image

HAVOC – Animal und T

Debra Anastasia

image

© Sieben Verlag 2018, 64823 Groß-Umstadt

ISBN Taschenbuch: 9783864438158

www.sieben-verlag.de

Inhalt

1 Animal

2 Animal

3 Vierzehn Jahre zuvor Animal

4 T

5 Animal

6 Animal

7 T

8 Animal

9 Animal

10 Animal

T

Animal

11 Animal

T

12 Animal

Animal

T

13 Animal

14 T

15 Animal

T

16 Animal

T

Animal

17 Animal

18 Animal

19 T

20 Animal

21 Animal

22 T

23 Animal

24 T

25 Animal

26 Animal

27 Animal

28 Animal

29 T

30 Animal

31 T

32 Animal

33 T

34 Animal

35 T

36 Animal

37 Animal

38 Animal

39 Animal

40 T

41 T

42 Animal

43 Nix

44 Animal

45 Nix

46 Animal

47 Animal

48 Nix

49 T

50 T

51 T

52 Animal

53 Animal

54 T

55 Animal

56 T

57 Animal

58 T

59 Animal

60 T

61 Animal

62 T

63 Animal

64 T

65 Animal

1

Animal

Mein Blick wanderte von einem Mafiaboss zum anderen. Zwar saßen sie im Haus meines Freundes, aber ich hatte ganz klar das Sagen. Bat Feybis Sohn zu meiner linken und Mitch Kaleotos zu meiner rechten Seite. Sie waren nicht glücklich. Und es war mir scheißegal.

„Das sind unsere Bedingungen. Ihr beide habt mir Bericht zu erstatten. Verstanden?“

Beide Männer fluchten leise vor sich hin, stimmten aber zu. Ich stand auf und sie taten es mir nach. Statt ihre Hände zu schütteln, zog ich es vor, die Arme vor meiner Brust zu verschränken. Wir befanden uns nicht auf Augenhöhe. Ich war besser als sie. Härter, cleverer und, wenn es sein musste, auch fieser.

Kaleotos benutzte meinen Namen, unter dem man mich auf der Straße kannte „Okay, Havoc.“

Ich hob die Augenbrauen und sie machten sich auf in Richtung Tür.

Nix betrat den Raum. Feybi sowie Kaleotos erschraken etwas bei seinem Anblick. Im Moment trug Nix nicht seine allgegenwärtige Kapuzenjacke, also konnten sie das Totenschädeltattoo auf seinem Gesicht sehen. Er machte große Augen und zischte sie an.

Ich musste mir in die Backe beißen, um nicht zu lachen. Mein Kumpel. Wir waren wie Brüder, und zwar dort, wo es wirklich zählte – in unseren Seelen.

Feybi war beleidigt.

Ich folgte den Männern ins Foyer. Es erweckte den Anschein, als wollten sie noch etwas sagen. Tief in meiner Brust bestimmte ich die Atmosphäre im Raum. Mein innerstes Selbst war ruhig, cool und gefasst. Sie würden es nicht wagen, irgendeinen Scheiß zu versuchen, schlicht und ergreifend, weil ich keine Angst vor ihnen hatte. Ein Riese von einem Mann mit einem Ruf, der die Stadt in Aufruhr versetzt hatte.

Gleichzeitig griffen sie nach dem Türknauf, wobei Kaleotos schneller war und die Tür aufriss. Auf der anderen Seite stand Nix’ kleine Schwester Ember, mit drei Rucksäcken, einem Koffer, einer roten Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern, die auf einem Kopf mit zerzausten Haaren steckte. In einem Minirock, der alles unterhalb ihrer Taille verboten gut aussehen ließ. Ihr langes, braunes Haar hatte bunte Strähnchen und an den Fingern trug sie tonnenweise Ringe. Wie ein Hellseher wusste ich jetzt schon, wohin das führen würde. Ember würde mich ohne Ende aufziehen und ich würde es ihr gleichtun.

Jeden Moment konnte Nix sein gruseliges Verhalten ablegen und sich Sorgen darüber machen, dass seine Schwester den Mördern, die wir gerade hinausbegleiteten, zu nahe gekommen war. Und das bedeutete, dass die Männer sie umgehend als Familienmitglied ausmachen würden. In unserem Leben war es allerdings besser, unsere Beziehungen zu anderen so undurchsichtig wie möglich zu halten. Es könnte Konsequenzen haben, wenn andere Leute wussten, wer einem wichtig war.

Kurz rollte ich mit den Augen, denn die offensichtlichste Lösung würde mir einen Tritt in die Eier einbringen. Ich drängte mich nach vorn und schnappte Ember an der Taille. Dann drückte ich sie gegen meine Brust, als wäre ich gerade aus einem Krieg heimgekehrt und sie hätte mir drei Kinder geschenkt.

„Baby.“

Ich küsste sie heftig auf den Mund. Ihren neunzehn Jahre alten Mund. Man konnte praktisch hören, wie Nix’ Zorn einem Waldbrand gleich um ihn herumloderte. Wäre ich jemand anderes gewesen, wäre ich bereits vier Mal gestorben.

Während ich Ember ins Haus beförderte, hing sie an mir, als hätte sie vergessen, wie man läuft. Ich drückte eine Hand auf Nix’ Brust und ein Blick an Embers Stirn vorbei bestätigte mir, dass seine Augen so wild aussahen, wie ich es mir gedacht hatte. Jetzt, wo ich mit dem Rücken zu Feybi und Kaleotos stand, hatte ich den Kuss beendet. Ember allerdings nicht.

Shit. Doppel-Shit. Mega-Shit.

Es gelang mir, die Tür hinter mir mit dem Fuß zuzukicken. Gott sei Dank bevor Kaleotos und Feybi diese Farce als eine solche erkennen konnten.

„Geh weg von Animal, Ember. Er und ich werden uns jetzt gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln.“ Er rollte seinen Kopf bereits im Nacken hin und her. Knackende Geräusche begleiteten die Bewegung.

Eine weitere atemberaubende Frau trat zwischen Nix und mich. Ihr Gesicht trug eine halbe und blassere Version von Nix’ Totenschädel. Seine Freundin Becca legte jeweils eine Hand auf unsere Brustkörbe. Ihr Blick glitt von Ember zu mir und dann zu Nix.

„Hitzkopf. Animal würde deine Schwester niemals anrühren.“

Ich konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen, aber da sie nur kurze Sweat-Shorts trug, war es offensichtlich, dass sie oben gewesen war und sich entspannt hatte.

„Er hat sie geküsst. Geküsst!“ Nix kochte.

Ember sah ein bisschen wuschig aus. Und peinlich berührt. Und ein bisschen schwärmerisch.

Kacke.

Becca schüttelte den Kopf und ihr Pferdeschwanz hopste dabei wild herum. „Nein, hör ihnen zu.“

Sie ergriff Nix’ Arm, der ebenfalls komplett mit einem Skelettarm tätowiert war. Nix schenkte mir einen giftigen Blick, aber ich war noch nicht tot. Er zeigte lediglich unentwegt mit dem Zeigefinger von mir zu Ember. Die Fragestellung war ohne Zweifel: Was in Gottes Namen …?

Ember faltete ihre Hände und kickte sich die Sandalen von den Füßen. „Ich liebe ihn. Das war der beste Kuss meines Lebens.“

Mir fiel die Kinnlade herunter. „Ember Ann Fenix Mercy Churchkey!“

Sie fing an, zu lachen, bevor sie mit der Schauspielerei aufhörte. „Oh bitte, Nix. Offensichtlich bin ich in eins eurer Geschäftsgespräche reingeplatzt und Animal hat dafür gesorgt, dass ich den Mund halte.“

„Du kannst so nicht noch mal reagieren. Er würde mich glatt umbringen.“ Ich zeigte mit dem kleinen Finger auf Nix. Er war ein Mörder. Ein Killer.

Ember lachte. „Er würde dich in tausend Jahren nicht anrühren. Er ist süchtig nach deiner Nettigkeit und deinen Koseworten, mit denen du ihn die ganze Zeit überschüttest.“

Ich wagte, einen Blick auf Nix zu legen. Er sah schon wesentlich entspannter aus. „Ember, spiel nicht mit dem Feuer. Shit. Warum zur Hölle bist du eigentlich hier?“

Ember wischte sich den pinken Lippenstift vom Gesicht, ging auf die Zehenspitzen und tat das Gleiche bei mir. Ich sah in ihre riesigen, atemberaubenden, blauen Augen und mir wurde klar, dass sie einfach mega Schwierigkeiten bedeutete.

„Ich ziehe ein. Ich verlasse das College und Tante Dor, um hier zu leben.“

„Äh …“ Noch vor zehn Minuten war ich dermaßen eloquent gewesen, ich konnte sogar zwei Mafia-Bosse davon überzeugen, nach meiner Pfeife zu tanzen. Aber jetzt war nichts mehr davon zu spüren. Ein Teenager hatte mir die Sprache verschlagen.

Nix sah schon wieder aus, als explodierte er jeden Augenblick, diesmal allerdings aus einem völlig anderen Grund.

2

Animal

Nix und ich hatten gemeinsam schon einigen Scheiß durchlebt. Noch nie zuvor waren wir so sprachlos und hilflos wie jetzt gewesen, als wir beobachteten, wie sich Ember im Gästezimmer häuslich einrichtete. Das Handy lag auf der Kommode. Zwei weitere Mädchen waren darauf per Video-Chat zu sehen, als ob sie ihre Leben immer so lebten. Jede von ihnen war mit etwas anderem beschäftigt. Eine machte sich gerade Locken, und die andere tippte etwas auf ihrem Computer, während Ember ihren Koffer auspackte. Musik war zu hören. Ich war nicht sicher, von welchem Mädchen sie stammte, aber der Song war schmutzig. Nix berührte mich an der Schulter und neigte den Kopf in Richtung Flur. Er wollte reden.

Er lehnte sich an die Flurwand und ich ging näher heran, um ihn zu hören. „Sie kann hier nicht bleiben.“

Unter seiner Tinte war Nix blass geworden. Becca musste eine Schicht im Tattoo-Studio arbeiten, also waren hier nur Nix, Ember und ich.

„Offensichtlich.“

Wir steckten in einer brisanten Situation. Nix hatte eine Vergangenheit mit den Feybis. Er hatte den Patriarchen der Familie, für den er ein Jahr lang gearbeitet hatte, ausgeschaltet. Zwar fürchteten sie sich vor seinen Fähigkeiten, aber über manche Sünden kann man nicht so leicht hinwegsehen. Einen Mafia-Boss in seinem Lieblingssessel anzuzünden, war eins dieser heiklen Themen.

Die Kaleotos herrschten über die halbe Stadt und lagen schon länger mit den Feybis im Clinch, als sich irgendwer erinnern konnte. Als Nix für die Feybis zu arbeiten begann, war mir klar, dass ich mich auf seine Rückkehr vorbereiten musste. Über die Jahre hatte ich eine Armee aus verlorenen Seelen aufgebaut und viele davon arbeiteten für mich. Meine Familie war klein, aber jetzt musste ich eine komplette Organisation führen, die alle kriminellen Elemente in Midville umfasste. Langsam aber sicher machte ich die Kaleotos zu meinen Marionetten. Ich hatte ihre Fußsoldaten abgegraben, indem ich ihnen ein besseres Angebot machte. Ich bot ihnen eine Zukunft an. Denn wenn man bei den Kaleotos war, gab es lebend kein Zurück. Bei mir, in meiner Crew, konnte Loyalität einem jederzeit einen Weg nach draußen sichern. Ich behandelte Menschen wie Menschen und nicht wie Schachfiguren. Ich benutzte Nix’ lila Hummer, um sie einzusammeln. Schnell hatte sich das herumgesprochen, und ich wurde von bedürftigen Leuten angesprochen, anstatt umgekehrt.

Als Nix schließlich wieder hier war, hatte ich eine hübsche Gruppe aus Kaleotos besten Leuten zusammengestellt. Und ich hatte ein System, das funktionierte.

Nix stand es zu, sich für eine Weile in Glückseligkeit zu wälzen, aber ich benutzte sein Wissen über die Feybi-Organisation zu meinem Vorteil. Während des Umbruchs der Machtverhältnisse aufgrund des Ablebens von Feybi Senior reagierte ich schnell. Nach dem Treffen heute würde ich mich auf das Eliminieren der schlimmsten Kredithaie konzentrieren. Danach die unabhängigen Drogendealer. Ich hatte Nix jetzt an meiner Seite, also liefen wir auf vollen Touren.

Ich war unwiderstehlich. Jedenfalls bekam ich das über mich zu hören. Meine Gabe. Böse Menschen vertrauten mir. Gute auch. Ich war bereit, Nix vor allem und jedem zu verteidigen, der vorbei kam und nach Rache und Blut gierte. Ich war der unbekannte Faktor. Für die sich in den Haaren liegenden Familien und deren Organisationen ein Rätsel. Während deren Ziele Kriminalität und Macht waren, wollte ich nur, dass meine Leute lebten, mit allen Annehmlichkeiten.

Nix war nicht mein erstes Familienmitglied, aber er war mir von allen das liebste. Und er war momentan gerade kurz davor, zu hyperventilieren.

„Hat deine Tante irgendwas gemacht, was das hier provoziert hat? Ich meine, was zur Hölle …?“

Die Musik aus Embers Zimmer ging aus und sie kam in den Flur. „Sie hat mich angelogen.“

Nix sah zu ihr. Ich schaute in ihr Zimmer und sah, dass das Handy abgeschaltet war.

„Sind deine Freundinnen weg?“ Ich beobachtete, wie ihre Augen und Hüften sich in die gleiche Richtung bewegten. „Denn wenn sie noch da wären, könnten sie Dinge hören, die sie in Gefahr bringen könnten.“

Ember ließ ihren Kaugummi knallen und ging zu ihrem Handy. Sie schaltete den Chat mit dem Mittelfinger aus und steckte sich das Telefon in den BH. Dann kam sie wieder in den Flur. Nix fuhr sich durch sein dichtes Haar. Ich wusste, dass seine Kopfhaut ebenfalls mit diesem Tattoo überzogen war, das er für nötig befunden hatte, um in permanenter Verkleidung als Skelett zu leben.

„Sie hat mich angelogen.“

„Tante Dor?“, bot ich an, denn Nix war zu sehr damit beschäftig, sich über das Gesicht zu fahren, als dass er hätte fragen können.

Ember verengte den Blick auf ihren Bruder. „Sie hat behauptet, du bist gefährlich. Niemand sagt so etwas in meiner Gegenwart über dich.“

Ich liebte Ember. Sie war immer etwas Besonderes, weil sie Nix’ Schwester war. Er hatte sich selbst übertroffen, um sie in Sicherheit zu wissen. Mehr, als sie wahrscheinlich jemals erfahren würde.

Niemals hatte er irgendetwas von den Frauen, über die er wachte, erwartet. Nix rieb seine Finger über seine Brust. Ich wusste, dass er dort vier Mädchennamen eintätowiert hatte. Seine Mutter, Becca, Christina, das besondere Mädchen, das er gerettet hatte. Und Ember.

Er fühlte die Liebe.

Wir waren alle hoffnungslose Fälle.

„Du bist mein Bruder und ich bin stolz auf dich. Du würdest niemals einer Menschenseele etwas antun.“ Da lag ein Feuer in ihren Augen und eine Gewissheit, die nur ein Teenager aufbringen konnte.

Und sie lag falsch. Er würde ihr niemals etwas antun. Oder mir. Oder Becca. Oder Christina. Aber ich bin sicher, dass wir beide schon nicht mehr wussten, wie viele Arschlöcher er schon ausgeschaltet hatte. Ihnen so viel angetan hatte, dass sie aufgehört hatten, zu atmen.

Da er so ein großartiges Pokerface hatte, konnte ich den Widerstreit in seinem Gesicht nur sehen, weil ich ihn so gut kannte.

„Für den Moment kannst du auspacken. Aber mach es dir nicht zu bequem. Das hier ist kein Ort für ein kleines Mädchen.“ Nix wollte offensichtlich das Ganze mit mir besprechen.

Ember lehnte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, Bro. Ich bin kein kleines Mädchen mehr und Tante Dor soll sich verziehen.“

Sie drehte sich so schwungvoll um, dass mir ihr gesträhntes Haar auf die Brust und Nix quer über das Gesicht wehte. Nix ging schnurstracks in mein Zimmer. Mir war klar, dass wir das genau bereden müssten. Denn wir wussten etwas, das Ember nicht wusste. Wir wussten, wer möglicherweise ihr Vater war.

3

Vierzehn Jahre zuvor

Animal

Der Trick, Essen aus dem Abfalleimer in der Schule zu fischen, war, dass man vor sich hin murmelte, seine Hausaufgaben aus Versehen reingeworfen zu haben, falls jemand vorbei kam. Eigentlich sollte ich ein warmes Mittagessen in der Schule essen. Meine Pflegeeltern waren verreist. Ehrlich, das war mir viel lieber. Ich saß nur Zeit ab. Sie waren Arschlöcher. Sie bekamen einen Scheck dafür, dass sie für mich sorgen sollten, aber sie spritzten sich das Geld in ihre Arme. Ich hatte alles gesehen. Es ergab keinen Sinn, der Frau vom Jugendamt davon zu berichten, denn die war so überlastet, dass das tatsächliche Arbeiten mit den Kindern auf ihrer Liste eine seltene Belohnung für sie war. Ich konnte mit meinen Eltern ganz gut umgehen.

Irgendwer rempelte mich mit dem Ellenbogen an. Wahrscheinlich jemand, der mich verraten würde, weil ich im Müll wühlte. Ich hatte schon eine Million Ausreden auf der Zunge und meine Wut hochgeholt, aber ihre braunen Augen ließen mich innehalten. Sie gab mir einen Muffin mit Schokoladenstückchen, gut verpackt in Plastikfolie. Ich nahm ihn entgegen und steckte ihn in die Tasche meiner Jacke, die ich selten auszog.

„Hast du den geklaut?“

Meine Freundin T war krass drauf. Sie trug schwarzen, dicken Eyeliner und einen beißenden, spöttischen Gesichtsausdruck, der alle auf Abstand hielt, nur mich nicht. Sie ließ mich an sich ran und ich würde ihr niemals etwas antun.

Sie hob das Kinn und ließ mich damit wissen, dass ich richtig geraten hatte.

„Shit, Mädchen, irgendwann wirst du mal erwischt.“

Sie lächelte fast. Der schwarze Nagellack trug noch mehr zu ihrer mysteriösen Aura bei, und sie berührte das umgedrehte Pentagramm, das sie als Anhänger trug. Sie teilte mir ihre Entschuldigung mit, ohne etwas zu sagen. Hinter vorgehaltener Hand tuschelte man über T. Sie sei vielleicht eine Hexe. Ganz sicher aber würde sie Satan anbeten. Nichts davon entsprach der Wahrheit. T war obdachlos. Sie benutzte die Fantasie der anderen Kids, um sie auf Abstand zu halten. Sie gab damit an, unsichtbar zu sein, und vielleicht war sie das sogar, denn sie war eine ausgezeichnete Diebin.

Sie wusste über mich Bescheid und ich über sie. Wir versuchten, uns gegenseitig den Rücken freizuhalten. Allerdings war das schwierig. Irgendwie waren wir wie auf zwei unterschiedlichen Flößen festgebunden, die inmitten eines Monsuns auf einem Fluss trieben. Wir versuchten, zu überleben.

„Haben sie dich schon fast aufgespürt, um dich wegzusperren?“ Ich trat einen Schritt auf sie zu, sodass meine Schuhe nah an ihren abgewetzten Converse-Turnschuhen standen. Ihr Blick war undurchdringlich und ihr Mund formte sich zu einem O.

Sie war eine Ausreißerin. Manche Menschen vertrugen einfach keine verschlossenen Türen. T brauchte eine offene Tür oder ein halb geöffnetes Fenster. Wenn man sie einsperrte, ging sie ein wie eine Primel – jedenfalls behauptete sie das.

Ich hatte angeboten, meiner Jugendamtmitarbeiterin von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Doch diesen Fehler würde ich nicht weiderholen. Die Antwort war ein strenges Nein gewesen. Sie hatte eine Mutter. Eine, über die sie nicht sprach. Zweifellos war da etwas, das nicht sonderlich gut funktionierte.

Nachdem sie den Kopf hängenließ, sodass ihr Gesicht halb von ihrem Haar bedeckt war, piekte sie mit dem Zeigefinger auf meine Jackentasche mit dem Muffin darin. Sie wollte, dass ich ihn jetzt aß. Mein Bauch grummelte. Ich hatte schon ein Käsebrot gegessen, das man mir in der Cafeteria gegeben hatte. Meine Pflegeeltern waren im Verzug mit dem Essensgeld für die Schule, also war das alles, was ich dort kriegen konnte. Ich bekam das Armeleuteessen.

Shit, ich war gerade mal dreizehn, aber selbst mir war klar, dass Kinder, die sich das Mittagessen nicht leisten konnten, mit einem verdammten Käsebrot auszugrenzen grausam war. Darüber hinaus bekam ich von Käse üble Blähungen, also hatte ich den Käse weggeworfen nur das Brot gegessen.

T würde erst aufhören, mich zu pieken, wenn sie sah, wie ich etwas zu Essen herunterschluckte. Ich rollte mit den Augen und hörte sie daraufhin kichern. In meiner Tasche packte ich den Muffin aus und brach ein Stück ab. Ich musste vorsichtig sein, denn die Chefin der Cafeteria, Ms. Dadish, konnte mich nicht leiden. Falls sie sehen würde, dass ich etwas aß, würde sie davon ausgehen, dass es Essen war, das mir nicht zustand. Als wäre es ihr Job, mir ein Käsebrot aufs Tablett zu klatschen und gleichzeitig sicherzustellen, dass nichts anderes zum Mittagessen mehr in meinen Mund geriet.

T versuchte, ihren kleinen, schmalen Körper so zu positionieren, dass sie mich verdeckte. Ich steckte mir ein Stück Muffin in den Mund und T beobachtete, wie ich kaute. Es machte sie glücklich, mir zu helfen. Ich erlaubte es ihr. Sie war die Einzige, die diese Seite von mir kennenlernte. Diesen Animal, der alle Barrieren heruntergefahren hatte, die Wut beiseite gelegt, und jederzeit zu einem Lächeln bereit war.

Ich spähte über ihren Kopf und mein Blick traf den der Cafeteria-Chefin. Sofort hörte ich auf, zu kauen und sah, wie sie ihre Augen verengte. Ich senkte den Kopf und lehnte mich zu T, als würde ich ihr etwas sagen. Nickend, als würde ich ihr zustimmen, nutzte ich die Zeit, um den Bissen halbzerkaut zu schlucken. Beinahe wäre ich erstickt, aber ich konnte ihn hinunterwürgen.

Zeit, zu gehen. T und ich mussten in verschiedene Richtungen. Unsere Flöße waren während des Monsuns wieder einmal zusammengekommen. Es war kurz, aber eine Verbindung, die wir beide zu schätzen wussten. Sie war obdachlos und ich hungrig. Wir waren umgeben von strahlenden Kindergesichtern, die in einer anderen Dimension zu leben schienen.

An der Tür musste ich kurz warten, da sich ein anderer Schüler vor mir zum Mülleimer aufmachte, um sein Mittagessen hineinzuwerfen. Das komplette Essen. Unangetastet. Ein wundervolles Sandwich. Ein gottverdammter Pudding in einem noch versiegelten Plastikbecher inklusive Löffel. Mehr konnte ich nicht erkennen. In meinen Fingern juckte es, es mir zu greifen. Ein Mittagessen, von zu Hause mitgebracht, von einer Mutter mit Liebe zusammengestellt. Ich konnte Ms. Dadishs bösartigen Blick im Nacken spüren. Ich riss die Augen von dem Hauptgewinn los und straffte die Schultern. Ich würde hier mit hoch erhobenem Kopf hinausgehen. Das Weinen über dieses Leben hatte ich schon lange hinter mir gelassen, aber in meiner Nase brannte es. Ich wollte dieses Essen haben. Ich ging ohne es.

4

T

Es ist ein allgemeiner Irrtum, dass stille Menschen von ihrer Umgebung nichts mitbekommen. Ich bekam alles mit. Ich hatte mich lediglich dazu entschlossen, nicht zu sprechen.

Aber er sah mich. Blickte hinter die Mauern, die ich zu meinem Schutz um mich herum errichtet hatte.

Es gab da so eine Sache über mich. Ich liebte nur ein Mal. Ein einziges Mal. Wenn ich einmal jemandem mein Herz geschenkt hatte, hörte ich damit nicht auf und würde es niemals ändern.

Ich liebte meine Mom. Sie war die einzige Mutter die ich hatte. Oder je haben würde. Anastasia ging es nicht gut genug, um meine Mutter zu sein. Aber ich war stark genug, um ihre Tochter zu sein. Ihr Gesicht zu sehen zerbrach und beruhigte mich gleichermaßen, wenn ich tief einatmete. Ich werde nicht lügen, sie brachte mich zum Weinen.

Von einem ihrer Krankenhausaufenthalte hatte ich das Plastikarmbändchen behalten. Ich hatte geholfen, es von ihrem Arm zu schneiden und eingesteckt. Es war in meiner Tasche und ich presste es in meine Handfläche. Die scharfen Kanten schnitten in die Haut, während ich einfach nur zu ihr rennen wollte. Nur, um noch einmal ihre Umarmung zu spüren. Ihren Duft zu riechen. Ihren Herzschlag zu hören. Man sagt, dass für ein Kind nichts so beruhigend sei, wie der Herzschlag der Mutter. Da war etwas dran, denn ich sehnte mich so sehr danach. Ich musste alle Willenskraft aufbringen, nicht in ihre Nähe zu gehen, denn dann würde sie lächeln. Und dann wäre nichts mehr wichtig, außer unserer Umarmung.

Nachdem ich sie vor ungefähr zwei Jahren besucht hatte, hatte sie einen Brand gelegt in dem Heim, in dem sie lebte. Beinahe hätte sie sich selbst und ihre Pfleger umgebracht, weil sie zu aufgeregt war und ihre Medikamente nicht nehmen wollte.

Mir war bewusst, dass ich es für uns beide tun musste. Es tat weh. Es war die Art von Schmerz, die das Herz wie eine Schicht überzieht. Der Schmerz war so tief, ein erzwungener Tod.

Wir könnten unser ganzes Leben so verbringen. Jeden Tag könnte ich vor Schmerz vergehen. Ich würde es für sie tun. Und sie für mich. Ihre Form der manischen Depression war ein gnadenloser Bastard. Ich redete mir gern ein, dass unsere Liebe füreinander einen Platz außerhalb dieses immerwährenden Schmerzes hatte. Vielleicht würde ich es im nächsten Leben erleben.

Ich hatte eine Mutter. Ich würde nie eine andere lieben. Man sagte, ich sei stur. Aber ich war mir einfach nur sicher.

Nur wenige Menschen erkannten, dass ich obdachlos war, denn ich war gut im Vorgeben von Dingen und einfallsreich. Ich konnte Kleidung auftreiben. Ich suchte Häuser auf, deren Bewohner arbeiten waren und lieh mir dort eine Portion heißes Wasser unter der Dusche aus. Manchmal mopste ich mir das ein oder andere Kleidungsstück, aber niemals so viel, dass sie merkten, dass ich da gewesen war. Ich war ein vorübergehendes Übel.

Es war faszinierend, wie überzeugt sich manche Menschen geben konnten. Ich machte meine Hausaufgaben und hatte gute Noten. Lesen war meine Leidenschaft und die Schule war riesig. Zwischen den vielen Kids war ich gut getarnt. Wenn man die Aufmerksamkeit nicht auf sich lenkte, fiel es so gut wie niemandem auf. Die Unterschrift meiner Mutter konnte ich fälschen. Obdachlos zu sein sollte eine Kunstform sein.

Doch er wusste es.

Animal.

Dass ich obdachlos war.

Nicht, dass ich ihn liebte.

Und man durfte nicht vergessen, dass ich nur ein Mal liebte. Darin war ich echt gut.

5

Animal

Da die Pflegeeltern zu Hause waren, nahm ich das zum Anlass, mich zu verziehen. Ich hatte keine Lust, in deren Abhängigkeit und den Wahnsinn reingezogen zu werden.

Mit der Idee im Hinterkopf, T zu suchen, zog ich los. In letzter Zeit hielt sie sich im Park auf. Allerdings hasste sie es, wenn ich ihren Unterschlupf fand. Es war ihr peinlich. Ich verstand und respektierte das. Wir konnten es uns gegenseitig erlauben, Könige in unserer eigenen Einbildung zu sein, wenn wir die Realität manchmal außer Acht ließen.

Allerdings traf ich stattdessen an der Ecke auf Boon und Fleece. Sie waren erheblich älter als ich und Arschlöcher. Doch mir war gerade langweilig. Boon war innerhalb der Kinderfürsorge des Staates genauso herumgereicht worden wie ich früher, und das hatte bei ihm einen Schaden hinterlassen. Fleece hatte Eltern, aber sie lebten in einem Stadtteil, den man nachts besser mied. Sie waren ziemlich draufgängerisch. Anhand dessen, was sie als Freizeitspaß empfanden, konnte man sehen, dass sie keine Ziele hatten.

Ich sollte mich eigentlich von ihnen fernhalten, aber ich wollte nicht mit den Pflegeeltern abhängen, also zog ich mit ihnen um die Häuser. Sie überlegten, ein Auto zu knacken, und ich hasste das. Doch mir war klar, wie sie es betrachteten. Sie dachten, ich sei ein harter Kerl, also musste ich so aussehen, als ob das so wäre. Fleece redete unentwegt darüber, dass er Videos gesehen habe, wie man ein Auto kurzschließt. Das war Wissen, das ich mir vielleicht merken sollte. Wenn er denn die Wahrheit sagte. Was wahrscheinlich nicht der Fall war.

Zusammen liefen wir durch einen Stadtteil, in dem sogar die Mülleimer schick waren und jede Parkbank irgendeinem reichen, toten Typen gewidmet war. Ich sprang auf eine drauf, lief darauf herum und hielt Ausschau nach alten Autos. Der Plan war von vorn bis hinten Scheiße. Wir befanden uns im falschen Teil der Stadt, wenn wir alte Autos suchten.

Eine Frau fuhr sehr langsam aus einem Parkhaus. An der roten Ampel davor begann sie, in den Rückspiegel zu schauen und dabei Lippenstift aufzutragen. Ich sah, wie sie redete, lächelte und den Lippenstift wegpackte.

Aber Fleece besaß keinerlei Impulskontrolle. Er zischte: „Los, ihr Wichser.“

Fleece schlich sich an die Seite des BMWs. Dummheit und Affekt kamen zusammen. Boon zog eine Waffe aus der Jackentasche. Fleece öffnete die Fahrertür und riss die Frau an den Haaren nach draußen. Kaum, dass sie auf dem Boden lag, war sie schon wieder auf den Beinen.

Als ich den Kindersitz auf dem Rücksitz sah, lief es mir eiskalt den Rücken herunter.

„Nicht mein Baby!“

Komplexe Situationen zu beurteilen, ist mein Ding. Die verschiedenen Möglichkeiten, wie diese Situation enden konnte, flogen an meinem inneren Auge vorbei. Diese Vollschwachmaten würden das Auto stehlen. Ich sah, wie Fleece der Mutter ins Gesicht schlug und sie ohnmächtig wurde.

Boons Augen waren irre, als er mich rief: „Komm schon!“

Ich sprang von der Parkbank und rannte zu dem BMW. Ich musste über den Körper der Mutter steigen und mir gefiel nicht, sie dort einfach so liegenzulassen. Ich hatte keine Ahnung, ob ihr Kopf etwas abbekommen hatte, denn sie war viel zu heftig auf dem Boden aufgeschlagen. Ich wusste, wie Mütter waren, ich hatte es beobachtet. Im Park. Auf den Straßen. In der Schule. Sie würden für ihre Kinder sterben. Ich sprang rein, als die Räder durchdrehten.

Ich blickte zu der Frau neben dem Auto. Unglaublicher- und glücklicherweise versuchte sie, sich aufzurappeln. Wenigstens war sie nicht tot. Fleece und Boon saßen vorn. Sie drehten wild am Lenkrad und wir fuhren wie die Irren. Ein Blick in den Kindersitz zeigte mir, dass ich recht hatte. Ein kleines Baby. Verdammt. So klein, wie es war, war es vielleicht ein halbes Jahr alt? Wer konnte das schon sagen. Es sah mich an und verzog das Gesicht.

Oh nein.

„Nein, nicht.“ Ich versuchte, es zu warnen, aber das Baby scherte sich nicht darum. Das Geschrei schockierte die beiden Arschlöcher vor mir.

Boon drehte sich auf dem Sitz um. Statt irgendwas zu fragen, hielt er mir die Waffe hin. „Brings um.“

Ich nahm die Waffe so lässig, wie ich konnte und hielt den Lauf nach unten. Ich musste dieses Kind hier raus kriegen. Es fing an, noch lauter zu brüllen.

Ich traf Fleeces Blick im Rückspiegel. Sein linkes Augenlid zuckte. „Diese Brüllerei. Sorg dafür, dass es aufhört, verfickt nochmal.“

Ich entsicherte und sah ins Magazin. Vier Patronen. Das waren genug. Wenn es denn sein musste. Ich wollte es auf keinen Fall, soviel stand fest.

Boon und Fleece hatten Verbindungen zu Straßengangs. Was ich jetzt vorhatte, würde mich auf ein paar Abschusslisten befördern. Und dabei war ich gerade mal verdammte dreizehn Jahre alt.

Ein Blick auf den Kindersitz zeigte, dass das Kind nicht zu trösten war. Babys können Stress spüren, genau wie Hunde. Also die, denen ich bisher begegnet war jedenfalls. Ich wusste, wie diese Kindersitze funktionierten, denn eine meiner früheren Pflegefamilien hatte Zwillinge und ich hab ihnen mit diesem Kram geholfen. Ich drückte den roten Knopf, der die Babyschale von der unteren Halterung löste. Während ich mich über den Sitz beugte, entsperrte ich den Tragebügel und drehte ihn so weit, dass der Sitz zum Tragekorb wurde.

Die Waffe, die eben noch auf den Boden gerichtet war, zielte jetzt auf Fleeces Hinterkopf.

„Halte das verfickte Auto an.“

Wir waren schon außerhalb der Stadt. Wald und ein paar heruntergekommene Gebäude waren die letzten Anzeichen von Zivilisation, bevor es in die Wildnis ging.

„Mach keinen Scheiß, Animal.“

Über das Geschrei des Babys hinweg brüllten wir uns an. Boon begann, auf dem Henkel der Babyschale herumzuschlagen, aber ich hatte ihn im Auge. Ich ging nochmal durch, was ich tun musste, und mein Plan wurde immer klarer. Es war, als würde mir jemand mit einem Heiligenschein und einem Satz Flügel etwas zuflüstern. Ich drückte die Babyschale zurück in die Halterung und sie schnappte ein. Jetzt wollte ich uns nicht mehr aus dem Auto kriegen. Ich versuchte, meine Stimmlage zu beruhigen, dennoch brach meine Stimme etwas.

„Steig aus dem gottverdammten Auto aus, bevor ich dir das Hirn wegblase.“

Fleece war außer sich vor Wut. Vielleicht hatte er irgendwas eingeworfen. „Das wirst du nicht tun, du bist ein gottverdammtes Kind.“

Ich schoss zwischen sie und die Windschutzscheibe zerbrach. Ich zog den an der Babyschale eingebauten Sonnenschutz über das Baby, ohne hinzuschauen. Fleece und Boon flohen so schnell aus dem Auto, als hätte jemand auf sie geschossen.

Meine Hand zitterte, aber ich musste so tun, als hätte ich die Lage im Griff. Ich hatte heute Abend eigentlich nicht vorgehabt, jemanden umzubringen. Weiterhin auf die Windschutzscheibe zielend, stürzte ich mich zwischen die Sitze und schob mich auf den Fahrersitz. Fleece und Boon äußerten ihren Unmut über die Situation, indem sie Steine und Äste vom Straßenrand nahmen und auf das Auto warfen. Ich schoss in Richtung ihrer Füße und sie hüpften rückwärts. Man konnte das Weiße in ihren Augen sehen, so schockiert waren sie. Jetzt hatte ich noch zwei Kugeln und das Baby brüllte. Ich betrachtete das Armaturenbrett, denn ich war noch nie ein Auto gefahren. Es gelang mir, den Hebel auf Drive zu stellen und der SUV rollte nach vorn. Ich trat heftig auf das Gaspedal und übersteuerte mit dem Lenkrad, während ich hörte, wie die Hinterräder durchdrehten und Kiesel hochspritzte. Aufgrund der Geschwindigkeit fielen die Türen von selbst zu. Ich versuchte, in den Rückspiegel zu sehen, aber der war in die falsche Richtung verdreht. Die Risse in der Windschutzscheibe wurden immer größer. Wenn ich mich duckte, konnte ich das Baby in einem kleinen Spiegel sehen, den die Mutter anscheinend extra dafür angebracht hatte. Das Baby war schon ganz lila von der Schreierei.

Ich blieb auf der rechten Seite der Straße. Ein Blick auf den Tacho sagte mir gar nichts, weil ich keinen Plan hatte, was ich hier überhaupt tat, also blickte ich wieder auf die Straße. Ein Auto überholte mich über die Doppellinien auf der Straße hinweg. Ich hielt den Atem an. War es möglich, dass Fleece und Boon so schnell aufgesammelt worden waren? Das Auto bog an der nächsten Ecke ab und ich atmete aus. Mit der Zeit wurde ich immer langsamer, obwohl ich noch immer auf dem Gas stand. Als das Auto stotternd zum Stehen kam, sah ich die Tankanzeige blinken. Dieses Auto würde nirgends mehr hinfahren. Das Baby machte eine kurze Schreipause, um dann wieder heftig loszulegen.

Ich schob den Schalthebel auf Parken. Viele Möglichkeiten blieben mir nicht. Wir waren nur etwa fünf Meilen weit gefahren, also sollte Zurücklaufen nicht so schwer sein. Das alles wäre viel einfacher gewesen, wenn mir nicht klar gewesen wäre, dass zwei rausgeschmissene, wütende Arschlöcher weiter hinten auf der Straße lauerten. Ich stieg aus. Die Waffe wollte ich ungern aufgeben, aber meine Hosen waren kein sicherer Aufbewahrungsplatz für sie. Mir wurde ganz anders bei dem Gedanken, eine Waffe und ein Baby zur gleichen Zeit bei mir zu haben. Ich öffnete die Patronenkammer und ließ die beiden Kugeln in meine Hand fallen. Nachdem ich die Waffe in die eine Richtung und die Kugeln in den Wald am Straßenrand in die andere Richtung geworfen hatte, lief ich zurück zum Auto. Ich musste dieses Baby zurück zu seiner Mom bringen. Lichter blinkten in der Ferne auf, ein weiteres Auto.

Fuck.

Ein Teil von mir wollte weglaufen, aber ein anderer wusste, dass ich dieses Baby nicht allein lassen konnte. Ein Auto könnte in den liegengebliebenen BMW rasen. Fleece und Boon könnten es finden. Ich war der einzige Schutz, den dieses Kind hatte.

Die Schultern gestrafft, verschränkte ich die Arme vor der Brust. So tun als ob war die Hälfte der Miete. Vielleicht.

Das Auto wurde langsamer, aber ich konnte nur die Scheinwerfer sehen. Meine Nasenflügel blähten sich. Ich war härter als jeder andere. Zumindest hoffte ich, so auszusehen.

Obwohl ich nicht sah, wie sich die Tür öffnete, hörte ich es. Dies könnten meine letzten Augenblicke sein. Was echt scheiße wäre, denn dann wäre das Baby auf sich selbst gestellt.

Ich hörte meinen Namen „Animal.“

Blinzelnd versuchte ich, zu sehen wer da mit mir sprach. Die Scheinwerfer wurden ausgeschaltet und eine Taschenlampe erleuchtete Officer Patrick Merck.

Mein Rücken entspannte sich und meine Arme lösten sich aus der Verschränkung. Gott sei Dank. Von allen verfluchten Menschen, die mich hier auffinden konnten, war er der Beste.

„Was zur Hölle machst du hier mit einem gestohlenen Auto? Ist das das vermisste Baby, was ich da höre?“ Merck lenkte das Licht seiner Taschenlampe in Richtung Auto.

„Ja. Ich habe keine Ahnung, wie man es dazu kriegt, aufzuhören.“ Ich zuckte mit den Schultern.

Merck lief an mir vorbei und sah auf den Rücksitz. Ich linste über seine Schulter, während er ihm einen Schnuller in den Mund schob. Es dauerte einen Augenblick, aber ziemlich schnell hatte sich das Baby an dem Plastik festgesaugt. Es schniefte und schlotterte noch etwas, während es sich beruhigte, aber endlich herrschte Ruhe.

„Erinnere mich daran, niemals Kinder zu kriegen. Das Ding ist irre.“ Ich deutete auf das Baby. Merck putzte mit dem Deckchen dem Baby die Nase sauber.

„Wie zum Henker bist du in das hier verwickelt worden?“

Er klickte die Babyschale von der Halterung und zog sie samt Baby vorsichtig aus dem Auto.

„Fleece und Boon, diese Spackos. Ich dachte, wir klauen ein altes Auto. Stattdessen veranstalteten sie eine Entführung. Als ich sah, dass ein Baby im Auto war, bin ich reingesprungen.“

Merck übergab mir die Babyschale und bedeutete mir, ihm zu seinem Polizeiwagen zu folgen. Ich sah das Baby an. Es sah mich an. Es war winzig und zart und es machte mich nervös.

„Dann hat mir Fleece befohlen, ich soll das Baby erschießen. Also nahm ich die Knarre und hab auf die Windschutzscheibe geschossen. Sie sind ausgestiegen, ich bin davongefahren und jetzt sind wir hier bei dir. Das Auto hatte keinen Sprit mehr.“

Merck funkte der Zentrale, dass das Baby in Sicherheit war und das Auto aufgefunden wurde.

Er sah mich an. „Ich hab dir doch gesagt, die beiden bringen nichts als Schwierigkeiten. Hast du mir nicht zugehört? Ich schwör es, Chaos folgt dir manchmal auf dem Fuße, wie ein kleines Hundebaby.“

Merck sah ein bisschen aus wie Supermann. Groß, mit dunklem Haar und blauen Augen. Als wir uns das erste Mal begegneten, war ich noch in der Grundschule. Wann immer ich in der Schule oder der Gemeinde in Schwierigkeiten geriet, und er aufgetaucht war, hatte ich ihm die Wahrheit gesagt. Egal, ob sie mich belastete, oder nicht.

Es gab eine Verbindung zwischen uns. Etwas in mir sagte, dass ich ihm trauen konnte. Mehr als ein Mal schon hätte Merck mich ins Jugendgefängnis stecken können, für Sachen, die ich ausgefressen hatte. Aber diese verdammte Nähe zu ihm. Er wusste, dass ich ihm immer die Wahrheit sagen würde, egal, was ich gesehen hatte. Und das war etwas wert. Sagte er zumindest.

Wir hörten ein Auto kommen. Ein Blick zwischen uns sagte mehr als Worte. Ich übergab ihm das Baby in der Schale und Merck stellte es auf den Rücksitz, bevor er die Tür schloss. Sicherheitshalber.

Merck hob eine Augenbraue und sein Kinn. Das war das Signal für mich, dass wir eine Szene spielen würden. Ich legte meine Hände auf die Haube des Polizeiautos und er tat so, als trete er meine Beine auseinander. Tatsächlich berührte er mich gar nicht.

Das Auto kam sehr langsam näher. Merck sagte, ich sollte den Kopf unten lassen.

Sobald das Auto weiterfuhr, trat Merck einen Schritt zurück. „Das war auf jeden Fall Fleece, die restlichen Insassen konnte ich nicht erkennen.“

Ich drehte mich um. Wir hatten schon mal einen Arrest vorgespielt, aber ich mochte es nicht. Und ich wusste, er auch nicht. Es war respektlos gegenüber der Wahrheit, die wir beide kannten. Wir halfen uns gegenseitig.

„Also, was machen wir jetzt?“ Ich überging unsere Beklommenheit.

Merck öffnete die hintere Tür, um nach dem Baby zu sehen. „Du wirst ein paar Tage bei mir zu Hause bleiben. Die denken, ich hätte dich eingelocht. Dann verbreiten wir, dass dein junges Alter dir Ärger erspart hat. Und du sagst gar nichts.“ Merck holte seinen Laptop heraus und begann, darauf herumzutippen. „Wir warten jetzt auf den Krankenwagen. Die Mutter kommt auch.“

„Was ist mit Fleece und Boon? Sie werden verhaftet, oder? Ich kann alles bezeugen.“ Ich nickte mit dem Kopf und öffnete und schloss meine Faust. Es würde sich gut anfühlen, diese Arschlöcher in den Knast zu bringen. Ich sah ständig vor mir, wie Fleece die Mutter geschlagen hatte. Furchtbar.

„Wir lassen sie gehen. Für den Augenblick.“ Er sah nicht von seinem Computer auf.

„Nein.“ Mit der Hand schlug ich neben seinem Laptop auf die Motorhaube.

Er hörte auf, zu tippen und drehte den Kopf. „Erst musst du in Sicherheit sein. Und sie dürfen nicht glauben, dass du ein Verräter bist.“

Ich kickte den Staub unter mir. „Ich bin kein Verräter. Sie wollten ein Baby umbringen! Also komm. Dagegen muss man doch etwas unternehmen.“

„Jemand hat etwas unternommen. Das Baby ist in Sicherheit, weil du es gerettet hast. Ich bin stolz auf dich. Aber jetzt musst du mir vertrauen.“ Er tippte weiter.

„Ich werde nicht mit zu dir nach Hause kommen.“ Ich sah die Straße entlang und folgte mit dem Blick der Linie in der Mitte.

Stille. Wir hatten das Thema schon einmal gehabt. Als ich noch ein Kind und Merck für mich Supermann gewesen war, fragte ich ihn, ob er mich nicht adoptieren wollte.

Und er hatte Nein gesagt.

Ich würde nicht für ein paar Tage Vater und Kind bei ihm spielen, nur um dann wieder zu den Pflegeeltern zurückzukehren. Das wäre zu sehr wie alles kriegen, was ich je gewollt hatte und es dann wieder zurückgeben.

Ich hörte ihn seufzen. Mrs. Merck war damals der Grund gewesen. Sie hatte Nein zur Adoption gesagt und er hatte ihre Entscheidung respektiert. Sie wollte kein Kind adoptieren, während sie so sehr versuchte, selbst ein Baby zu kriegen. Bis zu diesem Zeitpunkt und auch danach noch hatte ich schon viele potenzielle Familien verloren. Jetzt war es an mir, Bedingungen zu stellen. Ich wollte keine gottverdammte Familie. Ich würde meine eigene gründen. Irgendwann.

„Du könntest bei einem Freund von mir bleiben. Sie haben ein Apartment.“

Ich schüttelte den Kopf und wischte mir über die Nase. In der Ferne konnte ich den Rettungswagen hören.

„Ich komm schon klar, Merck. Wenn du einen Zeugen brauchst, ich bin hier. Wenn nicht, wir sehen uns. Oh, ich habe die Knarre in diese Richtung und die Kugeln in diese geworfen.“ Ich drehte mich um und ging davon. Merck rief noch zwei Mal meinen Namen, bevor er mich ziehen ließ.

Ich drehte mich nicht um. Ich wollte nicht, dass er sah, wie mir die Tränen über das Gesicht liefen.

6

Animal

Nach ein paar Tagen ging ich wieder zur Schule. Und den nächsten Tag auch. Und den nächsten. Während andere Kids in meinem Alter in der Fünfzehn-Minuten-Pause auf dem Hof vor der Schule Fußball spielten, saß ich auf der Steinmauer an der Ecke des Parkplatzes und hatte ein Auge auf vorbeifahrende Autos. Denn Boon und Fleece suchten nach mir. Aus ein paar sicheren Quellen hatte ich erfahren, dass sie stinksauer und auf Blut aus waren.

Ich beobachtete die Autos, die an der Schule vorbei fuhren. T saß neben mir, während sie mit einem Stein rote Kratzlinien auf die Haut auf ihrem Arm malte. Es war normal, dass wir nicht viel redeten, wenn wir zusammen waren. Aber sie war extrem still in letzter Zeit. Bald würde es draußen kalt werden und sie machte sich Sorgen darüber. Die Obdachlosenunterkunft in der Stadt war geradezu fürchterlich. Zwar waren die Leute, die dort arbeiteten, ganz nett, aber die Politiker der Stadt kürzten die Mittel für Obdachlose. Also konnte sie dort nur drei Tage am Stück bleiben. Darüber hinaus gab es ein Verbot, Obdachlose aus dem Park, wo sie bleiben konnte, mit Essen zu versorgen.

„Ziehst du um?“ Ich wollte wissen, ob sie einen Plan hatte.

Als sie von ihrem Handgelenk aufsah, konnte ich zwar erkennen, dass sie sich Buchstaben aufgemalt hatte, aber nicht, ob es Wörter waren. Sie zog ihren Ärmel darüber.

„Vielleicht.“

Ihre Stimme war rau. Als ob sie sich irgendwo in sich selbst verkrochen hatte und sich anstrengen musste, damit man sie hörte.

„Welche Möglichkeiten hast du?“ Mein Blick lag auf einem tiefer gelegten Monte Carlo, der gerade viel zu langsam vorbeifuhr.

„Unter der Mautbrücke, schätze ich.“ Sie beobachtete das Auto ebenfalls. „Schwierigkeiten?“

„Vielleicht.“

Die Scheiben des Monte Carlo waren getönt. Ich spürte ein Kribbeln am unteren Ende meines Rückgrats. Ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Ich stand auf. Es war mir unangenehm, Dingen im Sitzen entgegenzusehen. Sie würden vielleicht etwas versuchen, aber ich wäre nicht unvorbereitet.

T murmelte das Kennzeichen. Cleveres Mädchen. Das Auto bog ab. Ich blickte zu T und sie hatte das Kennzeichen auf ihren Arm gekratzt. Manche Kratzer so tief, dass es blutete.

„Ich hab’s, falls du es brauchst.“

Sie hielt mir ihren leicht blutenden Arm entgegen. Ich besah mir die Ansammlung von Nummern und Buchstaben, bis ich sie auswendig konnte. Als ich nickte, zog sie ihren Ärmel wieder herunter.

Ein Blick über den Pausenhof und ich fühlte mich so viel älter als die Kids, die Ball spielten oder zusammenstanden und quatschten. Mir war bewusst, dass T sich genauso fühlte. Ihr langes, braunes Haar bedeckte die eine Seite ihres Gesichts, doch das braune Auge, das ich sehen konnte, blickte mich verstehend an.

„Wir schaffen das, Animal. Ich spüre es.“

Die Glocke erklang und wir stellten uns an, um wieder ins Schulgebäude zu gehen. Das war alles so dumm. Beinahe erwartete ich, dass mir jemand in den Rücken schoss. Ich fühlte mich nicht so jung wie die Kids um mich herum, auch wenn wir im gleichen Alter waren.

7

T

Sie hatten mich umstellt. Mich gesehen. Die ganze Zeit über war ich unsichtbar gewesen, hatte Glück gehabt, aber nicht an diesem Abend. Das Rauschen in meinen Ohren nahm mir die Fähigkeit, zu denken. Die Fähigkeit, mich zu wehren. Ich wollte meine Mom. Ich wollte irgendetwas wie Normalität, während sie mir das T-Shirt vom Körper rissen. Und dann betete ich im Stillen um Moms Vergebung, weil ich sie betrogen hatte. Wenn auch nur in meinen Gedanken. Es war nicht ihre Schuld. Aber als sie anfingen, mich zu schlagen, versuchte ich, mir ihr Lächeln vorzustellen. Wenigstens in meinem Kopf konnte sie mich retten.

8

Animal

Letztendlich brach die Kälte über uns herein. Ich wusste, dass sich T an diesem Samstagabend höchstwahrscheinlich unter der Brücke aufhielt. Das war der schlimmste aller Plätze. Und heute war es eisig. Ich machte mir Sorgen um sie.

Immer wieder lauerten mir Autos auf, wenn ich draußen war. Fleece und Boon machten sich rar, aber ich verstand. Sie warteten und wollten herausfinden, ob ich sie verraten hatte. Das hatte ich. Und ich würde es wieder tun. Aber Merck hatte mir Grenzen gesetzt. Mir war klar, dass ich mich ihnen früher oder später stellen musste. Ich hatte ihre Knarre geklaut und das Auto, das sie gewollt hatten. Darüber hinaus hatte ich ihren Test nicht bestanden, weil ich das Baby nicht umgebracht hatte, und ich hatte mich gegen sie gestellt.

Meine Chancen standen derzeit nicht gut in dieser Stadt und das gefiel mir nicht. Mein Geburtstag kam und ging vorbei. Also, jedenfalls das Datum von dem sie dachten, es sei mein Geburtstag. Niemand wusste es so genau. Mit vierzehn fühlte ich mich genauso wie mit dreizehn. Großgewachsen, älter als die anderen Kids in meinem Alter und unruhig. Was genau mich unruhig machte, konnte ich nicht sagen. Da war etwas, das ich tun musste, aber ich war zu blöd, es herauszufinden.

Die Pflegeeltern dröhnten sich daheim zu, weil es so kalt war, also sah ich zu, dass ich aus dem Haus kam und lief in die Nacht. Auf dem Dachboden hatte ich einen warmen Pullover und eine Decke gefunden. Beides stank als wären schon vier Menschen darin gestorben, aber es war warm. Und ich brachte es ihr.