Günther F. Klümper

Ein Pimpf erinnert sich

AQUENSIS Menschen

120 Seiten, Softcover, 12,5 x 19,5 cm, historische private S/W-Fotos ISBN 978-3-937978-40-6, Aquensis, 9,80 Euro

Wie alles begann

Als „Pimpf“ erlebte der Autor die deutschen Schicksalsjahre ab 1933 und blickt als Zeitzeuge rund ein dreiviertel Jahrhundert später noch einmal auf ganz persönliche Weise auf jene schicksalhafte Zeit zurück.

Er berichtet von seinem „ganz normalen Leben“ und den Befindlichkeiten eines Jungen in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts und wie sich die schicksalhafte Wendung unmerklich nach und nach in dieses Leben einschleicht.

Dieser Rückblick ist sowohl ein Bekenntnis eigener Verblendung, als auch ein Aufruf zu kritischer Wachsamkeit“, sagt Günther F. Klümper, „und wenn das Buch in diesem Sinne gelesen wird, dann hat es seinen Zweck erfüllt, denn die Geschichte lehrt uns, dass keine Generation dagegen gefeit ist, die Irrtümer vorhergehender Geschlechter ganz zu vermeiden – die Botschaft ‚Wehret den Anfängen!‘ muss immer wieder aufs Neue verkündet werden.“

Günther F. Klümper

Das kleine Badebrevier

Schmunzelnd gereimte Beobachtungen eines Badelustigen

72 Seiten, zahlreiche Farbfotos, Softcover, Format 11 x 21 cm, ISBN-13: 978-3-937978-56-7, Aquensis, 6,80 Euro

Das Buch

„Man schnell entkrampft, wo’s mächtig dampft ...“

Der Baden-Badener Autor Günther F. Klümper hat sich hier schmunzelnd des besonderen Badevergnügens in Caracalla Therme und Friedrichsbad der internationalen Bäderstadt angenommen. Genau beobachtend und mit einem Augenzwinkern führt er – kenntnisreich und voller Elan – den Leser durch Baden-Badens berühmte Bäder.

Gekonnt stilsicher und mit Wortwitz bereitet der Autor so dem Leser ein literarisches Badevergnügen in Versform, garniert mit vielen anregenden Farbfotos und interessanten Informationen.

„Das kleine Badebrevier“ mit seinen schmunzelnd gereimten Beobachtungen eines Badelustigen ist ein ideales Andenken, um sich mit einem wohligen Lächeln an das Baden in Baden-Baden zu erinnern und ein wenig vom „Urlaub vom Alltag“ zu schwärmen.

Günther F. Klümper

Die Sagen der Trinkhalle Baden-Baden

Darstellung und Spurensuche

Mit 14 Balladen, 2. Aufl., Softcover, 14,8 x 21 cm, 116 Seiten, zahlreiche Fotos, ISBN 978-3937978-12-3, Aquensis Verlag, 9,80 Euro

Die 14 großen Wandbilder von Jakob Götzenberger aus dem Jahr 1844 im Wandelgang der historischen Trinkhalle gehören zu den bekanntesten Darstellungen in Baden-Baden. Der Autor hat die hier dargestellten Sagen und Legenden in eigener Fassung erarbeitet, dargestellt und sie daneben noch zusätzlich in Balladenform gekleidet. So entstand ein Buch, das zugleich Darstellung und Spurensuche ist und das dazu anregt, einen „Streifzug durch die sagenhafte Welt“ rund um Baden-Baden zu unternehmen.

Auch als Hörbuch und englische Ausgabe. Madeleine Klümper-Lefebvre

Madeleine Klümper-Lefebvre

Les Légendes de la Trinkhalle Baden-Baden

Softcover, Format 14,8 x 21 cm, 96 Seiten, zahlreiche Farbfotos, ISBN 978-3-937978-60-4, 9,80 Euro im Buchhandel

Badische Sagen in französischer Sprache interpretiert: Madeleine Klümper-Lefebvre, seit vielen Jahren sehr erfolgreich engagiert für den deutsch-franzö-sischen Kulturaustausch, hat sich diesem Thema angenommen und ihr literarischer Text regt auch französisch-sprachige Leser an zu einem Streifzug durch die „sagenhafte badsische Welt“. So ist dieses Buch eine ideale Lektüre, um sich mit der literarischen französischen Sprache zu beschäftigen und dabei gleichzeitig ein Stück Heimatgeschichte kennenzulernen.

Im Buchhandel und www.baden-baden-shop.de

Aquensis Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH
www.aquensis-verlag.de - aquensis@presse-baden.de

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Impressum

Günther F. Klümper:
Du bist nichts, Dein Volk ist alles! – Erinnerungen eines jugendlichen Zeitzeugen 1937 – 1941

Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2012

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, photomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

Alle Fotos: Privat-Archiv Günther F. Klümper
Lektorat: Gereon Wiesehöfer
Satz: Schauplatz Verlag & Werbeagentur, Baden-Baden
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783954570096

www.aquensis-verlag.de
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Günther F. Klümper

Du bist nichts,
Dein Volk ist alles!

Erinnerungen eines jugendlichen Zeitzeugen 1937 – 1941

AQUENSIS
Menschen

Günther F. Klümper

Jahrgang 1923, lebt seit 1986 in Baden-Baden. Nach einem Studium in Anglistik, Romanistik und Germanistik lehrte er drei Jahrzehnte lang an Höheren Schulen im In- und Ausland außer in seinen Fächern noch Philosophie und Kunstgeschichte. Seit seiner Pensionierung gehören Lesen und Schreiben zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

Vorwort

Dieses Buch ist die Fortsetzung des ebenfalls im Aquensis Verlag Baden-Baden im April 2009 unter dem Titel „Ein Pimpf erinnert sich – Deutsche Schicksalsjahre ab 1933, Erinnerungen eines Zeitzeugen“ erschienenen Veröffentlichung.

Inzwischen sind drei Jahre ins Land gegangen, in ein Land, das sich in seinem politischen Gefüge als gefestigte Demokratie versteht. Trotzdem lassen uns die Gewalttaten, die von einem Häuflein unbelehrbarer Randalierer immer wieder begangen werden, aufhorchen, wenn sie uns nicht gar aufschrecken. Deshalb gilt für den Verfasser dieses kleinen Buches, dessen Entstehung der Verleger Manfred Söhner und als Lektor Gereon Wiesehöfer mit sachkundigen Anregungen kritisch begleitet haben, immer noch die im Vorwort zum „Pimpfen“ erhobene Mahnung, dass man auch heute noch den Anfängen wehren sollte.

Die durch die Parteien laufende Diskussion darüber, ob man extremistisch orientierte und am Rande der Gesellschaft stehende Parteien verbieten sollte oder lieber nicht, ist symptomatisch für die Unsicherheit, die darüber in vielen Kreisen herrscht.

In erster Linie aber geht es dem Verfasser darum, die über die Jahre verblassten Erinnerungen zu aktualisieren, um sie einem interessierten Leserkreis mitzuteilen. Es ist ein Versuch, darzustellen, wie die meisten Jugendlichen damals das 1000-jährige Reich wahrgenommen haben, wie sie sich unkritisch von einer fatalen Ideologie haben vereinnahmen lassen. Vor dem Hintergrund der „großen“ Geschichte, ist eine Folge von persönlichen kleinen Geschichten entstanden, wie sie Großväter ihren Enkeln zu erzählen pflegen.

Baden-Baden, im Januar 2012
Günther F. Klümper

„Interessant ist Zweigs Versuch, die psychologischen Wurzeln der modernen Diktatur zu analysieren. Nach seiner Meinung gründet sich die Herrschaft der Diktatoren auf die Sehnsucht der Menschen nach einem unproblematischen und unkomplizierten Dasein. Ein Volkserlöser macht sich diese Sehnsucht zunutze, indem er den latenten Idealismus der Massen durch eine neue Ideologie aktiviert, so lange bis die Menschen ihre Freiheit mit Lust aufgeben. Dann aber wird Idealität zur Brutalität und Majorität in Totalität verwandelt.“

aus: Stefan Zweig, rororo Monographie von Hartmut Müller, 1988, S.103

Der Pimpf wird älter

Auch Pimpfe wurden älter und hatten in einem tausendjährigen Reich noch eine lange Zukunft vor sich. Im damaligen politischen System wurden sie, nachdem sie vier Jahre lang ihrem über alles geliebten Führer als Pimpfe gedient hatten, der eigentlichen Hitlerjugend eingegliedert. Ein Reichsjugendführer, der sich mit seinen Helfern und Helfershelfern wie ein Übervater um sie sorgte, achtete darauf, dass sie dem Staat nicht verloren gingen und auf dem einmal eingeschlagenen Gleis in die Großdeutsche Zukunft dampften. Als Westernliebhaber stolperte unser Pimpf dann später naturgemäß und naiv durch den Krieg.

Auf dem Weg zur Hitlerjugend

Wieder einmal wurden wir zur Treue verpflichtet, wieder einmal durften wir in einer feierlichen Zeremonie die linke Hand auf die schwarz-weiß-rote Fahne mit dem nicht zu übersehenden Hakenkreuz im weißen Feld und dem brandroten Drumherum legen und mit dem erhobenen Zeige- und Mittelfinger der hoch erhobenen Rechten dem Großen Vorsitzenden ewige Treue schwören: „Ich verspreche, in der Hitlerjugend allzeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer, so wahr mir Gott helfe“. Die Bitte um transzendente Unterstützung („so wahr mir Gott helfe“) soll später gestrichen worden sein. Man kann nur rätseln, weshalb. Nach der Eidesleistung war des dauernden Herummarschierens kein Ende mehr. Bei Trommelwirbel und Fanfarenklängen durften unsere Herzen höherschlagen. Wir sangen „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“.

Die Jugendbünde wurden aufgelöst und die „Aufgelösten“ wurden in die Hitlerjugend eingegliedert. Von einem Trauma ging es in das nächste. Schon bei meiner Geburt hatte mich niemand gefragt, ob ich zur Welt kommen und wenn, in welcher ich leben wolle. Auf das von der Psychoanalyse so genannte „Geburtstrauma“ war ein Trauma, das noch keinen Namen hatte und von dem man noch nicht wissen konnte, welche Formen es in meinem Leben annehmen würde, gefolgt.

Im noch zarten Alter von neun Jahren war ich von den Wandervögeln willkommen geheißen worden, wo ich eifrig mitmachte. Bei jeder Wanderung hatte ich meinen „Zupfgeigenhansl“, eine Liedersammlung, die im Jahre 1909 zum ersten Mal in einer Gesamtauflage von einer Million Exemplaren erschienen war, bei mir zu tragen.

Es war ein Jahrhundert der industriellen und der durch diese bedingten sozialen Umwälzungen. Viele Städte verloren ihren barocken Glanz der Gründerzeit, um trostlosen Fabrikmauern Platz zu machen. Was blieb der Jugend, die dieser Trostlosigkeit entgehen wollte, anderes übrig, als aufs trostreiche, frisch-fromm- fröhlich grüne Land hinauszuziehen, dort ihre Zelte aufzuschlagen und nach Verzehr einer nahrhaften Erbsensuppe den Zupfgeigenhansl aufzuschlagen und nach dem Klang einer Zupfgeige altes deutsches Liedgut zu neuem Leben zu erwecken. In den Schlachten des 1. Weltkrieges (1914-1918) hatte sich der „Hansl“ schon als Trostbüchlein im Trommelfeuer vor Verdun bewährt. Obwohl mein über alles geliebter Führer selbst diesen jugendbündlerischen Trost schon genossen hatte, ließ er, weiß der Teufel weshalb, die Jugendbünde mitsamt ihrem Liedgut verbieten, ein Liedgut, das so schlecht ja nicht sein konnte, weil es Anleihen bei bekannten Sammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ gemacht hatte. Beim Wandern war sogar Europa sich wieder einmal einig. Das Lied „Im Frühtau zu Berge“ war aus Schweden eingewandert. „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ kam aus Litauen. „Hab mein Wagen voll geladen“ aus den Niederlanden.

Wer kennt heute noch Hans Breuer, den Gymnasiallehrer, der 1909 den ersten Zupfgeigenhansl herausgab, und 1915 als Militärarzt gefallen ist? Er war beflügelt von der Idee, dass auch der neuzeitliche Mensch durch jenes glückliche Volksliedzeitalter hindurchgehen solle: „Jugend. Jugend ist Frühling, und wir Wandervögel sind Jugend.“ Die Helden der Lieder waren soziale Randgruppen wie Obdachlose, Landstreicher, Zigeuner und, in Erinnerung an längst vergangene Zeiten, Piraten, Wegelagerer und Straßenräuber.

Das 1000-jährige Reich begann seinen zwölfjährigen Siegeszug mit einem neuen, maßgeschneiderten Liedgut, das vergeblich versuchte, seine Anleihen beim Zupfgeigenhansl zu verleugnen. Es ließ die Jugendbewegung, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in konfessionelle Gruppierungen wie die sozialistischen „Falken“ oder die „Edelweißpiraten“ aufgespaltet hatte, verbieten, weil sie mit „ekelerregender“ Frechheit über die Hintertreppe zur Einflussnahme in die Jugendarbeit kommen wollten. Sie waren dem von der Vorsehung Gesandten in ihrer Gesinnung zu liberal, gefühlsduselig, frech und obrigkeitsfeindlich. Unsere neue, nationalsozialistische Bewegung dagegen wurde vor allem von einer gesitteten Arbeiterschaft und einer noch gesitteteren bürgerlichen Mehrheit getragen.

Einen Treueid zu brechen, so wurden wir belehrt, galt schon bei unseren direkten Vorfahren, den Alten Germanen, die am Ufer des Rheins gelegen und Met getrunken hatten, als das höchste Verbrechen, das nur durch den Tod geahndet werden konnte.

„Als die Römer frech geworden, sim, serim, sim sim sim sim,
zogen sie nach Deutschlands Norden, sim ...
vorne mit Trompetenschall, terä, tät ä tä terä,
ritt der Gen’ralfeldmarschall,
Herr Quintilius Varus, wau wau wau wau wau
Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, täng...

(J.V. v. Scheffel, 1826-1886, Komponist unbekannt, zuerst gedruckt in Dortmund 1876.)

Dass wir Nachfahren dann auch ohne Brechung besagten Eides sterben durften, war ein bedauerlicher Formfehler der Geschichte.

„Mein Kampf“

Auf den Tag genau, am 31. März 1939, als ich in mein 16. Lebensjahr einrückte, wurde die Erste Durchführungsverordnung zum Hitler-Jugend-Gesetz vom 1. Dezember 1936 erlassen. Selbst wenn ich es gewollt hätte, gab es für mich kein Entkommen. Diejenigen, die „Mein Kampf“ gelesen hatten, wussten Bescheid. Es ging meinem über alles geliebten Führer um die „Heranzüchtung gesunder Körper“, nicht um das „Einpumpen“ fragwürdiger Weisheiten. Es ging ihm „Um das Recht des Stärkeren“, um „die Vernichtung unwerten Lebens“, kurz um „das Naturgesetz des ewigen Lebenskampfes“, dem auch der Mensch unterworfen sei. Wenn ich an Hitlers Tischgesprächen hätte teilnehmen dürfen, hätte ich Profundes auf Erstklässlerniveau vernommen wie, dass „die Fliege von der Libelle, diese von einem Vogel, der wiederum von einem größeren getötet“ würde.

Mein Onkel und Henrich, meine erwachsenen Wegweiser, lasen oder blätterten nur in Broschüren für den Landwirt, im „Stürmer“ und im Kirchenblättchen. Sie hatten zwar wie jeder gute Deutsche „Mein Kampf“ zur Hand, aber wurden in der Lektüre dieses umfangreichen Werkes durch den trockenen, verschrobenen Stil so schnell entmutigt, dass sie sich hinfort mit dem Kirchenblättchen begnügten. Ihnen entging so die braune Weisheit, dass Deutschland seine außenpolitischen Ziele nur mit der Hilfe oder Duldung Großbritanniens und Italiens erreichen könne. Sie hatten auch nicht die für ein eigenes Urteil nötige Übersicht und konnten deshalb nicht ahnen, wie der Hase wohl laufen würde. Mister Goebbels unternahm mehrere Versuche, die britische Meinung zu Gunsten Deutschlands gnädig zu stimmen. 1936 wurde der irische Journalist James Murphy mit der vollständigen Übersetzung des national-sozialistischen Politschinkens beauftragt, der dann am 21. März 1939 im Londoner Verlag Hurst und Blackett erschien. Winston Churchill hatte schon 1935 seine Landsleute aufgefordert, „Mein Kampf“ zu lesen. Ich, der ich mir ahnungsvoll, die englische Sprache im Selbststudium angeeignet hatte, bekam von Martin Seligmann, den ich Onkel nannte und der rechtzeitig nach England emigriert war, ein Exemplar geschickt und stellte bei der Lektüre mit Erstaunen fest, dass Wörter wie „Weltanschauung, völkisch, sozialdemokratisch“ u.a. nicht übersetzt waren, weil es dafür offensichtlich keine Entsprechung im Englischen gab. In der Vorrede schrieb der Übersetzer, dass es seine Absicht sei, dem Leser dabei zu helfen, sich ein eigenes Urteil über „Mein Kampf“ zu bilden. Ist es nicht eigenartig, dass Ausländer uns darauf hinweisen mussten, dass unser Führer zu Recht Wiedergutmachung für das dem deutschen Volk durch den Versailler Schandvertrag zugefügte Unrecht verlangte? Hatte nicht auch Sir Neville Henderson, britischer Botschafter in Berlin, selbst geäußert, dass wir Deutschen recht hatten, als wir das Versailler Schanddiktat zerrissen? Er schränkte seine Lagebeurteilung allerdings mit der Bemerkung ein, dass wir es mit unseren Unternehmungen immer so eilig hätten, wogegen sie, die Engländer, den Galopp nicht vertrügen. Als Engländer, Pferdekenner, Fan von Galopprennen und Polospieler wusste er, wovon er sprach...

Um für diesen Lebenskampf gewappnet zu sein, bedürfe der homo sapiens, so meinte unser über alles geliebter Führer, einer neuen Moralauffassung, die sein Treuer Heinrich vor SS-Leuten einmal wie folgt umriss: „...von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 da liegen, oder wenn 1000 da liegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ (zit. Nach: Informationen zur politischen Bildung, Folge 126, Jan./ Febr. 1968, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn).

Schulische Ausbildung

Da ich garantiert reinrassig war, hätte ich eine der parteieigenen Internatsschulen besuchen können, wo ich allerdings meine moralische Integrität schon bei der Einkleidung hätte abgeben müssen. Damit sie nicht auf andere, womöglich schwarze oder rote Gedanken kommen konnten, wurden schon Zehnjährige auf NAPOLAS (Nationalpolitische Erziehungsanstalten) geschickt. Sie hatten nachzuweisen, dass ihre Vorfahren ab 1750 reinen arischen Blutes gewesen. Schon früh lernten sie dort, was es heißt, „den Tod zu geben und zu nehmen“. Die preußischen Kadettenanstalten hatten bei dieser Einrichtung, die eine zukünftige Elite heranzüchten sollte, Pate gestanden. Bis zum Abitur wurden meine Schicksalsgenossen körperlich und geistig modelliert. Auf Ordensburgen, in deren Mauern der mittelalterliche Modergeruch des Deutschen Ordens weste, wurde eine elitäre Jugend vollends zu Kanonenfutter verarbeitet.

Ich hätte mich, ich kann es nicht leugnen, gerne durch diese Mühle drehen lassen, aber mein Vater spielte Schicksal, als er mich in die Fremde schickte. Mein um zwei Jahre älterer Bruder hatte auf dem kleinen Gymnasium in unserer kleinen Stadt den Lehrern die Brocken vor die Füße geworfen, als er erkannte, dass alle Theorie grau ist und nur der goldene Lebensbaum saftig grün. Er wurde dann auch Gärtner. Der Arme hatte erhebliche Mühe, das Ansehen, das er bei seinen Erzeugern durch diese nicht standesgemäße Berufswahl eingebüßt hatte, dadurch wiederherzustellen, dass er seine Stadt im Schweiße seines Angesichts – besonders in heißen Sommern – mit im weiten Umkreis beachteten Grünanlagen verschönte. Sogar der Friedhof gedieh unter seiner grünen Hand zu einem beschaulichen Ort ewiger Ruhe. Seine dürftigen Lateinkenntnisse, die er sich anhand von Julius Cäsars <Bellum Gallicum> mit Widerwillen hatte erwerben müssen, trieben jetzt in seinem Kopf die schönsten, freiwilligen Blüten. Bis in die späte Nacht lernte er botanische Bezeichnungen, die er bei der Gesellenprüfung vorweisen musste, auswendig. Da er sein Bett mit mir teilte, appellierte er an meine brüderlichen Gefühle und bat mich gegen ein kleines Entgelt, ihm die botanischen Bezeichnungen abzufragen. Wie ein Computer, den es damals noch nicht gab, konnte er schließlich Hunderte von Pflanzennamen auf Latein hersagen. Während ich, der Jüngere, bis heute dem Gänseblümchen oder Maßliebchen treu geblieben bin, hatte sich mein älterer Bettgenosse schon früh mit der Bellis perennis angefreundet.

Unsere wissenschaftliche Zweisamkeit wurde jäh unterbrochen, als ein Bruder meines Vaters darum bat, mich unter seine Fittiche nehmen zu dürfen. Ich mochte diesen Onkel sehr und war nicht abgeneigt, die Stadtluft gegen die Landluft einzutauschen. Onkel arbeitete als Geselle in einer Schreinerei. Da den meisten in seiner Lage der Lohn nicht zum Leben reichte, mussten ein großer Gemüsegarten, eine Kuh, zwei Schweine und ich als zahlender Gast für ein Zubrot sorgen.