Epilog

Tapfer lächelnd betritt eine traurige Tilla das Zimmer 366 in der geschlossenen Abteilung des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Hamburg. Sie hat keine Blumen dabei und kein Obst, dafür das Rosenbuch, das ihr Großvater immer wieder so gerne durchblättert.

«Hallo Opa, ich bin’s, Tilla», sagt sie, setzt sich zu ihm an den kleinen Tisch am Fenster und fragt: «Wie geht’s dir, Opa, hast du alles, was du brauchst?»

«Sehr gut mein Schatz, ja, alles in Ordnung», antwortet der alte Mann «ich weiß nur nicht, wann Elisabeth kommt.»

«Opa, du weißt doch, Oma ist schon lange ...» Tilla hält inne und setzt dann den Satz fort: «Oma ist noch beim Einkaufen.»

Da blitzen seine Augen für einen kurzen Moment auf und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. «Ich weiß, Tilla, ich weiß. Ich hab’ es – glaube ich – vergessen, oder? Und was gibt’s denn Neues bei dir?»

«Alles in Ordnung, Opa, mir geht’s auch prima», antwortet sie mit trauriger Liebe in ihrem Herzen, streicht ihrem Großvater sanft über die stoppelige Wange und schaut aus dem Fenster. Ein paar Hausdächer sind zu sehen, ein bisschen Grün und das Graublau des wolkigen Himmels Ende September über Hamburg.

Man kann die Elbe nicht sehen und nicht die Schiffe, denkt sie – wenn ihm wenigstens das vergönnt wäre. Dann nimmt sie seine Hände in die ihren und fängt ganz leise an zu singen:

«Lila war ihr Palleton,

lila ihr Gewand,

keine Farbe stand ihr so,

wie ihr lila stand...»

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Gust Verdonck

Lila Tilla

Mord ist kein Schicksal

AQUENSIS

thriller

Dank

Großen Dank an die Rechtsanwaltskanzlei Luger & Bolmann* für die Überlassung der Prozessakten und der für den Fall relevanten Kanzlei-Notizen sowie an Hauptkommissar Gerald Kugel* für die ausführlichen Gespräche.

(*Name vom Autor geändert)

Prolog

Die Aussagen der beiden Zeugen, die am späten Abend im Hamburger Stadtteil Hamm den Vorfall beobachtet hatten, waren für die Ermittlungen wertlos. Der einzige Unbeteiligte, der das Ereignis aus nächster Nähe miterlebt hatte und – hätte er sprechen können – den Tathergang genau hätte beschreiben können, war Toby, der kleine Mischlingsrüde. Aber selbst das hätte nicht genügt, um Licht in das Dunkel zu bringen.

Sie hatten ihm alle vertraut. Eltern, Freunde, Bekannte, der gesamte Vorstand, die Kollegen und natürlich die Mädchen der Fußball-B-Jugendmannschaft des FC Hamburg-Nordheim. Ihr Trainer war ein Vorbild – gutaussehend, charmant, beruflich erfolgreich und ein einfühlsamer Coach ohne Fehl und Tadel.

Niemand hatte es verstehen können, dass dieser scheinbar untadelige Mann eines seiner ihm anvertrauten Fußballmädchen gnadenlos bedrängt und schließlich vergewaltigt hatte. Von einem cleveren Anwalt verteidigt, einem gnädigen Richter verurteilt und wegen bester Therapieerfolge früher aus dem Gefängnis entlassen, schien dann doch alles wieder in geordneten Bahnen zu sein.

Doch das Schicksal hat noch nicht genug...

Dienstag, 27. August

Hätte sich Toby an diesem späten Dienstagabend einen anderen Ort ausgesucht, um sich nach langem Schnüffeln endlich dreimal um die eigene Achse zu drehen, danach den Platz noch einmal zu inspizieren und sich schließlich mit einem Ruck in Positur zu setzen und sein Geschäft zu erledigen, dann wären die Chancen groß gewesen, dass niemand gewaltsam zu Tode gekommen wäre in dieser Nacht. Wenigstens nicht in diesem Stadtviertel Hamburgs, das von manchen durchaus als sozialer Brennpunkt bezeichnet wurde. Das Opfer dieser Nacht in Hamm aber hätte länger leben dürfen. Vielleicht viel länger. Möglicherweise wäre es dann überhaupt nicht eines gewaltsamen Todes gestorben, sondern irgendwann in ferner Zukunft in hohem Alter sanft entschlafen.

Aber es sollte anders kommen, denn Toby suchte sich ausgerechnet diesen Platz aus, um hier das zu tun, was nötig war.

Dem Mischlingsrüden, der wohl schon zehn Jahre auf dem Fell hatte, schien das nicht viel mehr als zwei Quadratmeter große Fleckchen Erde direkt an der Einmündung der Traunsallee in die Claudiusstraße zu gefallen. Rund um den Stamm der alten Buche, die seit Jahrzehnten hier ihren Teil zu Hamburgs Grün beitrug, bestimmte graubrauner, ausgemergelter Boden das Bild der Erde, unterbrochen von wild wucherndem Unkraut, das den wenigen noch vorhandenen Grasbüscheln keine Chance zu weiträumiger Verbreitung gab. Seiner Hundenatur entsprechend interessierte sich Toby jedoch ausschließlich für die hier vorherrschenden Gerüche, befand den Ort als Platz für sein abendliches Ritual bestens geeignet und war zufrieden.

Ganz im Gegenteil zu Dr. Sven Prochtler. Der promovierte Biologe starrte missmutig auf den Hund und trat hastig noch drei Schritte Richtung Bordsteinkante, um zu verhindern, dass sich das Ende der Leine direkt unter Tobys Hinterteil befand, wenn dieser seinem natürlichen Bedürfnis nachkam. Eine mit Hundekot verdreckte Hundeleine – das hätte gerade noch gefehlt. «Drecksvieh», murmelte Sven Prochtler und wurde sich wieder einmal bewusst, auf welch’ sinnlosem Gefühlskarussell er sich jeden Abend während dieses bescheuerten Gassi-Gehens befand. Allabendlich und immer in derselben Reihenfolge gab er sich jedes Mal denselben Emotionen hin, begleitetet von einem Hündchen, das wohl eher eine leicht überdimensionierte, mittelschwer verfettete Ratte hätte werden sollen.

Da war zuerst der Ärger. Wie auf Geheiß einer gehässigen, verbiesterten Krankenschwester legte sich genau in dem Moment, in dem er jeden Abend mit dieser Ratte das Haus verließ – verlassen musste –, sein ganz persönlicher Unmut wie ein modriger Bademantel um ihn. Warum musste eine Selbstverständlichkeit seine Situation auf diese im wahrsten Sinne des Wortes beschissene Weise noch verschlimmern? Es war ja wohl das Mindeste, dass eine Mutter ihren Sohn nach dessen Heimkehr in ihrem Haus aufnahm, bis der endlich wieder eine geeignete Wohnung gefunden haben würde. Ihr ständiges Betütteln und Bevormunden ging ihm aber schon nach zwei Wochen auf der Couch, einigen seiner Lieblingsessen, mehreren ausgedehnten Bädern, jeder Nacht vor dem Fernseher und dem Rest der Zeit vor dem Computer gehörig auf die Nerven. So sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm einfach nicht, das übertrieben mütterliche und zu allem Überfluss wahrscheinlich auch noch gut gemeinte, ständige Geplappere auszublenden. Die Stimme seiner Mutter erzeugte in immer gleichbleibenden, sorgen- und gleichzeitig vorwurfsvollen Tonfarben einen Klangteppich, der das ganze Haus – und vor allem seinen Kopf – auszufüllen schien und der beileibe nichts mit einem Teppich, sondern eher mit einem aufgerissenen Betonbelag vergleichbar war.

Sven hier, Sven da: «Sven, schau doch mal», «Sven, kümmer’ dich doch mal» «Sven, was willst du denn jetzt machen», «Sven, schlag doch nicht die Zeit tot», «Sven, überleg’ doch, was Vati tun würde», «Sven, solltest du nicht?» Er konnte sich nur mühsam beherrschen, empfand er doch diese Situation nicht einfach nur lästig, sondern «schlichtweg grauenhaft». Während der zwei Jahre und sieben Monate, in denen er seine persönliche Kommunikationsstrategie ausschließlich auf ein einziges Ziel ausgerichtet hatte, hatte er sich sein Leben danach wahrlich angenehmer vorgestellt.

Das Schlimmste aber war der Köter.

«Wenn du schon jeden Tag so spät aufstehst, könntest du wenigstens abends mit Toby rausgehen. Das wäre mir eine große Erleichterung und du hast ja Zeit.» Während er seine Mutter ansah und noch schwankte zwischen einem ärgerlichen «Lass mich in Ruhe!» oder dem wortlosen Verlassen des Zimmers, setzte die alte Frau noch einen drauf: «Ja, wenn du arbeiten gehen würdest, dann wäre das etwas anderes, aber so. Und Toby würde sich auch freuen.» Der Hund würde sich freuen? Der Hund, der ihn vom Tag seiner Ankunft an ignorierte und dessen einzige Leistung es war, innerhalb kürzester Zeit zu bemerken, dass Sven ihn absolut nicht leiden konnte? Wie bescheuert war das denn? Dennoch: Nach kurzem Nachdenken ließ er Gnade vor Recht ergehen, wie er großzügig befand, auch wenn das dem 3-Sterne-Hotel «Mama» einen Stern kosten würde. Dass er, Dr. Sven Prochtler, promovierter Biologe, 38 Jahre alt und mit den Unbilden des Lebens fertig geworden, aber bei Tageslicht mit einem kleinen Hündchen durch die Straßen Hamburgs spazieren und alle paar Meter geduldig warten würde, bis die fette Bratwurst auf vier Beinen ihre Duftmarken gesetzt haben würde, das jedoch kam unter keinen Umständen in Frage.

«Mach’ ich, Mutti, aber Toby wird sich daran gewöhnen müssen, dass er etwas später raus kommt.» Jetzt war er ganz der wohlerzogene Sohn und ließ sich bereitwillig den Platz zeigen, wo Hundeleine und Hundebeutel deponiert waren.

«Unser Hamburg soll sauber sein. Du weißt ja, wie man mit dem Beutel Tobys Geschäft aufsammelt.» Mit hörbarer Freude in der Stimme ob der unerwartet diskussionslosen Bereitschaft ihres Sohnes zum Gassi-Gehen, wollte sie es sich doch nicht entgehen lassen, ihm die Handhabung des Hundebeutels zu demonstrieren. Sie hatte die schwarze Plastiktüte über die rechte Hand gestülpt, nach einem imaginären Haufen auf dem Boden im Flur gegriffen und dann mit der Linken den Beutel über das so gebildete Luftlochgestülpt. «Fertig – und ab damit in den nächsten Abfalleimer oder zu Hause in die Mülltonne.»

«Ja natürlich, geht klar, Mutti», hatte Sven erwidert und dabei gedacht: «Einen Teufel werde ich tun, den Scheiß auch noch aufzusammeln.» Auch auf den Leinenzwang für Hunde in Hamburg hätte er gepfiffen, wenn er nicht Sorge gehabt hätte, diese Dumpfbacke von Hund würde unter das einzige Auto laufen, das nachts um halb Zwölf durch die Straßen in diesem Wohnviertel fuhr. Was zwar das Hunde-Problem gelöst, dafür aber ein noch schrecklicheres Mutti-Jammer-Heul-Vorwurf-Problem ohne absehbares Ende verursacht hätte. Der Köter an der Leine war wohl das kleinere Übel.

Sei es, wie es will: Er musste auf jeden Fall so schnell wie möglich hier weg. Die Menschen dieser Gegend entsprachen in keiner Weise seinem Niveau. Er war damals bestimmt nicht ausgebrochen aus diesem nie endenden Kreislauf von Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst, nur um ein paar Jahre später wieder darin zu versinken. Schließlich hatte er es zuerst mit der Kraft seiner jungen, trainierten Muskeln und dann vor allem mit der Macht seiner Worte und seiner Intelligenz geschafft, dem nicht gerade wegen seiner guten Bildungsvoraussetzungen bekannten Stadtteil zu trotzen. Er, dem es gelungen war, in der Jugendbande «Die Schwarzen» in seinem Viertel der unumstrittene Anführer zu sein und nie auch nur die geringsten Schwierigkeiten zu bekommen, weil er immer die anderen die Drecksarbeit machen ließ, ihnen aber stets das Gefühl gab, wie toll und wie wichtig sie seien. Das war bei den ersten, fast noch harmlosen Kinderstreichen so gewesen und das war so, als ihre sogenannten Mutproben immer weiter ins Kriminelle abrutschten, bis schließlich Mark, die Oberdumpfbacke, den Hausmeister seiner Schule mit einer Gaspistole anschoss. «Wenn du dich gegen deine Unterdrücker nicht mit aller Gewalt zu Wehr setzt», hatte ihm Sven gesagt, «wirst du nie im Leben eine Chance haben.» Und: «Die Schwarzen werden nie aufhören zu kämpfen gegen die Unterdrücker dieser Welt. Wir zeigen es ihnen!»

Dass Sven Prochtler, der später nicht wie die anderen seiner Clique voller Zorn die Hauptschule lediglich hin und wieder von innen sah, sondern als einziger aus der Clique auf das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Eilbek ging, dort ein vorbildlicher Schüler mit einem hervorragenden Notendurchschnitt war und später sein Abitur mit 13 von 15 Punkten machte, das wusste von den «Schwarzen» natürlich keiner. Im Gegenteil. Wie waren seine Kumpels an seinen Lippen gehangen, wenn er davon erzählte, wie die Schule und das Lernen ihm «am Arsch vorbeigingen»; wie er seine Lehrer «fertigmachte», sich gegen seine «Unterdrücker» stemmte und «jeden Tag diese ganze Soße ordentlich durchquirlte».

Von seinem Biologiestudium, dem Doktortitel und der schicken Wohnung in Volksdorf erfuhr kein Mitglied der «Schwarzen». Damals jedenfalls nicht. Ob der eine oder andere dieser Gehirnamputierten die richtigen Schlüsse gezogen hatte, als nach diesem blöden Vorfall vor rund drei Jahren leider viele Details aus dem Leben von «Sven P.» durch die Zeitungen geschmiert worden waren, das bezweifelte er zwar stark, ganz sicher war sich Sven Prochtler aber nicht.

Schaden konnte es jedoch ganz bestimmt nicht, wenn er vorbereitet war in der menschenleeren Dunkelheit dieses Stadtteils, in dem ab dem frühen Nachmittag – Sven grinste: also gleich nach dem Frühstück – wohl die meisten Bewohner vor dem Fernseher saßen. Entweder, weil sie sich, während sie die unsäglichen Talkshows wie Dürstende aufsogen, angesichts unterirdischer Gäste mit unfassbaren, an den Haaren herbeigezogenen Geschichten endlich mal überlegen fühlen konnten. Oder weil sie ihr weniges Geld mit zahllosen Anrufen verschleuderten, denn endlich musste der «Hot Button» ja mal bei ihnen zuschlagen. Dann würden sie ins Studio zu Ulli, Rudi oder Anke durchgestellt werden, um mit ihrer Lösung für das Nachmittagsrätsel des Quiz-Senders – «ein männlicher Vorname mit genau vier Buchstaben» – endlich die ausgelobten «150 Euro plus zwei Geldkoffer» abzuräumen. «Das Geld ist morgen auf ihrem Konto, versprochen!», sagte der Moderator immer wieder. Und: «Jeden Moment können sie hier bei mir ankommen, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt die richtige Leitung treffen.» Na bitte, das wär’ doch ’was.

Er hatte in den letzten Jahren diese Gegend weit hinter sich gelassen und keinen Kontakt mehr gehabt. So war er auch unsicher, wie sich sein ehemaliges «Revier» entwickelt hatte. Hatte es sich beruhigt oder waren jetzt die Nachfolgebanden der «Schwarzen» im Dunkel der Nacht in den Straßen unterwegs? Noch rücksichtsloser, noch hemmungsloser, noch brutaler als sie es damals waren? Möglich war alles. Auf jeden Fall hatte er keine Lust darauf, wegen ein paar Euro und einem Handy erbarmungslos zusammengeschlagen zu werden. Oder vielleicht nur deshalb, weil er auf der falschen Straßenseite ging oder weil der Köter nicht Platz machen wollte.

Vielleicht würde sich auch eine ganz andere Gelegenheit ergeben, bei der er die kleine Waffe «gewinnbringend» einsetzen konnte. Man konnte nie wissen.

So war Dr. Sven Prochtler seit fast drei Wochen jeden späten Abend etwa ab 23 Uhr mit Toby unterwegs. Zurück in seinem alten Stadtviertel. Immer auf der gleichen Runde. Und immer mit der Pistole in der Tasche, die aus den Zeiten von damals noch in dem Versteck in seinem Jugendzimmer gelegen hatte. Die Mitglieder der «Schwarzen» hatten sich mächtig stark gefühlt mit ihren Gaspistolen. Ihm, dem Anführer, genügte so ein «Spielzeug» natürlich nicht, er hatte sich eine richtige Waffe besorgt.

Nach dem Ärger kam die Wut. Jedes Mal, ungefähr dann, wenn er von der Hammer Straße in die Traunsallee einbog, wurde sein ganz persönlicher Unmut, wie er sein abendliches «Startgefühl» bezeichnete, abgelöst von unbändiger Wut auf diese kleine Nutte. Was hatte er nicht alles für sie getan? Er hatte sie in jedem Spiel auf ihrer Lieblingsposition als Mittelstürmerin eingesetzt, obwohl sie in den letzten 14 Spielen ganze zwei Mal das gegnerische Tor getroffen hatte und ihr suboptimales fußballerisches Talent in Wirklichkeit gerade dafür reichte, auf Linksaußen wenigstens keinen Schaden anzurichten. Ein Wunder, dass sie derzeit immerhin auf dem zweiten Platz standen – trotz Tilla. Er hatte sie im Training immer mit besonderer Vorsicht behandelt, kein böses Wort, nur Aufmuntern, Zuspruch, Motivation. Und er hatte sie zur Spielführerin der B-Juniorinnen gemacht und damit ihren wohl größten Wunsch erfüllt. Jede andere aus dem Team wäre geeigneter gewesen, aber er war ihr, diesem jungen, hübschen Mädchen eben sehr, so sehr zugetan …

Er wollte, dass sie glücklich war. Wie hatten ihre Augen geleuchtet, als sie ihm erzählt hatte, wie stolz ihr Papi auf sie sei und dass er gemeint habe, aus ihr würde noch eine große Fußballerin werden.

Sven hatte ihr geduldig zugehört. Schließlich war er als Trainer der B-Juniorinnen des FC Hamburg-Nordheim nicht nur für das Fußballerische verantwortlich, sondern er hatte auch die so wichtige Aufgabe, als väterlicher Freund für die Mädchen da zu sein. Es war ganz natürlich, dass Mädchen im Alter von 15, 16 Jahren, die die Schwelle zum Frausein mit all den damit zusammenhängenden drängenden Fragen und Problemen gerade überschritten, zu Hause nicht die Resonanz fanden, die sie dringend benötigten. «Ätzend» und «unterirdisch» waren die meist gebrauchte Antworten seiner Mädchen, wenn es um die Frage ging, wie es denn daheim mit den Eltern so laufe. «Vergiss’ es», hieß es dann immer, «ich muss mein Ding alleine durchziehen.» Dass er die Kids nicht allein mit ihren Problemen ließ, dafür war er im Verein bekannt und dafür wurde er geschätzt.

«Keiner hat so viel Geduld mit diesen Gören wie Sie, auf und neben dem Platz», hatte der 1. Vorsitzende Nils Klockner zu ihm gesagt, als er ihm erklärte, er wolle ihn bei der nächsten Jahreshauptversammlung als zweiten Vorsitzenden vorschlagen, «das wissen alle beim FC zu schätzen und ich ganz besonders. Meine Nadine ist schließlich auch schon zwölf und wenn das so weitergeht ...» Er ließ den restlichen Satz unausgesprochen in der Luft schweben und lud seinen künftigen Stellvertreter ein, bei einem Bier oder zwei im Nordeck die künftige Vereinsstrategie zu besprechen.

Auch ein, wie er meinte, «heikles Thema» ließ er dabei nicht aus.

Etwas peinlich berührt, aber ganz seiner Verantwortung als Vorsitzender des FC Hamburg-Nordheim bewusst, sprach der füllige Klockner den «Ehrenkodex» zum Thema «keine sexuellen Übergriffe» an. Von der Mitgliederversammlung im letzten Jahr einstimmig beschlossen, hätte der zweite Vorsitzende den Kodex sauber formuliert zu Papier bringen und alle Funktionsträger im Verein unterschreiben lassen sollen. Der aber hatte die Aufgabe erst vernachlässigt und jetzt war er seit sieben Monaten krank und im Verein nicht mehr gesehen worden.

«Das müssten Sie dann dringend übernehmen. Nicht, dass ich da auch nur einen Funken an Ihrer absoluten Integrität zweifeln würde, mein Ehrenwort. Aber Sie verstehen sicherlich, dass ich das ansprechen muss. Ich muss schließlich für den Verein geradestehen. Auch gegenüber dem Hamburger Fußballverband, dem Innensenator und so weiter. Ich muss das ja auch nachweisen. Sie verstehen doch, oder?»

Klockner sah seinen Gegenüber fast ängstlich an, so, als ob dessen Kandidatenkür für den Vereins-Vize an dieser doch so vorsichtig gestellten Frage scheitern könnte. Sven beruhigte ihn.

«Ist doch ganz selbstverständlich. Sie haben mein Ehrenwort», sagte er mit fester Stimme, dachte: ‚Warum hast du das eigentlich nicht schon längst selbst erledigt?’, und sah Klockner mit klarem Blick in die Augen.

«Das wird meine erste Verpflichtung sein, wenn mir das verantwortungsvolle Amt an Ihrer Seite übertragen werden sollte.»

Zufrieden griff der 1. Vorsitzende nach seinem Bierglas, prostete Dr. Prochtler zu und versuchte sich, sichtlich erleichtert, an einer faden scherzhaften Bemerkung, um die Atmosphäre – am meisten für sich selbst – wieder aufzulockern: »Danke! Alles klar. Habe nichts anderes erwartet. Also: Mit den jungen Damen duschen ist nicht erlaubt – aber da gibt’s ja eh nichts zu sehen, was wir nicht schon seit Jahren kennen, was?»

Er war also die Nummer 2 geworden im Verein. Einstimmig. Das hatte seine Position auch bei »seinen» Mädchen noch mehr gefestigt. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er Klockner so weit hatte, dass der der Meinung sein würde, er wäre liebend gerne Ehrenvorsitzender und wolle Vereinsführung samt lästiger Verantwortung in jüngere Hände, in die Hände seines Vize legen. Dann würde er den Verein vollständig im Griff haben – mit all’ den jungen, hübschen Mädchen ...

Tilla war tatsächlich immer noch der Meinung gewesen, sie sei in der Lage, halbwegs ordentlich Fußball zu spielen. Oder noch mehr. Er sagte lange nichts, schaute Tilla nur an, was immer eine Augenweide war. Naturbraune Haut spannte sich über festes Fleisch. Auf dem griechisch anmutenden, nahezu vollkommen modellierten Hals saß der von blonden, lockigen Haaren eingerahmte Kopf mit feinen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen, großen, leuchtenden blauen Augen, einem sinnlichen Mund und einer Stupsnase, deren Flügel sanft bebten, wenn Tilla außer Atem war. Ihr Körper war noch nicht vollkommen ausgeformt, aber gerade das machte seine überaus große Attraktivität aus. Muskulös war Tillas Körper nicht gerade, aber das wäre auch nur für den Sport von Bedeutung gewesen. Dafür versprachen ihre fast vollständig aufgeblühten Brüste den erotischen Himmel auf Erden. Vor allem dann, wenn sich in den, wie Sven bedauernd fand, leider viel zu seltenen Augenblicken, die Brustwarzen kaum gebändigt durch den Stoff abzeichneten.

»Immer fleißig trainieren», hatte er ihr schließlich floskelhaft geraten, »die Vorbilder von Miro Klose bis Birgit Prinz genau beobachten, ihnen nacheifern, Spielpraxis sammeln und vor allem: Immer darauf hören, was der Trainer sagt. Bei allem Talent und Training ist das ja auch das Erfolgsgeheimnis der richtig großen Stars in den Nationalmannschaften.» Mit ihren großen, wunderbaren Augen hatte ihn Tilla angesehen. Zitterten da nicht auch ganz leicht ihre Nasenflügel? Bei dem Gedanken daran floss ihm immer noch, auch an diesem Abend wieder, ein wohlig-erotisierender Schauer durch den Körper. Kein Kind mehr, beileibe nicht, und noch keine Frau.

Welch Ideal!

Doch wie immer war er auch an diesem Dienstagabend auf seiner erzwungenen Hunderunde um den Block schon kurz vor dem Haus Traunsallee 7 und die Wut verdrängte weiter das kribbelnde Gefühl, das seine Gedanken an Tillas Körper ausgelöst hatten. Dieses kleine Biest hatte ihm alles zerstört, was ihm wichtig war und was er sorgsam geplant hatte.

Wie so oft hatte er an jenem Freitag gegen 19 Uhr fünf Mädchen nach dem Training in seinem weißen Mercedes GL 350 nach Hause gefahren, zuerst Nadine, dann Sonja, Daniela, Lena und zum Schluss Tilla, die sich natürlich nicht in den Fond zu den andern quetschen musste, sondern immer neben ihm auf dem Beifahrersitz saß.

Tilla hatte, nachdem sie noch alleine im Wagen saßen, von Patrick erzählt, diesem süßen Jungen aus der Parallelklasse, den sie »wirklich echt cool» fand, dessen Interesse aber wohl mehr Juliane galt als ihr. Was tun? Tilla war verzweifelt. Wie konnte sie Patrick für sich gewinnen?

Das war genau das Stichwort gewesen für Dr. Sven Prochtler. In seiner väterlichen Art setzte er einen nach dem anderen Allgemeinplatz zum Thema »Beziehungen» genau an die richtige Stelle, um ihr dann mit immer mehr ausgeschmückten Einzelheiten zu erklären, wie Jungs ticken, »vor allem im Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Sexuell, verstehst du?»

Ja, natürlich verstand sie, und die Aussicht auf mögliche Lösungswege aus dem Mund ihres Trainers überdeckten alle Warnzeichen. Spätestens jetzt hätte sie auf der Hut sein müssen. Doch ihr Vertrauen in Prochtler schien grenzenlos. Ein Trainer, der zum Vorstand gehörte, der eine Respektsperson war, dessen Verhalten so untadelig war, dass er auf dem Platz bei der Erklärung von Zweikampfverhalten immer die betreffende Spielerin zuerst fragte, ob es in Ordnung sei, wenn er mit ihr die Situation »am Mann bzw. an der Frau» praktisch demonstriere und der sich jedes Mal entschuldigte, wenn versehentlich oder im Eifer des Fußballgefechts eine womöglich ungebührliche Berührung stattgefunden hatte, ein solcher Trainer hatte ihr absolutes Vertrauen. Und er war der Einzige, mit dem man »richtig reden» konnte.

Tilla bemerkte nicht einmal, dass Sven den üblichen Weg verließ, beim Cafe Hornung in die Manshardtstraße einbog und den Mercedes Richtung Hauptfriedhof Ojendorf steuerte. Als Sven den weißen Offroader an einem dunklen, von großen Bäumen überschatteten Platz am hinteren Ende des Rondells in der Manshardtstraße zum Stehen brachte und den Motor abstellte, war es zu spät für Tilla. Hatte er bisher von Vertrauen, Respekt oder Zuneigung gesprochen, war er jetzt in seinen Erläuterungen über Eigenarten aufkeimender Beziehungen zwischen Jungs und Mädchen »oder soll ich sagen zwischen Männern und Frauen» – ohne sich weiter groß aufzuhalten – bei Liebe und Sex angekommen, schmückte alles immer mehr mit unnötigen Details aus. Zu ihr gebeugt war seine Wortwahl immer deutlicher, immer unmissverständlicher geworden. Seine Hand lag zuerst väterlich auf ihrem Arm, dann weit weniger väterlich auf ihrem Knie, dann auf ihrem nackten Schenkel, den kleinen Finger ein ganz klein wenig unter den Minirock geschoben.

Jetzt erst beschlich Tilla ein Anflug von Furcht. Sie drückte ihren Körper in den Sitz zurück, versuchte, seine Hand wegzuschieben, legte den Kopf zur Seite, sah sich durch die Seitenscheibe nach einer Ausweichmöglichkeit um.

Ihre Nasenflügel begannen zu zittern.

Es war für Sven Prochtler in dieser Situation nicht schwer gewesen, seinen Traum zu erfüllen und sein Ideal zu besitzen. Angeregt von ihrer puren Anwesenheit, aufgestachelt von seinen immer obszöneren Worten und erregt von ihrer wachsenden Furcht, dem aufkeimenden Widerstand und den bebenden Nasenflügeln, hatte er sie ohne große Anstrengung mit festem Griff im Sitz festgehalten, Gesicht und Hals mit feuchten Küssen bedeckt und unter sinnlos romantischem Gebrabbel begrapscht. Schließlich hatte er sie sich »zurechtgelegt», wie er es nannte, was allerdings doch etwas mehr Anstrengung erfordert hatte, weil er sie festhalten musste und weil sie sich nun tatsächlich mit all’ ihrer Kraft zu wehren versuchte.

Aber es hatte sich gelohnt. Er hatte sie zur Frau gemacht. Ihr anfängliches Betteln, er möge aufhören, ihr Weinen und Flehen – all das hatte ihn noch mehr erregt.

Warum nur war dieses Mädchen so undankbar? Es muss doch auch schön für sie gewesen sein. Hatte er sie nicht danach gestreichelt, beruhigt, ihre Tränen weggeküsst und sie mit liebevollen Worten überschüttet? Hatte er sie nicht nach Hause gebracht, statt sie irgendwo in der Pampa aus dem Auto zu stoßen und hatte er nicht während der ganzen Fahrt voller Überzeugung von ihrer Liebe zueinander, ihrem gegenseitigen grenzenlosen Vertrauen und ihrem süßen kleinen Geheimnis gesprochen, das nur sie beide anging, niemanden sonst, und das sie nun auf ewig miteinander verband? Wie neidisch würden die andern große Augen machen, wenn sie erfuhren, dass Tilla jetzt sogar einen eigenen Manager hatte, nämlich ihn, der sie ganz groß rausbringen würde auf der Fußballbühne. Und nicht nur da, er würde auch seine wirklich sehr guten Kontakte in die Model-Szene nutzen. Schließlich sei sein Vater, damals in Blankenese, mit Karl Lagerfeld aufgewachsen und sei mit ihm oft in der Dosenmilchfabrik der Lagerfelds herumgestreut. «Später war dann Karl oft bei uns zu Hause», log er, «er mag mich sehr.» Wenn das nicht das Tor zu glitzernden Model-Welt ist für Tilla, meine große Liebe, was dann?

Viel konnte nicht gefehlt haben, dann wäre seine Strategie aufgegangen, hätte sein Charme und seine hohe Kunst zur manipulierenden Kommunikation die verdienten Früchte gezeigt. Wie viele Stunden sexueller Sternenzeiten wären ihm dann mit Tilla noch vergönnt gewesen, bis sie schließlich erwachsen geworden wäre, vielleicht sogar Erfahrungen mit anderen Männern gemacht hätte und damit für ihn uninteressant geworden wäre.

Aber nein, irgendeine Kleinigkeit in seinem wohl durchdachten «Tilla-Puzzle» hatte nicht ganz gepasst. An einem entscheidenden Punkt reagierte das Mädchen anders, als es Dr. Sven Prochtler geplant hatte.

Er hatte sie also nach Hause gebracht und bis um vier Uhr morgens war wohl alles nach seinem Plan gegangen. Ob Tilla bis dahin geduscht, geweint, geschlafen oder an ihn gedacht hatte, war ihm gleichgültig. «Verdammt noch mal», dachte er immer und immer wieder, «warum musste sie dann zu dieser nachtschlafenden Zeit ihre Mutter wecken, ihr alles brühwarm erzählen? Und die alte Schlampe hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als früh am nächsten Tag gleich zur Polizei zu rennen». Zwei Jahre und sieben Monate unter lauter Idioten und Gehirnamputierten in Fuhlsbüttel hatte ihn das gekostet. Natürlich hatte er seinen Job bei Social-Pharma verloren, hatte seine Wohnung direkt an der Alster aufgeben und seinen geliebten Mercedes zu einem Schleuderpreis verkaufen müssen. Sein ganzes Geld war für Anwalt, Gutachter, Entschädigung und den ganzen Kram draufgegangen.

Den Vorstandsposten im Verein hatte er verloren und natürlich – was er weitaus mehr bedauerte war – auch den Trainerjob bei den Fußball-Mädchen und damit sein Frischfleisch-Reservoire, das sich alljährlich automatisch nachfüllte.

Hasserfüllt und voller Wut drosch er mit aller Kraft auf eine leere Dose Flensburger ein, die ihm im Weg lag. Das Blech flog Richtung Toby, verfehlte ihn aber knapp und rollte scheppernd über die stille, nur schummrig beleuchtete Traunsallee. Der Hund quittierte den Vorfall mit einem dümmlich fragenden Blick und schnüffelte weiter.

Der Mensch an der anderen Seite von Tobys Leine griff unbewusst in die Tasche seines Jacketts, spürte das kühle Metall der Waffe. Und damit drängte sich das Gefühl der Macht in den Vordergrund seines Hirns und dominierte schließlich seine Gefühlswelt, bevor Wut und Hass ihn zu wirklich unüberlegten Handlungen hinreißen konnten – was auch ein großes Glück für Toby war.

Genialität und Überlegenheit waren sein Erfolgsgeheimnis. Selbst nachdem er aus der Nummer mit Tilla nicht mehr ungeschoren herausgekommen war hatte er es dann doch allen gezeigt. Zu dumm, dass er es ihnen nicht auf die Nase binden konnte, wie er sie alle vorgeführt hatte. Nach Strich und Faden. Von Anfang an bis zum Schluss. Die vernehmenden Polizeibeamten, seinen Anwalt Logstett und die Familien- und Jugendpsychologin mit ihren völlig untauglichen Versuchen, jedermann einzureden, ach welch ein Schaden Tilla genommen hätte, seinen Gutachter, der sowieso bereitwillig seine Version bestätigten wollte und den Gutachter der Gegenseite. Er hatte die Richterin vorgeführt, die Beamten in Fuhlsbüttel sowie vor allem und mit besonderem Genuss die Frau, die ihn während seiner Haftzeit therapierend begleiten und in regelmäßigen Abständen eine Sozialprognose über ihn abgeben sollte: Sylvia Bubik-Wichmann, 44 Jahre alt, Diplom mit Auszeichnung, spezialisiert auf «sexuelle Besonderheiten zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen». Schon bei ihrer ersten Begegnung war er überzeugt: «Die Dame bildet sich auf ihre psychotherapeutischen Fähigkeiten weiß Gott was ein».

In diesem Leben aber würde sie es auf keinen Fall mehr schaffen, sich mit ihm auf Augenhöhe zu messen, die Kommunikation mit ihm nach seinen Qualitätsmaßstäben zu führen. Und im nächsten Leben nicht gleich, nur mit viel Glück und vielleicht. Er war überzeugt, wenn er ihr einen Heiratsantrag gemacht hätte, hätte sie nur kurz gezögert und wäre ihm dann mit dem ganzen Schwung, zu dem sie fähig war, um den Hals gefallen. Sven lächelte. Das wäre zwar ein Meisterstück gewesen, aber das hätte ihm gerade noch gefehlt.

Sylvia Bubik-Wichmann war nichts für ihn. Immer wenn er in den Therapiesitzungen ihren schier unablässigen Wortschwall über sich ergehen ließ, ihr zuzuhören vorgab, ab und zu demütig mit dem Kopf nickend ein leises «Ja» oder «natürlich» von sich gab, sah er sie vor seinem geistigen Auge vor sich, wie sie mit den merkwürdigen Stöcken in den Händen nordisch-idiotisch durch das kleine Wäldchen walkte. Neben ihr die Nachbarin, deren Karma aus dem letzten Leben sie dazu verdammt hatte, zweimal die Woche an der Seite von Sylvia Bubik-Wichmann mitzuwalken und zuzuhören, wie die Alte entweder von ihren überwältigenden Therapieerfolgen bei ach so schwierigen Patienten brabbelte – «darunter teilweise ganz schwere Jungs», wie sie nie vergessen würde mit Stolz in der Stimme anzumerken – oder sich über die ach so unübersichtlichen Waschmittelpreise bei Aldi, Lidl und Rewe ausließ.

In den Therapiesitzungen ließ dann der nächste Klick in seinem Kopf nicht lange auf sich warten. Nun walkte die Psychotherapeutin nackt über die Waldwege. Der Körper straff, die Schritte ausladend. Der Po schaukelte aufreizend und die festen, nicht allzu großen Brüste wippten auf eine ganz besonders hinreißende Weise. Der Körper eines Mädchens. Vielleicht 15 Jahre alt, vielleicht 16.

Doch dann schweifte sein geistiges Auge ab, richtete sich auf das Gesicht der nackten Frau mit den Walking-Stöcken, und der Zauber des mädchenhaften Körpers war verschwunden. Zu alt. Zu schlaff. Zu erfahren. Zu verbraucht. «Da ist der Wunsch der Vater des Gedanken» resümierte Sven jedes Mal, schloss den geistigen Bildschirm und richtete wieder seine ganze Aufmerksamkeit auf das richtige Mischungsverhältnis von Demut, Vernunft, Verantwortungsbewusstsein, ein bisschen Reue und aufrichtig erscheinender Therapiefähigkeit im meist einseitigen Gespräch mit der Nordic Walkerin, die züchtig-hochgeschlossen und ein wenig grau, wie er fand, ihm gegenüber saß.

Aber das war nicht wirklich von Bedeutung. Wichtig war allein, dass er sie im Griff hatte. Und das war ihm auf geniale Weise gelungen. Von ihrer ersten Begegnung bis heute. Er wäre in der Einschätzung seiner eigenen Überlegenheit wohl noch mehr bestätigt worden, wenn das überhaupt möglich war, wenn er gewusst hätte, dass Sylvia Bubik-Wichmann tatsächlich eine eifrige Verfechterin der sportlichen Betätigung im Nordic Walking-Stil war.

«Kommunikation ist ein Gesamtkunstwerk», pflegte Dr. Sven Prochtler sich immer wieder zu sagen, «und ich bin die Kommunikation.» Auch jetzt wieder erfreute und stärkte ihn dieser Gedanke.

Der Stachel in seinem genialen Konstrukt war allerdings, dass er es nicht geschafft hatte, die Sache mit Tilla wie geplant als einen von Zärtlichkeit geprägten körperlichen Ausdruck früher, vorsichtiger, aber intensiver Liebe zwischen ihm und Tilla darzustellen. An diesem Punkt war er gescheitert. Leider. Sein Leumund war einwandfrei, keiner traute ihm etwas Ungesetzliches zu, Klockner wollte sogar die Hand für ihn ins Feuer legen – «natürlich auch alle beide Hände», wie der Vorsitzende theatralisch erklärt hatte –, und Tillas Anschuldigungen hätten wahrscheinlich in die Abteilung «maßlos übertriebenes, eifersüchtiges Zickengehabe einer unreifen Göre» geschoben werden können. Aber weil die dumme Kuh nicht ordentlich geduscht hatte, hatten sie sein Sperma in ihr entdeckt und die Tatsache, dass er als Trainer einer B-Jugendmannschaft gewusst haben musste, dass Tilla erst süße 15 Jahre alt war, war sowohl für seinen Anwalt Logstett als auch für den Gutachter der Verteidigung eine Nuss, die nicht zu knacken war. Den Paragraphen 174 in Verbindung mit 223b Strafgesetzbuch hatten sie nicht beiseite schieben können.