Ulrike Keller
Reisende in Südafrika (1497-1990)

1803 · Hinrich Lichtenstein

Am Hantamsberg

Das Kap war eine blühende Provinz geworden, die Holländisch-Ostindische Kompanie dagegen war bankrott, wurde 1795 liquidiert, und die Engländer übernahmen die Herrschaft – für die Holländer war das Kap immer nur ein Trittstein auf dem Weg nach Ostindien gewesen. 1802 mußten die Engländer im Zuge der Napoleonischen Kriege und ihrer damit zunächst verbundenen Niederlagen die Kolonie an die Niederlande zurückgeben, nach dem Sieg über Napoleon bekamen sie sie jedoch wieder. Ein »Abgang in Ehren« für die Holländer beendete die niederländische Herrschaft am Kap.

Martin Hinrich Lichtenstein (1780 in Hamburg geboren, gestorben 1857) hat an Ein- und Auszug der Holländer teilgenommen. Er war als Erzieher des Sohnes des Gouverneurs 1802 nach Kapstadt gekommen; in Helmstedt hatte er Medizin studiert und wurde als Arzt gern auf Inspektionsreisen ins Landesinnere mitgenommen.

Die ausgewählte Textstelle beschreibt das Leben der Buren – voller Staunen, daß es zivilisierte Leute (damit sind natürlich die Weißen gemeint und nicht die »Wilden«) auch außerhalb von Kapstadt gibt.

Nach seiner Rückkehr nach Europa ordnete er das umfangreiche Material, das er gesammelt hatte, und gab ein zweibändiges Werk heraus. Seine Reisen fanden innerhalb des bereits bekannten Teils von Südafrika statt und sind deshalb keine Entdeckungsreisen. Aber was er gesehen hat, hat er genau und lebendig beschrieben.

Der Fuß des Hantamsberges war das Ziel unsrer heutigen Reise. Die Wohnung des Veldcornets Abraham van Wyk, Akerendam (Eichelndamm) genannt, liegt an der Südseite dieses in mancher Hinsicht merkwürdigen Berges. Er liegt ziemlich isoliert, ist oben völlig platt wie der Tafelberg, dem er von dieser Seite auch in Absicht seiner steilen, völlig unersteiglichen Front gleicht, doch nicht so hoch, denn die Fläche seines Gipfels ist etwa nur 1.500 Fuß über dem Tale erhaben. Was diesen Berg besonders merkwürdig und durch die ganze Kolonie berühmt macht, ist die besondere Zuträglichkeit seiner Weide für Pferde. Sie gedeihen nämlich hier nicht nur ganz besonders, sondern sind auch für immer von der verderblichen Seuche befreit, die in den übrigen Gegenden der Kolonie fast alljährlich so große Verwüstungen anrichtet. Die Ursache dieser Heilsamkeit ist noch nicht hinlänglich ausgemittelt, doch sind die Bewohner des Hantams-Distrikts geneigt, den ersten Grund darin zu finden, daß dieser Berg sich im Winter drei Monate lang mit Schnee bedeckt, indessen selbst die höher gelegenen spitzen Gipfel der benachbarten Berge nur tagelang weiß bleiben. Das umherliegende Land würde fruchtbar genug sein, wenn hier wie im Süden der Kolonie im Winter regelmäßig Regen fiele. Das ist aber nicht der Fall, Wassermangel herrscht überall und besonders an der Süd- und Ostseite des Hantamsberges, ja viele Plätze sind im Sommer der Dürre wegen ganz unbewohnbar. In den kürzeren Wintertagen fangen aber die Quellen zuweilen von selbst wieder an zu fließen, auch ohne daß Regen gefallen ist, eine Folge der geringeren Verdunstung des Wassers und von der Schneeschmelze auf den Gipfeln der Berge. Zu eben dieser Jahreszeit sieht man auf dem Roggevelde die salzigen Quellen und stehenden Wasser unter eben diesen Bedingungen süß werden.

Korn wird daher im Hantamsdistrict nicht viel gewonnen, obgleich die Kolonisten jedes Jahr einige Stücke Land bestellen; gibt der Himmel dann Regen, so ist der Ertrag oft ansehnlich. In den meisten Fällen aber wird die Aussaat kaum wiedergewonnen, und das Korn muß aus den benachbarten Distrikten herbeigeschafft werden, wie denn auch die Bewohner des Unter-Bokkefeldes hierher hauptsächlich ihren Überfluß absetzen. Indessen ist die Korn-Consumtion in diesen nördlichen Strichen sehr gering, indem die Fleischnahrung allgemein vorgezogen wird und besonders die Sklaven fast nie Brot zu schmecken bekommen. Das ist überall der Fall, wo, wie hier, gute Schafzucht ist und wo also das Fleisch wohlfeiler zu stehen kommt als Brot. In einer mäßig großen Haushaltung von etwa 20 Köpfen werden täglich 3 bis 4 Schafe, deren eins 36 bis 40 Pfund wiegen mag, geschlachtet, und man rechnet auf jeden Viehhirten wöchentlich ein Schaf, eine Angabe, die ich durch häufige Nachfragen habe bestätigt gefunden. – Man zählte jetzt 25.000 Schafe in diesem Distrikt. Die Dürre des Jahres 1804 hat aber diese Zahl bis auf 20.000 verringert und dadurch besonders geschadet, daß die nahrhaftesten Futterkräuter an vielen Stellen ganz ausgegangen sind und nun durch unnütze Gewächse verdrängt werden. – Die Rindviehzucht ist hier sehr unbedeutend wegen des Mangels an Niederungen und an dem sogenannten Valleygrond, worunter man ein feuchtes, aus Sand und Ton gemischtes Erdreich versteht, welches am besten geschickt ist, die Pflanzen hervorzubringen, die dem Rindvieh dienlich sind.

Die besten Plätze in diesem Distrikt besitzt Herr Jan van Reenen. Sie liegen an der wasserreicheren Nordwestseite des Hantamsberges und von da nördlich. Auf dem zunächst gelegenen Land, de groote Toorn genannt, unterhält van Reenen eine treffliche Stuterei, die mehr als 300 Zuchtpferde zählt, alle von der besten englischen und arabischen Rasse. Er hat unter andern einen arabischen Hengst, für welchen er 3.000 Taler bezahlt hat. Die Pferde laufen hier Tag und Nacht ohne Wächter im offenen Felde. Von Stallung weiß man nichts, und Pferdediebstähle sind unbekannt. Alle 14 Tage etwa werden die Pferde einmal zusammengetrieben und nachgezählt. Hin und wieder vermißt man wohl einmal ein Füllen, das den Hyänen zur Beute geworden ist, und an vielen Pferden aus diesen Gegenden bemerkt man Spuren, daß sie einmal unter den Klauen wilder Tiere gewesen sind.

Dieser Platz des Herrn van Reenen macht auch in Absicht seiner Fruchtbarkeit an Korn die einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel. Da von dem Hantamsberge nach seiner Seite hin einige nie versiegende Bäche herabrieseln, mit welchen er das bestellte Land beständig bewässern kann, so gewinnt er ohne Mühe soviel Korn, als er zu eigner Consumtion bedarf. Die Ernte bringt in guten Jahren das 40ste bis 50ste Korn. Der Garten Iiefert Küchengewächse mancher Art, und 600 Pfirsichbäume, deren Früchte getrocknet werden, lassen es nie an einem hinlänglichen Wintervorrat mangeln.

Van Reenens Schafherde betrug über 1.600 Stück, und da er selbst einer der ersten gewesen war, die die Vorteile der Einführung spanischer Rasse eingesehen hatten, so waren die meisten schon in der fünften Generation spanischer Abkunft und trugen feine Wolle, deren Absatz bereits bedeutenden Gewinn brachte. Die Regierung hat im Jahr 1804 eine Kommission zur Verbesserung des Landbaues und der Viehzucht ernannt, deren Mitglied Herr van Reenen war. Diese Kommission, an deren Spitze der einsichtsvolle Herr van Ryneveld stand, hat nachher durch höchst zweckmäßige Mittel diese Verbesserung der Schafzucht allgemeiner zu machen gesucht, und das ist ihr so vollkommen gelungen, daß bereits binnen wenigen Jahren die glücklichen Folgen davon in den vermehrten Einkünften der Kolonie für ausgeführte Wolle zu spüren sein werden.

Nächst van Reenens Besitzungen ist der Platz des Veldcornets van Wyk, auf welchem wir uns jetzt befanden, der beste des Distrikts. Doch fehlt es auch hier oft an Wasser. Gegen Südwesten hat man von hier aus eine weite Ebene vor sich, die durch mehrere einzeln stehende, durch sonderbare Gestalten sich auszeichnende Berge in einem Abstand von drei, vier und mehr Stunden begrenzt wird. Am auffallendsten ist unter diesen der Prammeberg (Zitzenberg), dessen Gipfel im Profil gesehen allerdings viel Ähnlichkeit mit einer Frauenbrust hat.

Die Bewohner dieses Distrikts sind rühriger, gedrungener, weniger fett und träge als die der südlichen Striche, wozu wohl das kältere Clima am meisten beitragen mag. Sie gleichen darin den Bewohnern der auf gleicher Höhe im Osten der Kolonie liegenden Schneeberge, an denen schon andere Reisende jene Vorzüge gerühmt haben. Bald nach unsrer Ankunft erschienen mehrere Familien aus der Nachbarschaft zu Wagen und zu Pferde, die, wie sie selbst bekannten, die Neugierde hertrieb, einmal eine Obrigkeit zu sehen. Zugleich brachten sie allerhand kleine Geschenke an Wild und Erfrischungen, die ebenso anspruchlos und freundlich gegeben als dankbar empfangen wurden. Wir mußten uns abermals wundern, soviel natürliche Bildung, soviel reinliche Wohlhabenheit in der einfachen Kleidertracht, soviel unbefangene Gesprächigkeit, soviel Anstand unter Menschen anzutreffen, die in einer Entfernung von mehr als 60 Meilen von der Hauptstadt, in einem einsamen, dürren, allein zur Viehzucht geschickten Landstrich leben und mehr als zur Hälfte von den rohesten Wilden umgeben sind. Ein Paar rüstige junge Burschen, aus deren Augen Kraft und Zufriedenheit glänzte, ergötzten uns durch angenehme Erzählungen von ihren Jagd- und Reiseabenteuern, die sie höchst launig in dem kurzen, derben afrikanischen Holländisch vortrugen. Es fiel uns hier die Bemerkung auf, daß man aus dem Munde eines Kolonisten nie ein unanständiges Wort, nie einen Fluch, nie eine übertriebene Beteuerung hört. Sie hat sich mir, solange ich unter diesen Menschen gelebt habe, durchaus bestätigt, und ich bin mehr als einmal Zeuge gewesen, daß sie sich mit einem gewissen Zartgefühl und edlem Unwillen über die Rohheit unsrer Dragoner oder anderer Europäer äußerten, wenn solchen im Ärger ein Fluch oder eine Unanständigkeit entschlüpfte. Die allgemein herrschende, hin und wieder fast in Bigotterie ausartende Religiosität der Kolonisten ist wohl die Hauptursache dieses Verdienstes, wie denn überhaupt ihre Abgeschiedenheit von der Welt sie vor der Ansteckung manchen Lasters bewahrt. Was uns die guten Hantammer noch liebenswürdiger machte, war ihre Verträglichkeit und Einigkeit. Dies war nämlich der erste District, in welchem unser tätiger Chef keine Streitigkeiten zu entscheiden oder beizulegen fand. Das Zwisten und Rechten gehört so ganz zu dem Charakter des Kolonisten, daß es unzertrennlich davon scheint. Gewöhnlich sind es Grenzstreitigkeiten, die sie beschäftigen, und unter zehn nächsten Nachbarn sind gewiß neun Todfeinde. Mit welcher Animosität sie nun aber auch auf ihrem Rechte bestehen, so hört man sie sich nie schimpfen, selbst hinter dem Rücken nicht, viel weniger kommt es je zu groben Tätlichkeiten. Dazu wirkt mit das Vorurteil, daß Schläge einen Freien und Christen entehren. Daß nun in diesem Distrikt zu solchen Zwisten weniger Veranlassung gefunden wird, ist leicht zu erklären, da die Plätze ziemlich weit auseinander liegen und da so wenig Rindvieh gehalten wird, weil über dessen Weide die meisten Streitigkeiten geführt zu werden pflegen.

Die Hitze des folgenden Tages bewog uns, bis nachmittags an diesem Ort zu bleiben, zumal wir bis zu dem nächsten Platz, wo wir übernachten sollten, nur vier Stunden zu reisen hatten.

1824 · Henry Francis Fynn

Reise zu König Shaka

Shaka, König der Zulu, ist eine der umstrittensten Gestalten der afrikanischen Geschichte. Staatengründer, Kriegsherr und heute noch Integrationsfigur für die schwarze Bevölkerung auf der einen Seite, brutaler Despot auf der anderen, der sich den Weg zur Macht blutig erkämpft hatte, unbedingten Gehorsam forderte und aus den traditionellen »ritterlichen« Kriegen Vernichtungsfeldzüge machte, in denen auch Frauen und Kinder nicht mehr geschont wurden. In Shakas Kriegen waren Freund und Feind schwarz – Fynn war der erste Weiße, den Shaka kennenlernte.

Seine Besucher, Fynn und Farewell, waren Abenteurer, deren Gesichter weißer waren als ihre Westen. Auf der Suche nach Reichtum (der bei den Zulus aus Elfenbein bestand) und Land, traten sie als Abgesandte des englischen Königs auf, waren aber Händler auf eigene Rechnung. Fynn erhielt die Erlaubnis, in Port Natal (heute Durban) zu siedeln – er lebte später dort als »König von Natal« mit seinem Harem und einer großen Kinderschar. Was er dafür bezahlt hat, erzählt er im folgenden selbst.

Shaka wurde von zwei Brüdern 1828 ermordet, und Port Natal geriet in Bedrängnis. Die junge Siedlung wurde nach dem Namen des Gouverneurs am Kap in Durban umbenannt in der Hoffnung, daß die Briten die Stadt annektierten und ihr damit Schutz gewährten; das geschah aber erst 1843. Bis dahin war Durban ein Ziel des großen Trecks der Buren, die der britischen Herrschaft entgehen wollten.

Unter Dingane, dem Nachfolger Shakas, wurden die Treckburen blutig bekämpft.

Ich kann gleich hier bemerken, daß die Entfernung vom Hafen [Port Natal] bis zu Shakas Residenz 200 Meilen betrug. Jede Tagesreise wurde vom Mbikwana festgelegt, und wir kamen nur sehr langsam vorwärts. Später stellte sich heraus, daß er uns nicht den direkten Weg hatte nehmen lassen, sondern uns zu den Krals von Unterhäuptlingen und einigen von Shakas Garnisonen brachte. An manchen Tagen wurde zwei- oder dreimal Vieh geschlachtet. Eine Anzahl von Zulus schloß sich unserem Zug an, um Mbikwanas Volk das Leben leichter zu machen. Wir waren baß erstaunt über die Ordnung und Disziplin im ganzen Lande. Die Garnisonen, insbesondere deren vornehmerer Teil, zeigten deutlich, wie wichtig Sauberkeit genommen wurde – nicht nur innen waren die Hütten sauber, auch draußen fanden sich kaum Schmutz oder Asche.

Auf der Reise sahen wir häufig große Gruppen mit merkwürdig angezogenen Männern in der Mitte, die zu lehren schienen, und bei mehreren Gelegenheiten sahen wir, wie einzelne Männer ergriffen, weggebracht und getötet wurden. Diese grotesk wirkenden Männer, so wurde uns gesagt, seien Hexenaustreiber, und die zum Tod Ausgesonderten seien Übeltäter.

Drei- oder viermal am Tage wurden Boten zwischen Shaka und Mbikwana hin- und hergeschickt, wobei Shaka nach unserem Reiseverlauf fragte und zweifellos angab, wie wir vorrücken sollten, damit unsere Ankunft mit seinen Vorbereitungen für unseren Empfang übereinstimmte. Wir hatten so 13 Tage für die 200 Meilen auf dem Weg herumgebummelt, als uns gemeldet wurde, Shakas Residenz sei nur noch 15 Meilen weit weg. In dieser Nacht war es um unser Lager sehr lebendig. Viehherden wurden vorbeigetrieben, Soldatenregimenter passierten in unmittelbarer Nähe oder auf den benachbarten Hügeln, auch einige Frauenbataillone dazwischen, die in militärischer Uniformität mit Perlen und Messing geschmückt waren und auf ihren Köpfen große Gefäße mit Bier, Milch und fertig gekochtem Essen trugen. Die Vorstellung des Empfangs, dessen wir morgen teilhaftig werden sollten, versetzte uns in ziemlich aufgeräumte Stimmung. Farewell und Petersen versicherten sich gegenseitig ihrer Zuneigung und Wertschätzung unter Entschuldigungen für vergangene Meinungsverschiedenheiten.

Erst um zehn Uhr am nächsten Morgen wurden wir aufgefordert, uns in Bewegung zu setzen. Nach etwa zwei Stunden kamen wir auf einen Höhenrücken, von dem wir in eine große und sehr malerische Senke sahen, von einem Fluß durchflossen, der Umfolozi (richtiger wohl Umhlathuze) heißt.

Wir wurden aufgefordert, unter einer großen Euphorbia haltzumachen, von wo aus wir ungefähr eine Meile voraus die Residenz sahen: einen Eingeborenenkral mit einem Umfang von fast zwei Meilen.

Während wir warteten, gingen Boten zwischen Mbikwana und Shaka hin und her. Schließlich kam einer und forderte, daß Mr. Farewell und ich vorrücken sollten, Mr. Petersen und unsere Diener und eingeborene Begleitung aber, die Shakas Geschenk trugen, sollten bei der Euphorbia bleiben. Mbikwana und etwa 20 seiner Leute kamen mit uns.

Als wir den Kral betraten, sahen wir etwa 80.000 Eingeborene, die in Kriegsausrüstung aufmarschiert waren. Mbikwana forderte mich auf, im Kreis herumzugaloppieren, und sobald ich dem Pferd die Sporen gab, erhob sich ein brausender Ruf aus der Masse, und alle zeigten mit ihren Stöcken auf mich. Zwei- oder dreimal sollte ich den Kreis reiten unter dem kolossalen Geschrei der Worte »Ujojo wokhalo!« (Aufgeweckter Bergfink). Mr. Farewell und ich wurden dann von Mbikwana zum oberen Teil des Krales geführt, wo die Menschenmassen dichter als anderswo waren. Die ganze Truppe blieb regungslos, wie überhaupt seit Beginn des Empfangs.

Mbikwana stand zwischen uns und sprach einen Unbekannten in langer Rede an, in dessen Verlauf er uns häufig aufforderte, »Yebo« zu antworten, das heißt, alles als wahr zu bestätigen, obwohl wir natürlich nicht wußten, was er gesagt hatte.

Während dieser Rede sah ich jemanden, von dem ich glaubte, es sei Shaka, drehte mich zu Farewell um, zeigte auf den Mann und sagte: »Farewell, da ist Shaka.« Shaka konnte das hören und merkte, daß ich ihn erkannt hatte. Sofort hob er seine Hand und zeigte zustimmend mit dem Finger auf mich. Farewell, kurzsichtig und Brillenträger, konnte ihn nicht sehen.

Es wurden Stoßzähne von Elefanten gebracht. Einer wurde vor mich, einer vor Farewell gelegt. Dann hob Shaka den Stock in seiner Hand, schlug damit links und rechts, und die Menschenmasse änderte Position und bildete Regimenter. Ein Teil jedes Regiments eilte zum Fluß und auf die Hügel um uns herum, der Rest bildete einen Kreis und begann – mit Shaka in der Mitte – zu tanzen.

Es war ein aufregendes Bild, überraschend für uns, die wir uns nicht hatten vorstellen können, daß eine Nation von sogenannten »Wilden« so diszipliniert und kontrolliert sein kann.

Mädchenregimenter mit weiblichen Offizieren kamen dann in die Mitte der Arena, etwa 8.000 bis 10.000, jede mit einem leichten Stab in der Hand. Sie machten bei dem Tanz mit, der etwa zwei Stunden dauerte.

Dann näherte sich Shaka, offensichtlich, um unseren Beifall entgegenzunehmen.

Der König kam zu uns und sagte, wir sollten vor seinen Leuten, die sich nun in kleinen Gruppen näherten und Vieh vor sich her trieben, keine Angst haben. Die Männer sangen und tanzten und bewegten sich dabei vor und zurück wie die Brandung am Strand. Soweit das Auge reichte, war das ganze Land voll von Leuten und Rinderherden. Das Vieh war nach Farbe sortiert.

Nachdem so die Tiere zwei Stunden lang vorbeigetrieben worden waren, kamen die Leute in einem Kreis zusammen und sangen und tanzten zu ihrem Kriegsgesang. Dann kehrten sie zu ihrem Vieh zurück, zeigten es noch einmal und tanzten und sangen immer wieder. Dann kamen die Frauen in den Kral, jede mit einem langen dünnen Stab in der rechten Hand, den sie im Rhythmus des Gesanges bewegte. Sie hatten noch nicht lange getanzt, da mußten sie Platz machen für die Damen des Harems und etwa 150 andere, die Schwestern genannt wurden. Diese tanzten in Achtergruppen zu je vieren, wobei jede Gruppe Perlenschnüre unterschiedlicher Farbe trug, die über Kreuz von den Schultern bis zu den Knien gingen. Jede trug einen Kopfputz von schwarzen Federn und vier schmale Messingringe um den Hals.

Als der König am Tanz teilnahm, wurde er von den Männern begleitet. Der Tanz dauerte eine halbe Stunde. Die eingehaltene Ordnung und die Genauigkeit der Bewegungen wurden uns von seinem Dolmetscher Hlambamanzi erklärt. Er wollte von uns wissen, ob wir je irgendwo so eine Ordnung gesehen hätten, versicherte, daß er der größte König sei, den es gäbe, daß seine Leute zahlreich seien wie die Sterne und daß er so viel Vieh habe, daß man es nicht zählen könne.

Dann zerstreuten sich die Leute, und er wies einen Häuptling an, uns zu einem Kral zu bringen, wo wir unser Zelt aufstellen konnten. Er schickte uns ein Schaf, einen Korb Getreide, einen Ochsen und einen Topf Bier von etwa drei Gallonen.

Um sieben Uhr feuerten wir vier Raketen ab und acht Gewehre. Shaka schickte Leute um zuzuschauen, kam aber aus Angst selbst nicht aus seiner Hütte. Am folgenden Morgen wurden wir aufgefordert, aufzusitzen und zum Königsquartier zu kommen. Wir fanden ihn unter einem Baum sitzend, wo er dabei war, sich festlich zu schmücken; er war von etwa 200 Leuten umgeben. Ein Diener kniete an seiner Seite und hielt einen Schild über ihn, um die Sonne abzuhalten. Um seinen Kopf trug er einen Turban von Otterfell, vorn mit einer aufrecht stehenden Kranichfeder, ganze zwei Fuß lang, und einem Kranz von scharlachroten Federn, die früher nur von Männern hohen Ranges getragen wurden. Ohrgehänge aus getrocknetem Zuckerrohr mit geschnitztem Rand, weißen Enden und etwa zwei Zentimetern im Durchmesser steckten in den Ohrläppchen, die zu diesem Zweck durchstochen waren. Über den Schultern trug er 12 Zentimeter lange Bündel von Affen- und Ginsterkatzenfellen, aufgedreht wie Tierschwänze, die den halben Körper herabhingen. Um den Ring oder Turban auf dem Kopf trug er ein Dutzend geschmackvoll arrangierte Federn vom Turako, sorgfältig an Dornen gebunden, die im Haar steckten.

An seinen Armen trug er weiße Büschel von Ochsenschwänzen, in der Mitte aufgeschnitten, so daß sie um den Arm herumhingen, vier an jedem. Um die Taille trug er einen Rock aus Affen- und Ginsterkatzenfell, gedreht wie vorher beschrieben, oben mit kleinen Quasten. Der Rock reichte bis zu den Knien, unter denen weiße Ochsenschwänze befestigt waren; diese reichten bis zu den Knöcheln. Er trug einen weißen Schild mit einem einzigen schwarzen Fleck und einen Speer. So ausgestattet, war er eine vortreffliche und sehr kriegerische Erscheinung.

Während er sich ankleidete, präsentierten seine Leute wie am Tag zuvor ihre Viehherden, deren immer noch mehr wurden, und variierten die Szene mit Singen und Tanzen. Dazwischen beobachteten wir, wie Shaka Befehl gab, einen Mann in unserer Nähe zu töten; wir konnten nicht in Erfahrung bringen warum, aber uns wurde bald klar, daß dies häufig vorkam.

Die Abteilungen von Kriegern, die sich vor dem Tanz entfernt hatten, kehrten nun vom Fluß und von den Bergen zurück und trieben ungeheuer große Viehherden vor sich her. Jetzt gab es eine große Viehschau. Jedes Regiment trieb uns Tausende von Rindern entgegen, die zu ihnen gehörten; die Farben der Tiere und der Schilde, die die Männer trugen, paßten zueinander – so wurden die Regimenter unterschieden. Abweichungen in der Farbe der Tiere gab es nicht. Es gab Herden von Tieren ohne Hörner, andere mit Überhängen, 10 bis 15 cm lang, die einen erheblichen Teil des Körpers bedeckten. Die Tiere anderer Herden hatten je vier, sechs, oder acht Hörner. Diese Vorstellung dauerte bis Sonnenuntergang, zeitweise mit Tanz; dann schlugen wir vor, unsere Zelte aufzustellen. Ein Mann wurde abgestellt, uns einen Lagerplatz zuzuweisen. Zu Farewells großer Überraschung stellte sich heraus, daß dieser Mann Jacob war, sein Dolmetscher, der im Jahr vorher in St. Lucia gelandet war, als Farewell alle seine Boote verloren hatte und alle Seeleute ertrunken waren. Jakob war zu Shaka gebracht worden, der ihn auf der Stelle als Wache für seinen Hof einstellte.

Zwei Ochsen wurden für uns geschlachtet. Nach dem Essen wollten wir uns zur Ruhe begeben, aber Boten von Shaka forderten uns auf, mit Jakob als Dolmetscher zu ihm zu kommen. Ich wurde dann in den Harem geführt, wo ich Shaka in einem geschnitzten Stuhl sitzend vorfand, umgeben von etwa 400 Mädchen, zwei oder drei Häuptlingen und zwei Dienern, die ihm aufwarteten.

Mein Name Fynn war von den Leuten zu Sofili geändert worden; so sprach Shaka mich mehrere Male im Laufe des folgenden Gespächs an:

»Ich höre, Du kommst von umGeorge [um bezeichnet in der Zulusprache einen Menschen], ist das so? Ist er ein so großer König wie ich?«

Fynn: »Ja; König George ist einer der größten Könige in der Welt.«

Shaka sagte: »Ich bin Dir sehr böse«, während er sehr ernst dreinblickte. »Ich werde einen Boten zu umGeorge senden und ihn auffordern, Dich zu töten. Er hat Dich nicht hergeschickt, damit Du meinen Hunden Medizin gibst.« Alle Anwesenden applaudierten zu diesen Worten. »Warum hast Du meinen Hunden Medizin gegeben?« (Das bezog sich auf eine Frau, die ich vom Tode zum Leben zurückgebracht haben sollte.)

Fynn: »In unserem Land hilft man jedem, der Hilfe braucht, wenn man es kann.«

Shaka: »Bist Du also ein Hundedoktor? Du bist geschickt worden, um mein Doktor zu sein.«

Fynn: »Ich bin kein Doktor, und meine Landsleute halten mich auch nicht für einen.«

Shaka: »Hast Du Medizin bei Dir?«

Fynn: »Ja.«

Shaka: »Dann heile mich, oder ich schicke Dich zu umGeorge, damit er Dich tötet.«

Fynn: »Was fehlt Dir?«

Shaka: »Das mußt Du herausfinden.«

Fynn: »Steh auf und laß mich Dich betrachten.«

Shaka: »Warum sollte ich aufstehen?«

Fynn: »Damit ich herausfinden kann, was Dir fehlt.«

Shaka stand auf, mochte es aber offensichtlich nicht, daß ich ihm nahe kam. Einige Mädchen hielten brennende Fackeln hoch. Ich betrachtete ihn, und nachdem ich wußte, daß er den ganzen Tag sehr aktiv gewesen war, nahm ich an, daß ihm nichts Ernstliches fehlte. Ich bemerkte jedoch zahlreiche schwarze Flecken an seinen Lenden, wo Medizinmänner ihm Narben beigebracht hatten, und sagte ihm auf den Kopf zu, er habe dort Schmerzen. Shaka hielt sich die Hand vor den Mund vor lauter Erstaunen, worauf alle meiner Weisheit applaudierten. Shaka wies mich dann streng an, seinen Hunden keine Medizin zu geben, und nach ein paar Allgemeinplätzen, die seine gute Laune zeigten, war ich entlassen.

Wenige – wenn überhaupt jemand – in der Zuluarmee fanden Schlaf in jener Nacht. Große Mengen an Rindern wurden geschlachtet, und das Land rundum war von Feuern erhellt, um die sich Leute scharten.

Der folgende Tag war von Shaka dazu bestimmt, unser Geschenk in Empfang zu nehmen, das glücklicherweise von Farewell ausnehmend gut gewählt war, um es einem so wichtigen Häuptling wie Shaka zu präsentieren. Es bestand aus jeder Art von Perlen, die in Kapstadt erhältlich gewesen waren, und viel besser als die, die Shaka von den Portugiesen in Delagoa [heute Maputo] erhalten hatte. Dann gab es eine große Auswahl an Wolldecken, geformte und lackierte Messingstangen und Kupferblech, dazu Tauben, ein Schwein, Katzen und Hunde. Darüber hinaus gab es noch einen Galauniformrock mit Goldepauletten. Obwohl Shaka keine offene Dankbarkeit zeigte, war doch klar, daß er zufrieden war. Er war sehr an den lebenden Tieren interessiert, besonders dem Schwein, bis es in den Milchkammern größeres Unheil anrichtete und der ganze Harem um Hilfe schrie. Es endete damit, daß das Schwein geschlachtet wurde.

Die Vorführung des Viehs und das Tanzen dauerten den ganzen Tag, und es trafen noch andere Regimenter ein, die von weither gekommen waren und nun am Tanz teilnahmen. Unter den Dingen, die wir mitgenommen hatten, waren auch Feuerwerksraketen, die wir bisher nicht gebraucht hatten. Bei der Rückkehr zum Lager – es war schon dunkel – feuerten wir sie ab, nachdem wir Shaka vorher darüber informiert und ihn aufgefordert hatten, seine Leute in den Himmel schauen zu lassen. Die Überraschung war groß; ich bezweifle jedoch, daß es angebracht ist, nach so kurzer Bekanntschaft zwischen Weiß und Schwarz unwissenden Eingeborenen solche Wunder zu zeigen. Als wir mit Shaka darüber sprachen, warum wir nach Natal gekommen seien, zeigte er großes Verlangen, daß wir am Hafen leben sollten. Jeden Abend sandte er nach mir und unterhielt sich drei oder vier Stunden mit mir mit Hilfe von Jacob, dem Kaffer.

Am ersten Tage unseres Aufenthalts hatten wir gesehen, daß nicht weniger als zehn Männer getötet wurden. Auf ein bloßes Zeichen von Shaka hin, nur ein Zeigen mit dem Finger, wurde ein Mann von den Umstehenden ergriffen, sein Hals umgedreht, Kopf und Körper geschlagen mit Stöcken, deren Knauf bei manchen die Größe einer Männerfaust erreichte. Auch an den folgenden Tagen wurden Männer umgebracht. Ihre Leichen wurden zu einem nahen Hügel getragen und dort aufgespießt. Am vierten Tag besuchten wir den Platz. Es war wahrlich ein Golgatha, von Hunderten von Geiern umschwärmt. Dieser Anblick und die Tötungsszenen brachten Mr. Petersen zu dem Entschluß, die Partnerschaft aufzukündigen und zum Kap zurückzukehren.

Am Nachmittag des fünften Tages schickte Shaka nach mir und forderte mich auf, mit einigen seiner Diener einen weiter entfernten Kral aufzusuchen, wo der Häuptling umPangazitha krank darnieder lag. Ich ging hin und fand ihn mit hohem Fieber. Ich ließ ihn zur Ader, gab ihm Medizin und sorgte dafür, daß er stark schwitzte. Am Mittag des nächsten Tages fühlte er sich schon viel besser. Dieser Erfolg freute Shaka, denn dieser Häuptling stand bei ihm in hohem Ansehen.

Mr. Petersen konnte nicht umhin, meinen Erfolg als Doktor und die sich daraus ergebende Wertschätzung zur Kenntnis zu nehmen. Er brachte eine Schachtel mit Pillen, die, so versicherte er Shaka, gut gegen alle Krankheiten seien; er nötigte ihn, zwei zu versuchen. Shaka forderte Petersen auf, selbst zwei zu nehmen, was er auch tat. Shaka zeigte keine Neigung, sie zu probieren, und als Petersen weiter in ihn drang, ließ er Petersen je zwei an mehrere Häuptlinge verteilen, die sie auch schluckten und meinten, sie schmeckten nach nichts. Mr. Petersen drängte weiter, und nun bestand Shaka darauf, daß Petersen selber noch zwei nähme, damit es die Häuptlinge sähen, die ihn ja die ersten nicht hätten schlucken sehen. Mr. Petersen sträubte sich eine ganze Weile, bis Shaka sagte, Petersen wolle sie Medizin schlucken lassen, die er selber nicht nehmen wolle. Da bekam er es mit der Angst zu tun und schluckte noch zwei.

Am Nachmittag ging ich zum Fluß, um die großen Herden von Flußpferden zu beobachten. Bei der Rückkehr zum Zelt zum Abendessen konnte ich nicht umhin, das drückende Schweigen zu bemerken, das zwischen Farewell und Petersen herrschte. Den Grund dafür erfuhr ich erst nach dem Essen, als sie mir erzählten, daß sie während meiner Abwesenheit Shaka davon in Kenntnis gesetzt hätten, daß wir am folgenden Tag zum Hafen zurückkehren wollten; er hatte sofort zugestimmt, aber nur unter der Bedingung, daß ich bliebe – davon ließ er sich von ihnen auch nicht abbringen.

Da das Wort des Königs Gesetz war, war ihnen unbehaglich zumute, bis sie feststellten, daß ich nicht nur willens, sondern daß mir sehr daran gelegen war zu bleiben, um so viel wie möglich von diesem noch unbekannten Land zu sehen. Es wurde deshalb entschieden, daß ich mit dem Kaffer Frederick als meinem Dolmetscher und dem Hottentotten Michael als meinem Diener bei Shaka blieb.

Beim Abschied vom König am nächsten Morgen überreichte Shaka Farewell und mir je fünf Stoßzähne von Elefanten und vierzig Rinder und versprach, seine Soldaten für uns auf Elefantenjagd zu schicken. Ich begleitete die Herren Farewell und Petersen einige Meilen, kam gegen Sonnenuntergang zu Shaka zurück und verbrachte an diesem Abend mit ihm zwei oder drei Stunden.

1833 · Eugène Casalis

Ankunft in Basutoland

Eugène Casalis (1812–1891) war als protestantischer Missionar nach Kapstadt gekommen. Die Missionsstation, für die er eigentlich bestimmt war, war inzwischen zerstört worden; so nahm er die Idee von Adam Krotz auf, mit zwei Missionarsbrüdern in das Land der Sothos [früher Basutos genannt] zu Moshoeshoe zu ziehen.

Adam Krotz war Mitglied einer Gruppe Mischlinge, die sich in Philippolis niedergelassen hatten – im Süden waren sie weder bei den Briten noch bei den Buren gern gesehen. König Moshoeshoe (von Casalis Moschesch genannt) hatte Krotz seinen Wunsch mitgeteilt, Missionare aufzunehmen. Dafür war wohl weniger der Wunsch nach christlicher Unterweisung als der Glaube an die technischen Kenntnisse der Weißen ausschlaggebend.

Moshoeshoe hat die Richtigen bekommen. Die drei Franzosen predigten und beteten, packten aber auch zu. In seinen »Erinnerungen« nennt Casalis neben der Bekehrung von Sothos die Einführung von neuen Sorten Getreide, Obst und Gemüse, des Pfluges und von Haus- und Nutztieren und den damit erreichten Wohlstand als Erfolge der Missionsarbeit.

Casalis’ diplomatische Bemühungen in den großen Unruhen unter den Schwarzen und zwischen Schwarzen und Weißen haben dazu geführt, daß das Gebiet der Sotho 1868 der englischen Krone unterstellt wurde und Land auf friedlichem Weg gegen Entschädigung an weiße Siedler abgegeben werden konnte. Später entstand daraus das Königreich Lesotho.

Moshoeshoe starb 1870 in seiner niemals eingenommenen Bergfestung, von der im folgenden die Rede sein wird. Casalis wurde im Jahr 1856 nach Paris zurückberufen und kehrte nicht mehr nach Afrika zurück.

Wir kamen an den Fuß eines Berges, der uns sehr hoch vorkam und der einen Umfang von mehreren Kilometern zu haben schien. Unten befanden sich große Felder von Mais und Sorgho (grobe Hirse), die beinahe reif waren. Die Bewohner hatten ihre Hütten auf den steilsten Gipfeln erbaut, aus Furcht vor Angriffen. Diejenigen, die bei der Arbeit waren, flohen bei unserer Annäherung. Das hinderte uns nicht, auszuspannen und uns gemächlich am Rande eines Baches niederzulassen, dessen Klarheit und dessen leises Murmeln uns in wirkliches Entzücken versetzte.

Wir hatten die Westgrenze des Landes der Basutos erreicht. Wir erfuhren dort mit Bestimmtheit, daß dies der Nationalname der Völkerschaften war, welche dem Herrscher untertan waren, der Missionare verlangte. Er hatte seine Wünsche und seine Schritte nicht allen seinen Untertanen mitgeteilt. Daraus erklärt sich die Bestürzung, die unser Erscheinen hervorrief. Unsere Führer aus Philippolis hatten fast die nämlichen Gesichtszüge und trugen dieselben Kleider und Waffen wie die Koranas und andere Räuber, von denen man so viel erlitten hatte.

Der Älteste der Eingeborenen, die Adam Krotz in seinem Gefolge hatte, erstieg den Berg, um die Bewohner des Dorfes zu beruhigen und ihren Häuptling zu bewegen, uns zu besuchen. Unser Freund hatte große Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Die Besprechung dauerte lange. Er mußte den Charakter seiner Beziehungen zu so verdächtigen Fremdlingen erklären und die Gründe, die er hatte, an unsere guten Gesinnungen zu glauben, eingehend darlegen. Der Häuptling war derjenige, der am längsten zauderte. Er wußte, daß viele seinesgleichen, durch Freundschaftsversicherungen verlockt, ergriffen, geknebelt und gezwungen worden waren, ihr Vieh bis auf den letzten Kopf als Lösegeld hinzugeben, ja, daß sie froh sein mußten, wenn sie nicht noch überdies einen Flintenschuß erhalten hatten. Er begriff jedoch zuletzt, daß, wenn er die ihm gegebenen Erläuterungen zurückwies, er Gefahr lief, von seinem Oberherrn sehr ungünstig beurteilt zu werden. Nach langem Warten sahen wir unseren Gesandten mit einem recht gut aussehenden, etwa fünfzigjährigen Mann herabsteigen, dem eine kleine unbewaffnete Eskorte folgte. Es war der Häuptling. Er nahm unsere ersten Höflichkeitsbezeugungen mit Würde entgegen, aber nicht ohne den Ausdruck unserer Gesichter zu studieren und sich mit einem Blick über unsere Zahl zu vergewissern. Darauf teilte er uns, kühner geworden, mit, daß er den Namen Moseme führe, daß seine Familie blutsverwandt mit der des Landesherrn sei und daß der Berg, auf dem er wohne, Thaba-Ntsu hieße. Hier erklärte uns der Dolmetscher von Adam Krotz, daß dies Wort »Schwarzer Berg« bedeute, eine Benennung, die durch die dunkle Färbung der Felsen, die über unserem Lager hingen, gerechtfertigt war.

Die Züge Mosemes erhellten sich, als er, sich erhebend, um nach Hause zurückzukehren, bemerkte, daß wir seiner Entfernung kein Hindernis in den Weg legten. Wir hatten ihm gesagt, daß der morgige Tag für uns ein heiliger Tag (der Sonntag) sei, den wir am Fuß des Berges zubringen würden, und daß, wenn er mit allen seinen Leuten kommen wolle, wir ihn das große Wort hören lassen würden, das wir dem Lande brächten.

Dies begab sich im Monat Juni, der Zeit, in welcher die Produkte des Landes fast alle reif sind. Abends brachte man uns als Geschenk des Häuptlings Maiskolben und Bündel süßer Hirse (Infe). Wir konnten uns auch für einige Prisen Salz prachtvolle Kürbisse verschaffen. Diese Früchte der Erde waren keine kleine Erquickung für uns, die wir wochenlang nur von geröstetem Fleisch gelebt hatten. Unser Salz hatte ebenso viel, wenn nicht mehr Freude bereitet. Diese Gegend besaß keine Salinen. Man mußte sechzig Meilen nach Norden reisen, um solche zu finden, und seit langer Zeit war diese Reise durch Feinde, die alle Wege unsicher machten, unmöglich gemacht worden. Unsere Salzkäufer bedurften aller nur möglichen Selbstbeherrschung, um das Salz nicht auf der Stelle zu verzehren. Sie zerkauten kleine Stücke desselben und bebten dabei vor Wonne. Nachdem sie es in hübsche kleine Tontöpfe gelegt hatten, leckten sie begierig ihre Handflächen ab, in denen es zuerst geruht hatte. Wir sollten später aus eigener Erfahrung lernen, was es heißt, diesen unschätzbaren Stoff entbehren zu müssen.

Am folgenden Morgen kamen Moseme und etwa hundert seiner Untergebenen, um sich im Kreise um unser Hauptfeuer zu setzen. Sie wohnten dem Gottesdienst bei, den wir auf holländisch mit unseren Leuten hielten, und sie folgten allen Einzelheiten desselben mit großer Neugier. Der Gesang rief unter den Jüngsten zuerst lautes Lachen hervor, was der Häuptling eiligst verwahrte. Unsere Mulatten hatten, dank ihres hottentottischen Blutes, sehr schöne Stimmen, und sie machten es sich zur Pflicht, bei dieser Gelegenheit den ausgiebigsten Gebrauch von denselben zu machen. Ihre harmonischen Akkorde machten schließlich auf die Zuhörer einen sehr lebhaften Eindruck, von dem sie sich aber schwer Rechenschaft geben konnten. Sie befragten einander mit ihren Blicken und schienen zu beraten, ob sie bleiben oder ob sie sich durch die Flucht einer ganz neuen Gefühlserregung entziehen sollten, die vielleicht irgendeine Gefahr in sich barg. Als wir uns zum Gebet erhoben, entstand ebenfalls eine gewisse Bewegung. Wozu dieser Wechsel der Stellung?

Aber man sah uns alle unbewaffnet, das beruhigte wieder ein wenig. Kurz, dank der guten Haltung des Häuptlings rührte sich niemand; aber es war für alle eine Erleichterung, als man sah, wie unsere Leute nach beendigtem Gottesdienst ihre Pfeifen wieder ansteckten und mit dem Stock in den Kochtöpfen rührten, die über dem Feuer brodelten.

Als mir schien, daß alle ihre vollständige Fassung wiedererlangt hatten, erhob ich mich, ließ den unter unseren eingeborenen Führern, dem das Holländische am verständlichsten war, neben mir stehen und machte es mir zur Aufgabe, unseren Gästen das zu erklären, war wir eben getan hatten. Diese christliche Ansprache, die erste, die jemals in diesen Gegenden vernommen worden war, enthielt nur einen Gedanken, nämlich den, daß wir einen Vater im Himmel hätten, der sich uns offenbart hatte und dessen Segen und Gnade wir nun brächten. Was die Art betrifft, in der dies gesagt wurde, so sind mir keine Erinnerungen derselben geblieben, mit Ausnahme eines Satzes, den ich behalten habe, weil er mich durch seine lokale Färbung sehr befriedigte. »Wenn ihr unsere Botschaft annehmt, so werdet ihr sein wie der Strauß, der seine alten Federn abwirft, um schönere zu empfangen.« Ich habe niemals erfahren, wie weit mein armer Dolmetscher selbst mich verstanden hatte.

Was Moseme endlich begriff, war, daß er jedenfalls nichts von uns zu fürchten hatte und daß er uns ohne Gefahr erlauben durfte, sein Dorf zu besuchen.

Er ging uns dorthin voraus, um einige Töpfe Bier bereitstellen zu lassen, mit denen er uns bewirten wollte.

Von seinem Wohnort aus konnten wir das ganze Land wie in einem Panorama überblicken. Der Anblick war prachtvoll. Auf der Höhe von Thaba-Ntsu erhoben sich von allen Seiten majestätische, durch große Täler voneinander getrennte Berge, die fast alle aussahen wir Bergfesten, die bis zu hundert Meter von ihrem Gipfel mit kräftiger Vegetation bedeckt waren. Dort bildeten große Sandsteinfelsen gleich einem riesigen Mauerwerk eine beinah horizontale Krone. Höher hinauf erstreckten sich große Hochebenen, wo die Einwohner ihre Dörfer bauen und ihre Herden weiden konnten. Im Osten war der Gesichtskreis in einer Entfernung von einigen zwanzig Meilen durch eine herrliche Gebirgskette mit spitzen Berggipfeln begrenzt, die, von Süd nach Nord laufend, gerade jetzt mit einer leichten Schneedecke bedeckt waren. Dieser Vorhang trennt das Land der Basutos von dem Gebiet von Natal. Man zeigte uns längs der Gebirgskette zwei ziemlich weit voneinander entfernte Punkte, aus denen ein Fluß und ein Strom entsprangen, der Mogokare und der Sinkou. Die Weißen hatten sie bis dahin kaum an einer anderen Stelle als bei ihrem Zusammenfluß bei Bethulie, im Südosten von Philippolis, beachtet. Sie haben dem Mogokare den Namen Caledon und dem Sinkou den Namen Oranje gegeben. Ersterer teilt das Land der Basutos der Länge nach in zwei fast gleich große Provinzen, der andere trennt es von den Vorposten der Kolonie.

Nachdem wir einen Schrei der Bewunderung ausgestoßen hatten, konnten wir uns des Lachens nicht enthalten, als wir sahen, wie wenig dies Land dem entsprach, was uns die von Paris mitgebrachte Karte hatte erwarten lassen.

Moseme ließ es sich angelegen sein, uns ganz in der Nähe der Gebirgskette und des Caledon einen grauen und wenig erkennbaren Punkt zu bezeichnen. Dort wohnte der Häuptling, den wir suchten. Sein Berg war ziemlich niedrig, was jedoch nicht hinderte, daß er in dem Rufe stand, uneinnehmbar zu sein. Man nannte ihn Thaba-Bossiu oder den Berg der Nacht. Man konnte uns den Ursprung dieses Namens nicht erklären. Den Häuptling selbst bezeichnete Moseme meistens mit dem Namen Mora-Mokhatschane, Sohn des Mokhatschane, weil sein Vater noch lebte und als Machthaber angesehen wurde, obwohl er die Ausübung der Gewalt vollständig seinem Sohn übergeben hatte. Dieser hatte in seiner Kindheit den Namen Lepoko, »Zank«, geführt. Man hatte ihn so genannt wegen einiger innerer Unruhen, während derer er geboren worden war. Später, als es ihm gelungen war, mehrere Nebenbuhler dazu zu bringen, sich unter die Hoheit seines Hauses zu beugen, hatte er den Namen Moschesch, »Niederreißer« oder »Nivellierer« angenommen. Seine Oberhoheit, die ihm niemand mehr streitig zu machen wagte, verdankte er einer seltenen Intelligenz, einer großen Charakterfestigkeit und einer in diesem Lande ganz neuen Art, die Menschen anzufassen und zu behandeln.

Wir verließen Thaba-Ntsu sehr ermutigt. Die Basutos machten einen vortrefflichen Eindruck auf uns. Außer den Kaffern waren sie die schönsten Eingeborenen, die wir gesehen hatten. Ihre Gesichtszüge und ihre Hautfarbe hatten nichts Unangenehmes und hielten im allgemeinen die Mitte zwischen denen der Neger und den unsrigen. Ihre Haut war weich, mehr bronzefarbig als schwarz, ihre Glieder waren kräftig und gut geformt. Was die Größe anbetrifft, so war die mittlere ganz dieselbe wie bei uns. Die Würde ihrer Haltung, die Anmut ihrer Bewegungen, die Rücksicht und Herzlichkeit, die alle ihre Unterhaltungen zu charakterisieren schienen, fielen uns mehr auf als alles andere. Die Mäntel aus Tierhäuten, mit denen sie ihre Schultern bedeckten, die Hütten, in denen sie wohnten, das Vergnügen, das sie darin fanden, ihre Glieder zu ölen, all das konnte sie allein denen zuzählen lassen, die man Wilde zu nennen pflegt.

Da der wechselnde Charakter des Landes und der Mangel an Straßen uns nötigten, noch mehr als einen Umweg zu machen, so erhielt einer unserer Leute den Auftrag, in gerader Linie zu gehen, um Moschesch unsere Ankunft zu melden. Von Thaba-Ntsu an fanden wir auf unserem Wege furchtbare Spuren von Massaker und Zerstörungen. Fast überall lagen menschliche Gebeine. An gewissen Stellen deutete ihre Anzahl ein Schlachtfeld an. Scherben von Tongefäßen, zerfallene und mit Brombeeren überwachsene Mauern, die sehr leicht erkennbaren Konturen von lange bebaut gewesenen Feldern zeigten uns oftmals an, daß wir uns auf dem Platz befanden, wo ein sehr stark bevölkertes Dorf gestanden hatte. Es gab noch einige bewohnte Dörfer, aber diese waren sehr viel kleiner und auf sehr schwer zu erreichenden Höhen gelegen. Wir konnten kaum ein Dutzend derselben besuchen. Überall mußten wir zu demselben Mittel greifen wie in Thaba-Ntsu, um den Schrecken der Eingeborenen zu beruhigen und sie dahin zu bringen, sich mit uns einzulassen. Wir merkten jedoch mit Freuden, daß die Bevölkerung dichter und zutraulicher wurde, je mehr wir uns dem Wohnsitz des Häuptlings näherten. Wir waren nur noch eine kleine Tagesreise von demselben entfernt, als der Mogokare oder Caledon sich unseren Blicken darbot.

Seit unserem Eintritt in das Land der Basutos hatten wir fast überall Quellen und Bäche gefunden, an denen wir reichlich getrunken, uns erfrischt und abgespült hatten. Der Caledon ging darum der lyrischen Begrüßungen verlustig, die wir ihm ohne Zweifel gespendet hätten, wenn er sich uns drei Wochen früher in geringer Entfernung einer übelriechenden Pfütze gezeigt hätte. Er machte uns den unangenehmen Eindruck eines furchtbaren Hindernisses. Um das Ufer zu erreichen, mußten wir vierzig bis fünfzig Schritt fast senkrecht hinabsteigen. Der Aufstieg an der anderen Seite war aber genug, um all unsere stärksten Ochsen ganz umsonst kreuzlahm zu machen. Offenbar mußte man zuerst zu Hacke und Spaten greifen. Glücklicherweise stellt es sich heraus, daß der Boden sandig war und daß unseren Leuten der gute Wille nicht fehlte.

Beruhigt durch den Eifer und die Sorgfalt, mit denen sie sich an die Arbeit begaben, wachte unser Forschungstrieb wieder auf, und wir durchwanderten mit lebhaftem Interesse ein Ufer, an dem Europäer jetzt zum ersten Mal die Spuren ihrer Schritte ließen. Beide Ufer waren von Weiden beschattet, deren Wurzeln die Wasser berührten. Diese Bäume waren reich geschmückt mit scharlachroten Finken und mit kleinen Lachtauben. Jeden Augenblick hörten wir das Geschrei oder das Flügelschlagen von Krickenten und von Enten, die bei unserem Nahen fortflogen, während wunderhübsche Wasserhühner sich unter Schilfbüscheln verkrochen, wo sie ihre Gegenwart durch ein schüchternes und klagendes Pfeifen verrieten. An dem Ort, wo wir uns befanden, zeigte der Wasserlauf ungefähr sechzig Meter Breite bei anderthalb Meter Tiefe. Der Grund bestand, wo er nicht sandig war, aus Basaltmassen, die von der Strömung poliert und wie Pflaster gelegt waren. Man konnte in dem Kies am Rande viele Achat- und Karneolsteine finden und manchmal sehr regelmäßige Kristalle von großer Durchsichtigkeit.

Die vereinigten Kräfte von zwanzig Ochsen, die von vier Peitschenträgern ohne Erbarmen angetrieben wurden, brachten endlich unseren Wagen an das linke Ufer des Caledon. Die anderen folgten in gleicher Weise. Die Nacht sank hernieder, und man ging nicht mehr weiter.

Am folgenden Morgen kam eine lärmende Reiterschar an. Es waren die beiden ältesten Söhne von Moschesch, Letsié und Molapo, die mit einem kleinen Gefolge ankamen, um uns im Namen ihres Vaters willkommen zu heißen. Um uns diese Ehre zu erweisen, hatten sie zehn Pferde genommen, die sie vor kurzer Zeit in einem Scharmützel von den Koranas erbeutet hatten. Ihre Erscheinung stimmte wenig mit dem Ernst überein, der nach unserer Ansicht alle Vorkommnisse dieser Reise kennzeichnen sollte. Was das Reiten anbelangt, waren sie Neulinge und kamen in vollem Lauf bei uns an, ohne vorhergehende Warnung, so daß sie beinahe alles über den Haufen geworfen hätten. Es ist kaum möglich, sich etwas Komischeres vorzustellen als diese jungen Tollköpfe, die ohne Sattel ritten und mit ihren bloßen Beinen die triefenden Weichen ihrer Renner wie mit Dreschflegeln schlugen. Die Pantherfelle, die an ihren Schultern wehten, machten nichts besser. Die Nacktheit ist entschieden nirgends weniger statthaft als auf dem Rücken eines Pferdes. Die Formen des Zweifüßlers sind zu dürftig, um den Vergleich aushalten zu können.

Diese Gesandten sagten uns nur, daß wir mit großer Ungeduld erwartet würden. Nach der Sitte des Landes gestattete ihre Jugend ihnen weder lange Sätze noch offizielle Reden. Nachdem sie mit einigermaßen verstörten Blicken unsere Personen und unsere Wagen betrachtet hatten, kehrten sie zurück, wie sie gekommen waren, indem sie wie Besessene gestikulierten und galoppierten.

Am Fuße eines Berges, der uns Thaba-Bossiu noch verbarg, sahen wir zum ersten Mal Dörfer in freiem Feld. In diesen war man über den vollkommen friedlichen Zweck unseres Besuches unterrichtet. Das Oberhaupt des Ortes, Chosane, ein Mann von athletischer Größe und Korpulenz, begrüßte uns ehrerbietig mit dem Namen »Freunde von Moschesch« und ließ Töpfe mit Milch und Körbe mit gekochtem Mais zu unseren Füßen stellen.