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IMPRESSUM

Der Mann, von dem ich träumte erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2013 by Nina Harrington
Originaltitel: „Last-Minute Bridesmaid“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA EXTRA
Band 21 - 2014 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Gisela Blum

Umschlagsmotive: Tom Merton / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 07/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733736460

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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PROLOG

Es gibt nichts Schlimmeres als einen Highschool-Ball am Valentinstag, wenn man keinen Partner hat, dachte Kate Lovat gereizt.

Ein leeres Glas in der Hand, bahnte sie sich mühsam unter Einsatz ihrer Ellbogen einen Weg durch die Menschenmenge zur Bar.

Wäre ich wenigstens ein paar Zentimeter größer! ärgerte sie sich. Selbst in den hochhackigen Pumps, die sie extra für diesen Anlass gekauft hatte, reichte sie ihren gleichaltrigen Klassenkameradinnen kaum bis zu den Schultern.

Um die Bar herum drängten sich die tonangebenden Mädchen ihrer Jahrgangsstufe, lästerten über Outfits und Begleiter ihrer Mitschülerinnen und stellten ihre extravaganten teuren Kleider zur Schau. Wortführerin war wie üblich Crystal Jordan, die, wie die meisten Schülerinnen an dieser Highschool, aus reichem Elternhaus stammte.

Kate, die häufig Zielscheibe ihres Spotts wurde, fürchtete, dass sie gleich wieder auf ihr herumhacken würde. Hilfe suchend sah sie sich nach ihren Freundinnen um. Sie entdeckte Amber in einer Ecke des Ballsaals, in eine Unterhaltung mit Sam vertieft und blind für den Rest der Welt. Saskia kümmerte sich gerade um eine Cousine, die am Vortag aus Frankreich angereist war. Von Petra war ohnehin keine Unterstützung zu erwarten, denn sie flirtete wieder einmal mit jedem verfügbaren Jungen.

„Tolles Kleid, Kate.“ Crystal lächelte abfällig. „Zu schade, dass du niemanden hast, der dich darin gebührend bewundern kann! Für kleine Leute wie dich ist die Auswahl im Secondhandshop sicher begrenzt.“

Die „Kristalle“, wie Kate insgeheim die Gruppe treuer Bewunderinnen nannte, die Crystal ständig umschwirrten, kicherten beifällig.

Unwillkürlich strich Kate mit der Hand über den Rock ihres dunkelroten trägerlosen Satinkleids. „Gefällt es dir? Ich habe es selbst entworfen. Nur wegen der Farbe der Abendhandschuhe war ich mir nicht ganz sicher“, rang sie sich eine gleichmütige Antwort ab.

„Abendhandschuhe auf einer Schulparty? In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich? Sie beleidigen meine Augen. Zieh sie sofort aus.“ Die arrogante Blondine griff nach Kates Rechter und zerrte an dem Handschuh.

Ehe Kate sich von ihrer Überraschung erholen und ihr die Meinung sagen konnte, geschahen jedoch mehrere Dinge zugleich:

Das Glas glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden – zum Glück, ohne in Scherben zu zerbersten. Crystal ließ sie unvermittelt los, warf sich in Positur und warf das lange Haar mit einer eleganten Kopfbewegung zurück. Ihre Freundinnen verstummten und machten große Augen. Das konnte nur eines bedeuten: Ein interessanter Mann war in der Nähe.

Neugierig blickte Kate sich um. Plötzlich nahm sie nichts mehr wahr von der laut dröhnenden Musik und dem Lärm, den vierzig Mädchen und ihre Begleiter veranstalteten. Ihr war, als hätte sie den ganzen Abend, vielleicht sogar ihr Leben lang, auf diesen Augenblick gewartet. Das Rascheln von edlem Stoff und der verführerische Duft eines teuren Aftershaves erfüllten ihre Sinne, eine köstliche Mischung, die von Eleganz, Reichtum und Klasse zeugte.

Umso größer war ihre Überraschung, als er ihr einen Arm um die Taille legte.

„Kate, da bist du ja. Ich habe schon überall nach dir gesucht.“

Überrascht blickte sie Heath Sheridan in die Augen. Der Stiefbruder ihrer Freundin Amber war Kapitän des Poloteams an seiner Universität in Boston, Erbe des Sheridan-Verlags, Musterstudent und gern gesehener Gast auf jeder Party. Er galt als besonders kinder- und tierlieb – und sie war, solange sie denken konnte, unsterblich in ihn verliebt.

Sein unwiderstehliches Lächeln war ihr von seinen seltenen Besuchen in London her vertraut, doch nie zuvor hatte es ihr gegolten. Niemals war sie ihm so nahe gewesen, dass sie die goldenen Sprenkel in seinen dunkelbraunen Augen hätte bemerken können oder die winzige Narbe auf seiner Wange, die, wie Amber erzählt hatte, von einem Schlittenunfall in seiner Kindheit stammte.

Von einem Kind hatte der Zwanzigjährige allerdings nichts mehr an sich – zum Glück, wie Kate fand.

Um die gaffenden Mädchen eifersüchtig zu machen – nur aus diesem Grund –, legte sie ihm die Arme um den Nacken. Dass sie dabei sein seidiges braunes Haar berührte, das ihm bis zum Hemdkragen reichte, störte sie nicht im Geringsten, ebenso wenig seine Reaktion: Er zog sie dicht an sich.

„Liebling, du siehst umwerfend aus.“ Heath blickte ihr tief in die Augen. „Dieses Kleid steht dir fantastisch. Jetzt bedauere ich umso mehr, dass ich nicht pünktlich bei dir sein konnte. Mein Flugzeug hatte Verspätung. Kannst du mir jemals verzeihen?“

Seine tiefe, wohlklingende Stimme jagte ihr heiße Schauer über den Rücken, und das Atmen fiel ihr plötzlich seltsam schwer. „Kein Problem“, stieß sie mühsam hervor. Für einen Moment musste sie die Augen schließen. Seine Nähe trieb ihren Blutdruck gefährlich in die Höhe, und ihr schwindelte, als er die Lippen zärtlich auf ihr Haar presste.

„Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muss Ihnen Kate entführen.“ Er streifte Crystal mit einem flüchtigen Blick und wandte sich sofort wieder Kate zu. „Wir waren viel zu lange voneinander getrennt, nicht wahr, Liebling?“

Ein selbstgefälliges Lächeln auf den Lippen, nickte Kate wortlos.

Heath ließ sie kurz los, nur um ihr den Arm sogleich wieder um die Taille zu legen und sie noch fester an sich zu drücken. Im Fortgehen küsste er sie vor den Augen der vor Neid erblassten Kristalle auf die Stirn, und Kate warf Crystal einen triumphierenden Blick zu.

„Wie habe ich mich geschlagen?“, fragte Heath wenig später gut gelaunt, als sie sich zu Amber und Sam gesellten. „Glaubst du, die Mädchen haben begriffen, was ich ihnen sagen wollte? Was hältst du davon, wenn ich dir etwas zu trinken besorge, ehe ich Amber und dich nach Hause bringe?“ Er lächelte selbstzufrieden und tippte Kate auf die Nasenspitze. „Du siehst, ich nehme meinen Job als Ersatz-Date ernst. Rühr dich nicht von der Stelle, ich bin gleich wieder zurück.“

Sobald er fort war, packte Kate hektisch ihre Freundin Amber am Arm und wies mit dem Kopf zur Damentoilette. „Es dauert nicht lang“, rief sie Sam zu, der ergeben nickte. Er war an die vertraulichen Beratungen der Freundinnen gewöhnt. Petra war gerade mit einem Jungen vor die Tür gegangen, aber Saskia wurde mit einem Winken herbeizitiert. Im Waschraum vor den Toiletten steckten die drei Mädchen die Köpfe zusammen.

„Hat Crystal dich wieder beleidigt?“, erkundigte sich Saskia besorgt. „Die ist doch nur eifersüchtig!“

Kate atmete tief durch, ehe es aus ihr heraussprudelte: „Heath hat mich vor den Kristallen gerettet und mich Liebling genannt. Gerade holt er mir einen Drink. Amber, was soll ich bloß tun? Ich bin bisher davon ausgegangen, dass er nicht mal meinen Namen kennt!“

„Da fragst du die Falsche.“ Die langbeinige Blondine lachte. „Mein Stiefbruder hat sich immer um mich gekümmert, nicht umgekehrt. Am besten, du spielst mit und lässt dich von ihm sicher nach Hause bringen.“

„Sicher? Wir sprechen hier von Heath! Ihm liegen die schönsten Mädchen an der Uni zu Füßen, er wird in Hochglanzmagazinen an der Seite eleganter Damen abgebildet, mit denen er bedeutende Events besucht. Männer wie er geben sich nicht mit siebzehnjährigen Möchtegern-Designerinnen ab.“

Saskia legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern. „Mach dich nicht kleiner, als du bist. Er ist zumindest kein Fremder für dich, und Amber betet ihn an.“

„So ist es“, mischte diese sich ein. „Mom ist immer froh, wenn er mich nach Hause begleitet. Sie vertraut ihm zu einhundert Prozent. Sei tapfer und nimm sein Angebot an.“

Als Kate eine Stunde später allein neben Heath in seinem Sportwagen saß, fühlte sie sich alles andere als mutig. Während er locker von seinen Plänen für die nächsten Tage erzählte, zerbrach sie sich unaufhörlich den Kopf nach einer originellen Bemerkung. Vergeblich. Das Atmen bereitete ihr größte Mühe, wie sollte sie da auch noch sprechen können?

Vermutlich hält er mich für geistig minderbemittelt, dachte sie beschämt.

Nachdem sie kurz darauf vor dem Geschäft ihres Großvaters angehalten hatten, stieg Heath aus dem Auto aus, ging zur Beifahrertür und öffnete sie.

„Danke“, brachte Kate mühsam hervor. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an. Sie presste die Schenkel fest zusammen und schwang die Beine so elegant wie möglich aus dem Auto. „Es war schrecklich nett von dir, mich nach Hause zu bringen.“

Anstatt zu antworten, legte er ihr einen Arm um die Taille, schlug mit der anderen Hand die Wagentür zu und geleitete sie die vier Stufen zur Eingangstür hinauf. Geduldig wartete er, bis sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche hervorgekramt hatte.

Seine Berührung fühlte sich herrlich an, und Kate schmiegte sich unwillkürlich an ihn.

Lachend packte er sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum. „Gern geschehen.“ Dann griff er nach ihrer behandschuhten Rechten, zog sie an seine Lippen und küsste sie. „Es war mir ein Vergnügen.“

Langsam ließ er ihre Hand los und wollte davongehen, als Kate sich endlich ein Herz fasste. Sie machte einen Schritt auf Heath zu, packte ihn mit beiden Händen am Jackenaufschlag, stellte sich auf die Zehenspitzen, schloss die Lider und küsste ihn auf den Mund.

Als sie die Augen wieder aufschlug, bemerkte sie seinen überraschten und gleichzeitig erfreuten Blick.

Der Kuss hatte jedoch ihren gesamten Mut erfordert, nun aber gewann ihre Schüchternheit wieder die Oberhand. Sie wirbelte herum, schloss die Haustür auf, trat ein und schlug sie hastig hinter sich zu.

„Gute Nacht, Heath“, hauchte sie, während sie sich drinnen mit dem Rücken gegen das Türblatt sinken ließ. „Träum süß.“

1. KAPITEL

Elf Jahre später

Heath Sheridan wird mich umbringen, schoss es Katherine Lovat, von ihren Freunden kurz Kate genannt, durch den Kopf. Vermutlich bereute er bereits, ihr diesen wichtigen Auftrag erteilt zu haben: die Anfertigung der Brautjungfernkleider für die Hochzeit seines Vaters.

Zum zehnten Mal innerhalb von fünf Minuten blickte sie auf die Armbanduhr und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

Von Amber wusste sie, dass Heath nichts mehr hasste als Unpünktlichkeit. Er war kein unbekümmerter Student mehr, sondern ein anerkannter Verleger – und sie würde mindestens zehn Minuten zu spät bei ihm eintreffen.

Dummerweise war sie kurz vor ihrem Aufbruch Patrick begegnet, mit dem sie sich ein Atelier teilte. Sie hatten über seine bevorstehende Abreise in die USA gesprochen. Dann war Leo dazugekommen, der letzte Details zu dem für den nächsten Tag geplanten Fotoshooting klären wollte. Erst dreißig Minuten später als geplant hatte sie das Haus verlassen.

Wenn es um meine Freunde geht, bin ich ein hoffnungsloser Fall, dachte Kate reumütig. Um ihren Geschäftssinn stand es kaum besser, aber zumindest war sie eine begabte Designerin.

Erschöpft ließ sie sich auf die erste freie Bank in der um diese Tageszeit proppenvollen U-Bahn sinken, das Paket mit dem kostbaren Kleid fest an sich gedrückt. Natürlich hatte der Zug ausgerechnet an diesem Tag Verspätung.

Keine Sorge, versuchte sie sich zu beruhigen, Heath wird mir alles vergeben, sobald er das hinreißende Kleid sieht. Sie hatte ganze Arbeit geleistet. Amber würde stolz auf sie sein, und sämtliche Hochzeitsgäste würden künftig ihre Garderobe bei Katherine Lovat Designs anfertigen lassen, wie sie ihre Maßschneiderei seit Kurzem offiziell nannte.

Mit etwas Glück würde diese Prominentenhochzeit ihr die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bescheren, die sie so dringend benötigte. Drei Brautjungfernkleider hatte sie der Braut bereits zugesandt, das vierte und letzte hatte sie ebenfalls termingerecht fertiggestellt. Es musste nur noch beim Kunden abgeliefert werden, dem grässlichen Wetter zum Trotz.

Nachdenklich betrachtete sie die hochhackigen Peep-Toe-Stiefeletten an ihren Füßen, die bereits vom Regen feucht waren. Sie bewegte die Zehen, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu setzen. Bei diesem schrecklichen Gewitter hätte sie besser andere Schuhe gewählt als offene High Heels, andererseits sollte es im Juli auch nicht schütten wie aus Kübeln.

Als die Bahn ihr Ziel erreichte, schnürte es Kate vor Nervosität förmlich die Kehle zu. Dennoch hob sie das Kinn und setzte das fröhliche Lächeln auf, das ihr zum Markenzeichen geworden war.

Alles wird gut, sprach sie sich Mut zu und verdrängte rasch die Tatsache, dass die Miete für ihr Atelier gerade verdoppelt worden war und Patrick, mit dem sie sich die Räume teilte, bald nach Hollywood ziehen würde, um dort als Kostümbildner beim Film zu arbeiten. Für die bevorstehende Begegnung mit Heath benötigte sie ihre ganze Kraft.

Er ist doch nur Ambers Stiefbruder, versuchte sie sich zu beruhigen. Über ihre Schwärmerei für ihn war sie seit Jahren hinweg, und gewiss hatte auch er längst vergessen, dass sie sich ihm bei ihrer letzten Begegnung an den Hals geworfen hatte.

Seither hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Wenige Tage nach dem Ball war er nach Boston zurückgekehrt, da seine Mutter schwer erkrankt war. Bei seinen weiteren Aufenthalten in London hatte sich kein Treffen ergeben.

Der Termin an diesem Tag war rein geschäftlicher Natur: Kate überbrachte ihm das Brautjungfernkleid, das seine Verlobte bei der Hochzeit seines Vaters tragen sollte.

Im U-Bahnhof schlug ihr schwülheiße Luft entgegen. Der Gestank nach verbranntem Öl und Ruß ließ ihr den Atem stocken. Die Kleiderschachtel fest an die Brust gepresst, fuhr sie mit der Rolltreppe nach oben, auf eine selbstbewusste Haltung bedacht. Sie wollte Zuversicht und Professionalität ausstrahlen, damit Heath sie seinen Freunden und Bekannten weiterempfahl. Aus diesem Grund hatte sie auch ihr Outfit mit großer Sorgfalt und Umsicht ausgewählt und eine geschlagene Stunde an ihrem Make-up gearbeitet, bis es vollkommen natürlich wirkte.

Dass prominente Kunden wie die Sheridans ihre Arbeit wertschätzten, war für ihren Erfolg unglaublich wichtig. Daher hatte sie die Anweisungen, die Heath ihr per E-Mail erteilt hatte, bis aufs Wort befolgt.

Gut, sie hatte gewisse Extras hinzugefügt, um den Kleidern ihren persönlichen Stempel aufzudrücken und ihnen einen einzigartigen Charakter zu verleihen.

Du wirst überwältigt sein, Heath Sheridan, dachte sie voller Vorfreude.

„Unsere Teilnahme an der Buchmesse hat nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Sämtliche Kunden, die ich gesprochen habe, haben unsere Präsentation gelobt und sich beeindruckt gezeigt von der Qualität der Bücher, wollten aber keine Bestellungen aufgeben.“ Lucas war die Enttäuschung deutlich anzuhören. „Die Inhaber der Buchhandlungen weigern sich, Fachliteratur vorrätig zu halten, die sich nur schwer verkauft.“

Heath überflog betroffen die Zahlen, die Lucas ihm vor dem Telefonat per E-Mail aus Malaysia gesandt hatte. Sheridan Press war seit einhundertzwanzig Jahren für prächtig ausgestattete Biografien, Lexika und Atlanten bekannt. Die Werke waren zeitlos – was sich als Problem erwies.

Seine jüngste Werbekampagne, die die Einzigartigkeit und herausragende Qualität der von Hand gebundenen Bücher betonte, zog nicht. Dabei hatte sein Vater ihn persönlich um Hilfe gebeten. Er sollte frischen Wind in das Unternehmen bringen und den Hunderten von Angestellten die Arbeitsplätze sichern.

Von Kindheit an hatte Heath mehr Zeit im Verlag verbracht als auf dem Sportplatz. Er wusste um das Engagement der Mitarbeiter und dachte nicht im Traum daran, sie im Stich zu lassen.

„Ich weiß, dass Sie und Ihr Team Ihr Bestes gegeben haben, Lucas. Vielleicht haben wir in Hongkong mehr Erfolg. Ich sehe geradezu vor mir, wie die Studienanfänger im Herbst in den Universitäten erscheinen, Fachbücher von Sheridan unter dem Arm“, versuchte er seinen Verkaufsleiter zu motivieren.

„Hoffentlich haben Sie recht. Ich melde mich, sobald wir dort angekommen sind. Ihnen wünsche ich viel Spaß auf der Hochzeit des Jahres. Was bin ich froh, dass ich nicht Trauzeuge für meinen Vater spielen und mir eine Rede ausdenken muss!“

„Ich gedenke, die Aufgabe mit Bravour zu meistern. Übrigens, feiern Sie mit dem Team doch ebenfalls am Samstag. Die Rechnung geht auf mich.“

„Das hört sich gut an. Wir werden auf das Brautpaar anstoßen. Bis nächste Woche.“

Heath legte nachdenklich den Hörer auf. Er war sicher gewesen, dass die Kampagne, die in ähnlicher Form in seinem eigenen Bereich die Verkaufszahlen in die Höhe getrieben hatte, sich auch auf den Vertrieb der Fachliteratur positiv auswirken würde.

Nach seinem Abschluss an der Universität hatte er die vernachlässigte Belletristiksparte des Verlags übernommen. Er hatte jahrelang hart gearbeitet, auf Urlaub verzichtet, von zerbrochenen Beziehungen und versäumten Familienfesten ganz zu schweigen. Mittlerweile hielt der Profit seiner Sheridan Media die Sheridan Press seines Vaters am Leben.

Er musste einen Weg finden, die Fachbuchsparte zu retten – und gleichzeitig die Beziehung zu seinem Vater zu kitten. Immerhin hatte dieser den ersten Schritt zur Versöhnung getan, indem er ihn um Unterstützung bat.

Die Nachricht von ihrer Zusammenarbeit hatte in der Presse für Wirbel gesorgt. Heath wurde förmlich als Ritter in schimmernder Rüstung gefeiert, der den renommierten Verlag vor dem Untergang bewahren sollte.

Er hatte die Aufgabe gern übernommen, zumal sie ihm erlaubte, Zeit mit seinem Vater Charles zu verbringen. Dass dieser ihn obendrein bitten würde, bei seiner dritten Hochzeit Trauzeuge zu sein, kam dennoch überraschend, umso mehr, als das Verhältnis zwischen der Braut und Heath bestenfalls kompliziert genannt werden konnte …

Ich muss Dad von dem Telefonat berichten, dachte er.

Im selben Moment wurde der Wagenschlag geöffnet. Heath gab dem Fahrer, der ihn vom Flughafen abgeholt hatte, ein großzügiges Trinkgeld, stieg aus und eilte über den Bürgersteig zu der eleganten Art-déco-Villa, in der sich das Büro von Sheridan London befand. Eine Gruppe Reporter, die unter dem Vordach Schutz vor dem Regen gesucht hatte, kam ihm entgegen, Kameras im Anschlag.

Den Mantel fester um sich ziehend, lächelte er ihnen freundlich zu. Der Umgang mit Journalisten war seit jeher Bestandteil seiner Arbeit.

„Mr Sheridan, werden Sie Sheridan Press übernehmen, sobald Ihr Vater sich zurückzieht?“

„Stimmt es, dass Sie künftig in Übersee drucken lassen?“

„Wie behagt Ihnen Ihre Rolle als Trauzeuge bei der Hochzeit Ihres Vaters? Heißt es nicht, aller guten Dinge sind drei?“, schallte es ihm entgegen.

„Vielen Dank, dass Sie sich dem typisch englischen Sommerwetter zum Trotz zu meiner Begrüßung eingefunden haben“, scherzte Heath gutmütig. „Alice Jardine und mein Vater sind seit Jahren eng befreundet. Ich wünsche den beiden von Herzen alles Gute und freue mich auf meine Aufgaben als Trauzeuge. Was die Firma betrifft: Alles bleibt beim Alten. Solange ich an Bord bin, werden keine Druckereien geschlossen. Vielen Dank.“

Wie auf ein geheimes Kommando wurde das Hauptportal geöffnet, und Heath betrat lächelnd das Haus. Im Fortgehen hörte er einen Reporter fragen: „Stimmt es, dass Ihre verstorbene Mutter und Alice Jardine Freundinnen waren? Wie denken Sie darüber?“

Heath tat, als hätte er nichts gehört. Während er durch die weitläufige Eingangshalle eilte, löste er allmählich die zu Fäusten geballten Hände und atmete durch.

Wie fühle ich mich wohl dabei, dass Alice meinem Vater „Gesellschaft“ geleistet hat, während Mom sterbend im Krankenhaus lag? dachte er bitter.