Laut Wehrpass wurde Alois am 30.9.1938 gemustert, für tauglich befunden und der Ersatzreserve II zugeteilt. Am 20.5.1940 erfolgte eine weitere Musterung beim W.M.A. Offenburg mit dem Ergebnis kriegsverwendungsfähig (nicht Fußtruppe) und Zuteilung zur Ersatzreserve I.

In den aktiven Wehrdienst wurde er am 1. Oktober übernommen und eine Woche später vereidigt. Bis zum 4.5.1941 blieb er in Offenburg bei der W.M.A.

Am 1.5.1941 wurde er zum Oberschützen ernannt und war vom 5.5.1941 bis 18.5.1941 in der Kraftfahrer Ersatz Abteilung 25.

Ein Truppenarzt bescheinigte am 8.5.1941, dass Alois gesund und marschfähig war.

Vom 19.5.1941 bis 5.4.1945 gehörte er zum Kommando 215 der Infanteriedivision.

In der Karwoche 1945, als nur noch ein Häuflein Männer am Befehlsstand war, verlas der Kommandeur den letzten Befehl: „Die Division ist aufgelöst!“ Vom 6.4.1945 bis zum Ende des Krieges war Alois in Berlin beim Kommando der Infanteriedivision „Theodor Körner“.

Am 1.1.1942 wurde er zum Gefreiten, am 1.10.1942 zum Obergefreiten ernannt; und am 1.5.1945 ernannte man ihn zum Unteroffizier.

Am 3.8.1942 wurde ihm die „Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42“ verliehen, und am 30.1.1943 bekam er das „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“.

Alois selbst hat einige der Einsätze hinten im Wehrpass handschriftlich festgehalten.


Der Wehrpass von Alois

1.-7.11.41

Vorstoß auf Tichwin und Wolchowsky sowie Kämpfe um Tichwin

26.- 30.11.41

Abtransport bzw. Abmarsch für den Einsatz im Ostfeldzug

2.12.- 27.12.41

Abwehrkämpfe am Wolchow, zwischen Wolchowsky u. Ladogasee

a) 8.-24.12.41

Rückzugskämpfe auf dem Wolchow

b) 25.-27.12.41

Abwehrkämpfe am Wolchow

28.12.41-30.6.42

Kämpfe zwischen Ilmensee und Ladogasee

1.7.42-13.1.44

Stellungskämpfe im Bereich der Heeresgruppe Nord

14.1.44- 23.4.44

Abwehrschlachten in Nordrussland und in den Baltischen Ländern

24.4.44-21.6.44

Stellungskämpfe im Bereich der Heeresgruppe Nord

22.6.44-22.2.45

Kämpfe um die baltischen Länder

23.2.45-26.2.45

Verlegung nach Westpreußen

27.2.45-31.3.45

Doppelschlacht um Danzig Gotenhafen, Abwehrkämpfe in der Tucheler Heide

1.4.45-19.4.45

Verlegung nach Tr.Üb.Platz Döberitz, u. Aufst. in Inf.Div. „Theodor Körner“

Zur Person

Gabriele Zander, geboren in Freiburg als viertes Kind von Alois und Clara. Studium der Germanistik und Anglistik in Freiburg und Graz. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Österreich arbeitet die Autorin als Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in Baden-Württemberg..

Verwendete Literatur

Bruni Adler: „Geteilte Erinnerung. Polen, Deutsche und der Krieg“ Klöpfer&Meyer 2006

Peggy Poles/Ursula Boencke: „ All unsere Lieben sind verloren“, Knaur 2008

Walter Schelm/Dr. Hans Mehrle: „Die Geschichte der 215. Infanterie-Division“, Lizenzausgabe für Edition Dörfler 2005

Hans G. Stachow: „Tragödie an der Dewa – Der Kampf um Leningrad“, Herbig 2001

Konrad Zeller/Dr. Hans Mehrle/Theodor Glauner: „Die württembergisch-badische 215. Infanteriedivision 1936-1945“, Dörfler Zeitgeschichte 2004

Impressum

Meine Seele sucht Dich!

Liebesbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg zwischen Heimat und Ostfront. Zusammengestellt und herausgegeben von Gabriele Zander.

Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2010

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

Alle Fotos: Privatarchiv Gabriele Zander

Satz: Schauplatz Verlag & Werbeagentur, Baden-Baden

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

ISBN 9783954570058

www.aquensis-verlag.de

www.baden-baden-shop.de

Meine Seele sucht Dich!

Liebesbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg
zwischen Heimat und Ostfront

zusammengestellt und herausgegeben
von Gabriele Zander

AQUENSIS
Menschen

Widmung

Meinen Eltern, in Liebe!

Besonders meinem Vater, der dieses Jahr seinen

100. Geburtstag gefeiert hätte.

Allen, die mich bei der Entstehung des Buches

unterstützt haben, in Dankbarkeit!

Gabriele Zander, im Mai 2010

Zu diesem Buch

Sommerurlaub in Polen, Litauen und Lettland. Mein Mann und ich waren sogleich fasziniert von der Schönheit der Landschaft, dem Liebreiz dieser Region – und doch hat uns auf unserer Reise auch die Historie immer wieder eingeholt. Die fremd klingenden Namen der Ortschaften und Flüsse wie Darlowo, Kartuzy, Saldus und Wisla wurden sogleich vertrauter, wenn man ihre ehemals deutschen Namen las: Rügenwalde, Karthaus, Frauenburg und Weichsel. Sie ließen etwas anklingen, was mit unserer, der deutschen Geschichte zu tun hat. Und als ich am Ufer des mächtigen Memelstroms – litauisch Nemunas – stand, kam mir der Gedanke, ob unser Vater wohl auch einmal hier in dieser Gegend war, im Krieg, vor mehr als 60 Jahren.

Ich erinnere mich daran, dass ich nie zu fragen wagte, wenn Vater stöhnend und nass geschwitzt aus einem Traum erwachte, und die Mutter mir, ihrem verängstigten Kind, erklärte, dass er „wieder einmal von Russland“ träumte. „Russland“ war ein Tabu, ein Synonym für etwas, über das man nicht sprach – jedenfalls nicht mit kleinen Mädchen. Sprach er, der als Soldat im Ostfeldzug gewesen war, mit anderen, mit Gleichaltrigen, die ebenfalls diese und schlimmere Erlebnisse durchgestanden hatten? Sprachen die Frauen über das, was sie während des Krieges zuhause erlebt hatten?

Unsere Mutter erzählte mir von feindlichen Tieffliegern, von Bombenangriffen, die sie mit ihren Kindern in Luftschutzkellern überlebte, von der Evakuierung, von der Rationierung der Lebensmittel, vom ständigen Hunger. Tief beeindruckend war mir als Kind, dass mein Bruder sich einmal vergeblich einen kleinen Löffel Zucker „nur für sich alleine“ zu Weihnachten gewünscht hatte. Und in ihren letzten Lebensjahren erzählte sie auch zunehmend davon, wie schwer es war, in der Zeit des Dritten Reiches ein behindertes Kind zu haben.

Die Generation unserer Eltern hatte keine Selbsthilfegruppen und keine psychologisch geschulten Fachleute, die ihnen halfen, die vielfältig erlebten Traumata zu bewältigen. Sie hatten nach dem verlorenen Krieg kein Ansehen und keine Regierung mehr, sie hatten Millionen von Toten zu beklagen, Millionen von an Leib und Seele verletzten Kriegsopfern zu betreuen, ein von Bomben zerstörtes Land. Und zusätzlich lastete noch die Kriegsschuld auf ihnen.

Als wir von unserer Reise, die uns zu den östlichen Nachbarn Deutschlands geführt hatte, zurückkamen, war meine Neugier geweckt. Ich erinnerte mich, dass ich in einem der vielen Alben Fotos von Vater als Soldat gesehen hatte. Auf meiner Suche wurde ich bald fündig. Vater hatte die Fotos eigenhändig beschriftet. Dadurch erfuhr ich erstmals genauer, wo er im Krieg gewesen war, denn dort stand nicht nur der geografisch so dehnbare Begriff „Russland“, sondern genauer „Kurland“. Ein Foto zeigte Vaters Vorgesetzten, Generalfeldmarschall von Küchler. Auch dies war ein erster Hinweis darauf, wo genau mein Vater im Krieg eingesetzt worden war.

In der „berühmten“ Kassette, die jahrzehntelang unter dem Ehebett der Eltern ihren festen Platz hatte, und die nach Mutters Tod bei mir blieb, fand ich Vaters Wehrpass, und auf diesen fünfzig (!) Seiten erfuhr ich weitere Einzelheiten über seinen Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg (siehe im Anhang des Buches). Und ich bekam Gewissheit darüber, wie nahe ich ihm auf der Reise durch das nordöstliche Polen und das Baltikum gekommen war: Riga, Frauenburg, Gotenhafen, Danzig und schließlich Tucheler Heide sind die Orte, die er mehr als 60 Jahre vor mir gesehen hat – wenn auch unter ganz anderen Bedingungen.

Daraufhin suchte ich in den vielen erhaltenen Briefen die Feldpostbriefe, die unsere Eltern sich während des Krieges geschrieben hatten, zusammen.

„Ich werde einmal alles in viel feinere Form bringen, mit Bildern, alles für sich in einem Buch, wenn Frieden ist, und ich die nötige Zeit dazu habe“, schreibt mein Vater im Brief Nr. 117 im Jahr 1944.

Dieser Satz hat mich dazu ermutigt, anstelle meines Vaters die Briefe und die Geschichte der beiden in eine „feine Form“ zu bringen und sie heutigen Lesern zugänglich zu machen. Und ich begann, sie mit dem Computer neu zu erfassen.

Ich habe beim Abschreiben der Briefe die Rechtschreibung der heutigen angepasst. Fehlende Satzzeichen und Flüchtigkeitsfehler wurden, wo vorhanden, behutsam ergänzt, fehlende Wörter in Klammer hinzugefügt. Wenn erklärende Ergänzungen bzgl. Namen und Ereignissen nötig schienen, habe ich sie in Klammern eingefügt. Auslassungen sind als solche (…) gekennzeichnet. Alle Namen, die in den Briefen vorkamen, wurden verändert, nur die Namen meiner Eltern und meiner Brüder sind geblieben.

In der Region, wo unsere Eltern lebten, war es damals durchaus üblich, sich gegenseitig mit verkleinernden Kosenamen anzusprechen, nicht nur Eheleute unter sich, sondern vor allem den Kindern, aber auch den anderen wichtigen und geliebten Dingen des täglichen Lebens wurde nur allzu gerne ein „le“ angehängt, wie zum Beispiel dem Schätzle, dem Fraule, den Päckle, dem Zimmerle, dem Brötle. Das wirkt heute beim Lesen zu niedlich und süß. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich mir erlaubt, die Briefe diesbezüglich zu entfachten. So liest sich der Text für heutige Augen flüssiger und ist doch in der Aussage gleich intensiv geblieben.

Es gibt viele Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg; sie sind aus den Schützengräben geschrieben und enthalten unvorstellbares Leid. Von den meisten Briefeschreibern existieren wohl nur noch diese Briefe, weil sie selbst im Krieg ihr Leben verloren. Was alle diese Menschen erlebten, ist unvorstellbar grausam und unmenschlich, und wir begegnen heute noch täglich Ähnlichem, wenn wir die Berichte von Kriegsschauplätzen in aller Welt via Fernsehen anschauen.

Niemals würde ich es wagen, die Briefe meiner Eltern im gleichen Atemzug zu nennen. Mein Vater war vier Jahre in Russland, zunächst als K-Radmelder und nach seinem Motorradunfall im letzten Kriegsjahr beim Stab der Einheit. Auch wenn in jedem seiner Briefe der Atem des Todes spürbar ist, sind die Briefe meiner Eltern keine Feldpostbriefe im üblichen Sinne, vielmehr sind es Liebesbriefe aus einer dunklen Kriegszeit.

Was sie trotzdem exemplarisch macht, ist, dass Hunderttausende von Frauen und Müttern sich und ihre Familien durchbringen mussten, dass auch sie von Angriffen und Übergriffen bedroht waren und großem Leid, vielleicht auch dem Tod begegneten.

Oft beim Arbeiten mit den Briefen fühlte ich mich, als sähe der jeweils Schreibende mir über die Schulter; verschmitzt lächelte mein Vater mir zu beim Erzählen ihrer Liebesgeschichte, lebhaft schilderte meine Mutter den Kriegsalltag im heimatlichen Dorf, manchmal aber wischte jeder von uns sich Tränen aus den Augen, wenn die schwere Zeit allzu bedrückend wurde, und die Angst um den anderen allzu gegenwärtig fühlbar war.

Wie ausweglos musste einem doch das Leben vorkommen, wenn man sich so manches Mal nur noch am gemeinsamen Tod tröstete und aufrecht erhielt!

Bei der Lektüre der Briefe und beim Nachlesen in entsprechenden zeitgenössischen Erinnerungen ist es für mich immer wieder absolut unvorstellbar, was diese Generation unserer Eltern mitgemacht hat. Und dabei wird mehr als deutlich, dass unsere Familie ein ganz besonderes Glück hatte, oder, wie unsere Eltern es immer wieder betonten, dass ihre vielen Gebete vom Herrgott erhört wurden.

Gabriele Zander

Übersicht über die Familienverhältnisse

Alois und Clara stammen beide aus Fautenbach, einem kleinen Ort in der Nähe von Achern im Oberrheintal am Fuße des Schwarzwalds.

Clara kommt aus einer Familie mit insgesamt zehn Kindern; ihre älteste Schwester Martha lebt in Bühl im Kloster, der älteste Bruder Johannes ist ebenso wie die beiden anderen Schwestern Rosemarie und Luise im Dorf verheiratet.

Ihre Brüder Albert und Johannes werden gleich zu Beginn des Krieges eingezogen. Die jüngeren Geschwister Daniel, Viktor und Annemarie leben noch zuhause. Schon vor 1942 verliert Albert seinen Arm. Im Sommer 1944 ist er kurz auf Besuch daheim in Fautenbach.

Alois ist der jüngste Sohn einer kleineren Familie. Sein ältester Bruder ist im Ersten Weltkrieg gefallen, beide älteren Brüder sind im Dorf verheiratet. Seine ältere Schwester ist im Kloster.

Alois hat sein Abitur in Sasbach gemacht und will Arzt werden. Er beginnt sein Medizinstudium in Freiburg im Breisgau, muss es aber abbrechen, weil sein Vater plötzlich stirbt und kein Geld für das Studium zur Verfügung steht. Nach langer Arbeitslosigkeit findet er eine Stelle als Angestellter einer Krankenkasse in Karlsruhe. Clara und Alois heiraten und ziehen nach Karlsruhe. Etwa zwei Jahre später (1938) übernimmt Alois die Geschäftsstelle der Versicherung in Offenburg, und das junge Paar zieht nach Offenburg.

Zu Kriegsbeginn im September 1939 kommt der erste Sohn Werner zur Welt. Schon 1940 folgt der zweite Sohn, Manfred, eine Frühgeburt, die schwere bleibende Schäden nach sich zieht. Das Kind erleidet Fieber- und Krampfanfälle, die zu einer fast kompletten Lähmung führen und ihn zu einem Schwerstbehinderten machen. Kurz vor seinem dritten Geburtstag stirbt Manfred in einem „Kinderheim“.

Da es in Offenburg während des Krieges immer gefährlicher wird, auf dem elterlichen Bauernhof daheim aber auch jede helfende Hand gebraucht wird, verbringt Clara große Teile des Sommers und Herbstes „daheim“ beim Vater und den jüngeren Geschwistern in Fautenbach, wohl auch, weil die Verpflegung dort noch eher gewährleistet ist und sie Vorräte anlegen kann. Lisbeth Faller, die Nachbarin, kümmert sich während Claras Abwesenheit um die Wohnung und bekommt dafür öfter Lebensmittel. Auf dem Hof ist noch eine Hilfe aus der Pfalz, die Rosel heißt, und ein französischer Zwangsarbeiter namens Stani.

Briefe aus dem Jahr 1942

Die erhaltenen Feldpostbriefe, die Clara und Alois sich geschrieben haben, beginnen im Jahre 1942. Der erste erhaltene Brief vom 31. März 1942 trägt die Nummer 48 (das heißt, es war der 48. Brief, den Alois in diesem Jahr an Clara geschrieben hat). Alois war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre, seine Frau Clara 29 Jahre alt.

Im Unterschied zu allen anderen Briefen ist dieser mit der Maschine geschrieben und eigentlich als Testament von Alois zu betrachten. Vermutlich hat er die Schreibmaschine gewählt, um sich selbst inhaltlich etwas distanzieren zu können und dem Brief so gewissermaßen die Wichtigkeit eines formellen, amtlichen Schriftstückes, auch vor sich selbst, zu geben.

In diesem damaligen „letzten Willen“ gibt er Anweisungen und Ratschläge, was geschehen soll, wenn er den Krieg nicht überleben sollte. Offensichtlich hatte ihn seine Frau gebeten, ihre diesbezüglichen Fragen zu beantworten, weil sie ja beide fortwährend um sich herum erlebten, dass Soldaten fielen und dass dieser Krieg täglich mehr Opfer forderte.

„ (...) Ich verstehe Deine Frage vollkommen, denn letzten Endes muss man auch, wenn kein Krieg wäre, wissen, was geschehen soll, wenn eines stirbt. Ich hab mir natürlich auch schon hin und wieder Gedanken gemacht, und mir die Frage vorgelegt, ob ich Dir etwas Derartiges schreiben soll, bin aber davon abgekommen, weil ich glaubte, dass ich Dir dadurch nur unnötige Angst und Sorge machen würde. Nun, da Du jedoch selbst anfragst, möchte ich Dir natürlich auch antworten.

Wenn mir etwas zustoßen sollte, dann halte ich es am besten, wenn Du die Wohnung in Offenburg zum nächsten Termin kündigst und nach Fautenbach ziehst, entweder zu den Eltern oder zu Luise in den 2. Stock. Die Wohnung in Offenburg wäre für die Dauer zu teuer und würde Dich auch zu viel an mich erinnern. Von Karlsruhe bekämest Du sicherlich diesen Umzug bezahlt. Ferner bekommst Du die nächsten 3 Monatsgehälter noch voll weiter. Was Du von der Arbeitsfront bekommst, ist mir nicht genau bekannt, jedenfalls müsstest Du das Mitgliedsbuch und eine Todesurkunde vorlegen. Über die Höhe Deiner Rente von der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und der Rente für die Zusatzversicherung bin ich nicht genau im Bilde, da dies auf die Anzahl der Beiträge ankommt. (...)“


Clara mit Werner und Manfred

In diesem Brief wird auch deutlich, dass er die Lebenserwartung für seinen behinderten Sohn Manfred sehr realistisch und eben entsprechend gering gesehen hat, sodass man schon 1942 mit seinem Tode rechnete.

(...) Fredle soll in Fautenbach beerdigt werden, wenn er nach mir stirbt, und wenn es möglich ist, dann lass mich nach dem Krieg auch überführen, das wäre mein einziger Wunsch, den ich habe. (...) Sofern Du Bedenken hättest, nach Fautenbach zu gehen, dann würde ich Dir raten, wenigstens so lange dorthin zu gehen, als Fredle lebt. Nachher könntest Du ja – sofern Lust vorhanden – eine Stellung in einem Pfarrhaushalt o.ä. annehmen, sofern Du dadurch in der Erziehung von Werner nicht gehindert wärest. Die Erziehung Werners soll Deine einzige Aufgabe sein. (...) Ich glaube dir ja, dass Du Sorge hast, wenn jeden Tag neue Todesnachrichten eintreffen. Sicher ist natürlich keiner, auch nicht in der Heimat, dass er von einer Bombe getroffen wird, aber es soll Dir immerhin Trost sein, dass ich nicht direkt im Kampfe stehe, sondern beim Stab auf der Schreibstube bin.“

Alois ahnte zu jenem Zeitpunkt noch nicht, wie hellsichtig er war, als er davon sprach, dass auch Clara daheim in gefährlichen Zeiten lebte und kriegsbedingt durch Bomben oder Ähnliches umkommen könnte. Niemand hielt es damals für möglich, dass die Westfront zweieinhalb Jahre später an den Rhein zurückkommen würde, dass also beide – jeder an einer „Front“ – die restlichen Kriegsmonate überleben mussten, einen Krieg, den Alois bis ganz zuletzt noch nicht verloren glaubte.

Es ist und bleibt in diesem Brief während der gesamten erhaltenen Korrespondenz das erste und letzte Mal, dass beide dem möglichen Ende ins Auge sehen, und nur die Ausnahmesituation des Krieges hat Alois wohl bewogen, sich den Fragen zu stellen, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel und seine Bitte am Ende sehr berührend und eindrücklich ist.

„(...) Ich habe gesehen, wie Dir die Tränen auf den Brief gefallen sind, wo Du anfragst, was Du tun solltest, wenn... Ich verstehe das wohl, denn es sind doch Dinge, die das Innerste berühren. Wir wollen nun keine Worte mehr darüber verlieren. Schreibe mir nur, ob Du diesen Brief erhalten hast, und ob Du meine Vorschläge gut heißen kannst. (...)“

Von Clara sind zwei Briefe aus dem Jahr 1942 erhalten. Sie berichten von den Sorgen und Nöten in der Heimat. Vor allem der drohende Tod ihrer Mutter und ihres behinderten Kindes werfen ihre Schatten voraus.

„Ich bin sehr beunruhigt wegen Mutter. Seitdem ich letztes Mal daheim war, habe ich nur die eine Sorge, dass Du Mutter nicht mehr lebend antriffst. Es ist ein Jammer zu sehen, wie das über alles geliebte Leben dahinschwindet, ohne dass man irgendwie helfen kann.

Wenn nur Dein Urlaub nicht noch weiter hinausgeschoben wird, sonst könnte es zu spät sein. Mutter wartet so sehr auf Dich. Vielleicht kannst Du doch etwas früher Deinen Urlaub erhalten, wenn Du an zuständiger Stelle vorsprichst und den Grund angibst. Ich meine, in diesem Fall muss man doch ein Einsehen haben. Zumal es mit unserem Jüngsten auch wieder schlimm geworden ist. Man rät mir, das Kind in Gips legen zu lassen, aber ich möchte doch lieber Dein Kommen abwarten, dass Du noch vorher mit Herrn Professor in der Kinderklinik sprechen könntest. Du weißt ja, was es für unser Kind bedeutet, und ich möchte mich dafür nicht gerne allein entschließen. Heute habe ich Post bekommen, dass dein Bruder Rolf bei den Kämpfen bei Wowonesch verwundet wurde. Er hat einen Schulter- und Oberarmschuss, sowie Granatsplitter in Brust, Oberschenkel und beiden Händen. Wir alle hoffen, dass es nicht lebensgefährlich ist. (...)“

Im zweiten erhaltenen Brief vom 22. Juli 1942 werden ihre Bitten noch flehentlicher. Sie scheint die Belastungen alleine kaum mehr aushalten zu können.

„(...) Komm bald, ehe es für immer zu spät ist. Ich warte dringend auf Dein Kommen, denn der Zustand unseres kleinen Lieblings hat sich sehr verschlimmert. Ich nehme doch an, dass man in diesem Falle ein Einsehen haben muss. Es ist für mich nicht leicht, mit all diesen großen Sorgen allein zu stehen. Ich wäre ja so froh und dankbar, wenn man es Dir möglich machen würde, für einige Zeit in Urlaub zu fahren, wer weiß, ob Du sonst Dein Kindchen noch einmal sehen wirst.

Und unsere geliebte Mutter verlangt so sehr nach Dir. Es ist furchtbar zu sehen, wie sie leiden muss, und ohne helfen zu können mit ansehen muss, wie der unerbittliche Tod immer näher zu ihrem Herzen kommt.

Die große Sorge um die fünf Söhne (sie zählte ihre Schwiegersöhne dazu), die draußen stehen, beschleunigen die Krankheit noch mehr. Die furchtbare Verwundung von ihrem Sohn Albert, der den rechten Arm verloren hat, hat sie ja schon ins Herz getroffen.

Ja, mancher Mutter wird dieser Krieg das Herz brechen. Und manche Mutter vollbringt Heldentaten, wenn ihre Söhne einer nach dem anderen in den Krieg ziehen müssen. (...)

Ich warte jeden Tag auf Dich und hoffe ganz fest, dass Du mir in meinen großen Sorgen bald beistehen kannst.“

Die Großmutter starb – 60-jährig – am 25. Januar 1943. Sohn Manfred starb am 29. Juli 1943, drei Tage vor seinem dritten Geburtstag in einem „Kinderheim“ unter merkwürdigen Umständen.


Werner und Manfred


Clara und Werner

No 50, (Fautenbach), Donnerstag, den 3. August 1944

Mein Herzliebster!

Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber einen Brief an meinen Liebsten werde ich wohl noch fertig bringen. Wir haben heute vier Wagen voll Weizen geholt und einen Acker weggemacht, jetzt ist es schon halb zehn, bis ich endlich hereinkomme. Werner liegt schon seit halb neun Uhr im Bett. Ich hab ihm mein altes Bett, wo ich schon drin gelegen habe, im Schlafzimmer aufgeschlagen. Er freute sich, als er es gesehen hatte. Untertags geht er in den Kindergarten, damit er Spielkameraden hat. Er hatte ganz viel Heimweh nach Offenburg, nach seiner Heide und dem Frieder, seit er aber in den Kindergarten geht, ist es doch etwas besser.

Heute war Sonnentagsfest im Kindergarten, da gab es Himbeereis und ein(en) Sonnentagsstecken mit einer Brezel dran. Er war ganz glücklich. Er isst Obst in rauen Mengen und seine viel geliebte Flasche mit richtiger Vollmilch trinkt er morgens und manchmal sogar noch abends und lässt sich nicht erschüttern, wenn ihn die anderen auch noch so sehr auslachen deswegen. Als er gestern Mittag in den Kindergarten ging, sagte er: „Mutti, gelt drückst Daumen, dass ich wieder gut heimkomme!“ Ich habe so gelacht. Einen guten Schutzengel hat er schon oft gehabt, sonst wäre er vielleicht schon nicht mehr da. Er ist kürzlich vom Pritschenwagen heruntergefallen während dem Fahren bei s’Ganterbecke. Ich fahre zufällig mit Rosel hinterher, sehe Werner fallen hinter dem Ross hinunter, werfe mein Rad weg und ziehe Werner unter dem Fuhrwerk hervor. Das rechte Rad ist ihm gerade zwischen die Beinchen gefahren. Gemacht hat es ihm Gott sei Dank weiter nichts als ein paar Prellungen und (…) eine kleine Zerrung. Er konnte am Nachmittag schon wieder herumspringen. Brauchst Dir also keine Sorgen machen. Aber meinen Schreck kannst Du Dir vielleicht vorstellen! Vater sagte, ich wäre weiß gewesen wie die Wand, und es ist uns beiden nicht erklärlich, wie ich so schnell beim Werner gewesen bin. Als ich ihn ins Bett legte, nahm er Dein Bild und erzählte Dir alles. Auf einmal fing er an zu weinen und sagte: „Mutti, wenn ich jetzt tot gewesen wäre, dann hätte ich ja meinen lieben Vati nie mehr sehen können“.


Clara mit Hochfrisur

Ja, das Kind liebt Dich genauso, wie Dich seine Mutti liebt und immer und ewig nur Dich lieben wird. Viele tausend Küsse

Werner und Mutti

Aus den handschriftlich notierten Lebenserinnerungen von Clara:

„Werner hing sehr an seinem Vati. Er hatte ein postkartengroßes Foto von ihm, welches er jeden Abend beim Nachtgebet im Händchen hatte. Und bevor er sich dann zum Schlafen hinlegte, legte er das Bild auf seine Brust und achtete genau darauf, dass Vati sein Gesicht nach oben hatte, dass er besser atmen konnte. Es war rührend!

Manchmal, wenn er nachts aufwachte, kam er mit dem Bild im Händchen an mein Bett und fragte: „Hast Du Platz für uns zwei?“

Das Foto war mit der Zeit vor lauter Zärtlichkeit ziemlich mitgenommen, dass ich es ihm auf eine dicke Pappe aufklebte, er nannte es seinen „Bett-Vati“.

No 51, Sonntag, den 6. August 1944

Mein einzig Geliebter!

Ich bin so in Sorge um Dich, weil ich schon fünf Tage von Dir keine Post habe. Soeben höre ich vom 22 Uhr Nachrichtendienst, dass die Russen ja schon im Weichsel- und Memelland sind. Warschau wird auch nicht mehr lange in unserer Hand sein. Liebster, sage mir, was soll man denn noch denken?

Einesteils bin ich froh, dass ich hier oft vor lauter Arbeit keine Nachrichten zu hören bekomme, man würde sich sonst nur noch mehr sorgen und ängstigen. Wenn ich nur wieder mal ein Lebenszeichen von Dir habe, dann bin ich schon zufrieden. Ich weiß ja, dass es nicht an Dir liegt, dass Du mir schreibst, wenn Du kannst. Wenn Du von mir länger keine Post bekommst, dann weißt Du so ziemlich genau, dass mir nichts passiert sein kann, aber bei mir ist es doch umgekehrt. Vielleicht kommt morgen etwas, so hofft man von einem Tag zum anderen. Heute war so ein richtig heißer Sonntag. Ich bin nachmittags mit Werner draußen im Garten gelegen (…). Es war so nett. Werner freute sich so, dass Mutti wieder einmal Zeit für ihn hatte. Ich habe ihm die Hängematte aufgemacht, da konnte er nach Herzenslust schaukeln und Mutti lag im Gras auf einem Teppich und dachte mit Heimweh im Herzen an unseren heiß geliebten Vati. Nebenbei waren wir am Obstessen, Äpfel, Pflaumen, Zwetschgen und Brombeeren haben wir schon. Wenn ich Dir nur davon schicken könnte. (…) Mit der Ernte sind wir jetzt auch gleich fertig. Ich bin froh. Nur noch ein Acker Weizen haben wir liegen, den Hafer noch stehen.

Mein Liebster, ich bin sehr gespannt, was Du mir noch Weiteres berichten wirst über die neuen Bestimmungen für Studierende. Du hast ganz recht, wenn Du sagst, diese Chance wolltest Du sofort ergreifen, wenn es ginge.

Ach, ich denke so viel an Dich in inniger Liebe und Sehnsucht. Gelt, mit Weihnachtsurlaub wird es jetzt wohl nichts werden, solange die Sperre ist.

Oder ist bis dorthin der Krieg aus? (…)

Ach, ich bin so müde, ich schlafe dauernd ein, Du wirst es ja an der Schrift sehen. Ich küsse Dich inniglich.

Mutti und Werner

No 52, Dienstag, den 8. August 1944

Mein Liebster!

Heute sind es gerade acht Tage, dass ich von Dir keine Post mehr habe. Du kannst Dir denken, wie sehr ich in Sorge um Dich bin, ganz besonders jetzt, wo an der Düna (heute Dewa) so harte Einschließungskämpfe sind. Obwohl ich mir immer wieder sage, es kann doch nicht sein, so zittert doch mein Herz in banger Sorge um Dich, mein Glück, mein Leben, mein Alles.

Von hier sollen schon wieder drei gefallen sein; es ist s’Helmle Konrad, s’Sufers Konrad und s’Dollemaxe Maria ihr Mann. Das wären jetzt hier schon 55 Gefallene und über 20 Vermisste. Das ist doch furchtbar viel für so einen kleinen Ort.

Den 9. August 1944

Liebster, gestern Abend konnte ich vor lauter Müdigkeit nicht mehr weiterschreiben. Es war schon gleich zwölf Uhr, als ich zu Bett ging, dabei war es mir gestern gar nicht wohl, ich habe meine Tage bekommen. Ich war froh, dass ich gestern nicht so schwer arbeiten musste. Vormittags kochen und waschen und nachmittags Johannisbeeren zupfen, da konnte ich sitzen dabei. Ich will mich ja nicht beklagen, aber es strengt mich doch mehr an, als ich glaubte. Ich habe viele Arbeiten doch schon fast 10-15 Jahre nicht mehr gemacht. Frau Stehle will ich heute auch noch einen Korb Johannisbeeren schicken und, wenn es geht, noch 10-20 Eier.

Liebes, es ist gleich sechs Uhr, ich muss noch Feuer anmachen und mich richten in die Kirche, es war doch Sühnefreitag und da gehe ich noch zur Kommunion und will alle Sorgen um Dich ins Heilandsherz legen, dass Du wieder zu mir zurückkehren darfst.

Ich küsse Dich in inniger Liebe

Dein Clärle und Werner

No 53, Sonntag, den 13. August 1944

Mein Liebster!

Seit Dienstag bin ich nun nicht mehr zum Schreiben gekommen, aber es war mir fast unmöglich, die Arbeit häufte sich so sehr. Dazu hatte ich noch meine Tage, dass ich abends einfach nicht mehr schreiben konnte und todmüde ins Bett fiel. Gestern, an meinem Namenstag, wollte ich Dir unbedingt ein paar liebe Worte schreiben, aber es war dann schon halb ein Uhr, als wir endlich mit der Arbeit fertig waren. Der gestrige Namenstag wird mir überhaupt denken. Es war der heißeste Tag und wir mussten drunten auf der Langhurst Hafer holen. Ich sage Dir, so was habe ich noch nicht mitgemacht, so furchtbar heiß und dann noch die vielen Bremsen. Annemarie und ich waren allein, Rosel, unsere Haushaltshilfe, ist schon fünf Tage krank. Sie hat einen schlimmen Fuß. Morgen muss der Arzt kommen. Ich habe aber auch viel Freude gehabt an meinem Namenstag. Schon am Abend vorher waren mein Bruder Johannes und Lena da. Er musste am Samstag, den 12. wieder fort. Sie brachten mir ein schönes Blumensträußchen von Rosen und Nelken. Wir hatten dann Apfel- und Brombeerkuchen und Kaffee. Als ich am Samstagmorgen in die Küche kam, brachte mir Werner einen großen Strauß und wünschte mir den Namenstag an, ebenso Annemarie. Im Laufe des Vormittags kamen dann meine drei Patenkinder und wollten mir gratulieren. Sie brachten mir ein Körbchen mit wunderschönen Pfirsichen, einen schönen Rosenstrauß und ein Paket mit bestem Lockenwachs (Friedensware). Ich habe mich wirklich sehr, sehr gefreut. Und heute machte Annemarie mir zu Ehren sogar noch Vanilleeis. Ich bin so glücklich und froh, trotz der vielen anstrengenden Arbeit (…). Sogar Martha hat mir aus dem Kloster geschrieben. Wenn ich noch von Dir Post bekommen hätte, wäre es trotz aller Hitze und schweren Arbeit ein wunderschöner Tag gewesen. Seit Deinem Brief vom 30.7. habe ich große Sorge um Dich. Ach, mein Schatz, es wird Dir doch nichts zustoßen! Nein, es darf nicht sein, ich will mit meinen Gedanken immer bei Dir sein und Dich stark machen. Immer sollst Du denken, wie sehr ich auf Dich warte in Liebe und Sehnsucht.

Heute habe ich von unserer Nachbarin Frau Faller eine erfreuliche Nachricht bekommen, denke Dir, sie hat Post bekommen von ihrem Mann. Wie sehr ich mich darüber freue, kann ich gar nicht sagen. Mir liefen die Tränen über die Backen, als ich es gelesen hatte. Er ist in amerikanischer Gefangenschaft und es geht ihm gut.

Dass Straßburg angegriffen wurde und Karlsruhe wieder, wirst Du ja gehört haben. Es hat ganz furchtbar gemacht hier. Wir hatten eine Angst! Auch Offenburg soll etwas abbekommen haben am Güterbahnhof. Das Münster in Straßburg ist schwer beschädigt. Den ganzen Tag konnte man den Brand in Straßburg sehen.

Kommende Woche gehe ich wieder nach Offenburg für acht Tage. Werner hat so Heimweh, weißt, der Opa nimmt ihn sehr streng in Zucht. Nun ist es schon wieder halb zwölf Uhr. Heute Nachmittag haben wir alle geschlafen vor lauter Übermüdetsein. Frohe Sonntagsgrüße von uns allen, besonders von Werner und Mutti.

No 54, Dienstag, den 15. August 1944

Mein Liebster!

Wenn auch alle sagen, es sei verrückt, fast jeden Tag zu schreiben, so will ich doch meine gewohnten Schreibzeiten einhalten und Dir, meinem liebsten Menschen, den ich noch auf der Welt habe, ein liebes Briefchen schreiben. Ach, ich denke ja nur noch an Dich, zu jeder Stunde sind meine Gedanken bei Dir. Wenn ich jetzt auch oft so müde bin, dass mir alles zu viel ist, aber meine Gedanken sind immer unterwegs zu Dir. Immer denke ich in inniger Liebe und Sehnsucht an Dich. Ich verfolge ängstlich den Wehrmachtsbericht und habe so große Sorge um Dich. Nun sind die Amerikaner auch im Süden Frankreichs gelandet. Und in Polen, besonders im Nordabschnitt der Ostfront geht es ganz furchtbar zu. Ich habe so Angst, dass Ihr eingeschlossen werdet oder schon seid.

Gebe Gott, dass Du wieder zu uns zurückkehren darfst. Werner und ich beten ja so fest für Dich, dass doch unserem allerbesten, heiß geliebten Vati nichts passiert.

Wie würde es uns beiden gehen, wenn wir allein bleiben müssten! Ach, ich möchte gar nicht daran (denken), viel lieber denke ich mir aus, wie es einmal sein wird, wenn wir drei wieder für immer beisammen sein dürfen und ein glückliches und zufriedenes Familienleben begehen können.

Wir beide küssen Dich inniglich

Werner und Mutti

No 55, Freitag, den 18. August 1944

Mein liebster, liebster Schatz!

Heute hatte ich einen großen Glückstag, denke Dir, ich bekam von Dir heute drei Briefe, vom 1., 4., und vom 6. und gestern noch einen vom 31. Juli.

Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich gefreut habe, endlich wieder mal Post von Dir zu haben. Du Armer, hast von mir so lange keine Nachricht gehabt. Ich kann mir denken, wie schwer es für Dich gewesen sein muss, als alle Kameraden Post bekommen haben und Du leer ausgegangen bist. (…) Wir haben viel Arbeit und im Übrigen geht es sonst ganz gut. Ich halte mich sehr zurück und unterstelle mich Annemarie ganz. Ich merke, dass sie sehr froh ist, dass ich da bin und ihr manches abnehme. Auch Vater ist es sehr recht. Rosel ist jetzt schon acht Tage krank, und da müsste Annemarie alles allein tun. Ich wollte so gerne diese Woche nach Offenburg gehen, aber jetzt muss ich warten, bis Rosel wieder gesund ist. Zurzeit sind wir dabei, Rüben zu hacken und Zwetschgen runter zu machen. Heute hatten die Nachbarn Silberhochzeit und Lisbeth Verlobung mit einem Metzger aus der Nähe. Ich habe einen großen Strauß Gladiolen geschenkt und Werner hat ein Gedicht gesagt. Sie haben sich sehr gefreut.

Liebes, mit den Bildchen hast Du mir eine sehr große Freude bereitet. Ich danke Dir dafür. Werner hat Dich auf allen sofort erkannt.

Annemarie hat auch schon drei Wochen keine Post mehr. Der letzte Brief war ein Abschiedsbrief, sagt sie. Hubert schreibt immer, er kommt nicht mehr. Annemarie kann ihm auch nicht schreiben, weil er angeblich eine andere Feldpostnummer bekommt. Ich bin nur gespannt, wie das noch endet. Ich schreibe Dir am Sonntag wieder. Behalt mich lieb, so wie ich Dich!

Es küsst Dich Werner und Mutti

Den großen Brief vom 2. habe ich noch nicht erhalten. Es ist jetzt gerade halb ein Uhr nachts, ich bin müde.

No 57, Mittwoch, den 23. August 1944

Herzliebster!

Heute nur einen kurzen Gruß. Es ist schon spät und ich muss morgen früh aufstehen, denn ich will um 6.20 Uhr nach Offenburg fahren. Endlich ist Rosel wieder gesund, dass ich vor dem Öhmden doch noch ein paar Tage heim kann. Werner freut sich wie ein König, weil er wieder nach Offenburg darf. Ich selbst freu mich auch, weil ich mir dann die Zeit zum Schreiben nicht so stehlen muss. Dann will ich Dir einen richtigen Liebesbrief schreiben. Deine Mutter hat auch Deinen Brief vom 2.8. erhalten. Sie lässt Dich grüßen und Dir danken. Sie hat für Dich eine neuntägige Andacht gemacht, als sie hörte, dass Ihr eingeschlossen seid. Ja, Deine Mutter betet viel, für Dich ganz besonders.

Habe heute für Familie Stehle zwei Körbe Zwetschgen und zwei Körbe Birnen besorgt. Ein Auto fährt runter und nimmt alles mit. Die werden sich ganz bestimmt freuen über die feinen Birnen, ganz besonders, da doch alles gesperrt ist. Es darf kein Obst mehr versandt werden.

Ach Du, ich freu mich so auf mein Heim und auf die paar ruhigen Tage. Die letzte Zeit hat es mich schwer geschlaucht. Wir haben eine Affenhitze, in unserem Hausgang steigt das Thermometer auf 45 Grad. Es ist fast nicht zum Aushalten. Und nun mein Herzliebstes, bis morgen viele, viele Küsse

von Werner, Fredle und Mutti

Ich freu mich aufs Grab, ich hab so Heimweh.

No 59, (Offenburg), Sonntag, den 27. August 1944

Mein Herzliebster!

Ein herrlich schöner Augustsonntag naht seinem Ende. Wir sind um zehn Uhr abends erst heimgekommen, von einem wunderschönen Spaziergang. Alle zusammen waren wir im Durbacher Wald, um Erika zu suchen. Onkel Wilhelm, Hilda und ihre Mutter und ich mit den Kindern. Um vier Uhr gingen wir fort. Es war heute nicht ganz so heiß wie all die Tage her, der Himmel war bedeckt, mit etwas Wind. Die letzten Tage war ja hier eine mörderische Hitze. Und Regen wäre dringend nötig. Ich hab die ganze Zeit heute Nachmittag an Dich gedacht, wie schön wäre dieser Spaziergang erst gewesen, wenn Du hättest dabei sein können.

Weißt Du noch, wie wir beide einmal Erika gesucht haben in Zell-Weierbach ?

Wie war es damals so schön. Wird diese Zeit auch wieder einmal kommen? Oder stehen wir dieser Zeit näher denn je? Wer kann es wissen? Heute hatten wir schon ein paar Mal Fliegeralarm. Als wir heute Abend heimwanderten, sahen wir hinter Straßburg einen Großbrand. Die Flieger müssen dort schwer gehaust haben. Wie lange wird es noch gehen, bis wir von Frankreich her wieder den Kanonendonner hören? Oder gar, bis wir auch zu den Flüchtlingen gehören, die jetzt schon in Straßburg sind? Herr Bader sagte gestern zu mir, dass er schon sein Auto startbereit hält, für alle Fälle. Nun ja, ich will gar nicht mehr davon schreiben. Wie es kommen muss, so kommt es.

Eigentlich wollte ich heute Abend schon wieder heimfahren, aber dann hätte ich keinen gemütlichen Sonntag gehabt. Sie werden ja schon enttäuscht gewesen sein heute Abend, als ich nicht gekommen bin. Ich fahre erst morgen um elf Uhr. Es fällt mir eigentlich wieder recht schwer, wie schön könnte ich es hier haben!

Die Hitze in den letzten Tagen hat mir schwer zugesetzt. Jetzt geht es ans Öhmden

Es geht sonst ganz gut daheim. Sie sehen halt, dass ich eine große Hilfe bin. (…)

Denk Dir, Haasauguste Toni muss jetzt auch fort, jetzt wird der Sieg bald unser sein, meinst Du nicht auch?

Gestern ist auch Dein Päckchen angekommen mit dem Tabak, vier Rollen Drops und drei Stück Seife. Wir haben uns sehr, sehr gefreut, besonders die Gutsele, denn wir haben schon lange kein Stäubchen Zucker mehr. Den Tabak werde ich verteilen, wie Du es geschrieben hast. Und nun gute Nacht, mein heiß Geliebter, Du. Ich hoffe, dass ich morgen daheim einige Briefe von Dir antreffe, ich freue mich jetzt schon darauf. Tausend innige Küsse von Werner und Mutti

Morgen früh bring ich einen Strauß Erika auf Fredle’s Grab.

No 60, (Fautenbach), Donnerstag, den 31. August 1944

Mein innig geliebter, allerbester Alois,

als ich am Montagabend von Offenburg zurückgekommen bin, waren nicht weniger als vier Briefe von Dir da. Es sind die Briefe vom 2., 8., 16. und 17. August. Und gestern bekam ich schon wieder zwei, vom 20. und das Briefpäckchen für unseren lieben Werner.

Mein Lieber, ich danke Dir inniglich für diese vielen Briefe, besonders für den ausführlichen vom 17. und den lieben, lieben Brief vom 20. Ich werde an Werners Geburtstag ihm die lieben Zeilen von seinem heiß geliebten Vati vorlesen. Wie wird er sich dann freuen, und wie werden seine lieben Äuglein dann wieder strahlen und leuchten, wenn er hört, wie lieb sein Vati an ihn denkt und mit ihm spricht.

Auch mich ergreift es jedes Jahr von Neuem in den Geburtstagsbriefen, die Du mir immer zu den Geburtstagen unserer Kinder schreibst, wie sehr Du es zu schätzen weißt, was eine Frau auf sich nimmt, wenn sie wieder zu einem neuen Leben „Ja“ sagt. Ich danke Dir dafür mit all meiner Liebe, mit meinem ganzen Leben, das ja nur noch Dir, Dir ganz allein gehört. Ich will Dich immer noch lieber haben, wenn das überhaupt noch möglich sein kann, dass meine Liebe zu Dir noch größer und schöner werden wird.

Mein liebster, teuerster Lebenskamerad, und nun will ich Dir Antwort geben auf Deinen großen und ausführlichen Brief vom 17.

Ich bin angenehm überrascht über Deine Antwort, die Du vom Reichsstudentenwerk erhalten hast. Ja, diese Gelegenheit ist mehr als günstig für Dich. Wenn alles klappt, wie Du es voraussetzt, dann wäre es ja schade, wenn wir nicht mit beiden Händen zugreifen würden, um das zu erreichen, was Du als deinen Beruf erkannt hast, um Deinem Leben den großen und tiefen Inhalt zu geben, den es nach Deiner Veranlagung und Gabe vom Schöpfer verliehen bekommen hat.

Du musst (Dir) nur über eines im Klaren sein, ob Du den großen Anforderungen des Studiums gewachsen bist. Und ob Dich nicht das ruhige, beschauliche Leben bei der Krankenkasse allzu sehr locken wird.

Dass ich immer und in jedem Fall an Deiner Seite stehen werde und Dich ermuntern, aufrichten und Dir helfen werde, wo ich kann, das weißt Du ja, das brauche ich nicht extra zu betonen. Dass Du es schaffen wirst, da habe ich keine Bedenken, dafür bist Du mir viel zu klug. Also nur frischen Mut, frisch gewagt ist halb gewonnen. (…)

Sobald ich wieder nach Offenburg komme, will ich mal die Bescheinigung suchen. In der Schatulle ist sie nicht, die habe ich bei mir. (…)

Wir sind zurzeit mitten im Öhmden. Gestern Abend war es zu spät zum Schreiben, ich bin darum heute früh um fünf Uhr aufgestanden, dass Rosel den Brief mitnehmen kann, wenn sie die Milch fortbringt.

Ich muss Dir etwas beichten, ich habe dem Stani, unserem Gefangenen, ein Hemd mitgebracht von Deinen. Er hat mich so lang mal drum gefragt, auch um Schuhe und Hose. Der tat mir so leid. Nun hat er sich so gefreut, dass er mir fürs Kind eine große ein halb Pfund Tafel Schokolade gebracht hat. Ist es Recht, dass ich es genommen hab?

Erst wollte ich nicht, aber es hätte ihn gekränkt, wenn ich es nicht genommen hätte. Er hat so schlechte Schuhe. Soll ich ihm Deine alten, die hellgelben geben?

Ich hab Dich ja so lieb und küsse Dich von uns beiden

Mutti und Werner

No 62, Sonntag, den 3. September 1944

Mein Liebster!

Ich komme gerade von der Nachmittagsandacht und vom Friedhof. Es ist jetzt halb vier Uhr nachmittags, ein kühler und regnerischer Sonntag. Ein Glück, dass diese Affenhitze vorbei ist und man sonntags nicht mehr so müde ist.

Ich will Dir nun erzählen, was sich in den letzten Tagen hier zugetragen hat. Wir sind z.Zt. noch mitten im Öhmden. Als ich am Freitag auf der Rittmatte war, kam Vater mit dem Rad gefahren, ich sollte sofort nach Offenburg, Frau Faller hätte telefoniert, mein Einmachschrank im Keller wäre umgefallen. Ich glaubte, mich trifft der Schlag, hatte ich doch noch kein Jahr so viel eingekocht als dieses Jahr, dass ich doch etwas Feines habe, wenn mein lieber Schatz im Winter kommt. Ich weinte wie ein Kind, das kann ich Dir sagen. Aber wir hatten so viel Heu liegen, dass ich nicht gut gleich gehen konnte, ich dachte, was kaputt ist, ist kaputt, ob ich jetzt gleich gehe oder heute Abend. Nun bin ich am Freitagabend mit dem Rad gefahren, weil die Züge so viel Verspätung haben wegen dem Fliegeralarm. Und wie ich rauf kam, sah ich die Bescherung, ich sage Dir, das Bild werde ich so schnell nicht vergessen. Alles Durcheinander, Beeren, Kirschen, Erbsen, Gelbrüben, Bohnen, Pfirsich, Zwetschgen, Blumenkohl, Kohlrabi, Mirabellen usw., dazwischen Scherben und Gummiringe. Die Tränen liefen mir über die Backen, all die viele Arbeit und alles Abschleppen um jeden Korb Obst umsonst. Es waren circa 30 Gläser und 20 Flaschen kaputt mit Saft und Heidelbeeren und Apfelkompott, das ich in Flaschen hatte.

Und weißt Du auch, wie es passiert ist? Die Mäuse hatten (ihn) unterwühlt, und da hat sich der schwere Schrank gesenkt und ist gerade vornüber gerutscht. Aber es ist keine Schlacht so groß, es kommt immer noch etwas davon. Es ist ja nicht zu glauben, dass trotz allem noch 24 Gläser und 10 Flaschen ganz geblieben sind. Ich bin froh, dass ich fürs Kind noch ein paar Flaschen Saft habe.

Nun, es geht mir, wie Vater gesagt hat, vielleicht ist bis in 14 Tagen alles andere auch durch Bomben kaputt. Denn bei uns sieht es genauso aus wie vor fünf Jahren.

Überall Militär und Flüchtlinge. In Offenburg ging es ganz toll zu in den letzten drei Tagen. So viel Militär habe ich noch nie gesehen mit allen Waffen und Geschützen. Alles wird von Frankreich herübergeschafft an Heeresgut und Material, die Fahrzeuge und alles getarnt. Viele Lazarettautos mit Verwundeten kamen. Es ist ein aufregendes Bild.

Zu allem mussten am Freitag sämtliche Jungen von 13 bis 16 Jahren einrücken. Von Offenburg und Umgebung allein 4000 Jungen. Die Dortmunder sind auch dabei. Sie alle kommen nach Frankreich und müssen schanzen. Stell Dir vor, Kinder, wie der kleine Hans-Jörg und Schanzen! Sie zittern und beben vor lauter Angst, wenn sie los müssen. Es ist ja bei uns jetzt dasselbe wie in Russland.

Alles glaubt, dass wir auch noch fort müssen, aber ich gehe nicht, ich gehe wieder nach Offenburg, wenn es brenzlig wird, und hüte meine Wohnung.

Was meinst Du? Aber nein, ich kann Dich ja nicht fragen, bis der Brief Dich erreicht, ist es schon zu spät, muss ich ja schon entschieden haben. Ach, wenn Du jetzt nur bei mir sein könntest, dann wäre ich viel ruhiger. Jetzt ist es halb sechs Uhr, ich gehe noch ein wenig zur Luise, dass ich auch noch ein wenig Sonntag habe. Ich schreibe Dir morgen wieder. Was wird bis zum nächsten Sonntag sein?

(Auf der ersten Seite am Rand geschrieben:)

Denke Dir, Dürers Rudi ist gefallen. Ich leg Dir morgen den Brief bei.

No 64, Donnerstag, den 7. September 1944

Heute will ich gleich wieder morgens schreiben, es geht doch besser als abends, wo ich immer so müde bin. Die anderen sind am Öhmd abladen, da kann ich schön ungestört schreiben. Wir sind jetzt Gott sei Dank fertig mit dem Öhmden. Es ist auch gut so, denn zurzeit werden so viele Männer und Frauen wieder geholt zum Schanzen in Kehl. Auch haben wir in Fautenbach wieder Einquartierung. Alles genau wie vor fünf Jahren. Man weiß gar nicht, für was man arbeitet, ob es überhaupt noch einen Wert hat. Gestern waren die Flieger wieder so nahe und so nieder, dass wir im Feld in Deckung mussten. Kehl und Straßburg sind wieder bombardiert worden. Und vorgestern Karlsruhe. Die Südstadt und der Bahnhof sollen jetzt vollends kaputt sein. Der Eisenbahnverkehr ist sehr stark eingeschränkt und geschädigt. Von den Jungens, die zum Schanzen nach Frankreich gekommen sind, sind auch viele umgekommen, der Zug wurde gesprengt. Hauptsächlich Karlsruher Jungens soll es gekostet haben. Ich glaube bestimmt, dass es nicht mehr lange geht, so wie es jetzt steht. Diese Woche wurden wieder zwei vermisst gemeldet: Rotmundes Philipp (bei Minsk) und s’Heine Konrad, und von Seemanns ist der zweite gefallen.

Man ist so voller Spannung und Erregung, jeden Tag meint man, es müsste sich etwas Außergewöhnliches ereignen und doch ist es immer dasselbe, aber man fühlt es, es kommt etwas ganz langsam und kriechend auf einen zu, ohne dass man es abwenden oder bekämpfen kann. Es ist nur gut, dass man so viel Arbeit hat, dass man nicht ins Grübeln kommt.

Aber nun genug von Krieg und Elend und Not. Nun wollen wir beide zueinander sprechen.