Der Tote am Delft

Ostfrieslandkrimi

Alfred Bekker


ISBN: 978-3-95573-825-9
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de und www.ostfrieslandkrimi.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

 

Es war dunkel. Ein kühler Wind strich über den Delft – jenen Wasserarm, der sich mitten durch die Stadt Emden bis zum Rathaus zog. Ratsdelft wurde dieser Teil des Emder Hafens deswegen auch genannt. Zur sogenannten Emder Blütezeit um das Jahr 1600 hatten allein im Ratsdelft mehr Schiffe gelegen als in ganz England. Heute lagen in diesem Hafenteil nur noch ein paar Museums- und Restaurantschiffe.

Wilt Aden Folkerts ging mit schnellen Schritten den Weg entlang. Er hatte den Kragen seines doppelreihigen St.-James-Colani hochgeschlagen und verfluchte sich dafür, seine Mütze nicht aufgesetzt zu haben. Wahrscheinlich habe ich sie bei Jennifer vergessen, ging es ihm durch den Kopf.

Gut fünfhundert Meter hatte er noch vor sich. Wilt Aden Folkerts bewohnte das Penthouse in einem exquisiten Wohnobjekt. Ein kastenförmiges, modernes Gebäude genau am Ausgang des Delfts. Von seinem Wohnzimmer und dem Dachgarten aus hatte er einen fantastischen Blick sowohl auf die modernen Hafenanlagen als auch auf den alten Ratsdelft. Er sah die Schiffe kommen und gehen. Eine Adresse, um die ihn viele beneideten. Normalerweise sagte man ostfriesischen Immobilien immer nach, besonders preiswert zu sein. Nirgendwo waren sie günstiger als hier. Manche Tageszeitungen hatten in ihren Immobilienanzeigen eine eigene Rubrik für Objekte in Ostfriesland.

Das Penthouse von Wilt Aden Folkerts war eine der teuersten Adressen in der gesamten Umgebung. Und dazu eins, das seinen Wert mutmaßlich nicht nur erhalten, sondern sogar noch steigern würde! Wenn jemand das mit einiger Sicherheit zu sagen vermochte, dann war es Folkerts. Denn Immobilien waren sein Fachgebiet. Immobilien- und Grundstücks-geschäfte, damit kannte er sich aus.

Wilt Aden Folkerts stoppte, als er die dunkle Gestalt bemerkte, die sich ihm in den Weg gestellt hatte. Nur ein dunkler Schemen, mehr war nicht zu sehen.

Eine Taschenlampe mit ungewöhnlich hellem Schein leuchtete jetzt auf.

Folkerts war geblendet und nahm die Hand schützend vor die Augen.

„Hey, was soll das denn?“, entfuhr es ihm.

Von der dunklen Gestalt kam kein Wort.

Folkerts wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann gab es ein Geräusch, das wie der Schlag mit einer Zeitung klang. Es machte mehrfach hintereinander einfach nur plop.

Schon das dritte Plop vermischte sich so sehr mit dem aufheulenden Motor eines Sportwagens, der vor dem Rathaus um die Ecke bog, dass man es selbst aus nächster Nähe nicht hätte hören können.

Wilt Aden Folkerts taumelte zurück, stand einen Moment lang schwankend da und starrte ungläubig in das grelle Licht. Seine Hand war an die Brust gepresst.

Dann schlug Folkerts der Länge nach hin und blieb regungslos liegen.

Die Gestalt näherte sich zögernd. Der Lichtkegel der Taschenlampe erfasste den in eigenartiger Verrenkung daliegenden Körper. Blut bildete eine kleine Lache.

Die Waffe mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer wurde von oben auf den Kopf gerichtet. Ein letzter Schuss fuhr Wilt Aden Folkerts aus kurzer Distanz in den Kopf.

„Das hast du nun davon“, flüsterte eine Stimme.

 

*

 

An diesem Morgen wollte Kommissar Ebbo Steen von der Kripo Emden im Café am Stadtgarten frühstücken. Er liebte den Blick über den Ratsdelft. Die Schiffe, die Möwen, die Atmosphäre einer geschäftigen Hafenstadt, die Emden nie ganz verloren hatte. Mochte die sogenannte Blütezeit dieser Stadt auch lange zurückliegen, so war doch zweifellos zumindest eine Ahnung davon geblieben.

Ein Frühstück mit Delft-Blick – das war für Steen der Inbegriff eines guten Tagesanfangs. Und da er noch genug Überstunden abzufeiern hatte, gönnte er sich den Luxus, etwas später in der Dienststelle zu erscheinen. Im Moment lag da auch nichts an, was nicht zwei Stunden später noch erledigt werden konnte.

Sicherheitshalber hatte Steen allerdings sein Smartphone abgeschaltet. Denn diese Zeit, so hatte er beschlossen, gehörte ihm. Und nur ihm. Da wollte er von den Kollegen auch nicht nach dem Verbleib irgendeiner Akte gefragt werden.

Es war ungewöhnlich kalt. Ein schneidender Wind pfiff durch die Straßen. Steen machte sogar den etwas altersschwach gewordenen Reißverschluss an seinem Bundeswehr-Parka zu, obwohl er normalerweise nur die Druckknöpfe zum Schließen dieses Kleidungsstücks benutzte. Das ging nämlich viel schneller. Der Reißverschluss hakte an einer Stelle bereits. Es war nur eine Frage der Zeit, wann er kaputt war und sich für ihn die Frage stellte, ob er sich nicht doch irgendwann mal einen neuen Parka anschaffen sollte.

Steen war fünfzig und dieses Kleidungsstück hatte ihn die letzten dreißig Jahre begleitet. Da sich seine Figur in dieser Zeit nicht großartig verändert hatte, war das an sich auch kein Problem.

Steen setzte eben auf Bewährtes.

Dasselbe galt eigentlich auch für seine Kopfbedeckung, eine klassische Prinz-Heinrich-Mütze – auch bekannt unter den Bezeichnungen Elbsegler oder Helmut-Schmidt-Mütze. Allerdings war Steens Mütze im Gegensatz zu seinem Parka brandneu. Aber das hatte einen guten Grund. Vor einer Woche war Steen mit der Fähre nach Borkum gefahren. Und dort hatte ihm eine heftige Windböe sein altes Mützenexemplar vom Kopf gerissen und auf Nimmerwiedersehen in die Nordsee geschleudert. Ein paar Augenblicke noch hatte man die Mütze im aufgewühlten Wasser treiben sehen, ehe die See sie verschlungen hatte.

Die See – und nicht das Meer, wie man im Binnenland gesagt hätte. Denn hier in der Gegend bezeichnete man das Meer als die See, während ein Binnensee Meer genannt wurde.

Als Steen das Café am Stadtgarten fast erreicht hatte, stutzte er.

Er sah Richtung Ratsdelft und das Erste, was ihm auffiel, war ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit blinkendem Blaulicht.

Die Kollegen!, ging es ihm siedend heiß durch den Kopf. Nein, euch will ich erst in zwei Stunden sehen!, dachte er und überlegte einen kurzen Moment, ob er jetzt besser umdrehte und woanders frühstückte. So richtig gemütlich war es nämlich nicht, beim Frühstück zu sitzen und den Kollegen bei der Arbeit zuzusehen – worin auch immer die im Moment bestehen mochte.

Steens Vermutung war, dass es an der Kreuzung einen Unfall gegeben hatte.

Kein Grund, sich einen anderen Platz zum Frühstücken zu suchen!, beschloss er nun.

„Steen! Was machst du denn hier! Lebst du auch noch!“

Es war eine energische, ihm wohlbekannte Frauenstimme, die ihn jetzt herumfahren ließ. Sie gehörte Polizeimeisterin Altje Remels. Altje schnaufte. Sie war blond und übergewichtig. Die Polizeiuniform war bis auf das Äußerste gespannt. Ihr Gesicht war hochrot. Verwunderung und Ärger schienen sich in ihren Zügen im Augenblick die Waage zu halten.

„Moin, Altje“, sagte Steen.

„Du hast dein Handy ausgeschaltet.“

„Altje, du kennst das doch mit den Funklöchern hier.“

„In der Emder Innenstadt? Steen, wenn ich dich mitten auf dem Großen Meer beim Surfen getroffen hätte … Aber hier? Du willst mich jetzt auf den Arm nehmen?“

„Altje …“

„Gib’s zu, du hast einfach abgeschaltet, damit deine Kollegen dich nicht erreichen können.“

„Ich hab noch keinen Dienst.“

„Es sei denn, es ist was passiert.“

„Was ist denn passiert?“

Eigentlich hatte Steen diese Frage nicht stellen wollen. Aber er war nun mal mit Leib und Seele Polizist. Und damit auch neugierig. Jetzt, da er die Frage gestellt hatte, gab es kein Zurück mehr. Und erst mal wohl auch kein Frühstück.

„Ein Mann ist in der Nacht erschossen worden – da unten am Delft. Deswegen versuchen wir dich ja auch schon den ganzen Morgen über zu erreichen, Steen, aber du gehst nicht dran. Dein Mailfach müsste voller Nachrichten sein!“ Altje atmete tief durch, so als müsste sie sich von einer zentnerschweren Last befreien. Sie schüttelte den Kopf. „Es ist wirklich unglaublich. Hier geschieht ein Mord mitten in der Stadt und unser Kriminalhauptkommissar wollte vermutlich ganz gemütlich im Stadtcafé frühstücken, während seine Kollegen die ganze Arbeit schon gemacht haben!“

„Es wird schon noch genug für mich zu tun übrig bleiben“, meinte Steen. „Da bin ich ganz zuversichtlich. Und jetzt mal der Reihe nach: dein Kurzbericht, Altje!“

„Das Opfer heißt Wilt Aden Folkerts. Zumindest steht das so in dem Personalausweis, den er bei sich trug. Er wohnt da hinten, fünfhundert Meter weiter am Delft entlang, und war mutmaßlich gestern Nacht auf dem Weg nach Hause.“

„Von wo?“

„Das müssen wir alles noch herausbekommen.“

„Hat niemand den Schuss gehört?“

Altje schnaufte erneut. „Ja, Steen, was glaubst du denn wohl, was wir hier machen! Alle freien Kollegen sind im Moment damit beschäftigt, in der Nachbarschaft herumzufragen, ob jemand irgendetwas gehört hat.“

„Aber dieser Herr …“

„Wilt Aden Folkerts!“

„… ist wirklich erschossen worden?“

„Sagt zumindest der Arzt, der am Tatort war. Und der muss es wissen.“

„Wieso?“

„Er ist Jäger. Dr. Joost, der wohnt hier in der Nähe. Inzwischen ist die Leiche übrigens schon auf dem Weg nach Oldenburg zur gerichtsmedizinischen Untersuchung. Ich nehme an, dass wir heute am späten Nachmittag Genaueres wissen.“

„Gut“, sagte Steen.

Altje Remels deutete auf das Haus hinter ihr. Dort befand sich die Privatwohnung von Dr. Joost. „Die haben keinen Aufzug, die Gegensprechanlage war kaputt und ich musste bis ganz oben. Und dabei habe ich noch so Muskelkater vom Stallausmisten. Du weißt ja, meine Eltern schaffen das allein nicht mehr so mit dem Hof. Da bleibt dann alles an mir hängen.“

„Ihr solltet eine Hilfe einstellen, Altje.“

„Soll ich jetzt laut lachen, Steen? Was glaubst du, was das kostet?“

„Dein erster Job ist aber bei uns, Altje!“

„Habe ich schon mal irgendwann meine Pflichten vernachlässigt, Steen?“

„Ach komm schon, Altje, du weißt genau, dass dir das alles ab und zu über den Kopf wächst. Und wenn dann mal wieder bei euch ein Bulle ausbricht und wieder eingefangen werden muss …“

„… ist das für mich eine willkommene Abwechslung, Steen!“

„So kann man das natürlich auch sehen.“

„Da sind mir schon die besten Gedanken gekommen! Ehrlich!“

„Meine Meinung dazu kennst du.“

Altje machte eine wegwerfende Handbewegung. „Vergiss es! Meine Eltern werden den Hof niemals verkaufen.“

„Das müssen sie ja auch nicht.“

„Und sie werden auch niemals die Landwirtschaft aufgeben. Das wäre so, als …“ Altje zögerte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „So ähnlich wie Selbstmord, Steen. Aber das kann jemand wie du wohl nicht verstehen.“

„Nee, Altje. Wo du recht hast, hast du nun mal recht. Das kann ich wirklich nicht verstehen – vor allem, weil es so unvernünftig ist. Euer Hof, der bringt doch allein von der Größe her zu wenig ein, um richtig davon leben zu können. Wie sagt man so schön? Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.“

„Das liegt alles an der Landwirtschaftspolitik der EU!“

„Ich geh dann mal, Altje, und sehe mir den Tatort an.“

Steen hatte keine Lust, sich Altjes Ausführungen über die Landwirtschaftspolitik der EU anzuhören. Sie konnte sich bei diesem Thema nämlich richtig in Rage reden und dabei einen geradezu missionarischen Eifer an den Tag legen.

Aber Steen hatte erstens selber von diesem Thema keine Ahnung und zweitens mochte er es nicht, sich missionieren zu lassen. Egal von wem und zu was. Und selbst für Altje Remels galt in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

„Ulfert ist noch dort“, meinte Altje. „Am Tatort, meine ich. Der sucht wohl immer noch eine Kugel.“

„Eine Kugel?“, fragte Steen.

„Ja. Mindestens ein Schuss ist glatt durch den Körper des Opfers durchgegangen. Und nun dürfte es natürlich nicht ganz leicht sein, das Projektil zu finden. Könnte ja auch zum Beispiel irgendwo im Wasser gelandet sein.“

Steen atmete tief durch.

War im Prinzip schon die richtige Entscheidung, heute Morgen das Handy abzuschalten!, ging es ihm durch den Kopf.

 

*

 

„Ich hab sie!“, rief eine Männerstimme. „Ich hab sie!“ Steen erkannte seinen jungen Kollegen Ulfert Jansen an der Stimme.

Steen hatte gerade den eigentlichen Tatortbereich am Delft erreicht. Der Kollege Ihno Purwin von der Schutzpolizei nickte dem Kommissar kurz zu und rief: „Moin Steen!“

„Moin!“, rief Steen zurück.

Ihno Purwin und einige weitere Kollegen hatten den Tatortbereich mit Flatterband provisorisch abgegrenzt. Außerdem hielten sie Schaulustige davon ab, sich zu nähern. Schließlich war es so schon schwierig genug, die Spuren zu sichern. Da fehlte es gerade noch, dass Unbefugte zusätzlich Spuren hinterließen.

Steen ließ den Blick schweifen.

Die Stelle, an der die Leiche gelegen hatte, war markiert worden.

„Ich hab sie gefunden!“, rief Ulfert Jansen jetzt noch einmal und hielt etwas mit zwei Fingern in die Höhe. Ulfert trug Latexhandschuhe, wie sich das für die Arbeit am Tatort gehörte. Er stand in der Nähe von einem der Restaurantschiffe, die am Ufer vertäut waren.

„Ist die danebengegangen?“, fragte Steen.

Ulfert Jansen schüttelte den Kopf. Er war Anfang dreißig und seine äußere Erscheinung passte eigentlich gar nicht zu seinem urostfriesischen Namen. Ulfert war weder blond noch blauäugig, sondern dunkelhaarig und hätte vom Typ her auch Italiener oder Araber sein können. Aber wenn er sprach, dann konnte er seine Herkunft nicht verleugnen. Der breite Akzent war unverkennbar. Obwohl Ulfert so gut wie immer Hochdeutsch sprach, tat er dies doch auf eine Weise, wie man das nur an der Küste tat.

„Nicht daneben“, sagte Ulfert.

„Nicht?“, wunderte sich Steen.

„Durch das Opfer hindurch.“

„Klingt nach einer komplizierten Sache.“

Das war für Ulfert Jansen das Signal, die geballten Fachkenntnisse zu offenbaren, die er in seinen Lehr- und Wanderjahren unter anderem als Ermittler in Berlin gesammelt hatte. „Also, du siehst die Markung dort?“

„Ja.“

„Dort stand das Opfer und schaute Richtung Hafentor.“

„Mutmaßlich.“

„Nein, das wissen wir genau, Steen. Herr Wilt Aden Folkerts ging nämlich genau in diese Richtung, als ihm ein Unbekannter entgegengetreten sein und auf ihn geschossen haben muss. Ungefähr von hier aus.“

Ulfert deutete auf eine weitere Markierung.

„Und wie kommt dann die Kugel in das Schiff da vorne? Das liegt doch im Rücken des Täters – mal vorausgesetzt, du irrst dich nicht.“

„Ich irre mich nicht. Ich habe das mithilfe eines Lasermessgerätes überprüft. Wenn ich wieder im Büro bin, kann ich sogar eine kleine Drei-D-Simulation erstellen …“

„Hm“, murmelte Steen, der ziemlich skeptisch wirkte. Er schob sich die Mütze in den Nacken und ließ den Blick schweifen. „Und wie soll der Täter jetzt erst durch das vor ihm stehende Opfer hindurch und dann in das hinter ihm befindliche Schiff geschossen haben?“

Ulfert grinste. „Ja, das war harte Ermittlungsarbeit, um das herauszufinden, Steen.“

„So, so …“

„Was glaubst du, weshalb ich so lange gebraucht habe, die Kugel zu finden! Aber jetzt habe ich sie. Und ich gehe jede Wette ein, dass die ballistischen Untersuchungen in Oldenburg alles bestätigen werden, was ich gerade gesagt habe.“

Offensichtlich genoss es Ulfert, dass Steen bisher noch nicht darauf gekommen war, wie der Ablauf des Geschehens plausibel erklärt werden konnte.

Steen ärgerte das. Dann deutete er auf die Mauer, die den Weg entlang des Ratsdelfts zur Landseite abgrenzte.

„Der Kratzer da, ist das ein Einschussloch, Ulfert?“

Ulfert seufzte.

„Du raubst einem aber auch jede Pointe, Steen!“

„Der Schuss ging also durch das Opfer durch, prallte dann gegen die Mauer und wurde von dort aus zurückgeschleudert, um schließlich im Bug des Restaurantschiffs stecken zu bleiben.“

„Ja, und wir können froh sein, dass das Schiff aus Holz ist“, meinte Ulfert.

„Wieso?“

„Weil das Projektil nach dieser Odyssee kaum noch genug Kraft gehabt haben dürfte, um einen Metallrumpf zu durchschlagen. Es wäre vermutlich im Wasser gelandet und da hätten wir es nicht sicherstellen können. So aber …“

Triumphierend hielt Ulfert seine Beute noch mal hoch, genau ins Licht, sodass man sie gut sehen konnte. Ein ziemlich verbeultes Stück Metall, aus dem die Ballistiker jetzt vielleicht noch irgendwelche Rückschlüsse ziehen konnten. „So können wir zumindest die Waffe identifizieren“, fügte Ulfert noch hinzu.

„Altje sagte was von mehreren Schusswunden“, stellte Steen fest.

„Waren es vermutlich auch. Aber das ist das einzige Projektil, das bis jetzt sichergestellt werden konnte. Möglich, dass sich im Körper des Opfers noch eine oder mehrere Kugeln befinden. Aber das müssen wir abwarten. Und es ist auch keineswegs sicher!“

„Und wo sollten die anderen Kugeln geblieben sein?“

„Im Wasser natürlich, Steen! Die könnten genauso durch den Körper durchgeschossen sein wie dieses Stück hier!“

Ulfert tütete es jetzt sorgfältig ein.

„Dann solltest du dafür sorgen, dass das Projektil so schnell wie möglich nach Oldenburg kommt!“

„Mache ich. Ihno Purwin fährt höchstpersönlich hin. Und spätestens morgen haben wir dann ein Ergebnis. Hoffe ich zumindest.“

Steen nickte. Er wandte den Blick, ließ ihn über die Museumsschiffe am Ratsdelft schweifen, über die Restaurantschiffe und über die Schaulustigen, die sich in mittlerer Anzahl außerhalb der Absperrung angesammelt hatten.

Ulfert schien Steens Gedanken zu erraten.

„Heute früh waren das mehr“, sagte er.

„Und wo sind die alle geblieben?“, fragte Steen.

„Mussten zur Arbeit, schätze ich“, sagte Ulfert.

„Jo, das wird’s wohl sein.“

„Außerdem ist es ja auch nicht unbedingt so furchtbar interessant, einem Mann zuzusehen, der nach einem Projektil sucht und Messungen mit einem Lasermessgerät durchführt und solche Sachen eben.“

„Nö, da muss man schon Sinn für haben“, gestand Steen zu.

„Solange die Leiche hier war, war auch mehr los.“

„Tote sieht man ja auch nicht alle Tage. Außer im Fernsehen.“

Steen versuchte, sich die Situation vorzustellen. „Habt ihr Fotos gemacht?“, fragte er an Ulfert gerichtet.

„Na, was denkst du denn, Steen?“

„Ich würde gerne sehen, wie Herr Folkerts gelegen hat.“

„Einen Moment.“

Ulfert gab das eingetütete Projektil an Polizeimeister Ihno Purwin. „Bring ich dann nach Oldenburg“, kündigte dieser an. „Mit Blaulicht.“

„Und Martinshorn“, setzte Ulfert hinzu.

„Wenn die Verordnungen das zulassen.“

„Ich denke, das lassen sie“, meinte Ulfert. „In Berlin …“

„Wir sind hier nicht in Berlin“, unterbrach ihn Ihno Purwin. „Hier im Norden haben wir die Ruhe weg. Aber ich tue, was ich kann.“

„Danke.“

„Keine Ursache.“

Ulfert wandte sich anschließend wieder Steen zu. Er zeigte ihm sein Smartphone-Display. „Hier, das sind ein paar der Bilder, die wir gemacht haben. Sind ein paar tausend. Ich nehme an, dass damit jedes Staubkorn in der Nähe ausreichend dokumentiert wurde.“

„Das ist gut“, sagte Steen.

Einige Augenblicke lang betrachtete Kommissar Steen eines der Bilder. Es zeigte Wilt Aden Folkerts, wie er lang gestreckt auf dem Boden lag. Eine getrocknete Blutlache war zu sehen. Und der Blick drückte selbst jetzt noch puren Schrecken aus. „Ich frage mich, ob er seinen Mörder erkannt hat“, sagte Steen. „Was meinst du, Ulfert?“

Ulfert zuckte mit den Schultern.

„Wissenschaftlich betrachtet ist es Unsinn, aus dem Gesicht eines Toten noch irgendetwas herauslesen zu wollen“, antwortete Ulfert.

„Lernt man so etwas beim BKA?“, fragte Steen.

„Ist doch alles nur Spekulation.“

„Mag sein“, sagte Steen. „Ich muss gestehen, ich denke jedes Mal darüber nach, wenn ich das Gesicht eines Ermordeten sehe.“

„Wichtig ist, dass wir eindeutig ermitteln konnten, wie die Blickrichtung des Opfers war, in welche Richtung er ging.“

„Wilt Aden Folkerts – der Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Habe ich über den mal in der Zeitung gelesen?“

„Ganz bestimmt sogar. Er ist ein Immobilienhai. Und reich geworden ist er durch ein paar windige Spekulationsgeschäfte, bei denen es um einige Hektar Kuhwiese ging, aus denen später ein Windpark wurde.“

„Richtig! Jetzt erinnere ich mich.“

„Später gab’s dann wohl auch noch eine andere Kuhwiese, von der man gedacht hat, dass sie mal ein Windpark werden sollte, was aber nie geschehen ist.“

„Na ja, stehen ja auch inzwischen genug von den Dingern in der Gegend herum.“

„Inzwischen gehören die mehr zu Ostfriesland als die klassischen Windmühlen.“

„Das ist Ansichtssache. Aber gab’s da nicht einen großen Prozess – oder verwechsle ich da irgendetwas, Ulfert?“

„Nee, du verwechselst da nichts, Steen.“

„Dann hilf mir mal auf die Sprünge.“

„Der Prozess hatte mit der zweiten Kuhwiese zu tun.“

„Du meinst die, aus der gar kein Windpark wurde?“

„Richtig. Das ist alles ein paar Jahre her. Das muss noch vor meiner Berliner Zeit gewesen sein.“

„Und worum ging es?“

„Irgendeine Firma ist pleitegegangen und viele Investoren haben Geld verloren. Genaueres müsste ich noch mal nachsehen.“

„Und Wilt Aden Folkerts ist daraus relativ unbeschadet hervorgegangen?“

„Wenn er sich eine Wohnung mit der Adresse leisten kann, die in seinem Personalausweis steht, muss es ihm wirtschaftlich gut gehen“, meinte Ulfert. „Willst du dir mal ansehen, was wir alles bei ihm in der Kleidung gefunden haben?“

„Sicher.“

Ulfert Jansen ging zusammen mit Ebbo Steen zu einem der Dienstfahrzeuge, die in der Nähe abgestellt waren. „Ich habe alles genauestens auf Spuren untersucht“, sagte Ulfert. „Hat ja keinen Sinn, wenn wir das erst nach Oldenburg schicken, um es abspuren zu lassen.“

„Du kannst das sicher genauso gut, Ulfert.“

„Du sagst es.“

„Hier ist die Brieftasche mit Führerschein, Kreditkarte, tausend Euro in relativ kleinen Scheinen und so weiter.“

„Damit scheidet ein Raubmord dann wohl aus“, schloss Steen. „Der Mörder scheint an dem Geld nicht interessiert gewesen zu sein.“

„An der Rolex auch nicht – und die ist sicher noch mehr wert als der Inhalt der Brieftasche, Steen.“

Steen zog sich Latexhandschuhe über. Dann nahm er die Brieftasche aus dem Plastikbeutel, in den Ulfert Jansen sie hineingetan hatte. Er blätterte die Geldscheine durch. Dann sah er sich den Inhalt der anderen Fächer an. Ein paar Quittungen. Sie kamen von Restaurationsbetrieben aus der Innenstadt und trugen Datum und Uhrzeit. „Er war also vorher wirklich in der Stadt“, stellte Steen fest.

„Die Fingerabdrücke, die ich auf der Brieftasche gefunden habe, stammen von zwei verschiedenen Personen“, sagte Ulfert.

Steen sah ihn erstaunt an. „Das konntest du so schnell feststellen?“

„Die gesicherten Abdrücke sind sehr unterschiedlich groß. Einmal von einer rechten und von einer linken Hand, die viel kleiner ist. Die größeren Abdrücke stammen vermutlich von Folkerts selbst.“

„Und die anderen? Von einer Frau?“

„Möglich.“

„Viele Fingerabdrücke für so eine Brieftasche, findest du nicht, Ulfert? Also auf meiner Brieftasche findet man garantiert nur meine eigenen Abdrücke.“

„Ich weiß nicht, ob du es schon bemerkt hast, das Portemonnaie ist etwas klebrig.“

Steen hob die Augenbrauen. „Klebrig?“

„Ja.“

„Und du hast noch keine chemische Schnellanalyse durchgeführt?“, meinte Steen scherzhaft.

„Es könnte Rotwein oder so etwas sein. Ist ins Leder eingezogen, aber riech mal dran.“

Steen folgte dieser Empfehlung und roch an der Brieftasche. Dann nickte er. „Ich bin kein Weinkenner, aber du könntest recht haben. Möglicherweise ist das in einer der Kneipen passiert, deren Quittungen im Portemonnaie waren.“

„Werden wir alles haarklein abklären“, kündigte Ulfert an. „Zumindest, soweit sich davon ein Ermittlungsfortschritt erwarten lässt.“

„Was hast du sonst noch?“, fragte Steen.

„In der Brieftasche ist übrigens auch der Schlüssel zu Folkerts Wohnung“, stellte Ulfert fest.

„Schlüssel?“ Steen runzelte die Stirn.

„Neben der Krankenversicherungskarte. Sieht auch fast genauso aus. Das muss in jeder Hinsicht eine Luxusunterkunft sein – inklusive Schloss mit Chipcard.“

„Ich dachte, so etwas gibt es nur in New York“, meinte Steen.

„Jetzt auch in Emden.“

„Wer hat den Toten eigentlich entdeckt?“

„Das war ein gewisser Lars Janninger“, erklärte Ulfert.

„Der Janninger, dem die Krabbenbrötchen-Bude am Hafentor gehört?“, vergewisserte sich Steen.

„Genau. Der hat die Polizei verständigt.“

Steen atmete tief durch. „Liegt auf dem Weg“, murmelte er. Und Hunger hatte er auch, schließlich war sein Frühstück im Café am Stadtgarten ja wohl nun endgültig ausgefallen.