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Rex Richter Baden-Baden Blues

Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2011
1. Digitale Auflage 2012: Zeilenwert GmbH

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Alle Personen, Institutionen und Handlungen sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder tatsächlichen Institutionen und Einrichtungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

ISBN 978-3-937978-98-7

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Rex Richter

Baden-Baden Blues

AQUENSIS
thriller

Für meine Frau Christine
und meinen besten Freund Felix

Rex Richter wurde 1961 in Göttingen geboren. Er studierte Anglistik in Göttingen und London und entdeckte dabei seine große Leidenschaft für die Literatur. Wenn er nicht schreibt, tourt er mit seinem gleichnamigen Quintett als erfolgreicher Profimusiker kreuz und quer durch die Republik.

Vor sieben Jahren hat er in Baden-Baden seine neue Heimat gefunden. Hier spielt auch „Baden-Baden Blues“, sein erster Kriminalroman.

1

„Oh nein, das darf doch wohl nicht wahr sein.“ Mit weit aufgerissenem Mund will Hauptkommissar Harald, genannt Harry Köhler gerade in ein großes Fladenbrot mit Gyros beißen, als in seiner Jacketttasche das Handy klingelt. Er sitzt zusammen mit seiner Frau Eva bei seinem Lieblingsgriechen auf der Terrasse, mitten in Baden-Baden, in der Nähe vom Augustaplatz.

„Wer ist das denn jetzt um diese Zeit?“

„Wer soll das schon sein“, reagiert Eva genervt. „Wahrscheinlich dein lieber Kollege Linsel.“

„Eva, ich habe Feierabend!“ Mit fettigen Fingern greift Köhler in seine Jacke und befördert den Störenfried ans Tageslicht.

„Pass doch auf! Die Flecken gegen nie wieder raus, bei dem ganzen Fett.“

„Ja, Köhler hier“, meldet er sich gereizt. Tatsächlich hatte Eva mal wieder recht. „Linsel, was willst du? Ich hab keine Zeit. Heute ist Beziehungsabend.“ Im selben Moment spürt er einen heftigen Tritt gegen sein Schienbein.

„Aua – spinnst du?“, fährt er seine Frau in einer Lautstärke an, dass die anderen Gäste im Lokal erschrocken zum Tisch des Ehepaars herüberschauen.

„Alles in Ordnung, Herr Hauptkommissar?“, erkundigt sich der Kollege.

„Ja, ja, schon gut. Jetzt sag schon, was du willst!“

„Ein toter Kranich“, entgegnet Linsel aufgeregt.

„Willst du mich verscheißern? Oder bist du jetzt unter die Tierschützer gegangen. Linsel, wir sind die Mordkommission.“

Seit gut einem halben Jahr leitet Köhler die Abteilung Mord der Baden-Badener Polizei. Strafversetzt aus dem pulsierenden Hamburg in dieses Rentnerparadies im sonnigen Südwesten der Republik, wie er sich einredet. Tatsächlich ist er seiner Frau gefolgt, die schon seit Längerem als Journalistin in Karlsruhe arbeitet und in der nahe gelegenen Kurstadt eine Wohnung hat.

„Köhler, es ist Zeit, kürzer zu treten. Hamburg tut dir nicht mehr gut“, hatte sie damals gesagt und ihn zu einer Versetzung nach Baden-Baden gedrängt, wo gerade die Stelle des Leiters der Mordkommission frei wurde. Mit Mitte vierzig noch mal eine interessante neue Aufgabe in einer der schönsten Städte Deutschlands, wie sie ihm eingeredet hatte.

Bloß Morde, die gab es hier bisher noch nicht. In der Großstadt passierte täglich etwas. Und hier: tote Greise, die in ihren teuren Wohnungen an Altersschwäche verendeten. Nichts zu tun für einen ausgebufften Kriminalisten.

„Also, Linsel, dann kümmere dich mal um den toten Vogel. Und schönen Abend noch“, will er das Gespräch mit dem offensichtlich verwirrten oder betrunkenen Kollegen beenden.

„Nein, Entschuldigung, ich meine, ein Toter in der Kranichresidenz“, wehrt sich dieser.

„Was hat er denn?“, meldet sich nun auch Eva zu Wort. Sie mag den Kollegen gern, wegen seiner seriösen und netten Art. Er tut ihrem oft gereizten Gatten gut.

„Offensichtlich gibt es einen Toten in der Kranichresidenz“, antwortet Köhler.

„Das ist doch ein Altenheim. Da kommt das schon mal vor“, entgegnet Eva lächelnd.

„Oh nein, das ist heute schon der dritte verendete Rentner. Heute morgen wurde eine neunundachtzigjährige Frau auf dem Leo vom Bus erfasst. Sofort tot. Hauptkommissar Köhler war als Erster am Tatort.“

‚Leo’ nennen die Baden-Badener den Mittelpunkt ihrer Stadt, den Leopoldsplatz, auf dem der moderne Springbrunnen im Sommer die Überquerung manchmal gefährlich macht. Durch das laute Plätschern des Wassers können besonders ältere Leute mit nicht mehr so guten Ohren plötzlich herannahende Fahrzeuge überhören. Jetzt war es also passiert.

„Ein Verbrechen kann ich übrigens ausschließen“, fährt Köhler fort. „Und dann heute Nachmittag ein Toter in seinem Millionen-Bungalow in Ebersteinburg. Die Nachbarn hatten gemeldet, dass der Hund seit fast zwei Tagen ununterbrochen bellen würde. Hauptkommissar Köhler bricht die Tür auf, alles riecht nach Scheiße, und im Bett liegt ein etwa hundertjähriger Mann in seinen Exkrementen. Tot, weil Verfallsdatum abgelaufen. Keine...“

„Sei doch nicht so zynisch“, beschwert sich Eva. „Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Du hast jeglichen Respekt vor einem Menschenleben verloren. Früher in Hamburg war das noch nicht so schlimm.“

„Muss wohl an der Umgebung hier liegen!“ Er wendet sich wieder seinem Telefongespräch zu.

„Linsel, ein Toter im Altenheim. Deswegen machst du einen solchen Aufriss und störst meinen wohlverdienten Feierabend?“

„Aber die Schwester meint, da stimmt irgendetwas nicht. Irgendwas an der Leiche ist merkwürdig. Wir sollen da unbedingt vorbeikommen!“

„Na, super! Wehe, alles ist wie immer. Das schöne Gyros.“ Er blickt entschuldigend zu Eva.

„Du, Schatz, ich muss leider noch mal dienstlich weg. Linsel sagt, da stimmt was nicht. Möglicherweise Mord! Na, das wär’ ja mal was. Mein erster Mordfall in Baden-Baden.“ Ein leichtes Lächeln fliegt über sein Gesicht. Sollte er etwa doch noch mal richtig ermitteln, tatsächlich wieder zeigen können, was er drauf hat? Wichtigtuerisch steht er auf:

„Liebling, ich nehme den Wagen.“

„Du weißt doch, dass ich sowieso nicht mit der alten Schrottkarre hier durch die Stadt fahre!“

„Wie kannst du sowas sagen! Beleidige nur den Scorpion nicht, sonst sticht er dich am Ende noch!“

Köhler fährt seit gut einem Jahr einen alten Ford Scorpio, Baujahr 1989, gold-metallic Lack, Seitenschweller, kleiner Heckspoiler und Alu-Sportfelgen. Er hatte den Wagen vorm sicheren Tod in der Schrottpresse oder vor der Verbannung nach Polen oder Sibirien bewahrt. Mutterseelenallein stand er in einem Kleingarten in Hamburg-Wandsbek, schon zur Hälfte mit Gras überwuchert, als er ihn entdeckte. Bei genauerem Hinschauen stellte sich heraus, dass das Auto erst knapp 100.000 Kilometer gelaufen hatte. Den Besitzer sprach er dann eines Tages am Gartenzaun an. Dieser sagte, dass die ‚Karre’ mit einem neuen Auspufftopf und neuen Bremsleitungen wieder voll einsatzfähig wäre: „Für mich lohnt sich das nicht mehr, aber ehe ich ihn für ein paar hundert Euro nach Russland verschachere oder verschrotte, schenke ich ihn lieber jemandem, der die Qualität eines solchen Wagens zu schätzen weiß.“

Und genau dieser Jemand war Köhler. In den letzten zwanzig Jahren hatte er drei Ford-Granada besessen. Niemand verstand seine Liebe für dieses von vielen als ‚Türkenkutsche’ belächelte Fahrzeug. Der Scorpion steht dem Granada in Sachen Geschmacklosigkeit in nichts nach. Besonders hier in Baden-Baden, wo teure stilvolle Autos das Stadtbild bestimmen, wirken der Hauptkommissar und sein Gefährt wie zwei mittellose Außerirdische, die sich verflogen haben.

Erhobenen Hauptes setzt er sich hinters Steuer. Das einzige wirklich zeitgemäße Teil im Wagen ist der CD-Player mit MP3-Funktion, den er sich letztes Jahr gegönnt hatte. Nun klingen die Blues-Platten erst richtig gut und machen jede kleine Fahrt zu einem Erlebnis. Wenn er dann das Schiebedach öffnet und seine, noch immer wie in den Siebzigern geschnittenen, nackenlangen Haare im Wind wehen, strahlen er und der Scorpion um die Wette.

Ja, der Blues ist sein bester Freund geworden. Nicht erst in Baden-Baden hat er ihm über manche schwere Stunde hinweggeholfen. Wenn es Streit mit Eva gibt, dann zieht er sich zurück, legt eine Platte auf und wartet ab, bis sich die Gemüter wieder beruhigt haben.

„Auf geht‘s, zum Tatort, mein Bester.“ Köhler tätschelt das Lenkrad aus garantiert 100 Prozent Plastik.

„Was hören wir denn mal? Weit ist es ja nicht. Da schaffen wir aber trotzdem locker einen Fünf-Minuten-Song. Wie wär‘s mit ‚I‘m ready’ von Muddy Waters?“ Köhler singt: „l‘m ready ...“ Ja, er ist bereit für seinen ersten Mordfall in Baden-Baden. Gut, dass er bei seiner Gesangsdarbietung nur sich selbst als Publikum hat, denn die Singstimme des Hauptkommissars erinnert eher an einen verschnupften Heinz Rühmann als an den coolen Bluesmann aus Mississippi.

Er lenkt den Wagen aus der Tiefgarage am Augusta-Platz und saust über die Lichtentaler Straße in Richtung Kranich-Residenz. Dabei wird er an einer Ampel von einem braungebrannten Pärchen mit hellen Baseballkappen und Sonnenbrillen in einem 3er BMW-Cabrio belächelt.

„Ha, lacht ihr nur in eurem Baden-Badener Volkswagen“, reagiert er hämisch. Auch Eva hatte letztes Jahr von ihren Eltern ein solches Gefährt geschenkt bekommen. 20.000 Euro, drei Jahre alt.

„Offen fahren muss hier schon sein“, hatte sie zu diesem Thema nur gesagt. Köhler hat den Eindruck, in dieser Reiche-Leute-Stadt fährt jede zweite Frau ein solches Modell. Wenn man hier wirklich was Besonderes sein will, dann muss man schon 100.000 Euro und mehr investieren, oder eben einen goldenen Scorpion fahren. Bei Eva ist das was anderes. Sie kommt aus einer ganz anderen Welt als er, der einfache Junge vom Lande, aufgewachsen unter Linden und Eichen, zwischen Fußballplätzen, Motorrädern und kleinen oder größeren Besäufnissen in der Dorfkneipe in der Heide. Für sie, die Professorentochter aus Hamburg-Winterhude, ist dieser ganze Schickimicki-Kram alltäglich. Eva Larsson, älteste Tochter des Herzchirurgen Heinrich Larsson und der Literaturprofessorin a. D. Miriam Larsson, geborene van der Straten, ist mit dem berühmten silbernen Löffel im Mund aufgewachsen, während seiner eher aus Plastik war. Köhler denkt auf der kurzen Fahrt an seine Ehe und weiß, wie viel Glück er mit Eva hat. Die beiden lieben sich trotz ihrer Unterschiede immer noch sehr. Auch nach acht Jahren Ehe hat seine Frau nichts von ihrem Reiz für ihn verloren. Die blonden Locken, der zierliche schlanke Körper, die braunen Augen. Nee, besser hätte er es nicht treffen können. Als sie ihn damals für eine Story über die Hamburger Polizei in der Szenekneipe ‚Roschinsky’ interviewt hatte, war es, auch von ihrer Seite, Liebe auf den ersten Blick. Trotz seiner nur mäßigen 172 cm Körpergröße wurde er doch ihr Traummann, wie er sich einbildet.

„Schluss mit der Selbstbeweihräucherung, Herr Hauptkommissar!“, ermahnt er sich. „Die Pflicht ruft!“

Vor dem Seniorenheim steht schon ein Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Kommissar Linsel, Köhlers Assistent, wartet vor dem Eingang und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.

„Ah, Herr Hauptkommissar, da sind Sie ja endlich. Ich war schon oben bei der Leiche. Ich fürchte, Sie hätten sich den Weg sparen können.“

„Was soll das heißen?“, entgegnet Köhler sichtlich gereizt, die HB auf den Marmorstufen austretend. „Sag nicht, wieder nur ein gewöhnlicher Todesfall im Altenheim. Hattest du nicht am Telefon davon gesprochen, der Krankenschwester wäre irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“

Linsel nimmt seine dicke Brille ab und reibt verlegen die Gläser mit einem Papiertaschentuch. Kleinlaut erwidert er:

„Ich habe nichts bemerkt. Da liegt einfach nur ein toter alter Mann im Bett.“

„Wo ist die Schwester, die uns angerufen hat?“ Köhler wird langsam ungehalten.

„Die versorgt noch andere Bewohner. Kommt aber gleich zurück“, berichtet ein Polizeibeamter in Uniform.

„Na, dann mal hinein in die gute Stube!“ Köhler macht der Geruch in Krankenhäusern und Seniorenheimen schwer zu schaffen. Immer, wenn er in derartigen Institutionen zu tun hat, wird er kreidebleich. Er ist ein unheilbarer Hypochonder. Wenn er mit kranken oder gebrechlichen Menschen zusammentrifft, entdeckt er sofort Wehwehchen an sich selbst.

„Also, Augen zu und durch, Linsel, desto eher sind wir wieder draußen.“

„Wäre aber besser, wenn Sie die Augen auf haben, oben bei dem Toten“, hören sie eine resolute weibliche Stimme aus dem Stationszimmer. In einer weißen Pflegeruniform tritt ihnen eine etwa 1,85 Meter große Frau mittleren Alters, mit hochgestecktem grauen Haar entgegen.

„Ich bin Schwester Ingrid. Ich habe Sie angerufen. Sie müssen dann wohl Hauptkommissar Köhler sein.“ Kräftig schüttelt sie seine Hand, und er schaut etwas erschrocken von unten in das, wie ihm als Frauenkenner sofort auffällt, sehr maskuline Gesicht. Die muss früher mal ein Mann gewesen sein, ist sein erster Gedanke. So etwas wie diese Moderatorin von dieser Sexsendung da im Fernsehen. Ihm fällt der Name nicht ein. Die ist doch auch keine richtige Frau. Heißt eigentlich Erwin, oder so.

„Sie sehen etwas blass aus, wenn ich das so sagen darf. Ist Ihnen nicht gut?“, fragt Schwester Ingrid grinsend.

„Doch, doch! Wo ist denn nun der Tote?“, drängt Köhler auf den Abschluss der Aktion.

„Gleich hier, Nummer 38, Herr Ziegler. Kommen Sie rein.“

Er lässt der Schwester und Linsel den Vortritt. Es riecht entsetzlich im Zimmer.

„So, da liegt er, mausetot!“ Schwester Ingrid zeigt auf die Leiche.

„Ja, aber, wenn Sie entschuldigen wollen“, fragt Köhler vorsichtig, „ich sehe einen älteren Herrn, der tot in seinem Bett liegt. Oder täusche ich mich, Linsel?“

Er schaut seinen Assistenten mit zusammengekniffenen Augen an, ihn dafür verantwortlich machend, dass er nicht in seinem Lieblingslokal mit seiner Frau bei Gyros und Bier sitzt, sondern hier zittrig und mit leerem Magen seine kostbare Freizeit verschwendet.

„Ja, richtig. Ich kann auch nichts ...“ erwidert sein Kollege.

„So warten Sie‘s doch ab“, fällt ihm die Schwester ins Wort. „Kommen sie mal näher, hier ans Bett, an die rechte Seite.“ Mit einem Ruck zieht Schwester Ingrid das Laken weg. „Fein säuberlich abgetrennt.“

Köhler und Linsel erschrecken. Der rechte Unterarm ist nur noch ein blutiger Stumpf, ohne Hand.

„Heute Mittag habe ich sie ihm noch geschüttelt“, bemerkt die Schwester. „Jetzt ist sie verschwunden. Ich habe schon das ganze Zimmer abgesucht, auch die Toilette. Nichts, keine Spur von Herrn Zieglers Hand.“

Köhler muss unweigerlich an den festen Händedruck der Schwester denken. Ihm wird ganz anders.

„Das ist allerdings ungewöhnlich“, murmelt er.

„Sag ich doch. Er wird sie ja wohl kaum aufgegessen haben, bevor er gestorben ist. Unsere Verpflegung hier ist mehr als ausreichend“, schleudert sie ihm abfällig entgegen.

„Sie haben ja einen ganz besonderen Humor.“ In diesem Moment betreten eine Frau und ein Mann das Zimmer.

„Vielen Dank, Schwester Ingrid, Sie können dann gehen. Ist das nicht entsetzlich, Herr Kommissar?“, begrüßt die gutgekleidete, attraktive Dame um die vierzig Linsel kopfschüttelnd. „Was denken Sie?“

„Entschuldigen Sie, aber ...“ Linsel versucht, seinen Chef ins rechte Licht zu rücken.

„Darf ich mich vorstellen, Maria von Bergmann. Ich bin die Leiterin der Kranich-Residenz.“ Sie schüttelt Linsel die Hand. „Wer macht so etwas? Was hat das zu bedeuten?“

Sie ignoriert Köhler in seinem zerknautschten Jackett völlig. Der Assistent hingegen ist wie immer tipptopp gekleidet, mit dunklem Anzug und passender Krawatte.

„Die Angelegenheit muss unbedingt diskret behandelt werden“, fährt Maria von Bergmann mit Augenaufschlag in Richtung Linsel fort. „Der Ruf unseres Hauses darf auf keinen Fall beschädigt werden. Da werden Sie mir recht geben, Herr Buddenlob.“

„Guten Abend, Herr Kommissar. Mein Name ist Artur Buddenlob“, nimmt nun auch der Mann im Hintergrund am Gespräch teil. „Ich bin hier für die geschäftliche Leitung zuständig.“ Er nickt Linsel großspurig zu. „Einem toten Mann die Hand abzuschneiden. Welches kranke Gehirn kommt auf so eine scheußliche Idee?“

„Ich würde sagen: ein Mörder. Ein ziemlich skrupelloser dazu.“ Köhler meldet sich nun zu Wort, nachdem er lange genug Linsels Amtsanmaßung geduldet hat. „Der oder die muss ziemlich abgebrüht sein. Vielleicht aus der Medizinerbranche. Der Schnitt ist perfekt ausgeführt. Wahrscheinlich mit einem Skalpell. Übrigens, mein Name ist Köhler.“

„Hauptkommissar Köhler“, wirft Linsel kleinlaut ein. Die Seniorenheimchefin und ihr Finanzverwalter schauen etwas pikiert. Köhler greift in seine Jacketttasche, holt eine Packung HB heraus und zündet sich, noch ehe jemand was sagen kann, eine an.

„Furchtbarer Geruch hier drin. Da kommt so eine Brise Zigarettenqualm, glaube ich, ganz gut. Außerdem, den Toten wird‘s nicht mehr stören.“

„Was erlauben Sie sich? Hier in unserem Hause ist strengstes Rauchverbot. Ich muss Sie doch bitten, Herr Kommissar!“ Maria von Bergmann straft Köhler mit einem bösen Blick, nachdem sie vorher so getan hatte, als sei er gar nicht anwesend.

„Hauptkommissar! Mordkommission Baden-Baden“, entgegnet Köhler unbeeindruckt weiter rauchend. Ihm geht die überhebliche Art der Dame und ihres Geschäftsführers gehörig gegen den Strich. Sie scheinen in keiner Weise am Schicksal des Opfers interessiert zu sein.

„Wie, Mordkommission?“, fragt Buddenlob erstaunt. „Glauben Sie etwa, dass man Herrn Ziegler vorher ermordet hat und dann die Hand ...“

„Nein“, entgegnet Köhler schroff mit einem aggressiven Blick in Richtung der beiden. „Ich denke, es war eher andersherum. Als die Hand abgetrennt wurde, hat der Tote, beziehungsweise Ziegler, noch gelebt. Wenn Sie genau hinschauen, können Sie um den Mund herum Druckstellen und kleinere Hämatome erkennen. Offensichtlich wollte der Täter, dass das Opfer die Verstümmelung genau mitbekommt. Na ja, und da so eine Amputation bei vollem Bewusstsein natürlich äußerst schmerzhaft ist, hat man, um die Schreie zu unterdrücken, dem Mann irgendetwas auf den Mund gepresst.“

Die Seniorenheimchefin wirkt blass im Gesicht und schluckt aufgeregt: „Sie haben eine abartige Phantasie.“

„Ich wünschte, ich würde phantasieren oder hätte nur einen Alptraum. Aber das hier ist leider blutige Realität. Linsel!“

„Ja, Herr Hauptkommissar?“

„Ruf sofort Pfleiderer und seine Spurensicherung an. Die sollen hier alles auseinandernehmen. Allerdings glaube ich bei der Kaltblütigkeit der Tat kaum, dass der Täter uns den Gefallen getan und irgendeine Visitenkarte hinterlassen hat.“ Köhler schaut auf die Uhr: 22 Uhr 45. Das Essen mit seiner Frau ist gelaufen.

„Frau von Bergmann, Sie haben ja gehört, die Spurensicherung wird hier sicherlich die ganze Nacht zu tun haben. Die Leiche wird in die Gerichtsmedizin überführt. Ich will genau wissen, woran der Mann letztendlich gestorben ist. Da um diese Zeit sowieso nur der Nachtdienst im Haus ist, verschiebe ich meine Befragungen auf morgen früh, so gegen 10 Uhr.“ Köhler ruft einen uniformierten Beamten und beordert ihn vor Zieglers Zimmer.

„Hier kommt niemand rein, nur die Spurensicherung. Und mit niemand meine ich niemand!“ Er schaut zuerst der Frau und dann dem Mann nochmals streng in die Augen. Die Altenheimchefin ist empört, dreht sich um und geht, ohne sich von den Beamten zu verabschieden, aus dem Zimmer. Köhler ruft ihr hinterher: „Gute Nacht!“ Er greift seinen etwas verdutzt dastehenden Assistenten an die Schulter. „Komm Linsel, Feierabend!“

So hatte der Kommissar seinen Chef, den Hauptkommissar, in den Monaten, seit er nach Baden-Baden gekommen war, noch nicht erlebt. Linsel spürt instinktiv, dass in Köhler nun, wo ein richtiger Mordfall ansteht, der Spürhund erwacht. Ein ganz anderer Mensch steht vor ihm. Jetzt versteht er endlich den Ruf, der Köhler vorrausgeeilt war: „Eigentlich ein lethargischer Typ mit Hang zu Selbstmitleid und Lustlosigkeit, doch sobald es um Mord geht, ist er hartnäckig wie ein Terrier“.

 

„Ich weiß nicht, wie‘s dir geht, aber ich brauche jetzt dringend ein Bier. Mann, ist mir mulmig. Dieser Gestank da im Zimmer. Herr Ziegler hat sich vor Angst in die ... Naja, lassen wir das. Ich will mir das Martyrium gar nicht näher vorstellen. Verdammt, Linsel, das ist eine richtig harte Sache.“

„Da haben Sie endlich ihren Mord. Und dann gleich einen solchen. Furchtbar, wie der aussah.“

„Ja, ja, ist ja gut.“ Köhler schließt den Scorpion auf. „Steig ein, wir fahren zu Vasili. Meine Frau wird zwar inzwischen weg sein, die muss morgen ausnahmsweise mal früh raus, aber trinken können wir auch allein, oder?“ Er grinst Linsel an und fährt los.

„Sie haben doch so einen schicken BMW. Warum fahren Sie nie damit?“

„Das ist nicht mein BMW. Der gehört meiner Frau. Willst du etwa den Scorpion beleidigen? Ist dir wohl nicht gut genug. Weißt du eigentlich, dass Hauptkommissar Thanner in allen Schimanskifolgen ab 1985 so einen Wagen gefahren hat? Eleganz, Linsel, zeitlose Eleganz. Ob im Anzug wie du, oder in Jeans wie ich, dieses Auto steht jedem zu Gesicht.“ Der Kollege kann sich ein mitleidiges Lächeln nicht verkneifen. Er schaut schnell aus dem Seitenfenster, damit der Hauptkommissar nichts bemerkt. Linsel weiß, wenn es um den Scorpion geht, ist mit seinem Chef nicht zu spaßen.

„Sie könnten ja auch fast als Schimanski von Baden-Baden durchgehen. Der war doch genauso schnoddrig wie Sie“, kann sich der Assistent diese kleine Spitze in Richtung seines Chefs nicht verkneifen.

„Und du bist dann wohl Thanner, oder was? Na wenigstens haben wir nicht auch noch diese hässlichen Schnauzbärte. Nee Linsel, du bleibst du und ich bleibe ich und Baden-Baden ist nicht Duisburg!“ Köhler schaltet den CD-Player ein. Peter Greens Bluesgitarre begleitet die beiden auf ihrer kurzen Fahrt durch die Baden-Badener Nacht. Wie ein ‚Albatross’ schwebt der Wagen über die Maximilianstraße.

„Kein Mensch mehr unterwegs, und das weit vor Mitternacht. Unglaublich. Weißt du, was jetzt in Hamburg auf dem Kiez abgeht? Und hier kriegt man nicht einmal ein Bier an der Tanke.“

Er redet mehr mit sich selbst. „Aber ist wahrscheinlich genau das Richtige in meinem Alter. Hab’ lange genug den Dreck umgedreht. Und nun haben wir ja auch hier unseren Mord.“

Die beiden erreichen den Griechen-Imbiss und nehmen an Köhlers Stammtisch Platz.

„Oh, Herr Kommissare, ihre Frau ist schone wecke. Tut mir leite.“ Vasili, der Wirt, macht ein trauriges Gesicht.

„Das stört uns nicht, mein Freund. Wir werden doch trotzdem etwas zu trinken kriegen?“

„Aber selbsteverständliche, Herr Kommissare!“

Köhler trinkt wie immer ein großes Pils. Linsel genehmigt sich ein ‚Viertele’ Affentaler Spätburgunder.

„Prost. Was denkst du, Linsel? Was hat Ziegler verbrochen, dass man ihn im Altenheim der Folter aussetzt?“

„Ritualmord vielleicht. Es gibt ja heutzutage die unglaublichsten Phänomene unter Jugendlichen. Oder eine Sekte. So Teufelsanbeter, die die Hand für ihre Zeremonien und Beschwörungen brauchen.“

„Die Hand eines Toten als Opfergabe für den Satan? Ich weiß nicht. Hier in Baden-Baden?“

„Wir hatten vor vier oder fünf Jahren schon einmal eine Geschichte aus diesem Bereich. Damals wurden ständig tote Katzen ohne Pfoten gefunden. Ein paar Wochen später haben wir dann etwa zehn Jugendliche in einer der Kerkerkammern, die ja in Wirklichkeit nur Pferdeställe waren, im Alten Schloss entdeckt. Sie hatten mit den Katzenpfoten so ein merkwürdiges Satansbild gebastelt und hopsten gerade um selbiges herum, als wir sie aufgrund eines Hinweises überraschten.“

„Ja, Katzenpfoten, schön und gut. Aber hier tobt ein anderer Wahnsinn. Menschenpfoten. Verdammt! Ich hoffe, das ist eine einmalige Tat. Morgen befragen wir erstmal diese saubere Heimleiterin, Frau ...“ Ihm fällt der Name nicht ein.

„... von Bergmann.“

„Genau. Wir müssen in Erfahrung bringen, was Ziegler für ein Mensch war. Wo er herkam, seine Vermögensverhältnisse, Angehörigen, Religion und, und, und. Ich glaube, wir können fest davon ausgehen, dass er kein zufälliges Opfer ist. Nee, nee, der oder die Täter hatten es meiner Meinung nach gezielt auf diesen Mann abgesehen.“

Köhler schaut kurz ins Leere und bestellt dann Bier Nummer vier. Linsel ist beim zweiten „Viertele“ angekommen.

„Aber wer vergeht sich in solch abartiger Weise an einem wehrlosen alten Mann? Da scheint ziemlicher Hass im Spiel zu sein.“

„Das glaube ich auch, Linsel. Da muss in seiner Vergangenheit irgendwas Furchtbares geschehen sein. Jemand will sich offensichtlich rächen. Bei so alten Leuten hat man es immer mit der Vergangenheit zu tun.“

„Kommissare, tute mir leite, aber ich müsse Lokal schließen. Konzessione nure bis einse“, meldet Vasili sich höflich, aber bestimmt zu Wort. Er kommt mit drei Gläsern Ouzo auf einem Tablett an den Tisch.

„Noche eine aufe Haus!“

„Nein, vielen Dank, wir müssen noch fahren“, wiegelt Linsel die Einladung ab.

„Quatsch, auf den einen kommt‘s jetzt auch nicht mehr an. Ich nehme mir ein Taxi und lasse den Scorpion im Kongressparkhaus stehen.“ Köhler prostet Vasili zu und schaut dann Linsel scharf an.

„Yammaz, Linsel! Hau weg das Ding! Beleidige unseren Gastgeber nicht!“

Widerwillig kommt der Assistent der Aufforderung seines Chefs nach.

„Dann nehmen wir eben den Bus. Sie in die eine, ich in die andere Richtung.“

„Ah, stimmt ja. Das vergesse ich immer. Wir sind ja in der mondänsten Kurstadt Deutschlands. Hier fahren die Stadtbusse bis fast zwei Uhr morgens. Besser als in Hamburg. Und das Schönste ist“, sagt Köhler jetzt leicht lallend, „die Haltestelle ist direkt bei mir vorm Haus.“

„Ja, bei Ihnen schon“, beschwert Linsel sich. „Ich darf noch zwanzig Minuten bergauf laufen.“

„Dann nimm du dir doch ein Taxi!“

„Das kostet mich ja noch mal 15 Euro. Nein, ein bisschen zu Fuß gehen schadet nicht.“ Schwankend verabschieden sich die beiden von Vasili, Köhler mit einer Umarmung.

„Was würde ich nur hier ohne dich und deinen Laden machen, du alter Grieche.“

„Kommen Sie gut nach Hause, Herr Kommissare. Und meine Empfehlunge anne die Frau Kommissare.“

„Ja, ja“, nuschelt Köhler und geht.

Ganz leise dreht er den Schlüssel im Schloss. Er will unter keinen Umständen seine Frau aufwecken. Die Wohnung ist im vierten Stock, Altbau ohne Fahrstuhl. Japsend stolpert er in den Flur. Die Schlafzimmertür ist verschlossen. Eva kennt da nichts. Wenn er etwas getrunken hat, kommt er nicht in ihr Bett, denn Köhler schnarcht wie ein Berserker. Das liegt wahrscheinlich, wie er sich einbildet, an seiner etwas zu groß geratenen Nase.

„Alles klar, auf die Couch, Herr Hauptkommissar!“, flüstert er in sich hinein. Da es häufiger vorkommt, dass er etwas trinkt, ist die Wohnzimmercouch sein eigentliches Bett geworden. Eva und er kennen sich jetzt schon fast neun Jahre. Da ist es eh praktischer, getrennt zu schlafen. Beide brauchen nicht diese totale körperliche Nähe wie andere Ehepaare. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn sie im Urlaub gezwungen sind, in einem Bett zu schlafen, kommt es zu Reibereien. Entweder tritt oder schlägt sie ihn im Schlaf, wenn sein Schnarchen unerträglich wird, oder Köhler bemüht sich, erst nach ihr einzuschlafen. Doch das macht ihn wiederum mürbe. Da ist das Sofa schon die beste Lösung. Wenn es zum Äußersten, sprich zum Sex kommt, braucht er sich wenigstens hinterher nicht noch stundenlang mit Kuscheleien aufzuhalten, sondern kann nach getaner ‚Arbeit’ entspannt und befriedigt auf sein Sofa zurückkehren. So eine Frau muss man erst einmal finden, die diese Marotten mitmacht. Seine Partnerinnen vor Eva wollten immer Zärtlichkeiten ohne Ende. Das hatte ihn mächtig genervt.

Köhler liegt, die Hände hinter dem Kopf, im Dunkeln an die Decke starrend auf seiner Couch. Gerade als er seine Gedanken noch mal auf den Fall lenken will, schläft er selig sägend ein.

Am nächsten Morgen wacht er mit einem leichten Kater auf. Gerade soviel, dass er die Nachwehen des Alkohols zwar spürt, aber nicht in seinem Tatendrang behindert wird. Nach einer Tasse Kaffee und der ersten HB des Tages macht er sich auf den Weg die vier Stockwerke hinunter. Eva ist schon aus dem Haus. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel mit den Worten: „Schade, dass du es gestern nicht mehr geschafft hast, rechtzeitig zu Vasili zurückzukommen. Er hat sich aber rührend um mich gekümmert. Ich hoffe, du hattest noch mit Linsel deinen Spaß. Deine dich liebende Ehefrau. Kuss, Eva!“ Das war zwar eindeutig zweideutig gemeint, aber Köhler weiß, dass sie nicht wirklich böse auf ihn ist, denn schließlich war er ja dienstlich abgeordert worden.

Jetzt fühlt er sich genau in der richtigen Verfassung, um sich Maria von Bergmann und ihren ominösen Finanzchef vorzunehmen. Er wählt Linsels Nummer auf dem Handy.

„Köhler hier. Komm mal so schnell wie möglich zur Kranich-Residenz. Ich habe ja nur ein paar Schritte zu gehen.“

Das Ehepaar wohnt in der Hauptstraße in Lichtental, einem kleinen Stadtteil von Baden-Baden, wo auch das besagte Altenheim zu finden ist.

„Und was passiert mit ihrem Wagen im Kongressparkhaus?“, erwidert der Assistent nicht ohne Häme. Der letzte, von seinem Vorgesetzten aufgezwungene Ouzo, hatte seinen Nachhauseweg um ein, zwei Kilometer verlängert. Immer wieder war er von einer Straßenseite zur anderen gewankt.

„Verdammt, du hast recht, der Scorpion. Dann komm zum Augustaplatz. Ich hole den Wagen und dann fahren wir zusammen zur Residenz.“

Per Stadtbus am Parkhaus angekommen, bedient Köhler den Parkscheinautomat.

„So ein Mist, 16 Euro! Das darf doch nicht wahr sein. Das hat‘s ja wieder mal gebracht gestern.“ In diesem Moment kommt Linsel um die Ecke. Er schaut Köhler über die Schulter und lacht.

„Teurer Spaß, was?“

„Was ist denn daran lustig. Wie du willst, dann nehmen wir bei unserem nächsten Umtrunk eben deinen Wagen“, antwortet dieser gereizt. „So, jetzt lass uns mal endlich mit den Ermittlungen anfangen!“

Um Punkt zehn Uhr stehen sie an der Rezeption der Seniorenwohnanlage. Köhler holt seinen Ausweis aus der Tasche. „Polizei, Hauptkommissar Köhler, Mordkommission Baden-Baden. Das ist mein Kollege, Kommissar Linsel. Wo finden wir Frau von Bergmann und Herrn Buddenbrock?“

„Sie meinen wohl Herrn Buddenlob“, entgegnet die Dame hinterm Schalter ernst.

„Ja, von mir aus auch den.“

„Im zweiten Stock, die letzte Tür auf der rechten Seite.“

Die beiden gehen die Treppen hinauf, klopfen kurz an die Bürotür und treten, ohne eine Antwort abzuwarten, ein.

„Guten Morgen, Frau von Bergmann. Wir kennen uns ja schon. Was können sie mir über den Toten sagen. Wie lautet sein genauer Name?“ Köhlers Begrüßung fällt kurz und schmerzlos aus. Er mag die Dame nicht besonders, das ist klar.

„Ah, guten Morgen“, antwortet die Heimleiterin etwas irritiert ob dieses überfallartigen Auftretens der Polizisten. Das ist eine von Köhlers Maschen. Den anderen erst gar nicht zum Nachdenken kommen lassen. Gleich draufgehen!

„Alfred Ziegler“, stottert sie zögernd.

„Wie alt war Herr Ziegler?“

„Einen Moment bitte, da muss ich nachschauen.“ Sie hatte die Akte schon vorher auf ihrem Schreibtisch platziert. Gut vorbereitet, denkt Köhler und nickt kurz Linsel zu, der mit einem Notizblock in der Hand hinter ihm steht. Er scheint um jeden Preis verhindern zu wollen, dass die Dame nochmals ihn als Ansprechpartner wählt. Obwohl sich das abermals anbietet, denn Köhler trägt an diesem schönen Frühsommertag nur ein ziemlich ausgeblichenes blaues Polohemd, dazu eine graue Flanellhose und hellbraune Slipper ohne Socken. Auch auf eine gründliche Rasur hat er verzichtet, was ihn insgesamt eher wie einen italienischen Fischkutterkapitän, aber nicht wie den Leiter der Baden-Badener Mordkommission aussehen lässt. Linsel hingegen wirkt wieder wie aus dem Ei gepellt, mit Anzug, Krawatte und gepflegtem kurzen Bürstenhaarschnitt. Maria von Bergmann, fällt Köhler sofort auf, macht an diesem Morgen aus ihrer Attraktivität keinen Hehl. In einem geblümten gelb-roten Sommerkleid, Schuhen mit ziemlich hohen Absätzen für die Leiterin eines Seniorenheims und ihren langen braunen Haaren könnte man denken, sie besitze eine der teuren Modeboutiquen in der Sophienstraße. Dazu die feingeschnittenen, aristokratischen Gesichtszüge und ziemlich viel Lippenstift. Tolle Frau, denkt er, während er sie beim Lesen in Zieglers Akte betrachtet.

„Geboren am 18.9.1923, also ist er 87 Jahre alt.“

„Mmh“, murmelt Köhler. „Doch schon so alt. Können Sie mir etwas über seinen früheren Beruf und über seine Vermögensverhältnisse sagen?“

„Hier steht, Unternehmer, Kfz-Branche. Ich weiß außerdem, dass er aus Frankfurt nach Baden-Baden gekommen ist. Über die Vermögensverhältnisse kann ich nichts sagen. Wir sind ja schließlich kein Pflegeheim, sondern ein offenes Haus“, betont sie nachdrücklich.

„Was heißt das genau?“, fragt er interessiert nach. „Ich wohne zwar nur ein paar Häuser weiter, fahre oder gehe hier jeden Tag vorbei, aber habe mich, wenn ich entschuldigen darf, noch nie für Ihre Institution interessiert.“

„Na, Sie gehören in Ihrem jugendlichen Alter ja auch nicht zu unserer Zielgruppe“, entgegnet sie mit einem Lächeln. Was soll das jetzt, denkt er. Plötzlich, heute morgen, ist die ja so nett zu ihm. Da steckt doch was dahinter. Obwohl er sich natürlich geschmeichelt fühlt, von einer so attraktiven Dame auf seine jugendliche Ausstrahlung angesprochen zu werden. Oder verarscht sie ihn nur?

„Offenes Haus heißt: Hier werden mehr oder weniger gut betuchte Senioren betreut. Sie leben in schicken, stilvollen Appartements (sie spricht das französisch aus, bemerkt Köhler sichtlich angetan) und werden dreimal täglich auf höchstem Niveau verköstigt. Ihre Räumlichkeiten werden von unserem Personal gereinigt und wir verfügen über die ein oder andere Freizeitmöglichkeit, wie ein Schwimmbad, eine Saunalandschaft, Bridgeclub etc. Die Herrschaften können ein- und ausgehen, wie immer sie wollen. Wir haben einen Nachtportier. Außerdem besitzen alle einen Schlüssel für die Eingangstür.“

„Ah ja, verstehe. Das kostet aber bestimmt einiges.“

„Nun, die Vollbetreuungspauschale liegt bei zirka 5.000 Euro monatlich.“

„Verdammt.“ Köhler pfeift durch die Zähne. „Linsel, hier werden wir mit unserem Bullengehalt nie landen, wenn die Sonne des Lebens für uns in Nord-Nordwest steht. Also kann man wohl davon ausgehen, dass Ziegler einigermaßen vermögend war.“

„Mein lieber Kommissar..., wie war noch gleich Ihr Name?“

„Köhler, wie unser alter Bundespräsident. Und außerdem lautet die richtige Anrede: Hauptkommissar!“

„Mein lieber Hauptkommissar Köhler“, fährt Maria von Bergmann, nun wieder mit diesem arroganten Unterton vom gestrigen Abend, fort. „Sie können davon überzeugt sein, dass wir hier kein Armenhaus sind. Hier wohnen nur ausgesuchte Gäste, die sich unseren hervorragenden Service auch leisten können!“

„Gäste ist genau der richtige Ausdruck. Der letzte Urlaub des Lebens dauert mal kürzer, mal etwas länger. Kommt ganz darauf an. Wie lange war denn Herr Ziegler schon hier, in Ihrem Paradies auf Erden, bis man ihn in einem Ihrer Zimmer abgeschlachtet hat?“

Linsel bemerkt, dass sein Vorgesetzter wieder einmal diese Abneigung reicheren Leuten gegenüber herauskehrt und unterbricht ihn, bevor er beleidigend werden kann.

„Frau von Bergmann, können Sie uns sagen, woher die monatlichen Zahlungen von Herrn Ziegler kommen?“

Sie schaut Köhler mit einem verachtenden Blick an und antwortet dann höflich dem Assistenten.

„Das Geld wird jährlich und im Voraus bezahlt, von einem Konto in der Schweiz!“

„Das war mir klar“, poltert Köhler dazwischen. Er spürt eine Vibration in seiner Hosentasche. Das Handy meldet sich.

„Ja. Aah, Dr. Tannhuber. Was haben Sie herausgefunden?“

Er wiederholt extra laut für Linsel und die Dame jede Einzelheit, die der Pathologe ihm durchgibt. „Todeszeitpunkt etwa 20 bis 20 Uhr 30. Linsel, schreib mit! Opfer hat noch gelebt bei der Amputation. Vermutlich Tod durch Injektion von Luft. Herzstillstand. Einstichloch in der linken Armbeuge. Und wo ist das ganze Blut geblieben? Ah, sauber abgebundener Oberarm. Darmentleerung vor Todeszeitpunkt, also bei der Folterung.“

„Entschuldigung, aber ich glaube, mir wird schlecht.“ Die Seniorenheimchefin verschwindet durch eine Seitentür.

„Tatsächlich, Sie haben Klebebandreste um den Mund herum gefunden. Vielen Dank, Doktor Tannhuber. Wieso unterbrichst du mich eben so blöd?“, raunzt er Linsel an. „Ich führe die Ermittlungen und du schreibst! Dass das klar ist! Die Dame geht mir gehörig auf die Nerven mit ihrer arroganten Art. Merkst du denn nicht, dass die sich über uns arme Bullenschweine lustig macht? Innerlich rümpft die doch die Nase.“

Linsel versucht Köhler zu beruhigen. „Meinen Sie nicht, dass Sie da etwas zu hart urteilen, Herr Hauptkommissar?“

„Ach, Scheiße, das ist doch immer das gleiche mit diesem reichen Pack hier in der Stadt.“

„Ist es möglich, dass Sie vielleicht neidisch sind auf...?“

Köhler ist nun richtig in Fahrt: „Neidisch? Du spinnst wohl! Meine Frau hat genug Geld von zu Hause.“

„Ihre Frau schon, aber Sie...“

Er gibt nicht nach. Er droht mit dem Zeigefinger. „Ja, ich bin nur ein kleiner Bulle geworden. Aber dafür und darauf kann sich diese Frau von Bergmann und diese ganze Kurstadtmischpoke einstellen. Dafür bin ich ein richtig scharfer Bulle! So einen, das kann ich euch versichern, habt ihr hier noch nicht gesehen!“ Linsel macht ängstlich einen Schritt zurück. Köhler wettert weiter:

„Und jetzt habe ich endlich meinen ersten Mordfall, und der wird, ohne Rücksicht auf Verluste oder Geld oder Status, Ansehen oder sonst was, gelöst! Darauf kannst du deine Krawatte verwetten!“

Linsel erwartet noch einen Redeschwall, doch sein Chef scheint genug zu haben. Vorsichtig traut er sich seinerseits etwas zum Fall Ziegler zu äußern:

„Ich hatte gestern beim Einschlafen so eine Idee.“

„Schieß los!“ Köhler hat seine Luft abgelassen und ist wieder entspannter.

„Vielleicht hat das Ganze was mit der Nazi-Zeit zu tun. Ich meine wegen der abgetrennten rechten Hand. Heil Hitler und so.“

„Du meinst die rechte Hand als Symbol für die braune Vergangenheit Zieglers?“

„Warum nicht?“

„Wir müssen zusehen, dass wir irgendwelche Angehörigen oder Bekannte des Opfers ausfindig machen. Wenn wir wieder im Büro sind, beauftragst du sofort Kleinhans damit. Er soll alle Hebel in Bewegung setzen. Wir müssen was über Zieglers Geschichte erfahren!“

Die Bürotür öffnet sich und Buddenlob kommt herein.

„Guten Morgen, die Herren. Sie wollen mich sprechen? Frau von Bergmann müssen Sie leider entschuldigen. Die ganze Sache hat sie doch sehr mitgenommen, auch wenn man es ihr äußerlich nicht ansieht. Sie wissen schon, was ich meine.“

Ja, Köhler weiß, was er meint. Buddenlob scheint mächtig scharf auf seine Chefin zu sein. Kein Wunder.

„Was können Sie uns denn über den Toten sagen?“

„Nun“, antwortet Buddenlob aus dem Fenster blickend. „Mir ist bekannt, dass Herr Ziegler der Inhaber einer großen Zulieferfirma für Opel in Rüsselsheim war. Die Geschäfte werden seit ungefähr zehn Jahren von seinem Sohn weitergeführt. Das Unternehmen scheint zu florieren. Die Automobilbranche ist ja wieder im Aufwind, wie alles andere auch, wenn Sie wissen, was ich meine.“

Köhler könnte kotzen. Schon wieder dieser bescheuerte Satz. Er will gar nicht wissen, was dieser arrogante Pinsel meint. Er will Fakten. Buddenlobs Tonfall ist dermaßen von oben herab, dass die Kommissare sich anschauen und die Nasen rümpfen.

„Was ist eigentlich Ihre genaue Aufgabe hier in der Kranich-Residenz?“

„Zahlen und Bilanzen. Ich bin gelernter Banker. Frau von Bergmann kümmert sich zwar vortrefflich um alles, was mit der Organisation und dem Personal unseres Hauses zu tun hat, aber wenn es um die Finanzen geht, da braucht es doch einen richtigen Fachmann.“ Buddenlob zupft an seiner Krawatte und blickt stolz in Richtung der Aktenschränke.

„Schleimscheißer“, denkt Köhler und sagt laut: „Das ist ja wunderbar. Da sind Sie ja genau unser Mann. Wir brauchen unbedingt Auskünfte über Zieglers Vermögensverhältnisse. Außerdem die Telefonnummer des Sohnes und Firmeninhabers.“

„Das lässt sich, glaube ich, einrichten. Ich muss Sie dabei nur um völlige Diskretion bitten! Wenn herauskommt, dass wir Auskünfte über unsere Gäste an wildfremde Leute herausgeben, ist das keine gute Werbung für uns.“

„Ehrlich gesagt, Herr Buddenlob, interessiert mich Ihre Werbestrategie einen Dreck. Einer Ihrer Bewohner ist auf bestialische Weise ermordet worden, und Sie sind verpflichtet, uns bei der Aufklärung dieses Falles zu helfen!“

Buddenlob räuspert sich.

„Also glauben Sie bloß nicht, dass Sie hier in irgendeiner Weise taktieren können. Normalerweise arbeitet die Polizei, also wir, eng mit dem „Badischen Anzeiger“ zusammen. Mein Kollege Linsel...“