäre es da, wenn man das alles nicht so richtig mitkriegt.« Ich stoße weiter vor: »Also, das Handy bleibt aus, zumindest tagsüber!!!«

»So«, sagt er, »aha, ja klar!«

Irgendwie vermute ich, er habe mich überhaupt nicht verstanden, und hake nach: »Unsere Handys sollten gar nicht erst an sein und uns stören können, so tagsüber, wenn wir radeln, meine ich. Verstehst du?«

»Wieso, die stören doch nicht? Ich kann doch mal telefonieren, wenn es sein muss.«

»Nein«, erwidere ich mit zahmer Stimme, »schau, das ist doch wirklich gefährlich, du könntest stürzen und dir was tun.«

»Dann halte ich eben an«, erwidert er.

»Na, und ich warte dann auf dich die nächste Stunde oder kriege es erst mal nicht mit und bin weit vor dir. Dann kann ich zig Kilometer zurückspurten, um dich fröhlich quatschend am Straßenrand aufzugabeln. Nee, also wirklich, da hab ich ja gar keinen Bock drauf. Du kannst das Ding doch einfach mal auslassen und abends, wenn wir angekommen sind, deine Mailbox abfragen. Zugegeben, das ist auch nicht sehr lustig, aber immer noch besser als ein Loch im Knie. Warum kann man denn nicht ein Mal dieses blöde Ding für ein paar Tage zu Hause lassen? Früher haben wir doch auch nicht so ’ne Abhängigkeit gehabt«, sage ich.

Okay, okay, ich weiß, ich bin hinterwäldlerisch und intolerant und will immer meinen Kopf durchsetzen, dabei meine ich’s doch nur gut! So ein bisschen Egoismus ist natürlich schon dabei. Ich will einfach vorwärtskommen, und eine ständige Unterbrechung würde mich in meinem Rhythmus absolut stören. Wie heißt es so schön bei Loriot? »Der Mann und die Frau passen einfach nicht zusammen.«

Im Zusammenhang mit der telefonino-Diskussion beginnt sich bald der Regisseur und Produzent und vor allem auch der Schauspieler in Bruno herauszukristallisieren.

Natürlich hat es in seinem klugen Köpfchen schon ordentlich gerappelt. Er sieht diese Reise multifunktional. Will eine Möglichkeit schaffen, damit sich die Verwandtschaft sowie Freunde oder Familie Schneckenschiss an unseren Strapazen ergötzen, mitleiden und erfreuen können, wenigstens zwei Stunden am Tag.

Bruno will sich doch tatsächlich mit dem Internet verkabeln. Nicht nur dass ich keine Ahnung habe, wie so was überhaupt funktionieren kann, allein die Vorstellung, mir schaut gerade jemand zu, wie ich schwitzend und fluchend einen Berg erklimme, finde ich gar nicht komisch. Heißt das dann, ich muss zwei Stunden am Tag ein fröhlich verklemmtes Gesicht machen, weil ich gerade Gefahr laufe, dass Herr Dr. Struve von der ARD mich im Internet beobachtet und sich überlegt, ob er mich wirklich für seinen neuen Blockbuster besetzen soll oder nicht?

»Ja, das ist doch toll«, meint Bruno. »So wissen alle, wo wir gerade sind und was wir so tun, ob es uns gutgeht und so weiter.«

»Ja, und dass ich mal grade aufs Klo muss natürlich auch«, raunze ich. »Sag mal, das kann doch nicht dein Ernst sein.«

Begeistert schildert mir mein multifunktionaler Radel- und Lebensgefährte daraufhin, dass man auf dem Helm eine kleine Digitalkamera befestigen kann, die wiederum mit einem kleinen Dingsbums verbunden ist, dass man dann irgendwo unter der Achselhöhle einen Laptop trägt, der dann irgendwie mit dem Internet über irgendwelche Satelliten kommuniziert, und dass das alles gaaaanz toll ist.

Ich bin begeistert!

Aber das ist noch nicht alles, was er da aus seiner Wundertüte holt. Natürlich wollen wir auch Fotos machen und die dann auf die Website stellen. »Dann trägst du ein kleines Aufnahmegerät um den Hals, oder vielleicht kann man das auch am Lenker befestigen, und so kannst du jederzeit deine Eindrücke und Gedanken auf Band sprechen«, gerät Bruno ins Schwärmen. »Ist doch ’ne Superidee und erleichtert dir das spätere Schreiben ungemein.«

»Stimmt, aber ich fühle mich so schon wie ein Packesel, und dann noch dieses ganze Zeug an mir dran«, jammere ich.

»Ach, das wiegt doch nichts. Du wirst sehen, das macht großen Spaß«, bügelt er meine Einwände einfach weg.

Herrje, Männer und Frauen passen wirklich nicht zusammen.

»Weißt du, Schatzi«, flöte ich, »ich habe unsere Reise eigentlich mehr unter einem philosophischen Aspekt betrachtet. Es ist doch auch was ganz Intimes, was wir da machen, das muss doch nun wirklich nicht jeder haarklein mitkriegen. Es kann doch auch mal sein, dass wir uns grad streiten, wenn die blöde Kamera läuft und wir auf Sendung sind, stell dir das mal vor!«

»Na, das ist doch gerade der Crime, der spannend ist«, wirft mein Regisseur ein.

Nein, das will ich nicht. Ich will auch mal Arschloch sagen können, wenn mir grad danach ist.

Bruno ist der Meinung, diese weltweite Verbindung könne eine sehr gute Erziehungsmaßnahme sein und uns unweigerlich in die Charts bringen.

Schrecklich, nein, ich glaub, ich lass das Ganze. Ich will nicht zum Massengespött der Nation werden, ich bin keine Dschungelcamperin. Keine »Hilfe, ich will hier raus«-Tussi. Ich bin eine Romantikerin mit leichtem Hang zum Masochismus. »Ich wollte doch nur eine kleine, gemütliche Reise mit dir machen«, sage ich, »und dabei mal an unsere respektive deine Grenzen gehen. Das ist doch spannend genug. Muss man denn gleich alle Welt dabei zusehen lassen? Es reicht doch, wenn wir, falls uns danach ist, ein gemeinsames Buch über das Erlebte schreiben.«

Wir belassen es erst mal dabei, denn ich glaube nicht, dass die technische Lösung so parat steht, wie Bruno annimmt. Irgendwie wird alles immer wasserkopflastiger. Daher beschließe ich, ihn erst mal träumen zu lassen, und, wenn es dann an der Zeit ist, das Ganze wieder auf ein erträgliches Maß abzuspecken.

Stattdessen widmen Bruno und ich uns der Zeitfindung.

Ist es nicht toll in unserem Europa? Der Süden stöhnt im Februar unter einer Hitzewelle, während der Norden gleichzeitig im Schneegestöber ertrinkt. Vom Westen kommen immer neue Sturzfluten, die Bergbäche in reißende Flüsse verwandeln und sie mit Muren zu Tal stürzen lassen, und der Osten bekommt den Rest ab. Also wann?

»Mai«, schlägt Bruno vor.

»Ja, Mai klingt gut, aber dieses Jahr waren noch im April die Täler tief verschneit«, wende ich ein.

»Dann Juni.«

»Nein, da wird gedreht!«

»Okay, Juli.«

»Nee, das ist zu heiß, da kommen wir den Berg nicht mehr hoch.«

»August?«

»Klare Absage, da wird geschwommen und nicht geradelt.«

»Ha, September.«

»Ja, das ist gut! Das Oktoberfest ist erst Ende des Monats, und die Menschen sind noch erschöpft von den Sommerferien. Die Wege werden nicht so voll sein, und das Törggelen beginnt auch erst im Oktober.«

Es steht fest: Wir radeln im September.

Hoffentlich kommt kein Film dazwischen oder Österreich erhebt die Fahrradmaut, es schneit schon wieder, Osama bin Laden will den Reschenpass in die Luft sprengen, oder Bruno leidet an einem unerklärlichen Dauermuskelkrampf im linken Wadl.

Nun fehlt nur noch der Reiseverlauf, und wir sind uns zum Glück bald einig.

Es ist geplant, die Tour in sieben bis zehn Tagen zu machen. Wir werden uns jeden Tag eine Strecke vornehmen und absolut offen sein, ob wir sie im gesteckten Zeitrahmen bewältigen.

Abhängig sind wir von unserer Kondition, weshalb durchaus auch mal ein Ruhetag nötig sein kann. Wir werden, falls uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, einfach pausieren oder halt ein kürzeres Stück radeln. Wir wollen Land und Leute nicht nur im Sauseschritt in uns aufnehmen, sondern gerade die Besonderheiten und Begegnungen der unterschiedlichen Landschaften und Mentalitäten genießen. Wir wollen in Landgasthöfen regionale Spezialitäten essen und, so es sich ergibt, in deren Buntkarierten schlafen. Wir wollen die geschundenen Muskeln in klaren Bergseen kühlen und auf der Alm frische Kuhmilch trinken. Wir wollen kleine Kapellen besichtigen und ein Kerzchen anzünden, ebenso über alte Friedhöfe mit ihren wunderschönen Eisenkreuzen gehen. In Blumenwiesen faul ein Mittagsschläfchen halten und anschließend beim Bauern einen heißen Kaffee schlürfen. Vielleicht braucht ja jemand spontan Hilfe, weil seine Ziegenherde ausgebüxt ist, und wir müssen beim Einfangen helfen und und und …

Die Tage sollen, jeder für sich, ihre eigene Überschrift haben. Damit ist gemeint, dass wir uns jeweils eine thematische Priorität vornehmen. Beispielsweise steht ein Tag unter dem Motto »persönliche Zuwendung für den anderen«, man geht sensibel miteinander um und erzählt sich in der Pause Erlebnisse aus der Kindheit. Ein anderer Tag ist »der persönlichen Einstellung zur Geschichte, Tradition und Kultur« gewidmet, der nächste handelt von »der Unterschiedlichkeit in der Essenskultur«, ein weiterer Tag wird »dem Körper und all seinen Zipperlein« geschenkt, der nächste »der Streitkultur«, darauf folgen dann »alles über die Liebe« oder »an sich und überhaupt«. Nicht zuletzt wird es einen »Tag der Toleranz und Weltanschauung« und einen »Tag des Mutes im Allgemeinen« geben.

Wie auch immer sich die Themen finden werden, von denen sich viele sicherlich erst aus dem täglichen Ablauf ergeben: Das hier sind nur Vorschläge, der Sinn des Ganzen ist nämlich, dass alles, was uns passiert, was wir denken und wie wir handeln, immer aus der Sicht eines Einzelnen geschildert ist und der Reiz in der Unterschiedlichkeit liegt, die sich zwangsläufig aus der jeweiligen Erziehung und Tradition unserer beider Heimatländer ergibt.

Ich hoffe, Ihr Interesse geweckt zu haben, und würde mich sehr freuen, wenn Sie uns auf unserer Reise begleiten würden – wie auch immer!

Jutta Speidel

München und

Rom im April 2008

Vorabnotizen

eines Italieners

Wo soll ich anfangen? Eine gute Frage … Der Aufbruch ist nie einfach. Genau wie der Anfang eines Buches. Es ist, als ob man nach vielen Jahren wieder aufs Fahrrad steigt und in die Pedale tritt. Als Erstes musst du dem Himmel danken, dass du noch das Gleichgewicht halten kannst und mit dem Lenker zurechtkommst. Doch das reicht nicht.

1.

Lass den iPod zu Hause. Andernfalls ergeht es dir wie mir einmal: Ich fahre die Straße in Obermenzing/Pasing entlang, da fängt auf einmal Carla Bruni an zu blöken. Nein, nein, nein, das klingt ja fürchterlich! Ich nehme den iPod in die Hand, starre auf das Display und suche nach einem besseren Sound.

Da ich häufig auf diesen schönen Wegen am Stadtrand von München unterwegs bin, weiß ich, wie sehr die Fahrradfahrer nerven. Deswegen halte ich mich auch immer so weit rechts wie möglich. Allerdings brauche ich nur, etwa abgelenkt von der Playlist, um Haaresbreite abzuweichen, und schon rutsche ich vom Bordstein auf den gerade erst erneuerten Asphalt. Instinktiv versuche ich, wieder auf den Gehweg zu gelangen, doch da ich nicht sehr gelenkig bin und meine Reflexe wenig ausgebildet sind, stürze ich – bums! – und schlage mit Knien, Handflächen und Gesicht auf dem harten Boden auf. Mit Zähnen und Nase, um genau zu sein.

Sonst bin ich mehr oder weniger okay, außer dass Blut aus meinem rechten Nasenloch läuft. Da ich nichts habe, womit ich es abwischen kann, verharre ich mit nach hinten geneigtem Kopf und warte, dass die ungewohnte Blutung aufhört. Schließlich ziehe ich mir eine Socke aus …

Ich muss zugeben, es ist keine sehr angenehme Erfahrung, sich mit einer Frotteesocke, die von gut zehn Kilometern auf dem Fahrrad durchnässt ist, die Nase zu tamponieren.

2.

Vergewissere dich, dass du das Vorhängeschloss entfernt hast, bevor es sich in den Speichen des Hinterrads verfängt. Die Strafe: Verbiegen der Radspeichen, was mich sehr ärgert.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch die Geschichte meines ersten Vespa-Ausflugs erzählen: Ich habe das gute Stück also gerade funkelnagelneu beim Händler abgeholt und in die Garage gestellt. Am nächsten Morgen vergesse ich, dass ich vorsichtshalber das Vorderrad mit einem Sperrschloss blockiert habe. Ich gebe Gas und schlage mit dem Gesicht auf den Boden. Man sagt mir, das Sperrschloss zu vergessen sei einer der häufigsten Fehler, die man machen könne.

Ich würde daher zu folgendem kleinen Trick raten: Binde immer ein Taschentuch an den Lenker des Motorrads oder des Fahrrads, wenn du es abstellst. Wenn du es eilig hast oder in Gedanken bist, vergisst du es schnell mal. Versuche daher, es zu einem Automatismus werden zu lassen: Entweder bringst du das Schloss immer an, und dadurch wird es zu einer automatischen Handlung, oder du bringst es nie an.

3.

Frage dich immer, wohin du fährst und warum du fährst. Die Frage stellt sich hier ganz spontan. Was hat mich bloß getrieben, die Strecke München – Meran mit dem Fahrrad zurücklegen zu wollen? Kurz: Wer hat mich dazu gebracht?

Ich glaube nicht, dass ich in meinem früheren Leben Radfahrer gewesen bin, obwohl meine ausgeprägten Waden darauf hindeuten könnten. In diesem Leben allerdings kann ich mich einer Geburt »ad hoc« an dem Ort rühmen, an dem eine der italienischen Radsportlegenden der siebziger Jahre das Licht der Welt erblickte: Vito Taccone, besser bekannt als Camoscio d’Abruzzo – die »Gemse der Abruzzen«.

Meine Geburtsstadt Avezzano ist – leider – durch jenes unglückselige Erdbeben von 1915 (eines der verheerendsten Erdbeben, die es jemals in Italien gegeben hat) in Erinnerung geblieben, das die Stadt dem Erdboden gleichgemacht und mehr als 29 000 Opfer gefordert hat, aber auch durch die Siege des großen Vito Taccone beim Giro d’Italia. Das hat die Menschen geprägt. Ich erinnere mich noch gut an einen alten Onkel, der erst im ehrwürdigen Alter von zweiundachtzig Jahren das Radfahren aufgab.

Trotzdem bin ich eigentlich nicht geneigt anzunehmen, dass diese wenigen Ausnahmen mich zu dieser Tour de force nach Meran veranlasst haben. Wahr ist vielmehr, dass meine Lebensgefährtin Jutta Speidel den entscheidenden Anstoß für dieses Unternehmen gegeben hat.

Ich habe bisher nur wenige lange Radtouren unternommen, doch wenn ich auf unserer Fahrt über die Alpen mit einer anstrengenden Bergetappe zu kämpfen haben werde und der Körper von der Anstrengung völlig ausgetrocknet sein wird, dann werde ich mich glücklich schätzen, eine Gefährtin zu haben, die mir etwas zu trinken reicht.

Das darf man sich dann ungefähr so vorstellen wie bei dem mythischen Gespann Coppi/Bartali. Die Rivalität zwischen Fausto Coppi und dem anderen Großen des italienischen Radsports, Gino Bartali, die das Land in der Nachkriegszeit spaltete, war legendär. Ein berühmtes Zeugnis, das eine ganze Sportepoche unsterblich gemacht hat, ist das Foto, auf dem die beiden Helden sich bei einer der zahlreichen Bergetappen der Tour de France von 1952 eine Flasche mit Wasser reichen. Es wurde nie geklärt, ob Coppi damals seinem Rivalen Bartali etwas zu trinken gab oder umgekehrt, ein Geheimnis, das auch die beiden Protagonisten nie lüfteten (indem nämlich beide stets behaupteten, dem anderen geholfen zu haben).

Jutta würde mich nie verdursten lassen. Aber auch so hat mir der Gedanke, eine Reise in Begleitung zu machen, sehr gefallen. Gemeinsam ist es nun mal schöner. Abgesehen davon ist Jutta die beste Reisegefährtin, die man sich wünschen kann. Wir sind zwar zwei sehr unterschiedliche Charaktere, aber vereint durch denselben roten Faden und dieselbe Vorstellung vom Reisen.

Bekanntlich hat jeder seine eigenen Erklärungen für die Manie, sich im Urlaub mit Muskelkraft auf zwei Rädern fortzubewegen, und die Erfahrungen sind ebenso zahl- wie abwechslungsreich. Da wäre zum einen die Reise verstanden als Leichtigkeit, als existenzielles Nomadentum, Eliminierung des Überflüssigen, mystischer Akt, Auspacken, Therapie, Wallfahrt. Vielleicht geben uns das alles auch unsere Reisebusse – und noch mehr. Doch grundsätzlich vereint Jutta und mich der Wunsch, allein zu sein, allein mit der Natur, unsere beiden Taschen im Gleichgewicht auf dem Gepäckträger.

Wichtig ist, sich ein Ziel zu setzen: »Wohin fahren wir?«, und, wenn möglich, einen Sinn: »Warum?«

Ich bin in meinem Leben beständig umhergezogen, und wie Chatwin habe ich oft theoretisch über den Vorteil nachgedacht, sich zu verirren, ohne eine Karte dabeizuhaben. Aber dann habe ich mich mit vierzig tatsächlich mal verirrt. Die lange Straße, auf der ich unterwegs war, war plötzlich nicht mehr befahrbar. Ich musste einen anderen Weg finden.

Der »Weg den Hügel hinunter« ist für einen Mann jenseits der vierzig immer schwierig, doch meiner war eine besondere Herausforderung. Ich habe die Menschen unglücklich gemacht, die mir am liebsten waren, und hatte inneres Gleichgewicht nötig. Ich habe meine Familie verlassen (mit starken Schuldgefühlen), doch schließlich hat eine unbekannte Ruhe mich gezwungen, in mich zu gehen. So habe ich nicht nur den Hügel gefunden, sondern auch ein neues Licht. »Das ist mein Leben«, habe ich mir gesagt.

Der Sommer ist wirklich die schönste Zeit des Jahres und der Seele. Während ich auf dem Sofa meiner Terrasse in Italien liege und schreibe, lasse ich mich liebkosen von einer warmen Bö des Ponentino (der typisch römische Wind, der die Traurigkeit und die Wehmut hinwegzufegen vermag), vom angenehmen, berauschenden Duft meiner kleinen Tomaten, von leiser Musik aus dem Radio meines Nachbarn, vom Schrei der Möwen am Tiber und vom glücklichen Getöse der armen Häftlinge zum Klang des Glöckchens. Es ist die Stunde des Hofgangs. Ich wohne neben dem Gefängnis Regina Coeli, und von einer Seite meines romantischen Vorpostens kann ich nicht nur die Kuppeln der Ewigen Stadt sehen, sondern auch einige Gesichter hinter den vergitterten Fenstern der Zellen.

Bei ihrem Anblick denke ich: Diesen Gesichtern ist es nicht vergönnt, die Schönheiten der Via Claudia Augusta kennenzulernen und diesen langen Abschnitt, den Jutta und ich auf dem Rad zurücklegen werden. Diese antike römische Straße, die den Po mit der Donau verband und die noch heute kurvenreich die Alpen durchquert. Ihnen ist nicht vergönnt, die bezaubernde Stadt Füssen in der Nähe von Schloss Neuschwanstein mit ihren Bergen, Seen und Hügeln zu bewundern, die zu den schönsten der Welt gehören. Ebenso wenig das wunderschöne Landeck, den alten Knotenpunkt von Kunst und Kultur. Ihnen ist auch nicht vergönnt, die ausgezeichnete Tiroler Grießnockerlsuppe oder ein Stück Apfelstrudel in Südtirol zu probieren. Ihnen wird lediglich eine Stunde pro Tag an der frischen Luft gewährt und allenfalls noch die Freude, einen Ball zu kicken.

Ich denke an die Tour, die uns erwartet, und daran, dass es schöner gewesen wäre, wenn wir sie zu Beginn des Sommers statt Anfang September hätten machen können. Mit dem Fahrrad im Juni über das glühend heiße Pflaster fahren, zwischen dahinkriechenden Vipern und weidenden Kühen, Stirn und Schläfen von Schweißperlen bedeckt, die Augen hingerissen vom Anblick der Berge – das ist schon etwas anderes!

Übrigens erinnern mich im Sommer die noch schneebedeckten Berge an den panettone meiner Kindheit, den ich mit heißer Hefe bedeckte, damit er wie der Gran Sasso aussah! Ach, der Juni! Ich erinnere mich noch gut an die Spaziergänge mit Onkel Franco auf dem Corno Piccolo und dem Pass der Majella in den Abruzzen.

Ich denke immer wieder an die günstige Gelegenheit, diese Tour jetzt zu unternehmen, und kann einige Ängste nicht verhehlen. Ängste, die ich Jutta allerdings immer verschwiegen habe. Ängste, die sich aus einer Reihe von ganz banalen, aber sehr vernünftigen Fragen ergeben. Was, wenn es regnet? Septemberregen ist schließlich etwas anderes. Was, wenn es zwei oder drei Tage am Stück regnet? Wir können die Tour nicht zu lange ausdehnen. Am 15. 09. beginnen in München die Dreharbeiten zu einem gemeinsamen Film, und ich möchte vorher noch nach Rom zurückkehren und ein paar Tage mit meiner Tochter verbringen können. Was, wenn es kalt ist? Es reicht nämlich nicht, sich so gut wie möglich auszurüsten. Und überhaupt: Wie soll man verdammt noch mal fünf Kilo Sachen in zwei Taschen verstauen? Wenn ich ein zweites Paar Schuhe, zwei Unterhosen, zwei Paar Kniestrümpfe und zwei T-Shirts zum Wechseln sowie einen Pullover, eine Windjacke, ein Handtuch, das Handy, die Videokamera und gerade mal eine Rolle Toilettenpapier eingepackt habe.

Vorläufig steckt der Anfang der Reise noch ganz in diesen wenigen Notizen. Über den Lenker gebeugt, wird es schwierig werden, sich Notizen zu machen. Doch ich habe mir überlegt, eine Webcam an meinem Helm zu installieren; auf diese Weise werde ich jeden Tag am Ende der Etappe die Bilder und Gedanken in meine Videokamera übertragen und von dort ins Tagebuch. Ein Vorgehen, das ich auch meiner Lebensgefährtin empfohlen habe, die, wie ich hoffe, einverstanden sein wird, unsere Tour in der Lebendigkeit einer Direktaufzeichnung zu dokumentieren. Bis dahin werde ich erst einmal ein wenig trainieren, um meine Widerstandskraft und meine Gelenkigkeit zu verbessern. Im August täglich eine Stunde Spinning … allein der Gedanke macht mich ganz groggy!

Es wird eine befreiende und totale Flucht sein: fort vom wahnsinnigen Menschengetümmel! Nur Wind und Pedale. Das Wohlbefinden misst sich nicht in Dezibel, sondern in Herzschlägen. Dann werden Juttas Herzschläge das Echo meiner Herzschläge sein, dann wird sie es sich – das weiß ich jetzt schon – nicht nehmen lassen, mir zuzubrüllen: »Tritt in die Pedale! Du bist vielleicht eine Schnecke!« Ihre laut schallende Stimme, unser Lachen und unsere kleinen Streitereien, das Rauschen unserer Räder, das Schlagen einer Glocke in der Ferne: So stelle ich mir die Stimmen und Geräöüö